Nein, Du wirst natürlich nicht sofort komplett von O. verstossen, nach Deinem eigenmächtigen Friseurbesuch im Herbst 2017. Selbstverständlich wird Dir eine Chance zur Bewährung, zur Korrektur Deines kleinen Fehltritts gewährt. Du bist schliesslich wertvoll, ja, zweifellos wichtig für O. Aber Du wirst enttrohnt, herabgestuft, auf die Plätze verwiesen, von denen Du Dich so mühsam unter Erbringung so vieler Opfer emporgearbeitet hast. Und musst sisyphusmässig von vorne damit beginnen, Dir O.s Anerkennung zurück zu erkämpfen. Musst noch mehr neue, andere, immer noch aufregendere Sex-Toys und Dessous beschaffen und noch sensationeller filmen und fotografieren. Noch öfter nachts wachbleiben um O. mit dem, was Du tagsüber vollbracht hast, zu versorgen. Und selbst dann bleibt immer spürbar in dieser Zeit nach Eurer siebenwöchigen Symbiose: der feine Riss zwischen Euch ist nicht mehr zu kitten. Dein Sturz aus dem Schein von O.s Gnadensonne hat begonnen. Zeitlupenhaft. Schwebend. Unaufhaltsam.

Im November 2017 wird jedoch erst nochmal ganz grosses Tennis gespielt, zwischen Dir und O. Am Vormittag des 4.11. wächst Du über Dein bisheriges pornographisches Selbst hinaus und erschaffst mit dem Mut der Verzeiflung ein Video, auf dem Du in schwarzen Highheels und schwarzer schrittoffener Nylonstrumpfhose vor der Badewanne im ersten Stockwerk Deines Zuhauses hockend einen beachtlichen kleinen See auf die anthrazitfarbigen Badezimmerfliessen pinkelst und dabei mit tiefrot geschminkten Lippen graziös in die Selfie-Kamera Deines Handys lächelst. Danach hast Du für O. eine neue Dimension von Versautheit vulgo Anbetungswürdigkeit erreicht. „Unfassbar dreckige Sexgöttin“. „Geilste aller geilen Schlampen“. „Mega-Nutte“. Das sind die Lobesworte, die er für Dich findet und in immer neue, frei flottierende Piss-and-Pee-Fantasien via Whatsapp einbindet. Ob Du auch life für ihn im Badezimmer auf den Boden pieseln würdest? Im Wiesn-Dirndl? In Jeans? Ob er zuschauen dürfe, wie Du danach putzst?

Ob Du es auch mal im Garten deines Hauses für ihn tun und filmen könntest? Bei Regen? Im Schnee? Oder an irgendeinem öffentlichen Ort? Auf jeden Fall avancierst Du in diesen Tagen von O.s einstmals stoppelhaariger Sträflingsfee zu seiner wunderbaren Wet-Games-Partnerin und von dieser, nachdem Du einen schwarzen, brustfreien und schrittoffenen Langarm-Catsuit mit angenähter, komplett gesichtsverhüllender Balaclava-Haube gekauft und fotografiert hast, zu O.s namenloser Dark Lady und SM-Wonder-Woman, die er am 7.11.2017 sogar persönlich besucht. Nach den üblichen Präliminarien natürlich. Nach umfassender und mehrfach kurzfristig geänderter Abstimmung von Besuchszeit und Ort, nach ausgiebiger Diskussion der Frage Deiner Bekleidung, nach Festlegung des Wie-tief, Wie-heftig, Wie-schnell, Wie-kurz, Wie-demütigend-für-Dich, nach plötzlichem halbstündigem Schweigen und Nicht-mehr-Abrufen Deiner Nachrichten, nach Einfordern von Bildern und Liebesschwüren. Nach alldem, was Du längst kennst.

Was Du tausendmal geliefert und bewiesen hast und glaubtest, nicht noch einmal beweisen zu müssen. Nach alldem macht O. Dir an diesem grauen, kühlen Herbstvormittag seine Aufwartung und beglückt Dich mit einem Date, in dessen Verlauf Du blind und unter dem schwarzen Nylonstoff der Kopfverhüllung um Luft ringend auf dem Bett im Schlafzimmer Deines Hauses hart und heftig von hinten genommen wirst, ehe O. Dir gestattet, Dich auf den Rücken zu drehen und mit seinen kräftigen Händen langsam und konzentriert das dunkle Gewebe über Deinem Gesicht aufreisst damit Du den Rim-Job für ihn machen und Dich dabei ausgeliefert, gottverlassen, mutterseelenallein und bedroht fühlen kannst. Damit Dein Herz sich für Tage genauso zerrissen und zerfetzt anfühlt, wie die fransigen Reste des an Deinem Körper beim hastigen Abschied im Treppenhaus herabhängenden Bondage-Suit. Damit Du O.s Kaputtheit ein weiteres von prinzipiell unendlich vielen Malen in Dir spüren und Dich fragen kannst, wie oft, wie lange Du es noch packst.

Damit. Damit. Damit. Jedoch. Bevor die Beziehung zwischen O. und Dir ab Januar 2018 ihren unweigerlichen, nicht aufzuhaltenden Niedergang durchmacht, wird auch Eure Vorweihnachtszeit im Jahr 2017 nochmal wunderschön. Du gibst erneut alles, läufst zu ganz grosser Hochform auf, um nach einem wilden Frühmorgen-Chat am 29.11. O.s neueste, bisher für ihn ganz untypische Sehnsucht nach Erotik in Steampunk-Fashion und Vintage-Style zu bedienen. Schnörkel. Spitzen. Volants. Rüschen. Kompliziert gewundener Tinneff. Bling Bling. Kurz, alles, was bisher ein No Go war, das Gegenteil der sonst stets geforderten klaren Linien und monochromen Farben möchte er plötzlich an Dir sehen. Über Stunden hinweg wird Dein Handy mit Links und Bildern von bestickten Corsagen und Schnürkorsetts zugespamt, nachdem O. offensichtlich die ganze Nacht über vor seinem PC in schräger, düsterer Gothic-Romantik schwelgte. „Bestell alles!“ schreibt er. „Du bist dafür geschaffen. Ich will das du für immer meine Zofe bist!!!!“

Es wird Deine, ja vielleicht sogar der Welt grösste obsessive Online-Order ever. Stunden-, Tage-, Wochenlang bist Du damit beschäftigt, O.s Einkaufslisten abzuarbeiten, indem Du wieder und wieder Deine Taillenweite und Deinen Brustumfang in Inchgrössen umrechnest, Stoffornamente und Farbschattierungen abgleichst, Paketzustellungen online verfolgst, Sendungen auf der Strasse abfängst, bestickte Bustiers, pailettenbesetzte Mieder, romantische Schnürleibchen, sündige Hüftgürtel aus schwarzem und rotem Kunstleder auspackst, stapelst, versteckst, heimlich hervorholst, betastest, betrachtest, den Umgang mit Häkchen und Ösen einübst, Schnallen und Kordeln festzurrst, Jeans, Pumps, Blusen, Glitzerschals und Tops dazu anprobierst und natürlich Bilder, Bilder und noch mehr Bilder davon machst. Manches muss umgetauscht, zurückgeschickt oder nachreklamiert werden, weil es den Erwartungen Deines Meisters nicht völlig entspricht. Insgesamt aber erlebt Ihr zusammen eine opulente, rauschhafte Zeit.

Dass all das Wundervolle, was Du für ihn und Dich orderst auch Geld kostet, und zwar viel Geld, welches Du eigentlich gar nicht hast, ist O. grundsätzlich klar. Wieder und wieder verlangt er von dir eine exakte Kostenaufstellung all dessen, was Du angeschafft und bezahlt hast und verspricht vollmundig, Dich generös abzufinden, für sämtliche Deiner Risiken und Mühen. „Du bist jeden Euro wert!“ schreibt er am 3.12.2017. „So lange du so tolle Bilder für mich machst beschenke ich dich gerne! Bitte rechne genau aus wie viel ich dir schuldig bin! Dann komm ich morgen und geb dir das Geld!“ MORGEN jedoch vergeht. Ausbezahlt wirst Du nicht. Weder zum ersten, noch zum zweiten, noch zum dritten Advent. Stattdessen spielt O. mit Deinen Hoffnungen und Deiner Bedürftigkeit, ganz so, wie er es schon immer tat. Mal verspricht er, eine Geld-Depeche nachts in Deinem Briefkasten zu deponieren. Mal sollst Du bei Dunkelheit zur Parkbank kommen um Dir den Nuttenschotter abzuholen. Selbstverständlich unterm Mantel nackt.

Jede der aufwändig, oft über mehrere Tage hinweg geplanten Geldübergaben scheitert kurzfristig an der banalen Alltagsrealität. „Verschlafen“/“vor lauter Faulsein gestern nicht mehr auf die Bank gekommen“/“Konnte Lolo nicht allein lassen“ schreibt O., während Du auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken für Deinen Mann und Deinen Sohn durch die Stadt hetzst. „Wenn es sehr dringend ist geb ich es dir über den Zaun“. Zuletzt, am 18.12., weist O. Dich an, ein 500.-Euro-Kuvert zwischen 24h und 1h nachts aus dem Edelstahlbriefkasten vor SEINEM Haus zu holen. Unter Einhaltung komplizierter Vorsichtsmassnahmen natürlich. Ganz leise. Ganz schnell. Ganz gleich wieder weg. Du nimmst die heikle Aufgabenstellung ernst. Erfüllst alle Vorgaben perfekt. Preschst gegen Mitternacht in schwarzer Sportkleidung und mit abgeschaltetem Fahrradlicht zu O.s Anwesen. Schleichst Dich schattengleich an, schiebst Deine Hand durchs Gestänge der Gartentür, öffnest vollkommen geräuschlos den Postkasten und ziehst die Penunzentüte heraus.

Atmest kurz durch und machst Dich dann unverzüglich wieder fort aus der kritischen Zone rund um das Domizil Deines Beherrschers, bis hin zur Parkbank, dem heimlichen Aussenpunkt seines Einflussgebiets. „War grade da!“ tippst Du brav in dein Handy, nachdem Dein Stresshormonrausch etwas abgeklungen ist. „Geld gefunden. Vielen vielen Dank! Jetzt kann ich dem Kleinen noch was zu Weihnachten kaufen!“ Im festen Glauben alles richtig gemacht zun haben, schickst Du Dich an, aufs Rad zu steigen um nach Hause zu fahren. Allein. Dein Meister ist alles andere als zufrieden mit Dir. „Du spinnst doch!!! Die Lolo sitzt noch im Büro!!!“ wettert es durchs Telefon. „Sie hätte dich sehen können!!!! Du hast echt nen Schlag!!!“ – „Es war doch Deine Idee dass ich das machen soll!“ versuchst Du einzuwenden, während Du fühlst, dass in deinem Inneren nun endgültig etwas reisst oder bricht. „Du hättest das Geld mir auch überweisen oder sonst iwie geben können!“ Jedoch. Argumenten mit Realitätsbezug ist Dein Meister nicht zugänglich.

Objektive Gerechtigkeit kommt in seiner Welt nicht vor. SEINE Wahrnehmung SEINES Wohlergehens ist das Einzige was zählt. Sieht er diese gefährdet, greift er zum schärfsten, zum tödlichsten Schwert seines narzisstischen Arsenals: Kontaktabbruch. Gefühlsentzug. Verdammnis. „Ursula halt dich die nächsten Wochen mal still!!!“ schreibt O., während Du schockstarr neben Deinem Fahrrad in der Kälte stehst und Deine Schläfen vor Stress, Scham und Enttäuschung pochen. „Ich will jetzt nichts mehr von dir hören!!!! Du bist ja komplett ausser Kontrolle geraten!!!!! Weisst du eigentlich was los gewesen wäre, wenn die Lolo dich gesehen hätte? Das Risiko wird mir zu gross mit dir!! Was du gerade gemacht hast war einfach unglaublich dumm von dir! Ich kann jetzt die nächste Zeit keinen Kontakt zu dir haben!!! Schick alles was du bestellt hast zurück!!! Das Geld kannst du behalten! Und jetzt lass mich in Ruhe!!!! Nie fühlte sich der Boden unter Deinen Füssen weggezogener an, als in diesem Moment. Volltraumatisiert fährst Du nach Hause. Am nächsten Tag beginnst Du damit, Korsetts und Corsagen für den Rückversand fertig zu machen. Und weisst: das Vorweihnachtsmärchen 2017, es ist vorbei …