Donnerstag, 27.11.2014 Erschöpft, aber glücklich, wie nach der Rückkehr aus fernen, unerschlossenen Klimazonen meldest Du Dich bei Deinen Freunden. Tagelang haben sie nichts von Dir gehört. Nun sind sie froh zu erfahren daß es Dir gut geht. Und beeindruckt von dem, was Du in den Nächten Deiner Online-Recherchen alles entdeckt und erlebt hast. Sie loben die Beharrlichkeit und Konsequenz Deines Vorgehens. Finden Dich tapfer. Mutig. Smart und cool. Sie teilen Deine Gefühle beim Blick auf die Traueranzeige für O.s Mutter. Und erahnen, nicht weniger als Du, das Gebrochene, Umdüsterte seiner Existenz. Die Bürde seines Aufwachsens in einer wahrscheinlich beschädigten Familie. Ihre anerkennenden Worte für Dich verbinden Deine Freunde aber auch mit der Hoffnung, daß Du nun loslassen kannst von O., jetzt, wo Du Grundlegenderes über ihn weißt. Sie wünschen Dir, daß Du den Blick von O.s Fatum lösen und nach vorne schauen kannst. Bald. Du gibst ihnen recht. Jedoch, Du hast nicht wirklich vor, O.s Schattenreich zu verlassen.

Freitag, 28.11.2014 Fürs Erste blickst Du einem freien, aufregenden Wochenende entgegen. Dein Mann fliegt für drei Tage nach London und Dein Sohn geht auf Konzertreise. Du selber bist eingeladen zu einem Tanzfest, das ehemalige Schulfreunde von Dir halbjährlich in einem Jugendhaus am Rande der Stadt veranstalten. Du freust Dich sehr darauf, unbelastet feiern zu können, zusammen mit Menschen die Dich mögen und die Du seit langem kennst. Du willst aber, falls möglich, auch die Chance nutzen und O. treffen. Tagsüber, vielleicht. Oder nachts? 17h. Du schreibst ihm. Und er antwortet: „Das ist ja geil, Babe! Dann machen wir gleich heute nacht ne Nummer im Auto! Wo wohnst Du nochmal genau? Schick mir Deine Adresse, dann hol ich Dich morgen früh ab!!“ Hey, gut drauf heute, denkst Du, während Du O. Deine Hausnummer und Straße mitteilst. „Danke, Babe!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!“ – „Ich zieh dann Strümpfe und Highheels an, ok?“ schreibst Du. „Tu das, meine geile Schlampe!“ antwortet O.

Samstag, 29.11.2014, 2.30h. Du kommst zu Dir, nach einem kurzen, oberflächlichen Schlaf und besinnst Dich auf Dein bevorstehendes Date mit O. Willst aufstehen und im Halbdunkel schon mal nach Deinen Highheels und den halterlosen Strümpfen suchen, um im richtigen Moment bereit zu sein, für ihn. Da piept Dein Handy. „Guten Morgen, Kleine!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du. „Ich kann mich leider jetzt nicht mit Dir treffen!“ schreibt O. „Ich dachte ich wäre schon wieder so weit!! Aber es geht mir noch alles so nahe wegen meiner Ma!!!“ – „Das verstehe ich!“ antwortest Du. „Ich war jetzt ganz oft zusammen mit meinen Brüdern in dem Dorf wo ich aufgewachsen bin!!!“ schreibt O. „Und das muß ich erst noch verkraften!!! Du bist mir hoffentlich nicht böse!“ – „Überhaupt nicht!“ antwortest Du und kuschelst Dich wieder in den Kissen zurecht. Du hoffst, noch ein wenig mehr zu erfahren, über das kleine Dorf und O.s Brüder, und das, was dort alles so schwer zu bewältigen ist. Aber O. schreibt nicht mehr zurück.

Du sinkst zurück in den Halbschlummer. O.s Brüder, wie mögen sie wohl aussehen, denkst Du traumverloren. Und das kleine Dorf? Du könntest im Sommer mit dem Fahrrad hinfahren, denkst Du. Eine Tagestour wäre es wohl. Dann könntest Du sie kennenlernen, O.s Kindheitssphäre. Du träumst von Ahornbäumen, Getreidefeldern und einem wilden kleinen Jungen mit zerzaustem Haar. 6.15h. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. „Grts Dir besser?“ tippst Du mit verklebten Augen. „Leider nicht!“ schreibt O. „Aber ich hab eine starke Tablette genommen. Dadurch konnte ich ein bisschen schlafen.“ O.s Ausgesetztheit rührt Dich. Im Nebel Deines unwachen Zustands suchst Du angestrengt nach ein paar Worten der Fürsorge. Aber bevor Du sie ins Handy tippen kannst, schreibt O. erneut. Vollkommen verändert. Ausgetauscht. Nicht mehr haltsuchend und bedürftig. Sondern feindselig. Heimtückisch. Auftrumpfend und manipulativ. Seine Sexbesessenheit erhebt ihr basiliskenhaftes Haupt. Und haucht Dich lähmend an.

„Jetzt sei mal ehrlich, Du Schlampe!!“ schreibt O. „Es kommt nachher bestimmt gleich ein Ficker zu Dir wenn Du allein zu Hause bist!!“ – „Nein“ antwortest Du, überrumpelt von der 180-Grad-Wendung im Chatverlauf. „Dann könnte ich ja kommen, oder?“ schreibt O. „Sehr gern!“ antwortest Du. „Ich würde aber nicht besonders zärtlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Warum nicht?“ tippst Du, Unheilvolles ahnend. „Mal angenommen ich würde Dich vergewaltigen“ schreibt O., „würdest Du mich anzeigen?“ – „Vergewaltigen? Anzeigen? Warum???“ schreibst Du panisch. „Weil ich Lust dazu habe!!!“ schreibt O. „Ich will Dich anal vergewaltigen!! Also. Zeigst Du mich danach an?“ – „Das kann ich doch gar nicht wenn ich Deinen Nachnamen nicht weiß!“ pokerst Du. „Könntest ja gegen unbekannt!“ kontert O. „Und außerdem könntest Du mich ja beschreiben!“ – „Ja“ antwortest Du. „Aber ich hoffe, daß Du mir niemals Grund gibst all das zu tun!“ – „Gut!!“ schreibt O. „Dann komm ich nachher zu Dir!!! Mach Dich auf eine harte Nummer gefaßt!!!“

Für ein paar Sekunden sitzst Du geschockt in Deinem Bett. Denkst an O.s bleichen, fast vollkommen haarlosen Körper und stellst Dir Deine hilflosen Versuche vor, ihn Polizeipsychologen und Vernehmungsbeamten adäquat zu beschreiben. Daß Du O.s Familiennamen seit kurzer Zeit kennst, ändert eigenartigerweise nichts an deinem Ohnmachtsgefühl. Im Gegenteil. Du spürst nur umso deutlicher, wie weit entfernt vom Rande des Normalen, Nachvollziehbaren sich Eure Beziehung längst bewegt. Wie tief Du selbst in eine Sphäre abgetaucht bist, in der bürgerliche Namen und Gesetze keine Relevanz besitzen. In der nur Eines zählt: das schillernde Herrschaftsprinzip der katzenhaften Eingebungen von O. Du bereust heftigst, ihm Deine Wohnadresse anvertraut zu haben. Dann aber nimmst Du Dich zusammen. Stehst auf, schüttelst Deine Bettdecke zurecht, gehst mit robotischen Bewegungen hinunter in die Küche und machst Tee. Ich muß aufräumen, bevor er kommt, denkst Du. Die äußere Ordnung aufrecht erhalten, so gut es geht. Da piept Dein Handy.

„Ich komm nicht rechtzeitig von zu Hause weg!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, mit unkontrolliert zitternden Händen. „Vielleicht ganz gut so“ kannst Du Dir nicht verkneifen hinterher zu schicken, nachdem Du kurz durchgeatmet hast. „Eines Tages mache ich es auf jeden Fall!!!“ schreibt O. „Aber Du, Schlampe, biete mir nie wieder etwas an was Du dann doch nicht willst!! Sonst muß ich Dich bestrafen!!!“ – „Ich hab Dir ganz sicher nie angeboten mich anal zu vergewaltigen!“ antwortest Du empört. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Im Laufe des Nachmittags wirst Du sehr sehr müde. Du rollst Dich unter mehreren Wollplaids auf der Wohnzimmercouch zusammen und schläfst tief und traumlos für einige Stunden. Als Du wach wirst ist es bereits dunkel. Auf Deinem Handy sind mehrere Sms von Freunden die fragen, wann Du zum Tanzfest kommst. Eigentlich willst Du niemanden sehen. Fühlst Dich viel zu erschöpft und zu ausgelaugt um eine weitere Nacht zum Tage zu machen. Dann aber raffst Du Dich doch noch auf.

21.30h. Frisch geduscht stehst Du vor dem Badezimmerspiegel. Schminkst Dich ein bisschen. Deine Haare sind wieder ganz kurz geschnitten worden, vor wenigen Tagen. Und Du hast ein neues Empire-Top. Indigoblau, mit Streublümchenmuster und Spaghettiträgern. Es läßt den halben Rücken frei, so daß fast alle Deine Tattoos gut zu sehen sind. Mal schauen was passiert, denkst Du, während Du in Jeans und Parka schlüpfst und noch schnell ein paar Brennholzscheite für das geplante Lagerfeuer in Dein Fahrradkörbchen legst. Es ist eine trockene, sternklare Nacht. Erwartung liegt in der Luft. Du fährst los. Vor dem Jugendhaus werden bereits Flammen entfacht als Du ankommst. Drinnen wird ekstatisch getanzt. Der DJ mixt Alternative Rock mit Kult-Schlagern und Dancefloor-Sirtakis. Du wirst begrüßt, umarmt, mit Prosecco versorgt, auf die Tanzfläche gezogen. „Atemlos durch die Nacht“ singst Du, zusammen mit den Anderen. Dein Freund, der Suchtberater, winkt Dir im Trubel zu. Alles ist gut.

Kurz vor Mitternacht gehst Du ins Freie. Schaust in den Sternenhimmel. Denkst an O. Nimmst Dein Handy und schreibst: „Was machst Du gerade?“ – „Ich versuche zu schlafen. Warum?“ antwortet er. „Ich bin heute nacht auf einem Tanzfest“ schreibst Du. „Und wenn ich später heimfahre könnten wir uns treffen.“ – „Lieb von Dir“ antwortet O. „Aber wenn Du so verschwitzt bist will ich es nicht mit Dir machen!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann hab eine Gute Nacht!“ – „Du auch“ antwortet O. Du gehst wieder nach innen und holst Dir noch ein Glas Prosecco. Fühlst Dich ein wenig verloren, plötzlich. Ich sollte bald gehen, denkst Du. Da kommt aus dem Getümmel der Tanzfläche jemand auf Dich zu, nimmt Dich an der Hand und zieht Dich hinter sich her. Ein schmaler, unauffälliger Mann mit Brille, kaum größer als Du. Er ist begeistert von Dir. Deiner Art Dich zu bewegen. Deinen Tattoos. Ihr tanzt lange. In den Morgenstunden begleitet er Dich zu Deinem Fahrrad und Du gibst ihm Deine Handynummer. So endet Dein freies Wochenende.

 

tb_logos__light_horizontal

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin