Am Samstagmorgen nach dem neuerlichen Triangulierungs-Fiasko mit O. bittest Du Deinen Mann und Deinen Sohn, die Hecke in Eurem Garten zu Ende zu schneiden. Es wird eine entspannte Zeit zu dritt inmitten von Euren Laubsäcken und Büschen. Ganz ohne Kampfmontur oder Spezialausrüstung. Einfach nur in Jeans und T-Shirt. Mit Eurer schlichten, mittelklassigen Familienheckenschere. Schafft Ihr es in knapp zwei Stunden, das stehengelassene Werk O.s zu vollenden – mal abgesehen davon, dass Dein Sohn sich am Ende bei dem Versuch die monströse Leiter zu entsperren, ziemlich schmerzhaft die Finger klemmt. Und während Du ihm im Badezimmer die Hände kühlst, bäumt sich in Deinem Inneren etwas auf. Du spürst: Deine Seele wehrt sich. Wehrt sich mit wachsender Vehemenz. Gegen die Totalvereinnahmung Deines Lebens durch O. Seine Themen. Seinen Style. Gegen das Geflutetwerden mit ekligen Bildern, abseitigen Gedanken, unangenehmen Phantasien. Gegen das Triggern. Das Baggern. Das Hoovern. Gegen ALLES.

„Könntest Du bitte bald Deine Leiter hier wegholen?“ schreibst Du am Sonntag den 23.10.16 abends um 21.23h. Mit wut-bebenden Fingern. Empört. Genervt. Zermürbt. Denn O. ist seit gefühlt drei Stunden dauer-online. Selbstverständlich OHNE sich mal bei DIR zu melden. Deine mühsam gewahrte Selbstbeherrschung wird pulverisiert. „Wann? Sag mir WANN holst Du das Ding aus meinem Garten raus? WANN? WANN? WANN?“ – „Was soll denn dieses Theater?“ antwortet O. nach 30 Minuten. „Ich hol sie halt dann wenn ich den Garten fertig mach!“ – „Haha“ tippst Du. „Das haben mein Mann und mein Sohn bereits gestern für Dich erledigt! Und jetzt trag bitte Dein hässliches Gerät hier weg!“ – „Ach so?“ tippt O. zurück und Du spürst, dass er plötzlich mindestens doppelt so wütend ist wie Du selbst. „Und das sagst du mir erst jetzt? Diese Spielchen sind wirklich das Allerletzte!!! Na warte!!! Nächste Woche komm ich und dann!!!“ – „Was dann?“ tippst Du. „Dann kannst was erleben!“ antwortet O. Und diesmal hält er Wort.

O.s Ahndung Deiner Missetaten. Seine Strafe für Dein verbales Aufbegehren und für Dein eigenmächtiges Handeln in dem Garten den er als SEIN Hoheitsgebiet betrachtet. Sie sendet Dich auf einen langen, schlechten Trip. Durchs Gruselkabinett der berüchtigten Spielarten narzisstischer Wut. „Guten Morgen Ursula“ schreibt er am 24.10.2016 um 6.08h nach tagelangem Schweigen. „Kannst du heute die Leiter alleine durchs Haus tragen so das sie schon vor eurer Haustür steht?“ – „Warum soll ich das machen?“ schreibst Du zurück. „Damit ich nicht in euer Haus muss wenn ich komme um sie abzuholen“ antwortet O. „Was wäre daran so schlimm?“ fragst Du. „Kannst du es machen oder nicht?“schreibt O. „Ich weiss nicht wie ich sie zusammenklappen soll“ antwortest Du. „Schade. Dann bis nachher um 11“ schreibt O. „Soll ich was Bestimmtes anziehen?“fragst Du. „Ich will keinen Sex!“ schreibt O. „Ich will dich nicht anfassen!!! Vor allem will ich kein Wort mit dir reden!!!! Am Liebsten würde ich dich gar nicht sehen!!!“

Du schluckst. „Und daran bist du selbst schuld!!!“ schreibt O. weiter. „Mit deinen ewigen Ausrastern machst du alles kaputt!!! Du weisst das ich seit der Krankheit von der Lolo sehr viel um die Ohren habe!!! Noch dazu wo ihre Familie sich von ihr abgewendet hat! Was glaubst du wie – ganz ehrlich – scheissegal und nichtig mir da dein Garten ist?“ Du starrst aufs Handy. Beschämt. Vernichtet. Fassungslos. Suchst nach irgendeiner sinnvollen Erwiderung auf O.s bizarre Suada. Umsonst. Es gibt keine. „Jetzt möchte ich erstmal in Ruhe gelassen werden“ doziert O. Munter fürbass durchs Universum der Omnipotenz. „Ich habe einfach keine Lust und keine Nerven mehr für deinen Scheiß!!! Und egal wie ich mich dir gegenüber verhalte – du brauchst dich nicht so aufzuführen!!! Du bist erwachsen! Wir beide haben Partner!!!! Es geht dich nichts an was ich mache!!! Ich habe keine Verantwortung dir gegenüber! Kapierst du das nicht? Ich kann machen was ich will! Ich bin dein Herr und Meister!!! Da denk jetzt mal drüber nach!!!!“

„Ok. Das mache ich!“ antwortest Du und fühlst weit weg von irgendwoher ein winziges Restchen Deines ursprünglichen Willens zur Selbstbehauptung wiederkehren. „Ist es dir recht wenn ich unseren Kontakt auf Whatsapp blockiere sobald du die Leiter abgeholt hast?“ Du spürst eine Art kleinen Schock auf der anderen Seite Deines Smartphones. Es dauert einige Sekunden bis O. antwortet. „Bist momentan eigentlich geil?“ schreibt er dann. „Nur ein sehr kleines bisschen“ antwortest Du. „Was würdest du anziehen wenn ich komme?“ fragt O. „Jeans, Highheels und ein durchsichtiges schwarzes Langarmshirt?“ schreibst Du. „Darüber meinen weiten Strickpulli so dass Du entscheiden kannst ob Du das Shirt sehen willst oder nicht?“ – „Hört sich nicht gut an!“ antwortet O. „Mach neuen Vorschlag!“ – „Brustfreier Catsuit zur Jeans?“ schreibst Du. „Andere Vorschläge!“ antwortet O. „Schwarzes Kleid ohne Schuhe und ich komm barfuss mit raus wenn Du die Leiter zusammenklappst?“ schreibst Du. „Auch nicht“ antwortet O.

„Was dann?“ schreibst Du. „Schrittoffene schwarze Strumpfhose und sonst nichts?“ – „Auch nicht“ antwortet O., nun wieder vollends Herr der Lage. „Am besten vielleicht wenn du die Tür öffnest und dann nach oben gehst damit wir uns nicht begegnen. Ich hole die Leiter und bin gleich wieder weg ohne das wir uns begegnet sind“ – „Ok dann machen wir es so“ schreibst Du und siehst eine berstende Felsenküste vor Deinem inneren Auge ins Meer brechen. „Wie wäre es dir am Liebsten?“ fragt O. „Ich würde Dir gerne helfen die Leiter zusammen zu klappen und Dir die Türen aufhalten damit Du sie gut raustragen kannst“ antwortest Du. „Ich hab sie gerade schon trocken gewischt und vor die Terrassentür hingestellt damit Du sie gleich nehmen kannst. Ich ziehe Jeans und meinen weissen leicht durchsichtigen Pulli an. Ich würde Dich gerne ganz kurz sehen. Aber ich sage kein Wort und Du musst mich auch nicht berühren“ – „Meinetwegen“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Ich bin in ca einer halben Stunde da!!!“

Deine Hände zittern als Du das Smartphone beiseite legst und ins Badezimmer spurtest um Dich zu duschen. „Es MUSS das Ende jetzt sein“ denkst Du immer wieder, während das heisse Wasser an Dir herabrinnt. „Das absolute Ende“. Du schaffst es mit Mühe und Not in die avisierten Kleider zu schlüpfen und – man weiss ja nie – im Wohnzimmer ein Paar schwarzer Highheels zu deponieren. Unauffällig. Hinter den Leinenstores. Da klingelt es schon an der Haustür. Im O.-Ton. Unüberhörbar. Als Du öffnest, wird Dein Blick von O.s extravagantem, auf schräge Weise sexy und gleichzeitig abweisend-streng wirkenden Trachten-Outfit gebannt. Er trägt eine cognacfarbige, culotte-artig geschnittene Breitcordhose, deren traditioneller Hirschhornknopf-Latz seinen Genitalbereich schon fast marktschreierisch-auffällig betont. Und einen weiten, lodengrünen Fleecepulli mit Eichenlaub-Stickerei unterhalb des hohen Kordelzugkragens. Seine Omar-Sharif-Augen starren Dich vollkommen leer und ausdruckslos an. Dein Herz sinkt.

Mit Mühe unterdrückst Du den Reflex, Dich O. an den Hals zu werfen. Unter Aufbietung all Deiner Energie gelingt es Dir, seinem Blick standzuhalten, wortlos beiseite zu treten und ihm den Weg zur Terrassentür freizumachen. Nachdem er schweren Schrittes in seinen Trekkingboots an Dir vorbei gestiefelt ist, kauerst Du Dich in Hockstellung auf die unterste Stufe der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses und schaust von dort dabei zu, wie O. draußen seine Leiter entsperrt und zusammenklappt. Hochkonzentriert. Völlig bei SICH. Du bemerkst, dass er leise vor sich hin flucht. „Komm her du Sau“ hörst Du ihn zu seiner Leiter sagen, bevor er sie zwischen den Sprossen durchgreifend, schultert und mit aufeinander mahlenden Backenknochen und soldatischer Miene aus Deinem Haus trägt. Während Du schattengleich dastehst und ihm die einzelnen Türen aufhältst. Den SUV hat O. direkt vor Deinem Haus auf dem Gehsteig geparkt. Und während er die Leiter verlädt, beginnt in Deinem Inneren etwas zu schreien.

Du willst brüllen, rufen. O. nachstürzen. Hinterher rennen. Die Fahrertür des Wagens aufreissen, die er soeben zuzieht. Dich anklammern. Festhalten. Mitschleifen lassen. Und dergleichen wahnwitziger Dinge mehr. Jedoch. Du WEISST, dass nichts von dem etwas nützen sondern alles nur schlimmer machen würde. KANNST wahrnehmen, dass dies der Irrsinn von O. selbst und nicht Dein eigener ist, den Du stellvertretend für ihn ausleben würdest. Und so umfasst Du mit Deinem linken Arm fest die Zarge Deiner Haustüre, während O. in seiner metallicbraunen Staatskarosse langsam und gravitätisch vom Gehsteig vor Deinem Haus weg rollt. Schaust ihm nach. Und fühlst plötzlich einen ungeheuren Lachzwang aus Deinem Inneren nach oben steigen. Du erkennst die Absurdität, die bizarre Komik dieser Szenerie. Gehst ins Haus. Kniest Dich auf den Gabeh-Teppich. Lachst laut. Lange. Total hysterisch. Dann rappelst Du Dich hoch. Greifst dein Handy während Lachtränen von deinem Gesicht tropfen. Und blockst O. auf Whatsapp.

Im gleichen Moment überkommt Dich schlagartig ein Zustand vollkommener Ruhe. Du atmest auf. Fühlst, wie gut es Dir tut, NICHT von O. „rangenommen“, „durchgefickt“, sprich: sexuell behelligt worden zu sein. NICHT seine Fingerabdrücke, seine Schmerzspuren irgendwo auf Deinem Körper zu fühlen. Und seine dunkle Energie in Dir. Du kannst einfach aufstehen, Deine Augen trockentüpfeln, Dich umziehen und Deine Sporttasche packen. Fürs Fitnessstudio, wo Du lange und ausgiebig trainierst und es geniesst, Dich leicht, frei und unerschüttert zu fühlen. „Schön“ denkst Du, während Du Dich auf der Klimmzugstation in die Höhe ziehst. „Irgendwie schön, so ohne O.“ Am Nachmittag nimmst Du Dir viel Zeit, um Ordnung zu machen im Haus. Vom Balkon aus schaust Du hinunter in den Garten, der um Einiges grösser und lichter wirkt, seitdem O.s Leiter nicht mehr darin dräut. „Schön“ denkst Du wieder. Da piept Dein Handy mit einem melodischen, lang nicht mehr gehörten Ton. „Charming bell“. Der sms-Ton von O.