„Turquoise“ by Quinton Hoover

Mittwoch, 18.3.2015, 6 Uhr 27. Es ist der Anfang eines klaren, verheißungsvollen Vorfrühlingstages. Die Morgensonne dringt durch die Ritzen der noch halb heruntergelassenen Rollos in Deinem Wohnzimmer. Du selbst kauerst noch immer auf dem Gabeh-Teppich. Übernächtigt. Lichtscheu. Ausgefroren. Denn es ist auch das Ende jener langen Nacht, in der Du auf schonungslose Weise erfuhrst was Du schon lange ahntest: nämlich, nur eine von Vielen zu sein für O. Eine von Vielen, die sehnsüchtig schreibt. Eine von Vielen, die Bilder macht. Eine von Vielen, die Highheels kauft und Netzstrumpfhosen hortet. Eine Wegwerf-Dame. Eine Spielzeug-Frau. Und zwar, so schrieb er jedenfalls, die Letzte, die Unwichtigste auf seiner langen Liste. Nach irgendeiner Asiatin. Nach einer Allerwelts-Lady in bordeauxrotem Catsuit. Nach einer Anonyma mit üppigem Dekoltée. Nach vielen, vielen anderen, Unbekannten. Kommt lange nichts. Und dann erst Du. Oder? „Bitte“ schreibt O. nämlich erneut. „Lass mich Dich besuchen!!! Ich muß Dich sehen!!!“

„Warum so eilig?“ tippst Du voller Ingrimm, während der Duft von Kaffee und die gedämpften Stimmen von Deinem Mann und Deinem Sohn aus der Küche zu Dir dringen. Wie aus einer fernen Welt, von weit, weit her. Wie die Erinnerung an eine lang vergessene Zeit, in der Du Croissants zum Frühstück hattest, und geregelte Schlafzeiten. „Ich bin die letzte in Deinem Katalog von tausend Frauen“ tippst Du weiter. „Vergiß mich doch einfach!“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Was, nein?“ schreibst Du zurück. „Ich kann keine schwarzen Strümpfe mehr für Dich anziehen und mir die Nägel lackieren und all das. Es geht nicht mehr. Es ist vorbei!“ – „Ich komme heute vormittags!!!“ schreibt O. „Ich muß Dich sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du nach einer kurzen Besinnung. „10, halb 11h wäre eine gute Zeit. Aber ich kann keinen Sex mit Dir machen! Und ich weiß auch nicht ob ich es schaffe Dir die Türe aufzumachen.“ – „Du willst mich eigentlich nicht sehen, oder?“ fragt O., unerwartet einfühlsam. „Doch. Schon.“ antwortest Du.

„Aber dann?“ schreibt O. fiebrig. „Du willst mich nur sehen, nicht berührt werden, oder?“ – „Doch. Du kannst mich auch berühren“ antwortest Du und fühlst Dich dabei unendlich müde. „Wo, Babe?“ fragt O. „Schreib es mir! Wo darf ich Dich berühren? Darf ich Dich küssen wenn ich hereinkomme?“ – „Ja“ antwortest Du, aufsteigende Tränen tapfer niederkämpfend. „Das wünsche ich mir doch schon so lange!“ – „Und darf ich dann auch Deine schönen Brüste berühren?“ drängt O. weiter. „Gleich im Flur?“ – „Meinetwegen“ antwortest Du. „Aber Sex willst Du keinen mit mir haben, oder?“ fragt O. „Ich glaube nicht daß ich das kann“ antwortest Du, total erschöpft. „Oh doch, Babe!!! Ich weiß das Du das kannst!!!!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Denn Du bist eine Schlampe die es braucht!!! Und deshalb gehst Du jetzt dann auch ins Schlafzimmer und machst für mich ein MUSCHIFOTO!!! Wenn Du das gemacht hast dann besuche ich Dich und spritz Dich voll!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Lass mich kurz duschen. Dann probier ich es.“

Nachdem Du mit leeren Gesten Deinen Mann und Deinen Sohn verabschiedet und im Haus ein wenig Ordnung gemacht hast, gehst Du mit bleischweren Füßen hinauf ins Badezimmer und versuchst, Dir unter der Dusche den Stress und die Demütigungen der vergangenen Nacht vom Körper zu waschen. Durch das Herabrauschen des warmen Wassers hindurch kannst Du jedoch hören, daß O. permanent simst. Es geht nicht anders. Du mußt Dein Waschritual unterbrechen. „Komm schon!!!“ – „Mach Baby!!!“ – „Wo bleibt das Bild!!!“ – „Schick endlich das  MUSCHIFOTO!!!“ liest Du triefnass im Badezimmer stehend, während Reste von Shampoo aus Deinen Haaren in Deine Augen rinnen und aufs Handydisplay tropfen. Du versuchst nicht in Hektik zu verfallen. Und dennoch rubbelst Du Dich hastig trocken, ziehst eilig schwarze, halterlose Strümpfe und Highheels an und machst Dir noch schnell ein Statement-Collier mit großen, glitzernden Fake-Türkis-Steinen um den Hals. Dann wirfst Du Dich im Schlafzimmer aufs Bett und schaltest die Selfie-Kamera ein.

Deine Energie reicht für genau fünf Bilder. Drei von Deinem Körper, der seltsam steif auf dem Oberbett liegt, die bestrumpften Beine unbeholfen von sich streckend. Und zwei von Deinem Gesicht, das blass und blicklos über den schillernden Glastürkisen an Deinem Hals in eine imaginäre Weite starrt. Erotisch geht anders, denkst Du und zögerst sie an O. zu senden. Selbst jetzt, im Moment Deiner tiefsten Getroffenheit, willst Du ihn nicht enttäuschen. Dann aber glaubst Du plötzlich zu spüren daß es vielleicht genau das ist, was O. sehen möchte: den Schmerz, den er Dir zugefügt hat. Dein Angeschlagensein. Und schickst die Bilder kommentarlos ab. Sie scheinen zunächst im Nebel zu verschwinden. O. schreibt nicht zurück. Und auch nachdem Du eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone in der Hand auf Deinem Bett sitzend vor Dich hingeschaut hast, sind die Haken hinter den Bildern in O.s Chatfenster noch immer grau. „Ok. Zum letzten Mal gelinkt, O.“ denkst Du und lächelst finster vor Dich hin.

10 Uhr 23. Du erhebst Dich und schreitest, getragen von einem eigenartigen Erhabenheitsgefühl, sehr langsam auf Deinen Highheels in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Nackt wie Du bist stellst Du Dich dort vor das Fenster von dem aus man die Strasse sehr gut beobachten kann und schaust hinaus. Du siehst, wie Radfahrer Dein Haus passieren und junge Mütter Kinderwägen durchs Licht der Frühlingssonne schieben. Aber O. siehst Du nicht. Du bleibst stehen und hältst weiter Ausschau während Du fühlst wie Dein Körper in dem ungeheizten Raum allmählich auskühlt. Als Du beginnst so stark zu frösteln daß die Glas-Türkise über Deiner Brust gegeneinander klimpern nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Kommst Du noch oder hast Du mich zum hundertsten Mal verarscht?“ Gerade als Du das Handy auf die Fensterbank vor Dir zurücklegen willst bekommst Du eine Antwort von O. „Ich dusche dann komm ich“ schreibt er. „Bereite Hautöl und Frischhaltefolie vor!!! Ich fahre in 10 Minuten mit dem Fahrrad los!!!“

Du legst das Handy beiseite und bleibst noch eine Weile am Fenster stehen. Versonnen, als ginge es Dich alles nichts an. Dann aber straffst Du Deine Schultern und stökelst, Dich vorsichtig am Treppengeländer festhaltend, auf Deinen Highheels hinunter in die Küche. Holst eine unangebrochene Rolle Frischhaltefolie aus einer Schublade. Fragst Dich was O. damit vorhat, heute, nach all den Aufregungen der vergangenen Nacht. Hörst ihn an der Haustür klingeln, wie nur er klingeln kann: Eindringlich. Fordernd. Schrill. Stürzt hin um zu öffnen, die Folie noch in der Hand. Siehst O. für einen Moment vor Dir stehen, unwirklich lichtumgleißt im Schatten Deines Hauses, mit verlorenem Blick, gehüllt in eine hochgeschlossene, nachtblaue Softshelljacke die ihn aussehen läßt wie einen dunklen Ritter von einem fremden, fernen Stern. „Da bist Du ja“ sagst Du mit heiserer Stimme und versuchst Deinen nackten Oberkörper an die kalte Beschichtung von O.s Jacke zu schmiegen. „Geil schaust Du aus, Baby“ antwortet O. und schubst Dich ins Haus.

Im Wohnzimmer bedeutet O. Dir mit lässiger Geste Dich auf dem Teppich niederzuknien und zu ihm aufzublicken während er sich seiner Kleider entledigt und sie großzügig um sich herum im Raum verteilt. Breitbeinig und nackt ganz nah vor Deinem Gesicht stehend legt er dann  seine große Hand auf Deine Stirn, schiebt Dir den Kopf in den Nacken und lächelt ein wenig spöttisch auf Dich herab. „Du weißt ja, ich hab es mir heute schon mal gemacht“ sagt er in schulmeisterlichem Ton, so als ob er einem leicht begriffsstutzigen Kind etwas erklären müßte. „Also häng Dich rein , Kleine!“ Du tust was er verlangt. Legst all Deine Trauer und Deine ganze Verzweiflung in Deinen Blow Job und küßt insbesondere O.s Frenulum als wäre es das Letzte was Du in diesem Leben zu tun hast. Es gefällt ihm. Mehr noch: es berührt ihn irgendwie. Als Du beim Deep Throat mit Deinen Reflexen kämpfst macht er sich sanft von Dir los. „Paßt Baby“ sagt er, fährt mit der Hand über Deine kurzen Haare und kniet sich zu Dir auf den Boden.

Anders als Deine und O.s Seelen finden Eure Körper auf dem Gabeh-Teppich in Deinem Wohnzimmer wie von selbst zueinander. O. nimmt Dich allerdings um Einiges härter als Du es bisher von ihm kanntest. Und Du wirfst Dich ihm mit voller Wucht entgegen. Es gibt nur noch Dich und O., sein Eindringen, seine schmerzhaften Stöße und den rauhen Flor des Gabeh-Teppichs unter Deinem Rücken. Sonst nichts mehr.  Als einer der Glas-Türkise von Deinem Collier aus der Fassung springt hält O. inne, blickt nachdenklich auf Dich herab und steht auf um etwas aus der Seitentasche von seiner Softshelljacke zu holen. Zwei kleine Päckchen. „Anziehen“ sagt er leise und wirft eines vor Dich hin. Es enthält eine korallenrote Damenstrumpfhose. Während Du Dir hastig die halterlosen Strümpfe herunter reißt und das rote Gewebe über Deine Beine zerrst holt O. aus der zweiten Kartonage ein regenbogenfarbig gemustertes Stoffknäuel heraus. Ein Stretch-Minikleid im Ethno-Stil, mit pinkfarbigen Neckholder-Bändchen.

Du ziehst Dir das Kleid über und zupfst es auf Deinem Körper zurecht. Die bunt ineinander gewebten Längsstreifen betonen die Rundung Deiner Brüste und lassen das Türkis der Schmucksteine um Deinen Hals intensiv leuchten. Du kniest Dich erneut auf den Teppich so daß O. sich hinter Dich hocken und die Bändchen in Deinem Nacken zusammenknoten kann. Du spürst daß er viel Sorgfalt aufwendet um eine niedliche kleine Schleife zu binden. „Geil“ hörst Du ihn leise zu sich selber sagen. Dann liegst Du plötzlich wieder vor O. auf dem Teppich und siehst wie er mit seiner großen rechten Hand zwischen Deine Beine greift und langsam, sehr langsam die Strumpfhose im Schritt aufreißt. Als das Loch so groß ist, daß Dein Unterbauch-Tattoo freiliegt zieht O. Dich am Gesäß zu sich heran und dringt erneut in Dich ein. Deine Schamlippen schmerzen. Fetzen von grellrotem Nylongewebe lassen deine und O.s Haut unnatürlich bleich erscheinen. Du parierst seine Stöße mit letzter Kraft. „Und jetzt leck mich endlich!“ sagt er.

Du nimmst nur schemenhaft wahr, daß O.noch schnell Deine Fußgelenke mit einem Stück der herumliegenden Frischhaltefolie aneinander fesselt und den verlorenen Glas-Türkis zurück in die leere Collier-Fassung drückt bevor er über Deinem Gesicht in Hockstellung geht. Du schließt Deine Augen während Du seine Pobacken küßt und hast plötzlich das Gefühl weit weg von hier etwas ganz Anderes zu erleben. Begleitet von zwei indianischen Priestern bist Du zu Fuß unterwegs durchs Hochland der Anden, auf einem mehrtägigen zeremoniellen Marsch zu einer Kultstätte der Inkas. Man hat Dich zum Opfer für eine Naturgottheit bestimmt. Auf dem letzten Wegstück wirst Du auf einer Sänfte kniend von jungen Indios getragen. Traditionelle Panflöten erklingen als Ihr den Ort Deiner Opferung erreicht. Ein Kondor kreist in den Lüften. Im bunten Kleid, die Türkiskette um den Hals, liegst Du auf dem Ritualfelsen, Dein Ende vor Augen. Da beginnt O. über Dir mit tiefer, fremdartiger Stimme zu stöhnen und ergießt sich auf Dich.

Es dauert eine Weile bis Du im Wohnzimmer aus Deiner Trance erwachst. Als Du Dich aufrichtest um das verschwitzte Kleid auszuziehen, die Folie von Deinen Füßen zu wickeln und Dir die Reste der roten Strumpfhose vom Körper zu streifen ist von O. nichts zu sehen. Erst als Du zum Korbstuhl gehst, wo eine Jeans und ein Trägertop von dir liegen, siehst Du daß er durch die Terassentür hinaus in den Garten gegangen ist. Dort steht er in seiner nachtblauen Ritterrüstung im Sonnenlicht und betrachtet die Tujenhecke die Euer Grundstück zum Nachbarn hin abgrenzt. „Die müßte mal professionell geschnitten werden“ sagt er, als Du barfuß herzutrittst. „Ja“ sagst Du und schlingst frierend die Arme um Deine nackten Schultern. „Soll ich das im Sommer mal machen?“ fragt O. „Sehr gerne“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., streckt eine Hand nach Dir aus und zieht Dich zu sich heran, so daß Du kurz Deinen Kopf an seiner geharnischten Brust bergen kannst. Dann schiebt er Dich von sich weg und geht von der Terasse durchs Wohnzimmer ganz einfach so aus Deinem Haus.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin