Sms von O. Damit hattest Du nicht gerechnet. Nicht jetzt. Nicht so schnell, nach diesem gefühlt tausendsten Drama, diesem zehntausendsten Desaster, diesem millionsten Disput. Wegen: Einer Leiter. Einer Gartenhecke. Einer aufblondierten Cougar Lady irgendwo in den Outbacks der Stadt. Also: Wegen NICHTS. Du hattest erwartet, dass Ruhe einkehren würde, nach O.s theatralischer, tragikomischer Wegfahrt von Deinem Haus mit der  Arbeitsleiter im Laderaum seines SUV. Trügerische Ruhe. Quälende Stille. Toxisches Schweigen. Hattest Du erwartet. Und warst Du entschlossen durchzustehen. Bis ultimo. Bis Armageddon. Falls nötig bis zum Jüngsten Tag. Du weisst auch, was das Lehrbuch für Narzissmus-Abwehr vorschreibt: Sms löschen ohne zu lesen. Den Absender auf Spam setzen. Tee kochen. In den Himmel blicken. Freiheit spüren. Das wäre der Weg. Zumindest ein Schritt. In ein neues Leben. Jedoch. Im Oktober 2016 fehlt Dir die Coolness dazu.

Du nimmst Dein Handy. Distanziert. Widerwillig. Genervt. Aber Du schaust nach. „Es tut mir leid das ich heute nicht mit Dir reden konnte“ hat O. geschrieben. Du atmest durch. Versuchst Dir vor Augen zu halten, dass das Empfinden von Bedauern im Repertoire einer narzisstisch gestörten Gefühlswelt nicht wirklich vorkommt. Und dies demnach eine rein taktische Nachricht sein dürfte. Ein Sms-Check, mit dem O. versucht herauszufinden, wie weit die Blockade Deines Handys ihm gegenüber geht. Lässt den Gedanken jedoch fallen. Zu schön ist die Phantasie von einem Miteinander-Sprechen. Zu gross Deine Sehnsucht nach gegenseitigem Verstehen. Nach Austausch und Kontakt. „Vielleicht ein anderes Mal?“ antwortest Du. O. schweigt für einige Minuten. „Denk bitte darüber nach wie es mit uns beiden weitergehen soll“ schreibt er dann. „Soll es das denn?“ tippst Du zurück. „Ja!“ antwortet O. Du überlegst. „Im Moment bin ich leider ziemlich ratlos“ schreibst Du dann. „Geh zurück auf Whatsapp!!!!“ kommandiert O.

„Hallo“ schreibt O., unmittelbar nachdem Du ihn auf Whatsapp freigeschaltet hast. „Hallo“ antwortest Du ein wenig befangen. „Willst du mich wieder spüren? Nächste Woche?“ textet O. mit altbekannter Verve. „Ich hätte Dich auch heute schon gerne gespürt“ antwortest Du. „Ich glaube heute hätte ich dich geschlagen wenn es zu nem Kontakt gekommen wäre“ antwortet O. „Darum bin ich so schnell weg“ – „Ach so“ antwortest Du. „Ich hätte dir einfach gerne links und rechts ein paar runtergehauen!!!“ schreibt O. „Ich hab extra zuhause vorher gewichst damit ich nicht mehr so geil bin!“ – „Oh! Ich hatte schwarze Schuhe extra für Dich im Wohnzimmer bereit gestellt“ antwortest Du. „Ich hatte zu viel Angst das ich zu brutal werde und dein Mann abends was merkt!“ schreibt O. „Das hätte ich schon irgendwie kaschiert“ antwortest Du, während Du fühlst, wie die Strudel Eures Suchtkreislaufes erneut über Dir zusammenschlagen und Dich mit enormer Sogwirkung nach unten, auf den Grund einer dunklen Meerestiefe ziehen.

„Ich bin ehrlich erleichtert das es nicht soweit gekommen ist!“ schreibt O. „Natürlich ist das besser so“ antwortest Du. „Ich hatte eine Stinkwut auf dich!“ schreibt O. „Das tut mir leid!“ antwortest Du. „Schick mir Fotos!“ schreibt O. „Hab ja alles gelöscht was ich von dir hatte!“ – „Ich hab aber keine neuen gemacht“ antwortest Du. „Schick alte!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und durchsuchst mal wieder Deinen Fotospeicher nach den besten, den schönsten, den sexiesten Bildern für O. Schaffst es innerhalb weniger Minuten, ein schillerndes Potpourri all Deiner Erotik-Outfits der zurückliegenden Wochen zusammenzustellen. Sendest es O. Und bekommst natürlich kein Dankeschön, kein Zeichen, keine Resonanz. Wie unter einer Glasglocke verbringst Du den restlichen Tag. Eingewoben in Denkschleifen. Grübelnd. Rätselnd. Sinierend. Über das Ausmass von Aggression und Gewalt, mit dem O.s Emotionen Dir gegenüber untrennbar verknüpft sind. Und das er selbst offenbar nur mit knapper Not kontrolliert.

Am nächsten Tag piept Dein Handy um 7.33h mit dem Whatsapp-Ton von O. „Guten Morgen du geile Sau!“ schreibt er. „Deine Bilder haben mich heute früh so richtig scharf gemacht!“ – „Guten Morgen! Wow!“ antwortest Du. „Ich glaube ich fange langsam an mich auf dich zu freuen“ schreibt O. „Schön“ antwortest Du. „Ich will das du nächste Woche wieder meine Schlampe bist!“ schreibt O. „Ich war es diese Woche auch!“ antwortest Du. „Ich bin immer Deine Schlampe!“ – „Aber ich wollte dich nicht!!!“ schreibt O. „Doch jetzt bekomme ich wieder Lust auf dich!“ – „Da bin ich aber froh!“ antwortest Du. „Ich auch!!!“ schreibt O., ohne die Ironie in Deinen Worten zu beachten. „Darf ich dich denn noch anpissen wenn ich dich nächste Woche besuche?“ – „Ja natürlich“ antwortest Du. „Auch in den Mund?“ fragt O. „Ja. Das wünsche ich mir!“ antwortest Du. „Würdest du es auch schlucken?“ fragt O. „Ja! Ich spucke nichts aus was von Dir kommt!“ antwortest Du. „Im Ernst?“ fragt O. „Ja. Das weisst Du doch!“ antwortest Du.

„Darf ich das dann mit dem Handy aufnehmen?“ fragt O. „Ja. Darfst Du.“ antwortest Du. „Oh Babe. Das macht mich jetzt wirklich geil!!!“ schreibt O. „Der Gedanke das ich dein schönes Gesicht vollpissen werde! Und du es dann schluckst während ich dir zuschau!“ – „Das werde ich!“ antwortest Du und fühlst plötzlich, wie sehr Du über die Mittel verfügst, O.s Sex-Fantasien zu lenken. „Du wirst vielleicht sehen wie etwas von Deiner Pisse mir in die Augen rinnt“ tippst Du. Eigenartig triumphierend. „Und Du wirst vielleicht sehen dass etwas in mir sich gegen das alles sträubt. Dass ich dagegen ankämpfe und mich schäme! Es dann aber trotzdem mache! Weil ich mich Dir unterworfen hab!!!“ Es bleibt kurz still auf der anderen Seite Deines Smartphones. Du fühlst eine Art von Respekt durch das Gerät zu Dir dringen. „Babe du bist echt hardcore!!!!“ schreibt O. dann. „Ich lieb Dich. Das ist alles!“ antwortest Du. „Und ich steh auf Dich und Deine Pisse und die Macht die Du über mich hast!“ – „DU DRECKSAU!!!!“ schreibt O.

Der Oktober 2016 endet in mildem, warmem, flirrendem Licht. Am Tag vor Allerheiligen nimmst Du Dir Zeit, um zusammen mit Deinem Sohn im rückwärtigen Teil Eures Gartens Kürbisse auszuhöhlen und Gruselfratzen hineinzuschneiden. Ihr seid beide mit Feuereifer bei der Sache und Dein Sohn ist begeistert von Eurem Werk. Bei Einbruch der Dunkelheit platziert Ihr die Geisterlaternen auf den Stufen zur Eingangstür Eures Hauses und bewundert ihr flackerndes, rötliches Licht. Während Du deinen Arm um die Schultern Deines Sohnes legst, piept drinnen Dein Handy. Mit dem Whatsapp-Ton von O. „Was hast du heute gemacht?“ schreibt er. „Kürbisse geschnitzt mit dem Kleinen“ antwortest Du. „Hey du bist wirklich ne coole Mama!“ schreibt O. „So eine hätte ich als Kind auch gerne gehabt!!!“ – „Ich weiss dass Du in Deiner Kindheit viel entbehren musstest“ antwortest Du. „Umso mehr bewundere ich das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Babe du bist so ein Goldstück!!! Und so eine geile Sexgöttin dazu!“ schreibt O.

In der Nacht auf den 1. November 2016 schläfst Du unruhig und träumst wirr. Gegen 4.30h wirst Du wach und stiehlst Dich, einem Impuls folgend, mit Deinem Handy ins Badezimmer, wo Du feststellst, dass O. gerade dabei ist, Dir zu schreiben. „Guten Morgen mein Schatz!“ textet er. „Ich hoffe so sehr das wir wieder zueinander finden! Und ich wünsche mir das ich dich zu einem schönen Orgasmus bringen kann! Vielleicht wenn du dich auf mich setzst? Würde mir so viel bedeuten wenn du intensiv kommen würdest!“ – „Guten Morgen!“ antwortest Du, während Du Dich mit einem Duschhandtuch unter dem Po auf dem Fliesenboden niederlässt und mit dem Rücken an der Badewanne anlehnst. „Wir finden ganz bestimmt wieder zueinander“ tippst Du dann. „Ich war nie weg von Dir!“ – „Das hoffe ich sehr!“ schreibt O. „Ich wäre traurig wenn es nicht mehr so wäre!“ – „Ich gehör Dir immer. Wirklich!“ antwortest Du. „Ich hab nur so oft Angst dass Du mich nicht mehr willst!“ – „Ich werde dich immer wollen!“ schreibt O.

„Auch wenn wir uns länger nicht sehen! Ich werde dich immer ficken und spüren wollen! Auch noch in 30 Jahren!!!! Ich möchte das du immer meine Schlampe bleibst! Auch wenn du nen anderen Liebhaber hast!!!! Ab und zu musst du es dann immer noch mit mir machen!“ – „Ein anderer Lover interessiert mich NULL!“ antwortest Du. „Ich gehöre nur Dir. Aber ich fürchte die Konkurrenz von anderen Frauen auf der Strasse und im Internet!“ – „Im Internet bin und war ich noch nie aktiv“ antwortet O. in untypischer Offenheit. „Und ich quatsche schon lang keine anderen Frauen mehr an. Die alte Lady kenn ich halt schon sehr lange. Und wenn die sich dann so meldet und mir Bilder schickt… das finde ich halt auch scharf. Die ist ja schon 68!“ – „Das verstehe ich“ antwortest Du tapfer. „Und auch wenn du die Geilste bist – und das ist so -“ schreibt O., „finde ich es scharf mit ner älteren Lady mal wieder zu ficken!!!“ – „Ok“ antwortest Du und betrachtest mit verlorenem Blick Deine nackten Füsse auf dem grauen Fliesenboden.

Draußen, in der Ferne vor dem Badezimmerfenster wird es langsam hell. Ein schüchternes Vogelstimmchen ertönt. Du versuchst die Tragweite von O.s nonchalant dahingeschriebenen Aussagen zu überblicken. „Ich bin echt die Geilste?“ tippst Du dann. „Ja“ antwortet O. „Ganz ehrlich. So heftig und intensiv wie bei dir hatte ich es noch nie!!!“ – „Ok“ tippst Du und atmest tief aus. „Du kannst ja auch machen was Du willst, verstehst Du“ schreibst Du dann. „Es tat mir nur weh weil ich ja selber schon so lang darauf gewartet hab Dich zu sehen und zu spüren. Von Woche zu Woche.“ – „Ich verstehe dich“ antwortet O. „Und dann dachte ich“ schreibst Du weiter, während Du versuchst, ein hochsteigendes Weinen niederzukämpfen, „wenn es diese alte Lady gibt, gibts sicher noch ganz viele Andere und ich bin einfach nur die Allerletzte, für den Notfall…“ – „Es gibt keine Andere!!!“ antwortet O. „Ich habe die Steffi schon lange nicht mehr gesehen. Und ich möchte DIR einen intensiven Orgasmus besorgen!!!“

„Das wäre natürlich wunderbar!“ schreibst Du. „Babe das IST wunderbar!“ eifert O. „Ich gebe dir am Donnerstag bescheid welches Outfit ich mir von dir für unser Treffen wünsche ok? Und könntest du vielleicht noch zum Friseur gehen und deine Haare total kurz schneiden lassen?“ – „Kein Problem!“ antwortest Du. „Das hatte ich sowieso vor!“ – „Super!“ schreibt O. „Und dann mach bitte ganz viele Bilder für mich!!! Fotografiere alles was du an schwarzen Bodies und Catsuits hast! Mit verschiedenen Schuhen! Damit ich entscheiden kann was du dann anziehen sollst!“ -„Ok“ antwortest Du. „Und vielleicht kannst du ja heute noch ein geiles Video für mich machen“ fiebert O. weiter. „Ich weiss das Feiertag ist. Aber du könntest dich ja im Bad einsperren und filmen wie du dich selbst streichelst und dabei stöhnst! Natürlich so das dein Mann und dein Sohn es nicht mitbekommen“ –  „Ok“ antwortest Du wieder. „Am Nachmittag könnte ich es versuchen!“ – „Babe. Das würde mich extrem glücklich machen!“ textet O.

Du gibst Dir viel Mühe, O.s Wünsche zu erfüllen, in den Tagen nach diesem Chat. Gehst zum Friseur. Lässt Dir einen besonders rasanten Kurzhaarschnitt verpassen. Erstehst ein neues, schwarzes Netz-Minikleid im Erotik-Shop, wo Du mittlerweile eine Stammkunden-Karte besitzst. Machst viele Bilder. Sendest sie O. Und neben alledem denkst Du darüber nach, wie das Gesicht einer Cougar Lady namens Steffi wohl aussehen mag. Zweifellos ist sie für Dich fassbarer, weniger bedrohlich, irgendwie fast harmlos geworden, seitdem du ihren Vornamen kennst. Steffi??? Wie provinziell ist das denn, denkst Du. Und geniesst es, Deine wachsende Gewissheit zu spüren, dass O.s Welt hinter ihrer kalten, schillernden Fassade weit weniger glamourös ist, als Du bisher wahrnehmen durftest. Dass O. zu seiner Entmystifizierung selbst mit beiträgt, indem er Namen und Gepflogenheiten preisgibt, nimmst Du als ein hoffnungsvolles Zeichen. Nicht bedenkend, dass Du Dich nach wie vor inmitten seines Bestrafungsprogramms befindest. Welches noch allerlei für Dich bereit hält …