Du bist nun also die Lieblingskonkubine von O. Beschenkt und geehrt mit fünf Paar glitzernder, schwindelerregend hoher Trash-Heels. Auf denen Du, strahlend im Licht seiner Zugewandtheit, direkt bis vor sein Herz balancierst. Wie einst Cinderella zu ihrem Prinzen, mit dem gläsernen Schuh. Oder Carrie Bradshaw zu Mr. Big, in Manolo Blahnik und Jimmy Choo. Zwei Tage lang ist es Dir vergönnt, Dich so zu träumen. Dann holt die Realität Dich ein und Du lernst eine weitere Facette von O.s Paralleluniversum kennen. Es ist der 19. 9.2015. Als Du morgens um 8h Dein Handy hochfährst, siehst Du, dass O. bei Tagesgrauen versucht hat, Dich zu kontaktieren. „Bist Du wach?“ schrieb er um 4.17h. „Leider erst jetzt!“ antwortest Du schuldbewusst. O. schreibt nicht zurück. Aber am späten Nachmittag schickt er Dir ein Bild aufs Handy. „Für dich. War grade so geil!“ textet er dazu. „Oh vielen Dank!“ antwortest Du. Erst dann nimmst Du Dir Zeit es richtig anzuschauen.

Was Du siehst, ist ein Bild wie Du bisher noch keins von O. bekamst. Es ist kein sinistres Magic-Eye-Selfie. Kein provokantes Dick Pic. Auch kein weitergeleitetes Erotikfoto einer fremden Dame. Und dennoch: ebenso verstörend. Ebenso aufwühlend, widersprüchlich und doppeldeutig wie sie alle. Denn: es zeigt nicht nur eine milchig-weisse, gallertartige Substanz, die sich etwa esslöffelgross in einem der Besucherwaschbecken von O.s Haus verteilt. O.s materialisierte Lebensenergie. O.s verflüssigte DNA. O.s innerste Essenz. Das Bild dokumentiert weit mehr als nur O.s Faszination von seiner eigenen Sexualität. Es hat nämlich einen Rahmen, der es als Screenshot ausweist. Als Screenshot eines Chats. Als Screenshot eines Chats, der am 19.9.2015 in den frühen Morgenstunden stattfand. Um 5.22h, um genau zu sein. Also eine Stunde und fünf Minuten nachdem O. versucht hatte, DICH zu kontaktieren. Zu dieser Zeit schickte er ein Foto seines frisch ejakulierten Spermas auf das Handy einer anderen Frau.

„Peter“, liest Du in der Kontaktzeile des gescreenshotteten Whatsapp-Bildschirms. Ein Deckname, den O. seiner Chatpartnerin offensichtlich gab. Denn unterhalb des Abspritz-Fotos zeigt ein Pfeil nach links. „Du 19. September, 5.22h“ vermeldete die App, keinen Raum für Zweifel lassend. Und öffnet damit eine Falltür in Deinem Inneren, die ins Bodenlose führt. Die gefühlte Nähe Deiner nächtlichen Chats mit O.? Die Vertrautheit? Der schrankenlose Austausch von Ideen und Phantasien, das erotische Verbundensein, der Enthusiasmus, die Verzückung, die Dankbarkeit – alles nur Illusion, nur Schall und Wahn? Fake? Volatil? Imaginär? „Zweifelsohne“, denkst Du, während Du blicklos auf Dein Handy starrst. Und vor allem: Wer mag diese wundervoll verfügbare Dame sein, die O. ganz einfach so im Morgengrauen anschreiben kann, während Du leider schläfst? Und deren Sexting ihn binnen kurzer Zeit zu einem fotografisch präsentablen Orgasmus bringt? „Ich bin gar nichts. Ich bin einfach nur ein Nichts“, denkst Du.

Du verbringst die obligatorische schlaflose Nacht. Geisterst durchs Haus, sitzst am Küchentisch, betrachtest wieder und wieder das doppelbödige und dennoch vollkommen eindeutige Bild. Versuchst, O. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denkst an seine krebskranke Freundin, seinen Schlafmangel, seinen Stress. Denkst an die rührende Sms, die er Dir vor Kurzem schrieb. „Babe“, hatte er getextet, „in meinem Kopf herrscht zur Zeit ziemliches Chaos und deshalb kann ich leider meine Lust nicht immer auf dich konzentrieren!!! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine!!!“ – „Natürlich, Liebster!“ hattest Du geantwortet. Und nun? Nun verstehst Du es ANDERS. Nämlich, dass Du eben nach wie vor austauschbar bist für O. Und zwar in Sekundenschnelle. Mit einem einzigen simplen Switch in ein anderes Chatfenster. Dies ist die Erkenntnis, die Dich am meisten schmerzt, beim Anblick von O.s klarem, hellem Sperma auf der weiss glänzenden Keramikoberfläche seines Waschbeckens. Und dem dunklen Rahmen um es herum.

Gegen 3h morgens sinkst Du vornüber auf dem Küchentisch zusammen und fällst in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Zwei Stunden später schreckst Du hoch. Desorientiert. Schweissgebadet. Mit dem Gefühl einer tief empfundenen Entrüstung die in Dir nagt. Als Du Dein Handy entsperrst, springt Dich O.s Wichs-Foto direkt an. Du hattest vergessen es wegzuklicken, bevor Du einschliefst. Nun, da Du es erneut betrachtest, weisst Du plötzlich, was das Anstößige daran ist. Denn, es ist eine Sache, dass O. nachts mit anderen Frauen sextet. Und eine ganz andere Sache ist es, Dir davon ein Bild aufs Handy zu schicken. Ungefragt. Ungebeten. Es ist grenzübertretend. Es ist missbrauchend. Es ist verletzend, beleidigend, ausbeuterisch. Sowohl Dir gegenüber, als auch gegenüber der anderen Frau. Von seiner Freundin mal ganz zu schweigen. Es geht Dir ein wenig besser in dem Moment wo Du das so für Dich formulieren kannst. Du atmest durch. Dann nimmst Du dein Handy, rufst deine Chats mit O. auf und schreibst:

„Guten Morgen Liebster! Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ganz spät schlafen gegangen und dann gleich wieder wach geworden mit Gedanken an Dich. Ich empfinde sehr viel für Dich. Aber bitte schick mir keine Screenshots mehr von Deinem Sperma die Du schon einer anderen Frau gesendet hast, ok? Ich weiss dass ich nicht die Einzige für Dich bin. Aber es tut doch weh auf diese Art damit konfrontiert zu werden. Ich weiss dass Du mich nicht verletzen wolltest und ganz viele Dinge im Kopf hast die wichtiger sind.“ Du hältst kurz inne um nachzudenken wie Du Deine Gefühle gegenüber O. noch ausdrücken könntest. Da zerreißt sein Nachrichten-Ton die Stille in Deiner Küche. O. schreibt zurück. „Wie kommst du darauf?“ fragt er kühl. Nein, kalt. „Da steht der Name Peter und dass es am 19.9. frühmorgens gesendet wurde“ antwortest Du. „Hab ich auch einen Männernamen in Deinem Handy?“ fügst Du hinzu. „Du nicht“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ – „Und die Anderen? Was sind die?“ fragst Du.

„Nur Ficks“ antwortet O. „Und ich? Bin ich was Anderes?“ fragst Du. „Was willst Du eigentlich?“ schreibt O. „Du fickst mit anderen Männern für Geld!! Bist im Internet unterwegs um Ficks aufzutreiben! Du bist süchtig danach es mit unterschiedlichen Männern zu treiben!!! Also was soll das? Du bist nicht nur meine Schlampe, du bist überhaupt eine Schlampe!!!“ – „Nein ich bin nur Deine Schlampe!“ antwortest Du verzweifelt. „Und ich bin NICHT süchtig nach verschiedenen Männern!“ – „Ich hatte mal paar Ficks mit einer alten Lady!!!“ schreibt O. Hoheitsvoll. Gebläht von der eigenen Bedeutung. „Wir schreiben uns noch und schicken Fotos. Sie bettelt manchmal darum meinen Schwanz in den Mund zu nehmen oder ihn zu wichsen!!!“ – „Schon gut!“ tippst Du. Aber O. ist nicht zu bremsen. „Wenn Dir das nicht passt dann musst du es mit mir beenden!!!“ schreibt er. „Ich habe keine Lust mir von Dir was verbieten zu lassen!!! Du würdest dich für Geld von meinen Freunden ficken lassen. Also halt dein dummes Schlampenmaul!!!“

„Ich verbiete Dir doch gar nichts“ versuchst Du einzuwenden. „Du würdest dich für Geld jederzeit ficken lassen!“ schreibt O. erneut. „Da stehst du drauf!!! Du brauchst das!!!“ – „Nein“ antwortest Du. „In Wirklichkeit brauche ich ganz andere Sachen. Und ganz sicher brauche ich keine Screenshots von Deinem Sperma für eine andere Frau!“ – „Was für Sachen brauchst du dann?“ fragt O., plötzlich unsicher wirkend. „Ich brauch nur Dich!“ schreibst Du. Anstatt Dir zu antworten, sendet O. Dir ein Bild. Ein Bild von einem  ausgemergelt wirkenden Frauenkörper, der Dir bereits bekannt vorkommt. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, trug er einen dunkelroten Netz-Catsuit und saß mit gespreizten Beinen vor einem weissen Garderobenspiegel auf dem Boden. Auf dem aktuellen Bild trägt die fragliche Dame einen weissen Strapsgürtel zu weissen, halterlosen Strümpfen, hochhakige, rote Pumps und lässt im Flurspiegel ein schimmerndes Glas-Toy zwischen ihren weit geöffneten, mageren Schenkeln aufblitzen. „Solche Bilder schickt sie mir!“ schreibt O. dazu.

„Ja“ antwortest Du, während Dein Magen ein wenig revoltiert. „Solche schick ich Dir ja auch“ – „Ja! Und beide bekommt ihr welche dafür von mir!“ schreibt O. „Liebst Du sie mehr als mich?“ fragst Du beklommen. „Ich liebe sie überhaupt nicht!!!“ schreibt O. „Wie bitte?“ fragst Du zurück. „Sie ist 65 Jahre alt und ich habe sie paarmal gefickt!!!“ schreibt O. „Die ist doch nicht 65. Was soll der Quatsch“ schreibst Du. „Die ist 65“ schreibt O. „Nein die ist 35“ schreibst Du. „Leck mich doch! Die ist 65!“ schreibt O. „Wie Du meinst“ antwortest Du und spürst plötzlich wie das Gefühl von Wut und Verletztheit in Deinem Inneren weicht und sich wandelt in Mitleid und Anteilnahme für O. Für ihn, und für das Ausmass seiner psychischen Störung, das hinter seinen trotzig-aggressiven Worten durchschimmert. Aber auch für die Verlorenheit jener älteren Dame, die in der Tristesse ihres Single-Appartements irgendwo am Rande Eurer Stadt Sex-Selfies macht und hofft auf Besuche von O. „Ich liebe Dich!“ schreibst Du. „Mit allem was zu Dir gehört.“

„Aber ich wünsche mir einen Screenshot von Deinem Sperma der nur für mich ist, verstehst Du? Ich würde für Geld mit Deinen Freunden ficken um DICH damit zu erregen, aus keinem anderen Grund. Einfach nur für Dich!! Um Dich zu erregen bin ich zu sehr Vielem bereit! Aber ich kann auf alle Männer und den Sex mit ihnen locker verzichten. Der einzige Mann nach dem ich süchtig bin bist Du. Du aber bist wirklich die Droge für mich!“ – „Das nächste Mal mach ich ein Foto nur für dich“ schreibt O. „Das würde mich sehr glücklich machen!“ antwortest Du. „Denn ich will für immer Deine Schlampe sein!“ – „Das will ich doch auch“ schreibt O. „Ich liebe dich und ich will nur dich!“ – „Ok“ antwortest Du. In den Abendstunden des folgenden Tages bekommst Du tatsächlich ein weiteres Bild von O. Es zeigt einen esslöffelgrossen Klecks einer hellen, klaren, Dir wohlvertrauten Substanz in einem der Handwaschbecken in seinem Haus. Ohne Rahmen darum herum. „Nur für dich!“ schreibt O. dazu. „Danke“ antwortest Du.

 

tb_logos__light_horizontal

 

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin