Freitag, 7.11.2014 Drei Tage nach Deinem unsternverfolgten Besuch im Haus mit den vielen Bildern geht Dein Fieber zurück. Du kannst wieder aufstehen und Deinen Alltag bewältigen. Dein Inneres allerdings ist schwer erschüttert. Du weinst leicht. Fühlst Dich fremd und verloren. Schreckst nachts hoch, weil widersprüchliche Erinnerungen Dich fluten. Nie war O. Dir anbetungswürdiger, nie schöner erschienen, nie hatte er hoheitsvoller auf Dich herabgeblickt als in der Intimität jenes kleinen Raumes mit den zerknüllten weißen Kissen auf dem Grand-Lit. Nie hattest Du Dich ihm näher gefühlt, für Bruchteile von Sekunden. Und nie war er Dir brutaler, nie abweisender begegnet als nach Deinem Sakrileg, die Makellosigkeit dieses Ortes mit Deinem Blut befleckt zu haben. Aus dem vermeintlichen Spiel war Ernst geworden: nun warst Du wirklich der Unrat, als den er Dich schon mehrfach behandelt hatte. Nichtswürdig. Pariah. Unvereinbar mit dem Stil des Hauses. Es war Deine siebente Begegnung mit O. Und, zweifellos, Deine letzte.

Natürlich vertraust Du Dich Freunden an. Erzählst. Schreibst. Berichtest das Unfaßbare. Quickie… Blutflecken… Rauswurf… Kontaktabbruch… „Aha. Du blödes Sexspielzeug hast also nicht funktioniert!“ schreibt der Suchtberater. „Dann ab auf den Müll mit Dir!“ – „Oh Du Ärmste!“ schreibt Dein anderer Schulkamerad. „Bist Du jetzt wieder ok?“ Das Mitgefühl tut Dir gut. Es nimmt Dir ein wenig von Deiner Scham. Wirklich trösten kann es Dich allerdings nicht. Denn, Deine Freunde, sie erwarten Gefühle von Dir, die Du gar nicht hast. Sie glauben Du würdest nun froh sein, O. nie wieder begegnen zu müssen. Glücklich über Dein Entrinnen. Du aber empfindest keinerlei Ressentiment gegen ihn. Stattdessen eine fast unerträgliche Sehnsucht. Du träumst nachts davon, wieder bei O. im Haus zu sein. In dem kleinen Zimmer. Und Dich ihm dort zu Füßen zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. „Oh. Stockholm-Syndrom“ schreibt Dein Freund, als Du ihm Deine Phantasien schilderst. „Langsam wirds gefährlich!“

Entführte Frauen, die sich in ihren Kidnapper verlieben. Mit ihm kooperieren. Sich auf seine Seite stellen. Weibliche Geiseln, die Bankräuber aktiv unterstützen und dabei romantische Gefühle entwickeln. Intime Beziehungen zwischen Opfern und Tätern. Liebe auf der Flucht oder in Geiselhaft. Dankbarkeit für den Peiniger. Solidarität mit dem Verbrecher. Symbiotische Verknüpfung von Liebe, Erotik und Gefahr. So beschreibt das Internet das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms. Der Begriff entstand im Jahr 1973. Bei den Angestellten einer Bank in Stockholm entstanden damals intensive Gefühle von Zuneigung und Sympathie für die Gewaltverbrecher, die sie fünf Tage lang gefangen hielten. Inzwischen spricht man eher von traumatischer Bindung oder Trauma-Bonding wenn es um die Faszination durch Brutalität und um das paradoxe Hingezogensein einer bedrohten, ausgelieferten Person zu ihrem Misshandler geht. Dein Freund hat recht. So eine blind verliebte Geisel: das bist auch Du.

Du überlegst. Läßt Szenen Revue passieren. Erinnerst Dich. Eigentlich war O. von Anfang an wie ein Entführer aufgetreten, Dir gegenüber. Hatte Dich gefangen genommen. Unter Arrest gestellt, gleich in den ersten Minuten Eures Kennenlernens. Es war Teil seiner Überwältigungsstrategie gewesen, Dich mit strenger Stimme zu bannen. Und dann im Kreuzfesselgriff abzuführen. In Autos zu schubsen. An unbekannte Orte zu bringen. Dich durch Räume zu zerren, auf Betten zu stoßen. Und Du leistetest keinen Widerstand. Im Gegenteil. Es gefiel Dir. Erinnerte Dich an Spiele, die Du als Schulkind geliebt hattest: Marterpfahl. Mädchen fangen. Mit O. schien einer der verwegensten Spielgefährten aus Deiner Kindheit wieder aufgetaucht zu sein. Um Dich mitzunehmen in sein dunkles Abenteuerland. In das Du ihm willig folgtest. „Und das ist pathologisch?“ fragst Du Deinen Freund. „Es führt zu einer ungesund intensiven Bindung deinerseits“ antwortet er. „Und dadurch wird’s sehr schwer für Dich werden, Dich vom O. zu lösen.“

Loskommen von O.? Schwer? Nein. Unmöglich, denkst Du, während Du versuchst, Dich in Deiner Ausgestoßenheit zurecht zu finden. Du wankst durch feuchtkalte, dunkelgraue Tage, als entkernte Hülle Deiner selbst,  in einer verwaisten, leergeräumten Welt. Streifst mit dem Fahrrad durch die Gegend, in der Hoffnung, O. irgendwo zu begegnen. Suchst nachts die Parkbank auf und wartest ob der Geländewagen vorbeifährt, mit O. am Steuer. Fahndest in Vorgärten und Garageneinfahrten nach einer Spur. Einmal wagst Du Dich nach Einbruch der Dunkelheit auch in die Nähe vom Haus mit den vielen Bildern. Starrst hinauf zu den Fenstern, die hinter den herabgelassenen Rollos leuchten. Die Eigentümerfamilie ist zurückgekehrt. Lebt, lacht, ißt und trinkt in den Räumen, in denen noch Hautpartikel und Seelenreste von Dir haften. Nicht ahnend, daß draußen eine verfemte Frau vor ihrem Anwesen umherirrt, auf der Suche nach einem Phantom. Du, auf der Suche nach O. Seinem Namen. Seiner Geschichte. Seiner Identität.

Mittwoch, 12.11.2014 9h. Nachdenklich rührst Du Karamellzucker in Deinen Frühstückstee. Du benötigst einen Löffel extra, seitdem O. Dich von sich jagte. Dein Handy piept. Dein Freund, der Suchtberater macht sich Sorgen um Dich. „Mal was ganz Anderes, Süße“ schreibt er. „So richtig safe war es ja wohl nicht, was Dein durchgeknallter Lover alles mit Dir gemacht hat, oder?“ – „Nicht wirklich“ antwortest Du. „Aber er hat gesagt daß er clean ist und sich regelmäßig testen läßt“ – „Oh wie beruhigend!!“ schreibt Dein Freund. „Wir haben wirklich allen Grund ihm das zu glauben, so verantwortungsbewußt wie er bisher aufgetreten ist!“ Du starrst in Deine Teetasse. Könntest Deinem Freund jetzt Vieles schreiben über den speziellen sexuellen Stil von O. Und warum der nicht mit Präservativen vereinbar ist. Du läßt es. Es tut zu weh, Dir vorstellen zu müssen, daß Du das alles nie mehr erleben wirst. „Was soll ich machen?“ fragst Du Deinen Freund. „Nen Termin beim FA Deines Vertrauens“ antwortet er. „Und nen HIV-Test!“

Donnerstag, 13.11.2014 8h. Ein wenig zusammengekrümmt sitzst Du im Wartezimmer der gynäkologischen Praxis in der Du schon betreut wurdest als Du schwanger warst mit Deinem Sohn. Hinter Dir liegt eine fast schlaflose Nacht, aber Du bist froh daß man Dir sofort einen Termin gab, als Du Dein Anliegen vorbrachtest. Der Zeitpunkt ist günstig, Dein Mann seit gestern verreist. Der „FA Deines Vertrauens“ freut sich, Dich nach drei Jahren mal wieder bei sich zu sehen. Er hatte immer viel Verständnis für Dich. Auch heute hört er Dir geduldig zu. „Die verhängnisvollen Affären sind doch wirklich immer wieder die allerschönsten!“ sagt er als Du zu Ende erzählt hast. „Lassen Sie mich bald erfahren wie es weiterging!“ „Beruhigungshalber“ rät er Dir, einen Schnelltest auf HIV zu machen. Du bist einverstanden. Fährst halb erleichtert und getröstet heim. 19h. Telefonläuten. „Mit Ihrem Blut ist alles ganz in Ordnung!“ sagt der FA Deines Vertrauens am anderen Ende der Leitung. „Danke“ flüsterst Du und weinst kurz nachdem er aufgelegt hat.

Freitag, 14.11.2014 Es geht Dir plötzlich viel, viel besser. Alles erscheint Dir weniger düster und ausweglos seit dem Gespräch mit dem FA Deines Vertrauens. Welch wunderbarer Heilkundiger, denkst Du. Er hat Dir den Glauben an Dich selber als Person zurück gegeben. Du fühlst Dich nicht länger als Gespenst, körperlos und erloschen. Du bist zurück in Deinem Leben. Hast einen liebevollen Ehemann. Einen niedlichen, begabten Sohn. Treue Freunde. Lebst in einem charmanten Haus am südlichen Rand einer stolzen, großen Stadt. UND: Du bist einem Traum von Kerl begegnet, der Deine verborgensten Chimären berührt und dennoch Deine kleine Welt intakt gelassen hat. Damit ist er für Dich über jeden Zweifel erhaben. Von jedem Vorwurf freizusprechen. O. ist NICHT schlecht für Dich. Im Gegenteil. Er ist ein faszinierender Mann und Liebhaber. Bestrickend. Grenzüberschreitend. So very cool. Du willst, Du mußt ihn zurückgewinnen. Ihn wieder in Deinem Leben haben. Sein Herz erreichen. Unbedingt. Gleich morgen wirst Du damit anfangen.

Sonntag, 16.11.2014 14h. Du bist allein zu Hause. Dein Mann wird in wenigen Stunden zurück kommen von seiner Reise. Frisch geduscht und nackt stehst Du im Schlafzimmer. Schlüpfst in die Highheels die Du getragen hast zum Parkplatz-Date mit O. Legst Dich aufs Bett. Schaltest die Selfie-Kamera ein. Fotografierst die Absätze der Schuhe. Das Tattoo auf Deinem Bauch. Deine Schultern. Dein Gesicht. Wählst drei Bilder aus. Sendest sie O. Schreibst dazu: „Es ist alles schrecklich leer ohne Dich!!!“ Hältst den Atem an. Hoffst. Wartest. 17h. Dein Handy piept. „Du kannst mich nicht loslassen!!!!“ schreibt O. „Warum??“ – „Vielleicht weil ich Dich liebe?“ antwortest Du. „Nein, Schlampe!!! Weil Du mich brauchst!!!“ schreibt O. „Natürlich. Du hast recht.“ antwortest Du. „Schön daß Du es endlich einsiehst!“ schreibt O. „Ich dachte schon Du würdest überhaupt nicht mehr zur Vernunft kommen!“ – „Doch“ antwortest Du. „Gut, Schlampe!!! Dann verzeih ich Dir!“ schreibt O. „Ich werde Dir erlauben mich wiederzusehen!!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin