Sonntag, 2.9.2017: Lichtdurchflutet. Sonnig. Warm. Mit einem Hauch von frühherbstlicher Kühle in der Luft. Der perfekte Tag für eine lange Fahrradtour in eins der Seengebiete vor den Toren Deiner Stadt. Oder für ein Frühstück mit Freunden in einem veganen Café im Hipster-Quartier. Du könntest Deine Eltern besuchen. Mit ihnen zusammen Kaffeetrinken, auf der romantisch eingewachsenen Terasse oder im Garten, im Schatten einer der Stein-Figurinen, die Deine Mama so mag. Es gäbe viele Optionen an so einem Tag, für eine gesunde, sportliche Frau, die ein geklärtes Leben führt und nicht etwa durch die Parallelwelt einer erotischen Hörigkeitsbeziehung driftet, während ihr Mann und ihr Teenager-Sohn zusammen im Mittelmeer plantschen. So wie Du es leider immer noch tust. Und deshalb um 5.58h, während andere Menschen selig schlummern, vom schrillen Handyklingelton Deines „Meisters“ geweckt wirst.

„Guten Morgen meine Sklavin“ schreibt er und tippt einen Kussmund dazu. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Alles ok bei dir? Wie fühlst du dich?“ fragt er. Ungewohnt fürsorglich. Und, sehr erregt, wie es scheint. „Ja alles ok muss nur kurz wachwerden“ antwortest Du. „Schlaf ruhig weiter!“ schreibt Dein Meister gönnerhaft. „Ich melde mich später nochmal!“ – „Ok“ antwortest Du und lässt Dich erschöpft zurück in die Kissen sinken. „Bis später“ schreibt O. „Bis später“ antwortest Du und hoffst, während Du in wirre, frühmorgendliche Träume gleitest, dass das „Später“ viel, wirklich viel später sein wird. Oder vielleicht sogar nie, wie manch ein „Später“ in Deinen Chats mit O. ja häufig war. Du hoffst, ungeschoren davon zu kommen, an diesem so hell beginnenden Tag. Jedoch. Bereits um 6.44h piept Dein Handy erneut. „Ich schaue mir dauernd Deine Bilder an!“ schreibt O. „Ich hab gerade noch ganz intensiv geträumt“ antwortest Du. „Du kannst mir heute dienen“ schreibt O. „Ich hoffe du bist bereit?“

„Ja das bin ich“ antwortest Du. „Sicher?“ schreibt O. „Ja. Sicher.“ antwortest Du. „Ich möchte dir heute deine Haare rasieren“ schreibt O. „Und ich freue mich unglaublich darauf dich nackt zu fesseln. Der Langhaarschneider ist startklar?“ – „Ja“ antwortest Du. „Und die anderen Sachen? Gummis, Hundeleine, Sitzhocker fürs Bad auch?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du wieder. „Perfekt“ schreibt O. „Ich würde jetzt dann bald kommen. Ich dusche noch und dann fahre ich bald los, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und kämpfst Dich mühsam aus verdrehter Lage in den Kissen hoch. „Würdest du bitte in dem schwarzen Netztop mit dem passenden Höschen und schwarzen Highheels die Tür öffnen wenn ich da bin? schreibt O. „Du meinst das bauchfreie mit den überlangen Ärmeln?“ fragst Du zurück. „Genau“ schreibt O. „Das wo deine Hände vollständig bedeckt sind und nur der Mittelfinger durch eine Schlaufe durchgeht!“ – „Alles klar. Kein Problem“ antwortest Du. „Danke Ursula. Ich liebe dich sehr sehr stark!“ schreibt O.

Viel Zeit bleibt Dir also nicht, um wachzuwerden und Dich auf die ganz speziellen Herausforderungen des anbrechenden Tages vorzubereiten, der für andere Menschen einfach nur ein ganz normaler Sonntag ist. Sonnig. Ruhig. Ein bisschen langweilig vielleicht. Oder mit unliebsamen familiären Verpflichtungen verbunden. Jedoch keineswegs mit ähnlich surrealem Stress wie der, unter dem Du seit den frühen Morgenstunden stehst. Ungläubig gewahrst Du, dass heute, genau heute, die Stunde der Wahrheit gekommen sein soll, in der sie Wirklichkeit werden, die Fetisch-Fantasien, mit denen Du schon so oft eines schönen Morgens überfallen wurdest. Der Ernstfall. Tag X. Im Lichte des schockhaften Begreifens schaffst Du es nur mit knapper Not, Deinen labilen Kreislauf unter der Dusche zu stabilisieren und danach in das von O. gewünschte Outfit zu schlüpfen, ohne Dich allzusehr im Netzstrukturgarn des bauchfreien Langarm-Top zu verheddern. An Make-up ist nicht zu denken. Deine Finger zittern zu sehr.

Und auch Dein geliebtes Early-Morning-Tea-Ritual gestaltet sich viel schwieriger als sonst. Halbnackt. In Highheels an der Küchenzeile lehnend, musst Du energisch deine Knie durchdrücken und die Teetasse fest mit beiden Händen umklammert zum Mund führen, um die neuromuskulären Stressreaktionen Deines Körpers einigermassen zu kontrollieren. Dennoch kleckerst Du ein wenig heisse Flüssigkeit auf Deine nackten Oberschenkel. „Aua!“ fauchst Du, wütend auf Dich selbst. Da macht O. sich bereits geräuschvoll an Deiner fussbreit offenstehenden Haustür bemerkbar. „Baby! Heute bist du ja die absolute Bitch!“ stösst er hervor, als Du ihm auf wackligen Beinen entgegen gewankt kommst. „Findest du?“ fragst Du ungläubig. „Ja“ antwortet O. und lässt seine Blicke immer wieder über deinen Körper schweifen. Flackernder. Hungriger. Gieriger als jemals zuvor- „Wollen wir nach oben gehen?“ fragst Du schüchtern um die für solche Situationen unübliche Stille zwischen Dir und O. zu überbrücken. „Ja Bitch“ antwortet er.

Im Schlafzimmer, wo Du die Rollos heruntergelassen und einen anthrazitfarbigen Leinenüberwurf auf dem Bett ausgebreitet hast, ist zunächst alles so wie immer, zwischen Dir und O. Schnell. hart. Schmerzhaft. Achtlos vom Körper gestreifte und auf dem Fussboden verteilte Kleidung. Risse im Netz-Top. Kratz- und Biss-Spuren. Halblaut hervorgestossene Schimpfworte. „Bitch“. „Absolute Bitch“. Das ist das, was O. an diesem Tag immer wieder zu Dir sagt. Und trotzdem ist in all dem etwas sehr anders als bei Deinen sonstigen Zusammenkünften mit O. Er nimmt Dich von vorne, quer über Deiner Seite des Bettes liegend, das Du mit Deinem Mann teilst. Und während er in Dich eindringt, mit den für ihn typischen Stössen, mit denen er schon so viele Frauen genommen hat, nimmt, und noch nehmen wird, und während Du austerngleich Deine hochgeklappten Beine erst um seine Schultern legst und dann hinter seinem Nacken verschränkst um ihn näher an Dich heran und tiefer in Dich hineinzuziehen, denkst Du:

„ICH KENNE IHN“. Du weisst plötzlich, dass es nichts gibt was Euch trennt, Dich und O. Du weisst, dass er Dir nichts wirklich Schlimmes antun wird. Du weisst, dass er das, was Du ihm gibst, genausowenig von einer anderen Frau bekommen wird, wie Du jemals etwas Vergleichbares von einem anderen Mann. Du weisst, dass es einzigartig und NICHT austauschbar ist, was Ihr, bei aller vordergründigen Kühle und Distanz miteinander erlebt. Du weisst und spürst, während er Dich auf Deinem Ehebett nimmt, dass tatsächlich ein „Miteinander“, ein „Zusammen“, ein „Uns“ von Euch beiden existiert, so fragil es auch scheinen mag. Du weisst, dass er weiss, dass Du weisst. Du weisst plötzlich alles, bezüglich Dir und O. Für einen kurzen, luziden Moment des Verstehens gibt es keine Fragen mehr. Und deshalb fühlt es sich keineswegs kaputt oder verboten, unnormal oder unmoralisch an, was Ihr auf dem Ehebett in deinem Haus am 2.9.2017 miteinander tut. Ihr seid nur einfach ein Paar, das sich liebt. Ganz traditionell.

Dann aber kommt der Moment, in dem O. innehält in seinem scheinbar selbstvergessenen Tun und über Dir kniend auf Dich herabsieht. Sagen muss er nichts. Du weisst auch ohne Befehl, dass Du Dich nun unter ihm herauswinden, den Langhaarschneider auf Deiner Kommode vom Ladegerät nehmen und vor O. her ins Badezimmer gehen musst. Du weisst, dass Du Dich dort auf den himmelblauen Hartplastik-Hocker setzen, O. stumm die Haarschneidemaschine reichen und ihm Deinen Nacken darbieten musst. Du weisst sowieso einfach alles, an diesem einen ganz besonderen Tag. Trotzdem erschauerst Du ein wenig, als O. mit seinen Fingerspitzen prüfend über die Haare auf Deinem Hinterkopf fährt. Längs. Quer. Kreisförmig. Immer wieder. Als würde er die Energie von jedem kleinen Härchen fühlen und aufnehmen wollen. Für eine kurze, eigenartige Sekunde legt er seine Hand über deine Stirn und drückt deinen Kopf nach hinten, gegen seine nackte Bauchdecke, so dass Du seine Atmung spürst. Dann stellt er den Motor des Rasiergeräts an.

Das Vibrieren der Haarschneidemaschine, die O. langsam, fast andachtsvoll durch deine Haare gleiten lässt, erzeugt ein klopfendes Geräusch auf Deiner Schädeldecke. Es surrt, es puckert, es brummt, während O. das Gerät immer wieder über deine Kopfhaut führt und dabei leise auf Dich einspricht. „Warte da muss ich nochmal drüber“ sagt er. „Da hast du aber nen krassen Wirbel“. „Jetzt schaust du schon richtig flott aus!“ Ganz so, als ob er Dich beruhigen wollen würde. Jedenfalls geht er sehr sorgfältig mit Dir um. Er bemüht sich, Dir nicht unnötig weh zu tun. Er entschuldigt sich, wenn es ziept. Und er pustet sehr, wirklich sehr sanft die herabfallenden Härchen von Deinen Schultern, Deinem Nacken, Deinen Ohren. Man könnte fast denken, dass O. es geniesst, sich Dir und Deinem Körper auf diese Weise zuzuwenden. Und dass es seine Art ist, „Liebe“ zu zeigen und so etwas Ähnliches wie Verehrung auszudrücken. Nicht Dir als Person gegenüber, natürlich. Aber dem Objekt das Du für ihn bist. Dem schon.

Lange, sehr lange nachdem O. die Klinge des Haartrimmers zum ersten Mal angesetzt, zunächst von den Schläfen her einen Iro geschnitten und dann Dich vollkommen kahl geschoren hat, hält er inne und atmet hörbar aus. „Geil schaust du aus“ sagt er und dreht Deinen Kopf mit einem Zangengriff von oben hin und her. „Wirklich wunderschön!“ – „Wenn du meinst“ antwortest Du und blickst mit zurückgelegtem Kopf im Sitzen zu ihm hoch. „Du musst jetzt duschen, Baby“ sagt O. „Komm her. Ich helf dir ein bisschen!“ – „Danke“ antwortest Du und gewahrst ungläubig, dass O. Dich sanft und ehrfurchtsvoll zur Duschkabine geleitet, so als ob Du ein ganz besonders schützenswertes, zerbrechliches Wesen wärst. Und nicht nur das. Nackt wie er ist, schiebt er sich hinter Dir in den Regenspind. Zieht die Glastüre zu. Stellt die Dusche an. Nimmt, während das warme Wasser auf Euch herabrinnt, dein Gesicht in beide Hände. Schaut Dir in die Augen. Bis auf den Grund Deiner aufgewühlten Seele. Und küsst Dich.

Lang, intensiv, voller Leidenschaft. Mit vollkommen unverwandtem Blick. So küsst Dich O. an diesem einen, ganz besonderen Tag. „Da werden wir unseren Enkelkindern noch davon erzählen von dem was wir heute erleben“ stammelst Du zwischen zwei Knutschern. „Oh ja Baby“ antwortet O. Dann greift er nach dem Duschgel in der Wandvertiefung neben der Brausearmatur, lässt etwas davon auf Deinen frisch rasierten Schädel tropfen und seift Dich von oben bis unten ein. Viel, viel gründlicher als eigentlich nötig wäre. Denn direkt schmutzig bist Du ja nicht. Und die Härchen, die auf Deinem und seinem Körper von der Rasur zurückblieben, sind längst weggespült. O. aber lässt seine glatten, eingeschäumten Hände wieder und wieder über Deinen Körper gleiten und berührt Deinen Hals, deine Schultern, Deinen Bauch und Deinen Po so, als ob er nie wieder etwas anderes anfassen wollte. Am Ende kniet O. auf dem Boden der Duschwanne und wäscht Deine Oberschenkel, deine Waden und Knie. Und sieht sehr, sehr glücklich dabei aus.

„ER LIEBT MICH“ denkst Du, während O. Dich nach dem Duschbad in ein grosses Handtuch hüllt und ins Schlafzimmer zurück eskortiert. Nass, nackt, kahlgeschoren und vollkommen ungeschminkt wie Du bist, lässt Du Dich dort auf Deinem Bett ein zweites Mal von ihm nehmen. Und machst den Rim-Job für ihn, als gäbe es kein Morgen. Und ein Morgen gibt es auch nicht, nach einem solchen Tag. Nur ein Davor und ein Danach und selbst das ist vollkommen ungewiss. Deshalb bleibst Du, nach diesem doch sehr besonderen Liebesakt, einfach in Deinen Kissen liegen und betastetst Deinen haarlosen Kopf, während O. rasch seine rings ums Bett verteilten Kleider aufsammelt und sich anschickt, nun eilig von dannen zu kommen. Plötzlich wieder ganz wie immer. „Jetzt hast du halt noch ein bisschen Putzarbeit vor dir“ sagt er, nachdem er in sein schwarz-weiss gestreiftes Langarmshirt geschlüpft ist und den Gürtel seiner beigen Bermudas zugezogen hat. „Das schaffe ich schon“ antwortest Du, blickst zur Zimmerdecke und lächelst …