„Ja, O. Bitte NO CUT“ denkst Du, während Du am Ende der gemeinsamen Zeltwoche mit Deinem Sohn Eure Siebensachen auf die Fahrräder packst um zusammen mit ihm nach Hause zu strampeln. Nur dieses eine einzige Mal kein Abwürgen, kein Herunterdimmen dessen, was einmal in einer besonderen Situation an Offenheit und Nähe entstand. Sondern Aufrechterhalten, Bewahren der Gemeinsamkeit, des Verbundenseins. Über Gewitternächte, Fieberinfekte und Sex-Abenteuer hinaus. „Es wäre so schön“ denkst Du, innerlich seufzend. Denn, Du weisst: es wird ein Traum bleiben. Der Preis für das unerwartete Durchbrechen von radikaler, vorbehaltloser Nähe in Deiner Kommunikation, Deinen Kontakten mit O. ist die ebenso rigorose Ferne als Gegenpol. Die plötzlich einsetzende Kälte. Das hartnäckige Schweigen. Die Unerreichbarkeit. Sind in die Momente des Beieinanderseins eingeschrieben. Ein gleichmässig(er)es Dazwischen gibt es nicht. Gab es nicht. Wird es nie geben. Je mehr Du Dich daran abarbeitest, desto weniger.

Und richtig. Wie Du schon ahntest. Wie zu befürchten stand. Nach Deiner Rückkehr vom See ist der vor wenigen Tagen noch rührend um Dich besorgte O. nicht mehr vorhanden. Ausgelöscht. Wegradiert. Als hätte er nie existiert. Als hätte es die bewegenden Chats zwischen Deinem kleinen, unwetterumtobten Zelt am See und dem Haus mit den vielen Bildern niemals gegeben. „Freut mich“ antwortet er knapp, als Du Dich pflichtschuldig bei ihm zurückmeldest, kaum dass Du einen Fuss auf den Asphalt Deiner Stadt gesetzt hast. Dann jedoch nichts mehr. Tage vergehen. Leere breitet sich aus. Was Du tust. Wie es Dir geht. Wo Du bist. Es könnte egaler nicht sein. Und auch wie er selbst seine Tage verbringt, im sonnigen Spätsommer 2017 – Du bist es nicht wert, etwas davon zu erfahren. Erst als Du ihm schüchtern mitteilst, dass Dein Mann und Dein Sohn vor dem Ende der Ferien noch zwei Wochen auf der Insel im Mittelmeer verbringen werden, ändert sich O.s Chatgebaren. Frei nach dem Motto: nicht CUT. Sondern BUZZ CUT!!!

Milimeterkurz geschorenes Haar. So dass die Kopfhaut durchschimmert. Dazu dramatisches Augen-Make-up und sehr burschikose Kleidung. Mit diesem Look machen Role Models wie Cara Delevigne, Amber Rose oder Kirsten Stewart im Jahr 2017 Furore. Lassen sich feiern als Vorreiterinnen einer neuen, vom Langhaarstress befreiten Feminität. Nicht achtend, dass es unvordenklich bereits Sinead O‘ Connor, Jean Seberg und Mia Farrow gab, von Grace Jones, Annie Lennox oder Skin (Skunk Anansie) ganz zu schweigen. Und Jeanne d‘ Arc natürlich, die Erste Mutter aller kurzhaarigen, kämpferischen Frauen. Und, last but not least, Deine Wenigkeit, die sich bereits im Jahr 1985 von ihren Wuschel-Locken trennte. Und seitdem kurz-, sehr kurz-, noch kürzer gestylt daherkommt. Vor einem Maschinenhaarschnitt hast Du deshalb keine Angst. Im Gegenteil. „Es könnte cool sein“ denkst Du, als O. am 1.9.2017 um 5.24h schreibt: „Du. Ursula. Ich habe eine Bitte. Wenn wir uns morgen sehen. Darf ich dir dann deine Haare schneiden?“

„Das haben wir ja besprochen“ antwortest Du, während Du Dich bemühst wachzuwerden und Deine Kissen im Bett zurechtzuklopfen. „Also eine Glatze rasieren“ schreibt O. „Ja“ antwortest Du. „Echt?“ schreibt O. „Das haben wir vereinbart“ antwortest Du wieder. „Du hast einen Langhaarschneider oder?“ schreibt O. „Der funktioniert nicht gut“ antwortest Du. „Dann muss ich noch einen kaufen“ schreibt O. „Das wäre besser. Meiner ist nicht gut“ antwortest Du. „Und das geht echt in Ordnung?“ schreibt O. „Ja“ antwortest Du. „Krass“ schreibt O. „5 mm ok?“ tippst Du. Denn das ist die Buzz-Cut-Haarlänge von Cara und Co., soweit Du aus diversen People-Magazinen weisst. „Ja. So wie du es sagst so mach ich es! Absolut krass!“ schreibt O. „Das haben wir doch oft besprochen“ antwortest Du. „Ich dachte schon es interessiert Dich nicht mehr“ – „Es würde mich total aufgeilen dir die Haare zu schneiden!!!“ schreibt O. „Am besten ich komme zu dir. Und wir machen es in deiner Badewanne ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

„Natürlich musst du nackt sein wenn ich dich rasiere“ schreibt O. weiter und Du fühlst, wie seine steigende Erregung durch das Handy zu Dir dringt. „Nackt im Badezimmer auf einem Duschhocker gefesselt. Nur mit Highheels!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Denn Du weisst, dass es nicht gut wäre, den Fluss von O.s Phantasien jetzt zu stören. „Habt ihr einen Duschhocker?“ fragt O. „Einen hellblauen runden Hocker aus Kunststoff von Ikea“ antwortest Du. „Der eignet sich bestimmt!“ – „Oh ja“ schreibt O. „Babe das wird ne absolute Hammeraktion!“ – „Kommt mir auch so vor“ antwortest Du. „Es wird ein Höllentrip für dich werden!“ steigert O. weiter. „Ich kanns gerade gar nicht mehr erwarten!!! Ich will dich!!! Ich werde dich ganz heftig behandeln!! Du wirst es bereuen mir grünes Licht gegeben zu haben!!! Wirst dir im Nachhinein wünschen das es nie passiert wäre!!!“ – „Ich bleibe dabei“ antwortest Du. „Du kannst hierherkommen und mich haben!“ – „Und du weisst das ich dir deine Haare auf 1 mm abrasieren werde?“ schreibt O.

„5 mm wären mir lieber“ antwortest Du nach einer Schrecksekunde. „NEIN!! 1 mm!“ schreibt O. „Dann sehe ich schrecklich aus… das ist die ultimative Entstellung!“ antwortest Du. „Du wirst göttlich aussehen!“ tippt O. und Du glaubst zu fühlen, dass ihm wirklich ernst ist, was er schreibt. „Mein Gesicht ist gebräunt und meine Kopfhaut bleich“ antwortest Du. „Das wird schrecklich. Aber… ich akzeptiere es!“ – „Danke mein Engel! Ich liebe dich“ schreibt O. „Ich liebe Dich auch!“ antwortest Du. „Wir brauchen auch nen Staubsauger“ schreibt O., nun wieder ganz Pragmatiker. „Hab ich natürlich hier“ antwortest Du und fühlst Verzückung auf der anderen Seite Deines Handys. „Du bist einfach der Wahnsinn!“ tippt O. „Könntest du mir bitte den Gefallen tun und heute im Mediamarkt nen Langhaarschneider kaufen? Ich gebe dir dann das Geld!“ – „Hast Du selber denn keinen den Du mitbringen könntest?“ wagst Du zurüchzufragen. „Meiner ist leider schon kaputtgegangen“ schreibt O. „Ich rasier ja mittlerweile nass!“

„Ach so. Stimmt das sieht man“ antwortest Du. „Dann besorge ich nachher einen ok?“ – „Aber bitte einen wo man den Aufsatz runternehmen kann“ schreibt O. „Hoffe du weisst was ich meine!“ – „Ja. Ich glaube es gibt gar keine anderen“ antwortest Du. „Ok. Und er muss unbedingt mit Akkus sein!“ schreibt O. „Ja ich weiss. Und ich muss ihn dann aufladen“ antwortest Du. „Genau. Vergiss nicht ihn aufzuladen! Kannst mir ja dann Bilder davon schicken!“ schreibt O. „Ay ay, Sir!“ antwortest Du und tippst ein augenzwinkerndes Smiley daneben. „Kannst du noch Kondome kaufen?“ schreibt O. unbeirrt weiter. „Ganz dünne… gefühlsechte?“ – „Hey ganz was Neues!“ antwortest Du und versuchst dem Kellerloch, das sich in Deinem Inneren plötzlich auftut, möglichst keine Beachtung zu schenken. „Ja“ schreibt O. „Ok ich versuche es“ antwortest Du. Fünf beklemmende Minuten lang schreibt O. nicht zurück. Die plötzliche Stille lastet quälend in Deinem Schlafzimmer während draussen die Sonne aufgeht und einen herrlichen Tag verheisst.

Erst um 6.18h piept Dein Handy wieder. Mit dem Klingelton von O. „Hast recht“ schreibt er. „Keine Kondome. Ich steck ihn dir, wenn überhaupt, dann wie immer ohne Gummi von hinten rein!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich bin dir sehr dankbar das ich das alles jetzt so mit dir machen darf“ schreibt O. „Es geht damit einer meiner grössten Träume für mich in Erfüllung!“ – „Wir haben es ja sehr sehr lang immer wieder geplant“ antwortest Du. „Und jetzt ist es endlich soweit!“ schreibt O. „Ich muss mich jetzt anziehen und einkaufen fahren. Bis später meine Sexgöttin!“ – „Bis später mein Gebieter“ antwortest Du, reckst Dich in den Kissen zurecht und versuchst mit ein wenig progressiver Muskelentspannung etwas von dem Schockzustand und dem Vergiftungsgefühl das nach so einem Frühmorgen-Chat mit O. unweigerlich in Dir verbleibt, an die Bettwärme abzugeben. „Warum plötzlich Gummis“ denkst Du, während Du Deine Waden lockerst und wieder zusammenziehst. „Warum?“ Dass es nie eine Antwort gibt, ist Dir natürlich klar.

Später an diesem Tag stehst Du im Badezimmer vor dem Spiegel und befühlst mit den Händen Dein kurzes, weiches Haar, das erst vor einer guten Woche mit einem sehr vorteilhaften Konturschnitt in Form gebracht wurde. Du magst es sehr, so wie es gerade ist und spürst, wie in Deinem Inneren sich etwas dagegen auflehnt, es O. zu opfern. „Ich bekomme ja doch nichts dafür“ denkst Du. Den Langhaarschneider besorgst Du aber trotzdem. Genau wie das Gleitgel auf Aloe Vera Basis, die hauchdünnen Kondome, die glatte weisse Nylonstrumpfhose und die Hundeführleine mit Karabinerhaken aus zweifarbig ineinander geflochtenem Polypropylen, die O. Dir im Laufe des Tages noch zu beschaffen aufträgt. Natürlich ganz so, wie es seine Art ist: erst schon. Dann nicht. Und dann wieder doch. Du tust dies alles in einem innerlich distanzierten, Dich selbst dabei beobachtenden Zustand. Denn Du glaubst nicht wirklich, dass das Date stattfinden wird.  Zu oft schon hast Du es anders erlebt. Aber … Du irrst Dich …