27.11.2015. Nachdem O. gegangen ist, stellst Du Dich vor den grossen, goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses und betrachtest die derangierte, fremde Frau, die Du darin erblickst: Unter die Räder gekommen. Bedauernswert. Verstört. So siehst Du aus, in Deinem zerknüllten weissen Pulli und den Trümmern Deiner an Dir herabhängenden Jeans. Es dauert lang, bis Du Dich von diesem Anblick lösen kannst. Dann kauerst Du Dich auf den Gabeh-Teppich und legst den Nasch-Kalender, den Du von O. bekamst, auf Deine Knie. Vertiefst Dich in das Bild des Großstadt-Engels auf der Vorderseite. Zeichnest die Konturen seiner hellgelben Flügel mit den Fingerspitzen nach. Und die der langen Haarsträhnen, die sein Gesicht verhüllen. Als Du damit fertig bist, drehst Du den Kalender um und beschäftigst Dich mit den Namen der in ihm enthaltenen Schokoladenkreationen. Es sind Namen voller Exotik und Verheissung wie Chashewpfeffer und Chai. Voller Suchtpotential wie Guarana. Voll Wehmut wie Bittersmart. Eben einfach: wie O.

Dass O.s facettenreiches Geschenk einen hohen Preis von Dir fordern wird, ahnst Du zu diesem Zeitpunkt nicht. Du bist einfach nur auf kaputte, tief erschöpfte Weise glücklich. Nimmst Dein Smartphone. Machst ein paar Bilder vom Aussenkarton des Adventskalenders. Und von dem, was O. von Deiner einstigen Lieblingsjeans an Deinem Körper übrig liess. Dann kriechst Du auf allen Vieren zum Sofa und nimmst Dir die gehäkelte Patchworkdecke, die dort liegt. Ein Relikt aus der Zeit Deines Lebens vor O. Ein Stück heile Welt. Bunt. Warm. Akkurat zusammengefaltet. Angefertigt von Deiner Oma, als sie schon sehr alt und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, Filethäkelei aber immer noch perfekt beherrschte. Du kuschelst Dich hinein und rollst Dich, so wie Du bist, auf dem Gabeh-Teppich zusammen. Fühlst, wie der Schockzustand, der von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieb, allmählich abklingt. Bist dankbar für die Wurzeln, die Ressourcen, die das Leben Dir gab. Die O. leider nicht hat. Schläfst ein.

Du lässt zwei Tage vergehen. Verbringst viel Zeit mit Deinem Sohn, der am Klavier die Chorstücke des Weihnachtsoratoriums von Bach einübt. Für einen wichtigen Auftritt in einem der großen Konzertsäle Eurer Stadt. Während Du ihm zuhörst, bemerkst Du, dass er sich verändert hat, in den drei Monaten Deines Wartens auf die Begegnung mit O. Größer und ernsthafter ist er geworden, weniger kindlich. Du bist stolz auf ihn. Und schämst Dich gleichzeitig, ihn so wenig beachtet zu haben in letzter Zeit. Du nimmst Dir vor, das zu ändern. Aber am 29.11.2015, dem Abend des ersten Sonntags im Advent, überfällt Dich eine Art innerer Zwang. Du scrollst durch die Galerie Deines Handys. Und lädst schließlich eine Deiner Fotografien von O.s Engelskalender als neues Profilbild auf Whatsapp hoch. Es sieht magisch und cool aus. Einigen Deiner Freunde fällt es sofort auf. Von O. selbst hörst Du allerdings nichts. Daraufhin stürzt, mit Einbruch der Nacht, Deine mühsam gewonnene Stabilität in sich zusammen.

Um 21.03h empfindest Du die Situtation als unerträglich. Und tust das, was Du eigentlich keinesfalls machen wolltest: Du nimmst Dein Handy, klickst Dich in Deine Chats mit O., der zum Glück nicht online ist und schreibst: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent! Dein Adventskalender bedeutet mir sehr viel, wie Du an dem geänderten Profilbild sehen kannst. Ich stehe noch völlig unter dem Eindruck der Begegnung mit Dir. Ich bin unglaublich davon beeindruckt, wie losgelöst, fast heiter Du Dich der Situtation  mit Deiner Freundin stellst. Es hat mich sehr bewegt und auch beschämt. Meine Bilder kommen  mir so banal und unpassend vor! Aber ich bin gerne weiterhin Deine heimliche Geliebte die für ein klein wenig Abwechslung sorgt wenn Du das möchtest. Danke nochmal für alles. Danke dass Du da warst. Die 100.- Euro hab ich auf die Seite getan. Ich will mir irgendwann mal was ganz Schönes dafür kaufen was mich an Dich erinnert. Im Moment habe ich aber keinen Plan was es sein könnte. Kuss! U.“

Der Abend vergeht mit lastendem Schweigen. Du wagst nicht mehr nachzusehen, ob O. Deine Nachrichten abruft. Bedrückt und einsam, ohne noch einmal aufs Handy zu schauen, gehst Du zu Bett. Erst am nächsten Morgen stellst Du fest, dass O. Dir tief in der Nacht geantwortet hat. „Guten Morgen!“ schrieb er um 3.59h. „Das ist ja lieb das du den Kalender als neues Profilfoto hast! Mir hat es auch gut getan dich am Freitag zu sehen!!! Und es war super geil dich in den Schuhen zu sehen!!! Und vor allem das du mir mein Arschloch geleckt hast!!! Kuss“ – „Was könnte es Schöneres geben als das nach so langer Zeit mal wieder zu machen ?“ schreibst Du ergriffen zurück. „Nichts!!!“ Dann suchst Du in Deinem Handy nach bisher unversendeten Bildern von den schwarzen Schuhen. Findest zwei, auf denen Deine Beine in hellbeigen, halterlosen Strümpfen und den schwarz glitzernden Peeptoes verführerisch in die Luft ragen. Schickst sie O. Hoffst. Wartest. Auf eine frivole, freche Antwort. Den ganzen langen Tag. Vergebens.

Am Dienstag, den 1.12.2015 stökelst Du vormittags frisch geduscht, in hellen halterlosen Strümpfen und auf weiss schimmernden Highheels ins Schlafzimmer. Nimmst O.s Adventskalender von der Kommode, drehst ihn um, schiebst sehr vorsichtig Deine Hand ins Innere der Kartonage und fischst mit spitzen Fingern das erste runde Schokoladentäfelchen heraus. Von der Rückseite her. Um möglichst NICHTS von der Aussenverpackung, vor allem aber nicht das Engelsmotiv auf der Vorderseite zu beschädigen. Es geht sehr gut. Erleichtert lässt Du die kleine, muschelfarbige Schokoscheibe auf Deiner Handinnenfläche ruhen. Bewunderst die feine Gravur mit geometrischen Mustern. Fotografierst sie auf Deiner flachen Hand, so dass Deine nackte Brust im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Dann legst Du Dich sanft aufs Bett, platzierst das Schokoladenmedaillon auf Deinem Bauch, zwischen Jugendstiltattoo und Nabel. Machst viele weitere Bilder. Erst dann gestattest Du der Hanf-Nougat-Kreation in Deinem Mund zu zergehen.

Spätnachmittags, bei Einbruch der Dämmerung,  schickst Du einige der Bilder an O. Stolz. Voller Zuversicht, dass sie ihm gefallen werden. „Es schmeckt wirklich fantastisch!“ schreibst Du dazu und tippst fünf Whatsapp-Kussmund-Lippen hinterher. Jedoch. O. ruft die Bilder zwar ab. Antwortet aber nicht. Weder an diesem Tag, noch an den folgenden, an denen Du ihn mit weiteren Fotos von runden Schokoladenplättchen auf Deinem halbnackten Körper versorgst. Und mit Beschreibungen deiner Geschmackserlebnisse samt der Fantasien die sie in Dir auslösen. Am 7.12.2015 kannst Du kurz aufatmen. „Guten Morgen. Freut mich das die Schokolade dir so gut schmeckt!“ schreibt O. an diesem Tag um 7.51h. Dann aber verfällt er wieder in Schweigen. Und lässt Dich mit deinem Gefühlschaos allein. Fast die ganze lange Adventszeit über, die so interessant und verheissungsvoll für Dich begann. Und nun in Ratlosigkeit und Düsternis zu enden droht. Was Du auch tust. Was immer Du auch versuchst. Es endet stets gleich. O. schweigt.

Am 15.12.2015 gibst Du das Fotografieren von Schokolade auf. Stattdessen nimmst Du die beiden 50-Euro-Scheine, die Du von O. bekamst, aus der Schublade Deiner Kommode, fährst damit in die City und betrittst zum ersten Mal in Deinem Leben den großen Erotikshop in der Fussgängerzone Eurer Stadt. Findest Dich erstaunlich schnell zwischen kichernden Teenagern und verklemmten Paaren mit Shades-of-Grey-Ambitionen zurecht. Stellst fest, dass Du eine Art intuitives Wissen erworben hast, durch welche Dessous Du zu dem spinxhaften Wunderwesen wirst, das O. während er Momente Deiner Idealisierung in Dir sah. Kaufst Netzcatsuits in verschiedenen Ausführungen und Farben. Burlesque-Handschuhe und Halsbänder aus Samt. Im Wert von 78,10. Fährst nach Hause. Duschst. Schminkst Dich stark. Schlüpfst in einen schwarzen Netzcatsuit mit Neckholder-Trägern und in die Peeptoes, die Du trugst beim Besuch von O. Nimmst den Selfiestick. Wirfst Dich im Schlafzimmer aufs Bett. Machst viele, viele Bilder für O.

„Geil“ schreibt O., als Du ihm am Morgen des folgenden Tages die Bilder schickst. „Darf ich Dich in dem Catsuit auch anpissen?“ – „Ja“ antwortest Du und fühlst Dich plötzlich als vollkommene Herrin des Geschehens. „Babe. Du bist einfach die beste sexy Lady aller Zeiten!!!“ textet O. „Ich liebe dich für deine Geilheit. Wenn du kannst, dann mach bitte heute noch neue Bilder für mich. Ich brauche es sooo sehr das du das für mich tust. Und auch ein paar schöne sms könnte ich im Moment sehr gut von Dir gebrauchen!“ – „Ich wollte Dir eh gerade noch sagen wie sehr ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Ich bin Dir so dankbar für alles was Du mir das ganze Jahr über gegeben hast.“ – „Bitte mein Schatz!“ textet O. zurück, „wenn du noch Zeit und Lust hast, dann schreibe mir ein paar schöne und geile Nachrichten!!!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du. Dann aber lehnst Du Dich erstmal auf Deiner Küchenbank zurück und atmest tief durch. „Sex zieht doch immer“ denkst Du und weisst: Du hast es mal wieder geschafft.

Am 23.12.2015 sind Dein Mann und Dein Sohn vormittags damit beschäftigt, gemeinsam eine Nordmanntanne auf der Terasse Eures Hauses aufzustellen und sie mit bunten LED-Girlanden zu schmücken. Du nutzst die Chance, Dich im Badezimmer einzusperren und die letzten vorweihnachtlichen Bilder zu machen für O. In Jeans, schwarzen Highheels und einem brustfreien, schwarzen BH. Am Abend, als der Schein der farbigen Lichter in der klaren Winterluft Euer Wohnzimmer in Vorfreude und Erwartung taucht, schickst Du die Bilder an O. „Weihnachten heißt an Dich zu denken!“ schreibst Du dazu. „Heute hat Lolos kleiner Neffe bei uns angerufen!!!“ schreibt O. nach einer Stunde zurück. „Er wollte zu mir kommen zum Spielen!!! Mit den Playmobilsachen die ich habe!!! Ich liebe Playmobil!!! Aber seine Mutter lässt ihn ja nicht kommen!!! Das hat mich richtig traurig gemacht!!! Weihnachten ist überhaupt ne schwierige Zeit für mich!!! Danke das du für mich da bist!!!“ – „O.! Ich werde IMMER für Dich da sein!!!“ antwortest Du. Und schickst ein grosses, rotes, pulsierendes Whatsapp-Herz hinterher…

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin