Eigentlich hattest Du gehofft, mal so richtig weinen zu können, auf diesem kleinen Dorffriedhof, am Grab der Mutter von O. All die über zwei Jahre hinweg in Dir angestaute Verzweiflung in Tränen zu verwandeln. Und dann loszulassen. Du hattest auch erwartet, eine Art weiblicher Verbundenheit zu spüren mit der Frau, die hier im Schatten der weissen, ziegelgedeckten Mauer auf der Höhe oberhalb der Maisfelder ihre letzte Ruhe fand. Doch nun stehst Du da und gewahrst nur, dass hier offenbar ständig ein eigenartig rauher Wind weht, der an Deinem Blusen-Top zerrt und reisst. Nichts sonst. Kein Spiegeln. Kein Erkennen. Kein Verstehen. Wenn Du je wissen wolltest, wie absolute Lieblosigkeit sich anfühlt, so erahnst Du es jetzt: Bleiern. Und gleichzeitig leer. Du wendest Dich ab. Gehst langsam zu einer dunkel gestrichenen Sitzbank ohne Rückenlehne vorderhalb der Gräberreihen. Setzst Dich, weggewendet vom Grab. Blickst hinaus in das helle Land jenseits der Friedhofsmauer. Atmest durch.

Für etwa eine halbe Stunde bleibst Du einfach nur sitzen, auf diesem schmalen Grenzstreifen zwischen dem offenen Leben vor Dir und der Sphäre schiksalhaft Dahingegangener in deinem Rücken. Verlierst Dich im Anblick der riesigen Cumuluswolken, die scheinbar reglos am Himmel stehen. Sonnendurchflutet. Strahlend weiss. Überirdisch schön. Und denkst: „Gut, hier zu sein. Gut, es gesehen zu haben.“ Denn. Zwar hast Du nichts gefühlt. Nicht das, was Du erwartet hattest. Und Neues herausgefunden hast Du auch nicht. Aber viel verstanden hast Du, in diesen Minuten am Nicht-Gedenkstein der Mutter von O. Das Unrecht, das ihr und ihren Söhnen widerfuhr, wurde niemals abgegolten. Deshalb liegt sie hier unver-SÖHNT. Während das, was von O.s Seele aus seiner Kindheit übrig blieb, ruhelos durch die Welt driftet. Fern von Heimatboden, Sippe, Genealogie. Vernetzt mit Orten des Kummers. Der Sorge. Der Angst. Leeren Häusern. Klinikwelten. Leichenäckern. Kurz: zu Hause im Terrain von Krankheit. Schmerz. VON TOD.

Du beschliesst, den langen Weg nach Haus zu nehmen, nach diesem Moment des Verstehens. Die längste, die beschwerlichste Route von O.s Heimatdorf zurück in die Stadt. Denn: Du musst etwas spüren. Deinen Körper. Dich selbst. Und etwas von O. Die Mühsal SEINES Weges aus dem Dorf seiner Kindheit bis hin zum Haus mit den vielen Bildern am Puls der Urbanität. Vom Ort seiner Quasi-Zerstörung bis dahin, wo er sich selbst als fragil-dämonischer Herrscher eines moribunden Reiches neu erschuf. So schwingst Du Dich auf Dein Fahrrad und fährst die kurvige Landstrasse bergab, tausend Maisfelder lang, ohne anzuhalten. Folgst dem vielbefahrenen, unfallträchtigen Teilstück der Staatstrasse durch den öden, dunklen Bannwald östlich der Stadt. Hangelst Dich über Schotterpisten und Feldwege. Vorbei an Pferdekoppeln, Baumärkten und Mini-Bordellen. Zum ehemaligen Flughafen, den heute eine seelenlose Trabantensiedlung umgibt. Und weiter. Meile um Meile. Mit dem ungefederten Fahrrad auf der rumpeligen, alten Ausfallstrasse ins Innere der City.

Der Abend fällt bereits ein, als Du zu Hause ankommst. Verschwitzt. Durchgeschüttelt. Erschöpft. So wie Du es wolltest. Um die Härte von O.s Vita in Dir zu spüren. Im Nacken. Im Rücken. In den Knien. Und im limbischen System, wo Sehnsüchte und Ängste in den Tiefen des menschlichen Bewusstseins aufbewahrt werden. Nachdem Du geduscht hast, wickelst Du Dich in ein blau-weiss gestreiftes Hamam-Tuch, das Dein Mann Dir zum Geburtstag schenkte und nimmst Dir ein paar Alcopops mit Mojito-Geschmack aus dem Kühlschrank. Du gehst damit nach oben, setzst Dich an das weisse Tischchen auf dem gartenseitigen Balkon deines Hauses, lehnst Dich zurück und schaust in den Sternenhimmel. Es ist eine klare Spätsommernacht und je mehr von der gezuckerten, alkoholischen Flüssigkeit sich in Deinem Körper verteilt, desto mehr Sternschnuppen siehst Du in der Dunkelheit aufblitzen. Du hättest nun einige Wünsche frei. Jedoch. So sehr Du auch überlegst und an O. dabei denkst. Dir fällt KEIN Sternschnuppenwunsch ein.