Come all ye Faithful …

Ein milder, fast frühlingshafter Winter kündigt sich an. Dein Fahrrad trägt Dich durch ruhige Tage und sanftes Licht. Die Weihnachtszeit hat begonnen. Dein Sohn hat viele Auftritte und Konzerte. Von O. hörst Du nichts. Dein Flirtpartner vom Tanzfest kümmert sich dafür umso intensiver um Dich. Er schreibt Dir oft. Lädt Dich ein, zu Spaziergängen und Besuchen in Szenerestaurants. Beschenkt Dich mit teurem Parfüm und macht Dir erhebende Komplimente. Du seist für ihn DIE Farbe der Natur, schreibt er einmal. Mädchenhaft. Lebendig. Temperamentvoll. Seine Verehrung tut Dir gut. Du triffst Dich ein paarmal mit ihm. Genießst es, daß jemand Zeit hat für Dich. Wert legt auf Nähe und Zärtlichkeit. Dich umsorgt. Verwöhnt. O. vergessen machen kann er jedoch nicht. Im Gegenteil. Du sehnst Dich täglich mehr nach dessen gebieterischen Sms. Vermisst es, von ihm befehligt zu werden. Und fragst Dich auch ob er etwa spüren kann, daß jemand anderer Dir nahe ist. Denn eines Tages geschieht etwas Merkwürdiges.

Dienstag, 16.12.2014, 17 Uhr. Du begleitest Deinen Sohn zu einem Musik-Event in einer Jugendstilvilla im Osten der Stadt. Sobald Du ihn dorthin gebracht hast, möchtest Du Dich mit Deinem neuen Verehrer treffen. Zum Abendessen. Und für ein wenig Zärtlichkeit im Auto. Du freust Dich auf das Date. Noch mehr aber freust Du Dich, als Du, am U-Bahnsteig stehend, plötzlich eine Sms bekommst von O. „Hallo meine Schlampe!“ schreibt er. „Willst es vor den Feiertagen noch mit mir machen?“ – „Warum nicht?“ antwortest Du, um Coolness bemüht. „Würde es auch jetzt bei Dir gehen?“ fragt O. „Jetzt leider nicht“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Ich bin gerade unterwegs zu einem Konzert von meinem Sohn“ antwortest Du. „Schade!“ schreibt O. „Dann bis bald, Du Schlampe!“ In eigenartig elektrifiziertem Zustand erreichst Du zusammen mit Deinem Sohn den Ort seines Auftritts. Verabschiedest Dich rasch von ihm und hältst seltsam unbeteiligt Ausschau nach dem Wagen Deines neuen Freundes. Kein Zweifel, denkst Du, wer wirklich hier das Sagen hat …

Mittwoch, 17.12.2014, 0.25 Uhr. Du bist wieder zu Hause. Dein Sohn schläft. Dein Mann ist unterwegs, irgendwo. Du selber sitzst bei Tee und Musik auf der Wohnzimmercouch. Das Handy piept. Dein neuer Lover bedankt sich überschwänglich für die Stunden mit Dir. Bevor Du ihm antworten kannst piept Dein Handy erneut. „Hallo Süße!“ schreibt O., „Kannst Du noch rauskommen?“ – „Ich will bald schlafen gehen“ antwortest Du. Kurze Stille. Dann: „Süße, ich muß ehrlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Ich hab jemanden kennengelernt!!!“ Dein Herzschlag setzt aus. Etwas Buntes flimmert vor Deinen Augen. Eine Erdspalte scheint sich zu öffnen, unter Dir. Da ist er, der Moment, vor dem Du seit Monaten Angst hast. Der Moment in dem Du entsorgt wirst. Ausgetauscht gegen eine andere Frau. Und O. verlierst. Du willst nur Eines: Dein Gesicht wahren. Deshalb schaltest Du auf Überlebensmodus und schreibst: „Ok. Dann kann auch ich ehrlich sein zu Dir, oder?“ – „Natürlich!“ schreibt O. „Gut. Erzähl.“ schreibst Du und krümmst Dich über Deinem Handy zusammen. „Nein! Erst Du!“ befiehlt O.

„Also.“, schreibst Du, „Ich kenne seit dem Tanzfest vor zwei Wochen einen Mann mit dem ich mich ganz gut verstehe. Heute abend hat er sich mit mir getroffen und es im Auto mit mir gemacht. Ich war nicht in dem Konzert von meinem Sohn.“ – „Und wie ist es mit Dir?“ schiebst Du nach einer kleinen Pause hinterher. „Ich habe niemanden kennengelernt!!!“ antwortet O. „Das war ein Trick. Ich wollte endlich wissen ob Du es mit anderen Typen treibst. Du bist eine dreckige Schlampe!!! Du hast alles zerstört!!!“ Fassungslos siehst Du zu wie die tektonische Spalte unmittelbar vor Deinen Füßen breiter wird. Der klaffende Abgrund direkt unter Dir scheint bis zum Erdmittelpunkt zu reichen. Felsstücke brechen weg. Mit drei Sms ins Ausweglose geführt. Das ist es was O. soeben mit Dir gemacht hat. Er hat Dich überlistet. Aus der Reserve gelockt. Deine Verlustangst geschürt. Dich dann entlarvt und sich selber weißgewaschen. Präzise. Instinktgesteuert. Elegant. Gnadenlos. Nun kann er Dich entsorgen und Dir obendrein die Verantwortung für Euer Scheitern aufbürden. „Chapeau, O.“, denkst Du, bevor Du ins Bodenlose fällst.

Das Erwachen nach dem Sturz ist grausam. Wieder einmal quälst Du Dich mit labilem Kreislauf über einen Vormittag. Ratlos. Entwaffnet. Aller Möglichkeiten beraubt. Und dennoch kommt Dir alles seltsam unwirklich vor. Wie ein Spiel. Nach zwei Tassen Tee greifst Du zum Handy und schreibst: „Verzeih mir O.! Ich will in Wirklichkeit nur Dich!“ Du richtest Dich auf eine lange Stille ein. Aber um 17 Uhr piept Dein Handy. „Sei ehrlich Babe!“ schreibt O. „Hat er es Dir wenigstens geil besorgt mit seinem großen Schwanz? – „Nein!“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Er hats einfach nicht drauf!“ schreibst Du. „Das tut mir sehr leid für Dich!!!“ schreibt O. und Du kannst seine Häme durch Dein Handy hindurch spüren. „Denn ich werde es Dir jetzt auch nicht mehr besorgen!!! Ich werde es gleich morgen früh mit einer Anderen machen!!! Nach Weihnachten kommst Du dann zu mir!! Ich fessel und mißhandel Dich! Du mußt mein Arschloch küssen und meine Pisse trinken!! Nur wenn Du das alles tust könnte ich Dir vielleicht verzeihen!!!“

Donnerstag, 18.12.2014, 4Uhr. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. Sonst nichts. Ungefähr eine Stunde lang liegst Du wie ermordet da. Gelähmt von der Vorstellung daß O. genau jetzt einer Frau in hochhackigen Schuhen die Tür zu seinem Wagen öffnet und sie mit sich nimmt um Sex mit ihr zu haben, an einem unbekannten Ort. Und Dich damit zu bestrafen. Aber weißt Du ob es auch wirklich so ist? Es gibt nie eine eindeutige Realität im Dunstkreis von O. Es könnte immer alles auch anders ein. Das ist das Gnädige an dieser Scheinwelt. Es kann Dich auch kalt lassen. Es ist genauso relativ und diffus wie alles was O. sagt und tut. Du setzst Dich in Deinen Kissen zurecht und besinnst Dich auf die Möglichkeiten die Du hast. Dann nimmst Du Dein Handy und wünschst Deinem Flirtpartner vom Tanzfest einen wunderschönen guten Morgen. Er antwortet sofort. Verabredet sich mit Dir für den Vormittag. Du besuchst ihn für zwei Stunden in seinem kuschelig eingerichteten Hobbyraum abseits der Hauptwohnung. Und am Nachmittag kontaktierst Du O.

17 Uhr. „Ich hab heute nochmal den Anderen getroffen“ tippst Du in Dein Handy. „Es war ganz schön“. Du wartest auf die Carosse de Retour von O. Bist auf wilde Tiraden gefaßt. Und auf die Schilderung sexueller Triumphe. Doch O. wirkt seltsam dünnhäutig als er Dir antwortet. Gar nicht wie jemand der sich amourös ausgetobt hat. Eher verletzt. Resigniert. „Du bist ja sowas von blöd“ schreibt er. „Lass mich in Ruhe mit Deinen Geschichten! Ich hab echt keinen Bock auf Märchenstunde!!“ – „Es ist kein Märchen!“ antwortest Du. „Ich hab es nicht nötig sowas zu erfinden!“ – „Dann laß mich trotzdem in Ruhe!“ schreibt O.  22Uhr. Du wärmst Dich vor dem Kaminofen. Dein Handy piept. „War er zärtlich zu Dir?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „So zärtlich wie ich es von Dir gern hätte, eigentlich!“ – „Da kannst Du lang drauf warten, dämliche Schlampe!!“ kontert O. „Ich werde niemals mit Dir kuscheln!!! Du bist wirklich nur für Eines gut!!!“ – „Sollten wir uns dann nicht besser trennen?“ fragst Du. „Nein!!“ antwortet O. „Denn Du bist zwar total dämlich und behindert, aber ich liebe Dich!!!“

Montag, 22.12.2014. Die Weihnachtstage kommen näher. Und O.s Chatverhalten wird zunehmend unberechenbarer und bizarrer. Sexuell aufgeladene Ein-Wort-Sms im kategorischen Imperativ. Erotische Dekrete. Verbale Herabsetzungen im Wechsel mit Liebesschwüren und dem Flehen um Beachtung. Sie alle fluten Dein Handy, frühmorgens oder nachts. Wenn Du versuchst darauf einzugehen kommt meistens nichts zurück. Ähnlich wie in den Wochen bevor seine Mutter starb, droht O. zu entschwinden, im Gespinst einer Gefühlswelt das für Dich unentwirrbar ist. Das Fest der Lichter und Geschenke, es scheint O.s Herz eher zu verdüstern anstatt es zu erhellen. Und Du mußt aufpassen nicht mit in seine  Dunkelheit gezogen zu werden. In den Nächten sitzst Du weiterhin viel vor dem PC. Ein neuer psychologischer Begriff beschäftigt Dich: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Und Du versuchst Näheres über O.s Lebensumstände in Erfahrung zu bringen. Vor allem möchtest Du endlich wissen WO in Deiner Stadt er wohnt. Jedoch, das allwissende Internet, es gibt O.s Geheimnisse nicht preis.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Feuilles Mortes

Montag, 6.Oktober 2014 8h. Der Herbst des Jahres ist sehr schnell gekommen. Jeden Morgen begleitest Du Deinen Sohn auf nebligen Strassen mit dem Fahrrad zu seiner idyllischen, kleinen Schule, die am südlichen Rand Eurer Stadt an ein Marienkloster angeschlossen ist. Während er Dir am Schultor zuwinkt, schaltest Du Dein Handy ein. Seit Deinem letzten Besuch im Haus mit den vielen Bildern hast Du nichts mehr von O. gehört. Kein Anruf. Keine Stimme auf der Mailbox. Keine Sms. Zwei volle Wochen lang: Nichts. Du kennst dieses Nichts inzwischen etwas besser als zu Beginn Eurer Freundschaft. Kennst die Gefühle, die es in Dir auslöst: Verwirrung. Verlustangst. Unsicherheit. Scham. Kennst die bangen Fragen, die es aufwirft. Spürst, wie sie verhindern, dass Du Dich innerlich einem anderen Thema zuwendest. Weisst aber auch, dass das Nichts irgendwann endet, wenn es Dir gelingt, tapfer und geduldig zu sein. Und heute ist es soweit. Gerade als Du auf Dein Rad steigen und nach Hause fahren willst piept Dein Handy. Charming Bell. Der Klingelton von O.

„Guten Morgen!“ schreibt er. „Guten Morgen“ schreibst Du zurück und lehnst Dein Fahrrad an der Friedhofsmauer vom Marienkloster an. „Hast Du es mit Anderen gemacht?“ fragt O. „Nein!“ antwortest Du. „Sei ehrlich, Schlampe!!!“ schreibt O. „Wirklich nicht!“ schreibst Du. „Ich will und brauch nur Dich!“ – „Ok“ schreibt O. Du suchst Halt an der Friedhofsmauer und versuchst innerlich in Deckung zu gehen vor den Fragesalven, die O. nun sicher gleich auf Dich abfeuern wird. Oder will er Dich jetzt sofort sehen? Nein, stellst Du fest, während die Oktoberkälte unter Deinen Parka kriecht. O. schreibt nicht mehr zurück. Du fährst nach Hause. Wärmst Dich auf. Googelst nachmittags am PC den Begriff Projektion. Ein psychischer Abwehrmechanismus, unverzichtbar im Selbstverteidigungsarsenal von Borderlinern, die ihn nutzen, um eigenes Fehlverhalten auszulagern, in ein Schattenreich, fern ihrer selbst. Indem sie es massiv dem Gegenüber unterstellen. Promisk zu sein, etwa …

Mittwoch, 8. 10.2014 Ein ruhiger Tag. Von O.? Nichts. Die Frage die er Dir gestellt hat, lässt Dir allerdings keine Ruhe. Wie kann er von Dir glauben, dass Du in den beiden Wochen seines Schweigens mit MEHREREN anderen Männern zusammengewesen wärst? Gegen Abend schreibst Du ihm, dass es keinen Mann in Deinem Umfeld gibt, für den Du annähernd so empfinden könntest wie für O. Dass es unvergleichlich und einzigartig für Dich ist, was Du mit ihm erlebst. Dass Du es niemals entwerten wollen würdest durch ein banales sexuelles Erlebnis mit irgendwem. Dass Du gern erfahren würdest, wie, wo und mit wem ER die vergangenen 14 Tage verbracht hat, schreibst Du ihm nicht. Und auch nicht, wie beleidigend Du seine Frage für sich genommen eigentlich findest. Beleidigend für Dich, aber auch für ihn selbst und für die schmerzlich-schöne letzte Begegnung die Ihr hattet. Du willst ihn nicht verärgern, jetzt, wo er von sich aus wieder mit Dir in Kontakt getreten ist. Deshalb bist Du sehr auf Deiner Hut.

Donnerstag, 9.10.2014 8h. Im Schatten des Marienklosters. Wieder schaltest Du Dein Handy ein. O. hat geschrieben, zu ganz früher Morgenstunde. „Ich will Dir einfach mal sagen dass ich sehr glücklich bin dass es Dich in meinem Leben gibt!“ textete er, während Du noch schliefst. Eine kleine Woge von Endorphinen strömt durch Dich hindurch. „Ich bin da auch sehr glücklich drüber !“ schreibst Du und schaust erwartungsvoll aufs Display. Jedoch, es kommt nichts mehr zurück. Im Lauf des sonnenlosen Tages verwandelt sich Dein morgendliches Hochgefühl. In Enttäuschung. Traurigkeit. Ärger auf Dich selbst. Du hättest so gerne mit O. gechattet. Warum musstest Du schlafen, unverzeihlicherweise genau dann, als er Gefühle und Gedanken mit Dir teilen wollte? Du fühlst Dich unzulänglich, mittelmäßig, wertlos. Dein Lebensstil ist zu philiströs für einen bohemienhaften Grenzgänger wie ihn. Viel zu normal. Zu langweilig. Zu angepasst. Das ist die eigentliche Botschaft die am Ende des Tages bleibt, von O.s morgendlicher Sms …

Freitag, 10.10.2014 14h. O. schreibt, unvermutet. „Du wohnst doch in der Nähe von der Parkanlage die hinter dem Haus anfängt wo wir uns kennengelernt haben, oder?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du. „Soll ich da jetzt hinkommen?“ – „Jetzt nicht!!!“ antwortet O. „Wollte es nur wissen. Aber vielleicht kannst ja mit dem Radl nachts mal für nen Autofick zu dem Parkplatz kommen der da ist!!!“ – „Doch, das könnte ich!“ schreibst Du. „Ich würde aber wollen dass Du nichts unter Deinem Mantel anhast wennst mit dem Rad kommst! Nur Schuhe und halterlose Strümpfe!“ schreibt O. „Das krieg ich hin!“ schreibst Du. „Auch wenns noch kälter ist als jetzt?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Babe, Du bist einfach der Wahnsinn!!!“ schreibt O. Du kannst seine Begeisterung förmlich durch Dein Smartphone spüren. „Ich liebe es an Dir dass Du einfach alles für mich tust!“ – Und ich liebe es das zu machen!“ antwortest Du. „Ich würde noch viel mehr für Dich tun als nackt mit dem Rad durch die Kälte zu fahren!“ – „Danke Babe. Ich liebe Dich“ schreibt O.

Samstag, 11.10.2014 1h. Du versuchst zu schlafen. O. hat Dir ja eine wunderbare Glückspille verabreicht, heute. Es tat Dir gut zu erfahren, dass er nach wie vor besondere Pläne mit Dir hat, dass Du – wieder oder immer noch – Gegenstand seiner erotischen Phantasien und Ideen bist. Dass Du eine Rolle spielst im Reich seiner Imaginationen, und zwar eine die Dir sehr gefällt. Du brennst darauf, mit dem Fahrrad tief nachts in Highheels und Strümpfen irgendwohin zu kommen, wo er im Auto auf Dich wartet. Und dennoch hat O.s Sedativum einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Die Art, wie er über diesen Parkplatz ganz in Deiner Nähe schrieb, sie legte nahe dass er dort nicht zum ersten Mal sein würde, beim Date mit Dir. Es peinigt Dich, Dir vorstellen zu müssen, dass er öfter jemanden treffen könnte, an diesem unbesuchten Ort, frühmorgens, während Du Dich hier im Halbschlaf nach ihm sehnst. Und dass er schon viele Frauen dort erwartet hat, in all den Jahren, bevor Du ihm und seinen dunklen Träumen begegnet warst.

Es ist einer jener Momente in denen Du ernsthaft erwägst, radikal mit O. zu brechen. Alles was mit ihm zu tun hat vom Handy zu löschen, den Chatverlauf, die Bilder, die Du ihm geschickt hast, und seine Nummer zu blockieren. Aber was dann? Zurück in das Leben das Du hattest, vor der Begegnung mit O.? Ein Leben ohne permanente mentale Herausforderungen und Kraftproben, ohne emotionale Höhenflüge und Abstürze, ohne erotische Chats und Bilder? Ohne heimliche Besuche in exklusiven Domizilen? Es ist ein Leben das es nicht mehr gibt, stellst Du betroffen fest. Du bist gezeichnet für immer, von der kurzen Zeit mit O. Du wirst nie mehr leichten Herzens an dem Parkplatz bei der Grünanlage vorbeifahren können, genausowenig wie an der Stelle wo Ihr Euch kennengelernt habt. Du lebst in einer völlig neuen, O.-geprägten Realität, in der Uhrzeiten und Orte etwas Abgründiges bedeuten. O.s sinistres Raum-Zeitkontinuum hat sich über Deines gelegt und Dein altes Leben hat sich darin aufgelöst.

Montag, 13.10.2014 7h. O. hat geschrieben, kurz nach 4h morgens. Du musst angemessen gekleidet sein, für das Treffen beim Parkpklatz. Die schwarzen, halbhohen Stiefeletten, die Du bisher für ihn getragen hast, sind deplaziert. O. will, dass Du Dir „richtig heiße, hochhackige Fickschuhe“ kaufst. „Sie müssen nicht teuer sein, Hauptsache sie sehen nuttig aus!!!“ schrieb er. Gegen Nachmittag fährst Du los, zu einem Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe. Leider gibt es aktuell nur Schuhe mit Veloursleder-Optik, in gedämpften Herbstfarben. Nach langem Überlegen entscheidest Du Dich für ein Paar schwarzer Ankle-Boots mit Nieten im Fersenbereich und 13 mm hohen Absätzen. Zuhause machst Du ein paar Bilder: Du selbst, mit Parka, halterlosen Strümpfen und den neuen Schuhen vor dem Wohnzimmerspiegel. Schickst sie O. Wartest. Gegen Abend schreibt er: „Diese Schuhe entsprechen leider überhaupt nicht meinen Vorstellungen!!! Glaub nicht dass ich Dich in denen ficken kann!!!“ Danach: Schweigen.

Ein harmloses Paar Schuhe im Wert von 30.- Euro. Du hattest Dich sehr darüber gefreut, eigentlich. Dir überlegt, zu welchen Deiner Jeans und Kleider sie am Besten passen würden. Es war eine Art Cinderella-Moment als Du sie vor dem Spiegel anprobiertest. Seit O.s vernichtendem Urteil aber wurden sie für Dich zum Symbol einer schweren Niederlage, ja, einer Blamage. Wärst Du wirklich die hocherotische Frau, die Du vorgibst zu sein, hättest Du dann nicht Schuhe kaufen können, die ihm gefallen? Du hast versagt. Hast O. enttäuscht. Zurecht straft er Dich nun wieder mit seinem Schweigen. 22h. „Findest Du die Schuhe wirklich so häßlich?“ wagst Du ihm zu schreiben. Und siehe da, er antwortet: „An Deinen schönen Beinen sehen sie ganz gut aus“ schreibt er. „Aber wir müssen dann bald andere für Dich besorgen!“ – „Danke!“ antwortest Du. In der Nacht träumst Du von Kürbiskutschen und gläsernen Schuhen. Nur O. hat die Macht, die Kindheitsprinzessinn in Dir zum Leben zu erwecken. Und Du liebst ihn dafür.

Mittwoch, 15.10.2014 Ein verwunschener Oktobervormittag. Herbstlaub fällt im Sonnenlicht. O. schreibt, seltsam euphorisiert, verliebt, voll Tatendrang: „Meine Süße!! Ich bin gerade da wo wir uns kennengelernt haben!!! Und ich bin so unglaublich glücklich dass es Dich gibt!!!“ – „Magst Du mich vielleicht besuchen kommen?“ fragst Du. „Jetzt nicht!!“ antwortet O. „Aber ich will Dich heute abend in dem Haus ganz zärtlich umarmen und küssen wenn Du es mir erlaubst!!!“ – „Sooo gerne!“ antwortest Du. „Wann soll ich denn kommen?“ – „Das sage ich Dir noch!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!!“ „Zärtlichkeit von O. Wie wundervoll!“ denkst Du. Die Zeit vergeht. Du wartest. Erst voll Vertrauen und Zuversicht, dann immer nervöser. Dein Sohn kommt von der Schule. Abwesend und gedankenverloren betreust Du seine Hausaufgaben, stets das Handy im Blick. Die Nacht fällt ein. Du schickst O. ein einzelnes Fragezeichen. Keine Antwort. Du bist getäuscht worden. Bloßgestellt in Deinem Wunsch nach Nähe. Ganz einfach so.

„Haus war nicht frei“ simst O. am anderen Morgen. „Hättest Du mir das nicht früher schreiben können? “ fragst Du zurück. „Klar hätte ich! Aber wollte ich halt nicht!!“ antwortet O. „Du bist nur eine Nutte und ich kann machen was ich will!! Kapierst Du das nicht? Und wenn ich Lust habe in dem Haus ne Andere zu ficken kannst Du auch nichts dagegen tun!!!“ – „Hast Du das denn?“ fragst Du gequält. „Nein!“ antwortet O. „Aber eines Tages werde ich es machen und dann mußt Du zuschauen!!! Und jetzt halt endlich Dein Schlampenmaul, sonst blockier ich Dich vom Handy!!!“ – „Oh, klassisch!“ schreibt Dein Freund, der Sucht-Experte, als Du ihm den Chat erschüttert weiterleitest. „Er darf alles, Du darfst nichts. Du bist nur Dreck. Aber Vorsicht! So hart wie er Dich seelisch verletzt, so hart wird er auch körperlich gegen Dich vorgehen. Ich rate Dir, Dich von ihm zu trennen!“ – „Ich will die Parkplatz-Nummer noch erleben!“ schreibst Du kleinlaut. „Ok“ schreibt Dein Freund. „Gönn Dir. Aber dann zieh bitte die Notbremse!“

Freitag, 17.10.2014 Dein Freund hat natürlich recht. Besser heute als morgen solltest Du die Reißleine ziehen. Dich psychisch und physisch in Sicherheit bringen vor einem Mann, der willkürlich mit Deinen Gefühlen spielt. Und Dich anschließend demütigt und bestraft für Dinge die er selber falsch gemacht hat. Es gibt keinen vernünftigen Grund bei O. zu bleiben, nach dem was Du in den letzten beiden Tagen mit ihm erlebt hast. Du beschließt, Dich innerlich von ihm abzuwenden. Nimmst Dir vor, ihm nicht mehr zu schreiben. Und den Blick nach vorne zu richten. Es fühlt sich wohltuend an. Du verbringst einen ruhigen Abend. Hörst Musik. Wirst früh schlafen gehen. Aber genau in dem Moment wo Du Dein Handy abschalten willst bekommst Du eine Sms. „Gute Nacht, Kleine!“ schreibt O. „Glaub mir, Du bist die Einzigste für mich! Bitte sag mir wann Du nachts um 4h mal rausgehen kannst!! Ich will Dich unbedingt bald in Strümpfen und Schuhen am Parkplatz sehen!!“ – „Von 26. auf 27.10.“ schreibst Du. „Wunderbar!!!“ antwortet O. …

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin