„Love itself was gone“ (Leonard Cohen)

Deine eigene vorbehaltlose Liebe. So, wie Du sie vom ersten Moment an empfandest für O. in all seiner Gebrochenheit – sie kehrt nach diesem Tag im April 2016 nie wieder zurück in Dein Herz. Nie wieder kehrt sie zurück. Nicht am 3. Juni 2016, als O. gegen 9h mit seinem Fahrrad im Licht des jungen Tages am Vorgartentürchen Deines Hauss erscheint. Sturm läutet. Und Du ihn vom Fenster des kleinen Waschraums im ersten Stock herab beobachtest. Und, anstatt Hals über Kopf nach unten zu eilen und Dich ihm entgegen zu werfen, kühl registrierst, dass O.s vornehme Blässe ins Cholerisch-Violette changiert, als ihm klar wird, dass Du nicht öffnen wirst. Die Liebe kehrt auch nicht zurück, als Du zwei Tage später einen handgeschriebenen Zettel aus Deinem Briefkasten fischst. Auf dem O. seine Handynummer notiert hat und anbietet, erneut die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. In steil gekritzelten Buchstaben, die, Du wunderst Dich selbst, nicht die leiseste Resonanz oder Regung von Sehnsucht in Dir hervorrufen.

Und auch als Du weitere zwei Tage später unter O.s Sturmlauf auf Dein Handy zusammenbrichst. Weil Du es einfach nicht mehr schaffst, seinen gefühlt tausendsten Anruf unter verdeckter Nummer zu ignorieren. Und nach einem kurzen, hektischen Wortwechsel einwilligst, Dich mit ihm für ein „letztes“ Gespräch zu treffen. Auch dann kehrt Deine grosse, unbedingte Liebe von einst nicht wieder zurück. Bei dieser Begegnung, nachmittags, am Rande eines Brachfeldes zwischen Friedhof, Waldgastsstätte und Wertstoffhof gleitest Du vielmehr in einen leicht dissosziativen Zustand, als Du O. zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder erblickst. Du fragst Dich, während Du vom Fahrrad steigst und auf ihn zugehst, was Du eigentlich mit diesem bleichen, kahlgeschorenen Mann zu tun hast, der da breitbeinig, kaugummikauend, mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten des Unterholzes auf Dich wartet. Die Augen hinter einer riesigen, grau getönten Design-Sonnenbrille verborgen. Discotürstehermässig. In Spanner-Manier.

Und als dieser Dir sehr fremd und gar nicht sympathisch erscheinende Mann Dich an jenem Nachmittag zur Begrüßung einfach nur bei deinen Schultern packt. Und so grob zu sich herzieht, dass Du befürchtest, die Träger Deines Empire-Tops könnten reissen. Da verwandelt sich ein Teil deines Bewusstseins in eine Art kleinen Vogel. Er schwingt sich auf einen der hohen, dunklen, umstehenden Bäume. Und sieht aus dieser sicheren Entfernung dabei zu, wie der Brutalmacho im jagdgrünen Leinenhemd und in den hellbeigen Cargo-Bermudas Dich unten herumschubst. Er sieht, wie Du erst gegen die Lehne einer Parkbank und dann gegen den Stamm einer Buche gedrängt wirst, so dass O. Dir von hinten in den Schritt fassen und versaute Dinge ins Ohr sagen kann. Dass Du eine geile Schlampe bist die es bracht, beispielsweise. Der kleine Vogel hört auch, dass O. von Dir verlangt, ihm Verschiedenes nachzusprechen. „Ich will nur Dich!“ sollst Du unter Anderem skandieren. „Gehirnwäsche“ denkt der kleine Vogel auf seinem Baum.

Der andere Teil Deines Bewusstseins. Der, der auf der Erde verblieb. In Deinem Körper. In physischer Nähe zu O. Er ist damit beschäftigt sich zu orientieren. Im Chaos dessen, was O. da auf der Stadtwaldbrache mit Dir anstellt. Was er als „Versöhnung“, „Aussprache“, „Wiedersehen“ oder „Zurückgewinnen“ verstanden wissen möchte. Und was doch nichts Anderes als Nötigung ist. Drangsal. Die Anwendung von Zwang. Das Ausüben von Druck. Berserkerhaftes Gezerre. Umarmungen von hinten, die Würgegriffen gleichen. Bisse statt Küssen. Kneifen statt Streicheln. Zwicken. Quetschen. Wehtun. Einfach nur Wehtun. Das ist alles, was O. kann, stellst Du fest, während Du versuchst, aus seinem bleichen, viel zu glatten Gesicht und aus den Worthülsen, die er auf Dich niederprasseln lässt, einen Hauch von Authentizität, einen Funken von Gefühl, von Zuneigung zu Dir herauszulesen. Aber. Da ist nichts, stellst Du fest. Keine Liebe, nirgends. Nicht bei O. Und nicht bei Dir. Und trotzdem. Trotzdem holt er Dich wieder zu sich zurück.

O. redet sehr viel, an diesem Nachmittag, Anfang Juni 2016, auf der Stadtwaldwiese. Dass er Dich braucht. Und Du ihn, vor allem. Dass es Euch zueinander zieht. Ihn zu Dir und Dich zu ihm. Dass man nichts machen könne, dagegen. ES stärker sei als er und Du. Er, O., habe das akzeptiert. Und deshalb in der vergangenen Woche bei Dir geklingelt. Und dann den Zettel bei Dir eingeworfen. Was er noch nie, wirklich nie zuvor in einer vergleichbaren Situation bei einer anderen Frau je getan hätte. Ein fratziges Lächeln huscht an dieser Stelle über sein Gesicht. Er versucht, es zu unterdrücken. Dann redet er weiter. Von Schiksal, Zusammengehören und ewigem Aufeinander-geil-sein. „Und, wie geht’s der Krebskranken?“ wirfst Du zwischendurch ein wenig schnippisch ein. „Welche Krebskranke?“ fragt O. irritiert zurück. „Die eine“ antwortest Du. „Ach die!“ ruft er mit wegwerfender Geste. „Du, keine Ahnung. Und jetzt hol mal dein Handy! Dann machen wir ein schönes Selfie und schalten mich auf Whatsapp frei, ok?“

Du starrst O. für Sekunden ungläubig an, bevor Du gehorsam zu Deinem Fahrrad gehst um das Smartphone aus Deiner Tasche zu holen. Die schwerkranke Frau. Deren Bild Du noch immer in Deinem Handy hast. Und es fast täglich betrachtest. Die Frau, die er draussen vor den Toren Eurer Stadt besuchen wollte um zärtlich zu ihr zu sein. Es ist, als sei sie eine reine Fiktion von Dir. Als hätte sie nie existiert. Bei Dir. In Deinem Herzen mag ihre Geschichte Spuren hinterlassen, Dinge verändert haben. Nicht aber bei O. Was immer er auch mit ihr erlebt haben mag. Es ist gelöscht. Für IHN hat es keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt, in dieser Sekunde wo es ihm um Dich geht. Diese arme, elende Frau. Sie könnte toter nicht sein, denkst Du schaudernd, während Du mit hochgezogenen Schultern zu Deinem Fahrrad gehst. Ein Teil von ihr starb lang vor ihrem möglichen Krebstod indem sie hineingeriet in das gnadenlose, alles verschlingende Missbrauchssystem von O. Dem DU, das schwörst Du Dir, entrinnen WIRST.

Natürlich kommt es nach diesem Treffen im Stadtwald wieder zu sexuellen Begegnungen zwischen O. und Dir. Am Freitag, den 17. Juni beispielsweise. Gegen 19h, Du bist gerade im Begriff zum Opening der Kunstausstellung einer Schulfreundin aufzubrechen, schreibt O. Dich an. Ob Du schnell vorbeikommen könntest? Du kannst. Und als O. Dich auf der schwarzen XL-Couch in seinem komplett abgedunkelten Wohnzimmer mit heftigen Stößen von vorne nimmt und dabei „Ich-halts-ohne-dich-nicht-aus“ hervorpresst, da erscheint er Dir für die Dauer eines Nano-Augenblicks verletzlich und gleichzeitig machtvoll wie eh und je. Dann aber schließt sich der Firnis über Deiner Seele. Und während Du mit neuer, bislang ungekannter Routine Deinen Rim-Job für O. erledigst, bemerkst Du, dass die Düsternis im Raum sich NICHT mit schimmernden Aureolen anreichert. So wie sonst. Etwas ganz Bestimmtes ist unwiderruflich vorbei. Magische Dates mit Trancezuständen. Mit Bildern aus den Tiefenschichten Deiner Kindheit. Vorbei.

Anfang August 2016 verreisen dein Mann und Dein Sohn wieder für einige Wochen auf die Ferieninsel im Thyrennischen Meer. Du selbst kannst am 26.8. dabei beobachtet werden, wie Du sehr früh am Morgen das Haus verlässt und mit dem Rad Richtung Innenstadt fährst. Nicht zum Haus von O. Dein Ziel ist ein anderes, an diesem Tag. Es hat jedoch mit O. zu tun. Hauptbahnhof, Säulenhalle. Von dort ca. 40 Kilometer mit der S-Bahn nordostwärts. Zur Grossen Kreisstadt im Einzugsgebiet des internationalen Verkehrsflughafens. Das Fahrrad nimmst Du natürlich mit. Denn: Du willst ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Eine Reise in die Vergangenheit willst Du machen, in die Kindheitswelt von O. Du möchtest mit dem Rad das kleine Dorf erreichen, in dem er vor 45 Jahren zusammen mit seinen Brüdern aufwuchs. Das Dorf, in dem er die Dinge erlebte, die ihn so werden liessen wie er heute ist: ein schöner, begabter, jedoch innerlich zutiefst verletzter, und deshalb andere schädigender Mann.

Die S-Bahn schaukelt Dich durch eine sanfthügelige, weite Landschaft, in der sich Maisfeld an Maisfeld bis zum Horizont zu reihen scheint. Etwas von der Klarheit dieser Gegend trägt O. in sich, dessen bist Du sicher, während Du durch die Sonnenlichtkringel in den Zugfenstern schaust. Das Offen- und Frei-Erscheinende. Die Helligkeit seines Körpers. Das Verwegene seiner Gedanken und Phantasien. Das findest Du dort draussen wieder. Aber irgendwo in der Weitläufigkeit dieser Maisfelder ging auch O.s Seele verloren, damals, als er Kind war und von seinem Vater gedemütigt und von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. Systematisch, über Jahre hinweg. In einer Zeit, als es noch kein kollektives Bewusstsein für das Leiden missbrauchter Kinder, kein Schutzprogramm für dysfunktionale, eskalierende Familien gab. Und jemand wie O. auf sich selbst gestellt war. Du fühlst ein stummes Weinen tief in Dir, während sich die S-Bahn ihrem Endziel nähert. Du trauerst heftig um die verlorene Seele von O.

Im Zentrum der Grossen Kreisstadt suchst Du Dir erstmal ein hübsches Frühstücks-Café. Nachdem Deine Aufgewühltheit sich ein wenig gelegt hat, orientierst Du Dich mit dem Handy und findest rasch die Fahrradroute zum Heimatdorf von O. Sie verläuft zunächst entlang am ruhigen Fliessgewässer der Region und führt dann über kurvige Landstrassen bergauf. Nach gut 45 Minuten erreichst Du den Ort, an dem sich so viele Deiner Emotionen bündeln. Du atmest kurz durch, bevor Du es wagst, das Dorfnamensschild zu passieren. Dann streifst Du ein wenig mit dem Fahrrad durch die Strassen. Das Dorflädchen? In dem O. und seine Brüder täglichem Sauberkeitsdrill ausgesetzt waren? Das Haus? In dem ihr Vater sie schlug? Und ihre Mutter vergewaltigte, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Keines der reinlichen Gebäude ringsum im Dorf scheint davon zu künden. Im Gegenteil. Du fühlst trotzige Verschlossenheit. O.s Herkunftsort möchte sich NICHT erinnern an das, was hier vor 45 Jahren mit Kindern geschah.

Inzwischen wird hier ganz besonders viel für kleine Erdenbürger getan. Es gibt sowohl ein offen und hell ausgestattetes Kinderhaus als auch einen liebevoll gestalteten Pfarrkindergarten im Schutze der Dorfkirche. „Zu spät für O.“ denkst Du, während Du das Fahrrad abstellst und durch den seitlichen Kirchenzugang hinaus auf den umliegenden kleinen Friedhof trittst. Du lässt deinen Blick über schmiedeiserne Kreuze und beige und ockerfarbig gehaltene Gedenksteine schweifen bevor Du beginnst, die einzelnen Gräberreihen abzuschreiten. Bald hast Du gefunden wonach Du suchst. Vorne. Nah an der Friedhofsmauer ist ein Grabstein dunkler als alle anderen. Als Du näher kommst, liest Du den Namen und die Lebensdaten der Mutter von O. „Im Kreuz ist Heil“ steht noch da, in blattgoldenen Lettern auf dunkelbraun-weiss marmoriertem Grund. Aber, seltsam. Nichts, wirklich nichts von dem, was Du da siehst berührt in irgendeiner Weise Dein Herz. In Deinem Kopf formen sich nur zwei klare Worte, während Du fröstelnd da stehst. „KEINE LIEBE“ denkst Du. „KEINE LIEBE“.

Überwunden/About Wounds

Ein blauschwarzes Monokelhämatom, so wie Du es von Deiner Auseinandersetzung mit O. im Februar 2016 rund um Dein linkes Auge zurück behalten hast, benötigt ziemlich genau eine Woche um zu verheilen. Die tiefdunkle Farbe persistiert in Deinem Fall für sechseinhalb Tage, dann wechselt sie aprupt ins Grünlich-Schwefelgelbe und baut sich innerhalb zweier weiterer Tage zügig ab. Während dieser gesamten Zeit wandert auch eine Art Schmerzfront durch Deinen Körper. Ausgehend von den Prellungen auf Deinem Rücken beginnt sie ihren Marsch zwischen Deinen Schulterblättern und im Nackenbereich, wo sie sich wie starker Muskelkater anfühlt. 36 Stunden später sitzt sie in all Deinen Gelenken und lässt Dich phasenweise kaum von der Couch hochkommen. Zur selben Zeit entwickelst Du Schluckbeschwerden und Deine Halslymphknoten schwellen an wie bei einem grippalen Infekt. „Leichtes Kehlkopftrauma!“ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm davon berichtest. „Wenn das schlimmer wird musst Du zum Arzt!“

Aber es wird nicht schlimmer. Ein Arztbesuch bleibt Dir erspart. Stattdessen gelingt es Dir sogar, am Tag 4 nach der Prügelei all Deinen Mut zusammen zu nehmen, und auf wackligen Beinen zum Drogeriemarkt um die Ecke zu spazieren, wo Dich eine verständnisvolle Verkäuferin sehr einfühlsam über camouflierende Make-up-Techniken berät. Sie erklärt Dir, dass ein Bluterguss im Augenlidbereich mit Hilfe einer komplementärfarbigen Grundierung unter einer hautfarbigen Puderschicht optisch neutralisiert werden kann und nimmt sich viel Zeit, die für Dich passenden grün-grauen und dunkelorangen Farbnuancen zu ermitteln. Versehen mit einem ganzen Arsenal von Spezial-Kosmetika im Wert von 47.- Euro kehrst Du nach Hause zurück. Dort wendest Du die neu erlernten Schminktricks sofort an. Und versuchst nebenbei, Dir selbst einzureden, dass Du froh, ja, wirklich sehr, sehr froh bist, O.s dunkle, belastete Sphäre nun endlich, wirklich, ganz bestimmt für immer und alle Zeit hinter Dir lassen zu können …

Das wahre Ausmass Deiner inneren Verwüstung wird erst allmählich, mit dem Abheilen der körperlichen Blessuren offenbar. Als das Management des Gesundwerdens Dich nicht mehr ganz so sehr in Anspruch nimmt. Als Du Deine vom Treppensturz geprellten Knie wieder durchbiegen kannst. Als die Genickstarre und die Schluckbeschwerden nachlassen. Und das Fahrradfahren wieder ganz gut klappt. Kommt das eigentliche Desaster erst richtig hoch. Die Erinnerung daran, dass O. Dich am Abend des 26.2. nicht nur sexuell misshandelte und schlug. Sondern Dir auch Dinge ins Gesicht geiferte, die sich tief in Dein Inneres gruben. „Kapier endlich dass du nix als ein gschlampertes Verhältnis für mich warst!!!“ hatte er gefaucht während er auf Dich einhieb. „Ich hab keine Verpflichtungen dir gegenüber! Aber DU hast die wichtigste Regel für Affären-Weiber überschritten: den Anderen nicht zu stressen!“ Er hielt kurz inne. „Jetzt gibts für dich nur eins!“ dozierte er dann. „Wenigstens in Würde gehen!!!“

„Es darf auf keinen Fall SO enden“ denkst Du jeden Morgen, während Du Dein Concealer-Make-up aufträgst. Mit so viel Feindschaft, Stress und schlechten Gefühlen. In Würde gehen, das hieße für Dich, in Frieden zu gehen. Mit einem klärenden Gespräch. Einer Entschuldigung. Einer Umarmung. Mit guten Wünschen für die Zukunft. Aber genau so etwas ist mit jemandem wie O. nicht möglich. „You will never get closure with this kind of person. NEVER!“ heisst es in den einschlägigen Blogs und Foren. Du kennst die Sätze alle auswendig. Du weisst, dass sie stimmen. Ein Mensch, der Züge einer Cluster-B-Persönlichkeitsstörung aufweist, gewährt jemandem anderen keine Erleichterung, keinen Trost. Nicht während der gemeinsamen Zeit. Und nicht an deren Ende. Ein Borderline-Erkrankter verzeiht nicht. Gibt nicht nach. Räumt keinen Fehler ein. Ein grandioser Narzisst baut niemandem eine Brücke zur Versöhnung. Dies alles weisst Du. Hast Du verstanden. Jedoch: NICHT akzeptiert. Und deshalb …

Deshalb kreist Dein Denken ab dem Moment in dem Deine Epidermis sich über Deinen Schrammen schließt, nur noch um eine einzige Frage: ob, und wenn ja, WIE Du noch einmal, ein letztes Mal auf O. zugehen, mit ihm in Kontakt treten kannst. Wann immer Du Dich bangen Herzens in Deine Whatsapp-Chats klickst, stellst Du fest: blockiert hat O. Dich nicht. Sein Profilbild mit der niedlichen, weiß-braun gefleckten Jung-Kuh auf einer sonnigen Almwiese ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es scheint Dir täglich farbintensiver und attraktiver ins Auge zu springen. Am 6. März 2016, einem ruhigen, ereignislosen Sonntag, spielt Dein Gehirn pompöse Wiedersehens- und Versöhnungsszenarien durch. Unablässig. Nonstop. Du ent- und verwirfst Whatsapp-Botschaften. Gestaltest in Deinem Handy romantische Bilder mit Hilfe einer App, die pastellfarbige Retro-Sticker auf Fotos aus Deiner Galerie appliziert. Und am Ende des Tages weisst Du: die Sucht nach O. ist stärker als all der Schmerz, den er Dir angetan hat.

Tags darauf erwachst Du mit dem drängenden Gefühl, „etwas“ unternehmen zu müssen, bevor „es“ zu spät ist. Mit der diffusen, nicht näher begründbaren Sorge, dass ein Zeitfenster sich unwiderruflich schließt. Beim Frühstück bist Du fahrig und nervös. Nachdem Dein Mann und Dein Sohn gegangen sind atmest Du durch und wandelst in einer Art Absence nach oben ins Schlafzimmer. Dort nimmst Du die Stoffschachtel mit dem Mille-Fleur-Muster zu Dir auf den Tibettteppich vor dem Bett und holst die schwarzen Highheels mit den Jetperlen am Rand aus ihrem Versteck. Du befühlst jeden einzelnen kleinen Stein. Und versuchst Dich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Du NIE wieder diese Schuhe tragen wirst für O. Nicht auf Bildern. Und nicht bei einem Date. NIE wieder. „Ich sollte sie wegwerfen“ denkst Du, während Dein Inneres sich zusammenkrampft und gegen diese Idee rebelliert. „Ich sollte alles wegwerfen was mich an ihn erinnert“ denkst Du weiter. Dann legst Du die Schuhe aufs Bett und gehst ins Bad.

Nachdem Du fertig geduscht hast, nimmst Du Dir ein wenig Zeit um Dich im Badezimmerspiegel zu betrachten. Spezial-Make-up ist nicht mehr vonnöten, stellst Du fest. Lediglich eine zartgrüne Corona rund um Dein linkes Auge ist am Montag den 7.3.2016 von O.s Schlag in Deinem Gesicht noch übrig. Allerdings sieht Dein Spiegelbild abgezehrt, irgendwie leidend aus. Dein Kinn wirkt ungewohnt spitz und Deine Wangenknochen treten stärker hervor als sonst. Zweifellos hat die Schmerzbewältigung Dich einiges gekostet. Und dennoch möchtest Du jetzt nur nach vorne denken. Du schminkst Deine Lippen sehr sorgfältig in einer dunkelroten Farbe und fährst mit dem Puderpinsel über Dein Gesicht. Dann gehst Du ins Schlafzimmer, schlüpfst in eine enge schwarze Jeans, streifst Dir das schwarze Netztop über, das O. Dir vor langer Zeit bei Deinem ersten Besuch in seinem Haus vor die Füsse warf und steigst in die Peeptoes. Du schaltest die Selfiekamera von deinem Handy ein und machst: Bilder. Bilder für O.

Du tust also das, was bisher noch immer,  jedes Mal half, wenn es galt, eine schwere Krise, eine Phase des Schweigens zwischen Dir und O. zu überwinden. Und Du beherrschst es gut, mittlerweile. Die Bilder geraten sehr ausdrucksvoll und schön. Als Du fertig bist, denkst Du noch einmal kurz nach. Versuchst Dich darauf einzustellen. dass O. nicht reagieren oder Dich beschimpfen wird, wenn Du ihn unaufgefordert kontaktierst. Fragst Dich, ob Du dem gewachsen wärst. „Ich muss es riskieren“ denkst Du. Dann wählst Du zwei Bilder aus. Eins von Deinem Gesicht. Und eins von den schwarzen Peeptoes an Deinen Füssen. „Du hast einen harten rechten Haken!“ schreibst Du dazu. „Aber für diese wunderschönen Schuhe werde ich Dir immer dankbar sein!“ Dann sendest Du alles ab. Und spürst, dass etwas Eigenartiges dabei geschieht. Dein Handy, beziehungsweise eine Instanz jenseits Deines Handys scheint Deine Nachrichten begierig, ja, sehnsuchtsvoll in sich aufzusaugen. Scheint sie tatsächlich sehr zu brauchen …

Dein Handy piept nach knapp 15 Minuten. Mit dem Klingelton von O. „Was willst du Ursula?“ schreibt er. „Mit Dir in Verbindug sein“ antwortest Du, während Deine Anspannung sich in einer Art Schüttelfrost löst. „Ich habe dich doch so heftig geschlagen!!!“schreibt O. nach einigen Minuten. „Das stimmt“ antwortest Du. „Aber ich habe mich ja auch nicht richtig verhalten. Ich habe Deine Grenzen missachtet und das tut mir sehr leid!“ – „Ich hatte Angst dass du oder dein Mann mich anzeigt!!!“ schreibt O. und Du kannst fühlen dass er sehr aufgewühlt ist. „Das würde ich doch nie tun!“ antwortest Du. „Ursula ich habe dich vergewaltigt!!!“ schreibt O. „Und stell dir mal vor deinem Trommelfell wäre was passiert!!!“ – „Das war wirklich Glück“ antwortest Du. „Aber willst Du mal das hübsche Veilchen sehen das ich letzte Woche hatte?“ – „Ja!“ schreibt O. „Bitte zeig es mir!“ Du schickst ihm einige der Bilder, die Du für Dich selbst gemacht hast. „Mein Gott Babe!!!“ schreibt O. nach einer Weile. „Das ist wirklich super heftig!!!“

„Und ich kann gar nicht richtig glauben dass ich das war!!!“ fügt er hinzu. „Ich hätte Lust den Typen fertig zu machen der dir das angetan hat!!!“ – „Du bist süss!“ antwortest Du. „Aber der rechte Haken kam von Dir. Von niemand sonst!“ – „Und trotzdem möchtest du noch Kontakt mit mir haben?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Auch sexuellen Kontakt?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Auch wenn es wieder mal etwas heftiger werden sollte?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Aber ich werde Dir nie wieder Grund geben mich so krass zu schlagen.“ – „Du kannst ohne mich nicht leben gell?“ schreibt O. voll fiebriger Erregung. „Du brauchst mich mehr als alles andere oder???“ – „Ich brauche den Kontakt zu Dir“ antwortest Du. „Und ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!!!“ schreibt O. „Das habe ich jetzt in den langen Tagen der Funkstille gemerkt!!! Ich wusste ja immer dass ich dich liebe!!! Aber erst jetzt weiss ich WIE SEHR ich dich liebe!!! Meine Gefühle für dich sind unglaublich stark!!! – „Das ist schön!“ antwortest Du.

 

 

La Chasse Sauvage

Samstag, 27.12.2014. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Lichtlos. Windumtobt. Unerlöst. Altem Volksglauben zufolge zieht dieser Tage ein Heer von dämonischen Jägern und Geisterreitern über den Himmel. Das weißt Du noch aus Deiner Kindheit. Odins Todesboten. Die Wilde Jagd. Mehr als in früheren Mittwinterphasen fühlst Du Dich gefährdet, einsam, aus der Welt gefallen. Es gelingt Dir nicht zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit Deinem Mann und Deinem Sohn. Du schläfst nachts unruhig und träumst wirr. In den frühen Morgenstunden wirst Du oft von den Strumböen geweckt, die seit dem zweiten Weihnachtstag um die Häuser Deiner Stadt wehen. Dann stehst Du auf, gehst barfuß zum Badezimmerfenster und schaust hinaus zu den kahlen schwankenden Bäumen in der trüben aschgrauen Morgendämmerung. „Irgendwo da draußen“ denkst Du, bevor Du zurück in Dein Bett kriechst um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Irgendwo da draußen ist O. auf Beutezug. Auf der Suche. Nach neuen Frauen. Neuen Seelen. Nach neuer menschlicher Energie …

Sonntag, 28.12.2014. Der Wintersturm kommt allmählich zur Ruhe. Dein Mann und Dein Sohn können hinausgehen und die Orkanschäden im Garten besichtigen. Du schaust ihnen vom Wohnzimmerfenster aus zu. Gerade als Du Deine Stiefel anziehen und noch ein wenig mithelfen willst den halb umgestürzten Brennholzstand aufzurichten piept Dein Handy. „Bist Du bereit für Deine Strafe, Schlampe?“ schreibt O. „Welche Strafe?“ fragst Du zurück und spürst wie Dein Pulsschlag sich beschleunigt. „Die Strafe dafür daß Du es mit dem Anderen gemacht hast!“ schreibt O. „Hast Du mir das noch nicht verziehen?“ fragst Du. „Nein!“ antwortet O. „Erst mußt Du mir beweisen dass Du mir noch gehörst!!!“ – „Ich gehör Dir auf jeden Fall!“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Übermorgen bin ich allein. Dann kommst Du zu mir. Ich füge Dir Schmerzen zu!! Dann sehen wir weiter!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Aber ich warne Dich!“ schreibt O. „Überleg es Dir gut!! Du wirst mit meiner ‚Behandlung‘ nicht klarkommen!!!“ – „Ich besuche Dich trotzdem!“ antwortest Du.

Draußen hat es begonnen in dichten Flocken zu schneien. Gärten, Straßen und Häuser werden weiß umhüllt. Stille breitet sich aus. Du selber versuchst den inneren Aufruhr zu bewältigen, den Chat-Duelle mit O. so oft bei Dir hinterlassen. Die Melange aus Empörung, Wut, Angst und Faszination mit der Du O. beim Überschreiten all Deiner Grenzen zuschaust. Und: Den Kick. Den Thrill. Denn: „Zu mir“ hat O. ja geschrieben. „Dann kommst Du zu mir“. Du wirst also seine Wohnung, sein Zuhause kennenlernen wenn Du ihn besuchst um Dich schlagen und strafen zu lassen. Fünf Monate nach Eurem ersten Date, drei Monate nachdem Du ihn zum letzten Mal gesehen hast, hält O. Dich für würdig zu erfahren wo er wohnt. Du stellst Dir ein wildes Ambiente vor, rockstarmäßig, mit pompösen Kronleuchtern und majestätischen Ledersesseln vor Wänden in violett oder schwarz. Zwischen flackernden Kerzen und Totenköpfen auf denen Strass-Steine schillern und blinken wird Deine Bestrafung stattfinden. Du fieberst ihr entgegen.

Dienstag, 30.12.2014. Am vorletzten Tag des  Jahres scheint die Welt um Dich herum zu versinken in Schnee. Meterhoch türmt er sich auf den Straßen. Dein Mann und Dein Sohn gehen halbstündlich hinaus zum Räumen. Und es schneit immer noch weiter. Von O. hast Du nichts mehr gehört, seit zwei Tagen. Als ob auch er und sein Plan eingeschneit wären, denkst Du, während Du unter der Dusche stehst. 12.30h. Du frottierst Dir gerade die Haare. Dein Handy piept. „Ich bin jetzt alleine!“ schreibt O. „Kannst Du kommen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ich muß mich nur noch fertig anziehen“ – „Bis wann kannst Du da sein, Schlampe?“ fragt O. „Wo müßte ich denn genau hinkommen?“ fragst Du gespannt zurück. „Zum Haus“ antwortet O. „Also. Wann kannst Du da sein?“ – „In einer halben Stunde“ schreibst Du. „Fahrradfahren geht ja leider nicht wegen dem Schnee“ – „Das schaffst Du ja doch nicht zu Fuß!“ schreibt O. „Ich glaube wir vergessen das Ganze!“ – „Bitte nicht!“ antwortest Du. „Ich versprech Dir daß ich pünktlich bin!“

„Na gut!“ schreibt O. „Von jetzt ab eine halbe Stunde! Nur eine Minute später und ich mach Dir die Türe nicht mehr auf!“ – „Dnke“ tippst Du und eilst halbnackt ins Schlafzimmer. Dort zerrst Du hektisch eine neue Packung halterloser Strümpfe aus ihrem Versteck und öffnest sie mit zittrigen Fingern. Als Du sie Dir überstreifen willst, bleibst Du mit dem rechten Zehennagel in dem empfindlichen Gewebe hängen und reißt eine große Laufmasche hinein. Für einen Moment fühlt sich alles vollkommen leer, absurd und sinnlos an. Aber Du rufst Dich zur Ordnung. „Ich will ihn sehen!“ denkst Du, wirfst Dir ein halbtransparentes weißes Langarmtop über, schlüpfst in Deine Jeans und hastest nach unten. Dort steigst Du in Deine Boots, hüllst Dich in Deinen Winterparka und Deinen Lieblingsschal aus Ajour-Strick, greifst nach Deinem Minirucksack samt Smartphone und stürmst auf die Straße hinaus. Dein Mann und Dein Sohn, die gerade mit Schneeräumen fertig geworden sind, schauen Dich verwundert an. „Ich mach einen kleinen Winterspaziergang, Herzen!“ sagst Du. „Bin bald zurück!“

Das Vorwärtskommen im Schnee ist schwierig. Bei fast jedem Schritt in der mehligen Masse, die die Räumdienste auf den Straßen zusammen geschoben haben, rutschen Deine Füße nach hinten weg. Du fühlst Dich wie in einem der Träume in denen man läuft ohne sich vom Fleck zu bewegen. Außerdem schneit es in die Kapuze von deinem Parka. Aus Deinen Haaren rinnt Schmelzwasser in Deine Augen und ruiniert das Make-up das Du noch schnell aufgetragen hast. Und O. macht alles noch schlimmer. Denn er bombardiert Dich mit Sms. Ignorieren? Unmöglich. Es könnte ja wichtig sein. O. aber hetzt und scheucht Dich einfach nur vor sich her. „Wo bleibst Du, Schlampe?“ schreibt er. „Die halbe Stunde ist gleich rum!!! Ich wußte ja daß Du es nicht schaffst!!!“ – „Ich bin schon fast da!“ tippst Du mit kalten Fingern während Du weiter voran stapfst. „Hör auf mich zu stressen!“ – „Du Drecksau!!!“ kommt es zurück. „Ich lass Dich gleich vor dem Haus stehen ohne zu öffnen!! Das wäre das was Du verdient hast!!!“

Dann geh ich halt Kaffeetrinken, denkst Du und biegst in die Straße ein an deren totem Ende das Haus mit den vielen Bildern errichtet wurde. Die Räumdienste haben hier besser gearbeitet als in Deinem eigenen Quartier. Du kannst Dich sicheren Schrittes auf das mondäne weiß-rote Gebäude zubewegen, das in kalter Pracht vor Dir liegt. Deine Kehle schnürt sich zusammen als Du direkt davor stehst. Schutzsuchend kauerst Du Dich unter das schmale Garagenvordach, atmest kurz durch, ziehst Dein Handy aus der Tasche von Deinem Parka und schreibst: „Ich bin jetzt vorm Haus!! BITTE lass mich rein!!“ Die Welt scheint stillzustehen, wie schockgefrostet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich das automatische Garagentor, gerade so hoch daß Du gebückt darunter hindurch schlüpfen kannst. Im Inneren der Garage stehst Du sekundenlang wie blind. Dann aber gewahrst Du O., der barfuß, in T-Shirt und Jogginghose im Rahmen der Verbindungstüre zum Haus lehnt. Ein lässiger Jäger, seiner Beute vollkommen sicher.

Du tust einen Schritt auf ihn zu und schaust ihn befremdet an. O.s blasses Gesicht wird umrahmt von einem dichten, brandroten Bart der ihn erschreckend archaisch, fast wikingerhaft-brutal aussehen läßt. Bevor Du Dich an den veränderten Anblick gewöhnen kannst, greift er brüsk nach Deinem linken Oberarm und zerrt Dich ungeduldig über die Türschwelle ins Innere des Hauses. Du stolperst über ein Chaos aus Kinderschuhen die inmitten von Staubflocken und Wollmäusen auf den dunkelgrauen Granitfliesen im Flur herumliegen. Die Eigentümerfamilie scheint überstürzt abgereist zu sein. Das gesamte Parterre macht einen unaufgeräumten, schlecht geputzten Eindruck. Wahrscheinlich O.s Job hier für Ordnung zu sorgen, denkst Du. Erst aber mußt Du Deinen Denkzettel bekommen, offensichtlich. Denn: „Zieh die Jeans aus!“ sagt O., als Du Deinen Parka ablegst und aus Deinen Boots schlüpfst. „Die könnte sonst kaputt gehen, heute“ – „Ich weiß“ antwortest Du und wünschst Dich plötzlich sehr weit weg.

O. läßt seinen Blick abschätzig über Dein Top und Deine schwarzbestrumpften Beine gleiten. Dann greift er nach Deinen beiden Handgelenken als ob er einen bizarren, ländlichen Tanz mit Dir beginnen wollte. Er zieht Dich ins Wohnzimmer und schubst Dich zu einem großen Tisch aus massivem Eichenholz auf dem noch weihnachtliche Buchsgebinde herumliegen. Du stößt mit dem rechten Hüftknochen an der Tischkante an. O. dreht Dir die Arme auf den Rücken und drückt dein Gesicht und Deinen Oberkörper mit der linken Hand auf die Tischplatte, so daß Dein Po nach oben ragt und nur Deine Zehenspitzen den Boden berühren. Mit der rechten Hand schiebt er Dein Top beiseite und betastet dein Gesäß. Lange. Nachdenklich. „Bitte nicht!“ flehst Du innerlich, als Du mitbekommst daß er seine Jogginghose auszieht und sich in die Hand spuckt. „Bitte nicht anal!“ Verzweifelt umklammerst Du eine der Garben aus Buchs. „Drecksau!“ faucht O., krallt seine Hand in Deine Haare und dringt gnädigerweise vaginal in Dich ein.

Als O. Dir gestattet Dich wieder aufzurichten hast Du Schwierigkeiten zu atmen und Deine Rippengegend fühlt sich gequetscht an. O. aber dreht Dir erneut die Arme nach hinten und stößt Dich zu der schwarzen XL-Couch auf der anderen Seite des Raumes. Er läßt seine flache Hand auf Dein nacktes Gesäß klatschen. Einmal. Zweimal. Du kreischst. Dreimal. Viermal. Du kreischst schrill. Auf der Couch kommst Du rücklings zu liegen. O. presst seine Knie beidseitig in Deine Leisten und umgreift Deinen Hals. „Was machen wir jetzt, Schlampe?“ fragt er und blickt aus seinem fremden, wild umwucherten Gesicht auf Dich herab. „Arschloch küssen?“ röchelst Du mühsam. „Das geht nicht!“ faucht O. und schlägt Dich mit der freien Hand ins Gesicht. „Warum nicht?“ fragst Du. „Ich bin nicht geduscht!“ antwortet O. und schlägt ein weiteres Mal zu. Dein Unterkiefer verschiebt sich. Du bist still. „Du Drecksau bekommst es jetzt ins Gesicht!“ murmelt O. und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf die Innenseiten Deiner Oberarme. Es tut weh. Deine Schultergelenke knacken. Aber Du überstehst es. Ohne zu jammern.

O. bedeutet Dir aufzustehen, nachdem er sich angezogen, aus der Küche ein Kleenex geholt und Dir damit das Gesicht abgeputzt hat, während Du regungslos auf dem Sofa verharrtest. Du kämpfst Dich schweigend hoch und gehst an ihm vorbei, hinaus in den Flur. Dort lehnt O. sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und schaut zu, wie Du die Jeans über Deine zerrissenen Strümpfe ziehst, in Deinen Parka schlüpfst und mit zitternden Händen die Schuhbänder deiner Boots zusammenknotest. „Vergiß Deinen Schal nicht der da auf dem Boden liegt“ sagt er mit leiser Stimme und beobachtet voll Interesse wie Du Dich etwas mühselig danach bückst. Als Du fertig angezogen bist schaust Du ihn mit festem Blick an. „Wir treffen uns nicht mehr, oder?“ fragst Du. „Du Schlampe meldest Dich ja doch wieder!“ antwortet O. betont gleichgültig und zückt den Schlüssel für die Verbindungstür zur Garage. „Ciao“ sagst Du, als Du über die dreistufige Treppe aus grauem Beton in den dunklen, kalten Raum hinaustrittst. „Ciao“ sagt O. und läßt die Türe hinter Dir ins Schloß fallen.

The Grand Void

Freitag, 7.11.2014 Drei Tage nach Deinem unsternverfolgten Besuch im Haus mit den vielen Bildern geht Dein Fieber zurück. Du kannst wieder aufstehen und Deinen Alltag bewältigen. Dein Inneres allerdings ist schwer erschüttert. Du weinst leicht. Fühlst Dich fremd und verloren. Schreckst nachts hoch, weil widersprüchliche Erinnerungen Dich fluten. Nie war O. Dir anbetungswürdiger, nie schöner erschienen, nie hatte er hoheitsvoller auf Dich herabgeblickt als in der Intimität jenes kleinen Raumes mit den zerknüllten weißen Kissen auf dem Grand-Lit. Nie hattest Du Dich ihm näher gefühlt, für Bruchteile von Sekunden. Und nie war er Dir brutaler, nie abweisender begegnet als nach Deinem Sakrileg, die Makellosigkeit dieses Ortes mit Deinem Blut befleckt zu haben. Aus dem vermeintlichen Spiel war Ernst geworden: nun warst Du wirklich der Unrat, als den er Dich schon mehrfach behandelt hatte. Nichtswürdig. Pariah. Unvereinbar mit dem Stil des Hauses. Es war Deine siebente Begegnung mit O. Und, zweifellos, Deine letzte.

Natürlich vertraust Du Dich Freunden an. Erzählst. Schreibst. Berichtest das Unfaßbare. Quickie… Blutflecken… Rauswurf… Kontaktabbruch… „Aha. Du blödes Sexspielzeug hast also nicht funktioniert!“ schreibt der Suchtberater. „Dann ab auf den Müll mit Dir!“ – „Oh Du Ärmste!“ schreibt Dein anderer Schulkamerad. „Bist Du jetzt wieder ok?“ Das Mitgefühl tut Dir gut. Es nimmt Dir ein wenig von Deiner Scham. Wirklich trösten kann es Dich allerdings nicht. Denn, Deine Freunde, sie erwarten Gefühle von Dir, die Du gar nicht hast. Sie glauben Du würdest nun froh sein, O. nie wieder begegnen zu müssen. Glücklich über Dein Entrinnen. Du aber empfindest keinerlei Ressentiment gegen ihn. Stattdessen eine fast unerträgliche Sehnsucht. Du träumst nachts davon, wieder bei O. im Haus zu sein. In dem kleinen Zimmer. Und Dich ihm dort zu Füßen zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. „Oh. Stockholm-Syndrom“ schreibt Dein Freund, als Du ihm Deine Phantasien schilderst. „Langsam wirds gefährlich!“

Entführte Frauen, die sich in ihren Kidnapper verlieben. Mit ihm kooperieren. Sich auf seine Seite stellen. Weibliche Geiseln, die Bankräuber aktiv unterstützen und dabei romantische Gefühle entwickeln. Intime Beziehungen zwischen Opfern und Tätern. Liebe auf der Flucht oder in Geiselhaft. Dankbarkeit für den Peiniger. Solidarität mit dem Verbrecher. Symbiotische Verknüpfung von Liebe, Erotik und Gefahr. So beschreibt das Internet das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms. Der Begriff entstand im Jahr 1973. Bei den Angestellten einer Bank in Stockholm entstanden damals intensive Gefühle von Zuneigung und Sympathie für die Gewaltverbrecher, die sie fünf Tage lang gefangen hielten. Inzwischen spricht man eher von traumatischer Bindung oder Trauma-Bonding wenn es um die Faszination durch Brutalität und um das paradoxe Hingezogensein einer bedrohten, ausgelieferten Person zu ihrem Misshandler geht. Dein Freund hat recht. So eine blind verliebte Geisel: das bist auch Du.

Du überlegst. Läßt Szenen Revue passieren. Erinnerst Dich. Eigentlich war O. von Anfang an wie ein Entführer aufgetreten, Dir gegenüber. Hatte Dich gefangen genommen. Unter Arrest gestellt, gleich in den ersten Minuten Eures Kennenlernens. Es war Teil seiner Überwältigungsstrategie gewesen, Dich mit strenger Stimme zu bannen. Und dann im Kreuzfesselgriff abzuführen. In Autos zu schubsen. An unbekannte Orte zu bringen. Dich durch Räume zu zerren, auf Betten zu stoßen. Und Du leistetest keinen Widerstand. Im Gegenteil. Es gefiel Dir. Erinnerte Dich an Spiele, die Du als Schulkind geliebt hattest: Marterpfahl. Mädchen fangen. Mit O. schien einer der verwegensten Spielgefährten aus Deiner Kindheit wieder aufgetaucht zu sein. Um Dich mitzunehmen in sein dunkles Abenteuerland. In das Du ihm willig folgtest. „Und das ist pathologisch?“ fragst Du Deinen Freund. „Es führt zu einer ungesund intensiven Bindung deinerseits“ antwortet er. „Und dadurch wird’s sehr schwer für Dich werden, Dich vom O. zu lösen.“

Loskommen von O.? Schwer? Nein. Unmöglich, denkst Du, während Du versuchst, Dich in Deiner Ausgestoßenheit zurecht zu finden. Du wankst durch feuchtkalte, dunkelgraue Tage, als entkernte Hülle Deiner selbst,  in einer verwaisten, leergeräumten Welt. Streifst mit dem Fahrrad durch die Gegend, in der Hoffnung, O. irgendwo zu begegnen. Suchst nachts die Parkbank auf und wartest ob der Geländewagen vorbeifährt, mit O. am Steuer. Fahndest in Vorgärten und Garageneinfahrten nach einer Spur. Einmal wagst Du Dich nach Einbruch der Dunkelheit auch in die Nähe vom Haus mit den vielen Bildern. Starrst hinauf zu den Fenstern, die hinter den herabgelassenen Rollos leuchten. Die Eigentümerfamilie ist zurückgekehrt. Lebt, lacht, ißt und trinkt in den Räumen, in denen noch Hautpartikel und Seelenreste von Dir haften. Nicht ahnend, daß draußen eine verfemte Frau vor ihrem Anwesen umherirrt, auf der Suche nach einem Phantom. Du, auf der Suche nach O. Seinem Namen. Seiner Geschichte. Seiner Identität.

Mittwoch, 12.11.2014 9h. Nachdenklich rührst Du Karamellzucker in Deinen Frühstückstee. Du benötigst einen Löffel extra, seitdem O. Dich von sich jagte. Dein Handy piept. Dein Freund, der Suchtberater macht sich Sorgen um Dich. „Mal was ganz Anderes, Süße“ schreibt er. „So richtig safe war es ja wohl nicht, was Dein durchgeknallter Lover alles mit Dir gemacht hat, oder?“ – „Nicht wirklich“ antwortest Du. „Aber er hat gesagt daß er clean ist und sich regelmäßig testen läßt“ – „Oh wie beruhigend!!“ schreibt Dein Freund. „Wir haben wirklich allen Grund ihm das zu glauben, so verantwortungsbewußt wie er bisher aufgetreten ist!“ Du starrst in Deine Teetasse. Könntest Deinem Freund jetzt Vieles schreiben über den speziellen sexuellen Stil von O. Und warum der nicht mit Präservativen vereinbar ist. Du läßt es. Es tut zu weh, Dir vorstellen zu müssen, daß Du das alles nie mehr erleben wirst. „Was soll ich machen?“ fragst Du Deinen Freund. „Nen Termin beim FA Deines Vertrauens“ antwortet er. „Und nen HIV-Test!“

Donnerstag, 13.11.2014 8h. Ein wenig zusammengekrümmt sitzst Du im Wartezimmer der gynäkologischen Praxis in der Du schon betreut wurdest als Du schwanger warst mit Deinem Sohn. Hinter Dir liegt eine fast schlaflose Nacht, aber Du bist froh daß man Dir sofort einen Termin gab, als Du Dein Anliegen vorbrachtest. Der Zeitpunkt ist günstig, Dein Mann seit gestern verreist. Der „FA Deines Vertrauens“ freut sich, Dich nach drei Jahren mal wieder bei sich zu sehen. Er hatte immer viel Verständnis für Dich. Auch heute hört er Dir geduldig zu. „Die verhängnisvollen Affären sind doch wirklich immer wieder die allerschönsten!“ sagt er als Du zu Ende erzählt hast. „Lassen Sie mich bald erfahren wie es weiterging!“ „Beruhigungshalber“ rät er Dir, einen Schnelltest auf HIV zu machen. Du bist einverstanden. Fährst halb erleichtert und getröstet heim. 19h. Telefonläuten. „Mit Ihrem Blut ist alles ganz in Ordnung!“ sagt der FA Deines Vertrauens am anderen Ende der Leitung. „Danke“ flüsterst Du und weinst kurz nachdem er aufgelegt hat.

Freitag, 14.11.2014 Es geht Dir plötzlich viel, viel besser. Alles erscheint Dir weniger düster und ausweglos seit dem Gespräch mit dem FA Deines Vertrauens. Welch wunderbarer Heilkundiger, denkst Du. Er hat Dir den Glauben an Dich selber als Person zurück gegeben. Du fühlst Dich nicht länger als Gespenst, körperlos und erloschen. Du bist zurück in Deinem Leben. Hast einen liebevollen Ehemann. Einen niedlichen, begabten Sohn. Treue Freunde. Lebst in einem charmanten Haus am südlichen Rand einer stolzen, großen Stadt. UND: Du bist einem Traum von Kerl begegnet, der Deine verborgensten Chimären berührt und dennoch Deine kleine Welt intakt gelassen hat. Damit ist er für Dich über jeden Zweifel erhaben. Von jedem Vorwurf freizusprechen. O. ist NICHT schlecht für Dich. Im Gegenteil. Er ist ein faszinierender Mann und Liebhaber. Bestrickend. Grenzüberschreitend. So very cool. Du willst, Du mußt ihn zurückgewinnen. Ihn wieder in Deinem Leben haben. Sein Herz erreichen. Unbedingt. Gleich morgen wirst Du damit anfangen.

Sonntag, 16.11.2014 14h. Du bist allein zu Hause. Dein Mann wird in wenigen Stunden zurück kommen von seiner Reise. Frisch geduscht und nackt stehst Du im Schlafzimmer. Schlüpfst in die Highheels die Du getragen hast zum Parkplatz-Date mit O. Legst Dich aufs Bett. Schaltest die Selfie-Kamera ein. Fotografierst die Absätze der Schuhe. Das Tattoo auf Deinem Bauch. Deine Schultern. Dein Gesicht. Wählst drei Bilder aus. Sendest sie O. Schreibst dazu: „Es ist alles schrecklich leer ohne Dich!!!“ Hältst den Atem an. Hoffst. Wartest. 17h. Dein Handy piept. „Du kannst mich nicht loslassen!!!!“ schreibt O. „Warum??“ – „Vielleicht weil ich Dich liebe?“ antwortest Du. „Nein, Schlampe!!! Weil Du mich brauchst!!!“ schreibt O. „Natürlich. Du hast recht.“ antwortest Du. „Schön daß Du es endlich einsiehst!“ schreibt O. „Ich dachte schon Du würdest überhaupt nicht mehr zur Vernunft kommen!“ – „Doch“ antwortest Du. „Gut, Schlampe!!! Dann verzeih ich Dir!“ schreibt O. „Ich werde Dir erlauben mich wiederzusehen!!!“

„If this your mother knew, her heart would break in two.“

Dienstag, 28.10.2014 Eine ruhige Woche im Spätherbst nimmt ihren Lauf. Dein Sohn hat Ferien. Tagsüber nutzt Ihr die kurzen Sonnenstunden für kleine Fahrradausflüge. Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, übt er Weihnachtslieder in der Mansarde am Klavier, während Du Dich im Wohnzimmer vor dem Kaminofen wärmst. Du verbringst viel Zeit damit, in die Flammen zu schauen und Deine bisherigen Erlebnisse mit O. Revue passieren zu lassen. Wie fast all Deine Begegnungen mit ihm, so hat auch das Parkplatz-Date nach einem kurzen anfänglichen Hochgefühl eine ganz spezielle Erschütterung in Dir hinterlassen, von der Du Dich nur langsam erholst. Du frierst oft. Du brauchst viel Schlaf. Tief in Deinem Inneren weinst Du, wie ein kleines Mädchen das von einem viel zu wilden Spielgefährten vermöbelt wurde. Und dann fühlst Du auch noch diese Einsamkeit, die mehr ist, als das was Du bisher als solche kanntest. Ein Empfinden nicht ganz lebendig zu sein. Und O.? Der dies alles heilen könnte? O. schreibt Dir nicht. O. schweigt.

Montag, der 3.11.2014, ist ein für die Herbstzeit ungewöhnlich sonniger und warmer Tag. Um 8.45h blickst Du über Deine Teetasse hinweg in den Garten, wo Dein Mann das schöne Wetter für Aufräumarbeiten nutzt. Das Licht der Vormittagssonne läßt seine Haare durchscheinend weiß wirken und gibt seinem Aussehen etwas ungewohnt Zerbrechliches. Der Anblick rührt Dich. Du möchtest zu ihm gehen, ihn umarmen und etwas Liebevolles sagen. Plötzlich aber piept Dein Handy. Drängend. Es duldet keinen Aufschub. „Guten Morgen, meine Schlampe!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du und spürst wie Du innerlich in Hab-Acht-Stellung gehst. „Ich bin gerade in dem Haus“ schreibt O. „Willst es schnell da mit mir machen?“ – „Jetzt gleich?“ fragst Du. „Um 10 Uhr“ schreibt O.  „Mit halterlosen Strümpfen unter der Jeans und Schuhen!“ – „Das könnte ich“ antwortest Du. „Gut“ schreibt O. „Dann freu ich mich wenn Du kommst. Vergiss nicht Dich zu melden wenn Du bei der Parkbank bist!“ – „Bestimmt nicht“ antwortest Du.

Du schaust hinaus in den Garten. Dein Mann ist damit beschäftigt, gefallene Blätter in Laubsäcke zu füllen. Aber er scheint Deinen Blick in seinem Rücken zu spüren, denn plötzlich wendet er sein Gesicht dahin wo Du am Küchenfenster stehst. Er lächelt und winkt Dir zu. Du winkst und lächelst zurück. Dann drehst Du Dich um und gehst schnell die Treppe hinauf ins Schlafzimmer wo Deine halterlosen Strümpfe in einer Stoffschachtel mit Mille-Fleur-Muster versteckt sind. Im Badezimmer ziehst Du sie an. Dazu Jeans, das Empire-Top mit der Rückenschleife, darüber ein Strick-Cape aus beiger Mohairwolle. Mehr brauchst Du nicht. Du gehst wieder hinunter. Packst Dein Smartphone in Deine Tasche. Gehst ein paar Schritte hinaus in den Garten. „Ich fahr kurz Rad“ rufst Du Deinem Mann zu. „So hübsch zurecht gemacht? Pass auf daß keiner Dir was tut!“ ruft er zurück und bläst einen Luftkuß von seinem Handgelenk zu Dir. Dein leise gestelltes Handy vibriert in Deiner Tasche. Du mußt gehen.

Draußen, auf der Straße, atmest Du erst einmal durch. Fast fühlst Du Dich geküßt vom Sonnenlicht, das wärmend auf Dich fällt. Es scheint einen traumhaft schönen Tag zu verheißen, an dem fast alles leicht und wie von selber geht. Dein Fahrrad gleitet sanft dahin, als könntest Du schweben. Nach nur 13 Minuten kommst Du bei der Parkbank an. Du nimmst Dir Zeit, die halterlosen Strümpfe unter Deiner Jeans zurecht zu ziehen. Dann entsperrst Du dein Handy. Verständigst O. Er antwortet nicht gleich. Dein Herz krampft sich zusammen, für Sekunden scheint ein Abgrund sich zu öffnen unter Dir. Was, wenn er jetzt nicht zurück schreibt? Dich einfach stehen und ins Leere fallen läßt? Schmerzlich kommt Dir zu Bewußtsein, wie abhängig, ausgeliefert und wehrlos Du bist, ihm gegenüber. Du weißt NICHTS über ihn. Nicht einmal ob er wirklich O. heißt. Und er kann mit Dir machen was er will. Das Piepen Deines Handys erlöst Dich aus dem panischen Zustand. „Komm“ schreibt O. Und Du zögerst nicht, ihm zu gehorchen.

Im Haus mit den vielen Bildern sind noch alle Rollos heruntergelassen als O. Dich barfuß, in Langarm-Shirt und Jogginghose durch die Verbindungstüre zur Garage einläßt. Seine schattierten Augen schimmern exotisch im Halbdunkel. Er hilft Dir, Dein Strick-Cape abzulegen. „Nimm Deine Sachen mit nach oben“ sagt er und schiebt Dich durchs unerleuchtete Treppenhaus vor sich her, zu einem kleinen, ganz in Weiß eingerichteten Zimmer im ersten Stock des Hauses. Dort sind Regale mit Büchern und Kunstobjekten in die Wände integriert. Auf dem französischen Bett, das fast den gesamten Raum einnimmt, erkennst Du körperwarme, zerwühlte Laken. „Hast Du heute hier geschlafen?“ fragst Du schüchtern, während Du aus Deinen Schuhen und der Jeans schlüpfst. „Nein“ antwortet O. und stößt Dich aufs Bett. „Wo ich schlaf geht Dich nichts an. Du bist nur für Eines da, verstanden?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann leg Dich hin und mach die Beine ganz weit auseinander“ sagt O. „Ich will heute sehr tief in Dich eindringen!“

Du versinkst in den Kissen und in der höhlenhaften Wärme des Zimmers. O. schließt sorgfältig die Tür. Nur umrißhaft kannst Du erkennen daß er sich vollständig entkleidet, Deine Schuhe vom Boden aufhebt und sie Dir wieder über die Füße streift. Für Sekunden kniet er fast regungslos als großer, schwarzer Schatten zwischen Deinen Beinen. Dann fühlst Du wie er mit seinen großen Händen unter Deinen Hüften durchgreift, Dich am Gesäß zu sich heran zieht und frontal nimmt. Sein muskulöser, glatter Körper könnte nicht fremder, nicht anonymer sein, während er mit kalter Präzision sein Werk an Dir verrichtet. „Scherge“, denkst Du zwischen den einzelnen Stößen, „Vollstrecker“. Rim-Job will er heute keinen von Dir. Kurz vor seinem Höhepunkt befühlt er Deine Beine in den halterlosen Strümpfen und die Absätze Deiner Stiefeletten. Dann drückt er Deine linke Schulter mit einer Hand noch tiefer in die Kissen und macht es sich mit der anderen. Triumphal verströmt er sich auf Deinen Bauch.

„Danke, Babe“ hörst Du ihn sagen. Dann steht er auf und setzt mit einem Knopfdruck irgendwo im Raum die Automatik der Rollos in Gang. Es wird hell. O. hebt Deine Kleider vom Boden auf und wirft sie zu Dir aufs Bett. „Zieh Dich schon mal an“ sagt er und geht hinaus ohne seine eigenen Sachen mitzunehmen. Für ein paar Sekunden bleibst Du, geblendet von der plötzlichen Lichtflut, inmitten der schneeweißen Kissen und Decken liegen. Dann rappelst Du Dich hoch, zupfst Dein Empire-Top zurecht und suchst Deinen Slip. Du spürst einen leicht stechenden Schmerz zwischen Deinen Beinen. Als Du gedankenverloren danach tastest, bleibt ein wenig hellrotes Blut an der Spitze Deines Zeigefingers kleben. O. kommt ins Zimmer zurück. „Nicht fertig?“ fragt er streng und bückt sich nach seiner Jogginghose. „Ich blute ein bißchen“ sagst Du. Wir müssen schauen ob das Bett ok ist“ – „Wie bitte?“ faucht O. „Du Nutte wagst es mit irgendeiner Krankheit hierher zu kommen und das Bett zu versauen??“

„Laß uns doch erstmal schauen“ sagst Du und beginnst hektisch die Kissen und Bettdecken umzuwenden. Tatsächlich. Drei sehr kleine, hellrote Flecken prangen auf einem der Bettüberzüge aus reinweißem Makrosatin. Du starrst sie an. Sie bilden ein Dreieck. Und sie erinnern Dich an etwas. Ein ganz bestimmtes Märchen. In dem drei Blutstropfen sprechen konnten. Du wolltest es immer wieder vorgelesen bekommen als Kind. Aber Du hast jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn O. reißt Dir wütend den Bettbezug aus der Hand, den Du mechanisch begonnen hast abzuziehen. „Faß hier bloß keine Sachen mehr an, Du kranke Nutte!“ stößt er hervor. „Ich will nur noch daß Du gehst. Pack sofort Dein Zeug und verschwinde!“ Du ziehst Dir das Strick-Cape über den Kopf und nimmst Deine Tasche. „Bring mich bitte zur Tür“ sagst Du. „Mein Gott, sogar zum Abhauen bist Du zu blöd!“ ruft O. und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Also gut, ich bring Dich raus damit Du schneller weg bist. Komm mit!“

O. schlüpft in sein Langarm-Shirt, geht dann vor Dir her durchs Treppenhaus nach unten und öffnet die Verbindungstür zur Garage. Du folgst ihm steifbeinig, mit puppenhaft abgezirkelten Schritten. Im Türrahmen bleibt er kurz stehen und dreht sich zu Dir um. Du hoffst auf eine versöhnliche Geste oder ein Wort des Einlenkens von seiner Seite. Schließlich hast Du nichts verbrochen, eigentlich. O. aber mißt Dich nur mit einem vollkommen leeren, zutiefst verachtungsvollen Blick, auf den Du nicht die leiseste Erwiderung in Dir selber findest. So gehst Du stumm an ihm vorbei, hinaus zu Deinem Fahrrad. Nachdem die schwere, graue Sicherheitstür hinter Dir ins Schloß gefallen ist, bleibst Du dort noch eine kleine Weile stehen und versuchst Dich zu fassen. Es hilft Dir ein wenig, Dir das Kennzeichen des Geländewagens einzuprägen, der wie immer hier geparkt ist. Es ist eine markante Kombination von Buchstaben und Zahlen. Draußen, im Sonnenlicht, sprichst Du sie leise, wie ein Mantra, vor Dich hin. So lange und so oft, bis Du sicher bist daß Du sie nie mehr vergessen wirst. Dann gelingt es Dir, aufs Rad zu steigen und heim zu fahren.

Bei Dir zu Hause arbeitet Dein Mann noch immer im Garten als Du zurück kommst. Du winkst ihm kurz von der Terassentür aus zu und beeilst Dich dann nach oben ins Badezimmer zu gehen. Dort stellst Du fest, daß auch Dein Empire-Top Blutflecken abbekommen hat, und zwar viel größere als die Bettdecke im Haus mit den vielen Bildern. Du ziehst Dir ein frisches Shirt über und wirfst das verschmutzte Top in den Schnellwaschgang. Nach 20 Minuten ist es sauber. Dann kann es für O. auch nicht so schwer sein den Bettbezug zu reinigen, denkst Du. Im Lauf des Nachmittags beginnst Du zu frösteln. Erst nur leicht, dann immer stärker. Vom Rücken breiten sich Schmerzen in Deinen ganzen Körper aus. Du bekommst Fieber. 38,8 zeigt das Thermometer am Abend. Dein Handy hast Du im Bett neben Dir. Gegen 22 Uhr piept es. „Flecken sind rausgegangen“ schreibt O. „Welch ein Glück“ antwortest Du. O. schreibt nichts mehr zurück. Du versinkst in Fieberträumen. Sie handeln von Blutstropfen und einem sprechenden Pferd. Und plötzlich erinnerst Du Dich. Das Märchen hieß „Die Gänsemagd“.