Online …

Freitag, 6.2.2015 Hoffnungsfroh und voller Zukunftsglauben. So durchlebst Du die ersten Februartage des Jahres 2015. Anders als sonst ficht Dich das unbunte Wintereinerlei zu dieser Zeit heuer nicht an. Ebensowenig das oft so auslaugende, vergeblich scheinende Warten auf den Frühling. Getragen vom Gefühl des Angekommenseins im Leben von O. stapfst Du in undefinierbarem Licht durch schmutziggrauen Schnee. Bereitest Dich vor auf kommende Events. Bevorratest Dich mit neuen, halterlosen Strümpfen und schnelltrocknendem, dunkelrotem Nagellack. Als Du erfährst, daß Dein Mann kurzfristig für vier Tage nach Berlin reisen wird, hast Du nichts Eiligeres zu tun als es O. zu schreiben. Vier Tage lang schreibt er nicht zurück. Erst nachdem Du ein paar Selfies in Stringbody und Netzstrumpfhose gemacht und ihm geschickt hast, bekommst Du eine Antwort. Er sei krank, mit Fieber und Husten, schreibt O. und könne Dich deshalb „nicht ficken“. Er habe aber ein neues Smartphone, seit Kurzem. Ob Du zu ihm auf Whatsapp kommen willst?

„Natürlich! Sehr gerne!“ antwortest Du, während das Gefühl einer seltsamen inneren Dysbalance von Dir Besitz ergreift. O. auf Whatsapp. Wie wundervoll, denkst Du. Endlich hat O. das alte Tastenhandy abgelegt, auf dem er Dir seit Eurem Kennenlernen schrieb. Vieles wird einfacher, schneller, ja sogar transparenter werden, wenn Ihr gemeinsam die Messenger-App nutzt. Es ehrt Dich, im Kreis derer aufgenommen zu sein, die O. in Echtzeit online begegnen dürfen. Und dennoch ist Dein Herz schwer. Du ahnst, daß manches noch schwieriger, verletzender und schmerzhafter werden könnte als es ohnehin ist. Es wird nicht so sein wie mit all den anderen Freunden denen Du schreibst. Unschuldig. Offen. Spontan. Mit O. wird nun endgültig jeder Chat ein Waffengang, jeder Blick ins Handy ein Akt operativer Aufklärung sein, der über mentale Siege oder Niederlagen entscheidet. Es wird für Dich keinen naiven Umgang mit Deinem Handy mehr geben. Die Zeit der Unbedarftheit zwischen Dir und O., sie ist vorbei.

„Schick mir Bilder!!!“ fordert O., ganz Dominator, direkt nachdem Ihr Euch auf dem Instant Messenger verbunden habt. „Ich hab nur die die Du schon kennst“ antwortest Du. „Dann mach neue, Du Schlampe!“ schießt O. zurück. Kein Zweifel, denkst Du. Er hat rasant begriffen, wozu das neue Medium fähig ist. In den folgenden Tagen erlebst Du, wie das Smartphone zur Präzisionswaffe mutiert, in der Hand von O. Die emotionslose Intelligenz des Geräts ist die ultimative Domäne für ihn. Hier etabliert er seine Souveränität. Hier übt er unumschränkte Macht aus. Hier kontrolliert er sein Umfeld, ohne selbst etwas von sich preiszugeben. Hier ist er ständig präsent, ohne seinerseits greifbar zu sein. Du, als die Untergebene, Befehligte, lebst fortan konnektiert an den hochtourigen, widersprüchlichen Lebensstil von O., unter dem Diktat der Whatsapp-Haken, der Online-Sichtbarkeit und der Zeitstempel in seinem Account. Wirst bei Tagesanbruch als Engel geweckt, mittags als Nutte beschimpft und abends ignoriert. Empfängst Befehle, die wenig später wieder zurückgenommen und durch andere ersetzt werden. Erfüllst Wünsche ohne Dank dafür zu erhalten. UND registrierst schon bald, wie oft O. die App nutzt, ohne DIR zu schreiben. Vor allem in der prekären Zeit der frühen Morgenstunden …

Die Wochen vergehen. Mühsam findest Du Dich in der neuen Schreibsituation mit O. zurecht. Du zwingst Dich, so selten wie möglich in Euren Chatverlauf hinein zu klicken. Schaltest Dein eigenes „Zuletzt online“ ab, so daß Du auch das von O. nicht mehr sehen mußt. Und Du machst Screenshots wenn Dir ein Chat besonders rätselhaft oder verstörend erscheint, damit Du ihn in Ruhe durchlesen kannst, ohne die App öffnen zu müssen. Indessen entwickelt sich zwischen Euch eine neue Art von Interaktion. O. schreibt Dir regelmäßiger als bisher. Sein Ton wird höflicher. Die Schreibinhalte weniger bizarr. Ein gewisser Alltag scheint sich einzuspielen. Würde sich Eure Kommunikation nicht so ungewohnt flach, so merkwürdig ausgehöhlt anfühlen. Und wäre da nicht das Gefühl, daß O.s angepasstes Gebaren Dich in einer Scheinsicherheit wiegt. Dir eine kulissenhafte Welt vorgaukelt, hinter deren Attrappen etwas ganz Anderes vor sich geht. Und mit Dir ein neues Spiel begonnen wurde. Es heißt „Das Pseudo-Date“.

„Babe, ich kann es kaum erwarten bis Du mich endlich wieder leckst!!!“ schreibt O. in fast jedem Eurer vielen Mini-Chats jener Zeit. „Wann würde es bei Dir gehen?“ Du nennst ihm Tage und Zeitfenster. Referierst Deinen Alltag. Schilderst Möglichkeiten und Chancen. „Dann lass es uns gleich übermorgen/ nächste Woche/ am Donnerstag machen!!!“ schreibt O. stets zurück. „Ich komme ganz sicher zu Dir!!“ Du freust Dich. Jedes Mal. Putzst Dein Haus. Wechselst die Bettwäsche. Trägst Sorge dafür daß Ihr ungestört sein werdet. Blickst halb frohen, halb bangen Herzens dem vereinbarten Tag entgegen. Und erlebst Woche für Woche die gleiche Enttäuschung. Entweder ist O. zum fraglichen Zeitpunkt verschwunden. Unerreichbar. Stumm. Als hätte es nie eine Verabredung zwischen Euch gegeben. Oder er konfrontiert Dich mit einer Last-Minute-Ausrede von haarsträubender Abstrusität. Du gehst durch eine Epoche der Vorwände. Der Lippenbekenntnisse und Lügen. Und überlegst verzweifelt was Du dagegen tun kannst.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin