Barbe Bleue

Montag, 16.3.2015. Die Tage sind länger geworden. Der Frühling kündigt sich an. Lebensfreude liegt in der Luft. Du aber fährst gesenkten Blickes, in Deinen Parka gehüllt, auf Deinem Rad durch das blasse Märzsonnenlicht und fühlst Dich dabei wie das ausgemusterte Trendspielzeug der vergangenen Saison. Weggeworfen. Langweilig geworden. Es sind viele Wochen verstrichen, seit jenem Tag am Anfang des Jahres, an dem Du O. zum letzten Mal trafst. Von den großen Plänen die er danach schmiedete, wurde kein einziger realisiert. Es gab kein Treffen in erotischen Dessous. Und erst recht kein Gangbang mit den Freunden von O. Stattdessen erlebtest Du quälende Wochen voll immer wieder verschobener und abgesagter Dates. Zu viele. Du entschließst Dich zu einem unmoralischen Schritt. Schreibst Deinem Verehrer vom Tanzfest im Herbst, der Dich noch immer hofiert. Triffst Dich mit ihm, für eine letzte, glanzlose Nummer im Auto, nachmittags, auf einem Parkplatz am großen See, südlich der Stadt. Und abends kontaktierst Du O.

22.17h. Als Du Deine Chats mit O. aufrufst, springt Dir sofort sein online-Schriftzug grell ins Auge. Du hast den Eindruck, daß er heller, fluoreszierender auf Deinem Smartphone leuchtet als der von allen anderen Leuten denen Du schreibst. Er scheint eine eigene Energie zu besitzen, die es ihm erlaubt sich zu bewegen und in der Kopfzeile des Chatfensters hin und her zu tanzen. Er macht Dich nervös. Du fühlst Dich jedes Mal ertappt wie eine Stalkerin, wenn Du ihn siehst. Hauptsächlich aber kommst Du Dir verhöhnt und bloßgestellt vor, durch seinen Anblick. Es trifft Dich tief, auf diese Weise damit konfrontiert zu werden, daß jemand anderer so viel spannender und wichtiger ist als Du. Und O.s ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt, während Du im Schatten stehst. Dein Inneres rebelliert. Ohne abzuwarten bis O. seinen Chat beendet hat, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Willst Du daß ich noch Nuttenjobs für Dich mach? Brauchst Du mich noch als Schlampe?“ Dann lehnst Du Dich zurück und atmest durch.

Natürlich dauert es eine gewisse Weile bis O. sich aus dem Chat mit Wem-auch-immer lösen und Dir zuwenden kann. Genau 47 peinvolle Minuten. Und dann, um 23.04h schreibt er nur einen einzigen Satz: „Klar will ich daß Du noch Nuttenjobs machst!“ Sonst nichts. Keine Rückfrage. Kein Emoticon. Du fällst in ein Loch. Siehst, daß O. seinen Chat mit Wem-auch-immer noch einmal aufnimmt. Vollkommen unbeeindruckt, offensichtlich. Während Du Dich überflüssiger fühlst als je zuvor. Kleinlaut verkriechst Du Dich in Deinem Bett. Gegen 3h morgens stehst Du wieder auf und scrollst Dich, am Küchentisch sitzend, durch Deinen Whatsapp-Verlauf mit O. Versuchst herauszufinden, wann und warum seine Gleichgültigkeit einsetzte, Dir gegenüber. Findest keine Antwort. Beobachtest aber, daß auch O. wach und immer wieder online ist, zu dieser frühen Stunde. Natürlich ohne DIR zu schreiben. Und weißt: nun ist es an der Zeit das Schwert zu ziehen, das Du aus Verlustangst und Gekränktheit für O. geschmiedet hast.

Dienstag, 17.3.2015. Um 5.33h klickst Du Dich erneut zu O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich muß Dir was sagen. Ich hab es gestern mit einem anderen Mann gemacht. Ich will und liebe nur Dich. Aber ich hab es nicht mehr ausgehalten immer nur auf Dich zu warten. Und auf Dates die dann doch nicht passieren!“ Diesmal reagiert O. sofort. „Guten Morgen. Wer, wann und wo?“ schreibt er. „Der Mann vom Tanzfest“ antwortest Du, während das Smartphone in Deiner Hand zu Eis zu gefrieren scheint. „Gestern nachmittag, Autofick am See. Hat mich abgeholt und danach wieder heimgebracht“. Kurzes Schweigen. „Du hast gesagt daß ich Dich scheiße behandeln darf!“ schreibt O. dann. „Und das ist eben meine Art gewesen!“ – „Ja! antwortest Du. „Aber wenn ich Deine Schlampe sein soll muß ich Dich ab und zu auch sehen, verstehst Du?“ – „Dann werde ich Dich ab jetzt auch körperlich mißhandeln!“ antwortet O. „Heute tagsüber bin ich unterwegs. Aber bald komme ich und tu Dir weh. Denn Du gehörst mir! Ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

Du bist sehr erleichtert. Und auch ein wenig überrascht. Keine wilden ausufernden Injurien von O.? Stattdessen eine neue, wenn auch leicht beklemmende Perspektive? Das ist viel mehr als Du erhoffen konntest. Alles wird gut, denkst Du und verbringst einige ruhige Stunden in Deinem Haus. Dann, mit Einbruch der Dunkelheit schlägt Deine neu erlangte Contenance ganz plötzlich um. Du wirst von Sorgen, Scham und Zweifeln überfallen. Was, wenn Du O. nun zu unrecht verletzt hast? 22h. Es drängt Dich, ihm zum Ende des Tages etwas Liebevolles mitzuteilen. Du öffnest Eure Chats. Tippst „Wie geht es Dir?“ und blickst erwartungsvoll aufs Display. Die Häkchen hinter Deiner Nachricht werden sofort blau. O. war offenbar gerade im Begriff auch Dir zu schreiben. Wie schön, denkst Du und gewahrst verzückt, daß O. Dir nicht mit einer Sms antwortet, sondern ein Bild sendet, dessen Umrisse sich schemenhaft in Eurem Chatfenster abzeichnen. Etwas Romantisches, denkst Du und beeilst Dich, es zu öffnen.

Einmal downgeloaded und herangezoomt, hat das was Du siehst mit Herzen oder Rosenblättern leider nicht das Mindeste zu tun. Zwei üppige Brüste brennen sich auf Deine Netzhaut, provokant verhüllt von einem Langarmshirt aus schwarzem Tüll. Eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln führt einen Glasdildo zwischen zwei blassen Oberschenkeln durch. „Wer ist das? Was willst Du damit sagen?“ tippst Du konsterniert. „Daß ich sie ficke“ antwortet O. und sendet ein weiteres Bild von einem schlanken Frauenkörper der in dunkelroten Highhheels und gleichfarbigem Netzcatsuit mit geöffneten Beinen vor einem Garderobenspiegel sitzt. „Die ficke ich auch“ schreibt er dazu. „Woher kennst Du sie alle?“ schreibst Du, während Dir der Atem stockt. „Genauso wie ich Dich kennengelernt hab“ schreibt O. „Auf der Strasse aufgerissen?“ fragst Du zurück. „Ja“ antwortet O. Du fühlst das Blut in deinem Körper aus den Extremitäten weichen. Befürchtest unzukippen, für einen Moment. Doch dann bewahrst Du Haltung.

Denn Du witterst eine Chance. Die Chance endlich etwas zu erfahren aus der Realität von O., so schmerzhaft es auch ist. „Wie viele hast Du gefickt seit unserem letzten Date?“ schreibst Du. „Viele!“ antwortet O. „Fickst Du täglich eine oder mehrere?“ fragst Du weiter. „So oft es geht ficke ich!!!“ antwortet O. „Und deshalb hattest Du nie Zeit für mich, stimmts?“ schreibst Du, während Bitterkeit und Trauer in Dir hochsteigen. „Du bist halt die Letzte auf meiner Liste! antwortet O. „Dann streich mich doch ganz“ tippst Du und Deine Finger zittern. „Nein!“ antwortet O. „Denn Du bist geil und wir können es ab und zu treiben!“ – „Wie lang bist Du normalerweise mit einer Frau zusammen? fragst Du. „Manche hab ich schon seit Jahren“ antwortet O. lapidar. „Andere nur kurz“ – „Lieben die Dich auch so wie ich?“ fragst Du mit letzter Kraft. „Manche, ja“ antwortet O. „Und morgen früh um 4 fick ich ne Asiatin im Auto“ fügt er hinzu. „Schön“ antwortest Du leichthin. Jedoch, Du fühlst Dich vollkommen erdolcht.

„Deine Freundin? Ahnt sie gar nichts?“ bringst Du noch hervor. „Keine Ahnung!“ antwortet O. Kalt. Gleichgültig. Anhaltend brutal. Weder Du, noch seine Freundin, noch die Damen mit denen er Dich und sie betrügt scheinen ihm auch nur das Geringste zu bedeuten. Du raffst Dich auf zu einer letzten Frage. „Und mit den anderen Frauen kriegst Du es besser hin als mit mir, Dich zu verabreden und es auch einzuhalten?“ – „Kannst Du morgen früh um 4 zum Ficken kommen?“ fragt O. zurück. „Leider nicht“ antwortest Du. „Eben“ schreibt O. Du ersparst es Dir, ihn daran zu erinnern, daß er von vielen Gelegenheiten Dich frühmorgens zu treffen bisher nur eine einzige NICHT ungenutzt verstreichen ließ. „Ich danke Dir sehr für Deine Offenheit!“ schreibst Du stattdessen. „Es war mir klar daß Du so lebst.“ – „Leckst Du mir mein Arschloch noch?“ fragt O., plötzlich Besorgnis zeigend. „Wollen das die anderen nicht?“ schreibst Du. „Oder warum soll ich das machen?“ – „Weil Du es super kannst“ schreibt O. „Gute Nacht“

An Schlaf beginnst Du in dieser Nacht gar nicht erst zu denken. Du bleibst ganz einfach in dem Korbstuhl im Wohnzimmer sitzen, wo Du mit O. gechattet hast und starrst stundenlang vor Dich hin. Gelegentlich nimmst Du das Handy und betrachtest die beiden Fotos die O. Dir geschickt hat. Versuchst, Dir die Gesichter der abgebildeten Frauen vorzustellen, ihr Alter zu erraten und Dir auszumalen wie sie mit O. chatten. Du imaginierst auch die exotische Schönheit, mit der O. in wenigen Stunden atemraubenden Sex haben wird, während Du in Dich zusammengesunken da sitzst und Dich fühlst als würdest Du aus einer unaufhörlich sickernden Wunde innerlich verbluten. Nun hast Du bekommen was Du schon lange wolltest: Zutritt zu O.s Verbotener Kammer der Schrecken in der sich unzählige Torsi von Frauen türmen. In der eine Frau schlicht „die“ heißt, weil sie nur etwas, nämlich etwas-zum-ficken ist. Etwas zum Ausbeuten und Wegwerfen. Und Du also die Letzte, in ihrer aller langen Reihe …

Der Morgen graut. Die ersten Vogelstimmen holen Dich aus dem oberflächlichen Dämmerzustand in den Du doch noch gefallen bist. Dein Nacken ist steif. Dein Kopf tut weh. Du schaust aufs Handy das Du noch immer fest umklammert hältst. 4.56h. O.s Autofick müßte gerade vorbei sein, denkst Du, seltsam unbeteiligt, während Du aufstehst, die Patchworkdecke vom Sofa nimmst und Dich damit auf dem Gabeh-Teppich zusammen rollst. In Embryonalstellung, das Handy neben Dir. Du möchtest noch ein wenig schlafen, bevor Dein Mann und Dein Sohn aufstehen. 5.46h. Der Nachrichten-Ton von O. reißt Dich aus wirren Träumen. „Guten Morgen“ schreibt er. Du brauchst ein paar Sekunden um zu Dir zu kommen. „Guten Morgen. Wars geil mit der Asiatin?“ schreibst Du dann. „Kann ich heute zu Dir kommen“ schreibt O. „Nein. Ich will nicht mehr“ antwortest Du. „Lass mich kommen“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Du hattest viele Wochen Zeit. Fick die anderen und vergiß mich. Es gibt genug Frauen für Dich. Du brauchst mich nicht.“ – „Bitte“ schreibt O. Und etwas in Dir gibt nach.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin