Turquoise

„Turquoise“ by Quinton Hoover

Mittwoch, 18.3.2015, 6 Uhr 27. Es ist der Anfang eines klaren, verheißungsvollen Vorfrühlingstages. Die Morgensonne dringt durch die Ritzen der noch halb heruntergelassenen Rollos in Deinem Wohnzimmer. Du selbst kauerst noch immer auf dem Gabeh-Teppich. Übernächtigt. Lichtscheu. Ausgefroren. Denn es ist auch das Ende jener langen Nacht, in der Du auf schonungslose Weise erfuhrst was Du schon lange ahntest: nämlich, nur eine von Vielen zu sein für O. Eine von Vielen, die sehnsüchtig schreibt. Eine von Vielen, die Bilder macht. Eine von Vielen, die Highheels kauft und Netzstrumpfhosen hortet. Eine Wegwerf-Dame. Eine Spielzeug-Frau. Und zwar, so schrieb er jedenfalls, die Letzte, die Unwichtigste auf seiner langen Liste. Nach irgendeiner Asiatin. Nach einer Allerwelts-Lady in bordeauxrotem Catsuit. Nach einer Anonyma mit üppigem Dekoltée. Nach vielen, vielen anderen, Unbekannten. Kommt lange nichts. Und dann erst Du. Oder? „Bitte“ schreibt O. nämlich erneut. „Lass mich Dich besuchen!!! Ich muß Dich sehen!!!“

„Warum so eilig?“ tippst Du voller Ingrimm, während der Duft von Kaffee und die gedämpften Stimmen von Deinem Mann und Deinem Sohn aus der Küche zu Dir dringen. Wie aus einer fernen Welt, von weit, weit her. Wie die Erinnerung an eine lang vergessene Zeit, in der Du Croissants zum Frühstück hattest, und geregelte Schlafzeiten. „Ich bin die letzte in Deinem Katalog von tausend Frauen“ tippst Du weiter. „Vergiß mich doch einfach!“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Was, nein?“ schreibst Du zurück. „Ich kann keine schwarzen Strümpfe mehr für Dich anziehen und mir die Nägel lackieren und all das. Es geht nicht mehr. Es ist vorbei!“ – „Ich komme heute vormittags!!!“ schreibt O. „Ich muß Dich sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du nach einer kurzen Besinnung. „10, halb 11h wäre eine gute Zeit. Aber ich kann keinen Sex mit Dir machen! Und ich weiß auch nicht ob ich es schaffe Dir die Türe aufzumachen.“ – „Du willst mich eigentlich nicht sehen, oder?“ fragt O., unerwartet einfühlsam. „Doch. Schon.“ antwortest Du.

„Aber dann?“ schreibt O. fiebrig. „Du willst mich nur sehen, nicht berührt werden, oder?“ – „Doch. Du kannst mich auch berühren“ antwortest Du und fühlst Dich dabei unendlich müde. „Wo, Babe?“ fragt O. „Schreib es mir! Wo darf ich Dich berühren? Darf ich Dich küssen wenn ich hereinkomme?“ – „Ja“ antwortest Du, aufsteigende Tränen tapfer niederkämpfend. „Das wünsche ich mir doch schon so lange!“ – „Und darf ich dann auch Deine schönen Brüste berühren?“ drängt O. weiter. „Gleich im Flur?“ – „Meinetwegen“ antwortest Du. „Aber Sex willst Du keinen mit mir haben, oder?“ fragt O. „Ich glaube nicht daß ich das kann“ antwortest Du, total erschöpft. „Oh doch, Babe!!! Ich weiß das Du das kannst!!!!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Denn Du bist eine Schlampe die es braucht!!! Und deshalb gehst Du jetzt dann auch ins Schlafzimmer und machst für mich ein MUSCHIFOTO!!! Wenn Du das gemacht hast dann besuche ich Dich und spritz Dich voll!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Lass mich kurz duschen. Dann probier ich es.“

Nachdem Du mit leeren Gesten Deinen Mann und Deinen Sohn verabschiedet und im Haus ein wenig Ordnung gemacht hast, gehst Du mit bleischweren Füßen hinauf ins Badezimmer und versuchst, Dir unter der Dusche den Stress und die Demütigungen der vergangenen Nacht vom Körper zu waschen. Durch das Herabrauschen des warmen Wassers hindurch kannst Du jedoch hören, daß O. permanent simst. Es geht nicht anders. Du mußt Dein Waschritual unterbrechen. „Komm schon!!!“ – „Mach Baby!!!“ – „Wo bleibt das Bild!!!“ – „Schick endlich das  MUSCHIFOTO!!!“ liest Du triefnass im Badezimmer stehend, während Reste von Shampoo aus Deinen Haaren in Deine Augen rinnen und aufs Handydisplay tropfen. Du versuchst nicht in Hektik zu verfallen. Und dennoch rubbelst Du Dich hastig trocken, ziehst eilig schwarze, halterlose Strümpfe und Highheels an und machst Dir noch schnell ein Statement-Collier mit großen, glitzernden Fake-Türkis-Steinen um den Hals. Dann wirfst Du Dich im Schlafzimmer aufs Bett und schaltest die Selfie-Kamera ein.

Deine Energie reicht für genau fünf Bilder. Drei von Deinem Körper, der seltsam steif auf dem Oberbett liegt, die bestrumpften Beine unbeholfen von sich streckend. Und zwei von Deinem Gesicht, das blass und blicklos über den schillernden Glastürkisen an Deinem Hals in eine imaginäre Weite starrt. Erotisch geht anders, denkst Du und zögerst sie an O. zu senden. Selbst jetzt, im Moment Deiner tiefsten Getroffenheit, willst Du ihn nicht enttäuschen. Dann aber glaubst Du plötzlich zu spüren daß es vielleicht genau das ist, was O. sehen möchte: den Schmerz, den er Dir zugefügt hat. Dein Angeschlagensein. Und schickst die Bilder kommentarlos ab. Sie scheinen zunächst im Nebel zu verschwinden. O. schreibt nicht zurück. Und auch nachdem Du eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone in der Hand auf Deinem Bett sitzend vor Dich hingeschaut hast, sind die Haken hinter den Bildern in O.s Chatfenster noch immer grau. „Ok. Zum letzten Mal gelinkt, O.“ denkst Du und lächelst finster vor Dich hin.

10 Uhr 23. Du erhebst Dich und schreitest, getragen von einem eigenartigen Erhabenheitsgefühl, sehr langsam auf Deinen Highheels in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Nackt wie Du bist stellst Du Dich dort vor das Fenster von dem aus man die Strasse sehr gut beobachten kann und schaust hinaus. Du siehst, wie Radfahrer Dein Haus passieren und junge Mütter Kinderwägen durchs Licht der Frühlingssonne schieben. Aber O. siehst Du nicht. Du bleibst stehen und hältst weiter Ausschau während Du fühlst wie Dein Körper in dem ungeheizten Raum allmählich auskühlt. Als Du beginnst so stark zu frösteln daß die Glas-Türkise über Deiner Brust gegeneinander klimpern nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Kommst Du noch oder hast Du mich zum hundertsten Mal verarscht?“ Gerade als Du das Handy auf die Fensterbank vor Dir zurücklegen willst bekommst Du eine Antwort von O. „Ich dusche dann komm ich“ schreibt er. „Bereite Hautöl und Frischhaltefolie vor!!! Ich fahre in 10 Minuten mit dem Fahrrad los!!!“

Du legst das Handy beiseite und bleibst noch eine Weile am Fenster stehen. Versonnen, als ginge es Dich alles nichts an. Dann aber straffst Du Deine Schultern und stökelst, Dich vorsichtig am Treppengeländer festhaltend, auf Deinen Highheels hinunter in die Küche. Holst eine unangebrochene Rolle Frischhaltefolie aus einer Schublade. Fragst Dich was O. damit vorhat, heute, nach all den Aufregungen der vergangenen Nacht. Hörst ihn an der Haustür klingeln, wie nur er klingeln kann: Eindringlich. Fordernd. Schrill. Stürzt hin um zu öffnen, die Folie noch in der Hand. Siehst O. für einen Moment vor Dir stehen, unwirklich lichtumgleißt im Schatten Deines Hauses, mit verlorenem Blick, gehüllt in eine hochgeschlossene, nachtblaue Softshelljacke die ihn aussehen läßt wie einen dunklen Ritter von einem fremden, fernen Stern. „Da bist Du ja“ sagst Du mit heiserer Stimme und versuchst Deinen nackten Oberkörper an die kalte Beschichtung von O.s Jacke zu schmiegen. „Geil schaust Du aus, Baby“ antwortet O. und schubst Dich ins Haus.

Im Wohnzimmer bedeutet O. Dir mit lässiger Geste Dich auf dem Teppich niederzuknien und zu ihm aufzublicken während er sich seiner Kleider entledigt und sie großzügig um sich herum im Raum verteilt. Breitbeinig und nackt ganz nah vor Deinem Gesicht stehend legt er dann  seine große Hand auf Deine Stirn, schiebt Dir den Kopf in den Nacken und lächelt ein wenig spöttisch auf Dich herab. „Du weißt ja, ich hab es mir heute schon mal gemacht“ sagt er in schulmeisterlichem Ton, so als ob er einem leicht begriffsstutzigen Kind etwas erklären müßte. „Also häng Dich rein , Kleine!“ Du tust was er verlangt. Legst all Deine Trauer und Deine ganze Verzweiflung in Deinen Blow Job und küßt insbesondere O.s Frenulum als wäre es das Letzte was Du in diesem Leben zu tun hast. Es gefällt ihm. Mehr noch: es berührt ihn irgendwie. Als Du beim Deep Throat mit Deinen Reflexen kämpfst macht er sich sanft von Dir los. „Paßt Baby“ sagt er, fährt mit der Hand über Deine kurzen Haare und kniet sich zu Dir auf den Boden.

Anders als Deine und O.s Seelen finden Eure Körper auf dem Gabeh-Teppich in Deinem Wohnzimmer wie von selbst zueinander. O. nimmt Dich allerdings um Einiges härter als Du es bisher von ihm kanntest. Und Du wirfst Dich ihm mit voller Wucht entgegen. Es gibt nur noch Dich und O., sein Eindringen, seine schmerzhaften Stöße und den rauhen Flor des Gabeh-Teppichs unter Deinem Rücken. Sonst nichts mehr.  Als einer der Glas-Türkise von Deinem Collier aus der Fassung springt hält O. inne, blickt nachdenklich auf Dich herab und steht auf um etwas aus der Seitentasche von seiner Softshelljacke zu holen. Zwei kleine Päckchen. „Anziehen“ sagt er leise und wirft eines vor Dich hin. Es enthält eine korallenrote Damenstrumpfhose. Während Du Dir hastig die halterlosen Strümpfe herunter reißt und das rote Gewebe über Deine Beine zerrst holt O. aus der zweiten Kartonage ein regenbogenfarbig gemustertes Stoffknäuel heraus. Ein Stretch-Minikleid im Ethno-Stil, mit pinkfarbigen Neckholder-Bändchen.

Du ziehst Dir das Kleid über und zupfst es auf Deinem Körper zurecht. Die bunt ineinander gewebten Längsstreifen betonen die Rundung Deiner Brüste und lassen das Türkis der Schmucksteine um Deinen Hals intensiv leuchten. Du kniest Dich erneut auf den Teppich so daß O. sich hinter Dich hocken und die Bändchen in Deinem Nacken zusammenknoten kann. Du spürst daß er viel Sorgfalt aufwendet um eine niedliche kleine Schleife zu binden. „Geil“ hörst Du ihn leise zu sich selber sagen. Dann liegst Du plötzlich wieder vor O. auf dem Teppich und siehst wie er mit seiner großen rechten Hand zwischen Deine Beine greift und langsam, sehr langsam die Strumpfhose im Schritt aufreißt. Als das Loch so groß ist, daß Dein Unterbauch-Tattoo freiliegt zieht O. Dich am Gesäß zu sich heran und dringt erneut in Dich ein. Deine Schamlippen schmerzen. Fetzen von grellrotem Nylongewebe lassen deine und O.s Haut unnatürlich bleich erscheinen. Du parierst seine Stöße mit letzter Kraft. „Und jetzt leck mich endlich!“ sagt er.

Du nimmst nur schemenhaft wahr, daß O.noch schnell Deine Fußgelenke mit einem Stück der herumliegenden Frischhaltefolie aneinander fesselt und den verlorenen Glas-Türkis zurück in die leere Collier-Fassung drückt bevor er über Deinem Gesicht in Hockstellung geht. Du schließt Deine Augen während Du seine Pobacken küßt und hast plötzlich das Gefühl weit weg von hier etwas ganz Anderes zu erleben. Begleitet von zwei indianischen Priestern bist Du zu Fuß unterwegs durchs Hochland der Anden, auf einem mehrtägigen zeremoniellen Marsch zu einer Kultstätte der Inkas. Man hat Dich zum Opfer für eine Naturgottheit bestimmt. Auf dem letzten Wegstück wirst Du auf einer Sänfte kniend von jungen Indios getragen. Traditionelle Panflöten erklingen als Ihr den Ort Deiner Opferung erreicht. Ein Kondor kreist in den Lüften. Im bunten Kleid, die Türkiskette um den Hals, liegst Du auf dem Ritualfelsen, Dein Ende vor Augen. Da beginnt O. über Dir mit tiefer, fremdartiger Stimme zu stöhnen und ergießt sich auf Dich.

Es dauert eine Weile bis Du im Wohnzimmer aus Deiner Trance erwachst. Als Du Dich aufrichtest um das verschwitzte Kleid auszuziehen, die Folie von Deinen Füßen zu wickeln und Dir die Reste der roten Strumpfhose vom Körper zu streifen ist von O. nichts zu sehen. Erst als Du zum Korbstuhl gehst, wo eine Jeans und ein Trägertop von dir liegen, siehst Du daß er durch die Terassentür hinaus in den Garten gegangen ist. Dort steht er in seiner nachtblauen Ritterrüstung im Sonnenlicht und betrachtet die Tujenhecke die Euer Grundstück zum Nachbarn hin abgrenzt. „Die müßte mal professionell geschnitten werden“ sagt er, als Du barfuß herzutrittst. „Ja“ sagst Du und schlingst frierend die Arme um Deine nackten Schultern. „Soll ich das im Sommer mal machen?“ fragt O. „Sehr gerne“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., streckt eine Hand nach Dir aus und zieht Dich zu sich heran, so daß Du kurz Deinen Kopf an seiner geharnischten Brust bergen kannst. Dann schiebt er Dich von sich weg und geht von der Terasse durchs Wohnzimmer ganz einfach so aus Deinem Haus.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

La Chasse Sauvage

Samstag, 27.12.2014. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Lichtlos. Windumtobt. Unerlöst. Altem Volksglauben zufolge zieht dieser Tage ein Heer von dämonischen Jägern und Geisterreitern über den Himmel. Das weißt Du noch aus Deiner Kindheit. Odins Todesboten. Die Wilde Jagd. Mehr als in früheren Mittwinterphasen fühlst Du Dich gefährdet, einsam, aus der Welt gefallen. Es gelingt Dir nicht zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit Deinem Mann und Deinem Sohn. Du schläfst nachts unruhig und träumst wirr. In den frühen Morgenstunden wirst Du oft von den Strumböen geweckt, die seit dem zweiten Weihnachtstag um die Häuser Deiner Stadt wehen. Dann stehst Du auf, gehst barfuß zum Badezimmerfenster und schaust hinaus zu den kahlen schwankenden Bäumen in der trüben aschgrauen Morgendämmerung. „Irgendwo da draußen“ denkst Du, bevor Du zurück in Dein Bett kriechst um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Irgendwo da draußen ist O. auf Beutezug. Auf der Suche. Nach neuen Frauen. Neuen Seelen. Nach neuer menschlicher Energie …

Sonntag, 28.12.2014. Der Wintersturm kommt allmählich zur Ruhe. Dein Mann und Dein Sohn können hinausgehen und die Orkanschäden im Garten besichtigen. Du schaust ihnen vom Wohnzimmerfenster aus zu. Gerade als Du Deine Stiefel anziehen und noch ein wenig mithelfen willst den halb umgestürzten Brennholzstand aufzurichten piept Dein Handy. „Bist Du bereit für Deine Strafe, Schlampe?“ schreibt O. „Welche Strafe?“ fragst Du zurück und spürst wie Dein Pulsschlag sich beschleunigt. „Die Strafe dafür daß Du es mit dem Anderen gemacht hast!“ schreibt O. „Hast Du mir das noch nicht verziehen?“ fragst Du. „Nein!“ antwortet O. „Erst mußt Du mir beweisen dass Du mir noch gehörst!!!“ – „Ich gehör Dir auf jeden Fall!“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Übermorgen bin ich allein. Dann kommst Du zu mir. Ich füge Dir Schmerzen zu!! Dann sehen wir weiter!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Aber ich warne Dich!“ schreibt O. „Überleg es Dir gut!! Du wirst mit meiner ‚Behandlung‘ nicht klarkommen!!!“ – „Ich besuche Dich trotzdem!“ antwortest Du.

Draußen hat es begonnen in dichten Flocken zu schneien. Gärten, Straßen und Häuser werden weiß umhüllt. Stille breitet sich aus. Du selber versuchst den inneren Aufruhr zu bewältigen, den Chat-Duelle mit O. so oft bei Dir hinterlassen. Die Melange aus Empörung, Wut, Angst und Faszination mit der Du O. beim Überschreiten all Deiner Grenzen zuschaust. Und: Den Kick. Den Thrill. Denn: „Zu mir“ hat O. ja geschrieben. „Dann kommst Du zu mir“. Du wirst also seine Wohnung, sein Zuhause kennenlernen wenn Du ihn besuchst um Dich schlagen und strafen zu lassen. Fünf Monate nach Eurem ersten Date, drei Monate nachdem Du ihn zum letzten Mal gesehen hast, hält O. Dich für würdig zu erfahren wo er wohnt. Du stellst Dir ein wildes Ambiente vor, rockstarmäßig, mit pompösen Kronleuchtern und majestätischen Ledersesseln vor Wänden in violett oder schwarz. Zwischen flackernden Kerzen und Totenköpfen auf denen Strass-Steine schillern und blinken wird Deine Bestrafung stattfinden. Du fieberst ihr entgegen.

Dienstag, 30.12.2014. Am vorletzten Tag des  Jahres scheint die Welt um Dich herum zu versinken in Schnee. Meterhoch türmt er sich auf den Straßen. Dein Mann und Dein Sohn gehen halbstündlich hinaus zum Räumen. Und es schneit immer noch weiter. Von O. hast Du nichts mehr gehört, seit zwei Tagen. Als ob auch er und sein Plan eingeschneit wären, denkst Du, während Du unter der Dusche stehst. 12.30h. Du frottierst Dir gerade die Haare. Dein Handy piept. „Ich bin jetzt alleine!“ schreibt O. „Kannst Du kommen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ich muß mich nur noch fertig anziehen“ – „Bis wann kannst Du da sein, Schlampe?“ fragt O. „Wo müßte ich denn genau hinkommen?“ fragst Du gespannt zurück. „Zum Haus“ antwortet O. „Also. Wann kannst Du da sein?“ – „In einer halben Stunde“ schreibst Du. „Fahrradfahren geht ja leider nicht wegen dem Schnee“ – „Das schaffst Du ja doch nicht zu Fuß!“ schreibt O. „Ich glaube wir vergessen das Ganze!“ – „Bitte nicht!“ antwortest Du. „Ich versprech Dir daß ich pünktlich bin!“

„Na gut!“ schreibt O. „Von jetzt ab eine halbe Stunde! Nur eine Minute später und ich mach Dir die Türe nicht mehr auf!“ – „Dnke“ tippst Du und eilst halbnackt ins Schlafzimmer. Dort zerrst Du hektisch eine neue Packung halterloser Strümpfe aus ihrem Versteck und öffnest sie mit zittrigen Fingern. Als Du sie Dir überstreifen willst, bleibst Du mit dem rechten Zehennagel in dem empfindlichen Gewebe hängen und reißt eine große Laufmasche hinein. Für einen Moment fühlt sich alles vollkommen leer, absurd und sinnlos an. Aber Du rufst Dich zur Ordnung. „Ich will ihn sehen!“ denkst Du, wirfst Dir ein halbtransparentes weißes Langarmtop über, schlüpfst in Deine Jeans und hastest nach unten. Dort steigst Du in Deine Boots, hüllst Dich in Deinen Winterparka und Deinen Lieblingsschal aus Ajour-Strick, greifst nach Deinem Minirucksack samt Smartphone und stürmst auf die Straße hinaus. Dein Mann und Dein Sohn, die gerade mit Schneeräumen fertig geworden sind, schauen Dich verwundert an. „Ich mach einen kleinen Winterspaziergang, Herzen!“ sagst Du. „Bin bald zurück!“

Das Vorwärtskommen im Schnee ist schwierig. Bei fast jedem Schritt in der mehligen Masse, die die Räumdienste auf den Straßen zusammen geschoben haben, rutschen Deine Füße nach hinten weg. Du fühlst Dich wie in einem der Träume in denen man läuft ohne sich vom Fleck zu bewegen. Außerdem schneit es in die Kapuze von deinem Parka. Aus Deinen Haaren rinnt Schmelzwasser in Deine Augen und ruiniert das Make-up das Du noch schnell aufgetragen hast. Und O. macht alles noch schlimmer. Denn er bombardiert Dich mit Sms. Ignorieren? Unmöglich. Es könnte ja wichtig sein. O. aber hetzt und scheucht Dich einfach nur vor sich her. „Wo bleibst Du, Schlampe?“ schreibt er. „Die halbe Stunde ist gleich rum!!! Ich wußte ja daß Du es nicht schaffst!!!“ – „Ich bin schon fast da!“ tippst Du mit kalten Fingern während Du weiter voran stapfst. „Hör auf mich zu stressen!“ – „Du Drecksau!!!“ kommt es zurück. „Ich lass Dich gleich vor dem Haus stehen ohne zu öffnen!! Das wäre das was Du verdient hast!!!“

Dann geh ich halt Kaffeetrinken, denkst Du und biegst in die Straße ein an deren totem Ende das Haus mit den vielen Bildern errichtet wurde. Die Räumdienste haben hier besser gearbeitet als in Deinem eigenen Quartier. Du kannst Dich sicheren Schrittes auf das mondäne weiß-rote Gebäude zubewegen, das in kalter Pracht vor Dir liegt. Deine Kehle schnürt sich zusammen als Du direkt davor stehst. Schutzsuchend kauerst Du Dich unter das schmale Garagenvordach, atmest kurz durch, ziehst Dein Handy aus der Tasche von Deinem Parka und schreibst: „Ich bin jetzt vorm Haus!! BITTE lass mich rein!!“ Die Welt scheint stillzustehen, wie schockgefrostet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich das automatische Garagentor, gerade so hoch daß Du gebückt darunter hindurch schlüpfen kannst. Im Inneren der Garage stehst Du sekundenlang wie blind. Dann aber gewahrst Du O., der barfuß, in T-Shirt und Jogginghose im Rahmen der Verbindungstüre zum Haus lehnt. Ein lässiger Jäger, seiner Beute vollkommen sicher.

Du tust einen Schritt auf ihn zu und schaust ihn befremdet an. O.s blasses Gesicht wird umrahmt von einem dichten, brandroten Bart der ihn erschreckend archaisch, fast wikingerhaft-brutal aussehen läßt. Bevor Du Dich an den veränderten Anblick gewöhnen kannst, greift er brüsk nach Deinem linken Oberarm und zerrt Dich ungeduldig über die Türschwelle ins Innere des Hauses. Du stolperst über ein Chaos aus Kinderschuhen die inmitten von Staubflocken und Wollmäusen auf den dunkelgrauen Granitfliesen im Flur herumliegen. Die Eigentümerfamilie scheint überstürzt abgereist zu sein. Das gesamte Parterre macht einen unaufgeräumten, schlecht geputzten Eindruck. Wahrscheinlich O.s Job hier für Ordnung zu sorgen, denkst Du. Erst aber mußt Du Deinen Denkzettel bekommen, offensichtlich. Denn: „Zieh die Jeans aus!“ sagt O., als Du Deinen Parka ablegst und aus Deinen Boots schlüpfst. „Die könnte sonst kaputt gehen, heute“ – „Ich weiß“ antwortest Du und wünschst Dich plötzlich sehr weit weg.

O. läßt seinen Blick abschätzig über Dein Top und Deine schwarzbestrumpften Beine gleiten. Dann greift er nach Deinen beiden Handgelenken als ob er einen bizarren, ländlichen Tanz mit Dir beginnen wollte. Er zieht Dich ins Wohnzimmer und schubst Dich zu einem großen Tisch aus massivem Eichenholz auf dem noch weihnachtliche Buchsgebinde herumliegen. Du stößt mit dem rechten Hüftknochen an der Tischkante an. O. dreht Dir die Arme auf den Rücken und drückt dein Gesicht und Deinen Oberkörper mit der linken Hand auf die Tischplatte, so daß Dein Po nach oben ragt und nur Deine Zehenspitzen den Boden berühren. Mit der rechten Hand schiebt er Dein Top beiseite und betastet dein Gesäß. Lange. Nachdenklich. „Bitte nicht!“ flehst Du innerlich, als Du mitbekommst daß er seine Jogginghose auszieht und sich in die Hand spuckt. „Bitte nicht anal!“ Verzweifelt umklammerst Du eine der Garben aus Buchs. „Drecksau!“ faucht O., krallt seine Hand in Deine Haare und dringt gnädigerweise vaginal in Dich ein.

Als O. Dir gestattet Dich wieder aufzurichten hast Du Schwierigkeiten zu atmen und Deine Rippengegend fühlt sich gequetscht an. O. aber dreht Dir erneut die Arme nach hinten und stößt Dich zu der schwarzen XL-Couch auf der anderen Seite des Raumes. Er läßt seine flache Hand auf Dein nacktes Gesäß klatschen. Einmal. Zweimal. Du kreischst. Dreimal. Viermal. Du kreischst schrill. Auf der Couch kommst Du rücklings zu liegen. O. presst seine Knie beidseitig in Deine Leisten und umgreift Deinen Hals. „Was machen wir jetzt, Schlampe?“ fragt er und blickt aus seinem fremden, wild umwucherten Gesicht auf Dich herab. „Arschloch küssen?“ röchelst Du mühsam. „Das geht nicht!“ faucht O. und schlägt Dich mit der freien Hand ins Gesicht. „Warum nicht?“ fragst Du. „Ich bin nicht geduscht!“ antwortet O. und schlägt ein weiteres Mal zu. Dein Unterkiefer verschiebt sich. Du bist still. „Du Drecksau bekommst es jetzt ins Gesicht!“ murmelt O. und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf die Innenseiten Deiner Oberarme. Es tut weh. Deine Schultergelenke knacken. Aber Du überstehst es. Ohne zu jammern.

O. bedeutet Dir aufzustehen, nachdem er sich angezogen, aus der Küche ein Kleenex geholt und Dir damit das Gesicht abgeputzt hat, während Du regungslos auf dem Sofa verharrtest. Du kämpfst Dich schweigend hoch und gehst an ihm vorbei, hinaus in den Flur. Dort lehnt O. sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und schaut zu, wie Du die Jeans über Deine zerrissenen Strümpfe ziehst, in Deinen Parka schlüpfst und mit zitternden Händen die Schuhbänder deiner Boots zusammenknotest. „Vergiß Deinen Schal nicht der da auf dem Boden liegt“ sagt er mit leiser Stimme und beobachtet voll Interesse wie Du Dich etwas mühselig danach bückst. Als Du fertig angezogen bist schaust Du ihn mit festem Blick an. „Wir treffen uns nicht mehr, oder?“ fragst Du. „Du Schlampe meldest Dich ja doch wieder!“ antwortet O. betont gleichgültig und zückt den Schlüssel für die Verbindungstür zur Garage. „Ciao“ sagst Du, als Du über die dreistufige Treppe aus grauem Beton in den dunklen, kalten Raum hinaustrittst. „Ciao“ sagt O. und läßt die Türe hinter Dir ins Schloß fallen.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

„If this your mother knew, her heart would break in two.“

Dienstag, 28.10.2014 Eine ruhige Woche im Spätherbst nimmt ihren Lauf. Dein Sohn hat Ferien. Tagsüber nutzt Ihr die kurzen Sonnenstunden für kleine Fahrradausflüge. Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, übt er Weihnachtslieder in der Mansarde am Klavier, während Du Dich im Wohnzimmer vor dem Kaminofen wärmst. Du verbringst viel Zeit damit, in die Flammen zu schauen und Deine bisherigen Erlebnisse mit O. Revue passieren zu lassen. Wie fast all Deine Begegnungen mit ihm, so hat auch das Parkplatz-Date nach einem kurzen anfänglichen Hochgefühl eine ganz spezielle Erschütterung in Dir hinterlassen, von der Du Dich nur langsam erholst. Du frierst oft. Du brauchst viel Schlaf. Tief in Deinem Inneren weinst Du, wie ein kleines Mädchen das von einem viel zu wilden Spielgefährten vermöbelt wurde. Und dann fühlst Du auch noch diese Einsamkeit, die mehr ist, als das was Du bisher als solche kanntest. Ein Empfinden nicht ganz lebendig zu sein. Und O.? Der dies alles heilen könnte? O. schreibt Dir nicht. O. schweigt.

Montag, der 3.11.2014, ist ein für die Herbstzeit ungewöhnlich sonniger und warmer Tag. Um 8.45h blickst Du über Deine Teetasse hinweg in den Garten, wo Dein Mann das schöne Wetter für Aufräumarbeiten nutzt. Das Licht der Vormittagssonne läßt seine Haare durchscheinend weiß wirken und gibt seinem Aussehen etwas ungewohnt Zerbrechliches. Der Anblick rührt Dich. Du möchtest zu ihm gehen, ihn umarmen und etwas Liebevolles sagen. Plötzlich aber piept Dein Handy. Drängend. Es duldet keinen Aufschub. „Guten Morgen, meine Schlampe!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du und spürst wie Du innerlich in Hab-Acht-Stellung gehst. „Ich bin gerade in dem Haus“ schreibt O. „Willst es schnell da mit mir machen?“ – „Jetzt gleich?“ fragst Du. „Um 10 Uhr“ schreibt O.  „Mit halterlosen Strümpfen unter der Jeans und Schuhen!“ – „Das könnte ich“ antwortest Du. „Gut“ schreibt O. „Dann freu ich mich wenn Du kommst. Vergiss nicht Dich zu melden wenn Du bei der Parkbank bist!“ – „Bestimmt nicht“ antwortest Du.

Du schaust hinaus in den Garten. Dein Mann ist damit beschäftigt, gefallene Blätter in Laubsäcke zu füllen. Aber er scheint Deinen Blick in seinem Rücken zu spüren, denn plötzlich wendet er sein Gesicht dahin wo Du am Küchenfenster stehst. Er lächelt und winkt Dir zu. Du winkst und lächelst zurück. Dann drehst Du Dich um und gehst schnell die Treppe hinauf ins Schlafzimmer wo Deine halterlosen Strümpfe in einer Stoffschachtel mit Mille-Fleur-Muster versteckt sind. Im Badezimmer ziehst Du sie an. Dazu Jeans, das Empire-Top mit der Rückenschleife, darüber ein Strick-Cape aus beiger Mohairwolle. Mehr brauchst Du nicht. Du gehst wieder hinunter. Packst Dein Smartphone in Deine Tasche. Gehst ein paar Schritte hinaus in den Garten. „Ich fahr kurz Rad“ rufst Du Deinem Mann zu. „So hübsch zurecht gemacht? Pass auf daß keiner Dir was tut!“ ruft er zurück und bläst einen Luftkuß von seinem Handgelenk zu Dir. Dein leise gestelltes Handy vibriert in Deiner Tasche. Du mußt gehen.

Draußen, auf der Straße, atmest Du erst einmal durch. Fast fühlst Du Dich geküßt vom Sonnenlicht, das wärmend auf Dich fällt. Es scheint einen traumhaft schönen Tag zu verheißen, an dem fast alles leicht und wie von selber geht. Dein Fahrrad gleitet sanft dahin, als könntest Du schweben. Nach nur 13 Minuten kommst Du bei der Parkbank an. Du nimmst Dir Zeit, die halterlosen Strümpfe unter Deiner Jeans zurecht zu ziehen. Dann entsperrst Du dein Handy. Verständigst O. Er antwortet nicht gleich. Dein Herz krampft sich zusammen, für Sekunden scheint ein Abgrund sich zu öffnen unter Dir. Was, wenn er jetzt nicht zurück schreibt? Dich einfach stehen und ins Leere fallen läßt? Schmerzlich kommt Dir zu Bewußtsein, wie abhängig, ausgeliefert und wehrlos Du bist, ihm gegenüber. Du weißt NICHTS über ihn. Nicht einmal ob er wirklich O. heißt. Und er kann mit Dir machen was er will. Das Piepen Deines Handys erlöst Dich aus dem panischen Zustand. „Komm“ schreibt O. Und Du zögerst nicht, ihm zu gehorchen.

Im Haus mit den vielen Bildern sind noch alle Rollos heruntergelassen als O. Dich barfuß, in Langarm-Shirt und Jogginghose durch die Verbindungstüre zur Garage einläßt. Seine schattierten Augen schimmern exotisch im Halbdunkel. Er hilft Dir, Dein Strick-Cape abzulegen. „Nimm Deine Sachen mit nach oben“ sagt er und schiebt Dich durchs unerleuchtete Treppenhaus vor sich her, zu einem kleinen, ganz in Weiß eingerichteten Zimmer im ersten Stock des Hauses. Dort sind Regale mit Büchern und Kunstobjekten in die Wände integriert. Auf dem französischen Bett, das fast den gesamten Raum einnimmt, erkennst Du körperwarme, zerwühlte Laken. „Hast Du heute hier geschlafen?“ fragst Du schüchtern, während Du aus Deinen Schuhen und der Jeans schlüpfst. „Nein“ antwortet O. und stößt Dich aufs Bett. „Wo ich schlaf geht Dich nichts an. Du bist nur für Eines da, verstanden?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann leg Dich hin und mach die Beine ganz weit auseinander“ sagt O. „Ich will heute sehr tief in Dich eindringen!“

Du versinkst in den Kissen und in der höhlenhaften Wärme des Zimmers. O. schließt sorgfältig die Tür. Nur umrißhaft kannst Du erkennen daß er sich vollständig entkleidet, Deine Schuhe vom Boden aufhebt und sie Dir wieder über die Füße streift. Für Sekunden kniet er fast regungslos als großer, schwarzer Schatten zwischen Deinen Beinen. Dann fühlst Du wie er mit seinen großen Händen unter Deinen Hüften durchgreift, Dich am Gesäß zu sich heran zieht und frontal nimmt. Sein muskulöser, glatter Körper könnte nicht fremder, nicht anonymer sein, während er mit kalter Präzision sein Werk an Dir verrichtet. „Scherge“, denkst Du zwischen den einzelnen Stößen, „Vollstrecker“. Rim-Job will er heute keinen von Dir. Kurz vor seinem Höhepunkt befühlt er Deine Beine in den halterlosen Strümpfen und die Absätze Deiner Stiefeletten. Dann drückt er Deine linke Schulter mit einer Hand noch tiefer in die Kissen und macht es sich mit der anderen. Triumphal verströmt er sich auf Deinen Bauch.

„Danke, Babe“ hörst Du ihn sagen. Dann steht er auf und setzt mit einem Knopfdruck irgendwo im Raum die Automatik der Rollos in Gang. Es wird hell. O. hebt Deine Kleider vom Boden auf und wirft sie zu Dir aufs Bett. „Zieh Dich schon mal an“ sagt er und geht hinaus ohne seine eigenen Sachen mitzunehmen. Für ein paar Sekunden bleibst Du, geblendet von der plötzlichen Lichtflut, inmitten der schneeweißen Kissen und Decken liegen. Dann rappelst Du Dich hoch, zupfst Dein Empire-Top zurecht und suchst Deinen Slip. Du spürst einen leicht stechenden Schmerz zwischen Deinen Beinen. Als Du gedankenverloren danach tastest, bleibt ein wenig hellrotes Blut an der Spitze Deines Zeigefingers kleben. O. kommt ins Zimmer zurück. „Nicht fertig?“ fragt er streng und bückt sich nach seiner Jogginghose. „Ich blute ein bißchen“ sagst Du. Wir müssen schauen ob das Bett ok ist“ – „Wie bitte?“ faucht O. „Du Nutte wagst es mit irgendeiner Krankheit hierher zu kommen und das Bett zu versauen??“

„Laß uns doch erstmal schauen“ sagst Du und beginnst hektisch die Kissen und Bettdecken umzuwenden. Tatsächlich. Drei sehr kleine, hellrote Flecken prangen auf einem der Bettüberzüge aus reinweißem Makrosatin. Du starrst sie an. Sie bilden ein Dreieck. Und sie erinnern Dich an etwas. Ein ganz bestimmtes Märchen. In dem drei Blutstropfen sprechen konnten. Du wolltest es immer wieder vorgelesen bekommen als Kind. Aber Du hast jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn O. reißt Dir wütend den Bettbezug aus der Hand, den Du mechanisch begonnen hast abzuziehen. „Faß hier bloß keine Sachen mehr an, Du kranke Nutte!“ stößt er hervor. „Ich will nur noch daß Du gehst. Pack sofort Dein Zeug und verschwinde!“ Du ziehst Dir das Strick-Cape über den Kopf und nimmst Deine Tasche. „Bring mich bitte zur Tür“ sagst Du. „Mein Gott, sogar zum Abhauen bist Du zu blöd!“ ruft O. und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Also gut, ich bring Dich raus damit Du schneller weg bist. Komm mit!“

O. schlüpft in sein Langarm-Shirt, geht dann vor Dir her durchs Treppenhaus nach unten und öffnet die Verbindungstür zur Garage. Du folgst ihm steifbeinig, mit puppenhaft abgezirkelten Schritten. Im Türrahmen bleibt er kurz stehen und dreht sich zu Dir um. Du hoffst auf eine versöhnliche Geste oder ein Wort des Einlenkens von seiner Seite. Schließlich hast Du nichts verbrochen, eigentlich. O. aber mißt Dich nur mit einem vollkommen leeren, zutiefst verachtungsvollen Blick, auf den Du nicht die leiseste Erwiderung in Dir selber findest. So gehst Du stumm an ihm vorbei, hinaus zu Deinem Fahrrad. Nachdem die schwere, graue Sicherheitstür hinter Dir ins Schloß gefallen ist, bleibst Du dort noch eine kleine Weile stehen und versuchst Dich zu fassen. Es hilft Dir ein wenig, Dir das Kennzeichen des Geländewagens einzuprägen, der wie immer hier geparkt ist. Es ist eine markante Kombination von Buchstaben und Zahlen. Draußen, im Sonnenlicht, sprichst Du sie leise, wie ein Mantra, vor Dich hin. So lange und so oft, bis Du sicher bist daß Du sie nie mehr vergessen wirst. Dann gelingt es Dir, aufs Rad zu steigen und heim zu fahren.

Bei Dir zu Hause arbeitet Dein Mann noch immer im Garten als Du zurück kommst. Du winkst ihm kurz von der Terassentür aus zu und beeilst Dich dann nach oben ins Badezimmer zu gehen. Dort stellst Du fest, daß auch Dein Empire-Top Blutflecken abbekommen hat, und zwar viel größere als die Bettdecke im Haus mit den vielen Bildern. Du ziehst Dir ein frisches Shirt über und wirfst das verschmutzte Top in den Schnellwaschgang. Nach 20 Minuten ist es sauber. Dann kann es für O. auch nicht so schwer sein den Bettbezug zu reinigen, denkst Du. Im Lauf des Nachmittags beginnst Du zu frösteln. Erst nur leicht, dann immer stärker. Vom Rücken breiten sich Schmerzen in Deinen ganzen Körper aus. Du bekommst Fieber. 38,8 zeigt das Thermometer am Abend. Dein Handy hast Du im Bett neben Dir. Gegen 22 Uhr piept es. „Flecken sind rausgegangen“ schreibt O. „Welch ein Glück“ antwortest Du. O. schreibt nichts mehr zurück. Du versinkst in Fieberträumen. Sie handeln von Blutstropfen und einem sprechenden Pferd. Und plötzlich erinnerst Du Dich. Das Märchen hieß „Die Gänsemagd“.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Dawn

Samstag, 25. Oktober 2014. Die Tage sind schnell vergangen. O. hat Dir weiterhin öfter geschrieben in den Morgenstunden. Manchmal nur einen kurzen Satz oder ein einzelnes Wort, manchmal eine erratische Bitte oder Frage. Ob Du ungetragene halterlose Strümpfe zu Hause hast. Ob Du auch wirklich fahrradfahren kannst in Highheels. Ob Du es erregend findest seine Wünsche zu erfüllen. Ob Du ihm einen Orgasmus aufs Handy stöhnen könntest? Mehrmals schrieb er auch, er könne es kaum mehr erwarten, Dich endlich frühmorgens am Parkplatz zu sehen, halbnackt, in Highheels und Strümpfen. Nun aber, da die fragliche Nacht vor der Türe steht, breitet sich wieder einmal merkwürdige Stille auf Deinem Handy aus. Du fühlst minütlich mehr, wie O. abdriftet, in Unerreichbarkeit. Und wie Euer geplantes Treffen dadurch verwandelt wird: Von einem aufregenden erotischen Abenteuer in etwas völlig Anderes, was es nicht sein sollte: einen Machtkampf nämlich, ein Nervenspiel, eine Zerreißprobe. In etwas, was Euch trennt, anstatt Euch zu verbinden.

Sonntag, 26. Oktober 2014. 9h. Ein zartgrauer Herbsttag beginnt, mit Hoffnung auf Sonne am Nachmittag. Du schreibst O.: „Bin jetzt zwei Tage lang allein zu Haus. Freu mich auf morgen früh. Bitte sag mir noch ganz genau wo ich mit dem Fahrrad hinkommen soll.“ Für ein paar Stunden schweigt Dein Handy. Dann gibt es einen bösartig und heimtückisch klingenden Ton von sich. „Machst Du es jetzt mit nem Anderen wenn Du allein daheim bist?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Was soll das?“ – „Wir beide wissen was Du für ne Schlampe bist!“ antwortet O. „Und jetzt entspann Dich Babe, sonst wird das nichts heute nacht!“ Du haßt O. in diesem Moment. Genauer: das, was er tut: Vertrauen zerstören. Erotik vernichten. Ärger, Angst, und Argwohn erzeugen. Du zwingst Dich zur Ruhe. Versuchst, das Alleinsein im Haus zu genießen. Aber um 23h ist Deine Geduld zu Ende. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Soll mich lieber jemand anderer hier besuchen?“ Und, mittenhinein in O.s eisiges Schweigen textest Du noch ein paar Effronterien mehr …

Montag, 27. Oktober 2014. 2.55h. Das Piepen Deines Handys schreckt Dich aus einem unruhigen Schlaf. „Hätte nicht von Dir gedacht dass Du gleich mit Beziehungsende und anderen Typen drohen musst“ schreibt O. voller Verachtung. „Vergiß nicht, meine Ma ist schwer krank!!! Wie soll ich da Lust auf Dich bekommen?“ – „Verzeih mir bitte!“ schreibst Du tief beschämt. „Es war uns beiden doch so wichtig. Was soll jetzt passieren?“ – „Also ich hätte es heute ganz sicher mit Dir gemacht. Aber Du willst es ja lieber mit nem Anderen!“ schreibt O. „Das stimmt nicht!!“ schreibst Du verzweifelt. „Bitte tu Du es mit mir!!!“ Minuten vergehen. „Ich hab die Schuhe und Strümpfe seit Tagen bereit gelegt!“ schreibst Du. „Bitte lass mich zum Parkplatz kommen!“ – “ Also gut, Schlampe!“ antwortet O. endlich. „Dann komm aber zu dem Kinderspielplatz der da ganz in der Nähe ist. In 15 Minuten hol ich Dich da ab. Beeil Dich. Wenns hell wird ist es zu spät!!“ 4.07h. Du sperrst Dein Fahrrad am Klettergerüst an. Vor Jahren bist Du oft hier gewesen …

Es war eine Zeit in der Du glücklich warst mit Deinem Mann. Und ganz besonders mit Deinem kleinen Sohn. Lange Nachmittage verbrachtest Du damit, ihm beim Klettern durch die Takelage zuzuschauen. Du vermisstest nichts. Ahntest nichts. Stelltest Dir nichts vor. Nun aber stehst Du hier, auf der Nachtseite Deiner bisherigen Routinen und wartest auf O. Du fröstelst im Herbstwind, nackt wie Du bist, unter Deinem Parka. Stehst schwankend auf Deinen Stilettos im Kies. Spürst Deine Gänsehaut, da wo der Spitzensaum der halterlosen Strümpfe endet. Jenseits der Ahornbäume am Spielplatzrand blitzen Scheinwerfer auf. Tatsächlich. Der Geländewagen. Bleich und stumm starrt O. unter seiner Basecap durch die Frontscheibe auf Deine Füße während Du im feuchten Laub auf ihn zugehst. Erst als Du direkt vor dem Wagen stehst öffnet er die Seitentür, gerade so weit, dass Du auf den Beifahrersitz schlüpfen kannst. „Du brauchst es, oder?“ fragt er kaugummikauend, während Du Dich zurecht setztst. „Ja“ antwortest Du.

„Dann mach endlich Deinen Mantel auf und zeigs mir!“ sagt O. Du öffnest den Reißverschluß von Deinem Parka und reckst Deine Brüste dem Halbmondlicht entgegen, das schwach durch die Frontscheibe scheint. „Mehr, Baby“ sagt O. Du ziehst den Reißverschluß noch ein kleines Stück nach unten. „Zieh den Mantel ganz aus“ sagt O. „Steig aus und leg ihn in den Kofferraum.“ Du gehorchst. Schlüpfst aus dem Mantel, öffnest die Wagentür, stökelst um das halbe Auto herum, entriegelst den Kofferraum und legst den Parka zusammen mit Deiner Tasche hinein. „Gut gemacht, Babe“ sagt O., nachdem Du wieder auf dem weißen Laken Platz genommen hast, mit dem der Beifahrersitz abgedeckt ist. „Wir fahren jetzt schnell zum Gewerbegebiet. Hier ist es zu riskant. Die ersten Hundebesitzer kommen gleich. Kümmer Dich um meinen Schwanz während ich fahre!“ O. dreht die Musikanlage des Wagens laut auf. „Come as you are“ röhrt die rauhe Schmerzensstimme von Kurt Cobain. Du beugst Dich nach vorne und tastest nach O.s Schwanz.

Massiv, fast wie gemeißelt, zeichnet er sich durch den flauschigen Stoff von O.s Jogginghose ab. Es ist jedesmal ein kleiner Schock für Dich, dieser gnadenlosen, phallischen Absolutheit zu begegnen. Deine Hand zittert ein wenig, bei der ersten Berührung. Aber O. gefällt das was Du tust. „Mach weiter, Babe“ sagt er. „Mach das was Du am Besten kannst und reg Dich nicht immer so künstlich auf! Ich hab starke Beruhigungsmittel bekommen wegen der Krankheit von meiner Ma. Glaub mir, wenn ich Tabletten krieg von meinem Doc, dann sind das keine Hustenbonbons! Ich war völlig weggetreten in der Nacht. Deshalb konnte ich nicht schreiben.“ – „Tut mir leid. Das wußte ich nicht“ flüsterst Du. „Egal“ sagt O. „Ich machs jetzt mit Dir, damit Du Ruhe gibst. Und dann mußt Du zur Strafe mein Arschloch küssen. Wenn Du es nicht gut machst läufst Du zu Fuß vom Gewerbegebiet zurück. Klar?“ – „Klar“ antwortest Du. „Gut“ sagt O. und parkt den Wagen vor den hellerleuchteten Fenstern eines Elektronik-Showrooms. 

„Geh auf den Rücksitz!“ kommandiert O. Er läßt seine Fliegerjacke aus cognacfarbigem Nappalader von den Schultern fallen und holt seinen Schwanz aus der Jogginghose. Du kletterst nach hinten, legst Dich dort auf den Rücken und stemmst Deine weit geöffneten Beine halb angewinkelt gegen den grau bespannten Autodachhimmel. Von der Seitentür kommend dringt O. mit einem einzigen brutalen Stoß tief in Dich ein. Du stöhnst vor Schmerz. „Bist Du  schon soweit?“ fragt O. „Fast“ antwortest Du. „Sehr gut“ sagt O. und stößt noch einmal zu, so daß Dein Kopf am Autotürgriff über Dir anschlägt und Deine Highheels von den Füßen rutschen. „Den Rest besorgst Du Dir selber mit der Hand während Du mich leckst, ok? Und bitte stöhn ganz laut wenn es Dir kommt und sag mir daß ich der Geilste für Dich bin!“ sagt O.  Du tust was er verlangt. Küßt O.s Analregion während er mit abgewandtem Gesicht über Dir kniet. Streichelst Deine Muschi. Mimst einen Orgasmus. Fühlst O.s warmes Sperma auf Deinem Bauch. Dankst ihm. Gibst vor glücklich zu sein.

„Darf ich jetzt wieder mit Dir zurück fahren?“ fragst Du, nachdem Ihr im Auto Ordnung gemacht und Euch angezogen habt. „Von mir aus“ sagt O. „Aber nur, wenn Du mich jetzt nicht mehr anfaßt! Eine Nummer im Auto ist keine Kuschelveranstaltung!!“ – „Ok“ sagst Du und vergräbst Dich auf dem Beifahrersitz in Deinen Parka. Stumm sitzt Ihr nebeneinander während der kurzen Fahrt. „Ist es sehr schlimm mit Deiner Mama?“ fragst Du, als Ihr den Spielplatz fast erreicht habt. „Ach meine Mutter hat in ihrem Leben einfach immer nur Scheiße gebaut“ sagt O. „Und jetzt will sie plötzlich alles mit mir und meinen Brüdern bereinigen und ruft uns dauernd zu sich ins Krankenhaus.“ – „Du hast Brüder?“ fragst Du. „Ja. Einen halben und einen ganzen Bruder“ sagt O. „Ich bin der Jüngste.“ Bevor Du noch etwas dazu sagen kannst parkt O. das Auto hinter den Ahornbäumen beim Spielplatz. Euer Date ist zu Ende. „Steig aus,  Babe“ sagt O. „Und vergiß nicht Deine Tasche hinten rauszuholen. Ich kann die nicht brauchen. Ok?“

„Willst Du nicht schauen ob ich es richtig mache?“ fragst Du. „Doch“ sagt O. „Nicht daß Du noch was mitnimmst was Dir nicht gehört.“ Im fahlen Licht des heraufdämmernden Tagesanbruchs steht O. neben seinem Auto und beobachtet argwöhnisch, wie Du Deine Tasche aus seinem Kofferraum holst. Unrasiert, übernächtigt, mit blutleeren Lippen und bläulich unterlaufenen Augenlidern. Ein unirdisches, umhergetriebenes Wesen, beheimatet im diffusen Grau eines immerwährenden Frühmorgens. Es tut Dir weh ihn so zu sehen. „Machs gut“ sagst Du und versuchst zum Abschied Deine Stirn an das kalte, abweisende Nappaleder von seiner Fliegerjacke zu legen. „Du auch“ antwortet er und dreht sich von Dir weg. Während Du zu Deinem Fahrrad gehst, hörst Du wie hinter Dir der Geländewagen startet. Als Du Dich umschaust ist er verschwunden. Als ob er niemals da gewesen wäre.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Rim-Job

Samstag, 23.8.2014 9h. O. hat geschrieben, um 4h morgens: „Ich will Dich wissen lassen dass Du es heute in einem Haus mit mir machen könntest!“ „Oh gerne!“ schreibst Du rasch zurück. „Zu spät!!“ antwortet O. „Ich habs mir heute schon zweimal gemacht und bin jetzt nicht mehr geil!“ Mittags. „Wenn wir uns heute sehen, würdest Du dann Deinen Dildo mitbringen?“ fragt O. „Natürlich!“ schreibst Du. „Und was würdest Du anziehen?“ – „Jeans, weisses Top, schwarze Stiefeletten“ schreibst Du. „Babe, das ist mir aber nicht geil genug!“ antwortet O. Längeres Schweigen. Du resignierst. Da, eine neue Sms. „Kannst jetzt gleich kommen?“ – „Ich muss noch duschen!“ schreibst Du. „Beeil Dich, Schlampe!“ schreibt O., „Du solltest längst hier sein!!!“ 16h. O. erwartet Dich bei einer Parkbank ganz in der Nähe Eures bisherigen Treffpunkts. Blass, mit unbewegtem Gesicht schaut er zu, wie Du Dein Fahrrad absperrst, ohne Begrüßungskuss schiebt er Dich in den bereitstehenden Geländewagen. Es ist nur eine kurze Fahrt. Dann seid Ihr da.

O. parkt in der gleichen Garage, in der er Dich vor zwei Wochen im Auto so hart genommen hat. Diesmal aber lässt er Dich aussteigen und öffnet die Verbindungstür zum Haus. Du betrittst den Flur und empfindest ein diffuses, unerklärliches Gefühl von Fremdheit und Überwältigung. Der Einrichtungsstil ist von kalter Modernität. Geradlinige Formen, Monochrome Farbgebung. Gediegenste Materialien. Das Treppenhaus dominiert von breiten Stufen aus massivem Eichenholz, an den Wänden bis unters Dach dekoriert mit Bildern: Street Style. Urban Art. Dunkle Motive. Comics. Fratzen. Verletzte Gesichter. Augen, aus denen grellfarbige Tränen rinnen. „Ein Wahnsinnshaus!“ flüsterst Du und schlingst schutzsuchend die Arme um O.s Hals. „Leider nicht meins!“ antwortet er während er sich losmacht und Dich zu einer grossen, schwarzen Couch-Landschaft im Wohnzimmer schiebt, von der ein Teil mit einem weissen Leintuch abgedeckt ist.

„Jeans runter, Schlampe, und hinlegen!“ kommandiert O., während er sich auszieht und Dich seinen grossen, breiten Schwanz sehen lässt. Halb liegend zerrst Du Dir Deine Kleider vom Körper und spreizst gehorsam die Beine. O. spuckt präzise dazwischen und dringt direkt in Dich ein ohne Dich sonst irgendwie zu berühren. Wieder stösst er nur wenige Male heftig zu. Dann lässt er unvermittelt von Dir ab und geht aus dem Raum. Du bleibst reglos mit geöffneten Beinen liegen und horchst. Es ist totenstill um Dich herum, die Zeit scheint anzuhalten. Du beginnst zu frösteln. Ist er ganz gegangen? Lässt er Dich allein hier in dem fremden Haus? Was sollst Du tun? Gerade als Du Dich aufrichten willst kommt er zurück. „Bleib liegen, Schlampe! Zieh das an!“ sagt er und wirft Dir mit einer verächtlichen Handbewegung ein schwarzes Netz-Top in den Schoss. „Wo hast Deinen Dildo?“ fragt er, während Du Dir das Top überstreifst. „In meiner Tasche“ sagst Du und fängst an, hektisch darin herumzusuchen. „Steck ihn Dir rein! Machs Dir selber!“ herrscht O. Dich an. Du gehorchst. Legst Dich auf den Rücken, öffnest wieder die Beine, bewegst den Glasdildo so dass O. es gut sehen kann. „Du bist so eine geile Drecksau!“ sagt er während er sich über Dein Gesicht kniet.

Du siehst sein helles Gesäss, seine grossen Eier ganz nah über Dir. „So, und jetzt leck mein Arschloch, Du Schlampe!“ sagt O. Du lässt den Dildo los, greifst vorsichtig mit den Armen unter O.s Oberschenkeln hindurch um  sein Gesäss berühren zu können, ziehst seine Pobacken ein wenig auseinander, küsst und beisst sie ganz leicht links und rechts und arbeitest Dich dann mit der Zunge zum Rektum vor. Es fällt Dir sehr leicht. O. ist perfekt rasiert. Du leckst und küsst ihn hingebungsvoll, mit all der Liebe die Du für ihn in Dir hast. Es fühlt sich hell, glatt, zart und weich an. O. besorgt es sich mit einer Hand und bewegt mit der anderen den Glasdildo in Dir auf und ab. Du spürst wie er beginnt über Dir zu zucken, beschleunigst ein wenig die Bewegungen von Deiner Zunge und fühlst Sekunden später sein warmes Sperma auf Deinen Bauch klatschen. Du bist sehr, sehr glücklich. O. vertieft sich für einen Moment in den Anblick dessen was er auf Deinem Tattoo hinterlassen hat bevor er es sorgsam mit einem Kleenex abwischt. Dann mahnt er zur Eile.

Schnell raffst Du Deine Sachen zusammen, schlüpfst in Deine Kleider während er das Leintuch zusammen legt und mit konzentriertem Blick die Couch in die richtige Position zurück schiebt. Ohne weiteren Wortwechsel verlasst Ihr das Haus. O. bringt Dich im Auto zurück zu Deinem Fahrrad und entschwindet grusslos, noch bevor Du es entsperrt hast. Du stehst allein bei der Parkbank. Für Sekunden fühlt sich alles unwirklich an, wie nur geträumt. Existiert O.? Hast Du das alles gerade tatsächlich erlebt? Du schaust auf Dein Handy. 23 Minuten hat es gedauert. Es übersteigt Dein Fassungsvermögen. Innerlich zitternd, mit wackligen Knien steigst Du auf Dein Fahrrad und fährst heim. Spätabends erreicht Dich eine Sms: „Danke Kleine!!!! Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl Deine weiche Zunge an meinem Arschloch zu spüren!!! Küsse!!“ – „Ich hab es sehr gern gemacht!“ antwortest Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 28.8.2014 10h. Du verbringst eine ruhige Ferienwoche zusammen mit Deinem Sohn. Dein Mann ist verreist. Du hast O. geschrieben dass Du nachts oder frühmorgens problemlos für eine schnelle Nummer im Auto zu ihm herauskommen könntest, so wie er es ja schon ein paarmal gern von Dir gewollt hätte. Auch um vier Uhr morgens, der Tageszeit zu der er Deinem Eindruck nach besonders gerne chattet oder Sex hat. Aber das schien ihn nicht weiter zu interessieren, jedenfalls hast Du seit Deinem Rim-Job nichts mehr von ihm gehört. Nun schreibst Du einem Freund, den Du seit Deiner Schulzeit sehr gut kennst. Er ist Diplom-Psychologe, Suchtberater, und als solcher bestens bekannt mit Junkies, Trinkern und PC Spiel-Opfern. Ihm vertraust Du Deine jüngsten Erlebnisse an. „Du liebe Zeit!“ schreibt er, als er vom Blitz-Sex ohne Zärtlichkeit erfährt. „Der Typ muss ja eine absolute Scheiss-Kindheit gehabt haben! Den würd ich zu gern mal klinisch testen!“ Und dann: „Pass auf Dich auf Mädel! Ich denk der ist nicht ungefährlich!!“

Freitag, 29.8.2014 3h45. Du schläfst nackt unter Deiner leichten Sommerdecke. Wie in allen Nächten seitdem Dein Mann verreist ist, hast Du Dein Handy eingeschaltet ganz nah bei Dir, um erreichbar zu sein für O. Bisher hat er Dich noch nie geweckt. Nun aber piept es. „Guten Morgen Kleine“ schreibt O. „Bist Du wach?“ – „Sollbich rauskommen tu einem Autofick?“ schreibst Du und wühlst Dich in den Kissen zurecht. „Nein!“ antwortet er. „Schade“ schreibst Du. „Es wüdeso gut gehen grade!“ – „Ich hoffe Du bist nicht zu enttäuscht von mir!“ schreibt O. „Aber meine Ma hat Krebs!!!! Es sind jetzt ihre letzten Tage und dann hat sie es hoffentlich bald geschafft! Es betrifft Dich ja nicht aber ich wollte dass Du es weisst!“ Eine Vielzahl von Gefühlen flutet Dein verschlafenes Gehirn. Schock. Rührung. Mitleid. Tiefe Scham. Wie konntest Du ihn mit Deinen albernen Wünschen behelligen wenn er ein so schweres Problem zu meistern hat! „Vielen vielen Dank für Deine Offenheit!“ schreibst Du. „Ich versteh Dich jetzt viel besser. Bitte sag bescheid wenn ich was helfen kann!“ – „Danke, Kleine!“ schreibt O. Mehr nicht.

8h. Du bist wieder eingeschlafen nach dem Chat mit O., halb sitzend, das Kissen im Rücken, mit dem Handy im Schoss. Es war ein unruhiger Schlaf mit wirren Träumen von Krankenhausbetten und Infusionen. Nun, beim Aufstehen fühlst Du Dich auf eigenartige Weise angestrengt, zerschlagen, irgendwie ausgelaugt, als hätte ein dunkles Fabelwesen Dich besucht, ein Nachtmahr oder ein Vampir. Dabei bist Du ja eigentlich sehr glücklich. Denn, was O. heute Nacht geschrieben hat, ist es nicht ein wunderbarer Vertrauensbeweis? Heisst es nicht, dass er Dich einbezieht in diesen gerade besonders schwierigen Teil seines Lebens? Und dass er ein Mensch ist, sensibel, mit sehr tiefen Gefühlen? Aufgewühlt vom Sterben seiner Mutter? Du empfindest es als eine Art düsterer Auszeichnung ihm gerade jetzt begegnet zu sein. Und willst Dich dessen würdig erweisen. Unbedingt.

Sonntag, 31.8.2014 Nachmittag. Du sitzst im Garten. Buchs und Hecke sind gestern von einem hübschen jungen Mann mit braunen Locken zurück geschnitten worden. Während der Kaffeepause auf der Terasse erzählte er von seinem Beruf, vom Klettern auf Bäume und von extravaganten Gartenideen vermögender Kunden. Voller Interesse hattest Du ihm zugehört und dachtest dabei natürlich die ganze Zeit an O. Stelltest Dir vor wie es wäre wenn ER her käme um bei Dir im Garten zu arbeiten oder Du ihn irgendwo besuchen könntest, in einem verwilderten, verwunschenen Park. Du würdest mit dem Rad hinfahren, in einem leichten Sommerkleid und er würde in Arbeitshosen und mit nacktem Oberkörper von einer Leiter zu Dir herabsteigen um Liebe mit Dir zu machen, im Schatten irgendeines Buschs. Wunderschön wäre das, denkst Du. Natürlich würdest Du danach sofort aufstehen und gehen, ihn nicht behelligen mit dummen Fragen oder romantischen Ideen. Du würdest nur einfach seine Konkubine sein und hoffen dass Du damit sein Herz bewegst.

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Literaturwissenschaftlerin