Dawn

Samstag, 25. Oktober 2014. Die Tage sind schnell vergangen. O. hat Dir weiterhin öfter geschrieben in den Morgenstunden. Manchmal nur einen kurzen Satz oder ein einzelnes Wort, manchmal eine erratische Bitte oder Frage. Ob Du ungetragene halterlose Strümpfe zu Hause hast. Ob Du auch wirklich fahrradfahren kannst in Highheels. Ob Du es erregend findest seine Wünsche zu erfüllen. Ob Du ihm einen Orgasmus aufs Handy stöhnen könntest? Mehrmals schrieb er auch, er könne es kaum mehr erwarten, Dich endlich frühmorgens am Parkplatz zu sehen, halbnackt, in Highheels und Strümpfen. Nun aber, da die fragliche Nacht vor der Türe steht, breitet sich wieder einmal merkwürdige Stille auf Deinem Handy aus. Du fühlst minütlich mehr, wie O. abdriftet, in Unerreichbarkeit. Und wie Euer geplantes Treffen dadurch verwandelt wird: Von einem aufregenden erotischen Abenteuer in etwas völlig Anderes, was es nicht sein sollte: einen Machtkampf nämlich, ein Nervenspiel, eine Zerreißprobe. In etwas, was Euch trennt, anstatt Euch zu verbinden.

Sonntag, 26. Oktober 2014. 9h. Ein zartgrauer Herbsttag beginnt, mit Hoffnung auf Sonne am Nachmittag. Du schreibst O.: „Bin jetzt zwei Tage lang allein zu Haus. Freu mich auf morgen früh. Bitte sag mir noch ganz genau wo ich mit dem Fahrrad hinkommen soll.“ Für ein paar Stunden schweigt Dein Handy. Dann gibt es einen bösartig und heimtückisch klingenden Ton von sich. „Machst Du es jetzt mit nem Andern wennst allein daheim bist?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Was soll das?“ – „Wir beide wissen was Du für ne Schlampe bist!“ antwortet O. „Und jetzt entspann Dich Babe, sonst wird das nichts heute nacht!“ Du haßt O. in diesem Moment. Genauer: das, was er tut: Vertrauen zerstören. Erotik vernichten. Ärger, Angst, und Argwohn erzeugen. Du zwingst Dich zur Ruhe. Versuchst, das Alleinsein im Haus zu genießen. Aber um 23h ist Deine Geduld zu Ende. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Soll mich lieber jemand anderer hier besuchen?“ Und, mittenhinein in O.s eisiges Schweigen textest Du noch ein paar Effronterien mehr …

Montag, 27. Oktober 2014. 2.55h. Das Piepen Deines Handys schreckt Dich aus einem unruhigen Schlaf. „Hätte nicht von Dir gedacht dass Du gleich mit Beziehungsende und anderen Typen drohen musst“ schreibt O. voller Verachtung. „Vergiß nicht, meine Ma ist schwer krank!!! Wie soll ich da Lust auf Dich bekommen?“ – „Verzeih mir bitte!“ schreibst Du tief beschämt. „Es war uns beiden doch so wichtig. Was soll jetzt passieren?“ – „Also ich hätte es heute ganz sicher mit Dir gemacht. Aber Du willst es ja lieber mit nem Anderen!“ schreibt O. „Das stimmt nicht!!“ schreibst Du verzweifelt. „Bitte tu Du es mit mir!!!“ Minuten vergehen. „Ich hab die Schuhe und Strümpfe seit Tagen bereit gelegt!“ schreibst Du. „Bitte lass mich zum Parkplatz kommen!“ – “ Also gut, Schlampe!“ antwortet O. endlich. „Dann komm aber zu dem Kinderspielplatz der da ganz in der Nähe ist. In 15 Minuten hol ich Dich da ab. Beeil Dich. Wenns hell wird ist es zu spät!!“ 4.07h. Du sperrst Dein Fahrrad am Klettergerüst an. Vor Jahren bist Du oft hier gewesen …

Es war eine Zeit in der Du glücklich warst mit Deinem Mann. Und ganz besonders mit Deinem kleinen Sohn. Lange Nachmittage verbrachtest Du damit, ihm beim Klettern durch die Takelage zuzuschauen. Du vermisstest nichts. Ahntest nichts. Stelltest Dir nichts vor. Nun aber stehst Du hier, auf der Nachtseite Deiner bisherigen Routinen und wartest auf O. Du fröstelst im Herbstwind, nackt wie Du bist, unter Deinem Parka. Stehst schwankend auf Deinen Stilettos im Kies. Spürst Deine Gänsehaut, da wo der Spitzensaum der halterlosen Strümpfe endet. Jenseits der Ahornbäume am Spielplatzrand blitzen Scheinwerfer auf. Tatsächlich. Der Geländewagen. Bleich und stumm starrt O. unter seiner Basecap durch die Frontscheibe auf Deine Füße während Du im feuchten Laub auf ihn zugehst. Erst als Du direkt vor dem Wagen stehst öffnet er die Seitentür, gerade so weit, dass Du auf den Beifahrersitz schlüpfen kannst. „Brauchst es?“ fragt er kaugummikauend, während Du Dich zurecht setztst. „Ja“ antwortest Du.

„Dann mach endlich Deinen Mantel auf und zeigs mir!“ sagt O. Du öffnest den Reißverschluß von Deinem Parka und reckst Deine Brüste dem Halbmondlicht entgegen, das schwach durch die Frontscheibe scheint. „Mehr, Baby“ sagt O. Du ziehst den Reißverschluß noch ein kleines Stück nach unten. „Zieh den Mantel ganz aus“ sagt O. „Steig aus und leg ihn in den Kofferraum.“ Du gehorchst. Schlüpfst aus dem Mantel, öffnest die Wagentür, stökelst um das halbe Auto herum, entriegelst den Kofferraum und legst den Parka zusammen mit Deiner Tasche hinein. „Gut gemacht, Babe“ sagt O., nachdem Du wieder auf dem weißen Laken Platz genommen hast, mit dem der Beifahrersitz abgedeckt ist. „Wir fahren jetzt schnell zum Gewerbegebiet. Hier ist es zu riskant. Die ersten Hundebesitzer kommen gleich. Kümmer Dich um meinen Schwanz während ich fahre!“ O. dreht die Musikanlage des Wagens laut auf. „Come as you are“ röhrt die rauhe Schmerzensstimme von Kurt Cobain. Du beugst Dich nach vorne und tastest nach O.s Schwanz.

Massiv, fast wie gemeißelt, zeichnet er sich durch den flauschigen Stoff von O.s Jogginghose ab. Es ist jedesmal ein kleiner Schock für Dich, dieser gnadenlosen, phallischen Absolutheit zu begegnen. Deine Hand zittert ein wenig, bei der ersten Berührung. Aber O. gefällt das was Du tust. „Mach weiter, Babe“ sagt er. „Mach das was Du am Besten kannst und reg Dich nicht immer so künstlich auf! Ich hab starke Beruhigungsmittel bekommen wegen der Krankheit von meiner Ma. Glaub mir, wenn ich Tabletten krieg von meinem Doc, dann sind das keine Hustenbonbons! Ich war völlig weggetreten in der Nacht. Deshalb konnte ich nicht schreiben.“ – „Tut mir leid. Das wußte ich nicht“ flüsterst Du. „Egal“ sagt O. „Ich machs jetzt mit Dir, damit Du Ruhe gibst. Und dann mußt Du zur Strafe mein Arschloch küssen. Wenn Du es nicht gut machst läufst Du zu Fuß vom Gewerbegebiet zurück. Klar?“ – „Klar“ antwortest Du. „Gut“ sagt O. und parkt den Wagen vor den hellerleuchteten Fenstern eines Elektronik-Showrooms. 

„Geh auf den Rücksitz!“ kommandiert O. Er läßt seine Fliegerjacke aus cognacfarbigem Nappalader von den Schultern fallen und holt seinen Schwanz aus der Jogginghose. Du kletterst nach hinten, legst Dich dort auf den Rücken und stemmst Deine weit geöffneten Beine halb angewinkelt gegen den grau bespannten Autodachhimmel. Von der Seitentür kommend dringt O. mit einem einzigen brutalen Stoß tief in Dich ein. Du stöhnst vor Schmerz. „Bist schon soweit?“ fragt O. „Fast“ antwortest Du. „Sehr gut“ sagt O. und stößt noch einmal zu, so daß Dein Kopf am Autotürgriff über Dir anschlägt und Deine Highheels von den Füßen rutschen. „Den Rest besorgst Du Dir selber mit der Hand während Du mich leckst, ok? Und bitte stöhn ganz laut wenn es Dir kommt und sag mir daß ich der Geilste für Dich bin!“ sagt O.  Du tust was er verlangt. Küßt O.s Analregion während er mit abgewandtem Gesicht über Dir kniet. Streichelst Deine Muschi. Mimst einen Orgasmus. Fühlst O.s warmes Sperma auf Deinem Bauch. Dankst ihm. Gibst vor glücklich zu sein.

„Darf ich jetzt wieder mit Dir zurück fahren?“ fragst Du, nachdem Ihr im Auto Ordnung gemacht und Euch angezogen habt. „Von mir aus“ sagt O. „Aber nur, wenn Du mich jetzt nicht mehr anfaßt! Eine Nummer im Auto ist keine Kuschelveranstaltung!!“ – „Ok“ sagst Du und vergräbst Dich auf dem Beifahrersitz in Deinen Parka. Stumm sitzt Ihr nebeneinander während der kurzen Fahrt. „Ist es sehr schlimm mit Deiner Mama?“ fragst Du, als Ihr den Spielplatz fast erreicht habt. „Ach meine Mutter hat in ihrem Leben einfach immer nur Scheiße gebaut“ sagt O. „Und jetzt will sie plötzlich alles mit mir und meinen Brüdern bereinigen und ruft uns dauernd zu sich ins Krankenhaus.“ – „Du hast Brüder?“ fragst Du. „Ja. Einen halben und einen ganzen Bruder“ sagt O. „Ich bin der Jüngste.“ Bevor Du noch etwas dazu sagen kannst parkt O. das Auto hinter den Ahornbäumen beim Spielplatz. Euer Date ist zu Ende. „Steig aus,  Babe“ sagt O. „Und vergiß nicht Deine Tasche hinten rauszuholen. Ich kann die nicht brauchen. Ok?“

„Willst Du nicht schauen ob ich es richtig mache?“ fragst Du. „Doch“ sagt O. „Nicht daß Du noch was mitnimmst was Dir nicht gehört.“ Im fahlen Licht des heraufdämmernden Tagesanbruchs steht O. neben seinem Auto und beobachtet argwöhnisch, wie Du Deine Tasche aus seinem Kofferraum holst. Unrasiert, übernächtigt, mit blutleeren Lippen und bläulich unterlaufenen Augenlidern. Ein unirdisches, umhergetriebenes Wesen, beheimatet im diffusen Grau eines immerwährenden Frühmorgens. Es tut Dir weh ihn so zu sehen. „Machs gut“ sagst Du und versuchst zum Abschied Deine Stirn an das kalte, abweisende Nappaleder von seiner Fliegerjacke zu legen. „Du auch“ antwortet er und dreht sich von Dir weg. Während Du zu Deinem Fahrrad gehst, hörst Du wie hinter Dir der Geländewagen startet. Als Du Dich umschaust ist er verschwunden. Als ob er niemals da gewesen wäre.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Rim-Job

Samstag, 23.8.2014 9h. O. hat geschrieben, um 4h morgens: „Ich will Dich wissen lassen dass Du es heute in einem Haus mit mir machen könntest!“ „Oh gerne!“ schreibst Du rasch zurück. „Zu spät!!“ antwortet O. „Ich habs mir heute schon zweimal gemacht und bin jetzt nicht mehr geil!“ Mittags. „Wenn wir uns heute sehen, würdest Du dann Deinen Dildo mitbringen?“ fragt O. „Natürlich!“ schreibst Du. „Und was würdest Du anziehen?“ – „Jeans, weisses Top, schwarze Stiefeletten“ schreibst Du. „Babe, das ist mir aber nicht geil genug!“ antwortet O. Längeres Schweigen. Du resignierst. Da, eine neue Sms. „Kannst jetzt gleich kommen?“ – „Ich muss noch duschen!“ schreibst Du. „Beeil Dich, Schlampe!“ schreibt O., „Du solltest längst hier sein!!!“ 16h. O. erwartet Dich bei einer Parkbank ganz in der Nähe Eures bisherigen Treffpunkts. Blass, mit unbewegtem Gesicht schaut er zu, wie Du Dein Fahrrad absperrst, ohne Begrüßungskuss schiebt er Dich in den bereitstehenden Geländewagen. Es ist nur eine kurze Fahrt. Dann seid Ihr da.

O. parkt in der gleichen Garage, in der er Dich vor zwei Wochen im Auto so hart genommen hat. Diesmal aber lässt er Dich aussteigen und öffnet die Verbindungstür zum Haus. Du betrittst den Flur und empfindest ein diffuses, unerklärliches Gefühl von Fremdheit und Überwältigung. Der Einrichtungsstil ist von kalter Modernität. Geradlinige Formen, Monochrome Farbgebung. Gediegenste Materialien. Das Treppenhaus dominiert von breiten Stufen aus massivem Eichenholz, an den Wänden bis unters Dach dekoriert mit Bildern: Street Style. Urban Art. Dunkle Motive. Comics. Fratzen. Verletzte Gesichter. Augen, aus denen grellfarbige Tränen rinnen. „Ein Wahnsinnshaus!“ flüsterst Du und schlingst schutzsuchend die Arme um O.s Hals. „Leider nicht meins!“ antwortet er während er sich losmacht und Dich zu einer grossen, schwarzen Couch-Landschaft im Wohnzimmer schiebt, von der ein Teil mit einem weissen Leintuch abgedeckt ist.

„Jeans runter, Schlampe, und hinlegen!“ kommandiert O., während er sich auszieht und Dich seinen grossen, breiten Schwanz sehen lässt. Halb liegend zerrst Du Dir Deine Kleider vom Körper und spreizst gehorsam die Beine. O. spuckt präzise dazwischen und dringt direkt in Dich ein ohne Dich sonst irgendwie zu berühren. Wieder stösst er nur wenige Male heftig zu. Dann lässt er unvermittelt von Dir ab und geht aus dem Raum. Du bleibst reglos mit geöffneten Beinen liegen und horchst. Es ist totenstill um Dich herum, die Zeit scheint anzuhalten. Du beginnst zu frösteln. Ist er ganz gegangen? Lässt er Dich allein hier in dem fremden Haus? Was sollst Du tun? Gerade als Du Dich aufrichten willst kommt er zurück. „Bleib liegen, Schlampe! Zieh das an!“ sagt er und wirft Dir mit einer verächtlichen Handbewegung ein schwarzes Netz-Top in den Schoss. „Wo hast Deinen Dildo?“ fragt er, während Du Dir das Top überstreifst. „In meiner Tasche“ sagst Du und fängst an, hektisch darin herumzusuchen. „Steck ihn Dir rein! Machs Dir selber!“ herrscht O. Dich an. Du gehorchst. Legst Dich auf den Rücken, öffnest wieder die Beine, bewegst den Glasdildo so dass O. es gut sehen kann. „Du bist so eine geile Drecksau!“ sagt er während er sich über Dein Gesicht kniet.

Du siehst sein helles Gesäss, seine grossen Eier ganz nah über Dir. „So, und jetzt leck mein Arschloch, Du Schlampe!“ sagt O. Du lässt den Dildo los, greifst vorsichtig mit den Armen unter O.s Oberschenkeln hindurch um  sein Gesäss berühren zu können, ziehst seine Pobacken ein wenig auseinander, küsst und beisst sie ganz leicht links und rechts und arbeitest Dich dann mit der Zunge zum Rektum vor. Es fällt Dir sehr leicht. O. ist perfekt rasiert. Du leckst und küsst ihn hingebungsvoll, mit all der Liebe die Du für ihn in Dir hast. Es fühlt sich hell, glatt, zart und weich an. O. besorgt es sich mit einer Hand und bewegt mit der anderen den Glasdildo in Dir auf und ab. Du spürst wie er beginnt über Dir zu zucken, beschleunigst ein wenig die Bewegungen von Deiner Zunge und fühlst Sekunden später sein warmes Sperma auf Deinen Bauch klatschen. Du bist sehr, sehr glücklich. O. vertieft sich für einen Moment in den Anblick dessen was er auf Deinem Tattoo hinterlassen hat bevor er es sorgsam mit einem Kleenex abwischt. Dann mahnt er zur Eile.

Schnell raffst Du Deine Sachen zusammen, schlüpfst in Deine Kleider während er das Leintuch zusammen legt und mit konzentriertem Blick die Couch in die richtige Position zurück schiebt. Ohne weiteren Wortwechsel verlasst Ihr das Haus. O. bringt Dich im Auto zurück zu Deinem Fahrrad und entschwindet grusslos, noch bevor Du es entsperrt hast. Du stehst allein bei der Parkbank. Für Sekunden fühlt sich alles unwirklich an, wie nur geträumt. Existiert O.? Hast Du das alles gerade tatsächlich erlebt? Du schaust auf Dein Handy. 23 Minuten hat es gedauert. Es übersteigt Dein Fassungsvermögen. Innerlich zitternd, mit wackligen Knien steigst Du auf Dein Fahrrad und fährst heim. Spätabends erreicht Dich eine Sms: „Danke Kleine!!!! Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl Deine weiche Zunge an meinem Arschloch zu spüren!!! Küsse!!“ – „Ich hab es sehr gern gemacht!“ antwortest Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 28.8.2014 10h. Du verbringst eine ruhige Ferienwoche zusammen mit Deinem Sohn. Dein Mann ist verreist. Du hast O. geschrieben dass Du nachts oder frühmorgens problemlos für eine schnelle Nummer im Auto zu ihm herauskommen könntest, so wie er es ja schon ein paarmal gern von Dir gewollt hätte. Auch um vier Uhr morgens, der Tageszeit zu der er Deinem Eindruck nach besonders gerne chattet oder Sex hat. Aber das schien ihn nicht weiter zu interessieren, jedenfalls hast Du seit Deinem Rim-Job nichts mehr von ihm gehört. Nun schreibst Du einem Freund, den Du seit Deiner Schulzeit sehr gut kennst. Er ist Diplom-Psychologe, Suchtberater, und als solcher bestens bekannt mit Junkies, Trinkern und PC Spiel-Opfern. Ihm vertraust Du Deine jüngsten Erlebnisse an. „Du liebe Zeit!“ schreibt er, als er vom Blitz-Sex ohne Zärtlichkeit erfährt. „Der Typ muss ja eine absolute Scheiss-Kindheit gehabt haben! Den würd ich zu gern mal klinisch testen!“ Und dann: „Pass auf Dich auf Mädel! Ich denk der ist nicht ungefährlich!!“

Freitag, 29.8.2014 3h45. Du schläfst nackt unter Deiner leichten Sommerdecke. Wie in allen Nächten seitdem Dein Mann verreist ist, hast Du Dein Handy eingeschaltet ganz nah bei Dir, um erreichbar zu sein für O. Bisher hat er Dich noch nie geweckt. Nun aber piept es. „Guten Morgen Kleine“ schreibt O. „Bist Du wach?“ – „Sollbich rauskommen tu einem Autofick?“ schreibst Du und wühlst Dich in den Kissen zurecht. „Nein!“ antwortet er. „Schade“ schreibst Du. „Es wüdeso gut gehen grade!“ – „Ich hoffe Du bist nicht zu enttäuscht von mir!“ schreibt O. „Aber meine Ma hat Krebs!!!! Es sind jetzt ihre letzten Tage und dann hat sie es hoffentlich bald geschafft! Es betrifft Dich ja nicht aber ich wollte dass Du es weisst!“ Eine Vielzahl von Gefühlen flutet Dein verschlafenes Gehirn. Schock. Rührung. Mitleid. Tiefe Scham. Wie konntest Du ihn mit Deinen albernen Wünschen behelligen wenn er ein so schweres Problem zu meistern hat! „Vielen vielen Dank für Deine Offenheit!“ schreibst Du. „Ich versteh Dich jetzt viel besser. Bitte sag bescheid wenn ich was helfen kann!“ – „Danke, Kleine!“ schreibt O. Mehr nicht.

8h. Du bist wieder eingeschlafen nach dem Chat mit O., halb sitzend, das Kissen im Rücken, mit dem Handy im Schoss. Es war ein unruhiger Schlaf mit wirren Träumen von Krankenhausbetten und Infusionen. Nun, beim Aufstehen fühlst Du Dich auf eigenartige Weise angestrengt, zerschlagen, irgendwie ausgelaugt, als hätte ein dunkles Fabelwesen Dich besucht, ein Nachtmahr oder ein Vampir. Dabei bist Du ja eigentlich sehr glücklich. Denn, was O. heute Nacht geschrieben hat, ist es nicht ein wunderbarer Vertrauensbeweis? Heisst es nicht, dass er Dich einbezieht in diesen gerade besonders schwierigen Teil seines Lebens? Und dass er ein Mensch ist, sensibel, mit sehr tiefen Gefühlen? Aufgewühlt vom Sterben seiner Mutter? Du empfindest es als eine Art düsterer Auszeichnung ihm gerade jetzt begegnet zu sein. Und willst Dich dessen würdig erweisen. Unbedingt.

Sonntag, 31.8.2014 Nachmittag. Du sitzst im Garten. Buchs und Hecke sind gestern von einem hübschen jungen Mann mit braunen Locken zurück geschnitten worden. Während der Kaffeepause auf der Terasse erzählte er von seinem Beruf, vom Klettern auf Bäume und von extravaganten Gartenideen vermögender Kunden. Voller Interesse hattest Du ihm zugehört und dachtest dabei natürlich die ganze Zeit an O. Stelltest Dir vor wie es wäre wenn ER her käme um bei Dir im Garten zu arbeiten oder Du ihn irgendwo besuchen könntest, in einem verwilderten, verwunschenen Park. Du würdest mit dem Rad hinfahren, in einem leichten Sommerkleid und er würde in Arbeitshosen und mit nacktem Oberkörper von einer Leiter zu Dir herabsteigen um Liebe mit Dir zu machen, im Schatten irgendeines Buschs. Wunderschön wäre das, denkst Du. Natürlich würdest Du danach sofort aufstehen und gehen, ihn nicht behelligen mit dummen Fragen oder romantischen Ideen. Du würdest nur einfach seine Konkubine sein und hoffen dass Du damit sein Herz bewegst.

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butterflyprincess
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