Born to swallow

Dienstag, 12.5.2015, 23h. Am Tag nach dem Versöhnungs-Sex im Haus von O. sitzst Du spätabends im Dachzimmer vor dem PC. Du versuchst Werke der Urban Art ausfindig zu machen die denen in O.s Domizil ähneln. Tränenüberströmte Mädchengesichter. Ineinanderfallende Städte. Verwaiste Planeten. Es ist DIE Kunstform des Bizarren, stellst Du fest. Fragmentiertes, Zerborstenes, Verletztes aller Art hat hier seinen Platz. Grelles, Giftiges. Abgründiges und Krankes. Gemälde von Heimatlosen für Heimatlose, denkst Du, während Dein Blick über die Darstellungen postapokalyptischer Megacities schweift. Von anonymen Großstadtvaganten für Menschen ohne Wurzel, ohne Tradition. Die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft verloren haben, in irgendeiner Düsternis. Für Menschen wie O., denkst Du. Dein Handy piept. Mit dem Klingelton von O. „Noch wach?“ schreibt er. „Ja“ antwortest Du. „Willst morgen früh im Auto?“ fragt O. Dein Herz klopft. „Wann und wo wäre das?“ schreibst Du. „Gewerbegebiet, Parkpklatz, 4h“ schreibt O. „Genau“ denkst Du.

Eigentlich bist Du sehr schlafbedürftig. Und innerlich auch noch gar nicht bereit O. schon wieder zu begegnen. Dein Nervensystem ist noch erschüttert, seit gestern vormittag. Und dennoch schreibst Du: „Könntest Du mich dann wo abholen?“ – „Wenn ich zeitig wach bin melde ich mich morgen früh!“ antwortet O. „Ok. Ich laß das Handy an“ schreibst Du. „Ok! Küsse“ antwortet O. „VIELE Küsse!“ schreibst Du. Von Mitternacht bis 3h schläfst Du tief. Dann wirst Du aprupt wach und tastest unter der Bettdecke panisch nach Deinem Handy, voller Sorge O.s Weckruf überhört zu haben. Aber nichts. Erleichtert läßt Du Dich zurück ins Reich der Träume fallen. 6.13h. Nachrichten-Ton von O. „Guten Morgen“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Danke daß Du mich nicht geweckt hast. Ich war wirklich sehr sehr müde und hab durchgeschlafen bis jetzt.“ – „Ich bin schon lange wach!!!“ antwortet O. „Habe aber gespürt daß Du den Schlaf brauchst!!!“ – „Wirklich?“ schreibst Du tief gerührt. „Wirklich!“ antwortet O.

Du verlebst nun einen wunderbaren Frühsommer. Genauer gesagt: das, was Du dafür hältst. Am 18.5. entdeckst Du in einem Schuhgeschäft in Deiner Gegend elegante, stylisch geschnittene Pumps aus tiefrotem Veloursleder mit goldenen Nieten im Fersenbereich. Zu Hause trägst Du sie zu den weißen halterlosen Strümpfen und einer leicht transparenten weißen Hemdbluse. Und machst im Schlafzimmer sehr viele, sehr gute Bilder. O. ist begeistert als Du sie ihm schickst. „Die roten Schuhe mit der weißen Wäsche sind echt der Hammer an Dir!!!“ schreibt er. „Werde versuchen einen weißen Catsuite für Dich zu bekommen!“ – „Ok. Nicht zu klein kaufen bitte!“ schreibst Du ein wenig unsicher zurück. „Babe, Dein Körper ist absolut perfekt!“ antwortet O. „Du bist meine super sexy Sex-Göttin und ich wünsche mir sehr sehr fest dass wir noch lange in sexuellem Kontakt bleiben!!!“ – „Das wünsche ich mir auch!!!“ antwortest Du bewegt. „Wir passen doch sehr gut zusammen“ – „Wir sind füreinander geschaffen!“ antwortet O.

Bereits am 22. Mai 2015 bestellt O. Dich wieder zu sich ins Haus. „Ich liebe Dich. Ich brauche Dich“ schreibt er morgens um 7.18h und daß er bis ans Ende Eurer beider Leben Rim-Jobs von Dir bekommen wollen wird. Um 9.36h möchte er daß Du ein Video für ihn drehst. „Leg Dich in Strümpfen aufs Bett und sag mir wie sehr Du mich liebst!“ schreibt er. Um 11.15h bittet er Dich Deine Fingernägel hellrot zu lackieren und verlangt nach Bildern von deinen Händen. Um 13.12h fragt er ob Du Punkt 14.45h zu ihm ins Haus kommen könntest. Und ob Du es ok fändest NUR den Rim-Job für ihn zu machen, ohne selbst genommen zu werden. „Ja!“ antwortest Du. „Willst Geld für Deine Dienste?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Aber ich wünsche mir nochmal ein Foto von Dir!“ O. antwortet nicht. Aber als Du ihm um 14.42h mitteilst daß Du bei der Parkank bist, schickt er Dir eins. In einem anthrazitgrauen Hemd vor einem schwarzbunten Spray-Scratch-Bild stehend. Ganz cool. Ganz Demon Lover. Ganz Fürst der Dunkelheit.

Im Haus mit den vielen Bildern geht diesmal alles ganz besonders schnell. „Geh hoch, zieh die roten Schuhe an und leg Dich schon mal hin!“ sagt O. und schiebt Dich in Richtung Treppenhaus. „Bin dann gleich bei Dir.“ – „Ok“ flüsterst Du und beeilst Dich ins obere Stockwerk zu kommen wo eine Zimmertür offen steht. Der gleiche Raum wie bei Deinem letzten Besuch. Im diffusen Licht der halb herunter gelassenen Rollos erkennst Du grellbunte Troll- und Ogre-Figuren in scharfkantigen Glasvitrinen. O.s Zimmer? denkst Du während Du Deine Jeans ausziehst, die roten Pumps aus Deiner Tasche nimmst und über die weißen Strümpfe ziehst. Noch ehe Du Dich auf dem abgedeckten Bett zurechtlegen kannst ist O. plötzlich da. Mit hastigen Bewegungen wirft er seine Kleider von sich. Dann nimmt er Dich zwischen seine Knie, fährt flüchtig mit einem Zeigefinger über den Stoff Deiner weißen Hemdbluse und spuckt zwischen Deine halb geöffneten Beine. Und bevor er in Dich eindringt sagt er einen merkwürdig beklemmenden Satz:

„Die Alte“ sagt O. mit sehr fremder, sehr heiserer Stimme, „die kommt gleich wieder. Die Alte die ist bloß ganz kurz beim Arzt“. Du richtest Dich auf. „Was Ernstes?“ willst Du fragen. Aber bevor Du noch einen Ton herausgebracht hast, legt O. seine linke Hand auf Deinen Mund, drückt Deinen Oberkörper zurück nach hinten und dringt in Dich ein. Er stößt Dich weniger hart als sonst. Dennoch bist Du froh als er damit aufhört und Du deinen Rim-Job machen kannst. Am Ende dreht O. sich zu Dir um und klemmt Deinen Oberkörper zwischen seine Knie. „Willst Du schlucken, Schlampe?“ fragt er und blickt auf Dich herab. „Ok“ sagst Du und öffnest willig Deinen Mund. O. trifft präzise hinein. Dann verharrt er noch für Sekunden angehockt über Deinem Brustkorb und beobachtet genau wie Du Deine Lippen wieder schließt und mit einer gut von außen sichtbaren Bewegung Deines Kehldeckels alles hinunter schluckst. „Brav Baby“ sagt er zufrieden und fährt mit einer Hand kurz durch Deine Haare. Du lächelst ihn an.

Leider hat O. nun keinen weiteren Blick mehr für Dich. Er geht nur einfach ins Gästebadezimmer nebenan um dort ein Kleenex für Dich zu holen. Dann rafft er stumm seine Kleider vom Boden auf und eilt hinaus während Du Dich notdürftig in Ordnung bringst. Als Du fertig angezogen bist drehst Du das benutzte Kleenex ein wenig unschlüssig in Deinen Händen. Dann knüllst Du es zusammen und stopfst es in die Vordertasche von deiner Jeans bevor Du hinaus trittst ins Treppenhaus. Auf dem obersten Treppenabsatz bemerkst Du daß hier neuerdings ein großer Hai aus Elektrodrahtgeflecht unter der Decke schwebt und die im Haus herrschende Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr verstärkt. Unten im Flur erwartet Dich O. Du empfindest daß er heute besonders blaß und edel wirkt, in seinem dunkelgrauen Hemd und der beigen Bermuda und würdest ihn zu gerne küssen zum Abschied. Aber Du weißt daß er das absolut nicht wollen würde, so kurz nachdem Du ES von IHM geschluckt hast. Deshalb sagst Du einfach nur Ciao. „Ciao“ erwidert O.

Zu Hause, um 15.18h, stellst Du erst einmal fest daß das Kleenex doch nicht ganz alle Spuren von O. aus Deinem Gesicht beseitigen konnte. Du machst ein paar Selfies, für Dich, zur Erinnerung und erschrickst über den merkwürdig starren Blick mit dem Du Dir selbst aus der Smartphone-Kamera entgegenblickst. Nachdem Du geduscht und ein frisches Kapuzenshirt angezogen hast geht es Dir besser. Abends kuschelst Du Dich aufs Sofa während Dein Sohn im Zimmer über Dir schläft und betrachtest im Handy das Bild, das O. Dir geschickt hat. Wie wunderschön er doch ist, denkst Du. Dann kannst Du nicht anders, Du mußt ihm schreiben auf Whatsapp. Daß sein Körper wie eine kühle, glatte Marmorstatue ist, die Du nur immer ansehen möchtest. Daß er Dir überhaupt erscheint wie ein Magier aus einer fernen Welt, inmitten all der Bilder in seinem Haus. Und daß Du niemals aufhören wirst ihn zu lieben. Du schreibst viele lange Sätze voller Zuneigung und Dankbarkeit. Antwort kommt selbstverständlich keine zurück.

 

tb_logos__light_horizontal

 

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Dawn

Samstag, 25. Oktober 2014. Die Tage sind schnell vergangen. O. hat Dir weiterhin öfter geschrieben in den Morgenstunden. Manchmal nur einen kurzen Satz oder ein einzelnes Wort, manchmal eine erratische Bitte oder Frage. Ob Du ungetragene halterlose Strümpfe zu Hause hast. Ob Du auch wirklich fahrradfahren kannst in Highheels. Ob Du es erregend findest seine Wünsche zu erfüllen. Ob Du ihm einen Orgasmus aufs Handy stöhnen könntest? Mehrmals schrieb er auch, er könne es kaum mehr erwarten, Dich endlich frühmorgens am Parkplatz zu sehen, halbnackt, in Highheels und Strümpfen. Nun aber, da die fragliche Nacht vor der Türe steht, breitet sich wieder einmal merkwürdige Stille auf Deinem Handy aus. Du fühlst minütlich mehr, wie O. abdriftet, in Unerreichbarkeit. Und wie Euer geplantes Treffen dadurch verwandelt wird: Von einem aufregenden erotischen Abenteuer in etwas völlig Anderes, was es nicht sein sollte: einen Machtkampf nämlich, ein Nervenspiel, eine Zerreißprobe. In etwas, was Euch trennt, anstatt Euch zu verbinden.

Sonntag, 26. Oktober 2014. 9h. Ein zartgrauer Herbsttag beginnt, mit Hoffnung auf Sonne am Nachmittag. Du schreibst O.: „Bin jetzt zwei Tage lang allein zu Haus. Freu mich auf morgen früh. Bitte sag mir noch ganz genau wo ich mit dem Fahrrad hinkommen soll.“ Für ein paar Stunden schweigt Dein Handy. Dann gibt es einen bösartig und heimtückisch klingenden Ton von sich. „Machst Du es jetzt mit nem Anderen wenn Du allein daheim bist?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Was soll das?“ – „Wir beide wissen was Du für ne Schlampe bist!“ antwortet O. „Und jetzt entspann Dich Babe, sonst wird das nichts heute nacht!“ Du haßt O. in diesem Moment. Genauer: das, was er tut: Vertrauen zerstören. Erotik vernichten. Ärger, Angst, und Argwohn erzeugen. Du zwingst Dich zur Ruhe. Versuchst, das Alleinsein im Haus zu genießen. Aber um 23h ist Deine Geduld zu Ende. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Soll mich lieber jemand anderer hier besuchen?“ Und, mittenhinein in O.s eisiges Schweigen textest Du noch ein paar Effronterien mehr …

Montag, 27. Oktober 2014. 2.55h. Das Piepen Deines Handys schreckt Dich aus einem unruhigen Schlaf. „Hätte nicht von Dir gedacht dass Du gleich mit Beziehungsende und anderen Typen drohen musst“ schreibt O. voller Verachtung. „Vergiß nicht, meine Ma ist schwer krank!!! Wie soll ich da Lust auf Dich bekommen?“ – „Verzeih mir bitte!“ schreibst Du tief beschämt. „Es war uns beiden doch so wichtig. Was soll jetzt passieren?“ – „Also ich hätte es heute ganz sicher mit Dir gemacht. Aber Du willst es ja lieber mit nem Anderen!“ schreibt O. „Das stimmt nicht!!“ schreibst Du verzweifelt. „Bitte tu Du es mit mir!!!“ Minuten vergehen. „Ich hab die Schuhe und Strümpfe seit Tagen bereit gelegt!“ schreibst Du. „Bitte lass mich zum Parkplatz kommen!“ – “ Also gut, Schlampe!“ antwortet O. endlich. „Dann komm aber zu dem Kinderspielplatz der da ganz in der Nähe ist. In 15 Minuten hol ich Dich da ab. Beeil Dich. Wenns hell wird ist es zu spät!!“ 4.07h. Du sperrst Dein Fahrrad am Klettergerüst an. Vor Jahren bist Du oft hier gewesen …

Es war eine Zeit in der Du glücklich warst mit Deinem Mann. Und ganz besonders mit Deinem kleinen Sohn. Lange Nachmittage verbrachtest Du damit, ihm beim Klettern durch die Takelage zuzuschauen. Du vermisstest nichts. Ahntest nichts. Stelltest Dir nichts vor. Nun aber stehst Du hier, auf der Nachtseite Deiner bisherigen Routinen und wartest auf O. Du fröstelst im Herbstwind, nackt wie Du bist, unter Deinem Parka. Stehst schwankend auf Deinen Stilettos im Kies. Spürst Deine Gänsehaut, da wo der Spitzensaum der halterlosen Strümpfe endet. Jenseits der Ahornbäume am Spielplatzrand blitzen Scheinwerfer auf. Tatsächlich. Der Geländewagen. Bleich und stumm starrt O. unter seiner Basecap durch die Frontscheibe auf Deine Füße während Du im feuchten Laub auf ihn zugehst. Erst als Du direkt vor dem Wagen stehst öffnet er die Seitentür, gerade so weit, dass Du auf den Beifahrersitz schlüpfen kannst. „Du brauchst es, oder?“ fragt er kaugummikauend, während Du Dich zurecht setztst. „Ja“ antwortest Du.

„Dann mach endlich Deinen Mantel auf und zeigs mir!“ sagt O. Du öffnest den Reißverschluß von Deinem Parka und reckst Deine Brüste dem Halbmondlicht entgegen, das schwach durch die Frontscheibe scheint. „Mehr, Baby“ sagt O. Du ziehst den Reißverschluß noch ein kleines Stück nach unten. „Zieh den Mantel ganz aus“ sagt O. „Steig aus und leg ihn in den Kofferraum.“ Du gehorchst. Schlüpfst aus dem Mantel, öffnest die Wagentür, stökelst um das halbe Auto herum, entriegelst den Kofferraum und legst den Parka zusammen mit Deiner Tasche hinein. „Gut gemacht, Babe“ sagt O., nachdem Du wieder auf dem weißen Laken Platz genommen hast, mit dem der Beifahrersitz abgedeckt ist. „Wir fahren jetzt schnell zum Gewerbegebiet. Hier ist es zu riskant. Die ersten Hundebesitzer kommen gleich. Kümmer Dich um meinen Schwanz während ich fahre!“ O. dreht die Musikanlage des Wagens laut auf. „Come as you are“ röhrt die rauhe Schmerzensstimme von Kurt Cobain. Du beugst Dich nach vorne und tastest nach O.s Schwanz.

Massiv, fast wie gemeißelt, zeichnet er sich durch den flauschigen Stoff von O.s Jogginghose ab. Es ist jedesmal ein kleiner Schock für Dich, dieser gnadenlosen, phallischen Absolutheit zu begegnen. Deine Hand zittert ein wenig, bei der ersten Berührung. Aber O. gefällt das was Du tust. „Mach weiter, Babe“ sagt er. „Mach das was Du am Besten kannst und reg Dich nicht immer so künstlich auf! Ich hab starke Beruhigungsmittel bekommen wegen der Krankheit von meiner Ma. Glaub mir, wenn ich Tabletten krieg von meinem Doc, dann sind das keine Hustenbonbons! Ich war völlig weggetreten in der Nacht. Deshalb konnte ich nicht schreiben.“ – „Tut mir leid. Das wußte ich nicht“ flüsterst Du. „Egal“ sagt O. „Ich machs jetzt mit Dir, damit Du Ruhe gibst. Und dann mußt Du zur Strafe mein Arschloch küssen. Wenn Du es nicht gut machst läufst Du zu Fuß vom Gewerbegebiet zurück. Klar?“ – „Klar“ antwortest Du. „Gut“ sagt O. und parkt den Wagen vor den hellerleuchteten Fenstern eines Elektronik-Showrooms. 

„Geh auf den Rücksitz!“ kommandiert O. Er läßt seine Fliegerjacke aus cognacfarbigem Nappalader von den Schultern gleiten und holt seinen Schwanz aus der Jogginghose. Du kletterst nach hinten, legst Dich dort auf den Rücken und stemmst Deine weit geöffneten Beine halb angewinkelt gegen den grau bespannten Autodachhimmel. Von der Seitentür kommend dringt O. mit einem einzigen brutalen Stoß tief in Dich ein. Du stöhnst vor Schmerz. „Bist Du  schon soweit?“ fragt O. „Fast“ antwortest Du. „Sehr gut“ sagt O. und stößt noch einmal zu, so daß Dein Kopf am Autotürgriff über Dir anschlägt und Deine Highheels von den Füßen rutschen. „Den Rest besorgst Du Dir selber mit der Hand während Du mich leckst, ok? Und bitte stöhn ganz laut wenn es Dir kommt und sag mir daß ich der Geilste für Dich bin!“ sagt O.  Du tust was er verlangt. Küßt O.s Analregion während er mit abgewandtem Gesicht über Dir kniet. Streichelst Deine Muschi. Mimst einen Orgasmus. Fühlst O.s warmes Sperma auf Deinem Bauch. Dankst ihm. Gibst vor glücklich zu sein.

„Darf ich jetzt wieder mit Dir zurück fahren?“ fragst Du, nachdem Ihr im Auto Ordnung gemacht und Euch angezogen habt. „Von mir aus“ sagt O. „Aber nur, wenn Du mich jetzt nicht mehr anfaßt! Eine Nummer im Auto ist keine Kuschelveranstaltung!!“ – „Ok“ sagst Du und vergräbst Dich auf dem Beifahrersitz in Deinen Parka. Stumm sitzt Ihr nebeneinander während der kurzen Fahrt. „Ist es sehr schlimm mit Deiner Mama?“ fragst Du, als Ihr den Spielplatz fast erreicht habt. „Ach meine Mutter hat in ihrem Leben einfach immer nur Scheiße gebaut“ sagt O. „Und jetzt will sie plötzlich alles mit mir und meinen Brüdern bereinigen und ruft uns dauernd zu sich ins Krankenhaus.“ – „Du hast Brüder?“ fragst Du. „Ja. Einen halben und einen ganzen Bruder“ sagt O. „Ich bin der Jüngste.“ Bevor Du noch etwas dazu sagen kannst parkt O. das Auto hinter den Ahornbäumen beim Spielplatz. Euer Date ist zu Ende. „Steig aus,  Babe“ sagt O. „Und vergiß nicht Deine Tasche hinten rauszuholen. Ich kann die nicht brauchen. Ok?“

„Willst Du nicht schauen ob ich es richtig mache?“ fragst Du. „Doch“ sagt O. „Nicht daß Du noch was mitnimmst was Dir nicht gehört.“ Im fahlen Licht des heraufdämmernden Tagesanbruchs steht O. neben seinem Auto und beobachtet argwöhnisch, wie Du Deine Tasche aus seinem Kofferraum holst. Unrasiert, übernächtigt, mit blutleeren Lippen und bläulich unterlaufenen Augenlidern. Ein unirdisches, umhergetriebenes Wesen, beheimatet im diffusen Grau eines immerwährenden Frühmorgens. Es tut Dir weh ihn so zu sehen. „Machs gut“ sagst Du und versuchst zum Abschied Deine Stirn an das kalte, abweisende Nappaleder von seiner Fliegerjacke zu legen. „Du auch“ antwortet er und dreht sich von Dir weg. Während Du zu Deinem Fahrrad gehst, hörst Du wie hinter Dir der Geländewagen startet. Als Du Dich umschaust ist er verschwunden. Als ob er niemals da gewesen wäre.

 

tb_logos__light_horizontal

 

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Rim-Job

Samstag, 23.8.2014 9h. O. hat geschrieben, um 4h morgens: „Ich will Dich wissen lassen dass Du es heute in einem Haus mit mir machen könntest!“ „Oh gerne!“ schreibst Du rasch zurück. „Zu spät!!“ antwortet O. „Ich habs mir heute schon zweimal gemacht und bin jetzt nicht mehr geil!“ Mittags. „Wenn wir uns heute sehen, würdest Du dann Deinen Dildo mitbringen?“ fragt O. „Natürlich!“ schreibst Du. „Und was würdest Du anziehen?“ – „Jeans, weisses Top, schwarze Stiefeletten“ schreibst Du. „Babe, das ist mir aber nicht geil genug!“ antwortet O. Längeres Schweigen. Du resignierst. Da, eine neue Sms. „Kannst jetzt gleich kommen?“ – „Ich muss noch duschen!“ schreibst Du. „Beeil Dich, Schlampe!“ schreibt O., „Du solltest längst hier sein!!!“ 16h. O. erwartet Dich bei einer Parkbank ganz in der Nähe Eures bisherigen Treffpunkts. Blass, mit unbewegtem Gesicht schaut er zu, wie Du Dein Fahrrad absperrst, ohne Begrüßungskuss schiebt er Dich in den bereitstehenden Geländewagen. Es ist nur eine kurze Fahrt. Dann seid Ihr da.

O. parkt in der gleichen Garage, in der er Dich vor zwei Wochen im Auto so hart genommen hat. Diesmal aber lässt er Dich aussteigen und öffnet die Verbindungstür zum Haus. Du betrittst den Flur und empfindest ein diffuses, unerklärliches Gefühl von Fremdheit und Überwältigung. Der Einrichtungsstil ist von kalter Modernität. Geradlinige Formen, Monochrome Farbgebung. Gediegenste Materialien. Das Treppenhaus dominiert von breiten Stufen aus massivem Eichenholz, an den Wänden bis unters Dach dekoriert mit Bildern: Street Style. Urban Art. Dunkle Motive. Comics. Fratzen. Verletzte Gesichter. Augen, aus denen grellfarbige Tränen rinnen. „Ein Wahnsinnshaus!“ flüsterst Du und schlingst schutzsuchend die Arme um O.s Hals. „Leider nicht meins!“ antwortet er während er sich losmacht und Dich zu einer grossen, schwarzen Couch-Landschaft im Wohnzimmer schiebt, von der ein Teil mit einem weissen Leintuch abgedeckt ist.

„Jeans runter, Schlampe, und hinlegen!“ kommandiert O., während er sich auszieht und Dich seinen grossen, breiten Schwanz sehen lässt. Halb liegend zerrst Du Dir Deine Kleider vom Körper und spreizst gehorsam die Beine. O. spuckt präzise dazwischen und dringt direkt in Dich ein ohne Dich sonst irgendwie zu berühren. Wieder stösst er nur wenige Male heftig zu. Dann lässt er unvermittelt von Dir ab und geht aus dem Raum. Du bleibst reglos mit geöffneten Beinen liegen und horchst. Es ist totenstill um Dich herum, die Zeit scheint anzuhalten. Du beginnst zu frösteln. Ist er ganz gegangen? Lässt er Dich allein hier in dem fremden Haus? Was sollst Du tun? Gerade als Du Dich aufrichten willst kommt er zurück. „Bleib liegen, Schlampe! Zieh das an!“ sagt er und wirft Dir mit einer verächtlichen Handbewegung ein schwarzes Netz-Top in den Schoss. „Wo hast Deinen Dildo?“ fragt er, während Du Dir das Top überstreifst. „In meiner Tasche“ sagst Du und fängst an, hektisch darin herumzusuchen. „Steck ihn Dir rein! Machs Dir selber!“ herrscht O. Dich an. Du gehorchst. Legst Dich auf den Rücken, öffnest wieder die Beine, bewegst den Glasdildo so dass O. es gut sehen kann. „Du bist so eine geile Drecksau!“ sagt er während er sich über Dein Gesicht kniet.

Du siehst sein helles Gesäss, seine grossen Eier ganz nah über Dir. „So, und jetzt leck mein Arschloch, Du Schlampe!“ sagt O. Du lässt den Dildo los, greifst vorsichtig mit den Armen unter O.s Oberschenkeln hindurch um  sein Gesäss berühren zu können, ziehst seine Pobacken ein wenig auseinander, küsst und beisst sie ganz leicht links und rechts und arbeitest Dich dann mit der Zunge zum Rektum vor. Es fällt Dir sehr leicht. O. ist perfekt rasiert. Du leckst und küsst ihn hingebungsvoll, mit all der Liebe die Du für ihn in Dir hast. Es fühlt sich hell, glatt, zart und weich an. O. besorgt es sich mit einer Hand und bewegt mit der anderen den Glasdildo in Dir auf und ab. Du spürst wie er beginnt über Dir zu zucken, beschleunigst ein wenig die Bewegungen von Deiner Zunge und fühlst Sekunden später sein warmes Sperma auf Deinen Bauch klatschen. Du bist sehr, sehr glücklich. O. vertieft sich für einen Moment in den Anblick dessen was er auf Deinem Tattoo hinterlassen hat bevor er es sorgsam mit einem Kleenex abwischt. Dann mahnt er zur Eile.

Schnell raffst Du Deine Sachen zusammen, schlüpfst in Deine Kleider während er das Leintuch zusammen legt und mit konzentriertem Blick die Couch in die richtige Position zurück schiebt. Ohne weiteren Wortwechsel verlasst Ihr das Haus. O. bringt Dich im Auto zurück zu Deinem Fahrrad und entschwindet grusslos, noch bevor Du es entsperrt hast. Du stehst allein bei der Parkbank. Für Sekunden fühlt sich alles unwirklich an, wie nur geträumt. Existiert O.? Hast Du das alles gerade tatsächlich erlebt? Du schaust auf Dein Handy. 23 Minuten hat es gedauert. Es übersteigt Dein Fassungsvermögen. Innerlich zitternd, mit wackligen Knien steigst Du auf Dein Fahrrad und fährst heim. Spätabends erreicht Dich eine Sms: „Danke Kleine!!!! Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl Deine weiche Zunge an meinem Arschloch zu spüren!!! Küsse!!“ – „Ich hab es sehr gern gemacht!“ antwortest Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 28.8.2014 10h. Du verbringst eine ruhige Ferienwoche zusammen mit Deinem Sohn. Dein Mann ist verreist. Du hast O. geschrieben dass Du nachts oder frühmorgens problemlos für eine schnelle Nummer im Auto zu ihm herauskommen könntest, so wie er es ja schon ein paarmal gern von Dir gewollt hätte. Auch um vier Uhr morgens, der Tageszeit zu der er Deinem Eindruck nach besonders gerne chattet oder Sex hat. Aber das schien ihn nicht weiter zu interessieren, jedenfalls hast Du seit Deinem Rim-Job nichts mehr von ihm gehört. Nun schreibst Du einem Freund, den Du seit Deiner Schulzeit sehr gut kennst. Er ist Diplom-Psychologe, Suchtberater, und als solcher bestens bekannt mit Junkies, Trinkern und PC Spiel-Opfern. Ihm vertraust Du Deine jüngsten Erlebnisse an. „Du liebe Zeit!“ schreibt er, als er vom Blitz-Sex ohne Zärtlichkeit erfährt. „Der Typ muss ja eine absolute Scheiss-Kindheit gehabt haben! Den würd ich zu gern mal klinisch testen!“ Und dann: „Pass auf Dich auf Mädel! Ich denk der ist nicht ungefährlich!!“

Freitag, 29.8.2014 3h45. Du schläfst nackt unter Deiner leichten Sommerdecke. Wie in allen Nächten seitdem Dein Mann verreist ist, hast Du Dein Handy eingeschaltet ganz nah bei Dir, um erreichbar zu sein für O. Bisher hat er Dich noch nie geweckt. Nun aber piept es. „Guten Morgen Kleine“ schreibt O. „Bist Du wach?“ – „Sollbich rauskommen tu einem Autofick?“ schreibst Du und wühlst Dich in den Kissen zurecht. „Nein!“ antwortet er. „Schade“ schreibst Du. „Es wüdeso gut gehen grade!“ – „Ich hoffe Du bist nicht zu enttäuscht von mir!“ schreibt O. „Aber meine Ma hat Krebs!!!! Es sind jetzt ihre letzten Tage und dann hat sie es hoffentlich bald geschafft! Es betrifft Dich ja nicht aber ich wollte dass Du es weisst!“ Eine Vielzahl von Gefühlen flutet Dein verschlafenes Gehirn. Schock. Rührung. Mitleid. Tiefe Scham. Wie konntest Du ihn mit Deinen albernen Wünschen behelligen wenn er ein so schweres Problem zu meistern hat! „Vielen vielen Dank für Deine Offenheit!“ schreibst Du. „Ich versteh Dich jetzt viel besser. Bitte sag bescheid wenn ich was helfen kann!“ – „Danke, Kleine!“ schreibt O. Mehr nicht.

8h. Du bist wieder eingeschlafen nach dem Chat mit O., halb sitzend, das Kissen im Rücken, mit dem Handy im Schoss. Es war ein unruhiger Schlaf mit wirren Träumen von Krankenhausbetten und Infusionen. Nun, beim Aufstehen fühlst Du Dich auf eigenartige Weise angestrengt, zerschlagen, irgendwie ausgelaugt, als hätte ein dunkles Fabelwesen Dich besucht, ein Nachtmahr oder ein Vampir. Dabei bist Du ja eigentlich sehr glücklich. Denn, was O. heute Nacht geschrieben hat, ist es nicht ein wunderbarer Vertrauensbeweis? Heisst es nicht, dass er Dich einbezieht in diesen gerade besonders schwierigen Teil seines Lebens? Und dass er ein Mensch ist, sensibel, mit sehr tiefen Gefühlen? Aufgewühlt vom Sterben seiner Mutter? Du empfindest es als eine Art düsterer Auszeichnung ihm gerade jetzt begegnet zu sein. Und willst Dich dessen würdig erweisen. Unbedingt.

Sonntag, 31.8.2014 Nachmittag. Du sitzst im Garten. Buchs und Hecke sind gestern von einem hübschen jungen Mann mit braunen Locken zurück geschnitten worden. Während der Kaffeepause auf der Terasse erzählte er von seinem Beruf, vom Klettern auf Bäume und von extravaganten Gartenideen vermögender Kunden. Voller Interesse hattest Du ihm zugehört und dachtest dabei natürlich die ganze Zeit an O. Stelltest Dir vor wie es wäre wenn ER her käme um bei Dir im Garten zu arbeiten oder Du ihn irgendwo besuchen könntest, in einem verwilderten, verwunschenen Park. Du würdest mit dem Rad hinfahren, in einem leichten Sommerkleid und er würde in Arbeitshosen und mit nacktem Oberkörper von einer Leiter zu Dir herabsteigen um Liebe mit Dir zu machen, im Schatten irgendeines Buschs. Wunderschön wäre das, denkst Du. Natürlich würdest Du danach sofort aufstehen und gehen, ihn nicht behelligen mit dummen Fragen oder romantischen Ideen. Du würdest nur einfach seine Konkubine sein und hoffen dass Du damit sein Herz bewegst.

tb_logos__light_horizontal

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin