Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei
tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …


tb_logos__light_horizontal

 

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Born to swallow

Dienstag, 12.5.2015, 23h. Am Tag nach dem Versöhnungs-Sex im Haus von O. sitzst Du spätabends im Dachzimmer vor dem PC. Du versuchst Werke der Urban Art ausfindig zu machen die denen in O.s Domizil ähneln. Tränenüberströmte Mädchengesichter. Ineinanderfallende Städte. Verwaiste Planeten. Es ist DIE Kunstform des Bizarren, stellst Du fest. Fragmentiertes, Zerborstenes, Verletztes aller Art hat hier seinen Platz. Grelles, Giftiges. Abgründiges und Krankes. Gemälde von Heimatlosen für Heimatlose, denkst Du, während Dein Blick über die Darstellungen postapokalyptischer Megacities schweift. Von anonymen Großstadtvaganten für Menschen ohne Wurzel, ohne Tradition. Die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft verloren haben, in irgendeiner Düsternis. Für Menschen wie O., denkst Du. Dein Handy piept. Mit dem Klingelton von O. „Noch wach?“ schreibt er. „Ja“ antwortest Du. „Willst morgen früh im Auto?“ fragt O. Dein Herz klopft. „Wann und wo wäre das?“ schreibst Du. „Gewerbegebiet, Parkpklatz, 4h“ schreibt O. „Genau“ denkst Du.

Eigentlich bist Du sehr schlafbedürftig. Und innerlich auch noch gar nicht bereit O. schon wieder zu begegnen. Dein Nervensystem ist noch erschüttert, seit gestern vormittag. Und dennoch schreibst Du: „Könntest Du mich dann wo abholen?“ – „Wenn ich zeitig wach bin melde ich mich morgen früh!“ antwortet O. „Ok. Ich laß das Handy an“ schreibst Du. „Ok! Küsse“ antwortet O. „VIELE Küsse!“ schreibst Du. Von Mitternacht bis 3h schläfst Du tief. Dann wirst Du aprupt wach und tastest unter der Bettdecke panisch nach Deinem Handy, voller Sorge O.s Weckruf überhört zu haben. Aber nichts. Erleichtert läßt Du Dich zurück ins Reich der Träume fallen. 6.13h. Nachrichten-Ton von O. „Guten Morgen“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Danke daß Du mich nicht geweckt hast. Ich war wirklich sehr sehr müde und hab durchgeschlafen bis jetzt.“ – „Ich bin schon lange wach!!!“ antwortet O. „Habe aber gespürt daß Du den Schlaf brauchst!!!“ – „Wirklich?“ schreibst Du tief gerührt. „Wirklich!“ antwortet O.

Du verlebst nun einen wunderbaren Frühsommer. Genauer gesagt: das, was Du dafür hältst. Am 18.5. entdeckst Du in einem Schuhgeschäft in Deiner Gegend elegante, stylisch geschnittene Pumps aus tiefrotem Veloursleder mit goldenen Nieten im Fersenbereich. Zu Hause trägst Du sie zu den weißen halterlosen Strümpfen und einer leicht transparenten weißen Hemdbluse. Und machst im Schlafzimmer sehr viele, sehr gute Bilder. O. ist begeistert als Du sie ihm schickst. „Die roten Schuhe mit der weißen Wäsche sind echt der Hammer an Dir!!!“ schreibt er. „Werde versuchen einen weißen Catsuite für Dich zu bekommen!“ – „Ok. Nicht zu klein kaufen bitte!“ schreibst Du ein wenig unsicher zurück. „Babe, Dein Körper ist absolut perfekt!“ antwortet O. „Du bist meine super sexy Sex-Göttin und ich wünsche mir sehr sehr fest dass wir noch lange in sexuellem Kontakt bleiben!!!“ – „Das wünsche ich mir auch!!!“ antwortest Du bewegt. „Wir passen doch sehr gut zusammen“ – „Wir sind füreinander geschaffen!“ antwortet O.

Bereits am 22. Mai 2015 bestellt O. Dich wieder zu sich ins Haus. „Ich liebe Dich. Ich brauche Dich“ schreibt er morgens um 7.18h und daß er bis ans Ende Eurer beider Leben Rim-Jobs von Dir bekommen wollen wird. Um 9.36h möchte er daß Du ein Video für ihn drehst. „Leg Dich in Strümpfen aufs Bett und sag mir wie sehr Du mich liebst!“ schreibt er. Um 11.15h bittet er Dich Deine Fingernägel hellrot zu lackieren und verlangt nach Bildern von deinen Händen. Um 13.12h fragt er ob Du Punkt 14.45h zu ihm ins Haus kommen könntest. Und ob Du es ok fändest NUR den Rim-Job für ihn zu machen, ohne selbst genommen zu werden. „Ja!“ antwortest Du. „Willst Geld für Deine Dienste?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Aber ich wünsche mir nochmal ein Foto von Dir!“ O. antwortet nicht. Aber als Du ihm um 14.42h mitteilst daß Du bei der Parkank bist, schickt er Dir eins. In einem anthrazitgrauen Hemd vor einem schwarzbunten Spray-Scratch-Bild stehend. Ganz cool. Ganz Demon Lover. Ganz Fürst der Dunkelheit.

Im Haus mit den vielen Bildern geht diesmal alles ganz besonders schnell. „Geh hoch, zieh die roten Schuhe an und leg Dich schon mal hin!“ sagt O. und schiebt Dich in Richtung Treppenhaus. „Bin dann gleich bei Dir.“ – „Ok“ flüsterst Du und beeilst Dich ins obere Stockwerk zu kommen wo eine Zimmertür offen steht. Der gleiche Raum wie bei Deinem letzten Besuch. Im diffusen Licht der halb herunter gelassenen Rollos erkennst Du grellbunte Troll- und Ogre-Figuren in scharfkantigen Glasvitrinen. O.s Zimmer? denkst Du während Du Deine Jeans ausziehst, die roten Pumps aus Deiner Tasche nimmst und über die weißen Strümpfe ziehst. Noch ehe Du Dich auf dem abgedeckten Bett zurechtlegen kannst ist O. plötzlich da. Mit hastigen Bewegungen wirft er seine Kleider von sich. Dann nimmt er Dich zwischen seine Knie, fährt flüchtig mit einem Zeigefinger über den Stoff Deiner weißen Hemdbluse und spuckt zwischen Deine halb geöffneten Beine. Und bevor er in Dich eindringt sagt er einen merkwürdig beklemmenden Satz:

„Die Alte“ sagt O. mit sehr fremder, sehr heiserer Stimme, „die kommt gleich wieder. Die Alte die ist bloß ganz kurz beim Arzt“. Du richtest Dich auf. „Was Ernstes?“ willst Du fragen. Aber bevor Du noch einen Ton herausgebracht hast, legt O. seine linke Hand auf Deinen Mund, drückt Deinen Oberkörper zurück nach hinten und dringt in Dich ein. Er stößt Dich weniger hart als sonst. Dennoch bist Du froh als er damit aufhört und Du deinen Rim-Job machen kannst. Am Ende dreht O. sich zu Dir um und klemmt Deinen Oberkörper zwischen seine Knie. „Willst Du schlucken, Schlampe?“ fragt er und blickt auf Dich herab. „Ok“ sagst Du und öffnest willig Deinen Mund. O. trifft präzise hinein. Dann verharrt er noch für Sekunden angehockt über Deinem Brustkorb und beobachtet genau wie Du Deine Lippen wieder schließt und mit einer gut von außen sichtbaren Bewegung Deines Kehldeckels alles hinunter schluckst. „Brav Baby“ sagt er zufrieden und fährt mit einer Hand kurz durch Deine Haare. Du lächelst ihn an.

Leider hat O. nun keinen weiteren Blick mehr für Dich. Er geht nur einfach ins Gästebadezimmer nebenan um dort ein Kleenex für Dich zu holen. Dann rafft er stumm seine Kleider vom Boden auf und eilt hinaus während Du Dich notdürftig in Ordnung bringst. Als Du fertig angezogen bist drehst Du das benutzte Kleenex ein wenig unschlüssig in Deinen Händen. Dann knüllst Du es zusammen und stopfst es in die Vordertasche von deiner Jeans bevor Du hinaus trittst ins Treppenhaus. Auf dem obersten Treppenabsatz bemerkst Du daß hier neuerdings ein großer Hai aus Elektrodrahtgeflecht unter der Decke schwebt und die im Haus herrschende Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr verstärkt. Unten im Flur erwartet Dich O. Du empfindest daß er heute besonders blaß und edel wirkt, in seinem dunkelgrauen Hemd und der beigen Bermuda und würdest ihn zu gerne küssen zum Abschied. Aber Du weißt daß er das absolut nicht wollen würde, so kurz nachdem Du ES von IHM geschluckt hast. Deshalb sagst Du einfach nur Ciao. „Ciao“ erwidert O.

Zu Hause, um 15.18h, stellst Du erst einmal fest daß das Kleenex doch nicht ganz alle Spuren von O. aus Deinem Gesicht beseitigen konnte. Du machst ein paar Selfies, für Dich, zur Erinnerung und erschrickst über den merkwürdig starren Blick mit dem Du Dir selbst aus der Smartphone-Kamera entgegenblickst. Nachdem Du geduscht und ein frisches Kapuzenshirt angezogen hast geht es Dir besser. Abends kuschelst Du Dich aufs Sofa während Dein Sohn im Zimmer über Dir schläft und betrachtest im Handy das Bild, das O. Dir geschickt hat. Wie wunderschön er doch ist, denkst Du. Dann kannst Du nicht anders, Du mußt ihm schreiben auf Whatsapp. Daß sein Körper wie eine kühle, glatte Marmorstatue ist, die Du nur immer ansehen möchtest. Daß er Dir überhaupt erscheint wie ein Magier aus einer fernen Welt, inmitten all der Bilder in seinem Haus. Und daß Du niemals aufhören wirst ihn zu lieben. Du schreibst viele lange Sätze voller Zuneigung und Dankbarkeit. Antwort kommt selbstverständlich keine zurück.

 

tb_logos__light_horizontal

 

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Turquoise

„Turquoise“ by Quinton Hoover

Mittwoch, 18.3.2015, 6 Uhr 27. Es ist der Anfang eines klaren, verheißungsvollen Vorfrühlingstages. Die Morgensonne dringt durch die Ritzen der noch halb heruntergelassenen Rollos in Deinem Wohnzimmer. Du selbst kauerst noch immer auf dem Gabeh-Teppich. Übernächtigt. Lichtscheu. Ausgefroren. Denn es ist auch das Ende jener langen Nacht, in der Du auf schonungslose Weise erfuhrst was Du schon lange ahntest: nämlich, nur eine von Vielen zu sein für O. Eine von Vielen, die sehnsüchtig schreibt. Eine von Vielen, die Bilder macht. Eine von Vielen, die Highheels kauft und Netzstrumpfhosen hortet. Eine Wegwerf-Dame. Eine Spielzeug-Frau. Und zwar, so schrieb er jedenfalls, die Letzte, die Unwichtigste auf seiner langen Liste. Nach irgendeiner Asiatin. Nach einer Allerwelts-Lady in bordeauxrotem Catsuit. Nach einer Anonyma mit üppigem Dekoltée. Nach vielen, vielen anderen, Unbekannten. Kommt lange nichts. Und dann erst Du. Oder? „Bitte“ schreibt O. nämlich erneut. „Lass mich Dich besuchen!!! Ich muß Dich sehen!!!“

„Warum so eilig?“ tippst Du voller Ingrimm, während der Duft von Kaffee und die gedämpften Stimmen von Deinem Mann und Deinem Sohn aus der Küche zu Dir dringen. Wie aus einer fernen Welt, von weit, weit her. Wie die Erinnerung an eine lang vergessene Zeit, in der Du Croissants zum Frühstück hattest, und geregelte Schlafzeiten. „Ich bin die letzte in Deinem Katalog von tausend Frauen“ tippst Du weiter. „Vergiß mich doch einfach!“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Was, nein?“ schreibst Du zurück. „Ich kann keine schwarzen Strümpfe mehr für Dich anziehen und mir die Nägel lackieren und all das. Es geht nicht mehr. Es ist vorbei!“ – „Ich komme heute vormittags!!!“ schreibt O. „Ich muß Dich sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du nach einer kurzen Besinnung. „10, halb 11h wäre eine gute Zeit. Aber ich kann keinen Sex mit Dir machen! Und ich weiß auch nicht ob ich es schaffe Dir die Türe aufzumachen.“ – „Du willst mich eigentlich nicht sehen, oder?“ fragt O., unerwartet einfühlsam. „Doch. Schon.“ antwortest Du.

„Aber dann?“ schreibt O. fiebrig. „Du willst mich nur sehen, nicht berührt werden, oder?“ – „Doch. Du kannst mich auch berühren“ antwortest Du und fühlst Dich dabei unendlich müde. „Wo, Babe?“ fragt O. „Schreib es mir! Wo darf ich Dich berühren? Darf ich Dich küssen wenn ich hereinkomme?“ – „Ja“ antwortest Du, aufsteigende Tränen tapfer niederkämpfend. „Das wünsche ich mir doch schon so lange!“ – „Und darf ich dann auch Deine schönen Brüste berühren?“ drängt O. weiter. „Gleich im Flur?“ – „Meinetwegen“ antwortest Du. „Aber Sex willst Du keinen mit mir haben, oder?“ fragt O. „Ich glaube nicht daß ich das kann“ antwortest Du, total erschöpft. „Oh doch, Babe!!! Ich weiß das Du das kannst!!!!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Denn Du bist eine Schlampe die es braucht!!! Und deshalb gehst Du jetzt dann auch ins Schlafzimmer und machst für mich ein MUSCHIFOTO!!! Wenn Du das gemacht hast dann besuche ich Dich und spritz Dich voll!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Lass mich kurz duschen. Dann probier ich es.“

Nachdem Du mit leeren Gesten Deinen Mann und Deinen Sohn verabschiedet und im Haus ein wenig Ordnung gemacht hast, gehst Du mit bleischweren Füßen hinauf ins Badezimmer und versuchst, Dir unter der Dusche den Stress und die Demütigungen der vergangenen Nacht vom Körper zu waschen. Durch das Herabrauschen des warmen Wassers hindurch kannst Du jedoch hören, daß O. permanent simst. Es geht nicht anders. Du mußt Dein Waschritual unterbrechen. „Komm schon!!!“ – „Mach Baby!!!“ – „Wo bleibt das Bild!!!“ – „Schick endlich das  MUSCHIFOTO!!!“ liest Du triefnass im Badezimmer stehend, während Reste von Shampoo aus Deinen Haaren in Deine Augen rinnen und aufs Handydisplay tropfen. Du versuchst nicht in Hektik zu verfallen. Und dennoch rubbelst Du Dich hastig trocken, ziehst eilig schwarze, halterlose Strümpfe und Highheels an und machst Dir noch schnell ein Statement-Collier mit großen, glitzernden Fake-Türkis-Steinen um den Hals. Dann wirfst Du Dich im Schlafzimmer aufs Bett und schaltest die Selfie-Kamera ein.

Deine Energie reicht für genau fünf Bilder. Drei von Deinem Körper, der seltsam steif auf dem Oberbett liegt, die bestrumpften Beine unbeholfen von sich streckend. Und zwei von Deinem Gesicht, das blass und blicklos über den schillernden Glastürkisen an Deinem Hals in eine imaginäre Weite starrt. Erotisch geht anders, denkst Du und zögerst sie an O. zu senden. Selbst jetzt, im Moment Deiner tiefsten Getroffenheit, willst Du ihn nicht enttäuschen. Dann aber glaubst Du plötzlich zu spüren daß es vielleicht genau das ist, was O. sehen möchte: den Schmerz, den er Dir zugefügt hat. Dein Angeschlagensein. Und schickst die Bilder kommentarlos ab. Sie scheinen zunächst im Nebel zu verschwinden. O. schreibt nicht zurück. Und auch nachdem Du eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone in der Hand auf Deinem Bett sitzend vor Dich hingeschaut hast, sind die Haken hinter den Bildern in O.s Chatfenster noch immer grau. „Ok. Zum letzten Mal gelinkt, O.“ denkst Du und lächelst finster vor Dich hin.

10 Uhr 23. Du erhebst Dich und schreitest, getragen von einem eigenartigen Erhabenheitsgefühl, sehr langsam auf Deinen Highheels in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Nackt wie Du bist stellst Du Dich dort vor das Fenster von dem aus man die Strasse sehr gut beobachten kann und schaust hinaus. Du siehst, wie Radfahrer Dein Haus passieren und junge Mütter Kinderwägen durchs Licht der Frühlingssonne schieben. Aber O. siehst Du nicht. Du bleibst stehen und hältst weiter Ausschau während Du fühlst wie Dein Körper in dem ungeheizten Raum allmählich auskühlt. Als Du beginnst so stark zu frösteln daß die Glas-Türkise über Deiner Brust gegeneinander klimpern nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Kommst Du noch oder hast Du mich zum hundertsten Mal verarscht?“ Gerade als Du das Handy auf die Fensterbank vor Dir zurücklegen willst bekommst Du eine Antwort von O. „Ich dusche dann komm ich“ schreibt er. „Bereite Hautöl und Frischhaltefolie vor!!! Ich fahre in 10 Minuten mit dem Fahrrad los!!!“

Du legst das Handy beiseite und bleibst noch eine Weile am Fenster stehen. Versonnen, als ginge es Dich alles nichts an. Dann aber straffst Du Deine Schultern und stökelst, Dich vorsichtig am Treppengeländer festhaltend, auf Deinen Highheels hinunter in die Küche. Holst eine unangebrochene Rolle Frischhaltefolie aus einer Schublade. Fragst Dich was O. damit vorhat, heute, nach all den Aufregungen der vergangenen Nacht. Hörst ihn an der Haustür klingeln, wie nur er klingeln kann: Eindringlich. Fordernd. Schrill. Stürzt hin um zu öffnen, die Folie noch in der Hand. Siehst O. für einen Moment vor Dir stehen, unwirklich lichtumgleißt im Schatten Deines Hauses, mit verlorenem Blick, gehüllt in eine hochgeschlossene, nachtblaue Softshelljacke die ihn aussehen läßt wie einen dunklen Ritter von einem fremden, fernen Stern. „Da bist Du ja“ sagst Du mit heiserer Stimme und versuchst Deinen nackten Oberkörper an die kalte Beschichtung von O.s Jacke zu schmiegen. „Geil schaust Du aus, Baby“ antwortet O. und schubst Dich ins Haus.

Im Wohnzimmer bedeutet O. Dir mit lässiger Geste Dich auf dem Teppich niederzuknien und zu ihm aufzublicken während er sich seiner Kleider entledigt und sie großzügig um sich herum im Raum verteilt. Breitbeinig und nackt ganz nah vor Deinem Gesicht stehend legt er dann  seine große Hand auf Deine Stirn, schiebt Dir den Kopf in den Nacken und lächelt ein wenig spöttisch auf Dich herab. „Du weißt ja, ich hab es mir heute schon mal gemacht“ sagt er in schulmeisterlichem Ton, so als ob er einem leicht begriffsstutzigen Kind etwas erklären müßte. „Also häng Dich rein , Kleine!“ Du tust was er verlangt. Legst all Deine Trauer und Deine ganze Verzweiflung in Deinen Blow Job und küßt insbesondere O.s Frenulum als wäre es das Letzte was Du in diesem Leben zu tun hast. Es gefällt ihm. Mehr noch: es berührt ihn irgendwie. Als Du beim Deep Throat mit Deinen Reflexen kämpfst macht er sich sanft von Dir los. „Paßt Baby“ sagt er, fährt mit der Hand über Deine kurzen Haare und kniet sich zu Dir auf den Boden.

Anders als Deine und O.s Seelen finden Eure Körper auf dem Gabeh-Teppich in Deinem Wohnzimmer wie von selbst zueinander. O. nimmt Dich allerdings um Einiges härter als Du es bisher von ihm kanntest. Und Du wirfst Dich ihm mit voller Wucht entgegen. Es gibt nur noch Dich und O., sein Eindringen, seine schmerzhaften Stöße und den rauhen Flor des Gabeh-Teppichs unter Deinem Rücken. Sonst nichts mehr.  Als einer der Glas-Türkise von Deinem Collier aus der Fassung springt hält O. inne, blickt nachdenklich auf Dich herab und steht auf um etwas aus der Seitentasche von seiner Softshelljacke zu holen. Zwei kleine Päckchen. „Anziehen“ sagt er leise und wirft eines vor Dich hin. Es enthält eine korallenrote Damenstrumpfhose. Während Du Dir hastig die halterlosen Strümpfe herunter reißt und das rote Gewebe über Deine Beine zerrst holt O. aus der zweiten Kartonage ein regenbogenfarbig gemustertes Stoffknäuel heraus. Ein Stretch-Minikleid im Ethno-Stil, mit pinkfarbigen Neckholder-Bändchen.

Du ziehst Dir das Kleid über und zupfst es auf Deinem Körper zurecht. Die bunt ineinander gewebten Längsstreifen betonen die Rundung Deiner Brüste und lassen das Türkis der Schmucksteine um Deinen Hals intensiv leuchten. Du kniest Dich erneut auf den Teppich so daß O. sich hinter Dich hocken und die Bändchen in Deinem Nacken zusammenknoten kann. Du spürst daß er viel Sorgfalt aufwendet um eine niedliche kleine Schleife zu binden. „Geil“ hörst Du ihn leise zu sich selber sagen. Dann liegst Du plötzlich wieder vor O. auf dem Teppich und siehst wie er mit seiner großen rechten Hand zwischen Deine Beine greift und langsam, sehr langsam die Strumpfhose im Schritt aufreißt. Als das Loch so groß ist, daß Dein Unterbauch-Tattoo freiliegt zieht O. Dich am Gesäß zu sich heran und dringt erneut in Dich ein. Deine Schamlippen schmerzen. Fetzen von grellrotem Nylongewebe lassen deine und O.s Haut unnatürlich bleich erscheinen. Du parierst seine Stöße mit letzter Kraft. „Und jetzt leck mich endlich!“ sagt er.

Du nimmst nur schemenhaft wahr, daß O.noch schnell Deine Fußgelenke mit einem Stück der herumliegenden Frischhaltefolie aneinander fesselt und den verlorenen Glas-Türkis zurück in die leere Collier-Fassung drückt bevor er über Deinem Gesicht in Hockstellung geht. Du schließt Deine Augen während Du seine Pobacken küßt und hast plötzlich das Gefühl weit weg von hier etwas ganz Anderes zu erleben. Begleitet von zwei indianischen Priestern bist Du zu Fuß unterwegs durchs Hochland der Anden, auf einem mehrtägigen zeremoniellen Marsch zu einer Kultstätte der Inkas. Man hat Dich zum Opfer für eine Naturgottheit bestimmt. Auf dem letzten Wegstück wirst Du auf einer Sänfte kniend von jungen Indios getragen. Traditionelle Panflöten erklingen als Ihr den Ort Deiner Opferung erreicht. Ein Kondor kreist in den Lüften. Im bunten Kleid, die Türkiskette um den Hals, liegst Du auf dem Ritualfelsen, Dein Ende vor Augen. Da beginnt O. über Dir mit tiefer, fremdartiger Stimme zu stöhnen und ergießt sich auf Dich.

Es dauert eine Weile bis Du im Wohnzimmer aus Deiner Trance erwachst. Als Du Dich aufrichtest um das verschwitzte Kleid auszuziehen, die Folie von Deinen Füßen zu wickeln und Dir die Reste der roten Strumpfhose vom Körper zu streifen ist von O. nichts zu sehen. Erst als Du zum Korbstuhl gehst, wo eine Jeans und ein Trägertop von dir liegen, siehst Du daß er durch die Terassentür hinaus in den Garten gegangen ist. Dort steht er in seiner nachtblauen Ritterrüstung im Sonnenlicht und betrachtet die Tujenhecke die Euer Grundstück zum Nachbarn hin abgrenzt. „Die müßte mal professionell geschnitten werden“ sagt er, als Du barfuß herzutrittst. „Ja“ sagst Du und schlingst frierend die Arme um Deine nackten Schultern. „Soll ich das im Sommer mal machen?“ fragt O. „Sehr gerne“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., streckt eine Hand nach Dir aus und zieht Dich zu sich heran, so daß Du kurz Deinen Kopf an seiner geharnischten Brust bergen kannst. Dann schiebt er Dich von sich weg und geht von der Terasse durchs Wohnzimmer ganz einfach so aus Deinem Haus.

 

tb_logos__light_horizontal

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

tb_logos__light_horizontal

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin