Variations of Fury, Part 1

Am Samstagmorgen nach dem neuerlichen Triangulierungs-Fiasko mit O. bittest Du Deinen Mann und Deinen Sohn, die Hecke in Eurem Garten zu Ende zu schneiden. Es wird eine entspannte Zeit zu dritt inmitten von Euren Laubsäcken und Büschen. Ganz ohne Kampfmontur oder Spezialausrüstung. Einfach nur in Jeans und T-Shirt. Mit Eurer schlichten, mittelklassigen Familienheckenschere. Schafft Ihr es in knapp zwei Stunden, das stehengelassene Werk O.s zu vollenden – mal abgesehen davon, dass Dein Sohn sich am Ende bei dem Versuch die monströse Leiter zu entsperren, ziemlich schmerzhaft die Finger klemmt. Und während Du ihm im Badezimmer die Hände kühlst, bäumt sich in Deinem Inneren etwas auf. Du spürst: Deine Seele wehrt sich. Wehrt sich mit wachsender Vehemenz. Gegen die Totalvereinnahmung Deines Lebens durch O. Seine Themen. Seinen Style. Gegen das Geflutetwerden mit ekligen Bildern, abseitigen Gedanken, unangenehmen Phantasien. Gegen das Triggern. Das Baggern. Das Hoovern. Gegen ALLES.

„Könntest Du bitte bald Deine Leiter hier wegholen?“ schreibst Du am Sonntag den 23.10.16 abends um 21.23h. Mit wut-bebenden Fingern. Empört. Genervt. Zermürbt. Denn O. ist seit gefühlt drei Stunden dauer-online. Selbstverständlich OHNE sich mal bei DIR zu melden. Deine mühsam gewahrte Selbstbeherrschung wird pulverisiert. „Wann? Sag mir WANN holst Du das Ding aus meinem Garten raus? WANN? WANN? WANN?“ – „Was soll denn dieses Theater?“ antwortet O. nach 30 Minuten. „Ich hol sie halt dann wenn ich den Garten fertig mach!“ – „Haha“ tippst Du. „Das haben mein Mann und mein Sohn bereits gestern für Dich erledigt! Und jetzt trag bitte Dein hässliches Gerät hier weg!“ – „Ach so?“ tippt O. zurück und Du spürst, dass er plötzlich mindestens doppelt so wütend ist wie Du selbst. „Und das sagst du mir erst jetzt? Diese Spielchen sind wirklich das Allerletzte!!! Na warte!!! Nächste Woche komm ich und dann!!!“ – „Was dann?“ tippst Du. „Dann kannst was erleben!“ antwortet O. Und diesmal hält er Wort.

O.s Ahndung Deiner Missetaten. Seine Strafe für Dein verbales Aufbegehren und für Dein eigenmächtiges Handeln in dem Garten den er als SEIN Hoheitsgebiet betrachtet. Sie sendet Dich auf einen langen, schlechten Trip. Durchs Gruselkabinett der berüchtigten Spielarten narzisstischer Wut. „Guten Morgen Ursula“ schreibt er am 24.10.2016 um 6.08h nach tagelangem Schweigen. „Kannst du heute die Leiter alleine durchs Haus tragen so das sie schon vor eurer Haustür steht?“ – „Warum soll ich das machen?“ schreibst Du zurück. „Damit ich nicht in euer Haus muss wenn ich komme um sie abzuholen“ antwortet O. „Was wäre daran so schlimm?“ fragst Du. „Kannst du es machen oder nicht?“schreibt O. „Ich weiss nicht wie ich sie zusammenklappen soll“ antwortest Du. „Schade. Dann bis nachher um 11“ schreibt O. „Soll ich was Bestimmtes anziehen?“fragst Du. „Ich will keinen Sex!“ schreibt O. „Ich will dich nicht anfassen!!! Vor allem will ich kein Wort mit dir reden!!!! Am Liebsten würde ich dich gar nicht sehen!!!“

Du schluckst. „Und daran bist du selbst schuld!!!“ schreibt O. weiter. „Mit deinen ewigen Ausrastern machst du alles kaputt!!! Du weisst das ich seit der Krankheit von der Lolo sehr viel um die Ohren habe!!! Noch dazu wo ihre Familie sich von ihr abgewendet hat! Was glaubst du wie – ganz ehrlich – scheissegal und nichtig mir da dein Garten ist?“ Du starrst aufs Handy. Beschämt. Vernichtet. Fassungslos. Suchst nach irgendeiner sinnvollen Erwiderung auf O.s bizarre Suada. Umsonst. Es gibt keine. „Jetzt möchte ich erstmal in Ruhe gelassen werden“ doziert O. Munter fürbass durchs Universum der Omnipotenz. „Ich habe einfach keine Lust und keine Nerven mehr für deinen Scheiß!!! Und egal wie ich mich dir gegenüber verhalte – du brauchst dich nicht so aufzuführen!!! Du bist erwachsen! Wir beide haben Partner!!!! Es geht dich nichts an was ich mache!!! Ich habe keine Verantwortung dir gegenüber! Kapierst du das nicht? Ich kann machen was ich will! Ich bin dein Herr und Meister!!! Da denk jetzt mal drüber nach!!!!“

„Ok. Das mache ich!“ antwortest Du und fühlst weit weg von irgendwoher ein winziges Restchen Deines ursprünglichen Willens zur Selbstbehauptung wiederkehren. „Ist es dir recht wenn ich unseren Kontakt auf Whatsapp blockiere sobald du die Leiter abgeholt hast?“ Du spürst eine Art kleinen Schock auf der anderen Seite Deines Smartphones. Es dauert einige Sekunden bis O. antwortet. „Bist momentan eigentlich geil?“ schreibt er dann. „Nur ein sehr kleines bisschen“ antwortest Du. „Was würdest du anziehen wenn ich komme?“ fragt O. „Jeans, Highheels und ein durchsichtiges schwarzes Langarmshirt?“ schreibst Du. „Darüber meinen weiten Strickpulli so dass Du entscheiden kannst ob Du das Shirt sehen willst oder nicht?“ – „Hört sich nicht gut an!“ antwortet O. „Mach neuen Vorschlag!“ – „Brustfreier Catsuit zur Jeans?“ schreibst Du. „Andere Vorschläge!“ antwortet O. „Schwarzes Kleid ohne Schuhe und ich komm barfuss mit raus wenn Du die Leiter zusammenklappst?“ schreibst Du. „Auch nicht“ antwortet O.

„Was dann?“ schreibst Du. „Schrittoffene schwarze Strumpfhose und sonst nichts?“ – „Auch nicht“ antwortet O., nun wieder vollends Herr der Lage. „Am besten vielleicht wenn du die Tür öffnest und dann nach oben gehst damit wir uns nicht begegnen. Ich hole die Leiter und bin gleich wieder weg ohne das wir uns begegnet sind“ – „Ok dann machen wir es so“ schreibst Du und siehst eine berstende Felsenküste vor Deinem inneren Auge ins Meer brechen. „Wie wäre es dir am Liebsten?“ fragt O. „Ich würde Dir gerne helfen die Leiter zusammen zu klappen und Dir die Türen aufhalten damit Du sie gut raustragen kannst“ antwortest Du. „Ich hab sie gerade schon trocken gewischt und vor die Terrassentür hingestellt damit Du sie gleich nehmen kannst. Ich ziehe Jeans und meinen weissen leicht durchsichtigen Pulli an. Ich würde Dich gerne ganz kurz sehen. Aber ich sage kein Wort und Du musst mich auch nicht berühren“ – „Meinetwegen“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Ich bin in ca einer halben Stunde da!!!“

Deine Hände zittern als Du das Smartphone beiseite legst und ins Badezimmer spurtest um Dich zu duschen. „Es MUSS das Ende jetzt sein“ denkst Du immer wieder, während das heisse Wasser an Dir herabrinnt. „Das absolute Ende“. Du schaffst es mit Mühe und Not in die avisierten Kleider zu schlüpfen und – man weiss ja nie – im Wohnzimmer ein Paar schwarzer Highheels zu deponieren. Unauffällig. Hinter den Leinenstores. Da klingelt es schon an der Haustür. Im O.-Ton. Unüberhörbar. Als Du öffnest, wird Dein Blick von O.s extravagantem, auf schräge Weise sexy und gleichzeitig abweisend-streng wirkenden Trachten-Outfit gebannt. Er trägt eine cognacfarbige, culotte-artig geschnittene Breitcordhose, deren traditioneller Hirschhornknopf-Latz seinen Genitalbereich schon fast marktschreierisch-auffällig betont. Und einen weiten, lodengrünen Fleecepulli mit Eichenlaub-Stickerei unterhalb des hohen Kordelzugkragens. Seine Omar-Sharif-Augen starren Dich vollkommen leer und ausdruckslos an. Dein Herz sinkt.

Mit Mühe unterdrückst Du den Reflex, Dich O. an den Hals zu werfen. Unter Aufbietung all Deiner Energie gelingt es Dir, seinem Blick standzuhalten, wortlos beiseite zu treten und ihm den Weg zur Terrassentür freizumachen. Nachdem er schweren Schrittes in seinen Trekkingboots an Dir vorbei gestiefelt ist, kauerst Du Dich in Hockstellung auf die unterste Stufe der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses und schaust von dort dabei zu, wie O. draußen seine Leiter entsperrt und zusammenklappt. Hochkonzentriert. Völlig bei SICH. Du bemerkst, dass er leise vor sich hin flucht. „Komm her du Sau“ hörst Du ihn zu seiner Leiter sagen, bevor er sie zwischen den Sprossen durchgreifend, schultert und mit aufeinander mahlenden Backenknochen und soldatischer Miene aus Deinem Haus trägt. Während Du schattengleich dastehst und ihm die einzelnen Türen aufhältst. Den SUV hat O. direkt vor Deinem Haus auf dem Gehsteig geparkt. Und während er die Leiter verlädt, beginnt in Deinem Inneren etwas zu schreien.

Du willst brüllen, rufen. O. nachstürzen. Hinterher rennen. Die Fahrertür des Wagens aufreissen, die er soeben zuzieht. Dich anklammern. Festhalten. Mitschleifen lassen. Und dergleichen wahnwitziger Dinge mehr. Jedoch. Du WEISST, dass nichts von dem etwas nützen sondern alles nur schlimmer machen würde. KANNST wahrnehmen, dass dies der Irrsinn von O. selbst und nicht Dein eigener ist, den Du stellvertretend für ihn ausleben würdest. Und so umfasst Du mit Deinem linken Arm fest die Zarge Deiner Haustüre, während O. in seiner metallicbraunen Staatskarosse langsam und gravitätisch vom Gehsteig vor Deinem Haus weg rollt. Schaust ihm nach. Und fühlst plötzlich einen ungeheuren Lachzwang aus Deinem Inneren nach oben steigen. Du erkennst die Absurdität, die bizarre Komik dieser Szenerie. Gehst ins Haus. Kniest Dich auf den Gabeh-Teppich. Lachst laut. Lange. Total hysterisch. Dann rappelst Du Dich hoch. Greifst dein Handy während Lachtränen von deinem Gesicht tropfen. Und blockst O. auf Whatsapp.

Im gleichen Moment überkommt Dich schlagartig ein Zustand vollkommener Ruhe. Du atmest auf. Fühlst, wie gut es Dir tut, NICHT von O. „rangenommen“, „durchgefickt“, sprich: sexuell behelligt worden zu sein. NICHT seine Fingerabdrücke, seine Schmerzspuren irgendwo auf Deinem Körper zu fühlen. Und seine dunkle Energie in Dir. Du kannst einfach aufstehen, Deine Augen trockentüpfeln, Dich umziehen und Deine Sporttasche packen. Fürs Fitnessstudio, wo Du lange und ausgiebig trainierst und es geniesst, Dich leicht, frei und unerschüttert zu fühlen. „Schön“ denkst Du, während Du Dich auf der Klimmzugstation in die Höhe ziehst. „Irgendwie schön, so ohne O.“ Am Nachmittag nimmst Du Dir viel Zeit, um Ordnung zu machen im Haus. Vom Balkon aus schaust Du hinunter in den Garten, der um Einiges grösser und lichter wirkt, seitdem O.s Leiter nicht mehr darin dräut. „Schön“ denkst Du wieder. Da piept Dein Handy mit einem melodischen, lang nicht mehr gehörten Ton. „Charming bell“. Der sms-Ton von O.

 

 

The Old Lady, Part 1

Du bist nun also die Lieblingskonkubine von O. Beschenkt und geehrt mit fünf Paar glitzernder, schwindelerregend hoher Trash-Heels. Auf denen Du, strahlend im Licht seiner Zugewandtheit, direkt bis vor sein Herz balancierst. Wie einst Cinderella zu ihrem Prinzen, mit dem gläsernen Schuh. Oder Carrie Bradshaw zu Mr. Big, in Manolo Blahnik und Jimmy Choo. Zwei Tage lang ist es Dir vergönnt, Dich so zu träumen. Dann holt die Realität Dich ein und Du lernst eine weitere Facette von O.s Paralleluniversum kennen. Es ist der 19. 9.2015. Als Du morgens um 8h Dein Handy hochfährst, siehst Du, dass O. bei Tagesgrauen versucht hat, Dich zu kontaktieren. „Bist Du wach?“ schrieb er um 4.17h. „Leider erst jetzt!“ antwortest Du schuldbewusst. O. schreibt nicht zurück. Aber am späten Nachmittag schickt er Dir ein Bild aufs Handy. „Für dich. War grade so geil!“ textet er dazu. „Oh vielen Dank!“ antwortest Du. Erst dann nimmst Du Dir Zeit es richtig anzuschauen.

Was Du siehst, ist ein Bild wie Du bisher noch keins von O. bekamst. Es ist kein sinistres Magic-Eye-Selfie. Kein provokantes Dick Pic. Auch kein weitergeleitetes Erotikfoto einer fremden Dame. Und dennoch: ebenso verstörend. Ebenso aufwühlend, widersprüchlich und doppeldeutig wie sie alle. Denn: es zeigt nicht nur eine milchig-weisse, gallertartige Substanz, die sich etwa esslöffelgross in einem der Besucherwaschbecken von O.s Haus verteilt. O.s materialisierte Lebensenergie. O.s verflüssigte DNA. O.s innerste Essenz. Das Bild dokumentiert weit mehr als nur O.s Faszination von seiner eigenen Sexualität. Es hat nämlich einen Rahmen, der es als Screenshot ausweist. Als Screenshot eines Chats. Als Screenshot eines Chats, der am 19.9.2015 in den frühen Morgenstunden stattfand. Um 5.22h, um genau zu sein. Also eine Stunde und fünf Minuten nachdem O. versucht hatte, DICH zu kontaktieren. Zu dieser Zeit schickte er ein Foto seines frisch ejakulierten Spermas auf das Handy einer anderen Frau.

„Peter“, liest Du in der Kontaktzeile des gescreenshotteten Whatsapp-Bildschirms. Ein Deckname, den O. seiner Chatpartnerin offensichtlich gab. Denn unterhalb des Abspritz-Fotos zeigt ein Pfeil nach links. „Du 19. September, 5.22h“ vermeldete die App, keinen Raum für Zweifel lassend. Und öffnet damit eine Falltür in Deinem Inneren, die ins Bodenlose führt. Die gefühlte Nähe Deiner nächtlichen Chats mit O.? Die Vertrautheit? Der schrankenlose Austausch von Ideen und Phantasien, das erotische Verbundensein, der Enthusiasmus, die Verzückung, die Dankbarkeit – alles nur Illusion, nur Schall und Wahn? Fake? Volatil? Imaginär? „Zweifelsohne“, denkst Du, während Du blicklos auf Dein Handy starrst. Und vor allem: Wer mag diese wundervoll verfügbare Dame sein, die O. ganz einfach so im Morgengrauen anschreiben kann, während Du leider schläfst? Und deren Sexting ihn binnen kurzer Zeit zu einem fotografisch präsentablen Orgasmus bringt? „Ich bin gar nichts. Ich bin einfach nur ein Nichts“, denkst Du.

Du verbringst die obligatorische schlaflose Nacht. Geisterst durchs Haus, sitzst am Küchentisch, betrachtest wieder und wieder das doppelbödige und dennoch vollkommen eindeutige Bild. Versuchst, O. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denkst an seine krebskranke Freundin, seinen Schlafmangel, seinen Stress. Denkst an die rührende Sms, die er Dir vor Kurzem schrieb. „Babe“, hatte er getextet, „in meinem Kopf herrscht zur Zeit ziemliches Chaos und deshalb kann ich leider meine Lust nicht immer auf dich konzentrieren!!! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine!!!“ – „Natürlich, Liebster!“ hattest Du geantwortet. Und nun? Nun verstehst Du es ANDERS. Nämlich, dass Du eben nach wie vor austauschbar bist für O. Und zwar in Sekundenschnelle. Mit einem einzigen simplen Switch in ein anderes Chatfenster. Dies ist die Erkenntnis, die Dich am meisten schmerzt, beim Anblick von O.s klarem, hellem Sperma auf der weiss glänzenden Keramikoberfläche seines Waschbeckens. Und dem dunklen Rahmen um es herum.

Gegen 3h morgens sinkst Du vornüber auf dem Küchentisch zusammen und fällst in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Zwei Stunden später schreckst Du hoch. Desorientiert. Schweissgebadet. Mit dem Gefühl einer tief empfundenen Entrüstung die in Dir nagt. Als Du Dein Handy entsperrst, springt Dich O.s Wichs-Foto direkt an. Du hattest vergessen es wegzuklicken, bevor Du einschliefst. Nun, da Du es erneut betrachtest, weisst Du plötzlich, was das Anstößige daran ist. Denn, es ist eine Sache, dass O. nachts mit anderen Frauen sextet. Und eine ganz andere Sache ist es, Dir davon ein Bild aufs Handy zu schicken. Ungefragt. Ungebeten. Es ist grenzübertretend. Es ist missbrauchend. Es ist verletzend, beleidigend, ausbeuterisch. Sowohl Dir gegenüber, als auch gegenüber der anderen Frau. Von seiner Freundin mal ganz zu schweigen. Es geht Dir ein wenig besser in dem Moment wo Du das so für Dich formulieren kannst. Du atmest durch. Dann nimmst Du dein Handy, rufst deine Chats mit O. auf und schreibst:

„Guten Morgen Liebster! Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ganz spät schlafen gegangen und dann gleich wieder wach geworden mit Gedanken an Dich. Ich empfinde sehr viel für Dich. Aber bitte schick mir keine Screenshots mehr von Deinem Sperma die Du schon einer anderen Frau gesendet hast, ok? Ich weiss dass ich nicht die Einzige für Dich bin. Aber es tut doch weh auf diese Art damit konfrontiert zu werden. Ich weiss dass Du mich nicht verletzen wolltest und ganz viele Dinge im Kopf hast die wichtiger sind.“ Du hältst kurz inne um nachzudenken wie Du Deine Gefühle gegenüber O. noch ausdrücken könntest. Da zerreißt sein Nachrichten-Ton die Stille in Deiner Küche. O. schreibt zurück. „Wie kommst du darauf?“ fragt er kühl. Nein, kalt. „Da steht der Name Peter und dass es am 19.9. frühmorgens gesendet wurde“ antwortest Du. „Hab ich auch einen Männernamen in Deinem Handy?“ fügst Du hinzu. „Du nicht“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ – „Und die Anderen? Was sind die?“ fragst Du.

„Nur Ficks“ antwortet O. „Und ich? Bin ich was Anderes?“ fragst Du. „Was willst Du eigentlich?“ schreibt O. „Du fickst mit anderen Männern für Geld!! Bist im Internet unterwegs um Ficks aufzutreiben! Du bist süchtig danach es mit unterschiedlichen Männern zu treiben!!! Also was soll das? Du bist nicht nur meine Schlampe, du bist überhaupt eine Schlampe!!!“ – „Nein ich bin nur Deine Schlampe!“ antwortest Du verzweifelt. „Und ich bin NICHT süchtig nach verschiedenen Männern!“ – „Ich hatte mal paar Ficks mit einer alten Lady!!!“ schreibt O. Hoheitsvoll. Gebläht von der eigenen Bedeutung. „Wir schreiben uns noch und schicken Fotos. Sie bettelt manchmal darum meinen Schwanz in den Mund zu nehmen oder ihn zu wichsen!!!“ – „Schon gut!“ tippst Du. Aber O. ist nicht zu bremsen. „Wenn Dir das nicht passt dann musst du es mit mir beenden!!!“ schreibt er. „Ich habe keine Lust mir von Dir was verbieten zu lassen!!! Du würdest dich für Geld von meinen Freunden ficken lassen. Also halt dein dummes Schlampenmaul!!!“

„Ich verbiete Dir doch gar nichts“ versuchst Du einzuwenden. „Du würdest dich für Geld jederzeit ficken lassen!“ schreibt O. erneut. „Da stehst du drauf!!! Du brauchst das!!!“ – „Nein“ antwortest Du. „In Wirklichkeit brauche ich ganz andere Sachen. Und ganz sicher brauche ich keine Screenshots von Deinem Sperma für eine andere Frau!“ – „Was für Sachen brauchst du dann?“ fragt O., plötzlich unsicher wirkend. „Ich brauch nur Dich!“ schreibst Du. Anstatt Dir zu antworten, sendet O. Dir ein Bild. Ein Bild von einem  ausgemergelt wirkenden Frauenkörper, der Dir bereits bekannt vorkommt. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, trug er einen dunkelroten Netz-Catsuit und saß mit gespreizten Beinen vor einem weissen Garderobenspiegel auf dem Boden. Auf dem aktuellen Bild trägt die fragliche Dame einen weissen Strapsgürtel zu weissen, halterlosen Strümpfen, hochhakige, rote Pumps und lässt im Flurspiegel ein schimmerndes Glas-Toy zwischen ihren weit geöffneten, mageren Schenkeln aufblitzen. „Solche Bilder schickt sie mir!“ schreibt O. dazu.

„Ja“ antwortest Du, während Dein Magen ein wenig revoltiert. „Solche schick ich Dir ja auch“ – „Ja! Und beide bekommt ihr welche dafür von mir!“ schreibt O. „Liebst Du sie mehr als mich?“ fragst Du beklommen. „Ich liebe sie überhaupt nicht!!!“ schreibt O. „Wie bitte?“ fragst Du zurück. „Sie ist 65 Jahre alt und ich habe sie paarmal gefickt!!!“ schreibt O. „Die ist doch nicht 65. Was soll der Quatsch“ schreibst Du. „Die ist 65“ schreibt O. „Nein die ist 35“ schreibst Du. „Leck mich doch! Die ist 65!“ schreibt O. „Wie Du meinst“ antwortest Du und spürst plötzlich wie das Gefühl von Wut und Verletztheit in Deinem Inneren weicht und sich wandelt in Mitleid und Anteilnahme für O. Für ihn, und für das Ausmass seiner psychischen Störung, das hinter seinen trotzig-aggressiven Worten durchschimmert. Aber auch für die Verlorenheit jener älteren Dame, die in der Tristesse ihres Single-Appartements irgendwo am Rande Eurer Stadt Sex-Selfies macht und hofft auf Besuche von O. „Ich liebe Dich!“ schreibst Du. „Mit allem was zu Dir gehört.“

„Aber ich wünsche mir einen Screenshot von Deinem Sperma der nur für mich ist, verstehst Du? Ich würde für Geld mit Deinen Freunden ficken um DICH damit zu erregen, aus keinem anderen Grund. Einfach nur für Dich!! Um Dich zu erregen bin ich zu sehr Vielem bereit! Aber ich kann auf alle Männer und den Sex mit ihnen locker verzichten. Der einzige Mann nach dem ich süchtig bin bist Du. Du aber bist wirklich die Droge für mich!“ – „Das nächste Mal mach ich ein Foto nur für dich“ schreibt O. „Das würde mich sehr glücklich machen!“ antwortest Du. „Denn ich will für immer Deine Schlampe sein!“ – „Das will ich doch auch“ schreibt O. „Ich liebe dich und ich will nur dich!“ – „Ok“ antwortest Du. In den Abendstunden des folgenden Tages bekommst Du tatsächlich ein weiteres Bild von O. Es zeigt einen esslöffelgrossen Klecks einer hellen, klaren, Dir wohlvertrauten Substanz in einem der Handwaschbecken in seinem Haus. Ohne Rahmen darum herum. „Nur für dich!“ schreibt O. dazu. „Danke“ antwortest Du.

 

Eclipse

Mittwoch, 18.3.2015 Lange, sehr lange nachdem O. gegangen ist an diesem kühlen, sonnigen Tag im März 2015 sitzst Du noch immer spärlich bekleidet auf einem Stuhl in Deinem Wohnzimmer und betastest nur wieder und wieder die Schmucksteine um Deinen Hals. Erst als bereits das Nachmittagslicht ins Zimmer fällt, raffst Du Dich auf um ein wenig Ordnung zu schaffen. Sammelst die Fetzen von Frischhaltefolie und rotem Nylonstoff in einer Mülltüte zusammen. Faltest das bunte Minikleid glatt und legst es zu den anderen Sachen in der geblümten Stoffschachtel im Schlafzimmer. Zum schwarzen Netz-Top. Zum Stringbody. Zu den fingerlosen Handschuhen und all den Strumpfgarnituren. Dann duschst Du Dich. Kochst Tee. Hoffst zu Dir zu kommen. Im Lauf des Nachmittags machen sich allerdings Schmerzen bemerkbar. Der Gabeh-Teppich hat Abschürfungen auf Deinem Rücken hinterlassen, unter O.s Stößen. Deine Schamlippen sind verschwollen, das Sitzen tut weh, anderes wird vollends zur Qual. Und auch mit Deiner Psyche geht es steil bergab.

Am späteren Nachmittag, kurz bevor Dein Sohn aus der Schule kommt, sind schließlich alle Endorphin-Reste aufgebraucht die von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieben. Du fühlst nur noch Verlassenheit, Trauer und Schmerz. Bei Einbruch der Dunkelheit, zwischen zwei peinvollen Toilettengängen, erträgst Du es nicht mehr damit alleine zu sein. Du brauchst die Hilfe von O. Unbedingt. So nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Danke für den Besuch heute bei mir. Ich bin sehr glücklich daß ich Dich endlich mal wieder gesehen hab. Und ich hätte auch nicht gedacht daß ich heute so tollen Sex mit Dir haben könnte. Bitte laß nicht so viel Zeit vergehen bis ich Dich wiedersehe! Ich mache bald Bilder für Dich von dem bunten Kleid. Es ist einfach traumhaft von Dir so hart genommen zu werden. Ich liebe Dich! Bis bald!“ Wenn O. nun ein Herzchen oder ein Smiley schicken würde innnerhalb der nächsten Stunden wäre alles gut, denkst Du. Aber genau diesen Gefallen tut O. Dir nicht. Weder am Abend, noch in der Nacht.

Donnerstag, 19.3.2015, 6Uhr30. Du erwachst vollkommen unerholt. Schaltest Dein Handy ein. Und weißt, tief in Dir drin, noch ehe Du es entsperrt hast, daß Dich keine Nachricht von O. auf dem Display erlösen wird aus dem Kerker Deiner Vergessenheit. Aber es geht noch schlimmer. Als Du Deine Whatsapp-Chats mit O. aufrufst, siehst Du daß er online ist. Lang. Ausgiebig. Voller Engagement. Immer wieder. Er hat jemandem viel zu schreiben, mitzuteilen, zu erzählen. Aber nicht Dir. Dich hat er gestern halb bewußtlos gefickt. Und heute sagt er Dir nicht mal mehr Guten Morgen. Du bist erledigt. Abgefrühstückt. Wertloser denn je. Du hältst es nicht mehr aus. Deine Verletztheit bricht sich Bahn. Du starrst auf den online-Schriftzug und schreibst: „Guten Morgen. Ich muß Dir etwas sagen. Es war gestern definitiv unsere letzte gemeinsame Nummer, unser letztes Date. Du fickst ungeschützt mit unzähligen Frauen. Und ich hab keine Lust irgendwann doch noch mit Hepatitis oder Hiv dazusitzen.“ Du schluckst. Dann schreibst Du weiter.

„Du hast mir außerdem intime Bilder von anderen Frauen weitergeleitet. Also muß ich davon ausgehen daß auch meine Bilder längst im Umlauf sind. Ich wünsch Dir alles Gute. Aber für mich ist es nicht mehr geil Teil dieses Lebensstils zu sein!“ Es dauert vier Minuten. Dann schreibt O. zurück. „Du bist doch so blöd!!!“ textet er. „Ich hab die Fotos aus dem Netz!!!“ Du zögerst kurz. Überlegst, den Strohhalm zu ergreifen den O. Dir scheinbar hinhält. Entscheidest Dich dagegen. „Das glaube ich Dir nicht!“ schreibst Du stattdessen. „Du kannst es jedenfalls nicht beweisen daß die Bilder lediglich aus dem Netz sind!“ – „Du fickst mit anderen Männern und zeigst mit dem Finger auf mich???“ fragt O. „Da hast Du in gewisser Weise recht“ antwortest Du. „Eben!!!“ schreibt O. „Und deshalb laß mich jetzt in Ruhe!!! FÜR IMMER!!!!“ Sein online-Schriftzug verschwindet blitzartig. Und Du sinkst fassungslos in Deine Kissen zurück. Du hast Dein T-Shirt völlig durchgeschwitzt während des kurzen Chats mit O. Und das Bettlaken auch.

Guillotiniert. Entseelt. So liegst Du da, während unnatürliche Stille in Deinem Haus um sich greift. Als wäre ein Netzstecker gezogen. Als wäre das Leben gewichen aus allem. So kommt es Dir vor. O. hat Dich über seine Klinge springen lassen. Und das war nicht Dein Plan. Reden. Klären. O. aufrütteln. Das hattest Du gewollt. Ihm zeigen daß es Dich noch gibt. Stattdessen wurdest Du vernichtet. Kalten Herzens exekutiert. Du fühlst Dich wie eine lebende Leiche, als Du auf unsicheren Beinen hinunter in die Küche wankst um Tee zu kochen. Du hast Deine Identität verloren. Du bist nichts mehr. Weniger als nichts, außerhalb der Welt von O. Du überlegst verzweifelt was Du nun noch tun kannst. Um zurück zu kommen ins Leben. Denn das ist für Dich der Kontakt zu O. Nichtsweniger als das Leben. Aber Dir fällt nichts ein. Der Vormittag vergeht. Du sitzst gelähmt am Küchentisch. Erstarrt. Gebrochen. Fällst in Sekundenschlaf. Schreckst wieder hoch. Krallst Dir Dein Handy. Schreibst. Wie in Trance.

„Ich lösche Dich nicht vom Handy und ich blockiere Dich nicht! Ich liebe Dich viel zu sehr! Du bist viel zu faszinierend und zu wichtig für mich! Aber ich werde jetzt erstmal nicht mehr so viel schreiben. Ich muß meine verletzten Gefühle sortieren und mit mir selbst zurecht kommen. Du hast mich ins Herz getroffen in gewisser Weise. Ich habe halt Gefühle, leider, und ich habe es nie gelernt sie so zu kontrollieren wie Du. Ich bewundere Dich auch dafür sehr. Du kannst mir gerne schreiben wenn Du mich mal wieder besuchen willst. Ich mach Dir mit Sicherheit gern in Strümpfen die Türe auf. Aber ich selbst kann jetzt erstmal nichts mehr tun um unsere Verbindung aufrecht zu erhalten. In größter Liebe! U.“ So tippst Du mit bebenden Fingern, irgendwann im Laufe dieses völlig aus der Zeit gefallenen Tages in dein Smartphone. Noch versuchst Du Hoffnung, eine Art von Würde zu bewahren. Doch im Inneren fühlst Du, daß die Hängebrücke zwischen Dir und O. gerissen ist. Du wirst ins Bodenlose fallen.

Freitag, 20.3.2015. Es ist der lang erwartete Tag der partiellen Sonnenfinsternis. Die Menschen Deiner Stadt fiebern der Stunde entgegen da sie in Schatten getaucht sein werden. Du selbst befindest Dich längst dort. Ohne Hoffnung ins Sonnenlicht zurückzukehren. Denn O. hat auf Deine Nachrichten vom Vortag nicht reagiert. Und so beginnst Du Dich einzurichten im Zustand der Verlassenheit. Sitzst gramgebeugt am Küchentisch. Rührst in Deiner Teetasse. Kraftlos. Resigniert. Als jedoch am frühen Vormittag die Kälte der beginnenden Sonnenverdunklung spürbar wird und das Tageslicht ins Jenseitige diffundiert, drängt es Dich, O. ein letztes Mal zu schreiben. Einfach so. Losgelöst. Ohne Ziel. Du überlegst eine Weile. Wägst Worte. Und um 10Uhr13, als das Himmelsspektakel draußen seinem Höhepunkt entgegen strebt und dramatische Wolkenformationen über Deinem Haus und Deiner Stadt einen Hauch von Golgatha verbreiten nimmst Du Dein Handy und schreibst. Voller Verve und Leidenschaft. Deinen letzten großen Hymnus an O.

„Liebster. Unser Zusammensein am Mittwoch war für mich wirklich sehr schön, das möchte ich Dir nochmal ganz deutlich sagen. Und nicht nur schön, sondern auch schmerzhaft und intensiv wie jede Begegnung mit Dir bisher war. Fick ist überhaupt nicht das richtige Wort dafür. Eher Kunst-Performance. Inszenierung. Du kannst sehr viel. Hast viele Talente. Bist begabt. In mir ist jedes Mal sehr viel aufgewühlt nach den Begegnungen mit Dir. Es dauert immer einige Tage bis meine Nerven sich beruhigt haben. Es trifft mich vieles im Innersten, bis ins Mark, was Du machst während eines Zusamenseins mit mir. Es berührt ganz tief von mir vergrabene Gefühle. Es kommen auch Ängste, Traurigkeiten, alles Mögliche hoch. Ich schreibe Dir das während hier die Sonnenfinsternis abläuft: Du bist in jeder Hinsicht: Extrem. Intensiv. Brilliant. Schillernd. Gefährlich. Genial. Erotisch. Brutal. Intelligent. Stark. Grausam. Voller Phantasie und irrer Ideen. Schön. Attraktiv. Radikal und rücksichtslos.

Es steht Dir zu es mit tausenden von Frauen zu machen. Es steht Dir zu, Dir einfach alles zu nehmen was Du haben willst. Du kannst es, also kannst Du es tun. Wer wäre ich, es Dir zu verbieten. Du stehst irgendwie außerhalb der normalen Regeln und Gesetze. Du bist für mich eine sehr große, sehr wichtige Figur. Aber Dich zu lieben ist wie nackt gegen einen Eisberg zu rennen. Oder wie barfuß auf zerbrochenem Glas zu laufen. Es tut sehr, sehr weh. Ich habe jetzt 8 Monate lang versucht diesen Schmerz auszuhalten. Ich kann es auch weiterhin versuchen. Im Moment will ich nur daß Du weißt daß ich Dich wirklich sehr, sehr liebe. Und daß ich viel, viel mehr in Dir sehe als nur einen Ficker. Bitte laß die Türe offen zwischen uns, ok? Ich hoffe so sehr daß ich wieder mit Dir zusammen kommen kann wenn ich mich mal erholt habe. Ich will Dich nicht für immer verlieren. Denn ich bin für keinen Mann jemals halbnackt und frierend am Fenster gestanden um auf ihn zu warten, nur für Dich. Vergiß das nie! In Liebe, U.“