Solitaire

1.9.2014 Dein Mann ist von seiner Reise zurück, die Tage Deines Alleinseins zu Hause sind vorbei. O. hat keinen Gebrauch gemacht von der Möglichkeit Dich nachts zu treffen, und auch geschrieben hat er Dir nicht mehr. Dabei schien es ihm ja vor kurzer Zeit noch so wichtig zu sein. Inzwischen aber wirkt es wie ein fern zurück liegender Traum dass er Dir täglich, stündlich schrieb, Dich intensiv begehrte, alles von Dir wissen wollte. Das Scheinwerferlicht der Auserwähltheit das er auf Dich warf, es scheint erloschen. Du fühlst Dich vergessen, im Abseits stehend. Schmerzliche Phantasien quälen Dich. Dass er eine andere Frau auf der Strasse kennengelernt hat, beispielsweise, ihr leidenschaftliche Sms sendet, es irgendwo mit ihr treibt, während Du verlassen da sitzst und vergeblich auf ein Zeichen von ihm wartest. Eine coolere, mutigere Frau als Du es bist, mit mehr zeitlichem Spielraum und wilderen Tattoos. Wieder einmal schämst Du Dich. Wieder bist Du unsicher und sehr allein.

2.9.2014 Du schämst Dich, weil es Dir offensichtlich nicht gelingt, O. über längere Zeit hinweg erotisch zu faszinieren. Du schämst Dich aber auch, weil Dein tiefes Mitempfinden mit dem Leiden seiner Mama ihn nicht erreicht. Normalerweise fällt es Dir nicht schwer, Worte und Gesten der Anteilnahme zu finden gegenüber jemandem dem es nicht gut geht. Im Fall von O., dessen Situation Dich stark berührt, fühlst Du Dich eigenartigerweise hilflos, ungeschickt und stumm. Den ganzen Nachmittag über suchst Du nach Worten mit denen Du ihn fragen könntest wie es ihm und seiner Famile geht, seiner Familie von der Du nichts weisst, aber es ist als ob Du die Sprache der Empathie verlernt hättest. Dir fällt einfach nichts ein. Alles was Du ihn fragen, ihm sagen möchtest, droht abzuprallen an der Schweigemauer die er um sich herum errichtet hat. Und so schweigst auch Du. 19h30. Du bist für einen Last-Minute-Einkauf im Drogeriemarkt. Dein Blick fällt auf ein Regal mit schwarzen halterlosen Strümpfen. Du kaufst ein Paar. Und Deine Hilflosigkeit ist weg.

3.9.2014 10h. Du bist für eine knappe Stunde allein zu Hause. Und Du hast einen Plan. Frisch geduscht, ins Handtuch gewickelt, sperrst Du Dich im Schlafzimmer ein. Holst das schwarze Netz-Top aus seinem Versteck, ziehst es an. Rückst es zurecht, so dass Deine Brustspitzen gut durch die Maschen zu sehen sind. Holst die halterlosen Strümpfe aus der Verpackung, betastest das glatte Material bevor Du sie Dir überstreifst. Schlüpfst in Deine schwarzen halbhohen Stiefeletten. Gehst ein paar Schritte im Zimmer auf und ab. Fühlst Dich verändert, verwandelt, in eine sinnliche, ihrer selbst gewisse Frau, die Du bisher nicht kanntest. Blickst ernst in die Selfie-Kamera von Deinem Handy. Kniest Dich ins Bett, beugst Dich nach vorne, zoomst auf Deine Brust. Legst Dich hin, drückst Dein Kreuz durch, spreizst die Beine. Der Spitzensaum der Strümpfe bildet einen edlen Rahmen für das Jugendstil-Tattoo oberhalb Deiner rasierten Muschi. Du machst sehr viele, sehr interessante, sehr erotische Bilder …

4.9.2014 Vormittag. Du scrollst durch die neue Fotogalerie in Deinem Handy. Natürlich sind nur die erotischsten, geheimnisvollsten, intensivsten Bilder gut genug für O. Die, auf denen Deine Haut besonders glatt und weich erscheint. Die auf denen Du besonders herausfordernd posierst. Sieben Bilder wählst Du aus. Nur auf einem davon ist Dein Gesicht zu sehen. Die anderen zeigen das, was O. Deiner Vermutung nach am Liebsten sieht: Teilansichten eines Frauenkörpers, aufreizend gekleidet, partiell entblößt, namenlos, anspruchslos, verfügbar. Du schreibst: „Hoff Dir gehts gut“ und schickst sie ihm aufs Handy. Du atmest durch, Dein Herz klopft. 20 Sekunden später: Dein Plan geht auf. O. reagiert. „Du geile Schlampe!!! Du bist so ein Teufelsweib!!!!“ schreibt er. Zum ersten Mal seit Du ihn kennst fühlst Du Dich mächtig, ihm gegenüber. „Willst Du dass ich solche Strümpfe anhab wenn Du es mal wieder mit mir machst?“ fragst Du. „Ja Baby!!“ antwortet er. Und Du weisst: Ihr seid wieder voll auf Droge, Du und O.

5.9.2014 Alles ist gut. Das Eis ist gebrochen. Ihr habt nun wieder ein Thema, Du und O., etwas was Euch verbindet. Ihr überlegt gemeinsam, was mit schwarzen halterlosen Strümpfen anzufangen ist. „Babe, ich will dass Du solche Strümpfe unter Deiner Jeans trägst wenn Du mich mal wieder in dem Haus besuchst!!“ schreibt O. „Und dann reiss ich Dir die Jeans runter und fessel Deine Hände mit Frischhaltefolie ans Bett und schau mir Deine schönen Beine in den Strümpfen an während ich es mir besorge!!!! Du musst Dildo und Frischhaltefolie mitbringen wenn wir uns beim nächsten Mal sehen!!!“ Du bist sehr glücklich. Es gibt ein nächstes Mal. Eine Perspektive. Ein neues Date. Einen neuen Plan. „Natürlich, ich mach alles was Du willst!“ schreibst Du. „Hauptsache ich kann Dich sehen und etwas für Dich tun“ – „Babe, Du machst mehr für mich als ich mir je eträumt hab!!! schreibt O. „Du bist die beste Schlampe die ich mir vorstellen kann!“ – „Und Du der beste Gebieter“ antwortest Du. „Ich will nie mehr jemand anderem gehören!!“

6.9.2014 Es ist fast alles wieder so wie ganz am Anfang Eurer Freundschaft, in den magischen Tagen Eures Kennenlernens. O. entdeckt Dich völlig neu, als hätte er Dich gestern zum allerersten Mal gesehen, ist fasziniert von Dir, verzückt und hingerissen. Erneut dringt er mit vielen Fragen auf Dich ein. Fordernd. Fiebrig. Intensiv. „Was hast gedacht als ich Dich zum ersten Mal angesprochen hab? Was hättest gemacht wenn ich Deine Titten berührt hätte?“ will er wissen. „Haben Dich schon viele Typen angesprochen so wie ich?“ „Bist mit denen auch so schnell ins Bett gegangen wie mit mir?“ „Haben sie es Dir besser besorgt als ich?“ „Befriedige ich Dich ein wenig?“ – „Nicht nur ein wenig!“ antwortest Du. „Du bist der Lover meiner Träume den ich nie verlieren will!“ – „Oh Babe, ich will Dich auch nie verlieren!!“ textet er zurück. „Ich bitte Dich, wenn Du Zeit hast, schick mir ein paar schöne Sms! Schreib mir wie geil Du mich findest!!!“ Du überlegst. Denkst lange nach. In den Abendstunden setzst Du Dich hin und schreibst:

„Ich liebe Dich sehr. Du hast nur meinen Körper gewollt und dennoch meine Seele berührt. Du hast mir innerhalb von acht Wochen ungefähr sieben Mal mein Herz gebrochen. Hast mich aufgewühlt, erschüttert und erschreckt wie kein Mann vor Dir – und genau deshalb liebe ich Dich so!!!“ – „Ich find Dich wunderschön! Dein Körper ist wie aus ganz glattem, kühlem, weissem Marmor. Du hast diese Traurigkeit und diesen Schmerz in Deinem Blick. Ich hab Dich noch kein einziges Mal lächeln sehen. Ich freu mich auf den Tag an dem Du mir zum ersten Mal ein Lächeln schenkst.“ – „Ich liebe Deinen Hintern und Deine Beine in den beigen Bermudas. Ich liebe es Dein Arschloch zu küssen. Ich hoff dass ich es noch ganz oft tun darf. Ich liebe einfach alles an Dir!!“ – Lang kommt keine Antwort von O.. Du bist Dir nicht sicher ob Du den richtigen Ton getroffen hast. Je länger er schweigt, desto unruhiger wirst Du. Spät nachts kommt die Erlösung. „Danke Babe! Das ging ja runter wie Öl! Ich liebe Dich!!“ schreibt O.

7.9.2014 Vormittag. Du fährst mit dem Rad durch den grossen Wald der im Süden Deiner Stadt angrenzt und den Du schon seit Deiner Kindheit kennst. Es ist ein strahlend schöner Tag mit einer Vorahnung von Herbst. Spinnennetze mit Tautropfen glitzern im Sonnenlicht. O. hat Dir erhebende Dinge geschrieben in letzter Zeit. „Du bist ganz tief in meinem Herzen und in meinem Kopf!!!“ „Du bist wie aus meiner Phantasie entsprungen!“ „Ich brauche Dich! Du bist einfach perfekt für mich!!“ Als gäbe es keine Grenze zwischen ihm und Dir, denkst Du, als seist Du sein Geschöpf. Und sein emotionaler Doppelgänger, denn Deine Gefühle ihm gegenüber könntest Du mit identischen Worten beschreiben. Seelenverwandt? überlegst Du, während Du eine Linkskurve auf der Waldstrasse etwas zu rasant anfährst, Dein Fahrrad auf einem Teppich feuchter Blätter seitlich wegrutscht und Dich samt Deiner Tasche unter sich begräbt. Mit einer grossen Prellung am rechten Oberschenkel und zwei aufgeschürften Knien kommst Du nach Hause zurück.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin