About „Empathy“

Das Jahr 2017. In dem Du von O. mit wundervollen, gefühlsintensiven Chats verwöhnt wirst. Und DAS grosse, einzigartige, alles-in-den-Schatten-stellende Date mit ihm erlebst. Und Situationen tiefster Verbundenheit und wahrer Nähe. Auch dieses Jahr hält dennoch und trotz alledem Unsäglich-Unerträgliches für Dich bereit. Zum Beispiel Ende April. O. macht zu dieser Zeit ein weiteres Mal Ferien auf Lanzarote, zusammen mit Lolo. Und schickt Dir am dritten Abend seines Aufenthalts Bilder von einer jungen Frau mit langem, glattem, tiefschwarzem Haar. Irgendwo, zwischen Lavagestein und Sanddünen posiert sie für Erotik-Selfies. In einem semi-transparenten, cayenne-roten Off-Shoulder-Top, das ihre üppigen Brüste und eine Vielzahl von schwarz geränderten Pentagramm-Tattoos mehr ent- als verhüllt. „Mich hat hier ne Servicekraft angemacht“ schreibt O., während Du Dich am Küchentisch festhältst und mit Schnappatmung kämpfst. „Die spricht perfekt deutsch und hat mich von Anfang an dauernd angeschaut!“

„Oh. Sie ist viel schöner als ich“ antwortest Du. „Die ist noch total jung!“ fabuliert O. „Hat mir ihre Handynummer zugesteckt und auch schon ne Menge Bilder und sogar ein paar Videos für mich gemacht! Magst eins haben?“ – „Vielen Dank. Jetzt nicht!“ antwortest Du. „Schade. Hätte ja sein können das es dich scharf macht!“ schreibt O. „Im Moment nicht“ antwortest Du. „Wie soll es denn jetzt weitergehen?“ – „Ich chatte gerade total geil mit ihr!“ schreibt O. im Vollgefühl seiner Omnipotenz. „Werde sie aber nicht ficken! Nicht das die mich dann abzocken will! Wenn ich zurück bin besuche ich dich und lass es mir so richtig von dir besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und registrierst voller Qual, dass O. bereits wieder in ein anderes Chatfenster geswitcht ist. In DAS Chatfenster, in dem es gerade heiss und vulkaninselmässig zur Sache geht, während Du Dich frierend und fröstelnd auf Deiner Küchenbank zusammenkrümmst und Dir selbst als die letzte, die unattraktivste Frau auf Erden erscheinst …  CUT!!!

In der ersten Hälfte des Jahres 2017 erlebst Du ferner ein „Date“, bei dem O. Dich für genau 11 Minuten bei Dir zu Hause besucht, ratz-fatz das schwarze, neu gekaufte Netzminikleid auf Deinem Körper zu elend herabhängenden Garnresten zerwirkt und Dich auf dem Wohnzimmerteppich so hart von der Seite nimmt, dass Du schlussendlich wie ein frisch erlegtes, waidgerecht ausgenommenes Reh vor ihm liegst. Unfähig auf die Beine zu kommen, während er in seine Kleider schlüpft und wortlos geht. Als 30 Minuten später dein Handy piept, musst Du auf allen Vieren zu dem Korbstuhl kriechen, wo es landete, als O. ins Haus kam. Und mit Mückenschwärmen vor den Augen lesen: „Ursula, ich habe so ein schlechtes Gewissen und fühle mich schlecht gegenüber der Lolo!!!  Ich kann ihr das nicht mehr antun!!! Ich liebe dich und es ist unbeschreiblich schön mit dir! Aber ich schaff das nicht mehr! Ich zerbreche daran!!“ – „Ich versuche zu verstehen!“ tippst Du mit erstarrenden Fingern. Danach erfolgt ein zehntägiges Schweigen … CUT!!!

Ende Juni 2017, am Tag nach Deinem Geburtstag, zu dem O. Dir wie jedes Jahr NICHT gratuliert hat, verunglückst Du mit Deinem Fahrrad in einem Wäldchen am Flusshochufer nahe Deiner Stadt. Beim Versuch, einem Spaziergänger mit grossem Hund in letzter Sekunde auszuweichen, überschlägst Du Dich mit dem Rad und ziehst Dir im Schotter schwere Knieabschürfungen, Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung zu. Du musst ambulant versorgt und mit fremder Hilfe heimgebracht werden. Aber O. reagiert kalt und abweisend, als Du ihm abends, lädiert im Bett sitzend, Dein Leid klagst. „Tja. Da werden wir unsere Sexspielchen in nächster Zeit nicht durchziehen können!“ schreibt er. „Ich wäre gerne demnächst mal auf nen Fick bei dir vorbeigekommen. Aber so lange deine Knie SO aussehen … !“ – „Mit ein wenig Rücksicht würde es schon gehen“ antwortest Du in hemmungsloser Selbsterniedrigung. „Ursula es reicht mir jetzt aber mit deiner Spinnerei!“ schreibt O. „Hör sofort auf oder ich blocke dich für ein paar Tage!!!“ … CUT!!!  

O. ist eben zu Empathie nicht fähig, denkst Du Dir nach all solchen Erlebnissen. Er kann sowas wie Mitgefühl halt einfach nicht empfinden. Basta. Aber dann gibt es wieder diese ganz anderen Momente, die das Basta Lügen zu strafen scheinen. Zum Beispiel in den Faschingsferien 2017. Während Dein Mann und Dein Sohn miteinander im Skiurlaub sind, liegst Du über Tage hinweg mit hohem Fieber im Bett. Allein. Dir selbst überlassen. Unversorgt. Wäre, ja wäre da nicht O. Tatsächlich. O., der sich kümmert. O., der sich Sorgen um Dich macht. O., der alle zwei Stunden rund um die Uhr via Whatsapp nachfrägt, wie es Dir geht. O., der am vierten Deiner Fiebertage energisch dafür sorgt, dass ein Bereitschaftsarzt bei Dir vorbeikommt. O., der Dir nachts ein 50.- Euro-Kuvert in den Briefkasten wirft, damit Du Bargeld im Haus hast, für alle Fälle. O., der Dir schreibt: „Babe, ich habe solche Angst dich zu verlieren!!! Ich brauche dich einfach soooo sehr! Bitte bleibe im Bett bis du richtig gesund bist! Ich liebe dich!!!“ … NO CUT!!!  

Oder die Tage und Nächte im August 2017. Um Deinen mittlerweile fast 14-jährigen Sohn auf ein Outdoor-Survival-Projekt seiner Schule vorzubereiten, verbringst Du mit ihm eine Woche auf einer Zeltwiese an einem der grossen Seen im Umland Eurer Stadt. Ihr übt miteinander Fahrradtaschen zu packen, Routen ohne Navy zu finden, das Zelt windgeschützt aufzustellen, einen Gaskocher zu benutzen und manches mehr. Tagsüber streift Ihr mit den Fahrrädern durch Schilfgebiete und Moorland, nachts hört Ihr in Euren Schlafsäcken durch die dünnen Membranwände Eures kleinen Wigwams Frösche quaken und Grillen zirpen. Es ist für Dich eine wunderschöne, wertvolle Zeit. Du bist dankbar für jede gemeinsame Minute mit deinem Sohn. „Wurzeln, Flügel, Wakan-Tanka“ denkst Du, ganz glückliche Indianer-Mom. „Alles ist wunderbar“. Und, das liegt auch an O., der sämtliche Phasen deiner Visionssuche für Mutter und Sohn nicht nur teilnahmsvoll verfolgt, sondern sie regelrecht mitlebt. Fasziniert. Intensiv. Stets dicht dabei.

„Wie geht es euch denn? Ich drück euch die Daumen das alles gut läuft! Passt auf euch auf heute beim Radeln! Vom Wind könnten Äste auf euch runter kommen! Bitte melde dich wenn ihr am Zeltplatz zurück seid!“ So ähnlich schreibt O. fast jeden Morgen, während Du zusammen mit deinem Sohn beim Trekkingfrühstück im Gras warmen Hafermilch-Couscousbrei löffelst und dabei Radwanderkarten studierst. Anders als Dein Mann, der zu Hause ganz einfach sein Leben als Kurzzeit-Single geniesst, scheint O. getrieben von ständiger Sorge um Dein und Deines Sohnes Wohlergehen. Er wittert Gefahren. Ahnt dräuendes Unglück, bei fast allem, was Du tust. „Fahrt nach Hause!!! Das Wetter schlägt heute noch um!!! Lasst euch doch abholen! Ich glaube das alles ist viel zu heftig für euch!!“ – „Es geht uns aber wirklich gut!“ antwortest Du dann, stets mühsam begreifend, dass dies die dramatischen Gefühle desselben Mannes sind, der bisher nicht genug davon haben konnte, Dich zu quälen und leiden zu sehen. „Ich werde ihn niemals verstehen“ denkst Du.

Dass die Outdoor-Zeit mit Deinem Sohn ungeahnt tief an die Klüfte und Krater von O.s verwundbarem Inneren heranreicht, erweist sich ganz besonders in der Nacht vom 17. auf den 18. August 2017, als in den Frühmorgenstunden ein schweres Gewitter über der Region Deines Aufenthalts niedergeht. „Könnt ihr denn schlafen bei diesem Wetter?“ schreibt O. um 3.30h. „Es regnet doch dauernd und ist kalt! Ich bin schon ganz lange wach und denke an euch!!!“ – „Das ist total lieb von Dir!“ antwortest Du mit dem Handy unter dem Trekkingfleece. „Es donnert seit Stunden und Nässe kommt rein! Aber der Kleine schläft tief und fest!“ – „Wirklich?“ tippt O. „Ja. Wirklich!“ antwortest Du. „Herr des Himmels!“ schreibt O., und Du spürst, dass er enorm aufgewühlt ist. „Kinder sind um ihren Schlaf ja so sehr zu beneiden!!!“ „Das stimmt“ antwortest Du. „Und wenn einer so ne tolle Ma hat wie dein Kleiner“ eifert O. weiter, „dann hat er sowieso das ganz grosse Los im Leben gezogen! Glaub mir! Ich weiss von was ich rede!!!“ – „Das ist mir klar!“ antwortest Du.

„Ich kann das jetzt nicht so gut erklären!“ tippt O. aufgeregt weiter. „Aber dein Kind mit dir heute Nacht! Bin mir sicher auch wenn es grad schläft das wird es sich immer dran erinnern was das für ein Wetter war!!! Und wie du dich um ihn gekümmert hast! Das wird für ihn garantiert unvergessen bleiben!!!“ – „Entschuldige bitte. Mein Geschriebenes ist gerade wohl recht durcheinander!!!“ fügt er hinzu, ehe Du antworten kannst. „Ich meinte nur man vergisst nicht alles was man als Kind mal erlebt hat!“ – „Ja!“ antwortest Du. „Ich habe als Kind kein einziges Mal was mit meiner Mutter gemacht“ schreibt O. nach einer kleinen Pause, in der Du fühlst, wie sich Schmerz, Trauer und Schwermut in Deinem Sommerschlafsack um Deinen Körper herum ausbreiten. „Also keinen gemeinsamen Tag Abenteuer oder ähnliches. Und wenn ich die ganzen Kinder beim Baden so sehe… was die alles schon können und mit ihren Eltern unternehmen… da werd ich schon ganz schön wehmütig!“ – „Ich verstehe Dich!“ schreibst Du hinaus in das apokalyptische Donnergrollen, draussen über Deinem Zelt.

„Ich weiss dass Du eine sehr sehr schwere Kindheit hattest. Und ich bewundere es wie Du darüber hinweg gekommen bist. Sehr.“ – „Ja … aber auf das wollte ich nicht hinaus … “ antwortet O. „Eher wie schön ich es finde das es viele Kinder heute gibt die solche schönen Erlebnisse haben. So wie dein Sohn. Ich hatte viel Pech zum Start meines Lebens. Aber dann auch viel Glück. Und sich viel selber beizubringen und früh auf eigenen Beinen zu stehen ist auch ein „Erlebnis“!“ – „Das war Deine Stärke“ antwortest Du. „Ja“ schreibt O. „Aber jetzt versuch du noch bisserl zu schlafen!!! Ich stehe jetzt auf. Heute kommen zu uns Schreiner zum Schränke einbauen. Und da muss ich noch bisserl aufräumen!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du, obwohl Du den Chat mit dieser so aussergewöhnlich offenen, berührbaren und mitteilungsbedürftigen Version von O. natürlich gerne noch fortsetzen würdest. „So gefällst du mir meine Sexgöttin!“ schreibt O. „Ich möchte das du für immer und ewig meine Schlampe und Sklavin bleibst und meine verrückten Wünsche erfüllst. Und wenn du wieder daheim bist besuche ich dich bald. Ich freue mich nämlich unglaublich darauf dich wiederzusehen!!“

„Ich freue mich auch!“ antwortest Du und horchst nach draussen. Das Unwetter ist weitergezogen. Es grummelt noch leise vom fernen, gegenüberliegenden Rande des Sees. Aber die bedrohliche Situation ist vorbei. Die ersten Vogelstimmchen erwachen. Du weisst: vor deinem Sohn und Dir liegt ein wunderschöner Tag. „Danke O.“ denkst Du, während Du Dich tief in all Deine Pullis und Decken vergräbst. „Danke“. Dann schläfst Du ein … NO CUT!!!

 

The Long Way Home

Eigentlich hattest Du gehofft, mal so richtig weinen zu können, auf diesem kleinen Dorffriedhof, am Grab der Mutter von O. All die über zwei Jahre hinweg in Dir angestaute Verzweiflung in Tränen zu verwandeln. Und dann loszulassen. Du hattest auch erwartet, eine Art weiblicher Verbundenheit zu spüren mit der Frau, die hier im Schatten der weissen, ziegelgedeckten Mauer auf der Höhe oberhalb der Maisfelder ihre letzte Ruhe fand. Doch nun stehst Du da und gewahrst nur, dass hier offenbar ständig ein eigenartig rauher Wind weht, der an Deinem Blusen-Top zerrt und reisst. Nichts sonst. Kein Spiegeln. Kein Erkennen. Kein Verstehen. Wenn Du je wissen wolltest, wie absolute Lieblosigkeit sich anfühlt, so erahnst Du es jetzt: Bleiern. Und gleichzeitig leer. Du wendest Dich ab. Gehst langsam zu einer dunkel gestrichenen Sitzbank ohne Rückenlehne vorderhalb der Gräberreihen. Setzst Dich, weggewendet vom Grab. Blickst hinaus in das helle Land jenseits der Friedhofsmauer. Atmest durch.

Für etwa eine halbe Stunde bleibst Du einfach nur sitzen, auf diesem schmalen Grenzstreifen zwischen dem offenen Leben vor Dir und der Sphäre schiksalhaft Dahingegangener in deinem Rücken. Verlierst Dich im Anblick der riesigen Cumuluswolken, die scheinbar reglos am Himmel stehen. Sonnendurchflutet. Strahlend weiss. Überirdisch schön. Und denkst: „Gut, hier zu sein. Gut, es gesehen zu haben.“ Denn. Zwar hast Du nichts gefühlt. Nicht das, was Du erwartet hattest. Und Neues herausgefunden hast Du auch nicht. Aber viel verstanden hast Du, in diesen Minuten am Nicht-Gedenkstein der Mutter von O. Das Unrecht, das ihr und ihren Söhnen widerfuhr, wurde niemals abgegolten. Deshalb liegt sie hier unver-SÖHNT. Während das, was von O.s Seele aus seiner Kindheit übrig blieb, ruhelos durch die Welt driftet. Fern von Heimatboden, Sippe, Genealogie. Vernetzt mit Orten des Kummers. Der Sorge. Der Angst. Leeren Häusern. Klinikwelten. Leichenäckern. Kurz: zu Hause im Terrain von Krankheit. Schmerz. VON TOD.

Du beschliesst, den langen Weg nach Haus zu nehmen, nach diesem Moment des Verstehens. Die längste, die beschwerlichste Route von O.s Heimatdorf zurück in die Stadt. Denn: Du musst etwas spüren. Deinen Körper. Dich selbst. Und etwas von O. Die Mühsal SEINES Weges aus dem Dorf seiner Kindheit bis hin zum Haus mit den vielen Bildern am Puls der Urbanität. Vom Ort seiner Quasi-Zerstörung bis dahin, wo er sich selbst als fragil-dämonischer Herrscher eines moribunden Reiches neu erschuf. So schwingst Du Dich auf Dein Fahrrad und fährst die kurvige Landstrasse bergab, tausend Maisfelder lang, ohne anzuhalten. Folgst dem vielbefahrenen, unfallträchtigen Teilstück der Staatstrasse durch den öden, dunklen Bannwald östlich der Stadt. Hangelst Dich über Schotterpisten und Feldwege. Vorbei an Pferdekoppeln, Baumärkten und Mini-Bordellen. Zum ehemaligen Flughafen, den heute eine seelenlose Trabantensiedlung umgibt. Und weiter. Meile um Meile. Mit dem ungefederten Fahrrad auf der rumpeligen, alten Ausfallstrasse ins Innere der City.

Der Abend fällt bereits ein, als Du zu Hause ankommst. Verschwitzt. Durchgeschüttelt. Erschöpft. Genau wie Du es wolltest. Um die Härte von O.s Vita in Dir zu spüren. Im Nacken. Im Rücken. In den Knien. Im limbischen System, wo Sehnsüchte und Ängste in den Tiefen des menschlichen Bewusstseins aufbewahrt werden. Nachdem Du geduscht hast, wickelst Du Dich in ein blau-weiss gestreiftes Hamam-Tuch, das Dein Mann Dir zum Geburtstag schenkte und nimmst Dir ein paar Alcopops mit Mojito-Geschmack aus dem Kühlschrank. Du gehst damit nach oben, setzst Dich an das weisse Tischchen auf dem gartenseitigen Balkon deines Hauses, lehnst Dich zurück und schaust in den Sternenhimmel. Es ist eine klare Spätsommernacht und je mehr von der gezuckerten, alkoholischen Flüssigkeit sich in Deinem Körper verteilt, desto mehr Sternschnuppen siehst Du in der Dunkelheit aufblitzen. Du hättest nun einige Wünsche frei. Jedoch. So sehr Du auch überlegst und an O. dabei denkst. Dir fällt KEIN Sternschnuppenwunsch ein.

 

 

Insomnia

Nach dem 28. August 2015 vergehen knapp drei schwierige Jahre. Eine Ära des Duldens und Dienens. Äonen, in denen Du gemeinsam mit O. auf den Spuren seiner traumatischen Kindheit wanderst. Die Abgründe seiner verwüsteten Seelenwelt durchschreitest. Verlorensein, Krankheit und Lebensferne mit ihm teilst, trägst,  ja: statt seiner lebst. Dich von ihm belügen, betrügen, vergewaltigen und schlagen läßt. Konfontiert und gedemütigt wirst mit anderen Frauen. Mehrfach. Oft. Immer wieder. Und dennoch festhältst an Deiner Idee von O. als einem sensiblen, gemarterten Traumprinzen, den es zu erlösen gilt. Aus der kalten, dunklen Burg seiner schweren Vergangenheit. Zu der allein Du den magischen Schlüssel finden kannst, wenn Du nur lange genug suchst. Bis Du endlich begreifst, dass es auch Dir, trotz all der vielen Liebe die Du für O. in Dir trägst, nicht gelingen wird, die schwere narzisstische Wunde in seinem Inneren zu heilen. Und Du allmählich beginnst, Dich aus seinem dunklen Kosmos zu lösen.

Der Spätsommer 2015 beschert Dir eine rasche Initiation in die morbide Lebenswirklichkeit von O. Am 31.8. erfährst Du, dass der Brustkrebs seiner Freundin das reine Anfangsstadium bereits verlassen hat. „Heute hat der arzt anrufen!!!“ schreibt O. fühlbar konsterniert um 18.08h. „Lymphknoten sind befallen!!!“ Im anschließenden Chat entwickelt er wilde Verschwörungstheorien über die Ursache von Lolos Erkrankung. Schuld seien vor allem ihre Schwester, die vielen Streitigkeiten wegen des familieneigenen Firmengeflechts, die Sehnsucht nach ihren Neffen und, natürlich, die Ungerechtigkeit des Lebens überhaupt. „Es trifft so oft die Falschen!!!“ schreibt O. „Ich wüßte auf der Stelle mindestens zehn Leute die es verdient hätten!!! Aber sie nicht!! Sie kann einem wirklich leid tun!!!“ Etwaige Anteile seiner selbst oder gar eigene Verhaltensmuster blendet O. bei dieser abenteuerlichen extrinsischen Krankheitsbegründung natürlich konsequent aus. Und Du? Du hütest Dich, dazu etwas zu sagen.

Zwei Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 15.9.2015 kommt es zwischen O. und Dir zu einem bahnbrechenden Chat, den Du noch Jahre danach als legendär einstufen wirst. Du erwachst an diesem Tag mit dem zwingenden Gefühl, von O. gebraucht, ja, regelrecht gerufen zu werden. Nachdem Du Dich mit Deinem Handy ins Wohnzimmer geschlichen und auf dem Sofa in eine Wolldecke gehüllt hast, begegnest Du via Whatsapp einem unmaskierten, einem wirklichkeitsnahen O. von luzider Authentizität. „Guten Morgen“ antwortet er, direkt nachdem Du ihn angeschrieben hast. „Auch schon wach?“ – „Ja“ antwortest Du. „Warum? Schlecht geträumt?“ fragt O. „Einfach nur so“ antwortest Du. „Und Du? Konntest Du ein bisschen schlafen?“ – „Leider nicht!“ antwortet O. „Ich habe immer so schlimme Träume!“ – „Oje!“ schreibst Du, während das Gefühl einer eigenartigen Schwere von Dir Besitz ergreift. „Was träumst Du?“ – „Alles mögliche!“ antwortet O. „Aber meistens sind es unangenehme Träume und sie sind sehr intensiv!“

Du erfährst, dass O. sehr oft davon träumt, verfolgt zu werden und flüchten zu müssen. Anscheinend durchstreift er in seinen Parasomnien häufig atomar verwüstete Landstriche. Und wird, als einziger Überlebender der noch wenige Habseligkeiten retten konnte, von obdachlosen Ausgestossenen belästigt und umstellt. Du kannst das Grauen dieser Traumgesichte spüren, als er davon schreibt. Und würdest gerne etwas tun um sie von ihm zu nehmen. „Du Armer. Wann schläfst Du denn überhaupt mal?“ schreibst Du, um von Deiner Hilflosigkeit abzulenken. „Paar Stunden bring ich schon zusammen“ antwortet O. „Und wenn Du wach bist? Was machst Du dann?“ fragst Du weiter. „Bisschen rumräumen, Musik hören, lesen“ antwortet O. „Ok. Ich wollte Dich nicht stören gerade!“ schreibst Du. „Ich bin nur vorhin wach geworden und habe an Dich gedacht!“ – „Das ist sehr lieb von dir Kleine“ antwortet O. „Du störst doch nicht. Hast Du eigentlich im Moment was an oder bist Du nackt?“ – „Ich hab ein T-Shirt an“ antwortest Du.

„Dann streichel doch ein bisschen Deine Brüste!“ schreibt O. „Du weißt ja dass mich das scharf macht!“ – „Ok“ antwortest Du. „Würdest Du mal gerne mit mir kuscheln?“ fragt O. „Oder engumschlungen im Bett mit mir liegen? Oder magst Du sowas gar nicht?“ – „Doch, O.! Zärtlichkeiten mag ich sehr!“ antwortest Du. „Nackt mit Dir unter einer Decke wäre schön! Einfach nur spüren dass Du in der Nähe bist. Das würde mir schon genügen!“ – „Dann lass uns das doch machen!“ schreibt O. „Möchtest Du so etwas denn?“ fragst Du. „Es wäre traumhaft!“ antwortet O. „Mit Dir möchte ich alles!“ – „Wirklich?“ fragst Du ungläubig, nach allem was Du über O. und seine Präferenzen weißt. „Babe“ antwortet O. „Ich kann es zwar selber kaum glauben dass ich mit Dir Dinge machen kann die ich nie für möglich gehalten hätte. Aber es ist so!“ – „Wahrscheinlich ist das so weil ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Und weil wir super zusammen passen!“ – „Ja Babe!“ textet O. „Es war absolutes Schiksal dass wir uns begegnet sind.

Bevor Du antworten kannst, schreibt O. weiter. „Ich weiß dass ich Dich oft sehr quäle!“ textet er. „Dabei hättest Du eigentlich nur Gutes verdient!!! Ich weiß dass Du gern kuschelst und es zärtlich magst! Aber ich WILL Dich schlecht behandeln!!“ – „Das ist schon ok“ antwortest Du. „Es ist wirklich einfach unglaublich was ich im sexuellen Bereich alles mit Dir machen kann!!!“ schreibt O. „Nicht nur dass Du mich hinten küßt und Dich anpissen läßt – ich könnte Dich auch schlagen, fesseln, Dir nen Gürtel um den Hals legen und dich damit würgen und hinter mir herziehen!!! Sogar anspucken könnte ich Dich!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du. „Ich kann das aber nur mit Dir. Mit jemand anderem ginge es nicht. Du hast eine so charmante Art all diese Dinge zu machen. Es ist nichts Abstossendes für mich daran – im Gegenteil! Alles was von Dir kommt ist für mich wunderschön und wertvoll!“ Eine Pause entsteht. Das fahle Licht im Raum hellt sich allmählich auf. Die ersten Vogelstimmen erklingen im Garten.

Du aber wirst, ungeachtet des bevorstehenden Tagesanbruchs, jählings von einer fast narkoleptischen Schlafattacke übermannt. Dein Kopf sinkt in den Nacken, das Handy gleitet Dir aus der Hand, unter Deinen flatternden Lidern gewahrst Du Wolkenfetzen, Lichtkegel und das bleiche Gesicht von O. Als sein Nachrichten-Ton Dich aus den Halluzinationen reisst, siehst Du, dass er einen beispiellosen Text verfasst hat. „Du bist schön und gebildet!“ schrieb er, während Du weggedämmert warst. „Bist Mutter eines Sohnes und hältst ein Haus in Schuss! Darum fand ich es so überraschend dass Du all diese Dinge mit Dir machen lässt!!! Ok, wenn Du so eine gammlige Tussi wärst … Aber Du bist auch total gepflegt und feinfühlig! Es ist einfach unfassbar was ich durch Dich erlebe!!! Und was so alles in mir selbst steckt!!! Du hast das in mir erweckt!!! Ich verdanke Dir die aufregendsten körperlichen Erlebnisse in meinem Leben!!!“ – „Ja?“ schreibst Du benommen. „Ich dachte Du hast all sowas schon immer gemacht!“

„Nein!!!“ antwortet O. mit einer Vehemenz, die durch das Handy zu Dir dringt. „Du bist die Erste die mich hinten leckt!! Die Erste die ich anpisse!!! Die Erste die sich dreckiger und strenger behandeln lässt!! Aber Du! Du hast das schon öfter mit anderen Männern gemacht, oder?“ – „Nein!“ antwortest jetzt Du. „Ich kann das nur mit Dir. Aber ich wollte schon als Mädchen immer Sklavin spielen, zusammen mit einem Freund!“ – „Du warst eben schon immer eine geile Sau!“ schreibt O. „Und jetzt erzähl mir wie oft Du Deinen Mann schon betrogen hast!!!“ – „Ich hatte wirklich nicht so viele Männer wie Du denkst!“ antwortest Du. „Bei den meisten hat es schon gereicht was sie Dummes erzählen und dann kam es gar nicht mehr zu einem Date. Du hingegen warst unvergleichlich in Deiner Art mich aufzureißen! Das war damals ein Moment den ich nie vergessen werde. Ich war sofort total hin und weg von Dir!“ – „Babe, ich bin absolut glücklich dass Du mich ein bisschen magst und mir mein Leben so versüsst!“ textet O.

„Ich versuche es so gut ich kann denn ich mag Dich mehr als nur ein bisschen!“ antwortest Du. „Für mich ist es eine Art Märchen was ich mit Dir erlebe. Ich kann manchmal gar nicht glauben dass es wahr ist!“ – „Da geht es mir wie Dir!“ textet O. „Es ist ein Märchen!“ – „Ein dunkles Märchen“ schreibst Du. „Oh ja, ein sehr dunkles!!!“ echot O. Du würdest gerne wissen, ob O. wirklich ahnt, welche archetypischen Feengeschichten er um sich herum lebt und inszeniert. Doch bevor Du ihn dazu etwas fragen kannst, schreibt er erneut. „Das Chatten mit Dir hat mich mal wieder total aufgeheizt! Und darum werde ich es mir jetzt schnell machen und dabei an Dich denken!“ – „Tu das mein geheimnisvoller Prinz“ antwortest Du. „Ich liebe es wenn Du in mich eindringst!“ – „Und ich liebe es wenn ich über Deinem Gesicht knie und Du mich hinten küsst! Ich dabei Deine Muschi und Deine Beine sehe! Und Du Dich selber streichelst und stöhnst!“ antwortet O. Dann fällt die Sonne ins Zimmer. Euer Nacht-Chat ist zu Ende.

Zwei Stunden später aber meldet O. sich nochmals bei Dir. „Welche Schuhgröße hast Du?“ fragt er. „39“ antwortest Du. „Ich habe jetzt Highheels für Dich ausgesucht!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Hab fünf Paar bestellt und bezahlt. Ich konnte nicht anders. Hier ist die Tracking-Nummer. Sie kommen zu Dir!!!“ Am 17.9.2015 bekommst Du spätnachmittags tatsächlich ein riesiges Paket. Es enthält Ankle-Boots mit Leopardenmuster und dunkelrotem Stiletto-Absatz. Plateau-Pumps aus schwarzem Lederimitat, mit Nieten auf der Sohle. 14mm hohe Brautschuhe, bezogen mit elfenbeinfarbigem Satin. Hochhakige Peeptoes aus schwarzem Netzstoff, mit Strassperlen am Rand. Und rosé-golden schimmernde Glitzerheels. „Aschenputtel war gestern“ denkst Du, während Du Seidenpapier und Kartonagen im Altpapiercontainer eines benachbarten Wohngebäudes entsorgst. Dann beginnst Du damit, das erste Paar Schuhe an Deinen nackten Füssen zu fotografieren. Und bist Dir sicher, dass eine vollkommen neue Zeitrechnung begonnen hat zwischen Dir und O.

O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordöstlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordöstlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit somnabuler Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde von Ärzten der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordöstlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.