The Buzz Cut (Pt. 2)

Sonntag, 2.9.2017: Lichtdurchflutet. Sonnig. Warm. Mit einem Hauch von frühherbstlicher Kühle in der Luft. Der perfekte Tag für eine lange Fahrradtour in eins der Seengebiete vor den Toren Deiner Stadt. Oder für ein Frühstück mit Freunden in einem veganen Café im Hipster-Quartier. Du könntest Deine Eltern besuchen. Mit ihnen zusammen Kaffeetrinken, auf der romantisch eingewachsenen Terasse oder im Garten, im Schatten einer der Stein-Figurinen, die Deine Mama so mag. Es gäbe viele Optionen an so einem Tag, für eine gesunde, sportliche Frau, die ein geklärtes Leben führt und nicht etwa durch die Parallelwelt einer erotischen Hörigkeitsbeziehung driftet, während ihr Mann und ihr Teenager-Sohn zusammen im Mittelmeer plantschen. So wie Du es leider immer noch tust. Und deshalb um 5.58h, während andere Menschen selig schlummern, vom schrillen Handyklingelton Deines „Meisters“ geweckt wirst.

„Guten Morgen meine Sklavin“ schreibt er und tippt einen Kussmund dazu. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Alles ok bei dir? Wie fühlst du dich?“ fragt er. Ungewohnt fürsorglich. Und, sehr erregt, wie es scheint. „Ja alles ok muss nur kurz wachwerden“ antwortest Du. „Schlaf ruhig weiter!“ schreibt Dein Meister gönnerhaft. „Ich melde mich später nochmal!“ – „Ok“ antwortest Du und lässt Dich erschöpft zurück in die Kissen sinken. „Bis später“ schreibt O. „Bis später“ antwortest Du und hoffst, während Du in wirre, frühmorgendliche Träume gleitest, dass das „Später“ viel, wirklich viel später sein wird. Oder vielleicht sogar nie, wie manch ein „Später“ in Deinen Chats mit O. ja häufig war. Du hoffst, ungeschoren davon zu kommen, an diesem so hell beginnenden Tag. Jedoch. Bereits um 6.44h piept Dein Handy erneut. „Ich schaue mir dauernd Deine Bilder an!“ schreibt O. „Ich hab gerade noch ganz intensiv geträumt“ antwortest Du. „Du kannst mir heute dienen“ schreibt O. „Ich hoffe du bist bereit?“

„Ja das bin ich“ antwortest Du. „Sicher?“ schreibt O. „Ja. Sicher.“ antwortest Du. „Ich möchte dir heute deine Haare rasieren“ schreibt O. „Und ich freue mich unglaublich darauf dich nackt zu fesseln. Der Langhaarschneider ist startklar?“ – „Ja“ antwortest Du. „Und die anderen Sachen? Gummis, Hundeleine, Sitzhocker fürs Bad auch?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du wieder. „Perfekt“ schreibt O. „Ich würde jetzt dann bald kommen. Ich dusche noch und dann fahre ich bald los, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und kämpfst Dich mühsam aus verdrehter Lage in den Kissen hoch. „Würdest du bitte in dem schwarzen Netztop mit dem passenden Höschen und schwarzen Highheels die Tür öffnen wenn ich da bin? schreibt O. „Du meinst das bauchfreie mit den überlangen Ärmeln?“ fragst Du zurück. „Genau“ schreibt O. „Das wo deine Hände vollständig bedeckt sind und nur der Mittelfinger durch eine Schlaufe durchgeht!“ – „Alles klar. Kein Problem“ antwortest Du. „Danke Ursula. Ich liebe dich sehr sehr stark!“ schreibt O.

Viel Zeit bleibt Dir also nicht, um wachzuwerden und Dich auf die ganz speziellen Herausforderungen des anbrechenden Tages vorzubereiten, der für andere Menschen einfach nur ein ganz normaler Sonntag ist. Sonnig. Ruhig. Ein bisschen langweilig vielleicht. Oder mit unliebsamen familiären Verpflichtungen verbunden. Jedoch keineswegs mit ähnlich surrealem Stress wie der, unter dem Du seit den frühen Morgenstunden stehst. Ungläubig gewahrst Du, dass heute, genau heute, die Stunde der Wahrheit gekommen sein soll, in der sie Wirklichkeit werden, die Fetisch-Fantasien, mit denen Du schon so oft eines schönen Morgens überfallen wurdest. Der Ernstfall. Tag X. Im Lichte des schockhaften Begreifens schaffst Du es nur mit knapper Not, Deinen labilen Kreislauf unter der Dusche zu stabilisieren und danach in das von O. gewünschte Outfit zu schlüpfen, ohne Dich allzusehr im Netzstrukturgarn des bauchfreien Langarm-Top zu verheddern. An Make-up ist nicht zu denken. Deine Finger zittern zu sehr.

Und auch Dein geliebtes Early-Morning-Tea-Ritual gestaltet sich viel schwieriger als sonst. Halbnackt. In Highheels an der Küchenzeile lehnend, musst Du energisch deine Knie durchdrücken und die Teetasse fest mit beiden Händen umklammert zum Mund führen, um die neuromuskulären Stressreaktionen Deines Körpers einigermassen zu kontrollieren. Dennoch kleckerst Du ein wenig heisse Flüssigkeit auf Deine nackten Oberschenkel. „Aua!“ fauchst Du, wütend auf Dich selbst. Da macht O. sich bereits geräuschvoll an Deiner fussbreit offenstehenden Haustür bemerkbar. „Baby! Heute bist du ja die absolute Bitch!“ stösst er hervor, als Du ihm auf wackligen Beinen entgegen gewankt kommst. „Findest du?“ fragst Du ungläubig. „Ja“ antwortet O. und lässt seine Blicke immer wieder über deinen Körper schweifen. Flackernder. Hungriger. Gieriger als jemals zuvor- „Wollen wir nach oben gehen?“ fragst Du schüchtern um die für solche Situationen unübliche Stille zwischen Dir und O. zu überbrücken. „Ja Bitch“ antwortet er.

Im Schlafzimmer, wo Du die Rollos heruntergelassen und einen anthrazitfarbigen Leinenüberwurf auf dem Bett ausgebreitet hast, ist zunächst alles so wie immer, zwischen Dir und O. Schnell. hart. Schmerzhaft. Achtlos vom Körper gestreifte und auf dem Fussboden verteilte Kleidung. Risse im Netz-Top. Kratz- und Biss-Spuren. Halblaut hervorgestossene Schimpfworte. „Bitch“. „Absolute Bitch“. Das ist das, was O. an diesem Tag immer wieder zu Dir sagt. Und trotzdem ist in all dem etwas sehr anders als bei Deinen sonstigen Zusammenkünften mit O. Er nimmt Dich von vorne, quer über Deiner Seite des Bettes liegend, das Du mit Deinem Mann teilst. Und während er in Dich eindringt, mit den für ihn typischen Stössen, mit denen er schon so viele Frauen genommen hat, nimmt, und noch nehmen wird, und während Du austerngleich Deine hochgeklappten Beine erst um seine Schultern legst und dann hinter seinem Nacken verschränkst um ihn näher an Dich heran und tiefer in Dich hineinzuziehen, denkst Du:

„ICH KENNE IHN“. Du weisst plötzlich, dass es nichts gibt was Euch trennt, Dich und O. Du weisst, dass er Dir nichts wirklich Schlimmes antun wird. Du weisst, dass er das, was Du ihm gibst, genausowenig von einer anderen Frau bekommen wird, wie Du jemals etwas Vergleichbares von einem anderen Mann. Du weisst, dass es einzigartig und NICHT austauschbar ist, was Ihr, bei aller vordergründigen Kühle und Distanz miteinander erlebt. Du weisst und spürst, während er Dich auf Deinem Ehebett nimmt, dass tatsächlich ein „Miteinander“, ein „Zusammen“, ein „Uns“ von Euch beiden existiert, so fragil es auch scheinen mag. Du weisst, dass er weiss, dass Du weisst. Du weisst plötzlich alles, bezüglich Dir und O. Für einen kurzen, luziden Moment des Verstehens gibt es keine Fragen mehr. Und deshalb fühlt es sich keineswegs kaputt oder verboten, unnormal oder unmoralisch an, was Ihr auf dem Ehebett in deinem Haus am 2.9.2017 miteinander tut. Ihr seid nur einfach ein Paar, das sich liebt. Ganz traditionell.

Dann aber kommt der Moment, in dem O. innehält in seinem scheinbar selbstvergessenen Tun und über Dir kniend auf Dich herabsieht. Sagen muss er nichts. Du weisst auch ohne Befehl, dass Du Dich nun unter ihm herauswinden, den Langhaarschneider auf Deiner Kommode vom Ladegerät nehmen und vor O. her ins Badezimmer gehen musst. Du weisst, dass Du Dich dort auf den himmelblauen Hartplastik-Hocker setzen, O. stumm die Haarschneidemaschine reichen und ihm Deinen Nacken darbieten musst. Du weisst sowieso einfach alles, an diesem einen ganz besonderen Tag. Trotzdem erschauerst Du ein wenig, als O. mit seinen Fingerspitzen prüfend über die Haare auf Deinem Hinterkopf fährt. Längs. Quer. Kreisförmig. Immer wieder. Als würde er die Energie von jedem kleinen Härchen fühlen und aufnehmen wollen. Für eine kurze, eigenartige Sekunde legt er seine Hand über deine Stirn und drückt deinen Kopf nach hinten, gegen seine nackte Bauchdecke, so dass Du seine Atmung spürst. Dann stellt er den Motor des Rasiergeräts an.

Das Vibrieren der Haarschneidemaschine, die O. langsam, fast andachtsvoll durch deine Haare gleiten lässt, erzeugt ein klopfendes Geräusch auf Deiner Schädeldecke. Es surrt, es puckert, es brummt, während O. das Gerät immer wieder über deine Kopfhaut führt und dabei leise auf Dich einspricht. „Warte da muss ich nochmal drüber“ sagt er. „Da hast du aber nen krassen Wirbel“. „Jetzt schaust du schon richtig flott aus!“ Ganz so, als ob er Dich beruhigen wollen würde. Jedenfalls geht er sehr sorgfältig mit Dir um. Er bemüht sich, Dir nicht unnötig weh zu tun. Er entschuldigt sich, wenn es ziept. Und er pustet sehr, wirklich sehr sanft die herabfallenden Härchen von Deinen Schultern, Deinem Nacken, Deinen Ohren. Man könnte fast denken, dass O. es geniesst, sich Dir und Deinem Körper auf diese Weise zuzuwenden. Und dass es seine Art ist, „Liebe“ zu zeigen und so etwas Ähnliches wie Verehrung auszudrücken. Nicht Dir als Person gegenüber, natürlich. Aber dem Objekt das Du für ihn bist. Dem schon.

Lange, sehr lange nachdem O. die Klinge des Haartrimmers zum ersten Mal angesetzt, zunächst von den Schläfen her einen Iro geschnitten und dann Dich vollkommen kahl geschoren hat, hält er inne und atmet hörbar aus. „Geil schaust du aus“ sagt er und dreht Deinen Kopf mit einem Zangengriff von oben hin und her. „Wirklich wunderschön!“ – „Wenn du meinst“ antwortest Du und blickst mit zurückgelegtem Kopf im Sitzen zu ihm hoch. „Du musst jetzt duschen, Baby“ sagt O. „Komm her. Ich helf dir ein bisschen!“ – „Danke“ antwortest Du und gewahrst ungläubig, dass O. Dich sanft und ehrfurchtsvoll zur Duschkabine geleitet, so als ob Du ein ganz besonders schützenswertes, zerbrechliches Wesen wärst. Und nicht nur das. Nackt wie er ist, schiebt er sich hinter Dir in den Regenspind. Zieht die Glastüre zu. Stellt die Dusche an. Nimmt, während das warme Wasser auf Euch herabrinnt, dein Gesicht in beide Hände. Schaut Dir in die Augen. Bis auf den Grund Deiner aufgewühlten Seele. Und küsst Dich.

Lang, intensiv, voller Leidenschaft. Mit vollkommen unverwandtem Blick. So küsst Dich O. an diesem einen, ganz besonderen Tag. „Da werden wir unseren Enkelkindern noch davon erzählen von dem was wir heute erleben“ stammelst Du zwischen zwei Knutschern. „Oh ja Baby“ antwortet O. Dann greift er nach dem Duschgel in der Wandvertiefung neben der Brausearmatur, lässt etwas davon auf Deinen frisch rasierten Schädel tropfen und seift Dich von oben bis unten ein. Viel, viel gründlicher als eigentlich nötig wäre. Denn direkt schmutzig bist Du ja nicht. Und die Härchen, die auf Deinem und seinem Körper von der Rasur zurückblieben, sind längst weggespült. O. aber lässt seine glatten, eingeschäumten Hände wieder und wieder über Deinen Körper gleiten und berührt Deinen Hals, deine Schultern, Deinen Bauch und Deinen Po so, als ob er nie wieder etwas anderes anfassen wollte. Am Ende kniet O. auf dem Boden der Duschwanne und wäscht Deine Oberschenkel, deine Waden und Knie. Und sieht sehr, sehr glücklich dabei aus.

„ER LIEBT MICH“ denkst Du, während O. Dich nach dem Duschbad in ein grosses Handtuch hüllt und ins Schlafzimmer zurück eskortiert. Nass, nackt, kahlgeschoren und vollkommen ungeschminkt wie Du bist, lässt Du Dich dort auf Deinem Bett ein zweites Mal von ihm nehmen. Und machst den Rim-Job für ihn, als gäbe es kein Morgen. Und ein Morgen gibt es auch nicht, nach einem solchen Tag. Nur ein Davor und ein Danach und selbst das ist vollkommen ungewiss. Deshalb bleibst Du, nach diesem doch sehr besonderen Liebesakt, einfach in Deinen Kissen liegen und betastetst Deinen haarlosen Kopf, während O. rasch seine rings ums Bett verteilten Kleider aufsammelt und sich anschickt, nun eilig von dannen zu kommen. Plötzlich wieder ganz wie immer. „Jetzt hast du halt noch ein bisschen Putzarbeit vor dir“ sagt er, nachdem er in sein schwarz-weiss gestreiftes Langarmshirt geschlüpft ist und den Gürtel seiner beigen Bermudas zugezogen hat. „Das schaffe ich schon“ antwortest Du, blickst zur Zimmerdecke und lächelst …

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.