Arcades

Bilder von O.s milchig weissem Erbgutgemisch bekommst Du im Laufe der Jahre noch viele. Nicht nur als Rinnsal im Handwaschbecken begegnet es Dir, sondern auch als Abspritzer auf dem Schiffsbodenparkett in O.s Zimmer, als rahmiger Fleck auf seinem grellroten Bettlaken, als cremige Ansammlung in Zellstofftüchern oder in O.s Handinnenfläche, wo es wie Duschgel oder Haarshampoo aussieht. An guten Tagen textet er etwas dazu: „Für dich“, etwa. „Ergebnis deiner Fotos“. Oder „Geile Drecksau“. An weniger guten Tagen erscheinen die Bilder einfach nur so auf Deinem Handy. Kommentarlos. Erratisch. Und werfen die peinvolle Frage auf, in welchem Sex-Chat, für wen, unter Zuhilfenahme von wessen Selfies sie wohl entstanden sein mögen. Wie oft O. während eines langen Tages zum Mittel der Handentspannung greift, kannst Du nur vermuten. Genauso, wie gross die Phalanx der Frauen, die hilfreich mit virtuellen Stimuli bereitstehen, wohl sein mag. Die Phalanx grell geschminkter Damen sehr, sehr reifen Alters …

Dass O. einen Fetisch hat mit stylischen Ü-60-Frauen von aggressiver, kosmetisch stark betonter Attraktivität kommt erst spät in Deinem Bewußtsein an. Lange Zeit siehst Du in jungen, hübschen, sportlichen Frauen Deine grösste Konkurrenz. Und glaubst, jemand wie die „alte Lady“ sei ein Ausreisser, ein bizarrer Solitär im Harem von O. Erst nach Jahren, nach vielen weiteren irregeleiteten Bildern und schwierigen Chats wird Dir klar: grelles Make-up auf altersreifer Haut, krallige, rot lackierte Fingernägel an üppig beringten, braun gefleckten Händen und erotische Dessous an erschlaffenden, mageren Körpern in irgendeiner gesichtslosen Hochhauswohnung sind der eigentliche Mega-Kick für O. Und DU selbst, gerade mal fünf Jahre älter als O., mit Deinen immer noch braunen Haaren, Deinen Jeans, Deinen Tattoos, Deinem Teenager-Sohn und Deinem Herzen voller Zuneigung bist der wahre Sonderfall, die Abweichung vom erotischen Beuteschema, die Ausnahme von der Regel für O. …

Im Herbst 2015 beginnt jedoch erstmal Dein Aufstieg zur absoluten Selfie-Königin von O. Unaufhaltsam. Kometengleich. Während O. seine Freundin zu Arztterminen und Therapien begleitet, posierst Du in den ruhigen Vormittagsstunden fast täglich im Schlafzimmer auf dem Bett für immer neue Bilder. Du lernst, Dich als Trägerin der Highheels die Du von O. bekamst, Tag für Tag neu und anders zu inszenieren. Jeansmädchen. Fetisch-Lady. Bordsteinschwalbe. Anything goes. Jede Schluppenbluse, jedes Glitzertop aus Deinem Kleiderschrank verwandelt sich. Jede Blackjeans, jeder Rollkragenpulli besitzt plötzlich erotisches Potential. Du entdeckst Deine gesamte Garderobe neu, in der faszinierenden Symbiose, die sie eingeht mit den Nuttenschuhen von O. Und Dich selbst mit dazu. Als intuitive Wunscherfüllerin, als perfekter Spiegel erotischer Fantasien, als Liebesdienerin mit Selfie-Stick. Es ist eine dunkle, aufregende, traurigschöne Zeit. Und was in ihr beginnt ist suchterzeugend. Für Dich. UND AUCH für O.

Irgendwann, in einem der vielen nächtlichen Chats jener Zeit entwickelt O. eine neue verstörende Sex-Phantasie. „Ich werde dich bei unserem nächsten Treffen mal richtig demütigen!“ schreibt er. „Ich möchte Dir eine Glatze rasieren!“ – „Warum das?“ fragst Du aufgeschreckt. „Weil Du damit garantiert geil aussiehst!!!“ antwortet O. „Machst du mit wenn ich es dir befehle?“ – „Seit wann träumst Du DAVON?“ fragst Du zurück. „Gerade eben!“ antwortet O. „Also? Vergiss nicht das du versprochen hast meine Sklavin zu sein!“ – „Und wie soll ich das meinem Umfeld erklären?“ fragst Du. „Das ist dein Problem!“ antwortet O. Du überlegst. Versuchst Dir vorzustellen wie Dein Mann und Dein Sohn es aufnehmen würden, wenn Du kahlgeschoren vor ihnen stehst. Der Gedanke, sie zu schockieren, tut weh. Jedoch. Ein anderes Gefühl in Dir ist stärker. Viel stärker. Die Sehnsucht danach, intensiv berührt zu werden von O. Und sei es auf diese prekäre, kaputte Art. „Ja. Ich mach mit“ schreibst Du. „Geil“ antwortet O.

Die Wochen vergehen. Ein Indianersommer von epischer Schönheit nimmt seinen Lauf. Lichtdurchflutet, warm, bis weit in den November hinein. Gerne würdest Du O. einfach so, irgendwo, im Freien mal treffen. Nur ganz kurz. Um ihm in die Augen zu schauen. Seine Lippen und Hände zu spüren. Ihm leicht mit zwei Fingerspitzen über die Wange zu streichen und zu fühlen, wann er sich zuletzt rasiert hat. Um seine Stimme zu hören. Den Duft seines Eau de Toilette einzuatmen. Um mit ihm zusammen auf einer Parkbank zu sitzen während das Herbstlaub auf Euch herabfällt. Und ihn zu fragen wie es ihm geht, inmitten des Krebsdramas seiner Freundin. Du möchtest ihm zeigen, dass Du für ihn da bist. Und Dich davon überzeugen, dass es ihn immer noch gibt. Aber O. lässt derartige Begegnungen nicht zu. „Heute nicht“ antwortet er, wenn Du ihn fragst. „Heute möchte ich mal so richtig meine Ruhe haben. Aber bald besuch ich dich und fick dich so richtig durch!!! Ich weiss das du das brauchst!!! Und ich brauche es auch!!!“

Leider ist O.s „bald“ etwas völlig anderes als Deines. Unverbindlich, fluktuierend, relativ, so wie all sein Erleben, Denken und Tun. „Bald“ in der Sprache von O. heißt bestenfalls „irgendwann“. Eigentlich eher „vielleicht“, „eines fernen Tages, unter magischen Gestirnen“. Jedenfalls nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „nächste Woche“. Und da Kohärenzstiftung ganz allgemein in O.s Reich der Unwägbarkeiten keinen Ort hat, kommen auch Informationen über die Therapiesituation von seiner Freundin nur bruchstückhaft und folgewidrig bei Dir an. Vieles musst Du Dir selbst zusammenreimen. Dass die ambulante Chemotherapie jede Woche Dienstags durchgeführt wird, beispielsweise. Mit Anderem, wie etwa unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalten, kurzfristig notwendigen Bluttransfusionen, Behandlungskomplikationen und durchwachten Nächten wirst Du schockartig konfrotiert. Und genau dadurch von O.s frei flottierenden Emotionen überrollt. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit. Tag für Tag.

Am 4.11.2015 schickt O. Dir zur Mittagszeit zwei Selfies von morbider, quälend schöner Traurigkeit. Dir bricht fast das Herz, als Du ihn vor dem Arkadengebäude eines der verwunschenen alten Friedhöfe Eurer Stadt stehen siehst, in eine dunkelblaue Edeldaunenjacke gehüllt über der sein Gesicht mit den schwarz umrandeten Augen noch zerbrechlicher und bleicher wirkt als sonst. „Ein Kuss von mir“ schreibt er dazu. „Danke Liebster!“ antwortest Du. „Wo ist das denn?“ – „Alter Friedhof am Schlosspark“ antwortet O. „Lolo hatte heute Chemo. In der Zeit gehe ich da immer spazieren“ – „Ach so“ antwortest Du. Bevor Du Deine Betroffenheit in weitere Worte fassen kannst, schickt O. Dir einen Text, der sich als weitergeleitete Whatsapp-Nachricht von seiner Freundin erweist. „Bin in 2,5 Std fertig“ heisst es da. „Port funktioniert nicht mehr. Muß es über Hand bekommen. Und am Freitag bekomm ich Blut Transfusion und Port Überprüfung. Alles Mist“ – „Die Ärmste“ schreibst Du. „Es geht mir nahe mit ihr!!!“

„Momentan läuft es sehr sehr schlecht für sie!!!!“ schreibt O. „Vielleicht muss sie nochmal an dem Port – da wird die Chemo angesteckt – operiert werden!!!!“ – „Also neuen Port reingemacht kriegen?“ fragst Du. „Der Port hat sich verschoben!!!“ antwortet O. „Er muss wieder in die richtige Position gebracht werden!!!! Wir wissen noch nicht wie das aussehen wird! Morgen ist der Termin dafür. Auf jeden Fall läuft es grad super schlecht!!!!“ – „Das tut mir sehr sehr leid“ antwortest Du. „Ich würde so gerne irgendetwas tun um Dir zu helfen!!“ – „Dass du mir immer neue Bilder schickst tut mir total gut!!!“ schreibt O. „Dann mache ich bald wieder welche für Dich!!!“ antwortest Du. „Ja bitte!!!!“ schreibt O. Noch am Nachmittag des gleichen Tages liegst Du mit Deinem Handy im Schlafzimmer auf dem Bett und machst Deine bisher besten, schönsten, sehnsuchtsvollsten Bilder für O. In roten Schuhen, weissen Strümpfen und einem korallenroten Satin-Trägertop. Tiefnachts schickst Du sie ihm, mit vielen vielen Küssen. Antwort? Fehlanzeige.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

French Can-Can

Dienstag, 9.9.2014 7h30. Sms von O. Er will Dich sehen, heute. „Das Haus ist frei ab Mittag“ schreibt er und dass Du schwarze halterlose Strümpfe und Stiefeletten unter Deinem weiten Sommerkleid anhaben und  Frischhaltefolie mitbringen sollst. „Werde Dich wo anbinden und Dir leicht wehtun!!!“ schreibt er. „Ich bin bereits verletzt!“ antwortest Du und schilderst Deinen Sturz vom Fahrrad. „Das ist mir egal!!“ kommt es zurück. „Du hast gesagt dass ich mit Dir machen darf was ich will und genau das werde ich tun!!!“ Drei Stunden später. Das Date wankt. „Hoffentlich klappt es heute noch!!!!“ schreibt O. „In dem Haus ist ein Handwerker und der braucht länger als gedacht!!!“ – „Ich übe jetzt Klavier mit meinem Sohn“ schreibst Du. „Sag einfach bescheid wenn ich kommen soll!“ Du atmest durch. „O. at his best“, denkst Du. Unfassbar. Undurchschaubar. Unberechenbar. Das Ende des Tages völlig ungewiss. Du setztst Dich zu Deinem Sohn und beobachtest wie seine kräftigen, sommerbraunen Kinderhände über die Tasten des E-Pianos wandern. Es hat immer etwas Heilendes und Tröstliches für Dich, ihm beim Spielen zuzuhören. Gerade als er mit den Fingerübungen fertig ist, piept erneut Dein Handy. „Es ist jetzt doch ganz schnell gegangen!“ schreibt O. „Komm sofort zur Parkbank und schreib mir wenn Du da bist! Ich hole Dich dann ab!!“ 13h10. Beim Treffpunkt. Deine geschürften Knie schmerzen unter den eng anliegenden halterlosen Strümpfen. O. kommt Dir zu Fuss entgegen, ausgezehrt wirkend, bleich. Zur Begrüßung musst Du kurz den wadenlangen Rock von Deinem Kleid hochheben, so dass O. den Spitzensaum der Strümpfe sehen kann. Dann greift er nach Deinem Handgelenk, dreht es Dir grob auf den Rücken und führt Dich wortlos neben sich her. Zum Glück ist es kein weiter Weg. Rasch seid Ihr bei dem Haus mit der weissen Fassade und dem dunkelroten Garagenanbau. Ein Daumendruck auf den elektronischen Schlüssel. Das Tor hebt sich. Ihr tretet ein. „Geh schnell nach oben in das Zimmer wo die Türe offen steht“ sagt O. mit leiser Stimme. „Und pass auf mit Deinem Kleid. Das Geländer ist frisch gestrichen!“ Im ersten Stockwerk betrittst Du ein kleines Zimmer mit einem sehr schmalen, vertikal verlaufenden Fenster. „Schießscharte“ denkst Du. In einer Ecke ein grosser, bunter Haufen von Stofftieren und Puppen. Mittig ein signalrotes Ecksofa mit verchromtem Gestell. Abgedeckt mit einem weissen Leintuch. Genauer umschauen kannst Du Dich nicht, denn, lautlos wie ein Schatten ist O. Dir gefolgt. Jetzt versetzt er Dir von hinten einen heftigen Stoß. Wirft sich direkt zu Dir auf das Sofa. Schiebt Dein Kleid hoch. Presst sein Knie hart gegen den Bluterguss auf Deinem Oberschenkel. „So, Du Schlampe, jetzt sagst Du mir erst mal die Wahrheit wo Du die Verletzung her hast!!“ Er öffnet den Reißverschluss von seiner Sommerhose. „Mit wem hast Du es gemacht?“ Bevor Du antworten kannst presst er seine grosse Hand auf Deinen Mund und nimmt Dich mit sehr harten Stößen. Du spürst die Krümmung von seinem Schwanz heute deutlicher als bisher. „Du bist so grausam!!“ flüsterst Du als Du wieder zu Atem kommst. „Sei still und leck mein Arschloch!!“ antwortet O. und sucht nach der Frischhaltefolie in Deiner Tasche. Blitzschnell fixiert er Deine Handgelenke an der Chromstange oberhalb Deines Kopfes. Dann setzt er sich über Dein Gesicht und beginnt es sich selbst zu machen während Du ihn küsst. Kurz vor dem Höhepunkt streicht er sanft mit einer Fingerspitze über die Heftpflaster auf Deinen Knien, die sich durch das Nylonschwarz der Strümpfe abzeichnen. Dann spritzt er unter geschmerzt klingendem Stöhnen auf Deinen Bauch. Er hilft Dir aus den Fesseln frei zu kommen. Reicht Dir ein Kleenex. Zieht sich an, geht hinaus, während Du mit gesenktem Kopf Deine Sachen zusammensuchst. Steht mit bereit gehaltenem Schlüssel an der Verbindungstür zur Garage als Du die Treppe herunter kommst. „Danke dass Du da warst, Kleine“ sagt er. „Ich glaub Du findest allein zurück. Geh schnell bevor noch jemand kommt!“ – „Gern“ antwortest Du und suchst seinen Blick zum Abschied. Doch O. hat sich bereits abgewendet. Als Du nach Hause kommst, spielt Dein Sohn gerade die letzten Takte des French Can-Can von Jacques Offenbach. „Wo warst Du Mama? Du schaust traurig aus!“ sagt er. „Nirgends“ antwortest Du.

Mittwoch, 10.9.2014. 7h30. Du erwachst mit Nackenschmerzen und einem bedrückenden Gefühl des vollkommenen Verlassenseins. Du wünschst Dir inständig eine Guten-Morgen-Sms von O. Inständig. Aber Dein Handy bleibt stumm und leer als Du es einschaltest. Also schreibst DU IHM die liebevolle Sms, die Du selber gern bekämst. Ohne Antwort. Ohne Echo. Der Vormittag vergeht. Das Verlorenheitsgefühl wird übermächtig. Du verlierst die Nerven. „Du kaltes Arschloch! Warum machst Du das mit mir?“ textest Du. „Auf DIE Art wirst Du mich verlieren, das muss Dir klar sein!“ O. reagiert sofort. „Sag mal spinnst Du?“ schreibt er. „Ich muss arbeiten und kann nicht immer schreiben!!! Deine Vorwürfe sind echt das Allerletzte!!!!“ Den Rest des Tages verbringst Du damit, schuld- und schambeladene „Verzeih-mir“-Sms in Dein Handy zu tippen. Sie verhallen. Und spät Abends schreibt O.: „Bitte lass mich in Ruhe!!! Für immer!!!“

Freitag, 12.9.2014. 10h. Du klagst Dein Leid Deinem Freund, dem Suchtberater. „Solche Totalabstürze wirst Du mit ihm noch viele erleben!“ schreibt er. „O. ist eine Alles-oder-Nichts-Persönlichkeit! Google mal emotionale Instabilität. Der Wikipedia-Artikel zu dem Thema ist sehr gut.“ – „Glaubst Du dass ich ihn wiedersehen werde?“ fragst Du. „Oh, ganz sicher!“ schreibt Dein Freund. „Im Moment will er Dich bestrafen. Aber den wirst Du noch öfter wiedersehen als Dir lieb ist!“

Samstag, 13.9.2014. Regen. Spät Abends fährst Du mit dem Rad zu der Parkbank bei der O. Dich zweimal abgeholt hat. Hockst mit angezogenen Beinen da, drehst und wendest Dein Smartphone in den klammen Fingern. Bist kurz davor ihm zu schreiben. Lässt es. Weinst. Frierst. Fährst nach Hause.

Sonntag, 14.9.2014 Dein Sommerkleid. Ärmellos. Figurumspielend. Mit Blumendruck in Delfter Blau. Am vergangenen Dienstag hast Du es überhastet ausgezogen und einfach in den Schrank gehängt, nachdem Du vom Treffen mit O. zurück warst. Nun holst Du es heraus. Vergräbst Dein Gesicht in den Volants aus Baumwollstoff. Es duftet so intensiv nach dem Eau de Toilette von O. dass es Dir fast körperlich weh tut. Nach Männlichkeit und Luxus riecht es. Nach Sehnsucht. Nach Begehren. Nach Stress. Nach Angst. Nach tiefer Traurigkeit. Und: Du glaubst wittern zu können, dass O. Dich immer noch will. Mehr noch: dass er Dich braucht. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich rieche Dich in meinem Kleid!“ O. antwortet direkt. „Was willst Du?“ fragt er. „Mit Dir in Verbindung sein!“ schreibst Du. „Auch Ficken?“ fragt O. „Doch, auch“ schreibst Du. „Gut, Schlampe!“ schreibt O. „Ich mach diese Woche einen Garten in der Innenstadt. Da kannst Du dann hinkommen und mir mein Arschloch lecken!“ – „Danke“ antwortest Du.

Montag, 15.9.2014. Wieder einmal darfst Du also aufatmen. Du bist zurück im Gespräch mit O. Hast Deine Verstoßung abgewendet. Die Gnade einer neuen Chance erwirkt. Natürlich wirst Du nun aus Deinen Fehlern lernen, denkst Du, während Du mit Deinem Rad durch die klare frühherbstliche Luft im Süden Deiner Stadt fährst. Du wirst es lernen, Deine eigenen Gefühle weniger wichtig zu nehmen und stattdessen die von O. zu respektieren. Du wirst ihn nicht mehr belästigen, vor allem nicht mehr nach einer erotischen Begegnung. Du wirst es lernen ihn in Ruhe zu lassen, ganz bestimmt. Du freust Dich jetzt sehr auf das Date im Garten in der Innenstadt, darauf, ihn bei seiner Arbeit zu beobachten und zu bewundern. Gerade als Du anfängst, Dir O.s Körper angeseilt in Klettergurten vorzustellen, piept Dein Handy. „Es klappt diese Woche nicht!“ schreibt O. „Die Kundschaft will dabei sein wenn ich den Garten mach!“ – „Ok“ schreibst Du. Die Luft ist nicht mehr ganz so klar als Du mit Deinem Rad nach Hause fährst.

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Literaturwissenschaftlerin