Lady in White (Grand Hoover Nmbr. 1)

Am Morgen des 11. Mai 2015 ist irgendetwas anders als an all jenen vielen Tagen seitdem O. Dich verstieß. Das Licht der Sonne dringt heller ins Zimmer. Die Vögel trillern lauter im Garten. Das Mühlsteingefühl auf Deiner Brust beim Aufwachen erscheint nicht mehr ganz so schwer. Auch Deine allmorgendliche Angst das Handy und mit ihm O.s Schweigen, O.s Verachtung, O.s Abwendung von Dir einzuschalten ist etwas weniger lähmend als sonst. Du wirst heute Dein zartrosa Empire-Top mit der Rückenschleife aus Rips zum Fahrradfahren anziehen, denkst Du und wunderst Dich als Du aufs Handy schaust: Auf dem Display erscheint ein ungewohnter, grün fluoreszierender Querbalken. Mit einer magischen Botschaft: Unbeantworteter Anruf 5.18h. Dein Herzschlag setzt aus, für einige Sekunden. Es kann niemand anderer gewesen sein als O., zu dessen irrlichterndem Lebensstil es paßt, Dich mal eben in der Morgenfrühe wachzuläuten. Aber wenn nicht? Du hast Angst nachzusehen. Und tust es doch. Bingo. Der Call kam von O.

In der Küche nimmst Du Dir zehn Minuten Zeit um Tee zu kochen und nachzudenken. Gemäß der No-Contact-Regel dürftest Du O.s Anruf keinesfalls beantworten. Stattdessen müßtest Du jetzt Dein Handy sofort dauerhaft für alles was von O. kommt sperren. Du versuchst Dir klarzumachen daß O.s Kontaktaufnahme nichts weiter ist als das Bemühen Dich, gerade jetzt wo Du ein wenig auflebst, erneut unter Kontrolle zu bekommen. Für neue Enttäuschungen. Neuen Schmerz. Und dennoch. Die Euphorie die Dich erfüllt, sie ist mit nichts vergleichbar. Es ist als ob eine stillgestandene Uhr in Deinem Inneren auf einmal wieder anspringt. Der Rückwärtslauf der Zeit ist aufgehoben. Du bist zurück im Leben. Um 8Uhr18 atmest Du deshalb durch, nimmst Dein Handy und schreibst: „War es was Wichtiges wegen dem Du heute angerufen hast?“ – „Wollte nur wissen ob Du meine Hilfe bei der Hecke noch brauchst!!!“ antwortet O. nach drei Minuten. „Ja!“ schreibst Du zurück. Und damit beginnt das Spiel zwischen O. und Dir wieder von vorn.

„Kostenlos kann ich diese Arbeit aber nicht machen!!!“schreibt O. während Du am Küchentisch in Deiner Teetasse rührst. „Ich bezahle natürlich was Du verlangst!“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. Eine Pause entsteht. Du versuchst nicht nervös zu werden. Nippst am Tee. „Ich bin Dir sehr dankbar wenn Du mir hilfst“ willst Du gerade tippen. Da kommt O. Dir zuvor. „Hast viel gefickt?“ schreibt er. „Nein“ antwortest Du wahrheitsgemäß. „Willst mal wieder?“ fragt O. „Doch“ antwortest Du, fassungslos über Dich selbst. Denn eigentlich hattest Du ja vor, O. zappeln, flehen und um Gnade winseln zu lassen, sollte er jemals versuchen Dich zu sich zurück zu holen. Stolz und kalt hattest Du sein wollen, genau so wie er selbst es immer war. Und nun schreibst Du einfach „Doch“ auf die Frage ob er es mal wieder mit Dir machen soll. Und schiebst sogar noch „Gerne“ hinterher. Du bist anscheinend nicht zu retten. Auch viele Fragen hättest Du ihm stellen wollen. Aber sie sind alle vollkommen unwichtig geworden.

„Willst Du überhaupt noch Kontakt zu mir haben?“ schreibt O. unvermutet. „Doch“ tippst Du wieder. „Wenn ich keinen Kontakt zu Dir wollen würde hätte ich Dir nicht geantwortet“. – „Aber warum hast Du mich dann auf Whatsapp blockiert??!?“ schreibt O. „So halt“ antwortest Du hilflos. „Babe!!“ textet O. „Zum Beweis daß es Dir ernst ist mußt Du mich sofort entblocken und mir ein Bild von deinen Brüsten schicken!!! Ich will unbedingt Deine harten dunklen Nippeln sehen!!! Sonst kann ich Dir nicht verzeihen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und zerrst hektisch an Deinem T-Shirt. „Ich möchte dann aber auch mal ein Bild von Dir!“ – „Das bekommst Du!!!“ schreibt O. „Sobald Du mich auf Whatsapp freigibst schick ich Dir ein Bild von meinem Schwanz!!!“ – „Ich will auch eins von Deinen Augen“ textest Du. „Das geht jetzt wirklich nicht Babe!!!“ schreibt O. „Ich habe noch nicht geduscht und möchte Dir gerade nicht meine verschlafenen Augen als Foto senden!! Bitte beeil Dich. Mach Bilder. Und geh zurück auf Whatsapp!!!“

Nachdem Du O. auf Whatsapp freigegeben hast um ihm die Gegenlicht-Aufnahmen von Deiner Brust zu schicken die Du rasch im Badezimmer gemacht hast, ist im Chatfenster bereits ein Bild im Bokeh-Modus zu erkennen. Als Du darauftippst um es zu öffnen erkennst Du, daß O. sein Versprechen wahr gemacht hat: vor dem Hintergrund des mit halbleergetrunkenen Smoothie-Flaschen beladenen Couchtischs aus Chrom hat er IHN fotografiert: schräg zwischen seinen hellen, weit geöffneten Schenkeln aufragend, sanft durchblutet, unschuldsvoll und dennoch bedrohlich in seinem reinen phallischen So-Sein, herausfordernd, selbstsicher, alternativlos, unentrinnbar: O.s Allzweckwaffe, O.s Zweites Ich, O.s Bestes Stück. Il suo cazzo. Zum Anbeten. Zum Niederknien. „Dein Schwanz ist hammer- hammer- hammer-geil!“ schreibst Du ergriffen. „Und jetzt schick Du die Bilder!!!“ antwortet O. Du gehorchst. „Geil!!! Willst Dich auf mich setzen und Dir nen Orgasmus abholen?“ schreibt O. „Gern!“ antwortest Du. Hoover accomplished.

„Babe, ich möchte aber daß Du diesmal eine schwarze Strumpfhose ohne Slip drunter trägst wenn Du zu mir kommst!“ schreibt O. während Du im Bad stehst und Deine Haare kämmst. „Reißt Du mir sie dann wieder auf, so wie beim letzten Mal?“ fragst Du. „Ja, Babe“ antwortet O. „Und jetzt mach schnell bitte. Ich will Dich anfassen!“. Es gelingt Dir cool zu bleiben. Anders als bisher zittern heute Deine Finger nicht als Du die Nylonstrümpfe hochziehst und die Rückenschleife vom Empire-Top bindest. Und als Du bereit bist aus dem Haus zu gehen, gelingt es Dir sogar, mit ruhiger Hand ein Foto von Deiner Unterbauchregion zu machen auf der sich Dein Jugendstil-Tattoo durch den schwarzen Strumpfhosenstoff abzeichnet. „Bin startklar!“ schreibst Du und sendest es O. „Melde Dich wenn Du beim Park bist!!!! Ich öffne die Garage!“ antwortet er. Und dann sendet auch er noch ein Bild. Von sich selbst. Sehr verloren vor einer riesigen, weißen Schrankwand stehend. Irgendwo in seinem Haus. Es erschüttert Dich zutiefst.

„Oh danke. Das vergess ich Dir nie!“ tippst Du und merkst daß Deine Finger nun doch anfangen heftig zu zittern. O.s Anblick auf dem Bild geht Dir durch Mark und Bein. Wie ein todtrauriger Schuljunge dem jemand bitter unrecht tat. So steht er da in seinem dezent blau-gelb gemusterten Marken-Karohemd mit dem bis oben zugeknöpften Kragen. Einsam. Hochmütig. Vorwurfsvoll. Mit einem bitteren Zug um den verschlossenen Mund. Und dennoch: soo sexy mit dem Hauch eines Drei-Tage-Barts auf den bleichen Wangen. In Dir findet eine Kernschmelze statt. Du möchtest direkt zu O. hinrennen, Dich ihm zu Füßen werfen und so lange vor ihm liegen bleiben bis die Eis-Schicht die sein Herz umgibt geschmolzen ist. Egal wie lang es dauert. Aber Du weißt daß das nicht geht. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb atmest Du durch, schlüpfst in Deine Stiefeletten die Du lang nicht mehr getragen hast, nimmst Dein Handy und schreibst: „Bin startklar!“ – „Dann komm!“ antwortet O. „Ja“ schreibst Du und eilst nach draußen.

Auf der Strasse wirst Du von sommerlicher Wärme umfangen. Du weißt daß alles gut gehen wird, heute. Bereits um 10.15h kommst Du mit Deinem Fahrrad bei der Parkbank an und meldest Dich bei O. Drei Minuten später erreichst Du das Haus mit den vielen Bildern das im Schein der Frühlingssonne gar nicht SO kalt und furchteinflößend auf Dich wirkt wie bisher. Merkwürdig vertraut. Als ob Du es aus Fieberträumen Deiner Kindheit kennen würdest oder vor sehr langer Zeit schon einmal hier gelebt hättest. Du weißt etwas über seine Geheimnisse. Und bist selber Teil seiner Geschichte. Das gibt Dir ein Gefühl von Stärke als Du auf Deinem Fahrrad in den Schattenraum der Garage einpassierst. Deren großes, vollautomatisches Tor sich wie ein gieriger Schlund langsam vor Dir öffnet und gleich hinter Dir wieder schließt. Während O. im Rahmen der Verbindungstür zum Haus lehnt und von der dreistufigen Betontreppe herab dabei zusieht wie Du Dein Fahrrad neben dem  metallicbraunen SUV abstellst. Wie immer…

Als O. Dich im Flur seines Hauses mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßt und Dich mit stummen Gesten anweist, Jeans und Empire-Top auszuziehen und nur in Strumpfhose und Stiefeletten vor ihm her durchs Treppenhaus nach oben zu gehen, verlierst Du wieder einmal das Gefühl für Raum und Zeit. Somnanbul. Als hätte es weder eine zweimonatige Trennung noch die Erotik-Selfies anderer Frauen jemals zwischen Euch gegeben. So läßt Du Dich von O. herumführen und in eins der Zimmer im ersten Stock schubsen wo auch heute wieder irgendeine Liegefläche abgedeckt mit einem weißen Leintuch auf Dich wartet. Bevor er Dir gestattet Dich bäuchlings darauf fallen zu lassen legt O. von hinten seinen Arm um Deinen Hals und zieht Dich eng zu sich heran. „Hast viel gefickt? Darfst es ruhig sagen!“ zischt er Dir ins Ohr. „Nein“ antwortest Du. „Dreckige Lügnerin“ murmelt O. und stößt Dich aufs Bett. Du vergräbst Dein Gesicht in den Kissen unter dem Leintuch. Und hinter Dir zieht O. sich aus …

Es ereignet sich dann, während O. sich mit seiner großen Hand an Deiner Gesäßregion zu schaffen macht und die schwarze Nylonstrumpfhose zwischen Deinen Beinen aufreißt so daß Dein Po freiliegt, einmal mehr der Moment totaler Wehrlosigkeit. Gefolgt vom Moment der Erleichterung daß O. Dich auch heute NUR vaginal so hart stößt daß Dir kurzzeitig schwarz wird vor Augen. Der Moment der Dankbarkeit als Du Dich dann auf den Rücken drehen und kurz Luft holen darfst bevor O. sich über Dein Gesicht hockt um den Rim-Job zu bekommen. Der Moment von Verwirrung und vollkommener Verlassenheit, in dem O. mittendrin plötzlich aufsteht und in den Schrankfluchten des Nebenzimmers äonenlang etwas ganz Bestimmtes sucht, während Du in Deiner zerfetzten schwarzen Nylonstrumpfhose daliegst und versuchst das Aufeinanderschlagen Deiner Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Ein schneeweißes Anzughemd aus glattem, kühlem Stoff und eine Packung weißer halterloser Strümpfe bringt O. mit als er endlich zurück kommt. Und als Du hineinschlüpfst filmt er Dich …

„Das schaut supergeil aus Baby“ sagt O. während er mit einer Hand sein Smartphone über Deinem weiß gewandeten Körper hin und her bewegt und mit der anderen das Herrenhemd  noch ein wenig zurecht zupft. „So gefällst Du mir richtig gut!“ – “ Freut mich“ sagst Du und reckst ihm sehnsuchtsvoll Deine Hände aus den überlangen Hemdärmeln entgegen. „Kuscheln geht jetzt aber wirklich nicht, Baby“ sagt O. streng und legt sein Handy beiseite. „Aber zu Ende lecken darfst Du mich jetzt, ok?“ – „Ok“ sagst Du und räkelst Dich für ihn zurecht. Dann kommt der Moment in dem alles gut ist und es übernatürlich hell zu werden scheint im Raum. Der Moment in dem Du weißt daß Du auch heute wieder Deinen Rim-Job sehr gut gemacht hast weil Du O.s Eruption auf Dir fühlst. Und er sie wenig später sehr andachtsvoll von Deinem Bauch wischt. Mit einem besonders flauschigen Waschlappen den er extra dafür aus dem Gästebadezimmer nebenan geholt hat.

„Die Strümpfe kannst Du behalten“ sagt O. nachdem es alles vorbei ist. „Vielleicht magst ja zu Hause paar Fotos davon machen. Aber das Hemd das brauche ich noch!“ – „Klar“ sagst Du, ziehst es aus und faltest es sorgfältig zusammen bevor Du es ihm gibst. Dann nimmst Du Deine Stiefeletten in die Hand und gehst, barstrümpfig und nackt wie Du bist, hinter O. her durchs Treppenhaus hinunter, dahin wo Deine Jeans und Dein Empire-Top liegen. Als Du Dich fertig angezogen hast, steht O. etwas entfernt unter einem großen, in Öl gemalten Fantasy-Triptychon das wie ein dreiteiliges Fenster den Raum zum grau-grünen Firmament über Urdenia oder Isania zu öffnen scheint. Er schaut Dich unverwandt an. „Magst jetzt wieder öfter kommen?“ fragt er. „Gern“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., begleitet Dich bis an die Verbindungstür zur Garage und läßt sie hinter Dir zufallen noch ehe Du bei Deinem Fahrrad angelangt bist. Nun kommt der Moment in dem Dir beinahe das Herz bricht weil Du nicht einfach so gehen willst. Doch dann fährst Du heim.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Eremitage

Sonntag, 22.3.2015 Frühjahresgleiche. Wegscheide zwischen Licht und Dunkelheit. Für Menschen die nicht in einer destruktiven On-Off-Beziehung leben so wie Du, beginnt nun die Phase der warmen, hellen Tage. Du aber, die Du am Morgen nach Deinem Whatsapp-Kniefall vor O. in klinischer Stille aufwachst ohne Deinen Körper zu spüren, scheinst zur Rückkehr in ewige Wintertrübe verurteilt. Beim Hinuntergehen in die Küche wunderst Du Dich, daß Du nicht fällst auf der Treppe. Denn Du fühlst Dich wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden. Führungslos. Desorientiert. Ohne Halt. Und draußen auf der Straße hast Du das Empfinden als Fremde, Unsichtbare unter den Menschen zu wandern. Wo immer Du Dich aufhältst scheint ein Smog-Schleier über der Stadt zu liegen, der Dich von allem abtrennt. Geräusche. Farben. Lichtreflexe. Fragen Deines Sohnes. Alles kommt in gedämpfter, abgebremster Form bei Dir an. Du fühlst nichts. Nichts, außer der dumpfen Verzweiflung beim Blick auf das stumme, leere Display Deines Handys.

Einige Tage lang schaffst Du es mit eiserner Disziplin, NICHT Deine Whatsapp-Chats mit O. aufzurufen. Als Du es dann doch tust, an einem leeren, kalten Vormittag Ende März, weil Du hoffst dadurch irgendetwas besser zu verstehen, ist O. natürlich online. In wohlbekannter, hochtouriger Lebendigkeit. ER ist nicht einsam. ER hat keine Sehnsucht nach Dir. Es trifft Dich ins Mark das zu sehen. Als der Schwindelanfall abebbt und die Mouches volantes vor Deinen Augen allmählich verschwinden, weißt Du daß Dir nur eines übrig bleibt: Du mußt O. blockieren. Wenn schon nicht vom Handy, so zumindest auf Whatsapp. Für einige Minuten ringst Du mit Dir. Fürchtest, O.s Zorn noch mehr auf Dich zu ziehen, mit diesem Schritt, und ihn dadurch endgültig, für immer zu verlieren. Dann aber überwindest Du Dich. Klickst auf „Mehr“ und dann auf „Blockieren“. „Blockierte Kontakte können Dir keine Nachrichten mehr schicken“ warnt die App. Du bestätigst Deine Entscheidung. O.s Online-Stempel verschwindet. Du atmest auf.

Die Nächte sind schön. Denn irgendein gnädiger Neurotransmitter aus Deinem körpereigenen Trost- und Belohnungssystem sendet Dir regelmäßig wunderbare Träume. In Technicolor. Bonbonbunt. Lichtdurchflutet. Zuckersüß. Was im Leben Dir verwehrt war, wird im Reiche Hypnos Dir gestattet: Du begegnest einem sanften, einfühlsamen O., der Hand in Hand mit Dir über sommerliche Feldwege schlendert, Dich auf Rummelplätzen küßt, bei Einbruch der Dunkelheit in seine Lederjacke hüllt und auf einem Vintage-Bike unter blinkenden Sternen nach Hause fährt. Während Du dich eng an seinen Rücken schmiegst. Ihr seid beide sehr jung und sehr glücklich in allen diesen Deinen Träumen. Umso schmerzhafter ist das allmorgendliche Erwachen. Kein O., nirgends. Jeder neue dieser Tage liegt vor Dir wie ein dunkler Tunnel an dessen Ende niemals Licht erscheinen wird. Die Stadt ist grau. Dein Sohn hat schlechte Schulnoten. Dein Mann ist ständig unterwegs. Und Du, Du bist auf Entzug. Kaltem Entzug. Von der Droge O.

Dich in der Öffentlichkeit aufzuhalten vermeidest Du so gut es geht. Denn es sind einfach zu viele Frauen draußen auf der Straße. Hübsche, unbelastete Frauen. So wie Du selbst eine warst, vor 8 Monaten. Sie sitzen im Straßencafe und halten ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Sie spazieren durch den Park oder bummeln an Schaufenstern vorbei. Und blicken dabei versonnen lächelnd aufs Handy. Manche steigen sogar vom Fahrrad und lehnen sich an einer Hauswand an um etwas zu lesen was ihnen geschickt wurde. Etwas Cooles, Frivoles. „Hey Babe, ich will Dich!“ Irgendwas in der Art. Von einem Lover wie O., ja, höchstwahrscheinlich sogar von O. selbst. Auf solche Gedanken kommst Du, sobald Du draußen bist. Denn O. kennt ja alle Frauen Deiner Stadt und ist in der Lage sofort eine von ihnen klarzumachen. Deine größte Angst ist, es zufällig mitzubekommen, wie er gerade eine neue Schöne angräbt. In der Nähe vom Ort Eures Kennenlernens etwa. Aus all diesen Gründen gehst Du nur noch selten raus.

Das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach Eures Hauses wird in diesen Wochen zu Deinem Lebensmittelpunkt. Hier verbarrikadierst Du dich bei heruntergelassenem Rollo vor dem PC, während die Welt draußen täglich lebensfroher wird. Ob hinter dem verdunkeltem Fenster die Sonne scheint oder die Sterne am Nachthimmel glitzern. Wann immer es Deine Zeit erlaubt suchst Du Zuflucht im Internet. Aber nicht mehr bei den behäbigen, deutschsprachigen Darstellungen der Borderline-Störung, die meist als wehleidig-moralisierender Opferdiskurs daherkommen, sondern vielmehr bei den Blogs und Foren von Autorinnen und Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Pragmatisch. Illusionslos. Und dabei doch humorvoll, frech und kreativ. So wird hier dem Typus des emotional-instabilen, narzisstisch gestörten Mannes begegnet. Und seinem Gegenüber. Der allzu empathischen, mangelhaft abgegrenzten, codependenten Frau. Wo immer Du auch liest, die amerikanischen Blogs, sie portraitieren Dich und O.

Besser als in Deiner eigenen Muttersprache machen die Exegetinnen aus dem Lande Uncle Sams Dir die naturgegebene Volatilität Deiner Beziehung zu O. bewußt. Idealization. Devaluation. Discard. Diesem Drei-Phasen-Modell folgt unweigerlich jede romantische Beziehung zwischen Menschen wie Dir und O. Und über das, was Du für Deinen narzisstischen Geliebten wirklich bist oder warst, besteht jenseits des Großen Teiches auch kein Zweifel: „Narcissism is the ultimate experience of objectification“ schreibt etwa Melanie Tonia Evans. „To this type of person you are not a person with feelings. You are a source of narcissistic supply, and all shows of love, affection and empathy are constructed to lure you as this source. Ultimately you are not a person, you are a ‚thing‘ to feed off and sustain his existence. When you finally leave the narcissist, … , the narcissist will find another source and another and then another. The cycle doesn’t end … The narcissist is what a narcissist is.“

Vier Wochen lang sitzst Du vor dem PC. 24/7, nahezu. Du liest und liest. Vom unechten, konstruierten Selbst des Narzissten: the Narcissist’s Fake Personality. Vom Arsenal seiner manipulativen Strategien die Du alle selbst, am eigenen Leib erfahren hast: Silent Treatment. Blame Shifting. Promise Breaking. Gaslighting. Von seinen subkriminellen Wesenszügen: Liar. Serial Cheater. Con-Artist. Von seiner selbstbezogenen, auf Macht und Beherrschung zielenden Sexualität: „No emotions, no bonds, no relationships, no love. The kinkier the sex, the better he likes it.“ Du begreifst, daß Du Dir nicht die Schuld zu geben brauchst am Scheitern Deiner Beziehung zu O.: „You did NOTHING wrong. … A narcissist is unable to attach to anyone.“ Du erfährst daß ein radikaler Kontaktabbruch Deinerseits der einzige Weg wäre, um Dich von O.s dunklem Charisma zu lösen: „No contact empowers you to save yourself.“ Und Du lernst einen neuen Begriff kennen, der Dir Hoffnung gibt, wider jede Vernunft: The Hoover.

„When the cycle of ‚idealize, devalue, discard‘ is complete, a person with narcissistic qualities will often return to prior sources of narcissistic supply to see if he can tap such individuals for more ego-fueling attention, sex or other affirmations of his existence. ‚Hoover maneuver‘ was coined after the name of a popular vacuum cleaner, alluding to the fact abusers often attempt to suction up narcissistic supply from prior sources. The hoover maneuver is an attempt to see if a prior target of abuse can be conned into another cycle of abuse. Survivors of narcissistic abuse should not be fooled by the hoover maneuver. Such an action is not a sign that the abusive person loves the survivor.“ So schreibt Andrea Schneider auf GoodTherapy.org. Du verstehst jedes Wort. Dir ist klar, daß es nichts mit Liebe zu tun hätte, wenn ein großer narzisstischer Saugrüssel nach Dir greifen und Dich zurück inhalieren würde ins düstere Reich von O. Und dennoch ist es Dein sehnlichster Wunsch.

Ende April. Die Stadt ist aufgeblüht. Und auch Du spürst tief in Dir den Wunsch Deine Eremitage zu verlassen und ins Leben zurück zu kehren. Du wagst es, wieder kleine Fahrradtouren zu unternehmen. Triffst Dich mit Freunden. Meldest Dich auf einem Flirtportal an und bekommst innerhalb weniger Stunden sehr viele Zuschriften. Ein trainierter, kahlgeschorener Manager mit gletscherblauen Augen findet großen Gefallen an Deinen Bildern und beginnt lebhaft mit Dir zu chatten. In der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai bemerkst Du, daß O. sein Whatsapp-Profilbild ändert. Er postet eine idyllische Bergwiese mit Alpenveilchen die intensiv blühen. Dich durchrieselt eine Welle von Sehnsucht als Du das siehst und Du bist nahe daran O. einfach zu deblockieren und ihm etwas Liebevolles zu schreiben. Aber Du weißt, daß Du unbedingt die No-Contact-Regel einhalten mußt wenn Du gehoovert werden willst. Deshalb hältst Du an Dich. Und 10 Tage später ist es soweit. Dein Handy meldet morgens einen Anrufsversuch von O.

 

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