Trick or Treat?

Sms von O. Damit hattest Du nicht gerechnet. Nicht jetzt. Nicht so schnell, nach diesem gefühlt tausendsten Drama, diesem zehntausendsten Desaster, diesem millionsten Disput. Wegen: Einer Leiter. Einer Gartenhecke. Einer aufblondierten Cougar Lady irgendwo in den Outbacks der Stadt. Also: Wegen NICHTS. Du hattest erwartet, dass Ruhe einkehren würde, nach O.s theatralischer, tragikomischer Wegfahrt von Deinem Haus mit der  Arbeitsleiter im Laderaum seines SUV. Trügerische Ruhe. Quälende Stille. Toxisches Schweigen. Hattest Du erwartet. Und warst Du entschlossen durchzustehen. Bis ultimo. Bis Armageddon. Falls nötig bis zum Jüngsten Tag. Du weisst auch, was das Lehrbuch für Narzissmus-Abwehr vorschreibt: Sms löschen ohne zu lesen. Den Absender auf Spam setzen. Tee kochen. In den Himmel blicken. Freiheit spüren. Das wäre der Weg. Zumindest ein Schritt. In ein neues Leben. Jedoch. Im Oktober 2016 fehlt Dir die Coolness dazu.

Du nimmst Dein Handy. Distanziert. Widerwillig. Genervt. Aber Du schaust nach. „Es tut mir leid das ich heute nicht mit Dir reden konnte“ hat O. geschrieben. Du atmest durch. Versuchst Dir vor Augen zu halten, dass das Empfinden von Bedauern im Repertoire einer narzisstisch gestörten Gefühlswelt nicht wirklich vorkommt. Und dies demnach eine rein taktische Nachricht sein dürfte. Ein Sms-Check, mit dem O. versucht herauszufinden, wie weit die Blockade Deines Handys ihm gegenüber geht. Lässt den Gedanken jedoch fallen. Zu schön ist die Phantasie von einem Miteinander-Sprechen. Zu gross Deine Sehnsucht nach gegenseitigem Verstehen. Nach Austausch und Kontakt. „Vielleicht ein anderes Mal?“ antwortest Du. O. schweigt für einige Minuten. „Denk bitte darüber nach wie es mit uns beiden weitergehen soll“ schreibt er dann. „Soll es das denn?“ tippst Du zurück. „Ja!“ antwortet O. Du überlegst. „Im Moment bin ich leider ziemlich ratlos“ schreibst Du dann. „Geh zurück auf Whatsapp!!!!“ kommandiert O.

„Hallo“ schreibt O., unmittelbar nachdem Du ihn auf Whatsapp freigeschaltet hast. „Hallo“ antwortest Du ein wenig befangen. „Willst du mich wieder spüren? Nächste Woche?“ textet O. mit altbekannter Verve. „Ich hätte Dich auch heute schon gerne gespürt“ antwortest Du. „Ich glaube heute hätte ich dich geschlagen wenn es zu nem Kontakt gekommen wäre“ antwortet O. „Darum bin ich so schnell weg“ – „Ach so“ antwortest Du. „Ich hätte dir einfach gerne links und rechts ein paar runtergehauen!!!“ schreibt O. „Ich hab extra zuhause vorher gewichst damit ich nicht mehr so geil bin!“ – „Oh! Ich hatte schwarze Schuhe extra für Dich im Wohnzimmer bereit gestellt“ antwortest Du. „Ich hatte zu viel Angst das ich zu brutal werde und dein Mann abends was merkt!“ schreibt O. „Das hätte ich schon irgendwie kaschiert“ antwortest Du, während Du fühlst, wie die Strudel Eures Suchtkreislaufes erneut über Dir zusammenschlagen und Dich mit enormer Sogwirkung nach unten, auf den Grund einer dunklen Meerestiefe ziehen.

„Ich bin ehrlich erleichtert das es nicht soweit gekommen ist!“ schreibt O. „Natürlich ist das besser so“ antwortest Du. „Ich hatte eine Stinkwut auf dich!“ schreibt O. „Das tut mir leid!“ antwortest Du. „Schick mir Fotos!“ schreibt O. „Hab ja alles gelöscht was ich von dir hatte!“ – „Ich hab aber keine neuen gemacht“ antwortest Du. „Schick alte!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und durchsuchst mal wieder Deinen Fotospeicher nach den besten, den schönsten, den sexiesten Bildern für O. Schaffst es innerhalb weniger Minuten, ein schillerndes Potpourri all Deiner Erotik-Outfits der zurückliegenden Wochen zusammenzustellen. Sendest es O. Und bekommst natürlich kein Dankeschön, kein Zeichen, keine Resonanz. Wie unter einer Glasglocke verbringst Du den restlichen Tag. Eingewoben in Denkschleifen. Grübelnd. Rätselnd. Sinierend. Über das Ausmass von Aggression und Gewalt, mit dem O.s Emotionen Dir gegenüber untrennbar verknüpft sind. Und das er selbst offenbar nur mit knapper Not kontrolliert.

Am nächsten Tag piept Dein Handy um 7.33h mit dem Whatsapp-Ton von O. „Guten Morgen du geile Sau!“ schreibt er. „Deine Bilder haben mich heute früh so richtig scharf gemacht!“ – „Guten Morgen! Wow!“ antwortest Du. „Ich glaube ich fange langsam an mich auf dich zu freuen“ schreibt O. „Schön“ antwortest Du. „Ich will das du nächste Woche wieder meine Schlampe bist!“ schreibt O. „Ich war es diese Woche auch!“ antwortest Du. „Ich bin immer Deine Schlampe!“ – „Aber ich wollte dich nicht!!!“ schreibt O. „Doch jetzt bekomme ich wieder Lust auf dich!“ – „Da bin ich aber froh!“ antwortest Du. „Ich auch!!!“ schreibt O., ohne die Ironie in Deinen Worten zu beachten. „Darf ich dich denn noch anpissen wenn ich dich nächste Woche besuche?“ – „Ja natürlich“ antwortest Du. „Auch in den Mund?“ fragt O. „Ja. Das wünsche ich mir!“ antwortest Du. „Würdest du es auch schlucken?“ fragt O. „Ja! Ich spucke nichts aus was von Dir kommt!“ antwortest Du. „Im Ernst?“ fragt O. „Ja. Das weisst Du doch!“ antwortest Du.

„Darf ich das dann mit dem Handy aufnehmen?“ fragt O. „Ja. Darfst Du.“ antwortest Du. „Oh Babe. Das macht mich jetzt wirklich geil!!!“ schreibt O. „Der Gedanke das ich dein schönes Gesicht vollpissen werde! Und du es dann schluckst während ich dir zuschau!“ – „Das werde ich!“ antwortest Du und fühlst plötzlich, wie sehr Du über die Mittel verfügst, O.s Sex-Fantasien zu lenken. „Du wirst vielleicht sehen wie etwas von Deiner Pisse mir in die Augen rinnt“ tippst Du. Eigenartig triumphierend. „Und Du wirst vielleicht sehen dass etwas in mir sich gegen das alles sträubt. Dass ich dagegen ankämpfe und mich schäme! Es dann aber trotzdem mache! Weil ich mich Dir unterworfen hab!!!“ Es bleibt kurz still auf der anderen Seite Deines Smartphones. Du fühlst eine Art von Respekt durch das Gerät zu Dir dringen. „Babe du bist echt hardcore!!!!“ schreibt O. dann. „Ich lieb Dich. Das ist alles!“ antwortest Du. „Und ich steh auf Dich und Deine Pisse und die Macht die Du über mich hast!“ – „DU DRECKSAU!!!!“ schreibt O.

Der Oktober 2016 endet in mildem, warmem, flirrendem Licht. Am Tag vor Allerheiligen nimmst Du Dir Zeit, um zusammen mit Deinem Sohn im rückwärtigen Teil Eures Gartens Kürbisse auszuhöhlen und Gruselfratzen hineinzuschneiden. Ihr seid beide mit Feuereifer bei der Sache und Dein Sohn ist begeistert von Eurem Werk. Bei Einbruch der Dunkelheit platziert Ihr die Geisterlaternen auf den Stufen zur Eingangstür Eures Hauses und bewundert ihr flackerndes, rötliches Licht. Während Du deinen Arm um die Schultern Deines Sohnes legst, piept drinnen Dein Handy. Mit dem Whatsapp-Ton von O. „Was hast du heute gemacht?“ schreibt er. „Kürbisse geschnitzt mit dem Kleinen“ antwortest Du. „Hey du bist wirklich ne coole Mama!“ schreibt O. „So eine hätte ich als Kind auch gerne gehabt!!!“ – „Ich weiss dass Du in Deiner Kindheit viel entbehren musstest“ antwortest Du. „Umso mehr bewundere ich das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Babe du bist so ein Goldstück!!! Und so eine geile Sexgöttin dazu!“ schreibt O.

In der Nacht auf den 1. November 2016 schläfst Du unruhig und träumst wirr. Gegen 4.30h wirst Du wach und stiehlst Dich, einem Impuls folgend, mit Deinem Handy ins Badezimmer, wo Du feststellst, dass O. gerade dabei ist, Dir zu schreiben. „Guten Morgen mein Schatz!“ textet er. „Ich hoffe so sehr das wir wieder zueinander finden! Und ich wünsche mir das ich dich zu einem schönen Orgasmus bringen kann! Vielleicht wenn du dich auf mich setzst? Würde mir so viel bedeuten wenn du intensiv kommen würdest!“ – „Guten Morgen!“ antwortest Du, während Du Dich mit einem Duschhandtuch unter dem Po auf dem Fliesenboden niederlässt und mit dem Rücken an der Badewanne anlehnst. „Wir finden ganz bestimmt wieder zueinander“ tippst Du dann. „Ich war nie weg von Dir!“ – „Das hoffe ich sehr!“ schreibt O. „Ich wäre traurig wenn es nicht mehr so wäre!“ – „Ich gehör Dir immer. Wirklich!“ antwortest Du. „Ich hab nur so oft Angst dass Du mich nicht mehr willst!“ – „Ich werde dich immer wollen!“ schreibt O.

„Auch wenn wir uns länger nicht sehen! Ich werde dich immer ficken und spüren wollen! Auch noch in 30 Jahren!!!! Ich möchte das du immer meine Schlampe bleibst! Auch wenn du nen anderen Liebhaber hast!!!! Ab und zu musst du es dann immer noch mit mir machen!“ – „Ein anderer Lover interessiert mich NULL!“ antwortest Du. „Ich gehöre nur Dir. Aber ich fürchte die Konkurrenz von anderen Frauen auf der Strasse und im Internet!“ – „Im Internet bin und war ich noch nie aktiv“ antwortet O. in untypischer Offenheit. „Und ich quatsche schon lang keine anderen Frauen mehr an. Die alte Lady kenn ich halt schon sehr lange. Und wenn die sich dann so meldet und mir Bilder schickt… das finde ich halt auch scharf. Die ist ja schon 68!“ – „Das verstehe ich“ antwortest Du tapfer. „Und auch wenn du die Geilste bist – und das ist so -“ schreibt O., „finde ich es scharf mit ner älteren Lady mal wieder zu ficken!!!“ – „Ok“ antwortest Du und betrachtest mit verlorenem Blick Deine nackten Füsse auf dem grauen Fliesenboden.

Draußen, in der Ferne vor dem Badezimmerfenster wird es langsam hell. Ein schüchternes Vogelstimmchen ertönt. Du versuchst die Tragweite von O.s nonchalant dahingeschriebenen Aussagen zu überblicken. „Ich bin echt die Geilste?“ tippst Du dann. „Ja“ antwortet O. „Ganz ehrlich. So heftig und intensiv wie bei dir hatte ich es noch nie!!!“ – „Ok“ tippst Du und atmest tief aus. „Du kannst ja auch machen was Du willst, verstehst Du“ schreibst Du dann. „Es tat mir nur weh weil ich ja selber schon so lang darauf gewartet hab Dich zu sehen und zu spüren. Von Woche zu Woche.“ – „Ich verstehe dich“ antwortet O. „Und dann dachte ich“ schreibst Du weiter, während Du versuchst, ein hochsteigendes Weinen niederzukämpfen, „wenn es diese alte Lady gibt, gibts sicher noch ganz viele Andere und ich bin einfach nur die Allerletzte, für den Notfall…“ – „Es gibt keine Andere!!!“ antwortet O. „Ich habe die Steffi schon lange nicht mehr gesehen. Und ich möchte DIR einen intensiven Orgasmus besorgen!!!“

„Das wäre natürlich wunderbar!“ schreibst Du. „Babe das IST wunderbar!“ eifert O. „Ich gebe dir am Donnerstag bescheid welches Outfit ich mir von dir für unser Treffen wünsche ok? Und könntest du vielleicht noch zum Friseur gehen und deine Haare total kurz schneiden lassen?“ – „Kein Problem!“ antwortest Du. „Das hatte ich sowieso vor!“ – „Super!“ schreibt O. „Und dann mach bitte ganz viele Bilder für mich!!! Fotografiere alles was du an schwarzen Bodies und Catsuits hast! Mit verschiedenen Schuhen! Damit ich entscheiden kann was du dann anziehen sollst!“ -„Ok“ antwortest Du. „Und vielleicht kannst du ja heute noch ein geiles Video für mich machen“ fiebert O. weiter. „Ich weiss das Feiertag ist. Aber du könntest dich ja im Bad einsperren und filmen wie du dich selbst streichelst und dabei stöhnst! Natürlich so das dein Mann und dein Sohn es nicht mitbekommen“ –  „Ok“ antwortest Du wieder. „Am Nachmittag könnte ich es versuchen!“ – „Babe. Das würde mich extrem glücklich machen!“ textet O.

Du gibst Dir viel Mühe, O.s Wünsche zu erfüllen, in den Tagen nach diesem Chat. Gehst zum Friseur. Lässt Dir einen besonders rasanten Kurzhaarschnitt verpassen. Erstehst ein neues, schwarzes Netz-Minikleid im Erotik-Shop, wo Du mittlerweile eine Stammkunden-Karte besitzst. Machst viele Bilder. Sendest sie O. Und neben alledem denkst Du darüber nach, wie das Gesicht einer Cougar Lady namens Steffi wohl aussehen mag. Zweifellos ist sie für Dich fassbarer, weniger bedrohlich, irgendwie fast harmlos geworden, seitdem du ihren Vornamen kennst. Steffi??? Wie provinziell ist das denn, denkst Du. Und geniesst es, Deine wachsende Gewissheit zu spüren, dass O.s Welt hinter ihrer kalten, schillernden Fassade weit weniger glamourös ist, als Du bisher wahrnehmen durftest. Dass O. zu seiner Entmystifizierung selbst mit beiträgt, indem er Namen und Gepflogenheiten preisgibt, nimmst Du als ein hoffnungsvolles Zeichen. Nicht bedenkend, dass Du Dich nach wie vor inmitten seines Bestrafungsprogramms befindest. Welches noch allerlei für Dich bereit hält …

 

 

„Love itself was gone“ (Leonard Cohen)

Deine eigene vorbehaltlose Liebe. So, wie Du sie vom ersten Moment an empfandest für O. in all seiner Gebrochenheit – sie kehrt nach diesem Tag im April 2016 nie wieder zurück in Dein Herz. Nie wieder kehrt sie zurück. Nicht am 3. Juni 2016, als O. gegen 9h mit seinem Fahrrad im Licht des jungen Tages am Vorgartentürchen Deines Hauss erscheint. Sturm läutet. Und Du ihn vom Fenster des kleinen Waschraums im ersten Stock herab beobachtest. Und, anstatt Hals über Kopf nach unten zu eilen und Dich ihm entgegen zu werfen, kühl registrierst, dass O.s vornehme Blässe ins Cholerisch-Violette changiert, als ihm klar wird, dass Du nicht öffnen wirst. Die Liebe kehrt auch nicht zurück, als Du zwei Tage später einen handgeschriebenen Zettel aus Deinem Briefkasten fischst. Auf dem O. seine Handynummer notiert hat und anbietet, erneut die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. In steil gekritzelten Buchstaben, die, Du wunderst Dich selbst, nicht die leiseste Resonanz oder Regung von Sehnsucht in Dir hervorrufen.

Und auch als Du weitere zwei Tage später unter O.s Sturmlauf auf Dein Handy zusammenbrichst. Weil Du es einfach nicht mehr schaffst, seinen gefühlt tausendsten Anruf unter verdeckter Nummer zu ignorieren. Und nach einem kurzen, hektischen Wortwechsel einwilligst, Dich mit ihm für ein „letztes“ Gespräch zu treffen. Auch dann kehrt Deine grosse, unbedingte Liebe von einst nicht wieder zurück. Bei dieser Begegnung, nachmittags, am Rande eines Brachfeldes zwischen Friedhof, Waldgastsstätte und Wertstoffhof gleitest Du vielmehr in einen leicht dissosziativen Zustand, als Du O. zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder erblickst. Du fragst Dich, während Du vom Fahrrad steigst und auf ihn zugehst, was Du eigentlich mit diesem bleichen, kahlgeschorenen Mann zu tun hast, der da breitbeinig, kaugummikauend, mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten des Unterholzes auf Dich wartet. Die Augen hinter einer riesigen, grau getönten Design-Sonnenbrille verborgen. Discotürstehermässig. In Spanner-Manier.

Und als dieser Dir sehr fremd und gar nicht sympathisch erscheinende Mann Dich an jenem Nachmittag zur Begrüßung einfach nur bei deinen Schultern packt. Und so grob zu sich herzieht, dass Du befürchtest, die Träger Deines Empire-Tops könnten reissen. Da verwandelt sich ein Teil deines Bewusstseins in eine Art kleinen Vogel. Er schwingt sich auf einen der hohen, dunklen, umstehenden Bäume. Und sieht aus dieser sicheren Entfernung dabei zu, wie der Brutalmacho im jagdgrünen Leinenhemd und in den hellbeigen Cargo-Bermudas Dich unten herumschubst. Er sieht, wie Du erst gegen die Lehne einer Parkbank und dann gegen den Stamm einer Buche gedrängt wirst, so dass O. Dir von hinten in den Schritt fassen und versaute Dinge ins Ohr sagen kann. Dass Du eine geile Schlampe bist die es bracht, beispielsweise. Der kleine Vogel hört auch, dass O. von Dir verlangt, ihm Verschiedenes nachzusprechen. „Ich will nur Dich!“ sollst Du unter Anderem skandieren. „Gehirnwäsche“ denkt der kleine Vogel auf seinem Baum.

Der andere Teil Deines Bewusstseins. Der, der auf der Erde verblieb. In Deinem Körper. In physischer Nähe zu O. Er ist damit beschäftigt sich zu orientieren. Im Chaos dessen, was O. da auf der Stadtwaldbrache mit Dir anstellt. Was er als „Versöhnung“, „Aussprache“, „Wiedersehen“ oder „Zurückgewinnen“ verstanden wissen möchte. Und was doch nichts Anderes als Nötigung ist. Drangsal. Die Anwendung von Zwang. Das Ausüben von Druck. Berserkerhaftes Gezerre. Umarmungen von hinten, die Würgegriffen gleichen. Bisse statt Küssen. Kneifen statt Streicheln. Zwicken. Quetschen. Wehtun. Einfach nur Wehtun. Das ist alles, was O. kann, stellst Du fest, während Du versuchst, aus seinem bleichen, viel zu glatten Gesicht und aus den Worthülsen, die er auf Dich niederprasseln lässt, einen Hauch von Authentizität, einen Funken von Gefühl, von Zuneigung zu Dir herauszulesen. Aber. Da ist nichts, stellst Du fest. Keine Liebe, nirgends. Nicht bei O. Und nicht bei Dir. Und trotzdem. Trotzdem holt er Dich wieder zu sich zurück.

O. redet sehr viel, an diesem Nachmittag, Anfang Juni 2016, auf der Stadtwaldwiese. Dass er Dich braucht. Und Du ihn, vor allem. Dass es Euch zueinander zieht. Ihn zu Dir und Dich zu ihm. Dass man nichts machen könne, dagegen. ES stärker sei als er und Du. Er, O., habe das akzeptiert. Und deshalb in der vergangenen Woche bei Dir geklingelt. Und dann den Zettel bei Dir eingeworfen. Was er noch nie, wirklich nie zuvor in einer vergleichbaren Situation bei einer anderen Frau je getan hätte. Ein fratziges Lächeln huscht an dieser Stelle über sein Gesicht. Er versucht, es zu unterdrücken. Dann redet er weiter. Von Schiksal, Zusammengehören und ewigem Aufeinander-geil-sein. „Und, wie geht’s der Krebskranken?“ wirfst Du zwischendurch ein wenig schnippisch ein. „Welche Krebskranke?“ fragt O. irritiert zurück. „Die eine“ antwortest Du. „Ach die!“ ruft er mit wegwerfender Geste. „Du, keine Ahnung. Und jetzt hol mal dein Handy! Dann machen wir ein schönes Selfie und schalten mich auf Whatsapp frei, ok?“

Du starrst O. für Sekunden ungläubig an, bevor Du gehorsam zu Deinem Fahrrad gehst um das Smartphone aus Deiner Tasche zu holen. Die schwerkranke Frau. Deren Bild Du noch immer in Deinem Handy hast. Und es fast täglich betrachtest. Die Frau, die er draussen vor den Toren Eurer Stadt besuchen wollte um zärtlich zu ihr zu sein. Es ist, als sei sie eine reine Fiktion von Dir. Als hätte sie nie existiert. Bei Dir. In Deinem Herzen mag ihre Geschichte Spuren hinterlassen, Dinge verändert haben. Nicht aber bei O. Was immer er auch mit ihr erlebt haben mag. Es ist gelöscht. Für IHN hat es keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt, in dieser Sekunde wo es ihm um Dich geht. Diese arme, elende Frau. Sie könnte toter nicht sein, denkst Du schaudernd, während Du mit hochgezogenen Schultern zu Deinem Fahrrad gehst. Ein Teil von ihr starb lang vor ihrem möglichen Krebstod indem sie hineingeriet in das gnadenlose, alles verschlingende Missbrauchssystem von O. Dem DU, das schwörst Du Dir, entrinnen WIRST.

Natürlich kommt es nach diesem Treffen im Stadtwald wieder zu sexuellen Begegnungen zwischen O. und Dir. Am Freitag, den 17. Juni beispielsweise. Gegen 19h, Du bist gerade im Begriff zum Opening der Kunstausstellung einer Schulfreundin aufzubrechen, schreibt O. Dich an. Ob Du schnell vorbeikommen könntest? Du kannst. Und als O. Dich auf der schwarzen XL-Couch in seinem komplett abgedunkelten Wohnzimmer mit heftigen Stößen von vorne nimmt und dabei „Ich-halts-ohne-dich-nicht-aus“ hervorpresst, da erscheint er Dir für die Dauer eines Nano-Augenblicks verletzlich und gleichzeitig machtvoll wie eh und je. Dann aber schließt sich der Firnis über Deiner Seele. Und während Du mit neuer, bislang ungekannter Routine Deinen Rim-Job für O. erledigst, bemerkst Du, dass die Düsternis im Raum sich NICHT mit schimmernden Aureolen anreichert. So wie sonst. Etwas ganz Bestimmtes ist unwiderruflich vorbei. Magische Dates mit Trancezuständen. Mit Bildern aus den Tiefenschichten Deiner Kindheit. Vorbei.

Anfang August 2016 verreisen dein Mann und Dein Sohn wieder für einige Wochen auf die Ferieninsel im Thyrennischen Meer. Du selbst kannst am 26.8. dabei beobachtet werden, wie Du sehr früh am Morgen das Haus verlässt und mit dem Rad Richtung Innenstadt fährst. Nicht zum Haus von O. Dein Ziel ist ein anderes, an diesem Tag. Es hat jedoch mit O. zu tun. Hauptbahnhof, Säulenhalle. Von dort ca. 40 Kilometer mit der S-Bahn nordostwärts. Zur Grossen Kreisstadt im Einzugsgebiet des internationalen Verkehrsflughafens. Das Fahrrad nimmst Du natürlich mit. Denn: Du willst ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Eine Reise in die Vergangenheit willst Du machen, in die Kindheitswelt von O. Du möchtest mit dem Rad das kleine Dorf erreichen, in dem er vor 45 Jahren zusammen mit seinen Brüdern aufwuchs. Das Dorf, in dem er die Dinge erlebte, die ihn so werden liessen wie er heute ist: ein schöner, begabter, jedoch innerlich zutiefst verletzter, und deshalb andere schädigender Mann.

Die S-Bahn schaukelt Dich durch eine sanfthügelige, weite Landschaft, in der sich Maisfeld an Maisfeld bis zum Horizont zu reihen scheint. Etwas von der Klarheit dieser Gegend trägt O. in sich, dessen bist Du sicher, während Du durch die Sonnenlichtkringel in den Zugfenstern schaust. Das Offen- und Frei-Erscheinende. Die Helligkeit seines Körpers. Das Verwegene seiner Gedanken und Phantasien. Das findest Du dort draussen wieder. Aber irgendwo in der Weitläufigkeit dieser Maisfelder ging auch O.s Seele verloren, damals, als er Kind war und von seinem Vater gedemütigt und von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. Systematisch, über Jahre hinweg. In einer Zeit, als es noch kein kollektives Bewusstsein für das Leiden missbrauchter Kinder, kein Schutzprogramm für dysfunktionale, eskalierende Familien gab. Und jemand wie O. auf sich selbst gestellt war. Du fühlst ein stummes Weinen tief in Dir, während sich die S-Bahn ihrem Endziel nähert. Du trauerst heftig um die verlorene Seele von O.

Im Zentrum der Grossen Kreisstadt suchst Du Dir erstmal ein hübsches Frühstücks-Café. Nachdem Deine Aufgewühltheit sich ein wenig gelegt hat, orientierst Du Dich mit dem Handy und findest rasch die Fahrradroute zum Heimatdorf von O. Sie verläuft zunächst entlang am ruhigen Fliessgewässer der Region und führt dann über kurvige Landstrassen bergauf. Nach gut 45 Minuten erreichst Du den Ort, an dem sich so viele Deiner Emotionen bündeln. Du atmest kurz durch, bevor Du es wagst, das Dorfnamensschild zu passieren. Dann streifst Du ein wenig mit dem Fahrrad durch die Strassen. Das Dorflädchen? In dem O. und seine Brüder täglichem Sauberkeitsdrill ausgesetzt waren? Das Haus? In dem ihr Vater sie schlug? Und ihre Mutter vergewaltigte, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Keines der reinlichen Gebäude ringsum im Dorf scheint davon zu künden. Im Gegenteil. Du fühlst trotzige Verschlossenheit. O.s Herkunftsort möchte sich NICHT erinnern an das, was hier vor 45 Jahren mit Kindern geschah.

Inzwischen wird hier ganz besonders viel für kleine Erdenbürger getan. Es gibt sowohl ein offen und hell ausgestattetes Kinderhaus als auch einen liebevoll gestalteten Pfarrkindergarten im Schutze der Dorfkirche. „Zu spät für O.“ denkst Du, während Du das Fahrrad abstellst und durch den seitlichen Kirchenzugang hinaus auf den umliegenden kleinen Friedhof trittst. Du lässt deinen Blick über schmiedeiserne Kreuze und beige und ockerfarbig gehaltene Gedenksteine schweifen bevor Du beginnst, die einzelnen Gräberreihen abzuschreiten. Bald hast Du gefunden wonach Du suchst. Vorne. Nah an der Friedhofsmauer ist ein Grabstein dunkler als alle anderen. Als Du näher kommst, liest Du den Namen und die Lebensdaten der Mutter von O. „Im Kreuz ist Heil“ steht noch da, in blattgoldenen Lettern auf dunkelbraun-weiss marmoriertem Grund. Aber, seltsam. Nichts, wirklich nichts von dem, was Du da siehst berührt in irgendeiner Weise Dein Herz. In Deinem Kopf formen sich nur zwei klare Worte, während Du fröstelnd da stehst. „KEINE LIEBE“ denkst Du. „KEINE LIEBE“.

Lady in White (Grand Hoover Nmbr. 1)

Am Morgen des 11. Mai 2015 ist irgendetwas anders als an all jenen vielen Tagen seitdem O. Dich verstieß. Das Licht der Sonne dringt heller ins Zimmer. Die Vögel trillern lauter im Garten. Das Mühlsteingefühl auf Deiner Brust beim Aufwachen erscheint nicht mehr ganz so schwer. Auch Deine allmorgendliche Angst das Handy und mit ihm O.s Schweigen, O.s Verachtung, O.s Abwendung von Dir einzuschalten ist etwas weniger lähmend als sonst. Du wirst heute Dein zartrosa Empire-Top mit der Rückenschleife aus Rips zum Fahrradfahren anziehen, denkst Du und wunderst Dich als Du aufs Handy schaust: Auf dem Display erscheint ein ungewohnter, grün fluoreszierender Querbalken. Mit einer magischen Botschaft: Unbeantworteter Anruf 5.18h. Dein Herzschlag setzt aus, für einige Sekunden. Es kann niemand anderer gewesen sein als O., zu dessen irrlichterndem Lebensstil es paßt, Dich mal eben in der Morgenfrühe wachzuläuten. Aber wenn nicht? Du hast Angst nachzusehen. Und tust es doch. Bingo. Der Call kam von O.

In der Küche nimmst Du Dir zehn Minuten Zeit um Tee zu kochen und nachzudenken. Gemäß der No-Contact-Regel dürftest Du O.s Anruf keinesfalls beantworten. Stattdessen müßtest Du jetzt Dein Handy sofort dauerhaft für alles was von O. kommt sperren. Du versuchst Dir klarzumachen daß O.s Kontaktaufnahme nichts weiter ist als das Bemühen Dich, gerade jetzt wo Du ein wenig auflebst, erneut unter Kontrolle zu bekommen. Für neue Enttäuschungen. Neuen Schmerz. Und dennoch. Die Euphorie die Dich erfüllt, sie ist mit nichts vergleichbar. Es ist als ob eine stillgestandene Uhr in Deinem Inneren auf einmal wieder anspringt. Der Rückwärtslauf der Zeit ist aufgehoben. Du bist zurück im Leben. Um 8Uhr18 atmest Du deshalb durch, nimmst Dein Handy und schreibst: „War es was Wichtiges wegen dem Du heute angerufen hast?“ – „Wollte nur wissen ob Du meine Hilfe bei der Hecke noch brauchst!!!“ antwortet O. nach drei Minuten. „Ja!“ schreibst Du zurück. Und damit beginnt das Spiel zwischen O. und Dir wieder von vorn.

„Kostenlos kann ich diese Arbeit aber nicht machen!!!“schreibt O. während Du am Küchentisch in Deiner Teetasse rührst. „Ich bezahle natürlich was Du verlangst!“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. Eine Pause entsteht. Du versuchst nicht nervös zu werden. Nippst am Tee. „Ich bin Dir sehr dankbar wenn Du mir hilfst“ willst Du gerade tippen. Da kommt O. Dir zuvor. „Hast viel gefickt?“ schreibt er. „Nein“ antwortest Du wahrheitsgemäß. „Willst mal wieder?“ fragt O. „Doch“ antwortest Du, fassungslos über Dich selbst. Denn eigentlich hattest Du ja vor, O. zappeln, flehen und um Gnade winseln zu lassen, sollte er jemals versuchen Dich zu sich zurück zu holen. Stolz und kalt hattest Du sein wollen, genau so wie er selbst es immer war. Und nun schreibst Du einfach „Doch“ auf die Frage ob er es mal wieder mit Dir machen soll. Und schiebst sogar noch „Gerne“ hinterher. Du bist anscheinend nicht zu retten. Auch viele Fragen hättest Du ihm stellen wollen. Aber sie sind alle vollkommen unwichtig geworden.

„Willst Du überhaupt noch Kontakt zu mir haben?“ schreibt O. unvermutet. „Doch“ tippst Du wieder. „Wenn ich keinen Kontakt zu Dir wollen würde hätte ich Dir nicht geantwortet“. – „Aber warum hast Du mich dann auf Whatsapp blockiert??!?“ schreibt O. „So halt“ antwortest Du hilflos. „Babe!!“ textet O. „Zum Beweis daß es Dir ernst ist mußt Du mich sofort entblocken und mir ein Bild von deinen Brüsten schicken!!! Ich will unbedingt Deine harten dunklen Nippeln sehen!!! Sonst kann ich Dir nicht verzeihen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und zerrst hektisch an Deinem T-Shirt. „Ich möchte dann aber auch mal ein Bild von Dir!“ – „Das bekommst Du!!!“ schreibt O. „Sobald Du mich auf Whatsapp freigibst schick ich Dir ein Bild von meinem Schwanz!!!“ – „Ich will auch eins von Deinen Augen“ textest Du. „Das geht jetzt wirklich nicht Babe!!!“ schreibt O. „Ich habe noch nicht geduscht und möchte Dir gerade nicht meine verschlafenen Augen als Foto senden!! Bitte beeil Dich. Mach Bilder. Und geh zurück auf Whatsapp!!!“

Nachdem Du O. auf Whatsapp freigegeben hast um ihm die Gegenlicht-Aufnahmen von Deiner Brust zu schicken die Du rasch im Badezimmer gemacht hast, ist im Chatfenster bereits ein Bild im Bokeh-Modus zu erkennen. Als Du darauftippst um es zu öffnen erkennst Du, daß O. sein Versprechen wahr gemacht hat: vor dem Hintergrund des mit halbleergetrunkenen Smoothie-Flaschen beladenen Couchtischs aus Chrom hat er IHN fotografiert: schräg zwischen seinen hellen, weit geöffneten Schenkeln aufragend, sanft durchblutet, unschuldsvoll und dennoch bedrohlich in seinem reinen phallischen So-Sein, herausfordernd, selbstsicher, alternativlos, unentrinnbar: O.s Allzweckwaffe, O.s Zweites Ich, O.s Bestes Stück. Il suo cazzo. Zum Anbeten. Zum Niederknien. „Dein Schwanz ist hammer- hammer- hammer-geil!“ schreibst Du ergriffen. „Und jetzt schick Du die Bilder!!!“ antwortet O. Du gehorchst. „Geil!!! Willst Dich auf mich setzen und Dir nen Orgasmus abholen?“ schreibt O. „Gern!“ antwortest Du. Hoover accomplished.

„Babe, ich möchte aber daß Du diesmal eine schwarze Strumpfhose ohne Slip drunter trägst wenn Du zu mir kommst!“ schreibt O. während Du im Bad stehst und Deine Haare kämmst. „Reißt Du mir sie dann wieder auf, so wie beim letzten Mal?“ fragst Du. „Ja, Babe“ antwortet O. „Und jetzt mach schnell bitte. Ich will Dich anfassen!“. Es gelingt Dir cool zu bleiben. Anders als bisher zittern heute Deine Finger nicht als Du die Nylonstrümpfe hochziehst und die Rückenschleife vom Empire-Top bindest. Und als Du bereit bist aus dem Haus zu gehen, gelingt es Dir sogar, mit ruhiger Hand ein Foto von Deiner Unterbauchregion zu machen auf der sich Dein Jugendstil-Tattoo durch den schwarzen Strumpfhosenstoff abzeichnet. „Bin startklar!“ schreibst Du und sendest es O. „Melde Dich wenn Du beim Park bist!!!! Ich öffne die Garage!“ antwortet er. Und dann sendet auch er noch ein Bild. Von sich selbst. Sehr verloren vor einer riesigen, weißen Schrankwand stehend. Irgendwo in seinem Haus. Es erschüttert Dich zutiefst.

„Oh danke. Das vergess ich Dir nie!“ tippst Du und merkst daß Deine Finger nun doch anfangen heftig zu zittern. O.s Anblick auf dem Bild geht Dir durch Mark und Bein. Wie ein todtrauriger Schuljunge dem jemand bitter unrecht tat. So steht er da in seinem dezent blau-gelb gemusterten Marken-Karohemd mit dem bis oben zugeknöpften Kragen. Einsam. Hochmütig. Vorwurfsvoll. Mit einem bitteren Zug um den verschlossenen Mund. Und dennoch: soo sexy mit dem Hauch eines Drei-Tage-Barts auf den bleichen Wangen. In Dir findet eine Kernschmelze statt. Du möchtest direkt zu O. hinrennen, Dich ihm zu Füßen werfen und so lange vor ihm liegen bleiben bis die Eis-Schicht die sein Herz umgibt geschmolzen ist. Egal wie lang es dauert. Aber Du weißt daß das nicht geht. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb atmest Du durch, schlüpfst in Deine Stiefeletten die Du lang nicht mehr getragen hast, nimmst Dein Handy und schreibst: „Bin startklar!“ – „Dann komm!“ antwortet O. „Ja“ schreibst Du und eilst nach draußen.

Auf der Strasse wirst Du von sommerlicher Wärme umfangen. Du weißt daß alles gut gehen wird, heute. Bereits um 10.15h kommst Du mit Deinem Fahrrad bei der Parkbank an und meldest Dich bei O. Drei Minuten später erreichst Du das Haus mit den vielen Bildern das im Schein der Frühlingssonne gar nicht SO kalt und furchteinflößend auf Dich wirkt wie bisher. Merkwürdig vertraut. Als ob Du es aus Fieberträumen Deiner Kindheit kennen würdest oder vor sehr langer Zeit schon einmal hier gelebt hättest. Du weißt etwas über seine Geheimnisse. Und bist selber Teil seiner Geschichte. Das gibt Dir ein Gefühl von Stärke als Du auf Deinem Fahrrad in den Schattenraum der Garage einpassierst. Deren großes, vollautomatisches Tor sich wie ein gieriger Schlund langsam vor Dir öffnet und gleich hinter Dir wieder schließt. Während O. im Rahmen der Verbindungstür zum Haus lehnt und von der dreistufigen Betontreppe herab dabei zusieht wie Du Dein Fahrrad neben dem  metallicbraunen SUV abstellst. Wie immer…

Als O. Dich im Flur seines Hauses mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßt und Dich mit stummen Gesten anweist, Jeans und Empire-Top auszuziehen und nur in Strumpfhose und Stiefeletten vor ihm her durchs Treppenhaus nach oben zu gehen, verlierst Du wieder einmal das Gefühl für Raum und Zeit. Somnanbul. Als hätte es weder eine zweimonatige Trennung noch die Erotik-Selfies anderer Frauen jemals zwischen Euch gegeben. So läßt Du Dich von O. herumführen und in eins der Zimmer im ersten Stock schubsen wo auch heute wieder irgendeine Liegefläche abgedeckt mit einem weißen Leintuch auf Dich wartet. Bevor er Dir gestattet Dich bäuchlings darauf fallen zu lassen legt O. von hinten seinen Arm um Deinen Hals und zieht Dich eng zu sich heran. „Hast viel gefickt? Darfst es ruhig sagen!“ zischt er Dir ins Ohr. „Nein“ antwortest Du. „Dreckige Lügnerin“ murmelt O. und stößt Dich aufs Bett. Du vergräbst Dein Gesicht in den Kissen unter dem Leintuch. Und hinter Dir zieht O. sich aus …

Es ereignet sich dann, während O. sich mit seiner großen Hand an Deiner Gesäßregion zu schaffen macht und die schwarze Nylonstrumpfhose zwischen Deinen Beinen aufreißt so daß Dein Po freiliegt, einmal mehr der Moment totaler Wehrlosigkeit. Gefolgt vom Moment der Erleichterung daß O. Dich auch heute NUR vaginal so hart stößt daß Dir kurzzeitig schwarz wird vor Augen. Der Moment der Dankbarkeit als Du Dich dann auf den Rücken drehen und kurz Luft holen darfst bevor O. sich über Dein Gesicht hockt um den Rim-Job zu bekommen. Der Moment von Verwirrung und vollkommener Verlassenheit, in dem O. mittendrin plötzlich aufsteht und in den Schrankfluchten des Nebenzimmers äonenlang etwas ganz Bestimmtes sucht, während Du in Deiner zerfetzten schwarzen Nylonstrumpfhose daliegst und versuchst das Aufeinanderschlagen Deiner Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Ein schneeweißes Anzughemd aus glattem, kühlem Stoff und eine Packung weißer halterloser Strümpfe bringt O. mit als er endlich zurück kommt. Und als Du hineinschlüpfst filmt er Dich …

„Das schaut supergeil aus Baby“ sagt O. während er mit einer Hand sein Smartphone über Deinem weiß gewandeten Körper hin und her bewegt und mit der anderen das Herrenhemd  noch ein wenig zurecht zupft. „So gefällst Du mir richtig gut!“ – “ Freut mich“ sagst Du und reckst ihm sehnsuchtsvoll Deine Hände aus den überlangen Hemdärmeln entgegen. „Kuscheln geht jetzt aber wirklich nicht, Baby“ sagt O. streng und legt sein Handy beiseite. „Aber zu Ende lecken darfst Du mich jetzt, ok?“ – „Ok“ sagst Du und räkelst Dich für ihn zurecht. Dann kommt der Moment in dem alles gut ist und es übernatürlich hell zu werden scheint im Raum. Der Moment in dem Du weißt daß Du auch heute wieder Deinen Rim-Job sehr gut gemacht hast weil Du O.s Eruption auf Dir fühlst. Und er sie wenig später sehr andachtsvoll von Deinem Bauch wischt. Mit einem besonders flauschigen Waschlappen den er extra dafür aus dem Gästebadezimmer nebenan geholt hat.

„Die Strümpfe kannst Du behalten“ sagt O. nachdem es alles vorbei ist. „Vielleicht magst ja zu Hause paar Fotos davon machen. Aber das Hemd das brauche ich noch!“ – „Klar“ sagst Du, ziehst es aus und faltest es sorgfältig zusammen bevor Du es ihm gibst. Dann nimmst Du Deine Stiefeletten in die Hand und gehst, barstrümpfig und nackt wie Du bist, hinter O. her durchs Treppenhaus hinunter, dahin wo Deine Jeans und Dein Empire-Top liegen. Als Du Dich fertig angezogen hast, steht O. etwas entfernt unter einem großen, in Öl gemalten Fantasy-Triptychon das wie ein dreiteiliges Fenster den Raum zum grau-grünen Firmament über Urdenia oder Isania zu öffnen scheint. Er schaut Dich unverwandt an. „Magst jetzt wieder öfter kommen?“ fragt er. „Gern“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., begleitet Dich bis an die Verbindungstür zur Garage und läßt sie hinter Dir zufallen noch ehe Du bei Deinem Fahrrad angelangt bist. Nun kommt der Moment in dem Dir beinahe das Herz bricht weil Du nicht einfach so gehen willst. Doch dann fährst Du heim.

Eremitage

Sonntag, 22.3.2015 Frühjahresgleiche. Wegscheide zwischen Licht und Dunkelheit. Für Menschen die nicht in einer destruktiven On-Off-Beziehung leben so wie Du, beginnt nun die Phase der warmen, hellen Tage. Du aber, die Du am Morgen nach Deinem Whatsapp-Kniefall vor O. in klinischer Stille aufwachst ohne Deinen Körper zu spüren, scheinst zur Rückkehr in ewige Wintertrübe verurteilt. Beim Hinuntergehen in die Küche wunderst Du Dich, daß Du nicht fällst auf der Treppe. Denn Du fühlst Dich wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden. Führungslos. Desorientiert. Ohne Halt. Und draußen auf der Straße hast Du das Empfinden als Fremde, Unsichtbare unter den Menschen zu wandern. Wo immer Du Dich aufhältst scheint ein Smog-Schleier über der Stadt zu liegen, der Dich von allem abtrennt. Geräusche. Farben. Lichtreflexe. Fragen Deines Sohnes. Alles kommt in gedämpfter, abgebremster Form bei Dir an. Du fühlst nichts. Nichts, außer der dumpfen Verzweiflung beim Blick auf das stumme, leere Display Deines Handys.

Einige Tage lang schaffst Du es mit eiserner Disziplin, NICHT Deine Whatsapp-Chats mit O. aufzurufen. Als Du es dann doch tust, an einem leeren, kalten Vormittag Ende März, weil Du hoffst dadurch irgendetwas besser zu verstehen, ist O. natürlich online. In wohlbekannter, hochtouriger Lebendigkeit. ER ist nicht einsam. ER hat keine Sehnsucht nach Dir. Es trifft Dich ins Mark das zu sehen. Als der Schwindelanfall abebbt und die Mouches volantes vor Deinen Augen allmählich verschwinden, weißt Du daß Dir nur eines übrig bleibt: Du mußt O. blockieren. Wenn schon nicht vom Handy, so zumindest auf Whatsapp. Für einige Minuten ringst Du mit Dir. Fürchtest, O.s Zorn noch mehr auf Dich zu ziehen, mit diesem Schritt, und ihn dadurch endgültig, für immer zu verlieren. Dann aber überwindest Du Dich. Klickst auf „Mehr“ und dann auf „Blockieren“. „Blockierte Kontakte können Dir keine Nachrichten mehr schicken“ warnt die App. Du bestätigst Deine Entscheidung. O.s Online-Stempel verschwindet. Du atmest auf.

Die Nächte sind schön. Denn irgendein gnädiger Neurotransmitter aus Deinem körpereigenen Trost- und Belohnungssystem sendet Dir regelmäßig wunderbare Träume. In Technicolor. Bonbonbunt. Lichtdurchflutet. Zuckersüß. Was im Leben Dir verwehrt war, wird im Reiche Hypnos Dir gestattet: Du begegnest einem sanften, einfühlsamen O., der Hand in Hand mit Dir über sommerliche Feldwege schlendert, Dich auf Rummelplätzen küßt, bei Einbruch der Dunkelheit in seine Lederjacke hüllt und auf einem Vintage-Bike unter blinkenden Sternen nach Hause fährt. Während Du dich eng an seinen Rücken schmiegst. Ihr seid beide sehr jung und sehr glücklich in allen diesen Deinen Träumen. Umso schmerzhafter ist das allmorgendliche Erwachen. Kein O., nirgends. Jeder neue dieser Tage liegt vor Dir wie ein dunkler Tunnel an dessen Ende niemals Licht erscheinen wird. Die Stadt ist grau. Dein Sohn hat schlechte Schulnoten. Dein Mann ist ständig unterwegs. Und Du, Du bist auf Entzug. Kaltem Entzug. Von der Droge O.

Dich in der Öffentlichkeit aufzuhalten vermeidest Du so gut es geht. Denn es sind einfach zu viele Frauen draußen auf der Straße. Hübsche, unbelastete Frauen. So wie Du selbst eine warst, vor 8 Monaten. Sie sitzen im Straßencafe und halten ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Sie spazieren durch den Park oder bummeln an Schaufenstern vorbei. Und blicken dabei versonnen lächelnd aufs Handy. Manche steigen sogar vom Fahrrad und lehnen sich an einer Hauswand an um etwas zu lesen was ihnen geschickt wurde. Etwas Cooles, Frivoles. „Hey Babe, ich will Dich!“ Irgendwas in der Art. Von einem Lover wie O., ja, höchstwahrscheinlich sogar von O. selbst. Auf solche Gedanken kommst Du, sobald Du draußen bist. Denn O. kennt ja alle Frauen Deiner Stadt und ist in der Lage sofort eine von ihnen klarzumachen. Deine größte Angst ist, es zufällig mitzubekommen, wie er gerade eine neue Schöne angräbt. In der Nähe vom Ort Eures Kennenlernens etwa. Aus all diesen Gründen gehst Du nur noch selten raus.

Das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach Eures Hauses wird in diesen Wochen zu Deinem Lebensmittelpunkt. Hier verbarrikadierst Du dich bei heruntergelassenem Rollo vor dem PC, während die Welt draußen täglich lebensfroher wird. Ob hinter dem verdunkeltem Fenster die Sonne scheint oder die Sterne am Nachthimmel glitzern. Wann immer es Deine Zeit erlaubt suchst Du Zuflucht im Internet. Aber nicht mehr bei den behäbigen, deutschsprachigen Darstellungen der Borderline-Störung, die meist als wehleidig-moralisierender Opferdiskurs daherkommen, sondern vielmehr bei den Blogs und Foren von Autorinnen und Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Pragmatisch. Illusionslos. Und dabei doch humorvoll, frech und kreativ. So wird hier dem Typus des emotional-instabilen, narzisstisch gestörten Mannes begegnet. Und seinem Gegenüber. Der allzu empathischen, mangelhaft abgegrenzten, codependenten Frau. Wo immer Du auch liest, die amerikanischen Blogs, sie portraitieren Dich und O.

Besser als in Deiner eigenen Muttersprache machen die Exegetinnen aus dem Lande Uncle Sams Dir die naturgegebene Volatilität Deiner Beziehung zu O. bewußt. Idealization. Devaluation. Discard. Diesem Drei-Phasen-Modell folgt unweigerlich jede romantische Beziehung zwischen Menschen wie Dir und O. Und über das, was Du für Deinen narzisstischen Geliebten wirklich bist oder warst, besteht jenseits des Großen Teiches auch kein Zweifel: „Narcissism is the ultimate experience of objectification“ schreibt etwa Melanie Tonia Evans. „To this type of person you are not a person with feelings. You are a source of narcissistic supply, and all shows of love, affection and empathy are constructed to lure you as this source. Ultimately you are not a person, you are a ‚thing‘ to feed off and sustain his existence. When you finally leave the narcissist, … , the narcissist will find another source and another and then another. The cycle doesn’t end … The narcissist is what a narcissist is.“

Vier Wochen lang sitzst Du vor dem PC. 24/7, nahezu. Du liest und liest. Vom unechten, konstruierten Selbst des Narzissten: the Narcissist’s Fake Personality. Vom Arsenal seiner manipulativen Strategien die Du alle selbst, am eigenen Leib erfahren hast: Silent Treatment. Blame Shifting. Promise Breaking. Gaslighting. Von seinen subkriminellen Wesenszügen: Liar. Serial Cheater. Con-Artist. Von seiner selbstbezogenen, auf Macht und Beherrschung zielenden Sexualität: „No emotions, no bonds, no relationships, no love. The kinkier the sex, the better he likes it.“ Du begreifst, daß Du Dir nicht die Schuld zu geben brauchst am Scheitern Deiner Beziehung zu O.: „You did NOTHING wrong. … A narcissist is unable to attach to anyone.“ Du erfährst daß ein radikaler Kontaktabbruch Deinerseits der einzige Weg wäre, um Dich von O.s dunklem Charisma zu lösen: „No contact empowers you to save yourself.“ Und Du lernst einen neuen Begriff kennen, der Dir Hoffnung gibt, wider jede Vernunft: The Hoover.

„When the cycle of ‚idealize, devalue, discard‘ is complete, a person with narcissistic qualities will often return to prior sources of narcissistic supply to see if he can tap such individuals for more ego-fueling attention, sex or other affirmations of his existence. ‚Hoover maneuver‘ was coined after the name of a popular vacuum cleaner, alluding to the fact abusers often attempt to suction up narcissistic supply from prior sources. The hoover maneuver is an attempt to see if a prior target of abuse can be conned into another cycle of abuse. Survivors of narcissistic abuse should not be fooled by the hoover maneuver. Such an action is not a sign that the abusive person loves the survivor.“ So schreibt Andrea Schneider auf GoodTherapy.org. Du verstehst jedes Wort. Dir ist klar, daß es nichts mit Liebe zu tun hätte, wenn ein großer narzisstischer Saugrüssel nach Dir greifen und Dich zurück inhalieren würde ins düstere Reich von O. Und dennoch ist es Dein sehnlichster Wunsch.

Ende April. Die Stadt ist aufgeblüht. Und auch Du spürst tief in Dir den Wunsch Deine Eremitage zu verlassen und ins Leben zurück zu kehren. Du wagst es, wieder kleine Fahrradtouren zu unternehmen. Triffst Dich mit Freunden. Meldest Dich auf einem Flirtportal an und bekommst innerhalb weniger Stunden sehr viele Zuschriften. Ein trainierter, kahlgeschorener Manager mit gletscherblauen Augen findet großen Gefallen an Deinen Bildern und beginnt lebhaft mit Dir zu chatten. In der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai bemerkst Du, daß O. sein Whatsapp-Profilbild ändert. Er postet eine idyllische Bergwiese mit Alpenveilchen die intensiv blühen. Dich durchrieselt eine Welle von Sehnsucht als Du das siehst und Du bist nahe daran O. einfach zu deblockieren und ihm etwas Liebevolles zu schreiben. Aber Du weißt, daß Du unbedingt die No-Contact-Regel einhalten mußt wenn Du gehoovert werden willst. Deshalb hältst Du an Dich. Und 10 Tage später ist es soweit. Dein Handy meldet morgens einen Anrufsversuch von O.