You Want It Darker

Du verbringst also einen weiteren Tag im Stand-by-Modus. Wanderst benommen durchs Haus während Dein Mann und Dein Sohn draussen miteinander Fahrrad fahren. Sortierst Wäsche. Räumst Dinge aus dem Weg. Bemüht, alles vorzubereiten für die Visite von O. von der Du nicht wissen kannst, ob sie auch wirklich stattfinden wird, am Ende des Tages. Und wenn, dann ganz sicher nicht so wie im Chat herbeiphantasiert. Sondern anders als vereinbart, erwartet und Du es wollen, wünschen, Dir vorstellen würdest. Sexuelle Erfüllung? Klärende Gespräche? Erhellung der Dunkelheit? „Fail-Anzeige!“ denkst Du, während Du die Bettdecken im Schlafzimmer aufschüttelst und frisch überziehst. Es wird kein authentisches, lustvolles Stöhnen Deinerseits geben. Keinen Orgasmus. Keine Jouissance. Du wirst versuchen, unter O.s Stössen und Griffen einen Blick auf seinen Körper, seine Kleidung, sein Gesicht zu erhaschen. Um etwas von ihm, den Hintergründen seines Handelns zu erahnen. Und es wird, wie immer, vergeblich sein.

In der Nacht von Sonntag den 6. auf Montag  den 7. November wirst Du schon gegen 2h morgens wach. Unruhig. Ahnend. Witternd. Eine innere Stimme scheint Dir zuzuflüstern, dass etwas Schlechtes gegen Dich im Gange ist. Heimtückisch. Kalt. So fühlt es sich an. Nur kurz versuchst Du über Deine diffuse Beklemmung hinweg zurück zu finden in oberflächlichen Schlaf. Dann treibt Dein inneres Alarmsystem Dich aus dem Bett, hinunter in die Küche, wo Du Dich notdürftig bekleidet auf die Eckbank kauerst. Du entsperrst Dein Handy, das Du in Deiner verkrampften linken Hand mit nach unten gebracht hast und öffnest Deine Whatsapp-Chats mit O. Natürlich. Wie könnte es anders sein. „Oh ja! Oh ja! Oh ja!“ denkst Du, während Du auf das besonders hell fluoreszierende Display starrst. O. ist online. O. chattet. O. textet. O. schreibt. Und es sind sicher keine Bibelsprüche, die er munter nach draussen simst. „Sicher nicht“ denkst Du verbittert, legst das Handy beiseite und vergräbst Dein Gesicht in Deinen Händen.

Natürlich solltest Du jetzt ganz schnell wieder nach oben gehen und in Dein Bett zurückkriechen. Du solltest versuchen, noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Und vielleicht, nein, ganz bestimmt sogar, solltest Du Dich in die Körperwärme Deines Mannes einkuscheln, der sich bestimmt freuen würde, Dich mal wieder zu spüren. Einsam darüber nachdenken was O. wohl mit irgendjemandem sextet? Nur wenige Stunden nachdem er DIR sein spezielles Beglückungsprogramm versprach? Hast Du das nötig? Im Grunde genommen könntest Du doch dankbar sein, wenn Dir ein neues, schwieriges Date, eine intime Begegnung aus Myriaden und Aber-Myriaden von Schmerzmomenten erspart bleibt. Aber. Die toxische Welt aus Angst, Trauer und Pein ganz einfach so zu verlassen ist zu dieser Zeit für Dich keine Option. Du kannst Dich nicht lösen aus dem schillernden Spiegellabyrinth, dem dunklen Kokon, der schwarzmagischen Falle in die O. Dich gelockt hat. Du bist und bleibst noch immer: zutiefst gebunden, verstrickt und fixiert.

Deshalb kuschelst Du Dich in der frühen Morgenstunde des 7. November 2016 nirgendwo ein. Sondern nimmst Dein Handy vom Küchentisch und entscheidest einzubrechen in O.s Dauer-Chat mit Wem-auch-immer. „Guten Morgen“ tippst Du. Ohne etwas Antwort-Artiges zu erwarten. Jedoch. „Passen“ – „Passt und dir?“ schreibt O. nach wenigen Sekunden. Ein bisschen unkonzentriert, na klar. Aber immerhin. „Ja“ tippst Du. „Bist im Wohnzimmer“ schreibt O. „Küche. Grade aufgewacht“ antwortest Du. „Was hast du an“ schreibt O. Nicht wirklich interessiert. Sondern weiterhin abgelenkt. „Nix. Nackt runtergegangen“ antwortest Du. „Komplett nackt?“ schreibt O. „Fast“ antwortest Du. „Foto“ schreibt O., nun rasch zwischen den Chats mit Dir und Wem-auch-immer switchend. „Moment“ antwortest Du und beeilst Dich ein schnelles Küchen-Nacktselfie zu erstellen. „Was wenn dein Mann oder dein Sohn wach werden“ schreibt O. nachdem er es hochgeladen und betrachtet hat. „Werden sie nicht“ antwortest Du. „Bist ne Oberschlampe“ schreibt O.

„Halt die Richtige für Dich, gell“ tippst Du. Krampfig bemüht, cool rüberzukommen. Möglichst unbeeindruckt von O.s noch immer parallel laufenden Chat mit Wem-auch-immer.  „Perfekt für mich“ schreibt O. „Magst es dir machen? Ich spiel auch grad an mir rum“ – „Ach so?“ tippst Du. „Ich reibe an meinem harten Schwanz“ schreibt O. „Und?“ tippst Du. „Spritze“ schreibt O. „Ich hätte es so gern auf meinem Körper“ textest Du. „Bin grad so geil“ schreibt O. „Ich auch“ lügst Du. Denn Du bist kein bisschen geil. Sondern einfach nur sehr, sehr angegriffen vom Verlauf des Chats und der bizarren Situation dieser Nacht überhaupt. „Lass es uns jetzt machen“ schreibt O. „Ich habe Angst es hört mich jemand“ antwortest Du. „Dann musst halt leise sein“ schreibt O.  Sein Chat mit Wem-auch-immer ist jetzt beendet. Die Doppelhäkchen hinter Deinen SMS werden sofort blau. Du atmest auf. „Aber Du wolltest doch dass ich Dich heute hinten küsse“ schreibst Du. „Willst warten“ tippt O. „Ja“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O.

„Ab wann bist alleine?“ – „9.30h“ antwortest Du. „Ich wollte Dich fragen was ich anziehen soll“ – „Weisse Strümpfe. Rote Schuhe.“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du. „Oder die schwarzen Schuhe und sonst nichts“ schreibt O. „Du wolltest doch das schwarze Netz-Top zerreissen“ wendest Du schüchtern ein. „Hast recht“ antwortet O. „Dann zieh die Schuhe an und das Top an!“ – „Ich hätte auch noch eine Jeans mit Löchern zum Kaputtreissen“ schreibst Du in peinlicher, blinder, vorauseilender Fügsamkeit. „Nein!“ antwortet O. gebläht vom Vollgefühl seiner Omnipotenz. „Ich bin am überlegen ob ich dich überhaupt auf mich setzen lasse. Vielleicht lass ich mich nur von dir lecken!“ – „Ok“ schreibst Du. „Also Beine nackt?“ – „Vielleicht behandle ich dich heute wie ne billige Schlampe“ legt O. nach. „Lass mich lecken und geh gleich wieder!!!“ – „Kannst Du ja“ antwortest Du. „Im Ernst?“ schreibt O. „Natürlich“ antwortest Du. Froh ein wenig Coolness zurück zu gewinnen. „Dann bekommst du wieder ne Krise“ schreibt O.

„Die bekomme ich sowieso!“ antwortest Du, nun Deinerseits hoheitsvoll. „Aber ich werde Dich nicht damit behelligen. Ich bekomme IMMER eine Krise nach Begegnungen mit Dir. Früher oder später fall ich in den Stunden danach immer in ein Loch.“ – „Wusste ich nicht“ schreibt O. „Ok. Dann weisst Du es jetzt!“ antwortest Du. „Ich fühle mich verlassen und zerrissen danach und kämpfe für den Rest des Tages mit den Tränen!“ – „Scheisse“ schreibt O. „Wenn du so schreibst dann würde ich dich gerne schlagen. Damit es noch heftiger für dich wird!“ – „Das wäre gut!“ antwortest Du. „Das würde mir helfen. Körperliche Schmerzen überdecken den seelischen Schmerz!“ – „Du bist echt heftig!“ schreibt O. „Wie hättest du es denn gerne mit den Schmerzen?“ – „Egal. Wie es sich ergibt“ antwortest Du. „Gesicht geht ja schlecht“ schreibt O. „Soll ja niemand was merken!!!“ – „Dir fällt schon was ein“ antwortest Du. „Wann kannst Du denn kommen?“ – „Entweder gleich vormittag. Oder Du kommst um 14.15h zu mir“ schreibt O.

„Eigentlich war ja vereinbart bei mir!“ tippst Du. „Dann kannst Du auch gleich wieder gehn!“ – „Genau. Das ist besser. Dann kann ich sofort wieder abhauen“ schreibt O. „Und ich habe es auch hinter mir!“ antwortest Du. „Bis später“ schreibt O. „Bis dann“ antwortest Du. Unter Aufbietung all dessen, was Du an Nonchalance in Dir hast. Viel ist es nicht. Aber erstaunlicherweise reicht es, um O. nochmal zu einer Antwort zu bewegen. „Und was wenn Ich ihn dir gar nicht reinstecke?“ textet er unvermutet. „Sondern mich wirklich nur lecken lass?“ – „Das wäre überhaupt kein Problem!“ antwortest Du. „Aber BITTE lass mich Dich heute sehen und etwas von Dir spüren!“ – „Dann bettle darum!“ schreibt O. „Ich flehe dich an! Auf Knien. Seit Wochen sehne ich mich danach!!!“ textest Du. „Mehr“ schreibt O. „Bitte hab Mitleid mit mir!!!“ tippst Du. „Mehr“ schreibt O.  „Ich leide weil ich so lang nichts mehr von Dir gespürt hab. Und Deinen wunderschönen Körper nicht sehen und berühren durfte!!!“ tippst Du.

„Bettle so richtig darum das ich mich auf dein Gesicht setze damit du mich lecken kannst“ schreibt O. Du hältst kurz inne. „Bitte setz Dich direkt auf mein Gesicht“ textest Du dann. „So dass ich keine Luft mehr bekomme!!! Und nur noch Deine zarte weisse Haut spüre und sehe!!! So eng dass ich gerade mit meiner Zunge noch etwas machen kann. So dass ich nichts mehr sehe und spüre ausser dem wie Du auf mir sitzst. Und bitte lass mich Dich küssen! Mit all der Liebe und Hingabe die ich für Dich in mir habe. Und es ist sehr viel Liebe in mir. Die will ich Dir geben auf diese Art!!!“ Für ein paar Sekunden herrscht Stille im Raum. „Oh Babe das ist gut so!“ schreibt O. dann. „Es ist die Wahrheit“ antwortest Du. „Ich melde mich später“ schreibt O. „Gern“ antwortest Du, legst das Handy beiseite und lauschst nach draussen. Es ist 7.16h. Oben im Badezimmer plätschert die Dusche. Dein Mann ist wach und viele andere Menschen haben längst ihr Tagwerk begonnen. Während Du mit O.s krankem Ego sinnlos rangst.

Später an diesem Tag kniest Du frisch gestylt auf dem Gabeh-Teppich im Wohnzimmer Deines Hauses und erwartest das Kommen von O. Du zupfst nervös an dem schwarzen Netz-Top herum dessen zartes Mesh-Gewebe Dich zurück triggert ins Jahr 2014. Zum ersten Deiner Besuche im Haus mit den vielen Bildern. Wo Du für den ersten Rim-Job Deines Lebens zum ersten Mal nackt auf der riesigen, schwarzen Designer-Couch lagst. Und eine seit Deiner Kindheit nicht mehr gefühlte Verlassenheit empfandest, während O. in den Fluchten seines Palastes unterwegs war um das Träger-Top für Dich zu holen. Denn, so lerntest Du damals, nur als Fetisch-Frau, nicht als Du selbst, würdest Du O. eine Art von erotischer Erfüllung geben können. Du fühlst Trauer und tiefes Bedauern in Dir während Erinnerungen an all Deine tragischen Nicht-Begegnungen mit O. Dich fluten. Dann schreckt ein schepperndes Geräusch an der spaltbreit geöffneten Haustür Dich auf. O. ist da. Und er verfährt heute absolut nicht zimperlich mit Dir.

Ein eigenartig geformtes Stahlrohrgestell aus verzinktem Metall das O. trophäengleich vor sich her trägt und mit ausdrucksloser Miene auf Deinem Wohnzimmerteppich platziert, spielt eine Rolle bei diesem Date im Herbst 2016. Ebenso wie der breite Ledergürtel aus O.s Jeans sowie einige Kabelbinder, die er rein zufällig in einer der Innentaschen seiner schwarzen Fleece-Jacke mit sich führt. Das Netz-Top über Deiner Brust ist nach Bruchteilen von Nano-Sekunden vollkommen zerstört. Wie all die Striemen, Einblutungen, Schürf-, Kratz- und Bisswunden binnen kürzester Zeit ihren Weg auf Deinen Körper finden, ist weder während es passiert, noch später nachvollziehbar. O. explodiert. O. eskaliert. O. berserkert über Dich hinweg, ganz einfach so. Phasenweise hast Du Angst um Dein Leben, während O. sich Lege Artis an Dir vergeht und dabei immer wieder hervorstöhnt, wie sehr Dir Miststück recht geschieht mit alldem. Du selbst kannst nur röcheln unter dem Ledergürtel, der eng, viel zu eng um Deinen Hals liegt.

Nachdem er zum Ende gekommen ist, schlüpft O. in seine Jeans und paradiert in Deinem Wohnzimmer umher, während Du hustend auf dem Boden liegst und versuchst, die Gürtelschnalle in Deinem Nacken zu lösen. „Das Flaschenkastenregal schenke ich euch!“ ruft er Dir beiläufig zu. „Hab zu Hause aufgeräumt und brauch es nicht mehr!“ – „Danke“ murmelst Du  und nimmst aus der Froschperspektive wahr, wie O. sich an dem Beistelltisch neben der Couch zu schaffen macht, auf dem einige Deiner Lieblings-CDs liegen. „You Want It Darker“, die aktuelle, im Angesicht des nahen Todes eingesungene Abschieds-Setlist des moribunden Poeten Leonard Cohen zieht O. magisch an. Wieder und wieder lässt er seine Finger durch das beiliegende Booklet und über die Ränder des CD-Covers gleiten, als wollte er etwas von dessen Energie abstreifen und in sich aufnehmen. „Der stirbt bald“ raunt er zu sich selbst bevor er die CD zurück legt. „Ja. Ihm geht’s sehr schlecht“ sagst Du. „Genau“ antwortet O. und seine Augen schimmern.

Wenig später, allein zurückgelassen in Deinem Haus, erfährst Du aus den Mittagsnachrichten des Küchenradios, die Singersongwriter-Legende, der Welt-Künstler Leonard Cohen sei tot.

 

 

Strike Hard

Nichts hält Dich auf, an jenem verhängnisvollen Freitagabend Ende Februar 2016, während Deiner kurzen Pedaltour zum Haus von O. Niemand stellt sich Dir in den Weg. Kein Fingerzeig des Schiksals greift regulierend ein. Du überfährst rote Ampeln. Querst gefährliche Kreuzungen. In halsbrecherischem Tempo. Aber nichts passiert. Der Himmel sendet Dir kein Zeichen, das Dich zum Anhalten, Absteigen oder Umkehren mahnt. Im Gegenteil. Das Schiksal winkt Dich durch. Du fliegst geradezu auf Deinem Fahrrad über die dunklen Straßen hinüber ins Wohnviertel von O. Vorbei an einem der steinernen Eingangsportale zum historischen Teil des größten Friedhofs Eurer Stadt. Aus dessen Baumbestand stets eine besondere Kühle auf die sechsspurige Verkehrsstraße vor seinen Mauern herüber weht. Vorbei an der Parkbank, an der Du normalerweise anhältst, um O. zu schreiben, dass Du gleich da bist. Vorbei an erhellten Wohnhäusern. Vorbei an Leben, Wärme und Licht. Hin zum kalten, kranken Reich, zum Eispalast von O.

Und auch als Du angekommen bist, beim Haus mit den vielen Bildern, gibt es in Dir kein Innehalten, kein Zögern. Du sperrst nur einfach Dein Fahrrad an den korrosionsbeständigen Edelstahlzaun, der zusammen mit einer hohen, blickdichten Lorbeerhecke O.s Imperium abschirmt und begrenzt. Ziehst Dein Handy aus der Tasche Deines Parkas, lehnst Dich rücklings gegen das große, dunkelrote Tor des Garagenanbaus und tippst mit eiskalten Fingern: „Ich bin jetzt da. Bitte mach mir auf.“ O. antwortet nicht. „Ich tu Dir nichts. Ich liebe Dich!“ schreibst Du. Keine Reaktion. „Bitte“ schreibst Du und überlegst, wie lang Du der Kälte, die bereits jetzt unter Deinen Parka kriecht, wohl standhalten kannst. „Geh weg“ schreibt O. unvermutet. „Nein“ tippst Du. „Bitte lass mich in die Garage!“ – „Und dann?“ schreibt O. „Dann kann ich Dich da kurz sehen“ antwortest Du. Minuten vergehen. Deine Zähne schlagen aufeinander. Du frierst. Doch dann antwortet O. „Geh ums Haus rum!“ schreibt er. „Ich öffne die Küchentür“

„Ok“ antwortest Du und versuchst, Dich zu orientieren. Schließlich wurdest Du bisher ja immer nur durch den Nebenzugang ins Haus geschleust. Doch dann nimmst Du Deine Tasche aus dem Fahrradkorb, stemmst Dich entschlossen gegen die Entriegelung der Gartentür und betrittst mit angehaltenem Atem die Latifundien von O. Du fühlst Dich wie ein Eindringling auf vermintem Gelände. Unerwünscht. Durch Zielfernrohre beobachtet. Kurz vor der Festnahme stehend. Dennoch versuchst Du, so viel wie möglich zu erfassen von O.s äußerem Hoheitsgebiet, während Du vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, den steingrau gefliesten Weg  an der Mauer des Hauses abschreitest. Die scharfkantigen Umrisse eines etwa kniehohen Kunstobjekts im Zierkiesstreifen längs der Fassade bannen Deinen Blick. Eine makabere dreiteilige Skulptur aus weißem Stein, stellst Du fest, im Licht Deines Smartphones. Mit der Anmutung von skelettierten Rückenwirbeln einer urzeitlichen Riesenechse, die vor Jahrmillionen ihr Leben in O.s Garten aushauchte.

Wie soll HIER eine schwerkranke Frau gesund werden“ denkst Du ingrimmig, während Du linkerhand um die Hausecke biegst. Am Rand der Terasse markiert eine große, zur Form einer Brezel gebogene Schiene aus Edelroststahl den schwellenfreien Zutritt zum Küchenbereich des Hauses. Dunkle Techno-Drums dringen durch die halboffene Terassentür ins Freie. Von O. ist nichts zu sehen, als Du nach einem Moment des Zögerns eintrittst. In den Raum, der eigentlich ein Areal der Wärme und Geborgenheit, der Nähe zu Genuß und Lebensfreude sein sollte, in jedem Haus. Und der hier verkommen ist zum klaren Gegenteil. Überbordendes Chaos, wohin Du auch blickst. Karminrote Porzellanteller mit eingetrockneten Essensresten auf einem kantigen, betonfarbigen Bartisch. Berge von unabgewaschenem Geschirr im stählernen Einbauspülbecken. Myriaden von leeren 0,33l-Flaschen eines Biolimonadegetränks auf den schiefergrauen Bodenfliesen. Kullernd, rollend, fallend. So, dass Du kaum weißt, wohin Du Deine Füße setzen sollst.

„O.!“ rufst Du, „O.!“ während Du versuchst, Dir einen Weg durch das Glaslabyrinth vor Deinen Füßen zu bahnen. Es scheppert und klirrt. Eine Flasche zerbricht. Du bleibst stehen. Fühlst Panik in Deinem Inneren aufsteigen. Willst flüchten, sekundenlang. Da erscheint O. im Rahmen der Küchentür. In Langarmshirt und Jogginghose. Mit hellgrauen Slippern aus Filz an den nackten Füßen. Und blaß, schön, hochmütig und kalt wie immer. Nein. Kälter als jemals zuvor. „Was willst du hier?“ fragt er und schaut Dich dabei vollkommen ausdruckslos an. „Dich sehen!“ flüsterst Du. „Ok“ antwortet O. „Jetzt hast du mich gesehen! Also geh wieder! Da ist die Tür!“ – „Nein! Bitte nicht!“ rufst Du und reckst O. Deine Hände entgegen. „Ich kann so nicht gehen! Bitte schick mich nicht so weg!“ – „Sag mal spinnst du jetzt völlig, Ursula!“ stößt O. hasserfüllt aus, macht zwei Schritte auf Dich zu und schlägt Deine Hände beiseite. Auf dem Küchenfußboden zerbrechen weitere Flaschen. Die Situation wird bedrohlich.

„Du kannst dankbar sein dass ich dich überhaupt hier reingelassen hab!“ sagt O. mit unangenehm schneidender Stimme, direkt vor Deinem Gesicht. „Damit du mich noch einmal kurz siehst. Denn dir ist ja hoffentlich selber klar, dass jetzt endgültig Schluß ist mit uns!“ Du spürst die Stöße von O.s Atem, während er all das ausspricht. Und mit ihm O.s Verachtung, nein, schlimmer, O.s absolute Gleichgültigkeit Dir gegenüber. Was Du empfindest, was in Dir vorgeht, ist ihm restlos egal. Es interessiert ihn nicht. Mehr noch: er hat nicht einmal eine Idee, eine Vorstellung davon. Es ist vielmehr so, als ob er von einer ganz anderen Person reden würde, während er Dir vollkommen emotionslos in die Augen starrt und sagt: „Ich hab dein ewiges Theater jetzt endgültig satt. Mir reichts für immer von dir und deiner Rumspinnerei! Du hast es nicht verdient dass ich mich noch länger mit dir abgeb! Und jetzt hau endlich ab! Sonst rufe ich die Polizei!“ – „Nein“ antwortest Du und bleibst vor ihm stehen.

„Ok“ antwortet O., dreht sich um und schlendert betont lässig Richtung Wohnzimmer. „Dann hol ich jetzt die Bullen! Die schaffen dich dann schon hier raus!“ – „Warte!“ rufst Du und läufst ihm nach. „Bitte lass mich mit dir reden!“ – „Ganz sicher nicht!“ antwortet O., wendet sich nach hinten und rammt Dir seinen rechten Ellbogen so hart in die Seite, dass Du zu Fall kommst und mit Schulter und Hüfte voran auf den Eichenholzdielen im Flur aufschlägst. Knapp vorbei an zwei leeren Biolimonadeflaschen. Deine rechte Körperseite fühlt sich taub an, für Sekunden. Dann schiesst Schmerz in die betroffenen Muskeln und Gelenke ein. Du kämpfst Dich unterdrückt stöhnend hoch, preßt Deine Tasche, die Du bisher nicht losgelassen hast, an Dich und schleppst Dich zur Geschosstreppe im Zentrum des Hauses. Unter Aufbietung all Deiner Willenskraft erklimmst Du nahezu kriechend die ersten sechs der ausladenden Stufen aus massivem Eichenholz. Auf der achten läßt Du Dich nieder. Blickst um Dich. Ringst nach Luft.

O. ist im Wohnbereich des Hauses verschwunden ohne Dich weiter zu beachten. Du hörst, wie die Techno-Musik leiser gestellt wird. Stattdessen hallt nun das Rattern von Maschinengewehrsalven und wildes, vielstimmiges Männergeschrei durchs Haus mit den vielen Bildern. Ganz offensichtlich flimmert ein Actionfilm der härteren Sorte über den riesigen Bildschirm an der Wand gegenüber der schwarzen Couchlandschaft im Wohnzimmer von O. Du selbst bleibst still auf der Treppenstufe sitzen. Ziehst Deine Knie hoch bis unters Kinn, umfasst deine angehockten Beine mit beiden Armen und läßt Deine Blicke durchs Treppenhaus schweifen. Du versuchst, Dir noch einmal möglichst viel einzuprägen von all den hier ausgestellten Bildern und Artefakten, in denen sich O.s Weltsicht spiegelt. Denn Du bist sicher, nach dem heutigen Tag nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu können. „Leb wohl“ denkst Du, mit Blick auf den Haifisch aus Kabelgeflecht, der im zweiten Obergeschoß unter der Decke schwebt. „Leb wohl“.

Je länger Du alles betrachtest, desto fremder und feindseliger erscheint Dir der ganze Kosmos um Dich herum. Nie fühltest Du Dich unerwünschter, nie stärker eingeschüchtert und klein gemacht, als hier auf der monumentalen Holztreppe umgeben von schreienden Bildern im Haus von O. „Was soll ich machen“ denkst Du. Da kommt O. aus dem Wohnzimmer zurück. „Und,  jetzt bist du immer noch nicht weg?“ faucht er. „Ich wollte grade gehn!“ flüsterst Du. „Super!“ antwortet O. und hält hart auf die Geschosstreppe zu. „Pass auf, ich helfe Dir ein bisschen! Ich glaub du schaffst das nicht allein!“ Du versuchst noch irgendetwas zu sagen. Jedoch. O. nimmt zwei Treppenstufen auf einmal. Und ist bei Dir, bevor Dein Gehirn zur Umsetzung eines Impulses fähig ist. Er greift nach Deinen Handgelenken. Er zerrt an Deinen Armen. So heftig, dass die Schultergelenke knacken. Und räumt Dich mit einer einzigen verächtlichen Bewegung von der Treppe. Ein dumpfes Krachen ertönt, als Du auf Knien und Handgelenken aufkommst.

Natürlich würdest Du sehr gerne aufstehen, vom betonharten Fliesenboden im Erdgeschoss von O.s Haus, sobald Dein Kniescheibenschmerz es erlaubt. Aufstehen. Gehen. Nie mehr wiederkommen. Aber O. ist anderer Meinung. O. ist noch nicht fertig mit Dir. O. beugt sich von einer der unteren Treppenstufen herab über Dich und drischt Dir von hinten seine geballten Fäuste in die Rippen. Methodisch. Routiniert. Punktgenau. Deine Nierenregion spart er aus. Und wohl schlägt er auch nicht mit voller Wucht zu. Dennoch tut es sehr, sehr weh. Und klingt beängstigend. Und nimmt Dir die Luft. Du röchelst und stöhnst. Und irgendwann hört O. auf. Eigenartigerweise raffst Du nun nicht Deine Tasche an Dich und schleppst Dich so schnell wie möglich zur Ausgangstür. Nein. Du flüchtest ins Wohnzimmer. Kriechend. Taumelnd. Stolpernd. Die Tasche an Dich gepresst. Warum, das weißt Du nicht. Aber Du willst, Du musst unbedingt das Sofa erreichen. Das riesige Sofa im Wohnzimmer von O. Unbedingt.

Als Du es geschafft hast, ziehst Du Dich an der Rückenlehne bis dahin, wo die Couchlandschaft eine Ecke bildet. Und kauerst Dich dort wieder genauso hin wie gerade eben noch auf der Treppe. „Wahnsinn Ursula!“ ruft O. und kniet sich mit breit gespreizten Beinen vor Dich. „Hast du jetzt immer noch nicht kapiert dass ich dich nicht mehr will!“ stößt er hervor und beginnt wieder, mit seinen Fäusten auf Dich einzuschlagen. Er boxt Deine Oberarme. Und das, was er von Deinem darunter vergrabenen Kopf erreichen kann. Er zerrt an Deinem Rollkragenpulli und am Gummiband der schwarzen Netzstrumpfhose über deiner Brust. Er reißt die Knopfleiste von Deiner Jeans auseinander. Er spuckt in die Innenfläche von seiner Hand und reibt Dir den Speichel ins Gesicht. „Ich will dich nicht mehr“ murmelt er dabei vor sich hin. Dann nimmt er sich einen Moment Zeit um Dich zu betrachten. „Hast du Highheels dabei?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du mühsam. „Hol sie!“ sagt O. „Dann bekommst Du nen Abschiedsfick von mir.“

Nachdem Du die roten Peeptoes aus Deiner Tasche geholt und Dir über die Füße gestreift hast, hat das, was Du bekommst, mit gefühlvollem, intensivem Schlußmach-Sex jedoch nichts zu tun. Es ist vielmehr einfach nur, wie von O. vor längerer Zeit bereits angekündigt: eine Vergewaltigung. Und zwar: anal. Im flackernden Licht der Explosionen und Kampfszenen auf O.s Grossbildschirm. Auf dem Sofa knieend. Mit den Armen Halt an der Rückenlehne suchend. Wirst Du von O. brutaler und härter genommen als jemals zuvor. Was Dir hilft, ist ein etwa handtellergroßes, skurril geformtes Stofftierchen aus neonfarbigem Häkelgarn, das unbeachtet auf dem Polsterrand des Lounge-Sofas herumliegt. Es scheint Dich mit traurigem Blick anzustarren. Du vermutest, dass es Lolo gehört. Und nimmst es ganz fest in Deine rechte Hand, als einer von O.s Stößen Dir die Chance dazu gibt. Danach tut alles etwas weniger weh und Du fühlst Dich auch nicht mehr so völlig allein. Auf diese Art überstehst Du es. Ganz gut.

Irgendwann hört O. auf, Dich zu nehmen und zerrt Dich frontal zu sich auf den Schoß. „Machs dir jetzt selber!“ herrscht er Dich an. „Ich will sehen wie es Dir kommt!“ – „Tut mir leid. Das kann ich jetzt wirklich nicht!“ antwortest Du. „Vielleicht wenn ich dir Eine scheuer?“ fragt O. und holt rechts weit aus. „Auch dann nicht!“ antwortest Du und presst Dir in einer instinktiven Geste die linke Hand aufs Ohr. Sekunden, bevor O.s Backenklatsche in Deinem Gesicht landet. Du hast das Gefühl, dass unter Deinem linken Auge etwas reisst. Aber Dein Gehör bleibt intakt. Und das ist Dir in diesem Moment das Wichtigste. „Hoffentlich kriegst du es jetzt wenigstens hin mich zu lecken!“ sagt O. und schubst Dich von sich. „Klar“ antwortest Du und streckst Dich auf dem Sofa aus. „Zum letzten Mal“ murmelt O., bevor er sich mit seinem vollen Gewicht auf Deinem Gesicht niederlässt. Es wird vollkommen dunkel um Dich herum und Du bekommst auch schlecht Luft. Aber Du schaffst es, den Rim-Job für O. zu machen.

Danach ist es für eine geraume Weile unnatürlich still in den Räumen vom Haus mit den vielen Bildern. O. hat den Actionfilm abgeschaltet, während Du noch auf der Couch lagst um wieder zu Atem zu kommen. Er reicht Dir sogar ein Kleenex, um Deinen Bauch sauber zu putzen und schickt sich an, Deine zerrissenen Jeans und Leggings vom Boden aufzusammeln. „Lass nur. Ich mach das schon!“ sagst Du mit nasal klingender Stimme und richtest Dich auf. „Ok“ antwortet O. und geht mit gesenktem Kopf hinaus. Als er zurück kommt, hast Du Deine Tasche gepackt und Dich vollständig in die Reste Deiner Kleider gehüllt. „Fertig?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Dann komm“ sagt O. und geht vor Dir her durch das Meer der leeren Lemongetränkflaschen zur Fenstertür in der Küche. Dort schlüpfst Du in Deinen Parka, der hier über einem breiten roten Design-Hocker liegt. „Leb wohl“ sagt O. „Du auch!“ antwortest Du und trittst nach draußen auf die Terasse. Die Luft ist sehr kalt, im Garten von O., und lässt Dich all Deine schmerzenden Körperstellen spüren. Dein linkes Jochbein pocht und Deine Schädeldecke dröhnt, während Du Dich am Zaun nach vorne beugst, um Dein Fahrrad zu entsperren. Nun gibt es ZWEI schwerverletzte Frauen im Umfeld von O.