That Bittersmart Advent Tide

27.11.2015. Nachdem O. gegangen ist, stellst Du Dich vor den grossen, goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses und betrachtest die derangierte, fremde Frau, die Du darin erblickst: Unter die Räder gekommen. Bedauernswert. Verstört. So siehst Du aus, in Deinem zerknüllten weissen Pulli und den Trümmern Deiner an Dir herabhängenden Jeans. Es dauert lang, bis Du Dich von diesem Anblick lösen kannst. Dann kauerst Du Dich auf den Gabeh-Teppich und legst den Nasch-Kalender, den Du von O. bekamst, auf Deine Knie. Vertiefst Dich in das Bild des Großstadt-Engels auf der Vorderseite. Zeichnest die Konturen seiner hellgelben Flügel mit den Fingerspitzen nach. Und die der langen Haarsträhnen, die sein Gesicht verhüllen. Als Du damit fertig bist, drehst Du den Kalender um und beschäftigst Dich mit den Namen der in ihm enthaltenen Schokoladenkreationen. Es sind Namen voller Exotik und Verheissung wie Chashewpfeffer und Chai. Voller Suchtpotential wie Guarana. Voll Wehmut wie Bittersmart. Eben einfach: wie O.

Dass O.s facettenreiches Geschenk einen hohen Preis von Dir fordern wird, ahnst Du zu diesem Zeitpunkt nicht. Du bist einfach nur auf kaputte, tief erschöpfte Weise glücklich. Nimmst Dein Smartphone. Machst ein paar Bilder vom Aussenkarton des Adventskalenders. Und von dem, was O. von Deiner einstigen Lieblingsjeans an Deinem Körper übrig liess. Dann kriechst Du auf allen Vieren zum Sofa und nimmst Dir die gehäkelte Patchworkdecke, die dort liegt. Ein Relikt aus der Zeit Deines Lebens vor O. Ein Stück heile Welt. Bunt. Warm. Akkurat zusammengefaltet. Angefertigt von Deiner Oma, als sie schon sehr alt und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, Filethäkelei aber immer noch perfekt beherrschte. Du kuschelst Dich hinein und rollst Dich, so wie Du bist, auf dem Gabeh-Teppich zusammen. Fühlst, wie der Schockzustand, der von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieb, allmählich abklingt. Bist dankbar für die Wurzeln, die Ressourcen, die das Leben Dir gab. Die O. leider nicht hat. Schläfst ein.

Du lässt zwei Tage vergehen. Verbringst viel Zeit mit Deinem Sohn, der am Klavier die Chorstücke des Weihnachtsoratoriums von Bach einübt. Für einen wichtigen Auftritt in einem der großen Konzertsäle Eurer Stadt. Während Du ihm zuhörst, bemerkst Du, dass er sich verändert hat, in den drei Monaten Deines Wartens auf die Begegnung mit O. Größer und ernsthafter ist er geworden, weniger kindlich. Du bist stolz auf ihn. Und schämst Dich gleichzeitig, ihn so wenig beachtet zu haben in letzter Zeit. Du nimmst Dir vor, das zu ändern. Aber am 29.11.2015, dem Abend des ersten Sonntags im Advent, überfällt Dich eine Art innerer Zwang. Du scrollst durch die Galerie Deines Handys. Und lädst schließlich eine Deiner Fotografien von O.s Engelskalender als neues Profilbild auf Whatsapp hoch. Es sieht magisch und cool aus. Einigen Deiner Freunde fällt es sofort auf. Von O. selbst hörst Du allerdings nichts. Daraufhin stürzt, mit Einbruch der Nacht, Deine mühsam gewonnene Stabilität in sich zusammen.

Um 21.03h empfindest Du die Situtation als unerträglich. Und tust das, was Du eigentlich keinesfalls machen wolltest: Du nimmst Dein Handy, klickst Dich in Deine Chats mit O., der zum Glück nicht online ist und schreibst: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent! Dein Adventskalender bedeutet mir sehr viel, wie Du an dem geänderten Profilbild sehen kannst. Ich stehe noch völlig unter dem Eindruck der Begegnung mit Dir. Ich bin unglaublich davon beeindruckt, wie losgelöst, fast heiter Du Dich der Situtation  mit Deiner Freundin stellst. Es hat mich sehr bewegt und auch beschämt. Meine Bilder kommen  mir so banal und unpassend vor! Aber ich bin gerne weiterhin Deine heimliche Geliebte die für ein klein wenig Abwechslung sorgt wenn Du das möchtest. Danke nochmal für alles. Danke dass Du da warst. Die 100.- Euro hab ich auf die Seite getan. Ich will mir irgendwann mal was ganz Schönes dafür kaufen was mich an Dich erinnert. Im Moment habe ich aber keinen Plan was es sein könnte. Kuss! U.“

Der Abend vergeht mit lastendem Schweigen. Du wagst nicht mehr nachzusehen, ob O. Deine Nachrichten abruft. Bedrückt und einsam, ohne noch einmal aufs Handy zu schauen, gehst Du zu Bett. Erst am nächsten Morgen stellst Du fest, dass O. Dir tief in der Nacht geantwortet hat. „Guten Morgen!“ schrieb er um 3.59h. „Das ist ja lieb das du den Kalender als neues Profilfoto hast! Mir hat es auch gut getan dich am Freitag zu sehen!!! Und es war super geil dich in den Schuhen zu sehen!!! Und vor allem das du mir mein Arschloch geleckt hast!!! Kuss“ – „Was könnte es Schöneres geben als das nach so langer Zeit mal wieder zu machen ?“ schreibst Du ergriffen zurück. „Nichts!!!“ Dann suchst Du in Deinem Handy nach bisher unversendeten Bildern von den schwarzen Schuhen. Findest zwei, auf denen Deine Beine in hellbeigen, halterlosen Strümpfen und den schwarz glitzernden Peeptoes verführerisch in die Luft ragen. Schickst sie O. Hoffst. Wartest. Auf eine frivole, freche Antwort. Den ganzen langen Tag. Vergebens.

Am Dienstag, den 1.12.2015 stökelst Du vormittags frisch geduscht, in hellen halterlosen Strümpfen und auf weiss schimmernden Highheels ins Schlafzimmer. Nimmst O.s Adventskalender von der Kommode, drehst ihn um, schiebst sehr vorsichtig Deine Hand ins Innere der Kartonage und fischst mit spitzen Fingern das erste runde Schokoladentäfelchen heraus. Von der Rückseite her. Um möglichst NICHTS von der Aussenverpackung, vor allem aber nicht das Engelsmotiv auf der Vorderseite zu beschädigen. Es geht sehr gut. Erleichtert lässt Du die kleine, muschelfarbige Schokoscheibe auf Deiner Handinnenfläche ruhen. Bewunderst die feine Gravur mit geometrischen Mustern. Fotografierst sie auf Deiner flachen Hand, so dass Deine nackte Brust im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Dann legst Du Dich sanft aufs Bett, platzierst das Schokoladenmedaillon auf Deinem Bauch, zwischen Jugendstiltattoo und Nabel. Machst viele weitere Bilder. Erst dann gestattest Du der Hanf-Nougat-Kreation in Deinem Mund zu zergehen.

Spätnachmittags, bei Einbruch der Dämmerung,  schickst Du einige der Bilder an O. Stolz. Voller Zuversicht, dass sie ihm gefallen werden. „Es schmeckt wirklich fantastisch!“ schreibst Du dazu und tippst fünf Whatsapp-Kussmund-Lippen hinterher. Jedoch. O. ruft die Bilder zwar ab. Antwortet aber nicht. Weder an diesem Tag, noch an den folgenden, an denen Du ihn mit weiteren Fotos von runden Schokoladenplättchen auf Deinem halbnackten Körper versorgst. Und mit Beschreibungen deiner Geschmackserlebnisse samt der Fantasien die sie in Dir auslösen. Am 7.12.2015 kannst Du kurz aufatmen. „Guten Morgen. Freut mich das die Schokolade dir so gut schmeckt!“ schreibt O. an diesem Tag um 7.51h. Dann aber verfällt er wieder in Schweigen. Und lässt Dich mit deinem Gefühlschaos allein. Fast die ganze lange Adventszeit über, die so interessant und verheissungsvoll für Dich begann. Und nun in Ratlosigkeit und Düsternis zu enden droht. Was Du auch tust. Was immer Du auch versuchst. Es endet stets gleich. O. schweigt.

Am 15.12.2015 gibst Du das Fotografieren von Schokolade auf. Stattdessen nimmst Du die beiden 50-Euro-Scheine, die Du von O. bekamst, aus der Schublade Deiner Kommode, fährst damit in die City und betrittst zum ersten Mal in Deinem Leben den großen Erotikshop in der Fussgängerzone Eurer Stadt. Findest Dich erstaunlich schnell zwischen kichernden Teenagern und verklemmten Paaren mit Shades-of-Grey-Ambitionen zurecht. Stellst fest, dass Du eine Art intuitives Wissen erworben hast, durch welche Dessous Du zu dem spinxhaften Wunderwesen wirst, das O. während er Momente Deiner Idealisierung in Dir sah. Kaufst Netzcatsuits in verschiedenen Ausführungen und Farben. Burlesque-Handschuhe und Halsbänder aus Samt. Im Wert von 78,10. Fährst nach Hause. Duschst. Schminkst Dich stark. Schlüpfst in einen schwarzen Netzcatsuit mit Neckholder-Trägern und in die Peeptoes, die Du trugst beim Besuch von O. Nimmst den Selfiestick. Wirfst Dich im Schlafzimmer aufs Bett. Machst viele, viele Bilder für O.

„Geil“ schreibt O., als Du ihm am Morgen des folgenden Tages die Bilder schickst. „Darf ich Dich in dem Catsuit auch anpissen?“ – „Ja“ antwortest Du und fühlst Dich plötzlich als vollkommene Herrin des Geschehens. „Babe. Du bist einfach die beste sexy Lady aller Zeiten!!!“ textet O. „Ich liebe dich für deine Geilheit. Wenn du kannst, dann mach bitte heute noch neue Bilder für mich. Ich brauche es sooo sehr das du das für mich tust. Und auch ein paar schöne sms könnte ich im Moment sehr gut von Dir gebrauchen!“ – „Ich wollte Dir eh gerade noch sagen wie sehr ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Ich bin Dir so dankbar für alles was Du mir das ganze Jahr über gegeben hast.“ – „Bitte mein Schatz!“ textet O. zurück, „wenn du noch Zeit und Lust hast, dann schreibe mir ein paar schöne und geile Nachrichten!!!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du. Dann aber lehnst Du Dich erstmal auf Deiner Küchenbank zurück und atmest tief durch. „Sex zieht doch immer“ denkst Du und weisst: Du hast es mal wieder geschafft.

Am 23.12.2015 sind Dein Mann und Dein Sohn vormittags damit beschäftigt, gemeinsam eine Nordmanntanne auf der Terasse Eures Hauses aufzustellen und sie mit bunten LED-Girlanden zu schmücken. Du nutzst die Chance, Dich im Badezimmer einzusperren und die letzten vorweihnachtlichen Bilder zu machen für O. In Jeans, schwarzen Highheels und einem brustfreien, schwarzen BH. Am Abend, als der Schein der farbigen Lichter in der klaren Winterluft Euer Wohnzimmer in Vorfreude und Erwartung taucht, schickst Du die Bilder an O. „Weihnachten heißt an Dich zu denken!“ schreibst Du dazu. „Heute hat Lolos kleiner Neffe bei uns angerufen!!!“ schreibt O. nach einer Stunde zurück. „Er wollte zu mir kommen zum Spielen!!! Mit den Playmobilsachen die ich habe!!! Ich liebe Playmobil!!! Aber seine Mutter lässt ihn ja nicht kommen!!! Das hat mich richtig traurig gemacht!!! Weihnachten ist überhaupt ne schwierige Zeit für mich!!! Danke das du für mich da bist!!!“ – „O.! Ich werde IMMER für Dich da sein!!!“ antwortest Du. Und schickst ein grosses, rotes, pulsierendes Whatsapp-Herz hinterher…

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei
tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …


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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Feuilles Mortes

Montag, 6.Oktober 2014 8h. Der Herbst des Jahres ist sehr schnell gekommen. Jeden Morgen begleitest Du Deinen Sohn auf nebligen Strassen mit dem Fahrrad zu seiner idyllischen, kleinen Schule, die am südlichen Rand Eurer Stadt an ein Marienkloster angeschlossen ist. Während er Dir am Schultor zuwinkt, schaltest Du Dein Handy ein. Seit Deinem letzten Besuch im Haus mit den vielen Bildern hast Du nichts mehr von O. gehört. Kein Anruf. Keine Stimme auf der Mailbox. Keine Sms. Zwei volle Wochen lang: Nichts. Du kennst dieses Nichts inzwischen etwas besser als zu Beginn Eurer Freundschaft. Kennst die Gefühle, die es in Dir auslöst: Verwirrung. Verlustangst. Unsicherheit. Scham. Kennst die bangen Fragen, die es aufwirft. Spürst, wie sie verhindern, dass Du Dich innerlich einem anderen Thema zuwendest. Weisst aber auch, dass das Nichts irgendwann endet, wenn es Dir gelingt, tapfer und geduldig zu sein. Und heute ist es soweit. Gerade als Du auf Dein Rad steigen und nach Hause fahren willst piept Dein Handy. Charming Bell. Der Klingelton von O.

„Guten Morgen!“ schreibt er. „Guten Morgen“ schreibst Du zurück und lehnst Dein Fahrrad an der Friedhofsmauer vom Marienkloster an. „Hast Du es mit Anderen gemacht?“ fragt O. „Nein!“ antwortest Du. „Sei ehrlich, Schlampe!!!“ schreibt O. „Wirklich nicht!“ schreibst Du. „Ich will und brauch nur Dich!“ – „Ok“ schreibt O. Du suchst Halt an der Friedhofsmauer und versuchst innerlich in Deckung zu gehen vor den Fragesalven, die O. nun sicher gleich auf Dich abfeuern wird. Oder will er Dich jetzt sofort sehen? Nein, stellst Du fest, während die Oktoberkälte unter Deinen Parka kriecht. O. schreibt nicht mehr zurück. Du fährst nach Hause. Wärmst Dich auf. Googelst nachmittags am PC den Begriff Projektion. Ein psychischer Abwehrmechanismus, unverzichtbar im Selbstverteidigungsarsenal von Borderlinern, die ihn nutzen, um eigenes Fehlverhalten auszulagern, in ein Schattenreich, fern ihrer selbst. Indem sie es massiv dem Gegenüber unterstellen. Promisk zu sein, etwa …

Mittwoch, 8. 10.2014 Ein ruhiger Tag. Von O.? Nichts. Die Frage die er Dir gestellt hat, lässt Dir allerdings keine Ruhe. Wie kann er von Dir glauben, dass Du in den beiden Wochen seines Schweigens mit MEHREREN anderen Männern zusammengewesen wärst? Gegen Abend schreibst Du ihm, dass es keinen Mann in Deinem Umfeld gibt, für den Du annähernd so empfinden könntest wie für O. Dass es unvergleichlich und einzigartig für Dich ist, was Du mit ihm erlebst. Dass Du es niemals entwerten wollen würdest durch ein banales sexuelles Erlebnis mit irgendwem. Dass Du gern erfahren würdest, wie, wo und mit wem ER die vergangenen 14 Tage verbracht hat, schreibst Du ihm nicht. Und auch nicht, wie beleidigend Du seine Frage für sich genommen eigentlich findest. Beleidigend für Dich, aber auch für ihn selbst und für die schmerzlich-schöne letzte Begegnung die Ihr hattet. Du willst ihn nicht verärgern, jetzt, wo er von sich aus wieder mit Dir in Kontakt getreten ist. Deshalb bist Du sehr auf Deiner Hut.

Donnerstag, 9.10.2014 8h. Im Schatten des Marienklosters. Wieder schaltest Du Dein Handy ein. O. hat geschrieben, zu ganz früher Morgenstunde. „Ich will Dir einfach mal sagen dass ich sehr glücklich bin dass es Dich in meinem Leben gibt!“ textete er, während Du noch schliefst. Eine kleine Woge von Endorphinen strömt durch Dich hindurch. „Ich bin da auch sehr glücklich drüber !“ schreibst Du und schaust erwartungsvoll aufs Display. Jedoch, es kommt nichts mehr zurück. Im Lauf des sonnenlosen Tages verwandelt sich Dein morgendliches Hochgefühl. In Enttäuschung. Traurigkeit. Ärger auf Dich selbst. Du hättest so gerne mit O. gechattet. Warum musstest Du schlafen, unverzeihlicherweise genau dann, als er Gefühle und Gedanken mit Dir teilen wollte? Du fühlst Dich unzulänglich, mittelmäßig, wertlos. Dein Lebensstil ist zu philiströs für einen bohemienhaften Grenzgänger wie ihn. Viel zu normal. Zu langweilig. Zu angepasst. Das ist die eigentliche Botschaft die am Ende des Tages bleibt, von O.s morgendlicher Sms …

Freitag, 10.10.2014 14h. O. schreibt, unvermutet. „Du wohnst doch in der Nähe von der Parkanlage die hinter dem Haus anfängt wo wir uns kennengelernt haben, oder?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du. „Soll ich da jetzt hinkommen?“ – „Jetzt nicht!!!“ antwortet O. „Wollte es nur wissen. Aber vielleicht kannst Du ja mit dem Rad nachts mal für nen Autofick zu dem Parkplatz kommen der da ist!!!“ – „Doch, das könnte ich!“ schreibst Du. „Ich würde aber wollen dass Du nichts unter Deinem Mantel anhast wenn Du mit dem Rad kommst! Nur Schuhe und halterlose Strümpfe!“ schreibt O. „Das krieg ich hin!“ schreibst Du. „Auch wenn es noch kälter ist als jetzt?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Babe, Du bist einfach der Wahnsinn!!!“ schreibt O. Du kannst seine Begeisterung förmlich durch Dein Smartphone spüren. „Ich liebe es an Dir dass Du einfach alles für mich tust!“ – Und ich liebe es das zu machen!“ antwortest Du. „Ich würde noch viel mehr für Dich tun als nackt mit dem Rad durch die Kälte zu fahren!“ – „Danke Babe. Ich liebe Dich“ schreibt O.

Samstag, 11.10.2014 1h. Du versuchst zu schlafen. O. hat Dir ja eine wunderbare Glückspille verabreicht, heute. Es tat Dir gut zu erfahren, dass er nach wie vor besondere Pläne mit Dir hat, dass Du – wieder oder immer noch – Gegenstand seiner erotischen Phantasien und Ideen bist. Dass Du eine Rolle spielst im Reich seiner Imaginationen, und zwar eine die Dir sehr gefällt. Du brennst darauf, mit dem Fahrrad tief nachts in Highheels und Strümpfen irgendwohin zu kommen, wo er im Auto auf Dich wartet. Und dennoch hat O.s Sedativum einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Die Art, wie er über diesen Parkplatz ganz in Deiner Nähe schrieb, sie legte nahe dass er dort nicht zum ersten Mal sein würde, beim Date mit Dir. Es peinigt Dich, Dir vorstellen zu müssen, dass er öfter jemanden treffen könnte, an diesem unbesuchten Ort, frühmorgens, während Du Dich hier im Halbschlaf nach ihm sehnst. Und dass er schon viele Frauen dort erwartet hat, in all den Jahren, bevor Du ihm und seinen dunklen Träumen begegnet warst.

Es ist einer jener Momente in denen Du ernsthaft erwägst, radikal mit O. zu brechen. Alles was mit ihm zu tun hat vom Handy zu löschen, den Chatverlauf, die Bilder, die Du ihm geschickt hast, und seine Nummer zu blockieren. Aber was dann? Zurück in das Leben das Du hattest, vor der Begegnung mit O.? Ein Leben ohne permanente mentale Herausforderungen und Kraftproben, ohne emotionale Höhenflüge und Abstürze, ohne erotische Chats und Bilder? Ohne heimliche Besuche in exklusiven Domizilen? Es ist ein Leben das es nicht mehr gibt, stellst Du betroffen fest. Du bist gezeichnet für immer, von der kurzen Zeit mit O. Du wirst nie mehr leichten Herzens an dem Parkplatz bei der Grünanlage vorbeifahren können, genausowenig wie an der Stelle wo Ihr Euch kennengelernt habt. Du lebst in einer völlig neuen, O.-geprägten Realität, in der Uhrzeiten und Orte etwas Abgründiges bedeuten. O.s sinistres Raum-Zeitkontinuum hat sich über Deines gelegt und Dein altes Leben hat sich darin aufgelöst.

Montag, 13.10.2014 7h. O. hat geschrieben, kurz nach 4h morgens. Du musst angemessen gekleidet sein, für das Treffen beim Parkpklatz. Die schwarzen, halbhohen Stiefeletten, die Du bisher für ihn getragen hast, sind deplaziert. O. will, dass Du Dir „richtig heiße, hochhackige Fickschuhe“ kaufst. „Sie müssen nicht teuer sein, Hauptsache sie sehen nuttig aus!!!“ schrieb er. Gegen Nachmittag fährst Du los, zu einem Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe. Leider gibt es aktuell nur Schuhe mit Veloursleder-Optik, in gedämpften Herbstfarben. Nach langem Überlegen entscheidest Du Dich für ein Paar schwarzer Ankle-Boots mit Nieten im Fersenbereich und 13 mm hohen Absätzen. Zuhause machst Du ein paar Bilder: Du selbst, mit Parka, halterlosen Strümpfen und den neuen Schuhen vor dem Wohnzimmerspiegel. Schickst sie O. Wartest. Gegen Abend schreibt er: „Diese Schuhe entsprechen leider überhaupt nicht meinen Vorstellungen!!! Glaub nicht dass ich Dich in denen ficken kann!!!“ Danach: Schweigen.

Ein harmloses Paar Schuhe im Wert von 30.- Euro. Du hattest Dich sehr darüber gefreut, eigentlich. Dir überlegt, zu welchen Deiner Jeans und Kleider sie am Besten passen würden. Es war eine Art Cinderella-Moment als Du sie vor dem Spiegel anprobiertest. Seit O.s vernichtendem Urteil aber wurden sie für Dich zum Symbol einer schweren Niederlage, ja, einer Blamage. Wärst Du wirklich die hocherotische Frau, die Du vorgibst zu sein, hättest Du dann nicht Schuhe kaufen können, die ihm gefallen? Du hast versagt. Hast O. enttäuscht. Zurecht straft er Dich nun wieder mit seinem Schweigen. 22h. „Findest Du die Schuhe wirklich so häßlich?“ wagst Du ihm zu schreiben. Und siehe da, er antwortet: „An Deinen schönen Beinen sehen sie ganz gut aus“ schreibt er. „Aber wir müssen dann bald andere für Dich besorgen!“ – „Danke!“ antwortest Du. In der Nacht träumst Du von Kürbiskutschen und gläsernen Schuhen. Nur O. hat die Macht, die Kindheitsprinzessinn in Dir zum Leben zu erwecken. Und Du liebst ihn dafür.

Mittwoch, 15.10.2014 Ein verwunschener Oktobervormittag. Herbstlaub fällt im Sonnenlicht. O. schreibt, seltsam euphorisiert, verliebt, voll Tatendrang: „Meine Süße!! Ich bin gerade da wo wir uns kennengelernt haben!!! Und ich bin so unglaublich glücklich dass es Dich gibt!!!“ – „Magst Du mich vielleicht besuchen kommen?“ fragst Du. „Jetzt nicht!!“ antwortet O. „Aber ich will Dich heute abend in dem Haus ganz zärtlich umarmen und küssen wenn Du es mir erlaubst!!!“ – „Sooo gerne!“ antwortest Du. „Wann soll ich denn kommen?“ – „Das sage ich Dir noch!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!!“ „Zärtlichkeit von O. Wie wundervoll!“ denkst Du. Die Zeit vergeht. Du wartest. Erst voll Vertrauen und Zuversicht, dann immer nervöser. Dein Sohn kommt von der Schule. Abwesend und gedankenverloren betreust Du seine Hausaufgaben, stets das Handy im Blick. Die Nacht fällt ein. Du schickst O. ein einzelnes Fragezeichen. Keine Antwort. Du bist getäuscht worden. Bloßgestellt in Deinem Wunsch nach Nähe. Ganz einfach so.

„Haus war nicht frei“ simst O. am anderen Morgen. „Hättest Du mir das nicht früher schreiben können? “ fragst Du zurück. „Klar hätte ich! Aber wollte ich halt nicht!!“ antwortet O. „Du bist nur eine Nutte und ich kann machen was ich will!! Kapierst Du das nicht? Und wenn ich Lust habe in dem Haus ne Andere zu ficken kannst Du auch nichts dagegen tun!!!“ – „Hast Du das denn?“ fragst Du gequält. „Nein!“ antwortet O. „Aber eines Tages werde ich es machen und dann mußt Du zuschauen!!! Und jetzt halt endlich Dein Schlampenmaul, sonst blockier ich Dich vom Handy!!!“ – „Oh, klassisch!“ schreibt Dein Freund, der Sucht-Experte, als Du ihm den Chat erschüttert weiterleitest. „Er darf alles, Du darfst nichts. Du bist nur Dreck. Aber Vorsicht! So hart wie er Dich seelisch verletzt, so hart wird er auch körperlich gegen Dich vorgehen. Ich rate Dir, Dich von ihm zu trennen!“ – „Ich will die Parkplatz-Nummer noch erleben!“ schreibst Du kleinlaut. „Ok“ schreibt Dein Freund. „Gönn Dir. Aber dann zieh bitte die Notbremse!“

Freitag, 17.10.2014 Dein Freund hat natürlich recht. Besser heute als morgen solltest Du die Reißleine ziehen. Dich psychisch und physisch in Sicherheit bringen vor einem Mann, der willkürlich mit Deinen Gefühlen spielt. Und Dich anschließend demütigt und bestraft für Dinge die er selber falsch gemacht hat. Es gibt keinen vernünftigen Grund bei O. zu bleiben, nach dem was Du in den letzten beiden Tagen mit ihm erlebt hast. Du beschließt, Dich innerlich von ihm abzuwenden. Nimmst Dir vor, ihm nicht mehr zu schreiben. Und den Blick nach vorne zu richten. Es fühlt sich wohltuend an. Du verbringst einen ruhigen Abend. Hörst Musik. Wirst früh schlafen gehen. Aber genau in dem Moment wo Du Dein Handy abschalten willst bekommst Du eine Sms. „Gute Nacht, Kleine!“ schreibt O. „Glaub mir, Du bist die Einzigste für mich! Bitte sag mir wann Du nachts um 4h mal rausgehen kannst!! Ich will Dich unbedingt bald in Strümpfen und Schuhen am Parkplatz sehen!!“ – „Von 26. auf 27.10.“ schreibst Du. „Wunderbar!!!“ antwortet O. …

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Into the Dark …

Samstag, 2.8.2014 Wieder bist Du früh am Morgen wach. Dein erster Gedanke gilt O. und seiner überstürzten Abreise aus der Stadt. Du willst ihm schöne Tage wünschen und ihm sagen dass Du Dich auf seine Rückkehr freust. Aber die Sms die Du ihm schreibst, scheint vollkommen ins Leere zu laufen, Du siehst sie förmlich in einem grossen schwarzen Loch verschwinden. Dein Handy fühlt sich tot an, irgendeiner Energie beraubt. Und in Dir breitet sich ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit aus. Er ist weg, gegangen. Unerreichbar, unauffindbar für Dich. Verschwunden für immer. Du bist in eine schreckliche Falle gelaufen. Hast nicht bemerkt als er sich gestern verabschiedete, dass es sein Trick war um Dich loszuwerden, Dich für immer allein zu lassen in dem Leben das Dir ohne ihn vollkommen leer und sinnlos erscheint.  Du fühlst Dich übertölpelt, ausgetrickst, der Lächerlichkeit preisgegeben. Du hast ihn wohl gelangweilt, nach wenigen Tagen, und nun hat er sich unter einem Vorwand davongestohlen. Du schämst Dich wie ein Kind.

Sonntag, 3.8.2014 Er ist also gegangen. Durch die Hintertür aus Deinem Leben geschlichen, genauso schnell und rücksichtslos wie er durch die Vordertür hereingestürmt ist. Du hast Mühe alles zu sortieren was an Gefühlen auf Dich einstürmt. Ihr habt Euch bisher ja nur Eure Vornamen gesagt und keine genaue Wohnadresse. Es schien geheimnisvoll und leicht, nun aber fühlt es sich brutal und grausam für Dich an. Du versuchst zu kämpfen. Er hat Dir gesagt dass er selbständig ist, im Garten- und Landschaftsbau, und in welchem Stadtviertel er wohnt und arbeitet. Also suchst Du im Internet und blätterst im Branchenbuch. Wieder und wieder. Aber leider, Du findest nichts. Es gibt keine Gartenbaufirma die auf O. passen würde. Du versuchst mit Hilfe der Telekom zu ermitteln, welcher Name zu der Handynummer gehört, unter der er Dir geschrieben hat. Kein Ergebnis. Der Besitzer des Handys hat diese Suchfunktion blockiert. Auf der Mailbox des Handys befindet sich auch keine persönliche Ansage. Du stehst mit leeren Händen da.

Montag, 4.8.2014 Du versuchst in Deinen Alltag zurückzukehren. Schließlich bist Du eine verheiratete Frau und hast einen Sohn im Teenageralter, der Deine Aufmerksamkeit braucht. Und die Sommerferien haben begonnen, normalerweise eine entspannte, schöne Zeit für Dich und ihn. Du unternimmst mit ihm zusammen eine kleine Fahrradtour. Sein fröhliches Geplauder während er neben Dir herfährt tut Dir gut und lenkt Dich ab. Aber auf Eurem Weg nach Hause müsst Ihr die Stelle passieren an der O. Dich vor elf Tagen ansprach. Schon hundert Meter davor befällt Dich eine schreckliche Beklemmung. Deine Hände werden feucht, Dein Herz rast, Du krümmst Dich über Deinem Fahrrad. Mit eingezogenem Kopf, ohne hinsehen zu können, fährst Du an der Marmorwand vorbei. Atmest auf als Du im Park dahinter ankommst. Und spürst: O. hat Dich im Innersten getroffen. Dies war kein harmloses Sommerabenteuer. Es war ein Angriff, ein Attentat, auf Deine Seele genauso wie auf Deinen Körper. Dieser Mann ist sehr gefährlich für Dich.

Dienstag, 5.8.2014 Du frühstückst. Immerhin hast Du nun Zeit nachzudenken, Zeit, Deine Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Mosaiksteine zusammenzusetzen. Diese vermeintlich so perfekte erotische Begegnung am 25. Juli, hatte sie nicht ein paar Schönheitsfehler? Du erinnerst Dich an Eure Gespräche im Auto während der Fahrt zur alten Villa. Charmant und locker war der Ton, Du fühltest Dich sehr wohl. Bloß schaute O. Dir während der Gespräche niemals ins Gesicht, sondern ließ nur ständig seine Blicke über Deinen Körper streifen. Einmal schob er unterm Fahren Deine Beine auseinander, mit einer harten, ungeduldigen, lieblosen Handbewegung. Unmittelbar nach dem Sex dann hattest Du Dich in seinen Arm kuscheln wollen. Unter vielen Küssen versuchtest Du zu sagen, dass Du noch nie beim ersten Mal mit einem Mann zum Orgasmus gekommen seist, so wie mit ihm gerade eben. Er aber schob Dich einfach von sich weg und sagte es sei zu riskant noch länger hierzubleiben und allerhöchste Zeit das Haus zu verlassen.

Dann die Rückfahrt im Auto. Wieder hattet Ihr entspannt geplaudert. Alles war gut. Aber als Du sagtest Ihr könntet Euch ja auch mal irgendwo zum Baden treffen, jetzt im Sommer, da hatte er Dich entsetzt, fast panisch angeschaut, als könne er sich nichts Absurderes vorstellen als mit Dir gemeinsam in einem See zu schwimmen. Verlegen lachend warst Du über die Peinlichkeit hinweg gegangen. Im Autoradio war Alternative Rock der 90er Jahre einprogrammiert, Pearl Jam, Nirvana, sogar REM. Aber so sehr Du genau diese Musik auch liebst, so wenig konntest Du mit ihm darüber sprechen, seltsamerweise. Und dann war Dir noch aufgefallen dass es keinerlei persönliche Gegenstände in dem Auto gab, die auf irgendeine Vorliebe, ein Hobby oder eine Beschäftigung hätten schließen lassen. Kein Maskottchen, kein Buch, kein Zettel, nichts. Auch sein Handy, auf dem er Dir so viel geschrieben hatte, war nirgendwo zu sehen. Das Auto war leergeräumt,  jeglicher Identität beraubt, es hatte keinerlei Wiedererkennungswert, und Du fragtest Dich warum.

Donnerstag, 7.8.2014 Du bist an einem mentalen Tiefpunkt. So sehr Du auch versuchst, Dich mit der Endgültigkeit der Lage abzufinden, so sehr Du Dich bemühst, den Blick nach vorne zu richten, etwas in Deinem Innneren sträubt sich mit aller Kraft dagegen. Du schreibst noch einmal eine Sms, anzüglich, provozierend, voller sexueller Angebote. Sie verschwindet im Nichts. Stunden später. Du brichst innerlich völlig zusammen. Tippst O.s Handynummer, sprichst auf die Mailbox, flehend, verzweifelt, unterwürfig. Redest davon, dass Du doch wenigstens eine Erklärung verdient hast und ähnliches dummes Zeug. Wiederum nichts. Alles was Du tust verschwindet in dieser absoluten Stille, die sich auch in Deinem Haus um Dich herum ausbreitet und jedes Geräusch zu schlucken oder mindestens zu dämpfen scheint. Wie durch einen Wattenebel bist Du von allem Anderen abgetrennt. Und O.s Verschwinden scheint auch all Deine anderen Freunde und Bekannten mit sich genommen zu haben. Niemand meldet sich. Niemand chattet mit Dir. Du bist allein.

Freitag, 8.8.2014 Spätnachmittag. Du bist ein wenig ruhiger heute. „Ok, er ist weg“, denkst Du. Es hätte eine tolle Zeit werden können mit Euch beiden. Selbst schuld wenn er sie nicht erleben will. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. Es ist O. „Hi Babe“, schreibt er, „willst es wieder machen?“ – „Heute nicht“ antwortest Du, während Dein Herzschlag für Sekunden aussetzt. „Dann schick mir Bilder!!“ fordert er. Wie ferngesteuert gehst Du ins Schlafzimmer und machst zwei Selfies für ihn. „Oh Babe, ich muss es heute noch mit Dir machen!! Deine Bilder sind schuld!!!“ schreibt er. 22h. Du stehst am gleichen Treffpunkt wie vor zwei Wochen. O. kommt mit dem Auto, nachlässig gekleidet in Shirt und Jogginghose. Mit ausdruckslosem Gesicht starrt er auf Deine Beine während Du einsteigst. Ein weisses Laken ist über den Beifahrersitz gebreitet. O. gibt keine Erklärungen ab. „Wir fahren jetzt schnell zur Garage von einem Freund“ sagt er, mehr nicht. Er bringt Dich zu einem ganz neu gebauten Stadthaus in einer ruhigen Seitenstrasse. Geräuschlos öffnet und schliesst sich ein vollautomatisches Garagentor. Du bist gefangen. O. legt seine Basecap ab und Du schlüpfst aus Deiner Jeans. „So, komm her Du Drecksau!“ sagt er und quetscht Deine Brüste mehrmals mit seinen großen Händen. Es tut sehr weh. „Du brauchst das!“ sagt er, während er die Jogginghose nur ein kleines Stück herunter zieht, sich in die rechte Innenhandfläche spuckt und mit einer provozierend langsamen Bewegung seinen Schwanz damit anfeuchtet. Du rutschst ihm auf dem Beifahrersitz entgegen und er kniet sich vor Dich und dringt hart und rücksichtslos in Dich ein. Während er zustösst krallt er eine Hand in Deine kurzen Haare und reisst Dir den Hinterkopf in den Nacken. Er küsst Dich so, dass Du seine sehr scharfen Zähne an Deiner  Zunge spürst. Deine Oberlippe platzt ein wenig auf. O. kniet sich nun rittlings vor Dich, so dass Du seine Handbewegungen gut sehen kannst. Unter verächtlichem Stöhnen besorgt er es sich selber und spritzt auf das Tattoo unter Deinem Bauchnabel. „Da, Schlampe“ sagt er und reicht Dir ein Papiertaschentuch. Wortlos bringt er Dich danach zum Treffpunkt zurück. Im Sonnenschutzspiegel siehst Du, dass Du blass und abgekämpft aussiehst und Deine Lippe blutet. „Also Kleine, steig aus, ich muss jetzt schlafen!“  sagt er zum Abschied. „Aber ich schreib Dir nachher noch was Liebes“. „Ciao“ sagst Du nur und machst die Autotür hinter Dir zu. Kurz bevor Du bei Dir daheim die Haustür aufsperrst bekommst Du eine Sms: „Das war heute unsere letzte Nummer, ich kann das nicht mehr dass ich meine Freundin mit Dir betrüge!!“ schreibt O. „Oh cool, dann bin ich froh dass wir es heute wenigstens nochmal hatten!“ antwortest Du. Und gehst erschöpft zu Bett.

Samstag, 9.8.2014 Vormittag. Du bist definitv NICHT Scarlett O` Hara, die nach der Vergewaltigung durch Rhett am nächsten Morgen taufrisch und belebt erwacht. Du fühlst Dich sandgestrahlt und zerschlagen. Erst gegen Abend kommst Du auf die Beine. Von O.? Natürlich nichts. Er hat ja mit Dir Schluss gemacht …

Sonntag, 10.8.2014 Spätnachmittag. Du suchst Entspannung in der Sauna. Im Freiluftbereich hast Du Dein Handy neben Dir. Es piept. „Was machst Du heute?“ fragt O. „Chillen!“ antwortest Du. „Mich von den Verletzungen erholen, die der Sex mit Dir hinterlassen hat!“ – „Schade!“ schreibt er. „Ich hätte Dich sonst gern gefickt!“

Montag, 11.8.2014 Alles ist ruhig. Nichts von O. Erneut versuchst Du, Deine Gedanken ein wenig zu ordnen. Er ist also zurück gekommen, zurück in Dein Leben. Darüber bist Du sehr, sehr froh, ja, es ist im Moment sogar das Allerwichtigste für Dich. Was aber stellt er seit seiner Rückkehr in Deinem Leben an? Hatte er nicht sein Herz prüfen, die Tiefe seiner Gefühle zu Dir ausloten wollen? Dir mitteilen wohin Eure Verbindung führen soll? Nichts dergleichen ist passiert. Und Du hast auch nichts Näheres über ihn erfahren. Nur körperliche Schmerzen hat er Dir nun tatsächlich zugefügt. So wie er es plante, bevor er so rätselhaft verschwand.

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