Feuilles Mortes

Montag, 6.Oktober 2014 8h. Der Herbst des Jahres ist sehr schnell gekommen. Jeden Morgen begleitest Du Deinen Sohn auf nebligen Strassen mit dem Fahrrad zu seiner idyllischen, kleinen Schule, die am südlichen Rand Eurer Stadt an ein Marienkloster angeschlossen ist. Während er Dir am Schultor zuwinkt, schaltest Du Dein Handy ein. Seit Deinem letzten Besuch im Haus mit den vielen Bildern hast Du nichts mehr von O. gehört. Kein Anruf. Keine Stimme auf der Mailbox. Keine Sms. Zwei volle Wochen lang: Nichts. Du kennst dieses Nichts inzwischen etwas besser als zu Beginn Eurer Freundschaft. Kennst die Gefühle, die es in Dir auslöst: Verwirrung. Verlustangst. Unsicherheit. Scham. Kennst die bangen Fragen, die es aufwirft. Spürst, wie sie verhindern, dass Du Dich innerlich einem anderen Thema zuwendest. Weisst aber auch, dass das Nichts irgendwann endet, wenn es Dir gelingt, tapfer und geduldig zu sein. Und heute ist es soweit. Gerade als Du auf Dein Rad steigen und nach Hause fahren willst piept Dein Handy. Charming Bell. Der Klingelton von O.

„Guten Morgen!“ schreibt er. „Guten Morgen“ schreibst Du zurück und lehnst Dein Fahrrad an der Friedhofsmauer vom Marienkloster an. „Hast Du es mit Anderen gemacht?“ fragt O. „Nein!“ antwortest Du. „Sei ehrlich, Schlampe!!!“ schreibt O. „Wirklich nicht!“ schreibst Du. „Ich will und brauch nur Dich!“ – „Ok“ schreibt O. Du suchst Halt an der Friedhofsmauer und versuchst innerlich in Deckung zu gehen vor den Fragesalven, die O. nun sicher gleich auf Dich abfeuern wird. Oder will er Dich jetzt sofort sehen? Nein, stellst Du fest, während die Oktoberkälte unter Deinen Parka kriecht. O. schreibt nicht mehr zurück. Du fährst nach Hause. Wärmst Dich auf. Googelst nachmittags am PC den Begriff Projektion. Ein psychischer Abwehrmechanismus, unverzichtbar im Selbstverteidigungsarsenal von Borderlinern, die ihn nutzen, um eigenes Fehlverhalten auszulagern, in ein Schattenreich, fern ihrer selbst. Indem sie es massiv dem Gegenüber unterstellen. Promisk zu sein, etwa …

Mittwoch, 8. 10.2014 Ein ruhiger Tag. Von O.? Nichts. Die Frage die er Dir gestellt hat, lässt Dir allerdings keine Ruhe. Wie kann er von Dir glauben, dass Du in den beiden Wochen seines Schweigens mit MEHREREN anderen Männern zusammengewesen wärst? Gegen Abend schreibst Du ihm, dass es keinen Mann in Deinem Umfeld gibt, für den Du annähernd so empfinden könntest wie für O. Dass es unvergleichlich und einzigartig für Dich ist, was Du mit ihm erlebst. Dass Du es niemals entwerten wollen würdest durch ein banales sexuelles Erlebnis mit irgendwem. Dass Du gern erfahren würdest, wie, wo und mit wem ER die vergangenen 14 Tage verbracht hat, schreibst Du ihm nicht. Und auch nicht, wie beleidigend Du seine Frage für sich genommen eigentlich findest. Beleidigend für Dich, aber auch für ihn selbst und für die schmerzlich-schöne letzte Begegnung die Ihr hattet. Du willst ihn nicht verärgern, jetzt, wo er von sich aus wieder mit Dir in Kontakt getreten ist. Deshalb bist Du sehr auf Deiner Hut.

Donnerstag, 9.10.2014 8h. Im Schatten des Marienklosters. Wieder schaltest Du Dein Handy ein. O. hat geschrieben, zu ganz früher Morgenstunde. „Ich will Dir einfach mal sagen dass ich sehr glücklich bin dass es Dich in meinem Leben gibt!“ textete er, während Du noch schliefst. Eine kleine Woge von Endorphinen strömt durch Dich hindurch. „Ich bin da auch sehr glücklich drüber !“ schreibst Du und schaust erwartungsvoll aufs Display. Jedoch, es kommt nichts mehr zurück. Im Lauf des sonnenlosen Tages verwandelt sich Dein morgendliches Hochgefühl. In Enttäuschung. Traurigkeit. Ärger auf Dich selbst. Du hättest so gerne mit O. gechattet. Warum musstest Du schlafen, unverzeihlicherweise genau dann, als er Gefühle und Gedanken mit Dir teilen wollte? Du fühlst Dich unzulänglich, mittelmäßig, wertlos. Dein Lebensstil ist zu philiströs für einen bohemienhaften Grenzgänger wie ihn. Viel zu normal. Zu langweilig. Zu angepasst. Das ist die eigentliche Botschaft die am Ende des Tages bleibt, von O.s morgendlicher Sms …

Freitag, 10.10.2014 14h. O. schreibt, unvermutet. „Du wohnst doch in der Nähe von der Parkanlage die hinter dem Haus anfängt wo wir uns kennengelernt haben, oder?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du. „Soll ich da jetzt hinkommen?“ – „Jetzt nicht!!!“ antwortet O. „Wollte es nur wissen. Aber vielleicht kannst ja mit dem Radl nachts mal für nen Autofick zu dem Parkplatz kommen der da ist!!!“ – „Doch, das könnte ich!“ schreibst Du. „Ich würde aber wollen dass Du nichts unter Deinem Mantel anhast wennst mit dem Rad kommst! Nur Schuhe und halterlose Strümpfe!“ schreibt O. „Das krieg ich hin!“ schreibst Du. „Auch wenns noch kälter ist als jetzt?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Babe, Du bist einfach der Wahnsinn!!!“ schreibt O. Du kannst seine Begeisterung förmlich durch Dein Smartphone spüren. „Ich liebe es an Dir dass Du einfach alles für mich tust!“ – Und ich liebe es das zu machen!“ antwortest Du. „Ich würde noch viel mehr für Dich tun als nackt mit dem Rad durch die Kälte zu fahren!“ – „Danke Babe. Ich liebe Dich“ schreibt O.

Samstag, 11.10.2014 1h. Du versuchst zu schlafen. O. hat Dir ja eine wunderbare Glückspille verabreicht, heute. Es tat Dir gut zu erfahren, dass er nach wie vor besondere Pläne mit Dir hat, dass Du – wieder oder immer noch – Gegenstand seiner erotischen Phantasien und Ideen bist. Dass Du eine Rolle spielst im Reich seiner Imaginationen, und zwar eine die Dir sehr gefällt. Du brennst darauf, mit dem Fahrrad tief nachts in Highheels und Strümpfen irgendwohin zu kommen, wo er im Auto auf Dich wartet. Und dennoch hat O.s Sedativum einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Die Art, wie er über diesen Parkplatz ganz in Deiner Nähe schrieb, sie legte nahe dass er dort nicht zum ersten Mal sein würde, beim Date mit Dir. Es peinigt Dich, Dir vorstellen zu müssen, dass er öfter jemanden treffen könnte, an diesem unbesuchten Ort, frühmorgens, während Du Dich hier im Halbschlaf nach ihm sehnst. Und dass er schon viele Frauen dort erwartet hat, in all den Jahren, bevor Du ihm und seinen dunklen Träumen begegnet warst.

Es ist einer jener Momente in denen Du ernsthaft erwägst, radikal mit O. zu brechen. Alles was mit ihm zu tun hat vom Handy zu löschen, den Chatverlauf, die Bilder, die Du ihm geschickt hast, und seine Nummer zu blockieren. Aber was dann? Zurück in das Leben das Du hattest, vor der Begegnung mit O.? Ein Leben ohne permanente mentale Herausforderungen und Kraftproben, ohne emotionale Höhenflüge und Abstürze, ohne erotische Chats und Bilder? Ohne heimliche Besuche in exklusiven Domizilen? Es ist ein Leben das es nicht mehr gibt, stellst Du betroffen fest. Du bist gezeichnet für immer, von der kurzen Zeit mit O. Du wirst nie mehr leichten Herzens an dem Parkplatz bei der Grünanlage vorbeifahren können, genausowenig wie an der Stelle wo Ihr Euch kennengelernt habt. Du lebst in einer völlig neuen, O.-geprägten Realität, in der Uhrzeiten und Orte etwas Abgründiges bedeuten. O.s sinistres Raum-Zeitkontinuum hat sich über Deines gelegt und Dein altes Leben hat sich darin aufgelöst.

Montag, 13.10.2014 7h. O. hat geschrieben, kurz nach 4h morgens. Du musst angemessen gekleidet sein, für das Treffen beim Parkpklatz. Die schwarzen, halbhohen Stiefeletten, die Du bisher für ihn getragen hast, sind deplaziert. O. will, dass Du Dir „richtig heiße, hochhackige Fickschuhe“ kaufst. „Sie müssen nicht teuer sein, Hauptsache sie sehen nuttig aus!!!“ schrieb er. Gegen Nachmittag fährst Du los, zu einem Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe. Leider gibt es aktuell nur Schuhe mit Veloursleder-Optik, in gedämpften Herbstfarben. Nach langem Überlegen entscheidest Du Dich für ein Paar schwarzer Ankle-Boots mit Nieten im Fersenbereich und 13 mm hohen Absätzen. Zuhause machst Du ein paar Bilder: Du selbst, mit Parka, halterlosen Strümpfen und den neuen Schuhen vor dem Wohnzimmerspiegel. Schickst sie O. Wartest. Gegen Abend schreibt er: „Diese Schuhe entsprechen leider überhaupt nicht meinen Vorstellungen!!! Glaub nicht dass ich Dich in denen ficken kann!!!“ Danach: Schweigen.

Ein harmloses Paar Schuhe im Wert von 30.- Euro. Du hattest Dich sehr darüber gefreut, eigentlich. Dir überlegt, zu welchen Deiner Jeans und Kleider sie am Besten passen würden. Es war eine Art Cinderella-Moment als Du sie vor dem Spiegel anprobiertest. Seit O.s vernichtendem Urteil aber wurden sie für Dich zum Symbol einer schweren Niederlage, ja, einer Blamage. Wärst Du wirklich die hocherotische Frau, die Du vorgibst zu sein, hättest Du dann nicht Schuhe kaufen können, die ihm gefallen? Du hast versagt. Hast O. enttäuscht. Zurecht straft er Dich nun wieder mit seinem Schweigen. 22h. „Findest Du die Schuhe wirklich so häßlich?“ wagst Du ihm zu schreiben. Und siehe da, er antwortet: „An Deinen schönen Beinen sehen sie ganz gut aus“ schreibt er. „Aber wir müssen dann bald andere für Dich besorgen!“ – „Danke!“ antwortest Du. In der Nacht träumst Du von Kürbiskutschen und gläsernen Schuhen. Nur O. hat die Macht, die Kindheitsprinzessinn in Dir zum Leben zu erwecken. Und Du liebst ihn dafür.

Mittwoch, 15.10.2014 Ein verwunschener Oktobervormittag. Herbstlaub fällt im Sonnenlicht. O. schreibt, seltsam euphorisiert, verliebt, voll Tatendrang: „Meine Süße!! Ich bin gerade da wo wir uns kennengelernt haben!!! Und ich bin so unglaublich glücklich dass es Dich gibt!!!“ – „Magst Du mich vielleicht besuchen kommen?“ fragst Du. „Jetzt nicht!!“ antwortet O. „Aber ich will Dich heute abend in dem Haus ganz zärtlich umarmen und küssen wenn Du es mir erlaubst!!!“ – „Sooo gerne!“ antwortest Du. „Wann soll ich denn kommen?“ – „Das sage ich Dir noch!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!!“ „Zärtlichkeit von O. Wie wundervoll!“ denkst Du. Die Zeit vergeht. Du wartest. Erst voll Vertrauen und Zuversicht, dann immer nervöser. Dein Sohn kommt von der Schule. Abwesend und gedankenverloren betreust Du seine Hausaufgaben, stets das Handy im Blick. Die Nacht fällt ein. Du schickst O. ein einzelnes Fragezeichen. Keine Antwort. Du bist getäuscht worden. Bloßgestellt in Deinem Wunsch nach Nähe. Ganz einfach so.

„Haus war nicht frei“ simst O. am anderen Morgen. „Hättest Du mir das nicht früher schreiben können? “ fragst Du zurück. „Klar hätte ich! Aber wollte ich halt nicht!!“ antwortet O. „Du bist nur eine Nutte und ich kann machen was ich will!! Kapierst Du das nicht? Und wenn ich Lust habe in dem Haus ne Andere zu ficken kannst Du auch nichts dagegen tun!!!“ – „Hast Du das denn?“ fragst Du gequält. „Nein!“ antwortet O. „Aber eines Tages werde ich es machen und dann mußt Du zuschauen!!! Und jetzt halt endlich Dein Schlampenmaul, sonst blockier ich Dich vom Handy!!!“ – „Oh, klassisch!“ schreibt Dein Freund, der Sucht-Experte, als Du ihm den Chat erschüttert weiterleitest. „Er darf alles, Du darfst nichts. Du bist nur Dreck. Aber Vorsicht! So hart wie er Dich seelisch verletzt, so hart wird er auch körperlich gegen Dich vorgehen. Ich rate Dir, Dich von ihm zu trennen!“ – „Ich will die Parkplatz-Nummer noch erleben!“ schreibst Du kleinlaut. „Ok“ schreibt Dein Freund. „Gönn Dir. Aber dann zieh bitte die Notbremse!“

Freitag, 17.10.2014 Dein Freund hat natürlich recht. Besser heute als morgen solltest Du die Reißleine ziehen. Dich psychisch und physisch in Sicherheit bringen vor einem Mann, der willkürlich mit Deinen Gefühlen spielt. Und Dich anschließend demütigt und bestraft für Dinge die er selber falsch gemacht hat. Es gibt keinen vernünftigen Grund bei O. zu bleiben, nach dem was Du in den letzten beiden Tagen mit ihm erlebt hast. Du beschließt, Dich innerlich von ihm abzuwenden. Nimmst Dir vor, ihm nicht mehr zu schreiben. Und den Blick nach vorne zu richten. Es fühlt sich wohltuend an. Du verbringst einen ruhigen Abend. Hörst Musik. Wirst früh schlafen gehen. Aber genau in dem Moment wo Du Dein Handy abschalten willst bekommst Du eine Sms. „Gute Nacht, Kleine!“ schreibt O. „Glaub mir, Du bist die Einzigste für mich! Bitte sag mir wann Du nachts um 4h mal rausgehen kannst!! Ich will Dich unbedingt bald in Strümpfen und Schuhen am Parkplatz sehen!!“ – „Von 26. auf 27.10.“ schreibst Du. „Wunderbar!!!“ antwortet O. …

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Into the Dark …

Samstag, 2.8.2014 Wieder bist Du früh am Morgen wach. Dein erster Gedanke gilt O. und seiner überstürzten Abreise aus der Stadt. Du willst ihm schöne Tage wünschen und ihm sagen dass Du Dich auf seine Rückkehr freust. Aber die Sms die Du ihm schreibst, scheint vollkommen ins Leere zu laufen, Du siehst sie förmlich in einem grossen schwarzen Loch verschwinden. Dein Handy fühlt sich tot an, irgendeiner Energie beraubt. Und in Dir breitet sich ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit aus. Er ist weg, gegangen. Unerreichbar, unauffindbar für Dich. Verschwunden für immer. Du bist in eine schreckliche Falle gelaufen. Hast nicht bemerkt als er sich gestern verabschiedete, dass es sein Trick war um Dich loszuwerden, Dich für immer allein zu lassen in dem Leben das Dir ohne ihn vollkommen leer und sinnlos erscheint.  Du fühlst Dich übertölpelt, ausgetrickst, der Lächerlichkeit preisgegeben. Du hast ihn wohl gelangweilt, nach wenigen Tagen, und nun hat er sich unter einem Vorwand davongestohlen. Du schämst Dich wie ein Kind.

Sonntag, 3.8.2014 Er ist also gegangen. Durch die Hintertür aus Deinem Leben geschlichen, genauso schnell und rücksichtslos wie er durch die Vordertür hereingestürmt ist. Du hast Mühe alles zu sortieren was an Gefühlen auf Dich einstürmt. Ihr habt Euch bisher ja nur Eure Vornamen gesagt und keine genaue Wohnadresse. Es schien geheimnisvoll und leicht, nun aber fühlt es sich brutal und grausam für Dich an. Du versuchst zu kämpfen. Er hat Dir gesagt dass er selbständig ist, im Garten- und Landschaftsbau, und in welchem Stadtviertel er wohnt und arbeitet. Also suchst Du im Internet und blätterst im Branchenbuch. Wieder und wieder. Aber leider, Du findest nichts. Es gibt keine Gartenbaufirma die auf O. passen würde. Du versuchst mit Hilfe der Telekom zu ermitteln, welcher Name zu der Handynummer gehört, unter der er Dir geschrieben hat. Kein Ergebnis. Der Besitzer des Handys hat diese Suchfunktion blockiert. Auf der Mailbox des Handys befindet sich auch keine persönliche Ansage. Du stehst mit leeren Händen da.

Montag, 4.8.2014 Du versuchst in Deinen Alltag zurückzukehren. Schließlich bist Du eine verheiratete Frau und hast einen Sohn im Teenageralter, der Deine Aufmerksamkeit braucht. Und die Sommerferien haben begonnen, normalerweise eine entspannte, schöne Zeit für Dich und ihn. Du unternimmst mit ihm zusammen eine kleine Fahrradtour. Sein fröhliches Geplauder während er neben Dir herfährt tut Dir gut und lenkt Dich ab. Aber auf Eurem Weg nach Hause müsst Ihr die Stelle passieren an der O. Dich vor elf Tagen ansprach. Schon hundert Meter davor befällt Dich eine schreckliche Beklemmung. Deine Hände werden feucht, Dein Herz rast, Du krümmst Dich über Deinem Fahrrad. Mit eingezogenem Kopf, ohne hinsehen zu können, fährst Du an der Marmorwand vorbei. Atmest auf als Du im Park dahinter ankommst. Und spürst: O. hat Dich im Innersten getroffen. Dies war kein harmloses Sommerabenteuer. Es war ein Angriff, ein Attentat, auf Deine Seele genauso wie auf Deinen Körper. Dieser Mann ist sehr gefährlich für Dich.

Dienstag, 5.8.2014 Du frühstückst. Immerhin hast Du nun Zeit nachzudenken, Zeit, Deine Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Mosaiksteine zusammenzusetzen. Diese vermeintlich so perfekte erotische Begegnung am 25. Juli, hatte sie nicht ein paar Schönheitsfehler? Du erinnerst Dich an Eure Gespräche im Auto während der Fahrt zur alten Villa. Charmant und locker war der Ton, Du fühltest Dich sehr wohl. Bloß schaute O. Dir während der Gespräche niemals ins Gesicht, sondern ließ nur ständig seine Blicke über Deinen Körper streifen. Einmal schob er unterm Fahren Deine Beine auseinander, mit einer harten, ungeduldigen, lieblosen Handbewegung. Unmittelbar nach dem Sex dann hattest Du Dich in seinen Arm kuscheln wollen. Unter vielen Küssen versuchtest Du zu sagen, dass Du noch nie beim ersten Mal mit einem Mann zum Orgasmus gekommen seist, so wie mit ihm gerade eben. Er aber schob Dich einfach von sich weg und sagte es sei zu riskant noch länger hierzubleiben und allerhöchste Zeit das Haus zu verlassen.

Dann die Rückfahrt im Auto. Wieder hattet Ihr entspannt geplaudert. Alles war gut. Aber als Du sagtest Ihr könntet Euch ja auch mal irgendwo zum Baden treffen, jetzt im Sommer, da hatte er Dich entsetzt, fast panisch angeschaut, als könne er sich nichts Absurderes vorstellen als mit Dir gemeinsam in einem See zu schwimmen. Verlegen lachend warst Du über die Peinlichkeit hinweg gegangen. Im Autoradio war Alternative Rock der 90er Jahre einprogrammiert, Pearl Jam, Nirvana, sogar REM. Aber so sehr Du genau diese Musik auch liebst, so wenig konntest Du mit ihm darüber sprechen, seltsamerweise. Und dann war Dir noch aufgefallen dass es keinerlei persönliche Gegenstände in dem Auto gab, die auf irgendeine Vorliebe, ein Hobby oder eine Beschäftigung hätten schließen lassen. Kein Maskottchen, kein Buch, kein Zettel, nichts. Auch sein Handy, auf dem er Dir so viel geschrieben hatte, war nirgendwo zu sehen. Das Auto war leergeräumt,  jeglicher Identität beraubt, es hatte keinerlei Wiedererkennungswert, und Du fragtest Dich warum.

Donnerstag, 7.8.2014 Du bist an einem mentalen Tiefpunkt. So sehr Du auch versuchst, Dich mit der Endgültigkeit der Lage abzufinden, so sehr Du Dich bemühst, den Blick nach vorne zu richten, etwas in Deinem Innneren sträubt sich mit aller Kraft dagegen. Du schreibst noch einmal eine Sms, anzüglich, provozierend, voller sexueller Angebote. Sie verschwindet im Nichts. Stunden später. Du brichst innerlich völlig zusammen. Tippst O.s Handynummer, sprichst auf die Mailbox, flehend, verzweifelt, unterwürfig. Redest davon, dass Du doch wenigstens eine Erklärung verdient hast und ähnliches dummes Zeug. Wiederum nichts. Alles was Du tust verschwindet in dieser absoluten Stille, die sich auch in Deinem Haus um Dich herum ausbreitet und jedes Geräusch zu schlucken oder mindestens zu dämpfen scheint. Wie durch einen Wattenebel bist Du von allem Anderen abgetrennt. Und O.s Verschwinden scheint auch all Deine anderen Freunde und Bekannten mit sich genommen zu haben. Niemand meldet sich. Niemand chattet mit Dir. Du bist allein.

Freitag, 8.8.2014 Spätnachmittag. Du bist ein wenig ruhiger heute. „Ok, er ist weg“, denkst Du. Es hätte eine tolle Zeit werden können mit Euch beiden. Selbst schuld wenn er sie nicht erleben will. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. Es ist O. „Hi Babe“, schreibt er, „willst es wieder machen?“ – „Heute nicht“ antwortest Du, während Dein Herzschlag für Sekunden aussetzt. „Dann schick mir Bilder!!“ fordert er. Wie ferngesteuert gehst Du ins Schlafzimmer und machst zwei Selfies für ihn. „Oh Babe, ich muss es heute noch mit Dir machen!! Deine Bilder sind schuld!!!“ schreibt er. 22h. Du stehst am gleichen Treffpunkt wie vor zwei Wochen. O. kommt mit dem Auto, nachlässig gekleidet in Shirt und Jogginghose. Mit ausdruckslosem Gesicht starrt er auf Deine Beine während Du einsteigst. Ein weisses Laken ist über den Beifahrersitz gebreitet. O. gibt keine Erklärungen ab. „Wir fahren jetzt schnell zur Garage von einem Freund“ sagt er, mehr nicht. Er bringt Dich zu einem ganz neu gebauten Stadthaus in einer ruhigen Seitenstrasse. Geräuschlos öffnet und schliesst sich ein vollautomatisches Garagentor. Du bist gefangen. O. legt seine Basecap ab und Du schlüpfst aus Deiner Jeans. „So, komm her Du Drecksau!“ sagt er und quetscht Deine Brüste mehrmals mit seinen großen Händen. Es tut sehr weh. „Du brauchst das!“ sagt er, während er die Jogginghose nur ein kleines Stück herunter zieht, sich in die rechte Innenhandfläche spuckt und mit einer provozierend langsamen Bewegung seinen Schwanz damit anfeuchtet. Du rutschst ihm auf dem Beifahrersitz entgegen und er kniet sich vor Dich und dringt hart und rücksichtslos in Dich ein. Während er zustösst krallt er eine Hand in Deine kurzen Haare und reisst Dir den Hinterkopf in den Nacken. Er küsst Dich so, dass Du seine sehr scharfen Zähne an Deiner  Zunge spürst. Deine Oberlippe platzt ein wenig auf. O. kniet sich nun rittlings vor Dich, so dass Du seine Handbewegungen gut sehen kannst. Unter verächtlichem Stöhnen besorgt er es sich selber und spritzt auf das Tattoo unter Deinem Bauchnabel. „Da, Schlampe“ sagt er und reicht Dir ein Papiertaschentuch. Wortlos bringt er Dich danach zum Treffpunkt zurück. Im Sonnenschutzspiegel siehst Du, dass Du blass und abgekämpft aussiehst und Deine Lippe blutet. „Also Kleine, steig aus, ich muss jetzt schlafen!“  sagt er zum Abschied. „Aber ich schreib Dir nachher noch was Liebes“. „Ciao“ sagst Du nur und machst die Autotür hinter Dir zu. Kurz bevor Du bei Dir daheim die Haustür aufsperrst bekommst Du eine Sms: „Das war heute unsere letzte Nummer, ich kann das nicht mehr dass ich meine Freundin mit Dir betrüge!!“ schreibt O. „Oh cool, dann bin ich froh dass wir es heute wenigstens nochmal hatten!“ antwortest Du. Und gehst erschöpft zu Bett.

Samstag, 9.8.2014 Vormittag. Du bist definitv NICHT Scarlett O` Hara, die nach der Vergewaltigung durch Rhett am nächsten Morgen taufrisch und belebt erwacht. Du fühlst Dich sandgestrahlt und zerschlagen. Erst gegen Abend kommst Du auf die Beine. Von O.? Natürlich nichts. Er hat ja mit Dir Schluss gemacht …

Sonntag, 10.8.2014 Spätnachmittag. Du suchst Entspannung in der Sauna. Im Freiluftbereich hast Du Dein Handy neben Dir. Es piept. „Was machst Du heute?“ fragt O. „Chillen!“ antwortest Du. „Mich von den Verletzungen erholen, die der Sex mit Dir hinterlassen hat!“ – „Schade!“ schreibt er. „Ich hätte Dich sonst gern gefickt!“

Montag, 11.8.2014 Alles ist ruhig. Nichts von O. Erneut versuchst Du, Deine Gedanken ein wenig zu ordnen. Er ist also zurück gekommen, zurück in Dein Leben. Darüber bist Du sehr, sehr froh, ja, es ist im Moment sogar das Allerwichtigste für Dich. Was aber stellt er seit seiner Rückkehr in Deinem Leben an? Hatte er nicht sein Herz prüfen, die Tiefe seiner Gefühle zu Dir ausloten wollen? Dir mitteilen wohin Eure Verbindung führen soll? Nichts dergleichen ist passiert. Und Du hast auch nichts Näheres über ihn erfahren. Nur körperliche Schmerzen hat er Dir nun tatsächlich zugefügt. So wie er es plante, bevor er so rätselhaft verschwand.

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