Summer of Love

Genau eine Nacht und einen Vormittag lang wirst Du getragen vom Hochgefühl über Dein lässiges Début als Cum-Slut im Hause von O. Dann ebbt der Endorphin-Rausch ab und die Realität holt Dich ein. Denn so cool Euer Date auch gewesen sein mag, ihm folgen sieben bleierne Tage an denen die Vögel im Garten verstummen und der wundervolle Frühsommer zum Erliegen kommt. Es sieht wieder einmal alles so aus als ob O. gleich nach Eurem Abschied für immer aus Deinem Leben gegangen wäre. Ohne ein Wort der Anerkennung. Ohne eine Geste des Danks. Er schreibt Dir weder morgens noch abends, weder tagsüber, noch nachts. Sein Whatsapp-Account sieht stillgelegt, abgeschaltet, einfach tot aus wenn Du ihn aufrufst. Die gespenstische Ruhe steht in krassem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit der Tage zuvor an denen O. Dich non stop mit Fragen und Wünschen kontaktierte. Und tut gerade deshalb besonders weh. Du versuchst die absurde Situation zu ertragen so gut Du kannst. Aber das kostet Dich sehr viel Kraft.

Freitag, 29.5.2015. Am Ende dieser schwierigen Woche stehst Du spätnachmittags im Garten und schaust gedankenfern dabei zu wie Dein Mann und Dein Sohn gemeinsam das Dach Eures Holzhüttchens reparieren. Du bist gerade dabei ihnen Bretter und Werkzeuge zu reichen als Du hörst daß im Inneren des Hauses irgendwo Dein Handy piept. Mit dem Nachrichtenton von O. „Hi Babe!!“ liest Du nachdem Du Dich unauffällig ins Haus gestohlen hast. „Hättest heute Abend Zeit?“ – „Wann wäre das?“ tippst Du. „Ab 21 Uhr“ antwortet O. „20 Minuten, oder?“ fragst Du betont cool. „Ja!“ antwortet O. „Will es mir nur schnell besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Soll ich die roten Schuhe mitbringen?“ – „Ja!“ antwortet O. „Und die weißen Strümpfe bitte auch!!“ – „Alles klar!“ schreibst Du. „Perfekt!“ antwortet O. Du atmest durch. Holst Schuhe und Strümpfe aus ihrem Versteck im Schlafzimmer und deponierst sie in Deiner Korbtasche neben der Haustür während Dein Mann und Dein Sohn im Garten hämmern. Dann gehst Du entschlossen zu ihnen hinaus.

„Herzen, Ihr müßt Euch heute Abend mal selber was kochen“ sagst Du mit kühler Stimme und blickst wie eine seelenlose Doppelgängerin Deiner selbst nach oben zu Deinem Mann und Deinem Sohn die verschwitzt auf dem Dach des Holzhüttchens knien. „Ich brauch mal Zeit für mich allein!“. „Magst Du alleine fernsehen?“ fragt Dein Sohn vom Hüttchendach herunter. „Nein. Ich will fahrradfahren“ antwortest Du schroff und wendest Dich ab um sein verwirrtes Gesicht nicht sehen zu müssen. „Ok. Wir kommen klar!“ rufen sie Dir nach. Du aber gehst ohne Dich noch einmal umzudrehen zurück ins Haus. Unter der Dusche versuchst Du Dein schlechtes Gewissen mit abzuwaschen, aber es gelingt Dir nicht ganz. „Egal“ denkst Du, als Du Dich in frischen Jeans und Sandalen mit Deinem Fahrrad davonmachst. „Einfach egal“. Du fährst eine halbe Stunde lang durch die abendliche Frühlingsluft. Machst Pause in einem kleinen Park. Versuchst Dich zu sammeln. „Zeit zu O. zu fahren“ denkst Du dann. Da piept Dein Handy.

„Klappt leider nicht!!!“ schreibt O. in der Kühle des Abends, exakt 15 Minuten vor Eurem vereinbarten Date. „Freundin bleibt zu Hause! Tut mir leid und sehr schade!“ – „Ja schade“ antwortest Du mechanisch. Ich hätte mich gefreut“. „Schönes Wochenende“ schiebst Du noch hinterher. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag geht der wundervolle Frühsommer dennoch weiter. Denn im Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe erblickst Du endlich wonach Du seit Monaten suchtest: DIE perfekten frivolen Highheel-Sandaletten. Marke Catwalk. Rot. Mit elegant geschwungenem 12cm-Absatz. 2cm hoher Plateausohle. Doppelt geschlungenem Fesselriemen UND dekorativer Seiten-Schleife im Knöchelbereich. Vor dem Ladenspiegel fotografierst Du Deine Füße in diesen Schuhen mit hochgekrempelter Jeans. „Geile Dinger, hm“ schreibst Du zu den Bildern die Du O. sendest dazu. „Oh ja Babe!“ antwortet er prompt. „Bitte kauf sie! Mir wird es super kommen wenn ich beim nächsten Mal Deine Beine in diesen Schuhen seh!!!“

Dienstag, 2.6.2015. Zwei Tage nach dem Kauf der neuen Schuhe erwachst Du morgens mit Gliederschmerzen und Schwächegefühl. Und als Du am frühen Nachmittag halbnackt auf Deinem Bett liegst um Bilder zu machen für O. wirst Du so heftig von Fieberschauern gebeutelt daß Du dein Handy kaum richtig halten kannst. 38,9 zeigt das Thermometer am frühen Abend. Von O. hörst Du nichts. In den Morgenstunden des folgenden Tages findet eine rasante Entfieberung in Deinem Körper statt. Danach fühlst Du Dich auf geradezu überirdische Weise geheilt. Beseelt, mit nie gekannter Energie schwebst Du durch den Sommertag. Fährst Rad. Suchst die Nähe von Menschen. Umarmst Deinen Sohn besonders innig als er nach Hause kommt. Kochst inspiriert für ihn und Deinen Mann. Dann fühlst Du die Gelenkschmerzen wiederkehren. Mußt Dich von Deinem Mann ins Schlafzimmer begleiten lassen wo ein neuer Fieberschub wie eine Tsunami-Welle über Dich hereinbricht. Die Temperatur steigt bis 40 Grad. Für den Rest der Woche kommst Du nicht mehr aus dem Bett.

Freitag, 5.6.2015. „Oh ein zweigipfliger Virusinfekt!“ schreibt Dein Freund der Suchtberater, als Du Dich am vierten Tag Deines Krankenlagers bei ihm meldest. „Die sind richtig heimtückisch und gefährlich. Wenn Du glaubst Du hast es hinter Dir dann holen sie Dich erst richtig. Steh bloß nicht zu früh auf!“ – „Ok“ antwortest Du und läßt Dich zurück in die Kissen sinken. Klar, dieser Virus ist wie O. denkst Du bevor Du in Genesungsschlaf fällst. Und Deine Beziehung zu ihm ist nun wohl auch auf immunologischer Ebene bei Dir angekommen. Unwirklich. Trügerisch. Von morbider Schönheit. So waren deine Fieberinfekte nicht bevor Du O. kanntest. Nun aber hat sich auch hier ein neues Erleben für Dich geöffnet das Dich gleichzeitig zurück in die Zeit Deiner Kindheit wirft als Dein Immunsystem noch unreif war. Du wirst auf Dich aufpassen müssen, denkst Du. Am frühen Abend weckt das Handy Dich aus Deinen Träumen. „Hi Babe“ schreibt O. „War in den Bergen. Bin wieder da!“ – „Schön!“ antwortest Du und fröstelst.

Der Sommer geht weiter. Am 9.Juni 2015 bricht Dein Mann auf zu einer dreiwöchigen Dienstreise durch Polen. In dieser Zeit schreibt O. Dir sehr oft am Morgen. Wie schön und erotisch er Dich findet. Wie dringend er es braucht Bilder von Dir zu bekommen und Dich besuchen zu dürfen. Dann wieder unterstellt er Dir Sex-Dates und sündige Chats mit einer Vielzahl von anderen Männern. „Schlampe!!! Ich sehe wenn Du online bist!!!“ schreibt er einmal mitten in der Nacht. „Was soll das?“ antwortest Du schlaftrunken. „Ich weiß daß Du andere Typen hast!!!“ schreibt O. „Und die werden es Dir mit Sicherheit auch besser besorgen als ich!!! Aber Du bist trotzdem der Wahnsinn für mich!!! Bitte laß es noch lange mit uns so weitergehen!!!“ – „Ich hab keinen anderen Plan!“ antwortest Du und versuchst zurück in den Schlaf zu finden. „Beweise es mir!!!“ schreibt O. „Ich besuche Dich bald! Und dann möchte ich was richtig Hartes mit Dir machen!!!“ – „Was denn?“ fragst Du alarmiert. „Etwas mit dem Gürtel aus Deiner Jeans!!!“ antwortet O.

Am Dienstag den 16. Juni 2015 weckt O. Dich zu früher Stunde mit einem eigenartigen Frageritual. „Guten Morgen mein Schatz!“ schreibt er um 6.06h. „Hast Du Dich heute nacht selbst befriedigt?“ – „Nein“ antwortest Du und fühlst wie eine Art Taubheit sich in Deinen Armen und Beinen ausbreitet. „Willst Du mich spüren?“ fragt O. „Sehr gerne!“ antwortest Du. „Liebst Du mich wirklich?“ fragt O. „Mehr als ich mit Worten schreiben kann!“ antwortest Du. „Mehr als Deine anderen Ficker?“ fragt O. „Es gibt keine!“ antwortest Du. „Bist Du noch meine Geliebte? fragt O. „Ich hoffe doch!“ antwortest Du. „Empfindest Du es wirklich so geil von mir genommen zu werden und mich zu lecken?“ fragt O. „Und wie!“ antwortest Du. „Ab wann bist Du heute alleine zu Hause?“ fragt O. „Ab 7Uhr 30“ antwortest Du. „Ich komme um 9Uhr zu Dir!!!“ schreibt O. „Kannst Du die weißen Strümpfe und die roten Schuhe anziehen und Dir Deinen Ledergürtel um den Bauch machen? Ich hab heute Lust Dich ein bisschen zu demütigen und zu schlagen!!!“

„Ein bisschen WAS?“ fragst Du zurück. Doch O. antwortet Dir nicht mehr. Erst um 7.58h piept Dein Handy erneut. „Bist Du bereit?“ fragt O. „Ich wollte gerade duschen“ antwortest Du. „Beeil Dich!!!“ schreibt O. „Ich bin gleich da!“ Du schaffst es mit Mühe Dich zurecht zu machen bevor es an Deiner Haustüre Sturm läutet. O. nicht hereinzulassen ist keine Option. Für Sekunden siehst Du, daß O. erneut sehr schön, sehr blaß und sehr geschmerzt aussieht als er sich zu Dir in den Hausflur drängt. Er trägt dunkelblaue Slipper zu einer hellbeigen Herren-Caprihose und ein T-Shirt über dessen seidigen dunkelblauen Stoff unzählige himmelblaue Vögel zu flattern scheinen. „Fast feminin“ denkst Du als O. Dich mit beiden Händen am Ledergürtel um deine Hüften packt und Dich ins Wohnzimmer zerrt. Dann schaltet Dein Verstand sich aus. Als Du wieder zu Dir kommst liegst Du rücklings auf der Couch und ringst nach Luft während O. den Gürtel den er um Deinen Hals gezogen hat lockert und Deinen Bauch sauber wischt.

„Alles ok Baby?“ fragt er und beugt sich kurz über Dein Gesicht. „Alles ok“ antwortest Du mit belegter Stimme und richtest Dich halb auf so daß er Dir den Gürtel vollständig vom Hals machen kann. Dann schaust Du noch leicht benommen dabei zu wie er in seine stylische Kleidung schlüpft bevor Du Dich vom Sofa kämpfst um ihn zu verabschieden. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt O. Dich heute fest in den Arm bevor er geht. „Danke für den super Start in den Tag, Kleine!“ murmelt er in Deine Halsgrube. „Es ist wirklich hammer mit Dir! Und nächste Woche schneide ich Dir garantiert die Hecke, ok?“ – „Das wäre super!“ antwortest Du und suchst eindringlich seinen Blick. „Tausendprozentig mach ich Dir das Baby!“ sagt O. „Aber jetzt muß ich gehen, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und machst ihm den Weg zur Haustür frei. Die Küchenuhr zeigt 8h49 als O. draußen im Vorgarten sein schwarzes Fahrrad entsperrt. Und Du klappst mit einem Hustenanfall auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem er gefahren ist.

Natürlich müssen  nun wieder einige Tage vergehen. In Schweigen, Verlustschmerz und Einsamkeit. Dann aber sendet O. Dir in den Morgenstunden des 25. Juni zehn Bilder aus dem Inneren seines Hauses und seines Gartens. Vom Haifisch aus Elektrodrahtgeflecht der stahlseilgesichert durchs Treppenhaus schwebt und weiteren Drahtkunstwerken von kühler, lichter Schwerelosigkeit. Du siehst eine Gruppe winziger bunter Püppchen im Wohnzimmer durch ein quaderförmig arrangiertes Kabelgespinst klettern und zwei fast lebensgroße, filigrane Menschenskulpturen in O.s Garten nebeneinander auf einer halbhohen Steingabione ruhen. „Meine neuesten Errungenschaften!“ schreibt er stolz dazu. „Oh danke für diesen Blick in Deine ganz spezielle Welt!“ antwortest Du beeindruckt. „Den Haifisch finde ich besonders toll. Der ist wie Du. Ein Raubtier mit ganz vielen feinen Nerven. So bist Du für mich!“ – „Babe, das hast Du wunderschön geschrieben!“ antwortet O. „Du bist doch ein sensibles Raubtier!“ schreibst Du.

„Eines was Antennen hat zu Welten die andere nie betreten weil sie viel zu feige dafür sind! Das ist es was ich so liebe an Dir. Was mir auch Angst macht manchmal. Und trotzdem liebe ich es!“ – „Du bist einfach klasse Ursula!“ antwortet O. und Du fühlst Ergriffenheit durch Dein Handy zu Dir dringen. „Du auch!“ schreibst Du. „Ich bin so glücklich ein kleiner Teil Deiner ganz speziellen Welt zu sein. Ich reihe mich gerne unter Deine Kunstobjekte ein!“ – „Du bist etwas ganz Besonderes und äußerst Wertvolles für mich!“ schreibt O. voller Pathos. „Es ist als ob Dich meine Fantasie erschaffen hätte!!! Ich bin unbeschreiblich glücklich daß es Dich in meinem Leben gibt! Bald komme ich zu Dir und schneide Deine Hecke! Aber vorher mußt Du mich auf Deinem Sofa lecken! Denn das ist für mich der Himmel!!! Und dann wenn wir den Garten machen mußt Du einen ganz kurzen dünnen Rock anziehen zum Mithelfen!!! Ohne Höschen drunter, ok?“ – „Ok“ antwortest Du. „Sehr gerne!“ – „Ursula ich liebe Dich!!!“ schreibt O.

Am 29. Juni 2015 macht O. sein Versprechen tatsächlich wahr und kommt früh am Tag zu Dir um die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. „Laß uns anfangen bevor ich keine Lust mehr hab!“ ruft er nachdem er ES mit Dir auf dem Sofa gemacht und danach sein Equipment vom metallicbraunen SUV auf die Terasse verladen hat. Natürlich arbeitet er nur mit hochwertigstem Gerät. Schnell. Präzise. Total fokussiert. Nie wurde die Hecke exakter getrimmt. Nie wurden die Buchskugeln perfekter gerundet. Du erlebst allerdings einen Mann im Kampfmodus, keinen sensiblen Pflanzenversteher als Du beobachtest wie O. mit gezückter, gleißender Motorheckenschere im Vormittagslicht umherwirbelt. Behelmt. Im Schnittschutzoverall. Mit Ohrenschützern. Und Sonnenbrille hinter dem heruntergeklappten Visier. „Garten ist Krieg“ denkst Du während Du selbst in Sandalen und einem violetten Baumwoll-Minikleid das Schnittgut zusammenrechst. OHNE Slip. Um 14 Uhr seid Ihr fertig. „Danke für die sexy Mithilfe“ sagt O. nachdem alles aufgeräumt ist. „350 Freundschaftspreis, ok?“

Am Abend sitzst Du mit mückenzerstochenen Beinen und sonnenverbrannten Schultern im Wohnzimmer auf der Couch und spürst das Gefühl von Zerrissenheit und Trauer das O.s Garten-Performance in Dir hinterlassen hat. Mehr als jedes andere Date. „Liebster“ schreibst Du deshalb um 18.30h. „Vielen vielen Dank daß Du heute hier warst. Das ist der beste Heckenschnitt der jemals hier gemacht wurde! Ich bin total beeindruckt von Dir! Und ich wäre so glücklich wenn Du mir auch weiterhin noch manchmal helfen könntest!“ – „Das freut mich natürlich!“ antwortet O. „Aber Du mußt wissen daß es so günstig wie heute dauerhaft nicht geht! War echt ne Ausnahme daß ich es für so wenig Geld gemacht hab!“ -„Kein Thema!“ schreibst Du. „DU bist der Boss. Ich bewundere Dich so sehr. Und das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Süße, jetzt übertreib mal nicht!!!“ antwortet O. „Ich hatte in meiner Kindheit sehr viel Unglück und als Erwachsener sehr viel Glück! Und jetzt schneide ich halt Hecken und Bäume!“

„Ich übertreibe nicht!“ antwortest Du und spürst wie es Dir kalt über den Rücken läuft. „Du schneidest nicht nur Hecken und Bäume! Du hast Dein Leben aus den Trümmern Deiner Kindheit neu zusammengesetzt! Und Dich selber mit dazu! Du hast Dich aus Deinen Verletzungen neu erschaffen! Und wenn Du jetzt Hecken und Bäume schneidest berührst Du damit mein Herz!“ Kurze Pause. „Du hast bestimmt Dinge überlebt an denen ein Anderer zerbrochen wäre!“ fügst Du hinzu, da O. nicht gleich zurück schreibt. „Die Bilder in Deinem Treppenhaus lassen das ahnen. Und Du hast es überlebt. Das macht Deine Stärke aus die ich so bewundere. Du hast gelernt Dich zu schützen wie niemand sonst den ich kenne! Ich liebe Dich!“ Für eine geraume Weile geschieht nichts. O. schweigt und Du machst Dir Sorgen zu weit gegangen, zu indiskret gewesen zu sein mit dem was Du da eben geschrieben hast. Erst um 20.17h piept Dein Handy noch einmal. „Ich helfe Dir gerne weiterhin mit dem Garten wenn Du das möchtest“ schreibt O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Grand Void

Freitag, 7.11.2014 Drei Tage nach Deinem unsternverfolgten Besuch im Haus mit den vielen Bildern geht Dein Fieber zurück. Du kannst wieder aufstehen und Deinen Alltag bewältigen. Dein Inneres allerdings ist schwer erschüttert. Du weinst leicht. Fühlst Dich fremd und verloren. Schreckst nachts hoch, weil widersprüchliche Erinnerungen Dich fluten. Nie war O. Dir anbetungswürdiger, nie schöner erschienen, nie hatte er hoheitsvoller auf Dich herabgeblickt als in der Intimität jenes kleinen Raumes mit den zerknüllten weißen Kissen auf dem Grand-Lit. Nie hattest Du Dich ihm näher gefühlt, für Bruchteile von Sekunden. Und nie war er Dir brutaler, nie abweisender begegnet als nach Deinem Sakrileg, die Makellosigkeit dieses Ortes mit Deinem Blut befleckt zu haben. Aus dem vermeintlichen Spiel war Ernst geworden: nun warst Du wirklich der Unrat, als den er Dich schon mehrfach behandelt hatte. Nichtswürdig. Pariah. Unvereinbar mit dem Stil des Hauses. Es war Deine siebente Begegnung mit O. Und, zweifellos, Deine letzte.

Natürlich vertraust Du Dich Freunden an. Erzählst. Schreibst. Berichtest das Unfaßbare. Quickie… Blutflecken… Rauswurf… Kontaktabbruch… „Aha. Du blödes Sexspielzeug hast also nicht funktioniert!“ schreibt der Suchtberater. „Dann ab auf den Müll mit Dir!“ – „Oh Du Ärmste!“ schreibt Dein anderer Schulkamerad. „Bist Du jetzt wieder ok?“ Das Mitgefühl tut Dir gut. Es nimmt Dir ein wenig von Deiner Scham. Wirklich trösten kann es Dich allerdings nicht. Denn, Deine Freunde, sie erwarten Gefühle von Dir, die Du gar nicht hast. Sie glauben Du würdest nun froh sein, O. nie wieder begegnen zu müssen. Glücklich über Dein Entrinnen. Du aber empfindest keinerlei Ressentiment gegen ihn. Stattdessen eine fast unerträgliche Sehnsucht. Du träumst nachts davon, wieder bei O. im Haus zu sein. In dem kleinen Zimmer. Und Dich ihm dort zu Füßen zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. „Oh. Stockholm-Syndrom“ schreibt Dein Freund, als Du ihm Deine Phantasien schilderst. „Langsam wirds gefährlich!“

Entführte Frauen, die sich in ihren Kidnapper verlieben. Mit ihm kooperieren. Sich auf seine Seite stellen. Weibliche Geiseln, die Bankräuber aktiv unterstützen und dabei romantische Gefühle entwickeln. Intime Beziehungen zwischen Opfern und Tätern. Liebe auf der Flucht oder in Geiselhaft. Dankbarkeit für den Peiniger. Solidarität mit dem Verbrecher. Symbiotische Verknüpfung von Liebe, Erotik und Gefahr. So beschreibt das Internet das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms. Der Begriff entstand im Jahr 1973. Bei den Angestellten einer Bank in Stockholm entstanden damals intensive Gefühle von Zuneigung und Sympathie für die Gewaltverbrecher, die sie fünf Tage lang gefangen hielten. Inzwischen spricht man eher von traumatischer Bindung oder Trauma-Bonding wenn es um die Faszination durch Brutalität und um das paradoxe Hingezogensein einer bedrohten, ausgelieferten Person zu ihrem Misshandler geht. Dein Freund hat recht. So eine blind verliebte Geisel: das bist auch Du.

Du überlegst. Läßt Szenen Revue passieren. Erinnerst Dich. Eigentlich war O. von Anfang an wie ein Entführer aufgetreten, Dir gegenüber. Hatte Dich gefangen genommen. Unter Arrest gestellt, gleich in den ersten Minuten Eures Kennenlernens. Es war Teil seiner Überwältigungsstrategie gewesen, Dich mit strenger Stimme zu bannen. Und dann im Kreuzfesselgriff abzuführen. In Autos zu schubsen. An unbekannte Orte zu bringen. Dich durch Räume zu zerren, auf Betten zu stoßen. Und Du leistetest keinen Widerstand. Im Gegenteil. Es gefiel Dir. Erinnerte Dich an Spiele, die Du als Schulkind geliebt hattest: Marterpfahl. Mädchen fangen. Mit O. schien einer der verwegensten Spielgefährten aus Deiner Kindheit wieder aufgetaucht zu sein. Um Dich mitzunehmen in sein dunkles Abenteuerland. In das Du ihm willig folgtest. „Und das ist pathologisch?“ fragst Du Deinen Freund. „Es führt zu einer ungesund intensiven Bindung deinerseits“ antwortet er. „Und dadurch wird’s sehr schwer für Dich werden, Dich vom O. zu lösen.“

Loskommen von O.? Schwer? Nein. Unmöglich, denkst Du, während Du versuchst, Dich in Deiner Ausgestoßenheit zurecht zu finden. Du wankst durch feuchtkalte, dunkelgraue Tage, als entkernte Hülle Deiner selbst,  in einer verwaisten, leergeräumten Welt. Streifst mit dem Fahrrad durch die Gegend, in der Hoffnung, O. irgendwo zu begegnen. Suchst nachts die Parkbank auf und wartest ob der Geländewagen vorbeifährt, mit O. am Steuer. Fahndest in Vorgärten und Garageneinfahrten nach einer Spur. Einmal wagst Du Dich nach Einbruch der Dunkelheit auch in die Nähe vom Haus mit den vielen Bildern. Starrst hinauf zu den Fenstern, die hinter den herabgelassenen Rollos leuchten. Die Eigentümerfamilie ist zurückgekehrt. Lebt, lacht, ißt und trinkt in den Räumen, in denen noch Hautpartikel und Seelenreste von Dir haften. Nicht ahnend, daß draußen eine verfemte Frau vor ihrem Anwesen umherirrt, auf der Suche nach einem Phantom. Du, auf der Suche nach O. Seinem Namen. Seiner Geschichte. Seiner Identität.

Mittwoch, 12.11.2014 9h. Nachdenklich rührst Du Karamellzucker in Deinen Frühstückstee. Du benötigst einen Löffel extra, seitdem O. Dich von sich jagte. Dein Handy piept. Dein Freund, der Suchtberater macht sich Sorgen um Dich. „Mal was ganz Anderes, Süße“ schreibt er. „So richtig safe war es ja wohl nicht, was Dein durchgeknallter Lover alles mit Dir gemacht hat, oder?“ – „Nicht wirklich“ antwortest Du. „Aber er hat gesagt daß er clean ist und sich regelmäßig testen läßt“ – „Oh wie beruhigend!!“ schreibt Dein Freund. „Wir haben wirklich allen Grund ihm das zu glauben, so verantwortungsbewußt wie er bisher aufgetreten ist!“ Du starrst in Deine Teetasse. Könntest Deinem Freund jetzt Vieles schreiben über den speziellen sexuellen Stil von O. Und warum der nicht mit Präservativen vereinbar ist. Du läßt es. Es tut zu weh, Dir vorstellen zu müssen, daß Du das alles nie mehr erleben wirst. „Was soll ich machen?“ fragst Du Deinen Freund. „Nen Termin beim FA Deines Vertrauens“ antwortet er. „Und nen HIV-Test!“

Donnerstag, 13.11.2014 8h. Ein wenig zusammengekrümmt sitzst Du im Wartezimmer der gynäkologischen Praxis in der Du schon betreut wurdest als Du schwanger warst mit Deinem Sohn. Hinter Dir liegt eine fast schlaflose Nacht, aber Du bist froh daß man Dir sofort einen Termin gab, als Du Dein Anliegen vorbrachtest. Der Zeitpunkt ist günstig, Dein Mann seit gestern verreist. Der „FA Deines Vertrauens“ freut sich, Dich nach drei Jahren mal wieder bei sich zu sehen. Er hatte immer viel Verständnis für Dich. Auch heute hört er Dir geduldig zu. „Die verhängnisvollen Affären sind doch wirklich immer wieder die allerschönsten!“ sagt er als Du zu Ende erzählt hast. „Lassen Sie mich bald erfahren wie es weiterging!“ „Beruhigungshalber“ rät er Dir, einen Schnelltest auf HIV zu machen. Du bist einverstanden. Fährst halb erleichtert und getröstet heim. 19h. Telefonläuten. „Mit Ihrem Blut ist alles ganz in Ordnung!“ sagt der FA Deines Vertrauens am anderen Ende der Leitung. „Danke“ flüsterst Du und weinst kurz nachdem er aufgelegt hat.

Freitag, 14.11.2014 Es geht Dir plötzlich viel, viel besser. Alles erscheint Dir weniger düster und ausweglos seit dem Gespräch mit dem FA Deines Vertrauens. Welch wunderbarer Heilkundiger, denkst Du. Er hat Dir den Glauben an Dich selber als Person zurück gegeben. Du fühlst Dich nicht länger als Gespenst, körperlos und erloschen. Du bist zurück in Deinem Leben. Hast einen liebevollen Ehemann. Einen niedlichen, begabten Sohn. Treue Freunde. Lebst in einem charmanten Haus am südlichen Rand einer stolzen, großen Stadt. UND: Du bist einem Traum von Kerl begegnet, der Deine verborgensten Chimären berührt und dennoch Deine kleine Welt intakt gelassen hat. Damit ist er für Dich über jeden Zweifel erhaben. Von jedem Vorwurf freizusprechen. O. ist NICHT schlecht für Dich. Im Gegenteil. Er ist ein faszinierender Mann und Liebhaber. Bestrickend. Grenzüberschreitend. So very cool. Du willst, Du mußt ihn zurückgewinnen. Ihn wieder in Deinem Leben haben. Sein Herz erreichen. Unbedingt. Gleich morgen wirst Du damit anfangen.

Sonntag, 16.11.2014 14h. Du bist allein zu Hause. Dein Mann wird in wenigen Stunden zurück kommen von seiner Reise. Frisch geduscht und nackt stehst Du im Schlafzimmer. Schlüpfst in die Highheels die Du getragen hast zum Parkplatz-Date mit O. Legst Dich aufs Bett. Schaltest die Selfie-Kamera ein. Fotografierst die Absätze der Schuhe. Das Tattoo auf Deinem Bauch. Deine Schultern. Dein Gesicht. Wählst drei Bilder aus. Sendest sie O. Schreibst dazu: „Es ist alles schrecklich leer ohne Dich!!!“ Hältst den Atem an. Hoffst. Wartest. 17h. Dein Handy piept. „Du kannst mich nicht loslassen!!!!“ schreibt O. „Warum??“ – „Vielleicht weil ich Dich liebe?“ antwortest Du. „Nein, Schlampe!!! Weil Du mich brauchst!!!“ schreibt O. „Natürlich. Du hast recht.“ antwortest Du. „Schön daß Du es endlich einsiehst!“ schreibt O. „Ich dachte schon Du würdest überhaupt nicht mehr zur Vernunft kommen!“ – „Doch“ antwortest Du. „Gut, Schlampe!!! Dann verzeih ich Dir!“ schreibt O. „Ich werde Dir erlauben mich wiederzusehen!!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin