O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Of haunted Houses, Puppets and Men

Mittwoch, 24.9. 2014 Ein Freund aus der Schulzeit ist zu Besuch in Deiner Stadt. Diplom-Psychologe, auch er. Schwerpunkt: Seelische Traumata. Ihr seid zum Abendessen verabredet, in einem gehobenen italienischen Resaturant. Bei Antipasti und Rotwein sitzt Ihr unter alten Kastanien, erzählt Euch von Euren Kindern, tauscht Erinnerungen an die Schulzeit aus. Du bist ihm von damals als freiheitsliebende Person im Gedächtnis geblieben. Er hat viel Sympathie für Deine spontane Art, Deinen „offenen Lebensstil“, wie er es nennt. Die aktuelle Entwicklung zwischen Dir und O. sieht er jedoch kritisch und mit Sorge. Er will wissen was Dich treibt. Was suchst Du bei einem Mann dem Zärtlichkeit und Nähe fremd sind? Warum riskierst Du Schmerzen und Verletzung? Ja, er weiß, solche Menschen können sehr charmant sein, sagt er. Facettenreich. Schillernd. Attraktiv. Intelligent. „Aber im Inneren, glaub mir“, sagt er, „im Inneren ist Nichts. Nichts ausser einem schweren Bindungstrauma!“

Donnerstag, 25.9.2014 Wieder verbringst Du viel Zeit vor dem Internet. Ein Bindungstrauma, so erfährst Du, entsteht durch mangelnde Fürsorge in  der Kindheit. Erwachsene, die ihnen anvertraute Kinder vernachlässigen, misshandeln, missbrauchen … Eltern, die ihre Söhne oder Töchter alleine lassen, in Ängste und Verwirrung stoßen anstatt ihnen Sicherheit zu bieten … Sie fügen ihren Schutzbefohlenen ein sogenanntes Symbiose-Trauma mit möglicherweise schweren, lebenslangen Folgen zu. Alkohol-, Spiel- oder Drogensucht, scheiternde Partnerschaften, flüchtige sexuelle Abenteuer, Manipulations- und Kontrollbedürfnis gegenüber nahestehenden Personen, Konflikte mit dem Gesetz durch allzu große Impulsivität: all das ist charakteristisch für Bindungstraumatisierte, deren Psyche sich nach dem Überleben der schwierigen Kindheit trickreich gegen erneute Verwundung und Enttäuschung wehrt. Sich wehrt gegen Menschen, die sie lieben. Mit Dominanz, Kühle, Rückzug oder Schweigen. Sich so wehrt wie O. gegen Dich …

Eine überschattete Kindheit, also. Belastet von Schmerz, regiert von Angst. All Deine Recherchen im Netz, all Deine Gespräche mit psychologisch geschulten Freunden, sie führen nur immer wieder zu der einen Vermutung: in O., Deinem wunderschönen Liebhaber mit der blassen Haut und dem trauerumflorten Blick, schlummert ein zutiefst verletztes, gequältes und gekränktes Kind. Was hat man ihm angetan? Im Augenblick kannst Du es nur erahnen. Manchmal glaubst Du, aus dem was er bei Euren sexuellen Begegnungen mit Dir tut, rückschließen zu können auf Erlebnisse die ihn vielleicht geprägt haben. Alleingelassen werden in Dunkelheit und Kälte, beispielsweise. Geschlagen und bespuckt werden. Ungeduldig und grob entkleidet werden. Herbeigezerrt und gleich wieder weggeschickt werden. Gedemütigt und beschimpft werden. Zur Eile angetrieben werden. Auch: Brutal genommen werden?? Du hoffst, es eines Tages zu erfahren. Denn: auch in Dir schlummerte ein verwundetes Kind. Und es ist aufgewacht seitdem Du mit O. zusammen bist.

Samstag, 27.9.2014 Dein Freund aus der Schulzeit hat die Stadt wieder verlassen. So kannst Du es ihm nicht mehr direkt sagen, was Dich bei O. hält, beziehungsweise zu ihm treibt: Alles was mit O., besser gesagt mit Deiner Idee von O. zusammenhängt, ist einfach viel zu aufregend, zu intensiv, um Dich schon jetzt davon lösen zu können. Vor allem aber gibt es noch viel zu viele offene Fragen, auf die Du eine Antwort finden willst. Finden musst! Wer ist dieser O., der tagsüber mit dem Fahrrad und nachts mit dem Auto durch die Strassen im Süden der Stadt geistert und Frauen jagt? Wie heißt er, wo lebt er, wie sieht seine Freundin aus, wem gehört das luxuriöse Haus in dem er sich mit Dir trifft? Und wer bist Du selbst, in diesem Netz aus ungelösten Rätseln? Die wie vielte Frau? Eine von wie vielen Gespielinnen aktuell? Wie viele „Babes“ gibt es? Wer außer Dir dient noch als Schlampe oder Sexspielzeug?

Es gibt Dein Begehren nach O.s Körper. Deine Sehnsucht nach seiner Stimme, seiner Haut. Deine Verliebtheit in ihn. Es gibt Dein Mitgefühl für seine innere Not und Deinen Respekt vor der Bürde seines Schiksals. Du würdest es ihm gerne tragen helfen. Es gibt aber auch: Dein kriminologisches Interesse. Deine Neugier. Dein Wissenwollen. Deinen eigenen Jadginstinkt. Du willst ihm auf die Schliche kommen, seine Ränkespiele durchschauen. Du willst hinter seine Maske blicken, willst sehen welches Wesen sich dahinter verbirgt und schützt. Du willst den Menschen O. entdecken und berühren, den es mit Sicherheit geben muss, auch wenn manche Stimmen im Internet das Gegenteil behaupten. Du kannst einfach nicht glauben, dass nur das Raubtier, nur das Phantom O. existiert als das er Dir bisher begegnet ist. Du wirst und willst nicht als ahnungsloses Opfer enden.

Du denkst oft an das Haus. Die Häuser, besser gesagt. Zu zwei Häusern hat O. Dir bisher Zutritt verschafft, um darin seine Art von Liebe mit Dir zu machen. Zu der verlassenen, halb leer geräumten Villa im gutbürgerlichen Westen Eurer Stadt. Und zu dem Anwesen in der Nähe des großen Friedhofs, der dem umliegenden Quartier seinen Namen gibt und es atmosphärisch prägt. Das quaderförmige, weisse Haus mit den vertikalen Fensterfronten und der dunkelroten Garageneinfahrt. Das Haus mit den vielen Bildern. Das Haus das nicht seines ist, wie O. sagt, und in dem er sich dennoch mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt. Es muss eine vermögende, junge Familie sein, die hier mit souveräner Nonchalance lebt. Bei Deinem letzten Besuch lagen teure Markenstiefel für Kinder und niedliche kleine Trekkingjacken verstreut im Eingangsbereich. Und dennoch atmeten die Räume Traurigkeit. Es sind Orte von morbider Schönheit und Interieurs der Tragik, zu denen O. den Schlüssel besitzt. Stätten, wie Du bisher nie betreten hast …

Zwei muntere Kinder im Vorschulalter. Mit libertinären, großzügigen Eltern. Freiberufler, kreativ in der Internet- oder Werbebranche unterwegs. Tolerant und offen denkend, auf der Basis großer finanzieller Spielräume. So stellst Du sie Dir vor, die Familie, die im Haus mit den vielen Bildern ein beneidenswert cooles Leben führt. Sie sind anscheinend viel auf Reisen. Unternehmen Kurztrips, nach Barcelona vielleicht, oder nach Paris. Oder sie besitzen ein Chalet in der Schweiz, in dem sie ihre Wochenenden verbringen. O. genießt ganz offensichtlich ihr Vertrauen, bewacht und versorgt das Haus während ihrer Abwesenheit. Pflegt den Garten, hackt Holz für den weißen Design-Kaminofen der einen ebenso majestätischen wie minimalistischen Raumteiler zwischen Wohnzimmer und Küche bildet. Und ab und zu bestellt er eine Frau zu sich, in diese edlen Räume. Vielleicht auch nicht ganz ab und zu, fürchtest Du. Vielleicht auch oft, oder sehr oft. Mehrmals am Tag??? Das willst Du wissen, irgendwann.

Irgendwann, vielleicht bald, vielleicht später. Irgendwann soll der Moment für Dich kommen, in dem Du erfahren MUSST, in welchen Gesamtzusammenhang sich Deine bizarren erotischen Blitz-Begegnungen mit O. einfügen. Für Dich sind es: Risse im Firnis Deines Alltags. Rupturen der Normalität. Durchbrüche in eine düstere, fremdartige Welt, die etwas tief Verborgenes in Deinem eigenen Inneren berührt. Aber was sind sie für O.? Du musst immer wieder an die vielen Stofftiere und Puppen denken, die im Besuchszimmer des rot-weissen Hauses herumliegen. Manche wirken edel und erlesen, andere grell und billig, unpassend im Ambiente. Einige liegen da, als ob ein trotziges, schlecht gelauntes Kind seine Wut an ihnen ausgelassen hätte, andere wirken nagelneu und unberührt. Alle aber scheinen sie zusammen zu gehören, geeint darin, irgendwann einmal gewollt, erwünscht gewesen zu sein, bevor sie achtlos hingeworfen wurden. Du fürchtest, dass Frauen wie Puppen sind, im Universum von O. Und Du mittendrin.

Dir fällt plötzlich ein, dass O. sich bei Euren bisherigen Begegnungen gelegentlich ein wenig Zeit nahm, um die Biegsamkeit Deiner Glieder zu überprüfen und die Reaktionen Deines Körpers zu testen, so wie ein Kind mit einem Insekt spielt, das es gefangen hat. Rittlings über Dir knieend griff er dann nach Deinen Armen, verdrehte sie weitmöglichst nach innen und aussen, zeichnete die Linien der Oberarm-Tattoos nach, bog und wand Deine Handgelenke in verschiedene Richtungen, mit kühlem Forscherblick wartend auf ein knackendes Geräusch oder eine Schmerzreaktion von Dir. Einmal hatte er seine große Hand um Deinen Hals gelegt, während Du unter ihm lagst, als ob er Maß  für ein bizarres Accessoire nehmen und gleichzeitig Deine Lymphknoten abtasten wollte. Als er die Angst in Deinem Blick bemerkte, strich er mit dem Daumen über Deinen unregelmäßigen Nasenrücken und über die Narbe, die Deine rechte Augenbraue seit Deinem 13. Lebensjahr teilt. „Wo hast das her?“ wollte er wissen. „Von meinem Vater“ sagtest Du. „Drecksau!“ antwortete er.

Eine lebende Gliederpuppe. Eine bewegliche Schaufensterfigur. Zerlegbar in Einzelteile, die ausgetauscht und neu zusammengesetzt werden können. Ersetzbar. Austauschbar. Seriell. Ein Dekorationsobjekt für Mode. Ein Spielzeug, so wie er am Anfang ehrlich sagte. Das bist Du ganz offensichtlich für O. Zusammen mit vielen anderen Frauen. Ob Du beim Spielen kaputt gehst scheint alleine Dein Problem zu sein. Er wird sich höchstwahrscheinlich nicht die Mühe machen, Dich zu reparieren. Er wird ganz einfach eine neue Puppe besorgen. Du fragst Dich, welche Puppe am Tag Eures Kennenlernens entzwei gebrochen war. Für wen Du der Ersatz bist, der so schnell beschafft werden musste. Mit flehender, inständiger Stimme, bei aller vordergründigen Coolness. Und Du sehnst Dich danach, ihm und Dir zu beweisen, dass Du mehr als eine Deko-Puppe bist. Nämlich: Eine Frau. Mit Nerven. Mit Empfindungen. Mit einer Seele. Mit starken Gefühlen für einen Mann.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin