Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei
tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …


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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Arcades

Bilder von O.s milchig weissem Erbgutgemisch bekommst Du im Laufe der Jahre noch viele. Nicht nur als Rinnsal im Handwaschbecken begegnet es Dir, sondern auch als Abspritzer auf dem Schiffsbodenparkett in O.s Zimmer, als rahmiger Fleck auf seinem grellroten Bettlaken, als cremige Ansammlung in Zellstofftüchern oder in O.s Handinnenfläche, wo es wie Duschgel oder Haarshampoo aussieht. An guten Tagen textet er etwas dazu: „Für dich“, etwa. „Ergebnis deiner Fotos“. Oder „Geile Drecksau“. An weniger guten Tagen erscheinen die Bilder einfach nur so auf Deinem Handy. Kommentarlos. Erratisch. Und werfen die peinvolle Frage auf, in welchem Sex-Chat, für wen, unter Zuhilfenahme von wessen Selfies sie wohl entstanden sein mögen. Wie oft O. während eines langen Tages zum Mittel der Handentspannung greift, kannst Du nur vermuten. Genauso, wie gross die Phalanx der Frauen, die hilfreich mit virtuellen Stimuli bereitstehen, wohl sein mag. Die Phalanx grell geschminkter Damen sehr, sehr reifen Alters …

Dass O. einen Fetisch hat mit stylischen Ü-60-Frauen von aggressiver, kosmetisch stark betonter Attraktivität kommt erst spät in Deinem Bewußtsein an. Lange Zeit siehst Du in jungen, hübschen, sportlichen Frauen Deine grösste Konkurrenz. Und glaubst, jemand wie die „alte Lady“ sei ein Ausreisser, ein bizarrer Solitär im Harem von O. Erst nach Jahren, nach vielen weiteren irregeleiteten Bildern und schwierigen Chats wird Dir klar: grelles Make-up auf altersreifer Haut, krallige, rot lackierte Fingernägel an üppig beringten, braun gefleckten Händen und erotische Dessous an erschlaffenden, mageren Körpern in irgendeiner gesichtslosen Hochhauswohnung sind der eigentliche Mega-Kick für O. Und DU selbst, gerade mal fünf Jahre älter als O., mit Deinen immer noch braunen Haaren, Deinen Jeans, Deinen Tattoos, Deinem Teenager-Sohn und Deinem Herzen voller Zuneigung bist der wahre Sonderfall, die Abweichung vom erotischen Beuteschema, die Ausnahme von der Regel für O. …

Im Herbst 2015 beginnt jedoch erstmal Dein Aufstieg zur absoluten Selfie-Königin von O. Unaufhaltsam. Kometengleich. Während O. seine Freundin zu Arztterminen und Therapien begleitet, posierst Du in den ruhigen Vormittagsstunden fast täglich im Schlafzimmer auf dem Bett für immer neue Bilder. Du lernst, Dich als Trägerin der Highheels die Du von O. bekamst, Tag für Tag neu und anders zu inszenieren. Jeansmädchen. Fetisch-Lady. Bordsteinschwalbe. Anything goes. Jede Schluppenbluse, jedes Glitzertop aus Deinem Kleiderschrank verwandelt sich. Jede Blackjeans, jeder Rollkragenpulli besitzt plötzlich erotisches Potential. Du entdeckst Deine gesamte Garderobe neu, in der faszinierenden Symbiose, die sie eingeht mit den Nuttenschuhen von O. Und Dich selbst mit dazu. Als intuitive Wunscherfüllerin, als perfekter Spiegel erotischer Fantasien, als Liebesdienerin mit Selfie-Stick. Es ist eine dunkle, aufregende, traurigschöne Zeit. Und was in ihr beginnt ist suchterzeugend. Für Dich. UND AUCH für O.

Irgendwann, in einem der vielen nächtlichen Chats jener Zeit entwickelt O. eine neue verstörende Sex-Phantasie. „Ich werde dich bei unserem nächsten Treffen mal richtig demütigen!“ schreibt er. „Ich möchte Dir eine Glatze rasieren!“ – „Warum das?“ fragst Du aufgeschreckt. „Weil Du damit garantiert geil aussiehst!!!“ antwortet O. „Machst du mit wenn ich es dir befehle?“ – „Seit wann träumst Du DAVON?“ fragst Du zurück. „Gerade eben!“ antwortet O. „Also? Vergiss nicht das du versprochen hast meine Sklavin zu sein!“ – „Und wie soll ich das meinem Umfeld erklären?“ fragst Du. „Das ist dein Problem!“ antwortet O. Du überlegst. Versuchst Dir vorzustellen wie Dein Mann und Dein Sohn es aufnehmen würden, wenn Du kahlgeschoren vor ihnen stehst. Der Gedanke, sie zu schockieren, tut weh. Jedoch. Ein anderes Gefühl in Dir ist stärker. Viel stärker. Die Sehnsucht danach, intensiv berührt zu werden von O. Und sei es auf diese prekäre, kaputte Art. „Ja. Ich mach mit“ schreibst Du. „Geil“ antwortet O.

Die Wochen vergehen. Ein Indianersommer von epischer Schönheit nimmt seinen Lauf. Lichtdurchflutet, warm, bis weit in den November hinein. Gerne würdest Du O. einfach so, irgendwo, im Freien mal treffen. Nur ganz kurz. Um ihm in die Augen zu schauen. Seine Lippen und Hände zu spüren. Ihm leicht mit zwei Fingerspitzen über die Wange zu streichen und zu fühlen, wann er sich zuletzt rasiert hat. Um seine Stimme zu hören. Den Duft seines Eau de Toilette einzuatmen. Um mit ihm zusammen auf einer Parkbank zu sitzen während das Herbstlaub auf Euch herabfällt. Und ihn zu fragen wie es ihm geht, inmitten des Krebsdramas seiner Freundin. Du möchtest ihm zeigen, dass Du für ihn da bist. Und Dich davon überzeugen, dass es ihn immer noch gibt. Aber O. lässt derartige Begegnungen nicht zu. „Heute nicht“ antwortet er, wenn Du ihn fragst. „Heute möchte ich mal so richtig meine Ruhe haben. Aber bald besuch ich dich und fick dich so richtig durch!!! Ich weiss das du das brauchst!!! Und ich brauche es auch!!!“

Leider ist O.s „bald“ etwas völlig anderes als Deines. Unverbindlich, fluktuierend, relativ, so wie all sein Erleben, Denken und Tun. „Bald“ in der Sprache von O. heißt bestenfalls „irgendwann“. Eigentlich eher „vielleicht“, „eines fernen Tages, unter magischen Gestirnen“. Jedenfalls nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „nächste Woche“. Und da Kohärenzstiftung ganz allgemein in O.s Reich der Unwägbarkeiten keinen Ort hat, kommen auch Informationen über die Therapiesituation von seiner Freundin nur bruchstückhaft und folgewidrig bei Dir an. Vieles musst Du Dir selbst zusammenreimen. Dass die ambulante Chemotherapie jede Woche Dienstags durchgeführt wird, beispielsweise. Mit Anderem, wie etwa unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalten, kurzfristig notwendigen Bluttransfusionen, Behandlungskomplikationen und durchwachten Nächten wirst Du schockartig konfrotiert. Und genau dadurch von O.s frei flottierenden Emotionen überrollt. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit. Tag für Tag.

Am 4.11.2015 schickt O. Dir zur Mittagszeit zwei Selfies von morbider, quälend schöner Traurigkeit. Dir bricht fast das Herz, als Du ihn vor dem Arkadengebäude eines der verwunschenen alten Friedhöfe Eurer Stadt stehen siehst, in eine dunkelblaue Edeldaunenjacke gehüllt über der sein Gesicht mit den schwarz umrandeten Augen noch zerbrechlicher und bleicher wirkt als sonst. „Ein Kuss von mir“ schreibt er dazu. „Danke Liebster!“ antwortest Du. „Wo ist das denn?“ – „Alter Friedhof am Schlosspark“ antwortet O. „Lolo hatte heute Chemo. In der Zeit gehe ich da immer spazieren“ – „Ach so“ antwortest Du. Bevor Du Deine Betroffenheit in weitere Worte fassen kannst, schickt O. Dir einen Text, der sich als weitergeleitete Whatsapp-Nachricht von seiner Freundin erweist. „Bin in 2,5 Std fertig“ heisst es da. „Port funktioniert nicht mehr. Muß es über Hand bekommen. Und am Freitag bekomm ich Blut Transfusion und Port Überprüfung. Alles Mist“ – „Die Ärmste“ schreibst Du. „Es geht mir nahe mit ihr!!!“

„Momentan läuft es sehr sehr schlecht für sie!!!!“ schreibt O. „Vielleicht muss sie nochmal an dem Port – da wird die Chemo angesteckt – operiert werden!!!!“ – „Also neuen Port reingemacht kriegen?“ fragst Du. „Der Port hat sich verschoben!!!“ antwortet O. „Er muss wieder in die richtige Position gebracht werden!!!! Wir wissen noch nicht wie das aussehen wird! Morgen ist der Termin dafür. Auf jeden Fall läuft es grad super schlecht!!!!“ – „Das tut mir sehr sehr leid“ antwortest Du. „Ich würde so gerne irgendetwas tun um Dir zu helfen!!“ – „Dass du mir immer neue Bilder schickst tut mir total gut!!!“ schreibt O. „Dann mache ich bald wieder welche für Dich!!!“ antwortest Du. „Ja bitte!!!!“ schreibt O. Noch am Nachmittag des gleichen Tages liegst Du mit Deinem Handy im Schlafzimmer auf dem Bett und machst Deine bisher besten, schönsten, sehnsuchtsvollsten Bilder für O. In roten Schuhen, weissen Strümpfen und einem korallenroten Satin-Trägertop. Tiefnachts schickst Du sie ihm, mit vielen vielen Küssen. Antwort? Fehlanzeige.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Summer of Love

Genau eine Nacht und einen Vormittag lang wirst Du getragen vom Hochgefühl über Dein lässiges Début als Cum-Slut im Hause von O. Dann ebbt der Endorphin-Rausch ab und die Realität holt Dich ein. Denn so cool Euer Date auch gewesen sein mag, ihm folgen sieben bleierne Tage an denen die Vögel im Garten verstummen und der wundervolle Frühsommer zum Erliegen kommt. Es sieht wieder einmal alles so aus als ob O. gleich nach Eurem Abschied für immer aus Deinem Leben gegangen wäre. Ohne ein Wort der Anerkennung. Ohne eine Geste des Danks. Er schreibt Dir weder morgens noch abends, weder tagsüber, noch nachts. Sein Whatsapp-Account sieht stillgelegt, abgeschaltet, einfach tot aus wenn Du ihn aufrufst. Die gespenstische Ruhe steht in krassem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit der Tage zuvor an denen O. Dich non stop mit Fragen und Wünschen kontaktierte. Und tut gerade deshalb besonders weh. Du versuchst die absurde Situation zu ertragen so gut Du kannst. Aber das kostet Dich sehr viel Kraft.

Freitag, 29.5.2015. Am Ende dieser schwierigen Woche stehst Du spätnachmittags im Garten und schaust gedankenfern dabei zu wie Dein Mann und Dein Sohn gemeinsam das Dach Eures Holzhüttchens reparieren. Du bist gerade dabei ihnen Bretter und Werkzeuge zu reichen als Du hörst daß im Inneren des Hauses irgendwo Dein Handy piept. Mit dem Nachrichtenton von O. „Hi Babe!!“ liest Du nachdem Du Dich unauffällig ins Haus gestohlen hast. „Hättest heute Abend Zeit?“ – „Wann wäre das?“ tippst Du. „Ab 21 Uhr“ antwortet O. „20 Minuten, oder?“ fragst Du betont cool. „Ja!“ antwortet O. „Will es mir nur schnell besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Soll ich die roten Schuhe mitbringen?“ – „Ja!“ antwortet O. „Und die weißen Strümpfe bitte auch!!“ – „Alles klar!“ schreibst Du. „Perfekt!“ antwortet O. Du atmest durch. Holst Schuhe und Strümpfe aus ihrem Versteck im Schlafzimmer und deponierst sie in Deiner Korbtasche neben der Haustür während Dein Mann und Dein Sohn im Garten hämmern. Dann gehst Du entschlossen zu ihnen hinaus.

„Herzen, Ihr müßt Euch heute Abend mal selber was kochen“ sagst Du mit kühler Stimme und blickst wie eine seelenlose Doppelgängerin Deiner selbst nach oben zu Deinem Mann und Deinem Sohn die verschwitzt auf dem Dach des Holzhüttchens knien. „Ich brauch mal Zeit für mich allein!“. „Magst Du alleine fernsehen?“ fragt Dein Sohn vom Hüttchendach herunter. „Nein. Ich will fahrradfahren“ antwortest Du schroff und wendest Dich ab um sein verwirrtes Gesicht nicht sehen zu müssen. „Ok. Wir kommen klar!“ rufen sie Dir nach. Du aber gehst ohne Dich noch einmal umzudrehen zurück ins Haus. Unter der Dusche versuchst Du Dein schlechtes Gewissen mit abzuwaschen, aber es gelingt Dir nicht ganz. „Egal“ denkst Du, als Du Dich in frischen Jeans und Sandalen mit Deinem Fahrrad davonmachst. „Einfach egal“. Du fährst eine halbe Stunde lang durch die abendliche Frühlingsluft. Machst Pause in einem kleinen Park. Versuchst Dich zu sammeln. „Zeit zu O. zu fahren“ denkst Du dann. Da piept Dein Handy.

„Klappt leider nicht!!!“ schreibt O. in der Kühle des Abends, exakt 15 Minuten vor Eurem vereinbarten Date. „Freundin bleibt zu Hause! Tut mir leid und sehr schade!“ – „Ja schade“ antwortest Du mechanisch. Ich hätte mich gefreut“. „Schönes Wochenende“ schiebst Du noch hinterher. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag geht der wundervolle Frühsommer dennoch weiter. Denn im Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe erblickst Du endlich wonach Du seit Monaten suchtest: DIE perfekten frivolen Highheel-Sandaletten. Marke Catwalk. Rot. Mit elegant geschwungenem 12cm-Absatz. 2cm hoher Plateausohle. Doppelt geschlungenem Fesselriemen UND dekorativer Seiten-Schleife im Knöchelbereich. Vor dem Ladenspiegel fotografierst Du Deine Füße in diesen Schuhen mit hochgekrempelter Jeans. „Geile Dinger, hm“ schreibst Du zu den Bildern die Du O. sendest dazu. „Oh ja Babe!“ antwortet er prompt. „Bitte kauf sie! Mir wird es super kommen wenn ich beim nächsten Mal Deine Beine in diesen Schuhen seh!!!“

Dienstag, 2.6.2015. Zwei Tage nach dem Kauf der neuen Schuhe erwachst Du morgens mit Gliederschmerzen und Schwächegefühl. Und als Du am frühen Nachmittag halbnackt auf Deinem Bett liegst um Bilder zu machen für O. wirst Du so heftig von Fieberschauern gebeutelt daß Du dein Handy kaum richtig halten kannst. 38,9 zeigt das Thermometer am frühen Abend. Von O. hörst Du nichts. In den Morgenstunden des folgenden Tages findet eine rasante Entfieberung in Deinem Körper statt. Danach fühlst Du Dich auf geradezu überirdische Weise geheilt. Beseelt, mit nie gekannter Energie schwebst Du durch den Sommertag. Fährst Rad. Suchst die Nähe von Menschen. Umarmst Deinen Sohn besonders innig als er nach Hause kommt. Kochst inspiriert für ihn und Deinen Mann. Dann fühlst Du die Gelenkschmerzen wiederkehren. Mußt Dich von Deinem Mann ins Schlafzimmer begleiten lassen wo ein neuer Fieberschub wie eine Tsunami-Welle über Dich hereinbricht. Die Temperatur steigt bis 40 Grad. Für den Rest der Woche kommst Du nicht mehr aus dem Bett.

Freitag, 5.6.2015. „Oh ein zweigipfliger Virusinfekt!“ schreibt Dein Freund der Suchtberater, als Du Dich am vierten Tag Deines Krankenlagers bei ihm meldest. „Die sind richtig heimtückisch und gefährlich. Wenn Du glaubst Du hast es hinter Dir dann holen sie Dich erst richtig. Steh bloß nicht zu früh auf!“ – „Ok“ antwortest Du und läßt Dich zurück in die Kissen sinken. Klar, dieser Virus ist wie O. denkst Du bevor Du in Genesungsschlaf fällst. Und Deine Beziehung zu ihm ist nun wohl auch auf immunologischer Ebene bei Dir angekommen. Unwirklich. Trügerisch. Von morbider Schönheit. So waren deine Fieberinfekte nicht bevor Du O. kanntest. Nun aber hat sich auch hier ein neues Erleben für Dich geöffnet das Dich gleichzeitig zurück in die Zeit Deiner Kindheit wirft als Dein Immunsystem noch unreif war. Du wirst auf Dich aufpassen müssen, denkst Du. Am frühen Abend weckt das Handy Dich aus Deinen Träumen. „Hi Babe“ schreibt O. „War in den Bergen. Bin wieder da!“ – „Schön!“ antwortest Du und fröstelst.

Der Sommer geht weiter. Am 9.Juni 2015 bricht Dein Mann auf zu einer dreiwöchigen Dienstreise durch Polen. In dieser Zeit schreibt O. Dir sehr oft am Morgen. Wie schön und erotisch er Dich findet. Wie dringend er es braucht Bilder von Dir zu bekommen und Dich besuchen zu dürfen. Dann wieder unterstellt er Dir Sex-Dates und sündige Chats mit einer Vielzahl von anderen Männern. „Schlampe!!! Ich sehe wenn Du online bist!!!“ schreibt er einmal mitten in der Nacht. „Was soll das?“ antwortest Du schlaftrunken. „Ich weiß daß Du andere Typen hast!!!“ schreibt O. „Und die werden es Dir mit Sicherheit auch besser besorgen als ich!!! Aber Du bist trotzdem der Wahnsinn für mich!!! Bitte laß es noch lange mit uns so weitergehen!!!“ – „Ich hab keinen anderen Plan!“ antwortest Du und versuchst zurück in den Schlaf zu finden. „Beweise es mir!!!“ schreibt O. „Ich besuche Dich bald! Und dann möchte ich was richtig Hartes mit Dir machen!!!“ – „Was denn?“ fragst Du alarmiert. „Etwas mit dem Gürtel aus Deiner Jeans!!!“ antwortet O.

Am Dienstag den 16. Juni 2015 weckt O. Dich zu früher Stunde mit einem eigenartigen Frageritual. „Guten Morgen mein Schatz!“ schreibt er um 6.06h. „Hast Du Dich heute nacht selbst befriedigt?“ – „Nein“ antwortest Du und fühlst wie eine Art Taubheit sich in Deinen Armen und Beinen ausbreitet. „Willst Du mich spüren?“ fragt O. „Sehr gerne!“ antwortest Du. „Liebst Du mich wirklich?“ fragt O. „Mehr als ich mit Worten schreiben kann!“ antwortest Du. „Mehr als Deine anderen Ficker?“ fragt O. „Es gibt keine!“ antwortest Du. „Bist Du noch meine Geliebte? fragt O. „Ich hoffe doch!“ antwortest Du. „Empfindest Du es wirklich so geil von mir genommen zu werden und mich zu lecken?“ fragt O. „Und wie!“ antwortest Du. „Ab wann bist Du heute alleine zu Hause?“ fragt O. „Ab 7Uhr 30“ antwortest Du. „Ich komme um 9Uhr zu Dir!!!“ schreibt O. „Kannst Du die weißen Strümpfe und die roten Schuhe anziehen und Dir Deinen Ledergürtel um den Bauch machen? Ich hab heute Lust Dich ein bisschen zu demütigen und zu schlagen!!!“

„Ein bisschen WAS?“ fragst Du zurück. Doch O. antwortet Dir nicht mehr. Erst um 7.58h piept Dein Handy erneut. „Bist Du bereit?“ fragt O. „Ich wollte gerade duschen“ antwortest Du. „Beeil Dich!!!“ schreibt O. „Ich bin gleich da!“ Du schaffst es mit Mühe Dich zurecht zu machen bevor es an Deiner Haustüre Sturm läutet. O. nicht hereinzulassen ist keine Option. Für Sekunden siehst Du, daß O. erneut sehr schön, sehr blaß und sehr geschmerzt aussieht als er sich zu Dir in den Hausflur drängt. Er trägt dunkelblaue Slipper zu einer hellbeigen Herren-Caprihose und ein T-Shirt über dessen seidigen dunkelblauen Stoff unzählige himmelblaue Vögel zu flattern scheinen. „Fast feminin“ denkst Du als O. Dich mit beiden Händen am Ledergürtel um deine Hüften packt und Dich ins Wohnzimmer zerrt. Dann schaltet Dein Verstand sich aus. Als Du wieder zu Dir kommst liegst Du rücklings auf der Couch und ringst nach Luft während O. den Gürtel den er um Deinen Hals gezogen hat lockert und Deinen Bauch sauber wischt.

„Alles ok Baby?“ fragt er und beugt sich kurz über Dein Gesicht. „Alles ok“ antwortest Du mit belegter Stimme und richtest Dich halb auf so daß er Dir den Gürtel vollständig vom Hals machen kann. Dann schaust Du noch leicht benommen dabei zu wie er in seine stylische Kleidung schlüpft bevor Du Dich vom Sofa kämpfst um ihn zu verabschieden. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt O. Dich heute fest in den Arm bevor er geht. „Danke für den super Start in den Tag, Kleine!“ murmelt er in Deine Halsgrube. „Es ist wirklich hammer mit Dir! Und nächste Woche schneide ich Dir garantiert die Hecke, ok?“ – „Das wäre super!“ antwortest Du und suchst eindringlich seinen Blick. „Tausendprozentig mach ich Dir das Baby!“ sagt O. „Aber jetzt muß ich gehen, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und machst ihm den Weg zur Haustür frei. Die Küchenuhr zeigt 8h49 als O. draußen im Vorgarten sein schwarzes Fahrrad entsperrt. Und Du klappst mit einem Hustenanfall auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem er gefahren ist.

Natürlich müssen  nun wieder einige Tage vergehen. In Schweigen, Verlustschmerz und Einsamkeit. Dann aber sendet O. Dir in den Morgenstunden des 25. Juni zehn Bilder aus dem Inneren seines Hauses und seines Gartens. Vom Haifisch aus Elektrodrahtgeflecht der stahlseilgesichert durchs Treppenhaus schwebt und weiteren Drahtkunstwerken von kühler, lichter Schwerelosigkeit. Du siehst eine Gruppe winziger bunter Püppchen im Wohnzimmer durch ein quaderförmig arrangiertes Kabelgespinst klettern und zwei fast lebensgroße, filigrane Menschenskulpturen in O.s Garten nebeneinander auf einer halbhohen Steingabione ruhen. „Meine neuesten Errungenschaften!“ schreibt er stolz dazu. „Oh danke für diesen Blick in Deine ganz spezielle Welt!“ antwortest Du beeindruckt. „Den Haifisch finde ich besonders toll. Der ist wie Du. Ein Raubtier mit ganz vielen feinen Nerven. So bist Du für mich!“ – „Babe, das hast Du wunderschön geschrieben!“ antwortet O. „Du bist doch ein sensibles Raubtier!“ schreibst Du.

„Eines was Antennen hat zu Welten die andere nie betreten weil sie viel zu feige dafür sind! Das ist es was ich so liebe an Dir. Was mir auch Angst macht manchmal. Und trotzdem liebe ich es!“ – „Du bist einfach klasse Ursula!“ antwortet O. und Du fühlst Ergriffenheit durch Dein Handy zu Dir dringen. „Du auch!“ schreibst Du. „Ich bin so glücklich ein kleiner Teil Deiner ganz speziellen Welt zu sein. Ich reihe mich gerne unter Deine Kunstobjekte ein!“ – „Du bist etwas ganz Besonderes und äußerst Wertvolles für mich!“ schreibt O. voller Pathos. „Es ist als ob Dich meine Fantasie erschaffen hätte!!! Ich bin unbeschreiblich glücklich daß es Dich in meinem Leben gibt! Bald komme ich zu Dir und schneide Deine Hecke! Aber vorher mußt Du mich auf Deinem Sofa lecken! Denn das ist für mich der Himmel!!! Und dann wenn wir den Garten machen mußt Du einen ganz kurzen dünnen Rock anziehen zum Mithelfen!!! Ohne Höschen drunter, ok?“ – „Ok“ antwortest Du. „Sehr gerne!“ – „Ursula ich liebe Dich!!!“ schreibt O.

Am 29. Juni 2015 macht O. sein Versprechen tatsächlich wahr und kommt früh am Tag zu Dir um die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. „Laß uns anfangen bevor ich keine Lust mehr hab!“ ruft er nachdem er ES mit Dir auf dem Sofa gemacht und danach sein Equipment vom metallicbraunen SUV auf die Terasse verladen hat. Natürlich arbeitet er nur mit hochwertigstem Gerät. Schnell. Präzise. Total fokussiert. Nie wurde die Hecke exakter getrimmt. Nie wurden die Buchskugeln perfekter gerundet. Du erlebst allerdings einen Mann im Kampfmodus, keinen sensiblen Pflanzenversteher als Du beobachtest wie O. mit gezückter, gleißender Motorheckenschere im Vormittagslicht umherwirbelt. Behelmt. Im Schnittschutzoverall. Mit Ohrenschützern. Und Sonnenbrille hinter dem heruntergeklappten Visier. „Garten ist Krieg“ denkst Du während Du selbst in Sandalen und einem violetten Baumwoll-Minikleid das Schnittgut zusammenrechst. OHNE Slip. Um 14 Uhr seid Ihr fertig. „Danke für die sexy Mithilfe“ sagt O. nachdem alles aufgeräumt ist. „350 Freundschaftspreis, ok?“

Am Abend sitzst Du mit mückenzerstochenen Beinen und sonnenverbrannten Schultern im Wohnzimmer auf der Couch und spürst das Gefühl von Zerrissenheit und Trauer das O.s Garten-Performance in Dir hinterlassen hat. Mehr als jedes andere Date. „Liebster“ schreibst Du deshalb um 18.30h. „Vielen vielen Dank daß Du heute hier warst. Das ist der beste Heckenschnitt der jemals hier gemacht wurde! Ich bin total beeindruckt von Dir! Und ich wäre so glücklich wenn Du mir auch weiterhin noch manchmal helfen könntest!“ – „Das freut mich natürlich!“ antwortet O. „Aber Du mußt wissen daß es so günstig wie heute dauerhaft nicht geht! War echt ne Ausnahme daß ich es für so wenig Geld gemacht hab!“ -„Kein Thema!“ schreibst Du. „DU bist der Boss. Ich bewundere Dich so sehr. Und das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Süße, jetzt übertreib mal nicht!!!“ antwortet O. „Ich hatte in meiner Kindheit sehr viel Unglück und als Erwachsener sehr viel Glück! Und jetzt schneide ich halt Hecken und Bäume!“

„Ich übertreibe nicht!“ antwortest Du und spürst wie es Dir kalt über den Rücken läuft. „Du schneidest nicht nur Hecken und Bäume! Du hast Dein Leben aus den Trümmern Deiner Kindheit neu zusammengesetzt! Und Dich selber mit dazu! Du hast Dich aus Deinen Verletzungen neu erschaffen! Und wenn Du jetzt Hecken und Bäume schneidest berührst Du damit mein Herz!“ Kurze Pause. „Du hast bestimmt Dinge überlebt an denen ein Anderer zerbrochen wäre!“ fügst Du hinzu, da O. nicht gleich zurück schreibt. „Die Bilder in Deinem Treppenhaus lassen das ahnen. Und Du hast es überlebt. Das macht Deine Stärke aus die ich so bewundere. Du hast gelernt Dich zu schützen wie niemand sonst den ich kenne! Ich liebe Dich!“ Für eine geraume Weile geschieht nichts. O. schweigt und Du machst Dir Sorgen zu weit gegangen, zu indiskret gewesen zu sein mit dem was Du da eben geschrieben hast. Erst um 20.17h piept Dein Handy noch einmal. „Ich helfe Dir gerne weiterhin mit dem Garten wenn Du das möchtest“ schreibt O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Dawn

Samstag, 25. Oktober 2014. Die Tage sind schnell vergangen. O. hat Dir weiterhin öfter geschrieben in den Morgenstunden. Manchmal nur einen kurzen Satz oder ein einzelnes Wort, manchmal eine erratische Bitte oder Frage. Ob Du ungetragene halterlose Strümpfe zu Hause hast. Ob Du auch wirklich fahrradfahren kannst in Highheels. Ob Du es erregend findest seine Wünsche zu erfüllen. Ob Du ihm einen Orgasmus aufs Handy stöhnen könntest? Mehrmals schrieb er auch, er könne es kaum mehr erwarten, Dich endlich frühmorgens am Parkplatz zu sehen, halbnackt, in Highheels und Strümpfen. Nun aber, da die fragliche Nacht vor der Türe steht, breitet sich wieder einmal merkwürdige Stille auf Deinem Handy aus. Du fühlst minütlich mehr, wie O. abdriftet, in Unerreichbarkeit. Und wie Euer geplantes Treffen dadurch verwandelt wird: Von einem aufregenden erotischen Abenteuer in etwas völlig Anderes, was es nicht sein sollte: einen Machtkampf nämlich, ein Nervenspiel, eine Zerreißprobe. In etwas, was Euch trennt, anstatt Euch zu verbinden.

Sonntag, 26. Oktober 2014. 9h. Ein zartgrauer Herbsttag beginnt, mit Hoffnung auf Sonne am Nachmittag. Du schreibst O.: „Bin jetzt zwei Tage lang allein zu Haus. Freu mich auf morgen früh. Bitte sag mir noch ganz genau wo ich mit dem Fahrrad hinkommen soll.“ Für ein paar Stunden schweigt Dein Handy. Dann gibt es einen bösartig und heimtückisch klingenden Ton von sich. „Machst Du es jetzt mit nem Anderen wenn Du allein daheim bist?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Was soll das?“ – „Wir beide wissen was Du für ne Schlampe bist!“ antwortet O. „Und jetzt entspann Dich Babe, sonst wird das nichts heute nacht!“ Du haßt O. in diesem Moment. Genauer: das, was er tut: Vertrauen zerstören. Erotik vernichten. Ärger, Angst, und Argwohn erzeugen. Du zwingst Dich zur Ruhe. Versuchst, das Alleinsein im Haus zu genießen. Aber um 23h ist Deine Geduld zu Ende. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Soll mich lieber jemand anderer hier besuchen?“ Und, mittenhinein in O.s eisiges Schweigen textest Du noch ein paar Effronterien mehr …

Montag, 27. Oktober 2014. 2.55h. Das Piepen Deines Handys schreckt Dich aus einem unruhigen Schlaf. „Hätte nicht von Dir gedacht dass Du gleich mit Beziehungsende und anderen Typen drohen musst“ schreibt O. voller Verachtung. „Vergiß nicht, meine Ma ist schwer krank!!! Wie soll ich da Lust auf Dich bekommen?“ – „Verzeih mir bitte!“ schreibst Du tief beschämt. „Es war uns beiden doch so wichtig. Was soll jetzt passieren?“ – „Also ich hätte es heute ganz sicher mit Dir gemacht. Aber Du willst es ja lieber mit nem Anderen!“ schreibt O. „Das stimmt nicht!!“ schreibst Du verzweifelt. „Bitte tu Du es mit mir!!!“ Minuten vergehen. „Ich hab die Schuhe und Strümpfe seit Tagen bereit gelegt!“ schreibst Du. „Bitte lass mich zum Parkplatz kommen!“ – “ Also gut, Schlampe!“ antwortet O. endlich. „Dann komm aber zu dem Kinderspielplatz der da ganz in der Nähe ist. In 15 Minuten hol ich Dich da ab. Beeil Dich. Wenns hell wird ist es zu spät!!“ 4.07h. Du sperrst Dein Fahrrad am Klettergerüst an. Vor Jahren bist Du oft hier gewesen …

Es war eine Zeit in der Du glücklich warst mit Deinem Mann. Und ganz besonders mit Deinem kleinen Sohn. Lange Nachmittage verbrachtest Du damit, ihm beim Klettern durch die Takelage zuzuschauen. Du vermisstest nichts. Ahntest nichts. Stelltest Dir nichts vor. Nun aber stehst Du hier, auf der Nachtseite Deiner bisherigen Routinen und wartest auf O. Du fröstelst im Herbstwind, nackt wie Du bist, unter Deinem Parka. Stehst schwankend auf Deinen Stilettos im Kies. Spürst Deine Gänsehaut, da wo der Spitzensaum der halterlosen Strümpfe endet. Jenseits der Ahornbäume am Spielplatzrand blitzen Scheinwerfer auf. Tatsächlich. Der Geländewagen. Bleich und stumm starrt O. unter seiner Basecap durch die Frontscheibe auf Deine Füße während Du im feuchten Laub auf ihn zugehst. Erst als Du direkt vor dem Wagen stehst öffnet er die Seitentür, gerade so weit, dass Du auf den Beifahrersitz schlüpfen kannst. „Du brauchst es, oder?“ fragt er kaugummikauend, während Du Dich zurecht setztst. „Ja“ antwortest Du.

„Dann mach endlich Deinen Mantel auf und zeigs mir!“ sagt O. Du öffnest den Reißverschluß von Deinem Parka und reckst Deine Brüste dem Halbmondlicht entgegen, das schwach durch die Frontscheibe scheint. „Mehr, Baby“ sagt O. Du ziehst den Reißverschluß noch ein kleines Stück nach unten. „Zieh den Mantel ganz aus“ sagt O. „Steig aus und leg ihn in den Kofferraum.“ Du gehorchst. Schlüpfst aus dem Mantel, öffnest die Wagentür, stökelst um das halbe Auto herum, entriegelst den Kofferraum und legst den Parka zusammen mit Deiner Tasche hinein. „Gut gemacht, Babe“ sagt O., nachdem Du wieder auf dem weißen Laken Platz genommen hast, mit dem der Beifahrersitz abgedeckt ist. „Wir fahren jetzt schnell zum Gewerbegebiet. Hier ist es zu riskant. Die ersten Hundebesitzer kommen gleich. Kümmer Dich um meinen Schwanz während ich fahre!“ O. dreht die Musikanlage des Wagens laut auf. „Come as you are“ röhrt die rauhe Schmerzensstimme von Kurt Cobain. Du beugst Dich nach vorne und tastest nach O.s Schwanz.

Massiv, fast wie gemeißelt, zeichnet er sich durch den flauschigen Stoff von O.s Jogginghose ab. Es ist jedesmal ein kleiner Schock für Dich, dieser gnadenlosen, phallischen Absolutheit zu begegnen. Deine Hand zittert ein wenig, bei der ersten Berührung. Aber O. gefällt das was Du tust. „Mach weiter, Babe“ sagt er. „Mach das was Du am Besten kannst und reg Dich nicht immer so künstlich auf! Ich hab starke Beruhigungsmittel bekommen wegen der Krankheit von meiner Ma. Glaub mir, wenn ich Tabletten krieg von meinem Doc, dann sind das keine Hustenbonbons! Ich war völlig weggetreten in der Nacht. Deshalb konnte ich nicht schreiben.“ – „Tut mir leid. Das wußte ich nicht“ flüsterst Du. „Egal“ sagt O. „Ich machs jetzt mit Dir, damit Du Ruhe gibst. Und dann mußt Du zur Strafe mein Arschloch küssen. Wenn Du es nicht gut machst läufst Du zu Fuß vom Gewerbegebiet zurück. Klar?“ – „Klar“ antwortest Du. „Gut“ sagt O. und parkt den Wagen vor den hellerleuchteten Fenstern eines Elektronik-Showrooms. 

„Geh auf den Rücksitz!“ kommandiert O. Er läßt seine Fliegerjacke aus cognacfarbigem Nappalader von den Schultern gleiten und holt seinen Schwanz aus der Jogginghose. Du kletterst nach hinten, legst Dich dort auf den Rücken und stemmst Deine weit geöffneten Beine halb angewinkelt gegen den grau bespannten Autodachhimmel. Von der Seitentür kommend dringt O. mit einem einzigen brutalen Stoß tief in Dich ein. Du stöhnst vor Schmerz. „Bist Du  schon soweit?“ fragt O. „Fast“ antwortest Du. „Sehr gut“ sagt O. und stößt noch einmal zu, so daß Dein Kopf am Autotürgriff über Dir anschlägt und Deine Highheels von den Füßen rutschen. „Den Rest besorgst Du Dir selber mit der Hand während Du mich leckst, ok? Und bitte stöhn ganz laut wenn es Dir kommt und sag mir daß ich der Geilste für Dich bin!“ sagt O.  Du tust was er verlangt. Küßt O.s Analregion während er mit abgewandtem Gesicht über Dir kniet. Streichelst Deine Muschi. Mimst einen Orgasmus. Fühlst O.s warmes Sperma auf Deinem Bauch. Dankst ihm. Gibst vor glücklich zu sein.

„Darf ich jetzt wieder mit Dir zurück fahren?“ fragst Du, nachdem Ihr im Auto Ordnung gemacht und Euch angezogen habt. „Von mir aus“ sagt O. „Aber nur, wenn Du mich jetzt nicht mehr anfaßt! Eine Nummer im Auto ist keine Kuschelveranstaltung!!“ – „Ok“ sagst Du und vergräbst Dich auf dem Beifahrersitz in Deinen Parka. Stumm sitzt Ihr nebeneinander während der kurzen Fahrt. „Ist es sehr schlimm mit Deiner Mama?“ fragst Du, als Ihr den Spielplatz fast erreicht habt. „Ach meine Mutter hat in ihrem Leben einfach immer nur Scheiße gebaut“ sagt O. „Und jetzt will sie plötzlich alles mit mir und meinen Brüdern bereinigen und ruft uns dauernd zu sich ins Krankenhaus.“ – „Du hast Brüder?“ fragst Du. „Ja. Einen halben und einen ganzen Bruder“ sagt O. „Ich bin der Jüngste.“ Bevor Du noch etwas dazu sagen kannst parkt O. das Auto hinter den Ahornbäumen beim Spielplatz. Euer Date ist zu Ende. „Steig aus,  Babe“ sagt O. „Und vergiß nicht Deine Tasche hinten rauszuholen. Ich kann die nicht brauchen. Ok?“

„Willst Du nicht schauen ob ich es richtig mache?“ fragst Du. „Doch“ sagt O. „Nicht daß Du noch was mitnimmst was Dir nicht gehört.“ Im fahlen Licht des heraufdämmernden Tagesanbruchs steht O. neben seinem Auto und beobachtet argwöhnisch, wie Du Deine Tasche aus seinem Kofferraum holst. Unrasiert, übernächtigt, mit blutleeren Lippen und bläulich unterlaufenen Augenlidern. Ein unirdisches, umhergetriebenes Wesen, beheimatet im diffusen Grau eines immerwährenden Frühmorgens. Es tut Dir weh ihn so zu sehen. „Machs gut“ sagst Du und versuchst zum Abschied Deine Stirn an das kalte, abweisende Nappaleder von seiner Fliegerjacke zu legen. „Du auch“ antwortet er und dreht sich von Dir weg. Während Du zu Deinem Fahrrad gehst, hörst Du wie hinter Dir der Geländewagen startet. Als Du Dich umschaust ist er verschwunden. Als ob er niemals da gewesen wäre.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

French Can-Can

Dienstag, 9.9.2014 7h30. Sms von O. Er will Dich sehen, heute. „Das Haus ist frei ab Mittag“ schreibt er und dass Du schwarze halterlose Strümpfe und Stiefeletten unter Deinem weiten Sommerkleid anhaben und  Frischhaltefolie mitbringen sollst. „Werde Dich wo anbinden und Dir leicht wehtun!!!“ schreibt er. „Ich bin bereits verletzt!“ antwortest Du und schilderst Deinen Sturz vom Fahrrad. „Das ist mir egal!!“ kommt es zurück. „Du hast gesagt dass ich mit Dir machen darf was ich will und genau das werde ich tun!!!“ Drei Stunden später. Das Date wankt. „Hoffentlich klappt es heute noch!!!!“ schreibt O. „In dem Haus ist ein Handwerker und der braucht länger als gedacht!!!“ – „Ich übe jetzt Klavier mit meinem Sohn“ schreibst Du. „Sag einfach bescheid wenn ich kommen soll!“ Du atmest durch. „O. at his best“, denkst Du. Unfassbar. Undurchschaubar. Unberechenbar. Das Ende des Tages völlig ungewiss. Du setztst Dich zu Deinem Sohn und beobachtest wie seine kräftigen, sommerbraunen Kinderhände über die Tasten des E-Pianos wandern. Es hat immer etwas Heilendes und Tröstliches für Dich, ihm beim Spielen zuzuhören. Gerade als er mit den Fingerübungen fertig ist, piept erneut Dein Handy. „Es ist jetzt doch ganz schnell gegangen!“ schreibt O. „Komm sofort zur Parkbank und schreib mir wenn Du da bist! Ich hole Dich dann ab!!“ 13h10. Beim Treffpunkt. Deine geschürften Knie schmerzen unter den eng anliegenden halterlosen Strümpfen. O. kommt Dir zu Fuss entgegen, ausgezehrt wirkend, bleich. Zur Begrüßung musst Du kurz den wadenlangen Rock von Deinem Kleid hochheben, so dass O. den Spitzensaum der Strümpfe sehen kann. Dann greift er nach Deinem Handgelenk, dreht es Dir grob auf den Rücken und führt Dich wortlos neben sich her. Zum Glück ist es kein weiter Weg. Rasch seid Ihr bei dem Haus mit der weissen Fassade und dem dunkelroten Garagenanbau. Ein Daumendruck auf den elektronischen Schlüssel. Das Tor hebt sich. Ihr tretet ein. „Geh schnell nach oben in das Zimmer wo die Türe offen steht“ sagt O. mit leiser Stimme. „Und pass auf mit Deinem Kleid. Das Geländer ist frisch gestrichen!“ Im ersten Stockwerk betrittst Du ein kleines Zimmer mit einem sehr schmalen, vertikal verlaufenden Fenster. „Schießscharte“ denkst Du. In einer Ecke ein grosser, bunter Haufen von Stofftieren und Puppen. Mittig ein signalrotes Ecksofa mit verchromtem Gestell. Abgedeckt mit einem weissen Leintuch. Genauer umschauen kannst Du Dich nicht, denn, lautlos wie ein Schatten ist O. Dir gefolgt. Jetzt versetzt er Dir von hinten einen heftigen Stoß. Wirft sich direkt zu Dir auf das Sofa. Schiebt Dein Kleid hoch. Presst sein Knie hart gegen den Bluterguss auf Deinem Oberschenkel. „So, Du Schlampe, jetzt sagst Du mir erst mal die Wahrheit wo Du die Verletzung her hast!!“ Er öffnet den Reißverschluss von seiner Sommerhose. „Mit wem hast Du es gemacht?“ Bevor Du antworten kannst presst er seine grosse Hand auf Deinen Mund und nimmt Dich mit sehr harten Stößen. Du spürst die Krümmung von seinem Schwanz heute deutlicher als bisher. „Du bist so grausam!!“ flüsterst Du als Du wieder zu Atem kommst. „Sei still und leck mein Arschloch!!“ antwortet O. und sucht nach der Frischhaltefolie in Deiner Tasche. Blitzschnell fixiert er Deine Handgelenke an der Chromstange oberhalb Deines Kopfes. Dann setzt er sich über Dein Gesicht und beginnt es sich selbst zu machen während Du ihn küsst. Kurz vor dem Höhepunkt streicht er sanft mit einer Fingerspitze über die Heftpflaster auf Deinen Knien, die sich durch das Nylonschwarz der Strümpfe abzeichnen. Dann spritzt er unter geschmerzt klingendem Stöhnen auf Deinen Bauch. Er hilft Dir aus den Fesseln frei zu kommen. Reicht Dir ein Kleenex. Zieht sich an, geht hinaus, während Du mit gesenktem Kopf Deine Sachen zusammensuchst. Steht mit bereit gehaltenem Schlüssel an der Verbindungstür zur Garage als Du die Treppe herunter kommst. „Danke dass Du da warst, Kleine“ sagt er. „Ich glaub Du findest allein zurück. Geh schnell bevor noch jemand kommt!“ – „Gern“ antwortest Du und suchst seinen Blick zum Abschied. Doch O. hat sich bereits abgewendet. Als Du nach Hause kommst, spielt Dein Sohn gerade die letzten Takte des French Can-Can von Jacques Offenbach. „Wo warst Du Mama? Du schaust traurig aus!“ sagt er. „Nirgends“ antwortest Du.

Mittwoch, 10.9.2014. 7h30. Du erwachst mit Nackenschmerzen und einem bedrückenden Gefühl des vollkommenen Verlassenseins. Du wünschst Dir inständig eine Guten-Morgen-Sms von O. Inständig. Aber Dein Handy bleibt stumm und leer als Du es einschaltest. Also schreibst DU IHM die liebevolle Sms, die Du selber gern bekämst. Ohne Antwort. Ohne Echo. Der Vormittag vergeht. Das Verlorenheitsgefühl wird übermächtig. Du verlierst die Nerven. „Du kaltes Arschloch! Warum machst Du das mit mir?“ textest Du. „Auf DIE Art wirst Du mich verlieren, das muss Dir klar sein!“ O. reagiert sofort. „Sag mal spinnst Du?“ schreibt er. „Ich muss arbeiten und kann nicht immer schreiben!!! Deine Vorwürfe sind echt das Allerletzte!!!!“ Den Rest des Tages verbringst Du damit, schuld- und schambeladene „Verzeih-mir“-Sms in Dein Handy zu tippen. Sie verhallen. Und spät Abends schreibt O.: „Bitte lass mich in Ruhe!!! Für immer!!!“

Freitag, 12.9.2014. 10h. Du klagst Dein Leid Deinem Freund, dem Suchtberater. „Solche Totalabstürze wirst Du mit ihm noch viele erleben!“ schreibt er. „O. ist eine Alles-oder-Nichts-Persönlichkeit! Google mal emotionale Instabilität. Der Wikipedia-Artikel zu dem Thema ist sehr gut.“ – „Glaubst Du dass ich ihn wiedersehen werde?“ fragst Du. „Oh, ganz sicher!“ schreibt Dein Freund. „Im Moment will er Dich bestrafen. Aber den wirst Du noch öfter wiedersehen als Dir lieb ist!“

Samstag, 13.9.2014. Regen. Spät Abends fährst Du mit dem Rad zu der Parkbank bei der O. Dich zweimal abgeholt hat. Hockst mit angezogenen Beinen da, drehst und wendest Dein Smartphone in den klammen Fingern. Bist kurz davor ihm zu schreiben. Lässt es. Weinst. Frierst. Fährst nach Hause.

Sonntag, 14.9.2014 Dein Sommerkleid. Ärmellos. Figurumspielend. Mit Blumendruck in Delfter Blau. Am vergangenen Dienstag hast Du es überhastet ausgezogen und einfach in den Schrank gehängt, nachdem Du vom Treffen mit O. zurück warst. Nun holst Du es heraus. Vergräbst Dein Gesicht in den Volants aus Baumwollstoff. Es duftet so intensiv nach dem Eau de Toilette von O. dass es Dir fast körperlich weh tut. Nach Männlichkeit und Luxus riecht es. Nach Sehnsucht. Nach Begehren. Nach Stress. Nach Angst. Nach tiefer Traurigkeit. Und: Du glaubst wittern zu können, dass O. Dich immer noch will. Mehr noch: dass er Dich braucht. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich rieche Dich in meinem Kleid!“ O. antwortet direkt. „Was willst Du?“ fragt er. „Mit Dir in Verbindung sein!“ schreibst Du. „Auch Ficken?“ fragt O. „Doch, auch“ schreibst Du. „Gut, Schlampe!“ schreibt O. „Ich mach diese Woche einen Garten in der Innenstadt. Da kannst Du dann hinkommen und mir mein Arschloch lecken!“ – „Danke“ antwortest Du.

Montag, 15.9.2014. Wieder einmal darfst Du also aufatmen. Du bist zurück im Gespräch mit O. Hast Deine Verstoßung abgewendet. Die Gnade einer neuen Chance erwirkt. Natürlich wirst Du nun aus Deinen Fehlern lernen, denkst Du, während Du mit Deinem Rad durch die klare frühherbstliche Luft im Süden Deiner Stadt fährst. Du wirst es lernen, Deine eigenen Gefühle weniger wichtig zu nehmen und stattdessen die von O. zu respektieren. Du wirst ihn nicht mehr belästigen, vor allem nicht mehr nach einer erotischen Begegnung. Du wirst es lernen ihn in Ruhe zu lassen, ganz bestimmt. Du freust Dich jetzt sehr auf das Date im Garten in der Innenstadt, darauf, ihn bei seiner Arbeit zu beobachten und zu bewundern. Gerade als Du anfängst, Dir O.s Körper angeseilt in Klettergurten vorzustellen, piept Dein Handy. „Es klappt diese Woche nicht!“ schreibt O. „Die Kundschaft will dabei sein wenn ich den Garten mach!“ – „Ok“ schreibst Du. Die Luft ist nicht mehr ganz so klar als Du mit Deinem Rad nach Hause fährst.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin