Mittwoch, 24.9. 2014 Ein Freund aus der Schulzeit ist zu Besuch in Deiner Stadt. Diplom-Psychologe, auch er. Schwerpunkt: Seelische Traumata. Ihr seid zum Abendessen verabredet, in einem gehobenen italienischen Resaturant. Bei Antipasti und Rotwein sitzt Ihr unter alten Kastanien, erzählt Euch von Euren Kindern, tauscht Erinnerungen an die Schulzeit aus. Du bist ihm von damals als freiheitsliebende Person im Gedächtnis geblieben. Er hat viel Sympathie für Deine spontane Art, Deinen „offenen Lebensstil“, wie er es nennt. Die aktuelle Entwicklung zwischen Dir und O. sieht er jedoch kritisch und mit Sorge. Er will wissen was Dich treibt. Was suchst Du bei einem Mann dem Zärtlichkeit und Nähe fremd sind? Warum riskierst Du Schmerzen und Verletzung? Ja, er weiß, solche Menschen können sehr charmant sein, sagt er. Facettenreich. Schillernd. Attraktiv. Intelligent. „Aber im Inneren, glaub mir“, sagt er, „im Inneren ist Nichts. Nichts ausser einem schweren Bindungstrauma!“

Donnerstag, 25.9.2014 Wieder verbringst Du viel Zeit vor dem Internet. Ein Bindungstrauma, so erfährst Du, entsteht durch mangelnde Fürsorge in  der Kindheit. Erwachsene, die ihnen anvertraute Kinder vernachlässigen, misshandeln, missbrauchen … Eltern, die ihre Söhne oder Töchter alleine lassen, in Ängste und Verwirrung stoßen anstatt ihnen Sicherheit zu bieten … Sie fügen ihren Schutzbefohlenen ein sogenanntes Symbiose-Trauma mit möglicherweise schweren, lebenslangen Folgen zu. Alkohol-, Spiel- oder Drogensucht, scheiternde Partnerschaften, flüchtige sexuelle Abenteuer, Manipulations- und Kontrollbedürfnis gegenüber nahestehenden Personen, Konflikte mit dem Gesetz durch allzu große Impulsivität: all das ist charakteristisch für Bindungstraumatisierte, deren Psyche sich nach dem Überleben der schwierigen Kindheit trickreich gegen erneute Verwundung und Enttäuschung wehrt. Sich wehrt gegen Menschen, die sie lieben. Mit Dominanz, Kühle, Rückzug oder Schweigen. Sich so wehrt wie O. gegen Dich …

Eine überschattete Kindheit, also. Belastet von Schmerz, regiert von Angst. All Deine Recherchen im Netz, all Deine Gespräche mit psychologisch geschulten Freunden, sie führen nur immer wieder zu der einen Vermutung: in O., Deinem wunderschönen Liebhaber mit der blassen Haut und dem trauerumflorten Blick, schlummert ein zutiefst verletztes, gequältes und gekränktes Kind. Was hat man ihm angetan? Im Augenblick kannst Du es nur erahnen. Manchmal glaubst Du, aus dem was er bei Euren sexuellen Begegnungen mit Dir tut, rückschließen zu können auf Erlebnisse die ihn vielleicht geprägt haben. Alleingelassen werden in Dunkelheit und Kälte, beispielsweise. Geschlagen und bespuckt werden. Ungeduldig und grob entkleidet werden. Herbeigezerrt und gleich wieder weggeschickt werden. Gedemütigt und beschimpft werden. Zur Eile angetrieben werden. Auch: Brutal genommen werden?? Du hoffst, es eines Tages zu erfahren. Denn: auch in Dir schlummerte ein verwundetes Kind. Und es ist aufgewacht seitdem Du mit O. zusammen bist.

Samstag, 27.9.2014 Dein Freund aus der Schulzeit hat die Stadt wieder verlassen. So kannst Du es ihm nicht mehr direkt sagen, was Dich bei O. hält, beziehungsweise zu ihm treibt: Alles was mit O., besser gesagt mit Deiner Idee von O. zusammenhängt, ist einfach viel zu aufregend, zu intensiv, um Dich schon jetzt davon lösen zu können. Vor allem aber gibt es noch viel zu viele offene Fragen, auf die Du eine Antwort finden willst. Finden musst! Wer ist dieser O., der tagsüber mit dem Fahrrad und nachts mit dem Auto durch die Strassen im Süden der Stadt geistert und Frauen jagt? Wie heißt er, wo lebt er, wie sieht seine Freundin aus, wem gehört das luxuriöse Haus in dem er sich mit Dir trifft? Und wer bist Du selbst, in diesem Netz aus ungelösten Rätseln? Die wie vielte Frau? Eine von wie vielen Gespielinnen aktuell? Wie viele „Babes“ gibt es? Wer außer Dir dient noch als Schlampe oder Sexspielzeug?

Es gibt Dein Begehren nach O.s Körper. Deine Sehnsucht nach seiner Stimme, seiner Haut. Deine Verliebtheit in ihn. Es gibt Dein Mitgefühl für seine innere Not und Deinen Respekt vor der Bürde seines Schiksals. Du würdest es ihm gerne tragen helfen. Es gibt aber auch: Dein kriminologisches Interesse. Deine Neugier. Dein Wissenwollen. Deinen eigenen Jadginstinkt. Du willst ihm auf die Schliche kommen, seine Ränkespiele durchschauen. Du willst hinter seine Maske blicken, willst sehen welches Wesen sich dahinter verbirgt und schützt. Du willst den Menschen O. entdecken und berühren, den es mit Sicherheit geben muss, auch wenn manche Stimmen im Internet das Gegenteil behaupten. Du kannst einfach nicht glauben, dass nur das Raubtier, nur das Phantom O. existiert als das er Dir bisher begegnet ist. Du wirst und willst nicht als ahnungsloses Opfer enden.

Du denkst oft an das Haus. Die Häuser, besser gesagt. Zu zwei Häusern hat O. Dir bisher Zutritt verschafft, um darin seine Art von Liebe mit Dir zu machen. Zu der verlassenen, halb leer geräumten Villa im gutbürgerlichen Westen Eurer Stadt. Und zu dem Anwesen in der Nähe des großen Friedhofs, der dem umliegenden Quartier seinen Namen gibt und es atmosphärisch prägt. Das quaderförmige, weisse Haus mit den vertikalen Fensterfronten und der dunkelroten Garageneinfahrt. Das Haus mit den vielen Bildern. Das Haus das nicht seines ist, wie O. sagt, und in dem er sich dennoch mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt. Es muss eine vermögende, junge Familie sein, die hier mit souveräner Nonchalance lebt. Bei Deinem letzten Besuch lagen teure Markenstiefel für Kinder und niedliche kleine Trekkingjacken verstreut im Eingangsbereich. Und dennoch atmeten die Räume Traurigkeit. Es sind Orte von morbider Schönheit und Interieurs der Tragik, zu denen O. den Schlüssel besitzt. Stätten, wie Du bisher nie betreten hast …

Zwei muntere Kinder im Vorschulalter. Mit libertinären, großzügigen Eltern. Freiberufler, kreativ in der Internet- oder Werbebranche unterwegs. Tolerant und offen denkend, auf der Basis großer finanzieller Spielräume. So stellst Du sie Dir vor, die Familie, die im Haus mit den vielen Bildern ein beneidenswert cooles Leben führt. Sie sind anscheinend viel auf Reisen. Unternehmen Kurztrips, nach Barcelona vielleicht, oder nach Paris. Oder sie besitzen ein Chalet in der Schweiz, in dem sie ihre Wochenenden verbringen. O. genießt ganz offensichtlich ihr Vertrauen, bewacht und versorgt das Haus während ihrer Abwesenheit. Pflegt den Garten, hackt Holz für den weißen Design-Kaminofen der einen ebenso majestätischen wie minimalistischen Raumteiler zwischen Wohnzimmer und Küche bildet. Und ab und zu bestellt er eine Frau zu sich, in diese edlen Räume. Vielleicht auch nicht ganz ab und zu, fürchtest Du. Vielleicht auch oft, oder sehr oft. Mehrmals am Tag??? Das willst Du wissen, irgendwann.

Irgendwann, vielleicht bald, vielleicht später. Irgendwann soll der Moment für Dich kommen, in dem Du erfahren MUSST, in welchen Gesamtzusammenhang sich Deine bizarren erotischen Blitz-Begegnungen mit O. einfügen. Für Dich sind es: Risse im Firnis Deines Alltags. Rupturen der Normalität. Durchbrüche in eine düstere, fremdartige Welt, die etwas tief Verborgenes in Deinem eigenen Inneren berührt. Aber was sind sie für O.? Du musst immer wieder an die vielen Stofftiere und Puppen denken, die im Besuchszimmer des rot-weissen Hauses herumliegen. Manche wirken edel und erlesen, andere grell und billig, unpassend im Ambiente. Einige liegen da, als ob ein trotziges, schlecht gelauntes Kind seine Wut an ihnen ausgelassen hätte, andere wirken nagelneu und unberührt. Alle aber scheinen sie zusammen zu gehören, geeint darin, irgendwann einmal gewollt, erwünscht gewesen zu sein, bevor sie achtlos hingeworfen wurden. Du fürchtest, dass Frauen wie Puppen sind, im Universum von O. Und Du mittendrin.

Dir fällt plötzlich ein, dass O. sich bei Euren bisherigen Begegnungen gelegentlich ein wenig Zeit nahm, um die Biegsamkeit Deiner Glieder zu überprüfen und die Reaktionen Deines Körpers zu testen, so wie ein Kind mit einem Insekt spielt, das es gefangen hat. Rittlings über Dir knieend griff er dann nach Deinen Armen, verdrehte sie weitmöglichst nach innen und aussen, zeichnete die Linien der Oberarm-Tattoos nach, bog und wand Deine Handgelenke in verschiedene Richtungen, mit kühlem Forscherblick wartend auf ein knackendes Geräusch oder eine Schmerzreaktion von Dir. Einmal hatte er seine große Hand um Deinen Hals gelegt, während Du unter ihm lagst, als ob er Maß  für ein bizarres Accessoire nehmen und gleichzeitig Deine Lymphknoten abtasten wollte. Als er die Angst in Deinem Blick bemerkte, strich er mit dem Daumen über Deinen unregelmäßigen Nasenrücken und über die Narbe, die Deine rechte Augenbraue seit Deinem 13. Lebensjahr teilt. „Wo hast das her?“ wollte er wissen. „Von meinem Vater“ sagtest Du. „Drecksau!“ antwortete er.

Eine lebende Gliederpuppe. Eine bewegliche Schaufensterfigur. Zerlegbar in Einzelteile, die ausgetauscht und neu zusammengesetzt werden können. Ersetzbar. Austauschbar. Seriell. Ein Dekorationsobjekt für Mode. Ein Spielzeug, so wie er am Anfang ehrlich sagte. Das bist Du ganz offensichtlich für O. Zusammen mit vielen anderen Frauen. Ob Du beim Spielen kaputt gehst scheint alleine Dein Problem zu sein. Er wird sich höchstwahrscheinlich nicht die Mühe machen, Dich zu reparieren. Er wird ganz einfach eine neue Puppe besorgen. Du fragst Dich, welche Puppe am Tag Eures Kennenlernens entzwei gebrochen war. Für wen Du der Ersatz bist, der so schnell beschafft werden musste. Mit flehender, inständiger Stimme, bei aller vordergründigen Coolness. Und Du sehnst Dich danach, ihm und Dir zu beweisen, dass Du mehr als eine Deko-Puppe bist. Nämlich: Eine Frau. Mit Nerven. Mit Empfindungen. Mit einer Seele. Mit starken Gefühlen für einen Mann.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin