Deine eigene vorbehaltlose Liebe. So, wie Du sie vom ersten Moment an empfandest für O. in all seiner Gebrochenheit – sie kehrt nach diesem Tag im April 2016 nie wieder zurück in Dein Herz. Nie wieder kehrt sie zurück. Nicht am 3. Juni 2016, als O. gegen 9h mit seinem Fahrrad im Licht des jungen Tages am Vorgartentürchen Deines Hauss erscheint. Sturm läutet. Und Du ihn vom Fenster des kleinen Waschraums im ersten Stock herab beobachtest. Und, anstatt Hals über Kopf nach unten zu eilen und Dich ihm entgegen zu werfen, kühl registrierst, dass O.s vornehme Blässe ins Cholerisch-Violette changiert, als ihm klar wird, dass Du nicht öffnen wirst. Die Liebe kehrt auch nicht zurück, als Du zwei Tage später einen handgeschriebenen Zettel aus Deinem Briefkasten fischst. Auf dem O. seine Handynummer notiert hat und anbietet, erneut die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. In steil gekritzelten Buchstaben, die, Du wunderst Dich selbst, nicht die leiseste Resonanz oder Regung von Sehnsucht in Dir hervorrufen.

Und auch als Du weitere zwei Tage später unter O.s Sturmlauf auf Dein Handy zusammenbrichst. Weil Du es einfach nicht mehr schaffst, seinen gefühlt tausendsten Anruf unter verdeckter Nummer zu ignorieren. Und nach einem kurzen, hektischen Wortwechsel einwilligst, Dich mit ihm für ein „letztes“ Gespräch zu treffen. Auch dann kehrt Deine grosse, unbedingte Liebe von einst nicht wieder zurück. Bei dieser Begegnung, nachmittags, am Rande eines Brachfeldes zwischen Friedhof, Waldgastsstätte und Wertstoffhof gleitest Du vielmehr in einen leicht dissosziativen Zustand, als Du O. zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder erblickst. Du fragst Dich, während Du vom Fahrrad steigst und auf ihn zugehst, was Du eigentlich mit diesem bleichen, kahlgeschorenen Mann zu tun hast, der da breitbeinig, kaugummikauend, mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten des Unterholzes auf Dich wartet. Die Augen hinter einer riesigen, grau getönten Design-Sonnenbrille verborgen. Discotürstehermässig. In Spanner-Manier.

Und als dieser Dir sehr fremd und gar nicht sympathisch erscheinende Mann Dich an jenem Nachmittag zur Begrüßung einfach nur bei deinen Schultern packt. Und so grob zu sich herzieht, dass Du befürchtest, die Träger Deines Empire-Tops könnten reissen. Da verwandelt sich ein Teil deines Bewusstseins in eine Art kleinen Vogel. Er schwingt sich auf einen der hohen, dunklen, umstehenden Bäume. Und sieht aus dieser sicheren Entfernung dabei zu, wie der Brutalmacho im jagdgrünen Leinenhemd und in den hellbeigen Cargo-Bermudas Dich unten herumschubst. Er sieht, wie Du erst gegen die Lehne einer Parkbank und dann gegen den Stamm einer Buche gedrängt wirst, so dass O. Dir von hinten in den Schritt fassen und versaute Dinge ins Ohr sagen kann. Dass Du eine geile Schlampe bist die es bracht, beispielsweise. Der kleine Vogel hört auch, dass O. von Dir verlangt, ihm Verschiedenes nachzusprechen. „Ich will nur Dich!“ sollst Du unter Anderem skandieren. „Gehirnwäsche“ denkt der kleine Vogel auf seinem Baum.

Der andere Teil Deines Bewusstseins. Der, der auf der Erde verblieb. In Deinem Körper. In physischer Nähe zu O. Er ist damit beschäftigt sich zu orientieren. Im Chaos dessen, was O. da auf der Stadtwaldbrache mit Dir anstellt. Was er als „Versöhnung“, „Aussprache“, „Wiedersehen“ oder „Zurückgewinnen“ verstanden wissen möchte. Und was doch nichts Anderes als Nötigung ist. Drangsal. Die Anwendung von Zwang. Das Ausüben von Druck. Berserkerhaftes Gezerre. Umarmungen von hinten, die Würgegriffen gleichen. Bisse statt Küssen. Kneifen statt Streicheln. Zwicken. Quetschen. Wehtun. Einfach nur Wehtun. Das ist alles, was O. kann, stellst Du fest, während Du versuchst, aus seinem bleichen, viel zu glatten Gesicht und aus den Worthülsen, die er auf Dich niederprasseln lässt, einen Hauch von Authentizität, einen Funken von Gefühl, von Zuneigung zu Dir herauszulesen. Aber. Da ist nichts, stellst Du fest. Keine Liebe, nirgends. Nicht bei O. Und nicht bei Dir. Und trotzdem. Trotzdem holt er Dich wieder zu sich zurück.

O. redet sehr viel, an diesem Nachmittag, Anfang Juni 2016, auf der Stadtwaldwiese. Dass er Dich braucht. Und Du ihn, vor allem. Dass es Euch zueinander zieht. Ihn zu Dir und Dich zu ihm. Dass man nichts machen könne, dagegen. ES stärker sei als er und Du. Er, O., habe das akzeptiert. Und deshalb in der vergangenen Woche bei Dir geklingelt. Und dann den Zettel bei Dir eingeworfen. Was er noch nie, wirklich nie zuvor in einer vergleichbaren Situation bei einer anderen Frau je getan hätte. Ein fratziges Lächeln huscht an dieser Stelle über sein Gesicht. Er versucht, es zu unterdrücken. Dann redet er weiter. Von Schiksal, Zusammengehören und ewigem Aufeinander-geil-sein. „Und, wie geht’s der Krebskranken?“ wirfst Du zwischendurch ein wenig schnippisch ein. „Welche Krebskranke?“ fragt O. irritiert zurück. „Die eine“ antwortest Du. „Ach die!“ ruft er mit wegwerfender Geste. „Du, keine Ahnung. Und jetzt hol mal dein Handy! Dann machen wir ein schönes Selfie und schalten mich auf Whatsapp frei, ok?“

Du starrst O. für Sekunden ungläubig an, bevor Du gehorsam zu Deinem Fahrrad gehst um das Smartphone aus Deiner Tasche zu holen. Die schwerkranke Frau. Deren Bild Du noch immer in Deinem Handy hast. Und es fast täglich betrachtest. Die Frau, die er draussen vor den Toren Eurer Stadt besuchen wollte um zärtlich zu ihr zu sein. Es ist, als sei sie eine reine Fiktion von Dir. Als hätte sie nie existiert. Bei Dir. In Deinem Herzen mag ihre Geschichte Spuren hinterlassen, Dinge verändert haben. Nicht aber bei O. Was immer er auch mit ihr erlebt haben mag. Es ist gelöscht. Für IHN hat es keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt, in dieser Sekunde wo es ihm um Dich geht. Diese arme, elende Frau. Sie könnte toter nicht sein, denkst Du schaudernd, während Du mit hochgezogenen Schultern zu Deinem Fahrrad gehst. Ein Teil von ihr starb lang vor ihrem möglichen Krebstod indem sie hineingeriet in das gnadenlose, alles verschlingende Missbrauchssystem von O. Dem DU, das schwörst Du Dir, entrinnen WIRST.

Natürlich kommt es nach diesem Treffen im Stadtwald wieder zu sexuellen Begegnungen zwischen O. und Dir. Am Freitag, den 17. Juni beispielsweise. Gegen 19h, Du bist gerade im Begriff zum Opening der Kunstausstellung einer Schulfreundin aufzubrechen, schreibt O. Dich an. Ob Du schnell vorbeikommen könntest? Du kannst. Und als O. Dich auf der schwarzen XL-Couch in seinem komplett abgedunkelten Wohnzimmer mit heftigen Stößen von vorne nimmt und dabei „Ich-halts-ohne-dich-nicht-aus“ hervorpresst, da erscheint er Dir für die Dauer eines Nano-Augenblicks verletzlich und gleichzeitig machtvoll wie eh und je. Dann aber schließt sich der Firnis über Deiner Seele. Und während Du mit neuer, bislang ungekannter Routine Deinen Rim-Job für O. erledigst, bemerkst Du, dass die Düsternis im Raum sich NICHT mit schimmernden Aureolen anreichert. So wie sonst. Etwas ganz Bestimmtes ist unwiderruflich vorbei. Magische Dates mit Trancezuständen. Mit Bildern aus den Tiefenschichten Deiner Kindheit. Vorbei.

Anfang August 2016 verreisen dein Mann und Dein Sohn wieder für einige Wochen auf die Ferieninsel im Thyrennischen Meer. Du selbst kannst am 26.8. dabei beobachtet werden, wie Du sehr früh am Morgen das Haus verlässt und mit dem Rad Richtung Innenstadt fährst. Nicht zum Haus von O. Dein Ziel ist ein anderes, an diesem Tag. Es hat jedoch mit O. zu tun. Hauptbahnhof, Säulenhalle. Von dort ca. 40 Kilometer mit der S-Bahn nordostwärts. Zur Grossen Kreisstadt im Einzugsgebiet des internationalen Verkehrsflughafens. Das Fahrrad nimmst Du natürlich mit. Denn: Du willst ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Eine Reise in die Vergangenheit willst Du machen, in die Kindheitswelt von O. Du möchtest mit dem Rad das kleine Dorf erreichen, in dem er vor 45 Jahren zusammen mit seinen Brüdern aufwuchs. Das Dorf, in dem er die Dinge erlebte, die ihn so werden liessen wie er heute ist: ein schöner, begabter, jedoch innerlich zutiefst verletzter, und deshalb andere schädigender Mann.

Die S-Bahn schaukelt Dich durch eine sanfthügelige, weite Landschaft, in der sich Maisfeld an Maisfeld bis zum Horizont zu reihen scheint. Etwas von der Klarheit dieser Gegend trägt O. in sich, dessen bist Du sicher, während Du durch die Sonnenlichtkringel in den Zugfenstern schaust. Das Offen- und Frei-Erscheinende. Die Helligkeit seines Körpers. Das Verwegene seiner Gedanken und Phantasien. Das findest Du dort draussen wieder. Aber irgendwo in der Weitläufigkeit dieser Maisfelder ging auch O.s Seele verloren, damals, als er Kind war und von seinem Vater gedemütigt und von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. Systematisch, über Jahre hinweg. In einer Zeit, als es noch kein kollektives Bewusstsein für das Leiden missbrauchter Kinder, kein Schutzprogramm für dysfunktionale, eskalierende Familien gab. Und jemand wie O. auf sich selbst gestellt war. Du fühlst ein stummes Weinen tief in Dir, während sich die S-Bahn ihrem Endziel nähert. Du trauerst heftig um die verlorene Seele von O.

Im Zentrum der Grossen Kreisstadt suchst Du Dir erstmal ein hübsches Frühstücks-Café. Nachdem Deine Aufgewühltheit sich ein wenig gelegt hat, orientierst Du Dich mit dem Handy und findest rasch die Fahrradroute zum Heimatdorf von O. Sie verläuft zunächst entlang am ruhigen Fliessgewässer der Region und führt dann über kurvige Landstrassen bergauf. Nach gut 45 Minuten erreichst Du den Ort, an dem sich so viele Deiner Emotionen bündeln. Du atmest kurz durch, bevor Du es wagst, das Dorfnamensschild zu passieren. Dann streifst Du ein wenig mit dem Fahrrad durch die Strassen. Das Dorflädchen? In dem O. und seine Brüder täglichem Sauberkeitsdrill ausgesetzt waren? Das Haus? In dem ihr Vater sie schlug? Und ihre Mutter vergewaltigte, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Keines der reinlichen Gebäude ringsum im Dorf scheint davon zu künden. Im Gegenteil. Du fühlst trotzige Verschlossenheit. O.s Herkunftsort möchte sich NICHT erinnern an das, was hier vor 45 Jahren mit Kindern geschah.

Inzwischen wird hier ganz besonders viel für kleine Erdenbürger getan. Es gibt sowohl ein offen und hell ausgestattetes Kinderhaus als auch einen liebevoll gestalteten Pfarrkindergarten im Schutze der Dorfkirche. „Zu spät für O.“ denkst Du, während Du das Fahrrad abstellst und durch den seitlichen Kirchenzugang hinaus auf den umliegenden kleinen Friedhof trittst. Du lässt deinen Blick über schmiedeiserne Kreuze und beige und ockerfarbig gehaltene Gedenksteine schweifen bevor Du beginnst, die einzelnen Gräberreihen abzuschreiten. Bald hast Du gefunden wonach Du suchst. Vorne. Nah an der Friedhofsmauer ist ein Grabstein dunkler als alle anderen. Als Du näher kommst, liest Du den Namen und die Lebensdaten der Mutter von O. „Im Kreuz ist Heil“ steht noch da, in blattgoldenen Lettern auf dunkelbraun-weiss marmoriertem Grund. Aber, seltsam. Nichts, wirklich nichts von dem, was Du da siehst berührt in irgendeiner Weise Dein Herz. In Deinem Kopf formen sich nur zwei klare Worte, während Du fröstelnd da stehst. „KEINE LIEBE“ denkst Du. „KEINE LIEBE“.