Sehr dünnhäutig, aufgebrochen, fast wie aus Glas stehst Du in den ersten Julitagen 2015 oft auf dem Balkon um von dort auf Deinen von O. neu erschaffenen Garten zu blicken. Glaubst für Momente, O. in undefinierbarer Ferne auszumachen, schattenrißartig, auf seiner Leiter, von tausenden kleiner Thujenzweigspitzen umsprüht, während er seine scharfe, kompromißlose Linie ins Buschwerk schlägt. Und damit gleichzeitig Dein Herz graviert. Schmerzhaft. Tief. Trotz Sonne und Sommerwärme verbringst Du viel Zeit im Haus. Es dauert lange bis Du Dich zum ersten Mal spätnachmittags hinaus in den Garten wagst und dort im Vorbeischlendern mit den Fingern durch die frisch gestutzten Heckenzweige streifst. Schüchtern, beinahe ehrfürchtig atmest Du den Zypressenduft ein der Dich nun so sehr an O. erinnert und spürst, wie Tränen, Wehmut, und diffuses Mitleid irgendwo aus Deinem Inneren emporsteigen. Schnell, beinahe wie ertappt huschst Du zurück ins Haus. Erst Mitte Juli bist Du wieder stabil.

Anders als bisher läßt O. in diesen Sommerwochen den Kontakt zu Dir nicht völlig abreißen. „Guten Morgen liebste! Ich vermisse Dich ganz doll! Küsse!“ schreibt er beispielsweise am 12.7., einem Sonntag, um 7.12h. „Guten Morgen! Du bist das erste was ich morgens denke wenn ich wach werde!“ tippst Du unter der Bettdecke während Dein Mann tiefschlafend neben Dir in den Kissen liegt. „Babe, ich brauche Dich sooo sehr!“ schreibt O. „Ich habe leider im Moment mega schlimmen Husten und mein Hals tut mir ganz übel weh! Aber wenn es mir besser geht dann komme ich zu Dir!! Ich habe schon eine durchsichtige Bluse für Dich gekauft und bringe auch noch ein paar Hemden von mir mit! Dann hast Du was zum Anziehen wenn ich an Dir rumspiel!“ – „Oh vielen Dank!“ antwortest Du beglückt. „Ich liebe Deine Hemden! Ich liebe einfach alles von Dir!“ – „Du wirst es mir so richtig schön besorgen meine Sexgöttin!“ textet O. „Ich kann es kaum erwarten Deinen wunderschönen Körper in der neuen Bluse zu sehen!“

Eine durchsichtige Bluse. Gekauft für Dich. Wie zauberhaft, denkst Du. O. kann Deiner nicht entraten. Du bist wertvoll für ihn. Sonst würde er so etwas ganz bestimmt nicht tun. Und der Tag hält noch eine weitere Überraschung für Dich bereit. Am späten Nachmittag schickt O. Dir ein Portrait-Selfie aus dem Inneren seines Hauses. Sein Gesicht über einem schwarzen Rundhals-Shirt, erneut vor grellbuntem Spray-Paint im Hintergrund. Lächelnd. Mit ungewohnt dunklen, fiebrig glänzenden Augen. „Mein Gott, Du bist so schön!“ textest Du hingerissen. In der sich ausbreitenden Stille da O. nicht zurück schreibt behältst Du das Smartphone in der Hand und vergrößerst das Bild mit Daumen und Zeigefinger so lange bis O.s Augen das gesamte Display ausfüllen. Um sehnsuchtsvoll in ihnen zu ertrinken. Doch irgendetwas stimmt nicht an O.s magischem, irisierendem Blick. Eine kunstvoll gestrichelte dunkle Linie umrandet beide Augenlider. Kein Zweifel. O. trägt ein permanentes Augen-Make-up.

Er ist also NICHT naturgegeben, O.s suggestiver, verführerischer Augenausdruck. Sondern das Werk eines geschickten Tätowier-Visagisten. Und O. ist kein vom Himmel gefallener Halbgott. Kein Wiedergänger Laurence von Arabiens. Sondern einfach nur ein Mensch mit genügend Zeit und Geld für die perfekte Optimierung seiner selbst. Seines Äußeren, besser gesagt. 360.- bis 450 Euro kostet eine Wimpernkranz-Verdichtung laut Internet. Und die frisch pigmentierten Augenlider müssen tagelang gekühlt und mit antiseptischer Salbe behandelt werden bevor man sie bewundern kann. Es ist eine neue Perspektive auf O. die sich durch diese Erkenntnisse für Dich öffnet. Ernüchternd. Ein bisschen traurig. Zum Lachen. Und dann auch doch wieder: faszinierend. O., el bandido enmascardado, denkst Du. O., die Diva. O., der Typ in der eisernen Maske, der metrosexuelle Clown, der geschminkte Narziss. Auf jeden Fall ein Mann der der Welt um keinen Preis sein wahres, nacktes Gesicht darbieten möchte. Und Dir auch nicht.

Am 23.7.2015 jährt sich der Tag Deiner ersten Begegnung mit O. Der Tag Eures Kennenlernens. Der Tag der Dein Leben verändert hat. Deshalb nimmst Du morgens um 6.41h Dein Handy und schreibst: „Guten Morgen, Liebster! Heute vor genau einem Jahr hast Du mich angesprochen. Ich war Dir verfallen vom ersten Moment an. Und ich will nichts von all dem missen was ich seitdem mit Dir erlebt hab. Danke für diese intensive, spannende, aufwühlende Zeit. Danke für die schwierigen Chats mit den komplizierten Fragen, die Dates, die Orgasmen, die Netzshirts, danke für die Pisse in meiner Badewanne, danke für Dein … auf meinem Rücken, meinem Bauch, meiner Brust und in meinem Mund. Danke daß ich Dich besuchen, Dein Haus, Deine Bilder, Deine Welt kennenlernen durfte. Es ist alles einzigartig. Danke für Deine Besuche bei mir. Danke für die Bilder mit Deinem faszinierenden, wunderschönen Gesicht. Danke für den Heckenschnitt. Danke für alles. Ich liebe Dich.“ – „Bitte Du geile Schlampe!“ antwortet O.

Anfang August breitet sich eine Rekord-Hitzewelle über ganz Mitteleuropa aus. Die Nächte sind sternklar, die Tage ab 10h vormittags unerträglich heiß. Zusammen mit Deinem Mann und Deinem Sohn flüchtest Du auf eine luftdurchwehte Ferieninsel im Thyrennischen Meer wo Ihr gemeinsam unbeschwerte Tage mit Wellenhopsen, Muschelsammeln und Krabbensuchen verbringt. Wie eine ganz normale, ziemlich glückliche kleine Familie. Wie all die anderen Familien um Euch herum. Am siebenten Tag des Urlaubs schreibt Dir O. Daß er an Dich denkt und hofft daß Du bald wieder zurück bist. Von diesem Moment an erscheint Dir das Licht auf der Insel aschfahl, der Scirocco raubt Dir jede Energie und Du willst nur noch nach Hause. Du sprichst mit Deinem Mann. Erklärst ihm daß Du ein paar Tage ganz für Dich alleine brauchst. Er hat Verständnis. Am 11.8. begleiten er und Euer Sohn Dich zur Fähre die Dich zurück bringt aufs Festland. Und am 12.8. kommst Du um 7.30h mit dem Nachtzug aus Florenz wieder in Deiner Stadt an.

Mittwoch, 12.8.2015. 8.27h. „Hallo Liebster!“ schreibst Du unmittelbar nachdem Du bei Dir daheim die Koffer abgestellt und die Rollos hochgezogen hast. „Ich bin wieder zu Hause! Und zwar ganz alleine! Kuss!“ – „Bitte Foto“ antwortet O. „Was willst Du sehen?“ fragst Du. „Alles!!!“ antwortet O. „Aber vor allem Deine Brüste!!! Und zwar ganz ganz schnell!!!“ Du beeilst Dich zu duschen und O.s Wunsch zu erfüllen der sehr dringlich zu sein scheint. Um 9.30h schickst Du ihm zehn Bilder von deinem nackten, gebräunten Oberkörper von dem noch Wassertropfen abperlen. O. ist begeistert. Wieder und wieder mußt Du Deine Brust für ihn fotografieren. Vorn übergebeugt. Von unten. Mit erhobenen und mit zurück genommenen Armen. Und von sehr nah. „Oh ja!!! Du machst mich glücklich Baby!!!“ schreibt er endlich. Es wird dann noch ein wundervoll schräger Sex-Chat-Sommernachmittag. Zwischen Wäschebergen sitzend liest Du die immer neuen Fantasien von O. der bei sich zu Hause auf dem Bett liegt und Dir seine Erregung zeigt. In Wort und Bild …

Freitag, 14.8.2015. 2.55h. Es ist eine sehr warme, vollkommen sternklare Sommernacht. Durch die geöffnete Balkontüre des Schlafzimmers hörst Du die Geräusche der sich ausruhenden Stadt. Du selber liegst nackt in den Kissen und empfindest im Halbschlaf Sehnsucht nach O. Am Morgen des vergangenen Tages hattet Ihr einen sehr liebevollen Chat. „Guten Morgen mein Schatz!“ hatte O. um 6.02h geschrieben. „Nächste Woche komme ich ganz früh zu Dir. Ich freue mich schon sehr auf Dich!“ – „Das wäre wirklich traumhaft!“ hattest Du dankbar geantwortet. „Ich wünsche mir schon lang Dich mal wieder um diese Zeit zu treffen!“ „Und für heute alles Gute!“ fügtest Du einem eigenartigen Impuls folgend noch hinzu. „Dir auch!“ antwortete O. Dann brach der Kontakt ab und für den Rest des Tages herrschte Schweigen. Nun horchst Du hinaus in die Stille der Nacht als könntest Du dadurch erfahren wie es O. geht und was er gerade tut. „In weiter Ferne so nah“ denkst Du und kuschelst Dich ein wenig zurecht. Da piept Dein Handy.

„Hallo“ schreibt O. um 3.10h. „Hi“ antwortest Du. „Woher eisst Du dass ivh wach bin?“ – „Ich habe es gehofft!“ antwortet O. „Kannst Du rausgehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Willst schnell ficken?“ fragt O. „Ja. Aber vorher muß ich duschen“ antwortest Du. „Ich bin auch nicht geduscht“ schreibt O. „Würdest Du mich mit dem Auto abholen?“ fragst Du auf dem Weg zum Badezimmer. „In 20 Minuten“ antwortet O. „Ok“ tippst Du und verschwindest in der Duschkabine zum kürzesten Brausebad Deines Lebens. Um 3.24h sitzst Du im Wohnzimmer, in Schlupfshorts aus zartgrünem Knitterleinen, einem weißen Top mit Makramee-Trägern und den roten Schleifen-Highheels in der Hand. „Komm raus“ schreibt O. um 3.37h. „Ich hab dir roten Schuhe an. Ist Dir das recht?“ fragst Du. „Komm“ schreibt O. „Olk“ tippst Du mit einer Art Tremor in den Fingern, raffst Deinen Mini-Rucksack und die Hausschlüssel an Dich und eilst zur Tür. O.s metallicbrauner SUV parkt direkt vor Deinem Haus. Wie unter Hypnose bewegst Du Dich darauf zu.

Deine Füße in den Highheels wirbeln die goldgelben Sommerlindenblüten vom Boden hoch die überall die Straßen säumen. Auch auf O.s Wagen regnen die zarten Blattflügelchen von den Bäumen herab. Sternschnuppengleich. Unwirklich. O. blickt unter seiner Basecap selbstversunken in die Ferne als Du die Tür von seinem Wagen öffnest und Dich sanft auf den Beifahrersitz gleiten läßt. „Hallo“ sagst Du schüchtern. „Hi Baby“ antwortet O. und schaut entrückt auf Deine Beine. So als ob ihr Anblick ihn von irgendwo weit her zurück holen würde. „Alles ok?“ fragst Du. „Alles ok“ antwortet O. und schiebt mit einer Hand Dein Top nach oben so daß Dein Oberkörper freiliegt. „Spiel mit Deinen Titten! Mach Dich geil!“ sagt er und läßt den Motor aufheulen. „Ich will daß Du ganz feucht bist wenn ich in Dich reingehe!“ Du stöhnst ein wenig während O. die Musikanlage lauter dreht. „I am alive“ röhrt Eddie Vedder. „I am alive“. Das Lied eines Jungen der seinen Vater nicht kennt. Das Lied eines Jungen wie O.

Als der Refrain zum dritten Mal erklingt bringt O. sein Gefährt in einer kleinen Seitenstraße am Rande des nahen Stadtparks zum Stehen. „Wir müssen es heute hier vorne machen“ sagt er und beugt sich zu Dir um den Beifahrersitz zurück zu schieben und in halbliegender Position einrasten zu lassen. „Die Rücksitze sind belegt. Ich bin vorsichtig mit Dir. Hoff daß ich Dir nicht weh tu.“ – „Bestimmt nicht!“ antwortest Du, bewegt von dieser seltenen Sanftheit, streifst Deine Shorts nach unten und rutschst mit dem Po bis an den äußersten Rand des Beifahrersitzes. Dort öffnest Du die Beine so weit wie es die Fußfreiheit des Wagens erlaubt und empfängst O., der sich raubkatzengleich zu Dir herüberrollt nachdem er aus seiner Jogginghose geschlüpft ist. Sehr jung, sehr schutzbedürftig kommt er Dir vor, für ein paar Sekunden, bevor er mit der altbekannten Härte in Dich eindringt. Und dennoch ist etwas anders als sonst: O. ist offen. O. ist zärtlich. O. küßt Dich während er Dich nimmt.

Kurz vor seinem Höhepunkt zerrt O. mit einer hastigen Geste sein taubenblaues T-Shirt nach oben und presst Dir seinen muskulösen Oberkörper so eng aufs Gesicht daß Du kaum atmen kannst. „Küß mich, küß mich, küß mich!!“ stößt er hervor. Beschwörend. Flehentlich. Sehnsuchtsvoll. Anders, ganz anders als Du ihn bisher kanntest. Du tust was Du kannst. Verschaffst Dir ein wenig Luft unter O.s Brustmuskulatur, öffnest den Mund und küßt, knutschst und leckst was immer Du von seiner Haut erreichen kannst. Es scheint ihm zu helfen. „Das ist gut Baby“ hörst Du ihn stöhnen. Dann spürst Du wie er IN Dir kommt. Für Bruchteile von Sekunden hältst Du O. danach in Deinen Armen. Fassungslos. Gerührt. Hoffst daß er sich geliebt, geborgen, sicher fühlt, so nahe bei Dir. Überlegst ob Du es riskieren kannst ihm sanft über den Rücken zu streicheln. Da macht er sich bereits eilig von Dir los. „Danke Baby“ sagt er, und klettert zurück auf den Fahrersitz. „Laß uns wegfahren bevor es noch hell wird hier!“

Auf der kurzen Rückfahrt zu Deinem Zuhause macht O. mit Dir ein wenig Small Talk. Fragt wie es Dir auf der Ferieninsel gefallen hat, wie lange Dein Mann und Dein Sohn noch dort bleiben und auch ob Du weiterhin Unterstützung im Garten benötigst. „Ich könnte Dir nächste Woche vielleicht nochmal helfen“ sagt er. „Sehr gern!“ antwortest Du und schaust ihn dankbar an. „Mein Mann und der Kleine bleiben bis Ende August im Urlaub“ – „Dann komme ich bald zu Dir“ sagt O. und parkt seinen Wagen vor Deinem Haus. „Also Kleine. Schön daß es heute gepaßt hat! Komm gut heim!“ flüstert er und küßt Dich kurz auf die Wange. „Ich bin super super glücklich!“ antwortest Du mit träumerischer Stimme und versuchst seinen Kuß zu erwidern. Aber O. hat sein Gesicht bereits von Dir weg gewendet. Die roten Highheels an Deinen Füßen rascheln in den Lindenblütenblättern als Du aus O.s Auto aussteigst. Nach ein paar Schritten drehst Du Dich um. Und siehst ihn in einer Wolke aus schimmerndem Goldstaub davon fahren.

Zurück in Deinem Haus stökelst Du direkt nach oben ins Schlafzimmer, wirfst Dich aufs Bett, streifst Dir die Highheels von den Füßen, schlüpfst aus den Kleidern und rollst Dich erschöpft unter Deiner Sommerdecke zusammen. „Danke. War geil“ schreibt O. um 4.06h. „Ja!“ antwortest Du. „Tausend Dank fürs Aufwecken und Rausholen! Ich liebe Dich!“ Dann fällst Du in abgrundtiefen, bewußtlosigkeitsähnlichen Schlaf. Um 7.32h schreckst Du jählings hoch und mußt Dich erst wieder auf die Ereignisse der vergangenen Nacht besinnen. Eine ganze Weile lang bist Du Dir nicht sicher ob Du es wirklich erlebt hast, dieses nächtliche Auto-Date mit O., oder nur geträumt. Erst als Du Eure Chats in Deinem Handy aufrufst siehst Du: es war real. Du machst ein paar Bilder von Deinem Körper der nackt und postkoital in den Kissen liegt und sendest sie O. „Das ist die Frau mit der Du es heute nacht gemacht hast!“ schreibst Du dazu. „Ich danke Dir so sehr für alles!“ Leider schreibt O. kein einziges Wörtchen zurück.

Das Wochenende verläuft sehr einsam. Niemand meldet sich bei Dir. Niemand schreibt Dich an. Am Montag den 17.8.2015 hältst Du die Stille nicht mehr aus, nimmst morgens um 6.18h Dein Handy und schreibst: “ Guten Morgen O.! Ich möchte nur fragen ob wir diese Woche zusammen im Garten was machen können?“ O.s Antwort kommt nach 90 Minuten. Und läßt Dich mit einer Art Kreislaufschwäche in Deinem Bett zusammensinken. „Ich habe diese Woche keine Zeit!“ schreibt O. um 7.37h. „Meine Freundin hat Krebs und hat die ganze Woche Arzttermine“ – „Mein Gott“ tippst Du während wirbelnde bunte Punkte vor Deinen Augen flimmern. „Mein Gott“ –  „Am Freitag, nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind“ schreibt O. weiter „entscheidet ihr Arzt was sie machen. Eventuell kann ich Dir nächste Woche im Garten helfen“ – „Ok“ antwortest Du. „Sie hat letzten Donnerstag den Befund bekommen“ schreibt O. „Hatte nen Knoten – bösartig!!! Jetzt brauchen sie lauter Untersuchungen um zu wissen ob er gestreut hat usw. usw.!!!“

„Oh Gott“ schreibst Du wieder und spürst wie Dein ganzes Körperinneres sich schmerzhaft zusammenzieht. „Also völlig neu alles.“ -„Ja“ antwortet O. „Hätte Dir gerne im Garten geholfen aber sie hat jeden Tag Arzttermine und ich begleite sie!“ – „Ja klar!“ schreibst Du. „Es tut mir so leid für Euch!!!“ – „SIE kann einem leid tun!“ antwortet O. Und damit endet für Dich der magische Sommer 2015. Den Rest des Tages verbringst Du zusammen gekauert, Tee trinkend, trotz Wärme in Deinen Rollkragenpulli gehüllt, wie unter Schock. Versuchst O.s Lage zu begreifen und die Abläufe der vergangenen Tage zu rekonstruieren. Denn, etwas beschäftigt Dich. Gegen Abend kniest Du Dich deshalb auf den Wohnzimmerteppich, nimmst Dein Smartphone und legst einen Übersichtskalender daneben. Scrollst durch die Chats mit O. Vergleichst Wochentage und Daten. Bis Du es klar hast. Zweifelsfrei: In der Nacht Deiner überirdischen letzten Begegnung mit O. war ihm die lebensbedrohliche Diagnose seiner Freundin seit mehreren Stunden bekannt.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin