Samstag, 2.8.2014 Wieder bist Du früh am Morgen wach. Dein erster Gedanke gilt O. und seiner überstürzten Abreise aus der Stadt. Du willst ihm schöne Tage wünschen und ihm sagen dass Du Dich auf seine Rückkehr freust. Aber die Sms die Du ihm schreibst, scheint vollkommen ins Leere zu laufen, Du siehst sie förmlich in einem grossen schwarzen Loch verschwinden. Dein Handy fühlt sich tot an, irgendeiner Energie beraubt. Und in Dir breitet sich ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit aus. Er ist weg, gegangen. Unerreichbar, unauffindbar für Dich. Verschwunden für immer. Du bist in eine schreckliche Falle gelaufen. Hast nicht bemerkt als er sich gestern verabschiedete, dass es sein Trick war um Dich loszuwerden, Dich für immer allein zu lassen in dem Leben das Dir ohne ihn vollkommen leer und sinnlos erscheint.  Du fühlst Dich übertölpelt, ausgetrickst, der Lächerlichkeit preisgegeben. Du hast ihn wohl gelangweilt, nach wenigen Tagen, und nun hat er sich unter einem Vorwand davongestohlen. Du schämst Dich wie ein Kind.

Sonntag, 3.8.2014 Er ist also gegangen. Durch die Hintertür aus Deinem Leben geschlichen, genauso schnell und rücksichtslos wie er durch die Vordertür hereingestürmt ist. Du hast Mühe alles zu sortieren was an Gefühlen auf Dich einstürmt. Ihr habt Euch bisher ja nur Eure Vornamen gesagt und keine genaue Wohnadresse. Es schien geheimnisvoll und leicht, nun aber fühlt es sich brutal und grausam für Dich an. Du versuchst zu kämpfen. Er hat Dir gesagt dass er selbständig ist, im Garten- und Landschaftsbau, und in welchem Stadtviertel er wohnt und arbeitet. Also suchst Du im Internet und blätterst im Branchenbuch. Wieder und wieder. Aber leider, Du findest nichts. Es gibt keine Gartenbaufirma die auf O. passen würde. Du versuchst mit Hilfe der Telekom zu ermitteln, welcher Name zu der Handynummer gehört, unter der er Dir geschrieben hat. Kein Ergebnis. Der Besitzer des Handys hat diese Suchfunktion blockiert. Auf der Mailbox des Handys befindet sich auch keine persönliche Ansage. Du stehst mit leeren Händen da.

Montag, 4.8.2014 Du versuchst in Deinen Alltag zurückzukehren. Schließlich bist Du eine verheiratete Frau und hast einen Sohn im Teenageralter, der Deine Aufmerksamkeit braucht. Und die Sommerferien haben begonnen, normalerweise eine entspannte, schöne Zeit für Dich und ihn. Du unternimmst mit ihm zusammen eine kleine Fahrradtour. Sein fröhliches Geplauder während er neben Dir herfährt tut Dir gut und lenkt Dich ab. Aber auf Eurem Weg nach Hause müsst Ihr die Stelle passieren an der O. Dich vor elf Tagen ansprach. Schon hundert Meter davor befällt Dich eine schreckliche Beklemmung. Deine Hände werden feucht, Dein Herz rast, Du krümmst Dich über Deinem Fahrrad. Mit eingezogenem Kopf, ohne hinsehen zu können, fährst Du an der Marmorwand vorbei. Atmest auf als Du im Park dahinter ankommst. Und spürst: O. hat Dich im Innersten getroffen. Dies war kein harmloses Sommerabenteuer. Es war ein Angriff, ein Attentat, auf Deine Seele genauso wie auf Deinen Körper. Dieser Mann ist sehr gefährlich für Dich.

Dienstag, 5.8.2014 Du frühstückst. Immerhin hast Du nun Zeit nachzudenken, Zeit, Deine Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Mosaiksteine zusammenzusetzen. Diese vermeintlich so perfekte erotische Begegnung am 25. Juli, hatte sie nicht ein paar Schönheitsfehler? Du erinnerst Dich an Eure Gespräche im Auto während der Fahrt zur alten Villa. Charmant und locker war der Ton, Du fühltest Dich sehr wohl. Bloß schaute O. Dir während der Gespräche niemals ins Gesicht, sondern ließ nur ständig seine Blicke über Deinen Körper streifen. Einmal schob er unterm Fahren Deine Beine auseinander, mit einer harten, ungeduldigen, lieblosen Handbewegung. Unmittelbar nach dem Sex dann hattest Du Dich in seinen Arm kuscheln wollen. Unter vielen Küssen versuchtest Du zu sagen, dass Du noch nie beim ersten Mal mit einem Mann zum Orgasmus gekommen seist, so wie mit ihm gerade eben. Er aber schob Dich einfach von sich weg und sagte es sei zu riskant noch länger hierzubleiben und allerhöchste Zeit das Haus zu verlassen.

Dann die Rückfahrt im Auto. Wieder hattet Ihr entspannt geplaudert. Alles war gut. Aber als Du sagtest Ihr könntet Euch ja auch mal irgendwo zum Baden treffen, jetzt im Sommer, da hatte er Dich entsetzt, fast panisch angeschaut, als könne er sich nichts Absurderes vorstellen als mit Dir gemeinsam in einem See zu schwimmen. Verlegen lachend warst Du über die Peinlichkeit hinweg gegangen. Im Autoradio war Alternative Rock der 90er Jahre einprogrammiert, Pearl Jam, Nirvana, sogar REM. Aber so sehr Du genau diese Musik auch liebst, so wenig konntest Du mit ihm darüber sprechen, seltsamerweise. Und dann war Dir noch aufgefallen dass es keinerlei persönliche Gegenstände in dem Auto gab, die auf irgendeine Vorliebe, ein Hobby oder eine Beschäftigung hätten schließen lassen. Kein Maskottchen, kein Buch, kein Zettel, nichts. Auch sein Handy, auf dem er Dir so viel geschrieben hatte, war nirgendwo zu sehen. Das Auto war leergeräumt,  jeglicher Identität beraubt, es hatte keinerlei Wiedererkennungswert, und Du fragtest Dich warum.

Donnerstag, 7.8.2014 Du bist an einem mentalen Tiefpunkt. So sehr Du auch versuchst, Dich mit der Endgültigkeit der Lage abzufinden, so sehr Du Dich bemühst, den Blick nach vorne zu richten, etwas in Deinem Innneren sträubt sich mit aller Kraft dagegen. Du schreibst noch einmal eine Sms, anzüglich, provozierend, voller sexueller Angebote. Sie verschwindet im Nichts. Stunden später. Du brichst innerlich völlig zusammen. Tippst O.s Handynummer, sprichst auf die Mailbox, flehend, verzweifelt, unterwürfig. Redest davon, dass Du doch wenigstens eine Erklärung verdient hast und ähnliches dummes Zeug. Wiederum nichts. Alles was Du tust verschwindet in dieser absoluten Stille, die sich auch in Deinem Haus um Dich herum ausbreitet und jedes Geräusch zu schlucken oder mindestens zu dämpfen scheint. Wie durch einen Wattenebel bist Du von allem Anderen abgetrennt. Und O.s Verschwinden scheint auch all Deine anderen Freunde und Bekannten mit sich genommen zu haben. Niemand meldet sich. Niemand chattet mit Dir. Du bist allein.

Freitag, 8.8.2014 Spätnachmittag. Du bist ein wenig ruhiger heute. „Ok, er ist weg“, denkst Du. Es hätte eine tolle Zeit werden können mit Euch beiden. Selbst schuld wenn er sie nicht erleben will. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. Es ist O. „Hi Babe“, schreibt er, „willst es wieder machen?“ – „Heute nicht“ antwortest Du, während Dein Herzschlag für Sekunden aussetzt. „Dann schick mir Bilder!!“ fordert er. Wie ferngesteuert gehst Du ins Schlafzimmer und machst zwei Selfies für ihn. „Oh Babe, ich muss es heute noch mit Dir machen!! Deine Bilder sind schuld!!!“ schreibt er. 22h. Du stehst am gleichen Treffpunkt wie vor zwei Wochen. O. kommt mit dem Auto, nachlässig gekleidet in Shirt und Jogginghose. Mit ausdruckslosem Gesicht starrt er auf Deine Beine während Du einsteigst. Ein weisses Laken ist über den Beifahrersitz gebreitet. O. gibt keine Erklärungen ab. „Wir fahren jetzt schnell zur Garage von einem Freund“ sagt er, mehr nicht. Er bringt Dich zu einem ganz neu gebauten Stadthaus in einer ruhigen Seitenstrasse. Geräuschlos öffnet und schliesst sich ein vollautomatisches Garagentor. Du bist gefangen. O. legt seine Basecap ab und Du schlüpfst aus Deiner Jeans. „So, komm her Du Drecksau!“ sagt er und quetscht Deine Brüste mehrmals mit seinen großen Händen. Es tut sehr weh. „Du brauchst das!“ sagt er, während er die Jogginghose nur ein kleines Stück herunter zieht, sich in die rechte Innenhandfläche spuckt und mit einer provozierend langsamen Bewegung seinen Schwanz damit anfeuchtet. Du rutschst ihm auf dem Beifahrersitz entgegen und er kniet sich vor Dich und dringt hart und rücksichtslos in Dich ein. Während er zustösst krallt er eine Hand in Deine kurzen Haare und reisst Dir den Hinterkopf in den Nacken. Er küsst Dich so, dass Du seine sehr scharfen Zähne an Deiner  Zunge spürst. Deine Oberlippe platzt ein wenig auf. O. kniet sich nun rittlings vor Dich, so dass Du seine Handbewegungen gut sehen kannst. Unter verächtlichem Stöhnen besorgt er es sich selber und spritzt auf das Tattoo unter Deinem Bauchnabel. „Da, Schlampe“ sagt er und reicht Dir ein Papiertaschentuch. Wortlos bringt er Dich danach zum Treffpunkt zurück. Im Sonnenschutzspiegel siehst Du, dass Du blass und abgekämpft aussiehst und Deine Lippe blutet. „Also Kleine, steig aus, ich muss jetzt schlafen!“  sagt er zum Abschied. „Aber ich schreib Dir nachher noch was Liebes“. „Ciao“ sagst Du nur und machst die Autotür hinter Dir zu. Kurz bevor Du bei Dir daheim die Haustür aufsperrst bekommst Du eine Sms: „Das war heute unsere letzte Nummer, ich kann das nicht mehr dass ich meine Freundin mit Dir betrüge!!“ schreibt O. „Oh cool, dann bin ich froh dass wir es heute wenigstens nochmal hatten!“ antwortest Du. Und gehst erschöpft zu Bett.

Samstag, 9.8.2014 Vormittag. Du bist definitv NICHT Scarlett O` Hara, die nach der Vergewaltigung durch Rhett am nächsten Morgen taufrisch und belebt erwacht. Du fühlst Dich sandgestrahlt und zerschlagen. Erst gegen Abend kommst Du auf die Beine. Von O.? Natürlich nichts. Er hat ja mit Dir Schluss gemacht …

Sonntag, 10.8.2014 Spätnachmittag. Du suchst Entspannung in der Sauna. Im Freiluftbereich hast Du Dein Handy neben Dir. Es piept. „Was machst Du heute?“ fragt O. „Chillen!“ antwortest Du. „Mich von den Verletzungen erholen, die der Sex mit Dir hinterlassen hat!“ – „Schade!“ schreibt er. „Ich hätte Dich sonst gern gefickt!“

Montag, 11.8.2014 Alles ist ruhig. Nichts von O. Erneut versuchst Du, Deine Gedanken ein wenig zu ordnen. Er ist also zurück gekommen, zurück in Dein Leben. Darüber bist Du sehr, sehr froh, ja, es ist im Moment sogar das Allerwichtigste für Dich. Was aber stellt er seit seiner Rückkehr in Deinem Leben an? Hatte er nicht sein Herz prüfen, die Tiefe seiner Gefühle zu Dir ausloten wollen? Dir mitteilen wohin Eure Verbindung führen soll? Nichts dergleichen ist passiert. Und Du hast auch nichts Näheres über ihn erfahren. Nur körperliche Schmerzen hat er Dir nun tatsächlich zugefügt. So wie er es plante, bevor er so rätselhaft verschwand.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin