Dienstag, 28.10.2014 Eine ruhige Woche im Spätherbst nimmt ihren Lauf. Dein Sohn hat Ferien. Tagsüber nutzt Ihr die kurzen Sonnenstunden für kleine Fahrradausflüge. Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, übt er Weihnachtslieder in der Mansarde am Klavier, während Du Dich im Wohnzimmer vor dem Kaminofen wärmst. Du verbringst viel Zeit damit, in die Flammen zu schauen und Deine bisherigen Erlebnisse mit O. Revue passieren zu lassen. Wie fast all Deine Begegnungen mit ihm, so hat auch das Parkplatz-Date nach einem kurzen anfänglichen Hochgefühl eine ganz spezielle Erschütterung in Dir hinterlassen, von der Du Dich nur langsam erholst. Du frierst oft. Du brauchst viel Schlaf. Tief in Deinem Inneren weinst Du, wie ein kleines Mädchen das von einem viel zu wilden Spielgefährten vermöbelt wurde. Und dann fühlst Du auch noch diese Einsamkeit, die mehr ist, als das was Du bisher als solche kanntest. Ein Empfinden nicht ganz lebendig zu sein. Und O.? Der dies alles heilen könnte? O. schreibt Dir nicht. O. schweigt.

Montag, der 3.11.2014, ist ein für die Herbstzeit ungewöhnlich sonniger und warmer Tag. Um 8.45h blickst Du über Deine Teetasse hinweg in den Garten, wo Dein Mann das schöne Wetter für Aufräumarbeiten nutzt. Das Licht der Vormittagssonne läßt seine Haare durchscheinend weiß wirken und gibt seinem Aussehen etwas ungewohnt Zerbrechliches. Der Anblick rührt Dich. Du möchtest zu ihm gehen, ihn umarmen und etwas Liebevolles sagen. Plötzlich aber piept Dein Handy. Drängend. Es duldet keinen Aufschub. „Guten Morgen, meine Schlampe!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du und spürst wie Du innerlich in Hab-Acht-Stellung gehst. „Ich bin gerade in dem Haus“ schreibt O. „Willst es schnell da mit mir machen?“ – „Jetzt gleich?“ fragst Du. „Um 10 Uhr“ schreibt O.  „Mit halterlosen Strümpfen unter der Jeans und Schuhen!“ – „Das könnte ich“ antwortest Du. „Gut“ schreibt O. „Dann freu ich mich wenn Du kommst. Vergiss nicht Dich zu melden wenn Du bei der Parkbank bist!“ – „Bestimmt nicht“ antwortest Du.

Du schaust hinaus in den Garten. Dein Mann ist damit beschäftigt, gefallene Blätter in Laubsäcke zu füllen. Aber er scheint Deinen Blick in seinem Rücken zu spüren, denn plötzlich wendet er sein Gesicht dahin wo Du am Küchenfenster stehst. Er lächelt und winkt Dir zu. Du winkst und lächelst zurück. Dann drehst Du Dich um und gehst schnell die Treppe hinauf ins Schlafzimmer wo Deine halterlosen Strümpfe in einer Stoffschachtel mit Mille-Fleur-Muster versteckt sind. Im Badezimmer ziehst Du sie an. Dazu Jeans, das Empire-Top mit der Rückenschleife, darüber ein Strick-Cape aus beiger Mohairwolle. Mehr brauchst Du nicht. Du gehst wieder hinunter. Packst Dein Smartphone in Deine Tasche. Gehst ein paar Schritte hinaus in den Garten. „Ich fahr kurz Rad“ rufst Du Deinem Mann zu. „So hübsch zurecht gemacht? Pass auf daß keiner Dir was tut!“ ruft er zurück und bläst einen Luftkuß von seinem Handgelenk zu Dir. Dein leise gestelltes Handy vibriert in Deiner Tasche. Du mußt gehen.

Draußen, auf der Straße, atmest Du erst einmal durch. Fast fühlst Du Dich geküßt vom Sonnenlicht, das wärmend auf Dich fällt. Es scheint einen traumhaft schönen Tag zu verheißen, an dem fast alles leicht und wie von selber geht. Dein Fahrrad gleitet sanft dahin, als könntest Du schweben. Nach nur 13 Minuten kommst Du bei der Parkbank an. Du nimmst Dir Zeit, die halterlosen Strümpfe unter Deiner Jeans zurecht zu ziehen. Dann entsperrst Du dein Handy. Verständigst O. Er antwortet nicht gleich. Dein Herz krampft sich zusammen, für Sekunden scheint ein Abgrund sich zu öffnen unter Dir. Was, wenn er jetzt nicht zurück schreibt? Dich einfach stehen und ins Leere fallen läßt? Schmerzlich kommt Dir zu Bewußtsein, wie abhängig, ausgeliefert und wehrlos Du bist, ihm gegenüber. Du weißt NICHTS über ihn. Nicht einmal ob er wirklich O. heißt. Und er kann mit Dir machen was er will. Das Piepen Deines Handys erlöst Dich aus dem panischen Zustand. „Komm“ schreibt O. Und Du zögerst nicht, ihm zu gehorchen.

Im Haus mit den vielen Bildern sind noch alle Rollos heruntergelassen als O. Dich barfuß, in Langarm-Shirt und Jogginghose durch die Verbindungstüre zur Garage einläßt. Seine schattierten Augen schimmern exotisch im Halbdunkel. Er hilft Dir, Dein Strick-Cape abzulegen. „Nimm Deine Sachen mit nach oben“ sagt er und schiebt Dich durchs unerleuchtete Treppenhaus vor sich her, zu einem kleinen, ganz in Weiß eingerichteten Zimmer im ersten Stock des Hauses. Dort sind Regale mit Büchern und Kunstobjekten in die Wände integriert. Auf dem französischen Bett, das fast den gesamten Raum einnimmt, erkennst Du körperwarme, zerwühlte Laken. „Hast Du heute hier geschlafen?“ fragst Du schüchtern, während Du aus Deinen Schuhen und der Jeans schlüpfst. „Nein“ antwortet O. und stößt Dich aufs Bett. „Wo ich schlaf geht Dich nichts an. Du bist nur für Eines da, verstanden?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann leg Dich hin und mach die Beine ganz weit auseinander“ sagt O. „Ich will heute sehr tief in Dich eindringen!“

Du versinkst in den Kissen und in der höhlenhaften Wärme des Zimmers. O. schließt sorgfältig die Tür. Nur umrißhaft kannst Du erkennen daß er sich vollständig entkleidet, Deine Schuhe vom Boden aufhebt und sie Dir wieder über die Füße streift. Für Sekunden kniet er fast regungslos als großer, schwarzer Schatten zwischen Deinen Beinen. Dann fühlst Du wie er mit seinen großen Händen unter Deinen Hüften durchgreift, Dich am Gesäß zu sich heran zieht und frontal nimmt. Sein muskulöser, glatter Körper könnte nicht fremder, nicht anonymer sein, während er mit kalter Präzision sein Werk an Dir verrichtet. „Scherge“, denkst Du zwischen den einzelnen Stößen, „Vollstrecker“. Rim-Job will er heute keinen von Dir. Kurz vor seinem Höhepunkt befühlt er Deine Beine in den halterlosen Strümpfen und die Absätze Deiner Stiefeletten. Dann drückt er Deine linke Schulter mit einer Hand noch tiefer in die Kissen und macht es sich mit der anderen. Triumphal verströmt er sich auf Deinen Bauch.

„Danke, Babe“ hörst Du ihn sagen. Dann steht er auf und setzt mit einem Knopfdruck irgendwo im Raum die Automatik der Rollos in Gang. Es wird hell. O. hebt Deine Kleider vom Boden auf und wirft sie zu Dir aufs Bett. „Zieh Dich schon mal an“ sagt er und geht hinaus ohne seine eigenen Sachen mitzunehmen. Für ein paar Sekunden bleibst Du, geblendet von der plötzlichen Lichtflut, inmitten der schneeweißen Kissen und Decken liegen. Dann rappelst Du Dich hoch, zupfst Dein Empire-Top zurecht und suchst Deinen Slip. Du spürst einen leicht stechenden Schmerz zwischen Deinen Beinen. Als Du gedankenverloren danach tastest, bleibt ein wenig hellrotes Blut an der Spitze Deines Zeigefingers kleben. O. kommt ins Zimmer zurück. „Nicht fertig?“ fragt er streng und bückt sich nach seiner Jogginghose. „Ich blute ein bißchen“ sagst Du. Wir müssen schauen ob das Bett ok ist“ – „Wie bitte?“ faucht O. „Du Nutte wagst es mit irgendeiner Krankheit hierher zu kommen und das Bett zu versauen??“

„Laß uns doch erstmal schauen“ sagst Du und beginnst hektisch die Kissen und Bettdecken umzuwenden. Tatsächlich. Drei sehr kleine, hellrote Flecken prangen auf einem der Bettüberzüge aus reinweißem Makrosatin. Du starrst sie an. Sie bilden ein Dreieck. Und sie erinnern Dich an etwas. Ein ganz bestimmtes Märchen. In dem drei Blutstropfen sprechen konnten. Du wolltest es immer wieder vorgelesen bekommen als Kind. Aber Du hast jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn O. reißt Dir wütend den Bettbezug aus der Hand, den Du mechanisch begonnen hast abzuziehen. „Faß hier bloß keine Sachen mehr an, Du kranke Nutte!“ stößt er hervor. „Ich will nur noch daß Du gehst. Pack sofort Dein Zeug und verschwinde!“ Du ziehst Dir das Strick-Cape über den Kopf und nimmst Deine Tasche. „Bring mich bitte zur Tür“ sagst Du. „Mein Gott, sogar zum Abhauen bist Du zu blöd!“ ruft O. und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Also gut, ich bring Dich raus damit Du schneller weg bist. Komm mit!“

O. schlüpft in sein Langarm-Shirt, geht dann vor Dir her durchs Treppenhaus nach unten und öffnet die Verbindungstür zur Garage. Du folgst ihm steifbeinig, mit puppenhaft abgezirkelten Schritten. Im Türrahmen bleibt er kurz stehen und dreht sich zu Dir um. Du hoffst auf eine versöhnliche Geste oder ein Wort des Einlenkens von seiner Seite. Schließlich hast Du nichts verbrochen, eigentlich. O. aber mißt Dich nur mit einem vollkommen leeren, zutiefst verachtungsvollen Blick, auf den Du nicht die leiseste Erwiderung in Dir selber findest. So gehst Du stumm an ihm vorbei, hinaus zu Deinem Fahrrad. Nachdem die schwere, graue Sicherheitstür hinter Dir ins Schloß gefallen ist, bleibst Du dort noch eine kleine Weile stehen und versuchst Dich zu fassen. Es hilft Dir ein wenig, Dir das Kennzeichen des Geländewagens einzuprägen, der wie immer hier geparkt ist. Es ist eine markante Kombination von Buchstaben und Zahlen. Draußen, im Sonnenlicht, sprichst Du sie leise, wie ein Mantra, vor Dich hin. So lange und so oft, bis Du sicher bist daß Du sie nie mehr vergessen wirst. Dann gelingt es Dir, aufs Rad zu steigen und heim zu fahren.

Bei Dir zu Hause arbeitet Dein Mann noch immer im Garten als Du zurück kommst. Du winkst ihm kurz von der Terassentür aus zu und beeilst Dich dann nach oben ins Badezimmer zu gehen. Dort stellst Du fest, daß auch Dein Empire-Top Blutflecken abbekommen hat, und zwar viel größere als die Bettdecke im Haus mit den vielen Bildern. Du ziehst Dir ein frisches Shirt über und wirfst das verschmutzte Top in den Schnellwaschgang. Nach 20 Minuten ist es sauber. Dann kann es für O. auch nicht so schwer sein den Bettbezug zu reinigen, denkst Du. Im Lauf des Nachmittags beginnst Du zu frösteln. Erst nur leicht, dann immer stärker. Vom Rücken breiten sich Schmerzen in Deinen ganzen Körper aus. Du bekommst Fieber. 38,8 zeigt das Thermometer am Abend. Dein Handy hast Du im Bett neben Dir. Gegen 22 Uhr piept es. „Flecken sind rausgegangen“ schreibt O. „Welch ein Glück“ antwortest Du. O. schreibt nichts mehr zurück. Du versinkst in Fieberträumen. Sie handeln von Blutstropfen und einem sprechenden Pferd. Und plötzlich erinnerst Du Dich. Das Märchen hieß „Die Gänsemagd“.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin