Schrecklich. Grauenvoll. Absolut katastrophisch. So fühlt sich natürlich alles an, als Du am 26.2.2016 gegen 20h langsam und benommen auf Deinem Fahrrad wegfährst vom Haus von O. Verprügelt. Vergewaltigt. Weggestossen von dem Mann, dem Du zeigen wolltest, wie sehr Du ihn liebst. Und somit eigentlich fast zerstört. Jedoch: Es gibt etwas in Deinem Inneren was Dich aufrecht hält. Was Dich funktionieren lässt. Und was bewirkt, dass Du Dich zunächst mal gar nicht SO kaputt fühlst, wie Du in Wirklichkeit vielleicht bist. Es bereitet Dir jedenfalls keine nennenswerten Schwierigkeiten, zu der kleinen Parkanlage in der Nähe von O.s Haus zu fahren. Ruhig, auf erstaunliche Art ganz bei Dir selbst. So steigst Du dort vom Fahrrad. Stützst Dich mit dem Gesäss an der morsch werdenden Rückenlehne der dunkelgrün lackierten Sitzbank ab. Atmest durch. Betastest Dein Gesicht. Keine Brüche. Keine Risse. Kein Blut, stellst Du fest. „Immerhin“ denkst Du und starrst in den Nachthimmel. „Immerhin…“

Dein Handy piept in Deiner Tasche. Aber nicht mit dem Sms-Ton von O. Dein Mann schreibt. „Es tut mir so leid, Liebe! Aber bei mir wirds heute 23h!“ – „Nicht schlimm!“ antwortest Du und wischst Deine leicht rinnende Nase am Ärmel Deines Parkas ab. „Ich mach dann schon mal Feuer ok?“ schiebst Du hinterher. „Ok!“ schreibt Dein Mann. „Viele Küsse der besten Ehefrau von allen!“ – „Dem besten Ehemann auch!“ tippst Du und hängst ein Smiley mit an. Dann beeilst Du Dich das Handy wegzupacken. „Wow, Chance“ denkst Du, ziehst den Reissverschluss von Deinem Parka hoch bis unters Kinn und versuchst aufs Fahrrad zu steigen. Deine Schambeinfugen schmerzen und von Deiner Analregion breitet sich ein brennendes, reissendes Gefühl wellenartig über Deinen ganzen Körper aus, als Du mit dem Fahrradsattel in Berührung kommst. Du ziehst hörbar die Luft ein. „O. ich hasse Dich“ denkst Du und wartest, bis die Schmerzflut unter Deiner Schädeldecke anbrandet und dort abebbt. Dann kannst Du nach Hause fahren.

Als Du bei Dir daheim die Haustür öffnest, ist alles friedlich und ruhig. Die Wohnzimmerlampe empfängt Dich mit sanftem Licht. Das Küchenradio webt einen Klangteppich aus Alternative Rock. Nichts deutet auf die Katastrophe hin, aus der Du gerade kommst. In Strümpfen, ohne den Parka auszuziehen, die Tasche mit den Highheels fest umklammert, so schleichst Du die Treppe hinauf, vorbei an der spaltbreit geöffeneten Tür zum Zimmer Deines Sohnes. Dem schwach darin fluoreszierenden Schimmer nach zu urteilen, sitzt er mit Kopfhörern vor seinem PC und jagt Fantasymonster. „Ein kleiner Actionheld auch er“ denkst Du, während Du eilig vorbeihuschst und im Schlafzimmer die roten Peeptoes aus der Tasche zurück in ihr Versteck räumst. Im Halbdunkel, ohne die Glasleuchte auf Deiner Kommode einzuschalten, raffst Du ein Kapuzenshirt und eine frische Jeans an Dich und sperrst Dich damit im Badezimmer ein. „Geschafft“ denkst Du. Doch dann erblickst Du Dein Gesicht im Spiegel über der Waschkonsole.

Was Du siehst, hat mit der Person die Du vor ca. zwei Stunden noch warst, nichts mehr zu tun. Es ist überhaupt nichts Personhaftes mehr. Sondern nur noch eine vollkommen entwürdigte Version Deiner selbst. Deine kurzen Haare stehen in struppigen, verklebten Stacheln und Borsten ab von Deinem Kopf. Denn O. rieb auch hier mit der Hand seine Spucke hinein. Dein Gesicht ist verschmiert und verquollen. Deine Nase steht schief. Deine Lippen sind wundgescheuert und leuchten unnatürlich rot aus der peroralen Blässe darum herum. Am Hals hast Du Kratzspuren. Einer Deiner Perlohrstecker hängt halb herausgerissen und blutverkrustet aus Deinem linken Ohrläppchen, das doppelt so dick wirkt wie sonst. Dies alles wäre wohl mit einem zwanzigminütigen Duschbad und ein wenig Desinfektionsspray in Ordnung zu bringen. Und deshalb nicht so schlimm. Jedoch. Unter Deinem linken Auge. Dort wo O.s Ohrfeige Dich traf. Und Dein Jochbein noch immer pulsiert und pocht. Gewahrst Du einen besorgniserregenden, scharf umgrenzten, hellroten Fleck.

Noch ist er nicht auffällig. Aber Du siehst, dass er an seinen gezackten Rändern bereits ins Violette changiert und seine Form sekündlich verändert. Kein Zweifel. Du hast eine Einblutung im linken Unterlid von O.s Schlag davongetragen. Und sie wird sich in den kommenden Tagen zu einem blauen Augenveilchen entwickeln. Es wird in allen Farben schillern. Es wird tiefschwarz und riesig gross werden. Jeder wird es sehen. „Ich bin verloren“ denkst Du und lässt Dich mit Deinem schmerzenden Po leise stöhnend auf dem Rand der Badewanne nieder. „Jetzt ist alles vorbei.“ Du starrst für eine Weile blicklos vor Dich hin. Dann greifst Du einem Impuls folgend nach Deinem Handy und fertigst eine Serie von Selfies von Deinem Gesicht an. Fotografierst Deine clownesken, aufgequollenen Lippen. Die Schrammen an Deinem Hals. Den zerfetzten, sich in einzelne schwarze Wollreste auflösenden Rollkragenpulli. Die zerrissene, befleckte Jeans. Und den mittlerweile kommaförmigen blasslila Fleck unter Deinem Auge.

Als Du fertig bist, scrollst Du Dich durch die forensisch äusserst eindrucksvolle Bildergalerie. Und versuchst, die entstellte Person auf dem Display Deines Handys zu Dir selbst in Beziehung zu setzen. Umsonst. Es will Dir nicht gelingen zu begreifen, dass dieses bedauernswerte Wesen DU sein sollst. Und wie Du alles Deinem Mann erklären sollst, wenn er in zwei Stunden heimkommt, weisst Du auch nicht. Es gibt nur einen Menschen, der Dir in der aktuellen Lage helfen kann. Dein Freund, der Suchtberater. Der schon so viel gesehen hat im Leben. Der Dich kennt, seitdem Ihr 13 Jahre alt wart. Der eine Katastrophe zwischen Dir und O. voraussah. Der Dich stets darauf hinwies, WIE pathologisch, WIE gefährlich O.s Aktionsmuster sind – vor allem im Bezug auf Dich. Der niemals müde wurde, Dich zu warnen. Gebetsmühlenartig. Und dessen Kassandrarufe Du nicht hören wolltest. Ihm allein kannst Du Dich anvertrauen. Ihm schickst Du einige der drastischsten Bilder. Und schreibst dazu. „Schau mal. Das war O.“

Dein Freund ruft die Bilder sofort ab. Du spürst, dass er sie sehr eingehend betrachtet. Mit dem geschulten Blick des Ersthelfers und Rettungssanitäters der er mehr als zehn Jahre lang war. „Mann Süsse!“ schreibt er dann, nach einigen Minuten. „Was war los?“ Du versuchst die Ereignisse der vergangenen Tage und Nächte so gut Du kannst zusammenzufassen. „Leider war das ja zu erwarten!“ schreibt Dein Freund, als Du mit Deinen Schilderungen endest. „Und in der aktuellen Situation erst recht. Was willst Du jetzt machen? Anzeige??? Er wird sagen Du stehst drauf dass einer dich schlägt. Und dass es einvernehmlich war. Denn Du bist ja auch freiwillig zu ihm hingefahren“ – „Ja“ antwortest Du. „Anzeige ist keine Option. Ich bin an allem selber schuld. Ich muss mich jetzt einfach damit abfinden dass es vorbei ist. – „Vorbei. Ok.“ antwortet Dein Freund. „Somit überlebst Du. Andere sterben wegen diesem Psycho. Zum Beispiel an Krebs“ – „Wie man auf Bildern sehen kann“ schreibst Du. „Yap“ antwortet Dein Freund.

„HOFFENTLICH ist es vorbei“ fährt er nach einer kleinen Weile fort. „Ich bezweifle es aber. Leider. Und eines Tages wirst Du noch RICHTIG schwer verletzt werden durch dieses kriminelle Arschloch“ – „Du meinst der holt mich wieder?“ fragst Du ungläubig. „Zu hundert Prozent“ antwortet Dein Freund. „Er wird Dich niemals gehen lassen. Das ist ein psychisch kranker Gewalttäter. Und DU bist sein perfektes Opfer. Das war ein Höhenflug für ihn, was er vorhin mit Dir erlebt hat. Ein Machtrausch ohnegleichen. Da wird er auch in Zukunft nicht darauf verzichten wollen“ – „Ok“ schreibst Du. „Ich muss mich jetzt versorgen. Was soll ich machen mit dem blauen Auge?“ – „Da wirst Du nicht viel machen können, fürchte ich“ antwortet Dein Freund.  „Das Hämatom ist bereits manifest. Hast Du denn starke Schmerzen?“ – „Das nicht“ antwortest Du. „Ok. Dann hast Du nochmal Glück gehabt!“ schreibt Dein Freund. „Versuch Dir eine Ausrede einfallen zu lassen. Not macht erfinderisch! Alles alles Liebe! Ich drück Dich!“

Unter der Dusche stellst Du fest, dass Deine Oberarme, Deine seitliche Rippengegend und wohl auch Dein Rücken übersät sind mit beginnenden blauen Flecken. Dennoch geht es Dir aber rasch besser in der dampfigen Wärme. Dein Kopfschmerz lässt nach. Deine Muskulatur entspannt sich. Deine Analregion fühlt sich weniger schlimm verletzt an. Als Du fertig bist, frottierst Du Dich sehr vorsichtig ab und kämmst sanft, fast andachtsvoll Dein kurzes Haar. Bis es wieder so um Deinen Kopf liegt wie immer. Ohne die hässliche Spucke von O. Du lächelst Dir selbst ein wenig schief im Badezimmerspiegel zu, bevor Du Dich daran machst, ein besonders sorgfältiges Make-up aufzulegen. Du cremst und puderst und tüpfelst und wischst. Systematisch. Schicht um Schicht. Und verwandelst Dich via Kosmetik in eine Frau, die der, die Du normalerweise bist, zumindest ähnlich sieht. Es gelingt Dir, den blasslila Fleck unter Deinem Auge einigermaßen zu kaschieren. Aufatmend hüllst Du Dich in Deine frischen Kleider. „Ja, ich überlebe“ denkst Du.

Als Dein Mann gegen 23h nach Hause kommt, ist er froh, von einem besonders behaglich flackernden Kaminofenfeuer empfangen zu werden. Dass Du einen dunklen Schatten unter Deinem linken Auge hast und auf dieser Seite auch Deinen Perlohrstecker nicht trägst, fällt ihm nicht auf. Du versorgst ihn mit einem Glas Rotwein und Snacks, er erzählt Dir das Wichtigste von seinem Tag, dann geht er bald schlafen. Du selbst bleibst noch lang in der Küche sitzen, befühlst Deinen geprellten Körper unter dem Kapuzenshirt und starrst vor Dich hin. Irgendwann gehst auch Du nach oben. Am nächsten Morgen hat sich der Fleck unter Deinem Auge vergrössert und ist nachgedunkelt. Er lässt sich nicht mehr mit Make-up verbergen. „Was ist Dir denn passiert?“ fragt Dein Mann am Frühstückstisch. „Ach ja“ antwortest Du. „Das wollte ich Dir noch sagen. Hab im Fitnesstudio den Ellbogen von einer anderen Frau draufbekommen, die in meiner Nähe trainiert hat. Die stellen da immer die Geräte so eng zusammen. Da muss ich mich jetzt mal beschweren!“ – „Ach Du Arme“ sagt Dein Mann.