Dienstag, 9.9.2014 7h30. Sms von O. Er will Dich sehen, heute. „Das Haus ist frei ab Mittag“ schreibt er und dass Du schwarze halterlose Strümpfe und Stiefeletten unter Deinem weiten Sommerkleid anhaben und  Frischhaltefolie mitbringen sollst. „Werde Dich wo anbinden und Dir leicht wehtun!!!“ schreibt er. „Ich bin bereits verletzt!“ antwortest Du und schilderst Deinen Sturz vom Fahrrad. „Das ist mir egal!!“ kommt es zurück. „Du hast gesagt dass ich mit Dir machen darf was ich will und genau das werde ich tun!!!“ Drei Stunden später. Das Date wankt. „Hoffentlich klappt es heute noch!!!!“ schreibt O. „In dem Haus ist ein Handwerker und der braucht länger als gedacht!!!“ – „Ich übe jetzt Klavier mit meinem Sohn“ schreibst Du. „Sag einfach bescheid wenn ich kommen soll!“ Du atmest durch. „O. at his best“, denkst Du. Unfassbar. Undurchschaubar. Unberechenbar. Das Ende des Tages völlig ungewiss. Du setztst Dich zu Deinem Sohn und beobachtest wie seine kräftigen, sommerbraunen Kinderhände über die Tasten des E-Pianos wandern. Es hat immer etwas Heilendes und Tröstliches für Dich, ihm beim Spielen zuzuhören. Gerade als er mit den Fingerübungen fertig ist, piept erneut Dein Handy. „Es ist jetzt doch ganz schnell gegangen!“ schreibt O. „Komm sofort zur Parkbank und schreib mir wenn Du da bist! Ich hole Dich dann ab!!“ 13h10. Beim Treffpunkt. Deine geschürften Knie schmerzen unter den eng anliegenden halterlosen Strümpfen. O. kommt Dir zu Fuss entgegen, ausgezehrt wirkend, bleich. Zur Begrüßung musst Du kurz den wadenlangen Rock von Deinem Kleid hochheben, so dass O. den Spitzensaum der Strümpfe sehen kann. Dann greift er nach Deinem Handgelenk, dreht es Dir grob auf den Rücken und führt Dich wortlos neben sich her. Zum Glück ist es kein weiter Weg. Rasch seid Ihr bei dem Haus mit der weissen Fassade und dem dunkelroten Garagenanbau. Ein Daumendruck auf den elektronischen Schlüssel. Das Tor hebt sich. Ihr tretet ein. „Geh schnell nach oben in das Zimmer wo die Türe offen steht“ sagt O. mit leiser Stimme. „Und pass auf mit Deinem Kleid. Das Geländer ist frisch gestrichen!“ Im ersten Stockwerk betrittst Du ein kleines Zimmer mit einem sehr schmalen, vertikal verlaufenden Fenster. „Schießscharte“ denkst Du. In einer Ecke ein grosser, bunter Haufen von Stofftieren und Puppen. Mittig ein signalrotes Ecksofa mit verchromtem Gestell. Abgedeckt mit einem weissen Leintuch. Genauer umschauen kannst Du Dich nicht, denn, lautlos wie ein Schatten ist O. Dir gefolgt. Jetzt versetzt er Dir von hinten einen heftigen Stoß. Wirft sich direkt zu Dir auf das Sofa. Schiebt Dein Kleid hoch. Presst sein Knie hart gegen den Bluterguss auf Deinem Oberschenkel. „So, Du Schlampe, jetzt sagst mir erst mal die Wahrheit wo Du die Verletzung her hast!!“ Er öffnet den Reißverschluss von seiner Sommerhose. „Mit wem hast es gemacht?“ Bevor Du antworten kannst presst er seine grosse Hand auf Deinen Mund und nimmt Dich mit sehr harten Stößen. Du spürst die Krümmung von seinem Schwanz heute deutlicher als bisher. „Du bist so grausam!!“ flüsterst Du als Du wieder zu Atem kommst. „Sei still und leck mein Arschloch!!“ antwortet O. und sucht nach der Frischhaltefolie in Deiner Tasche. Blitzschnell fixiert er Deine Handgelenke an der Chromstange oberhalb Deines Kopfes. Dann setzt er sich über Dein Gesicht und beginnt es sich selbst zu machen während Du ihn küsst. Kurz vor dem Höhepunkt streicht er sanft mit einer Fingerspitze über die Heftpflaster auf Deinen Knien, die sich durch das Nylonschwarz der Strümpfe abzeichnen. Dann spritzt er unter geschmerzt klingendem Stöhnen auf Deinen Bauch. Er hilft Dir aus den Fesseln frei zu kommen. Reicht Dir ein Kleenex. Zieht sich an, geht hinaus, während Du mit gesenktem Kopf Deine Sachen zusammensuchst. Steht mit bereit gehaltenem Schlüssel an der Verbindungstür zur Garage als Du die Treppe herunter kommst. „Danke dass Du da warst, Kleine“ sagt er. „Ich glaub Du findest allein zurück. Geh schnell bevor noch jemand kommt!“ – „Gern“ antwortest Du und suchst seinen Blick zum Abschied. Doch O. hat sich bereits abgewendet. Als Du nach Hause kommst, spielt Dein Sohn gerade die letzten Takte des French Can-Can von Jacques Offenbach. „Wo warst Du Mama? Du schaust traurig aus!“ sagt er. „Nirgends“ antwortest Du.

Mittwoch, 10.9.2014. 7h30. Du erwachst mit Nackenschmerzen und einem bedrückenden Gefühl des vollkommenen Verlassenseins. Du wünschst Dir inständig eine Guten-Morgen-Sms von O. Inständig. Aber Dein Handy bleibt stumm und leer als Du es einschaltest. Also schreibst DU IHM die liebevolle Sms, die Du selber gern bekämst. Ohne Antwort. Ohne Echo. Der Vormittag vergeht. Das Verlorenheitsgefühl wird übermächtig. Du verlierst die Nerven. „Du kaltes Arschloch! Warum machst Du das mit mir?“ textest Du. „Auf DIE Art wirst Du mich verlieren, das muss Dir klar sein!“ O. reagiert sofort. „Sag mal spinnst Du?“ schreibt er. „Ich muss arbeiten und kann nicht immer schreiben!!! Deine Vorwürfe sind echt das Allerletzte!!!!“ Den Rest des Tages verbringst Du damit, schuld- und schambeladene „Verzeih-mir“-Sms in Dein Handy zu tippen. Sie verhallen. Und spät Abends schreibt O.: „Bitte lass mich in Ruhe!!! Für immer!!!“

Freitag, 12.9.2014. 10h. Du klagst Dein Leid Deinem Freund, dem Suchtberater. „Solche Totalabstürze wirst Du mit ihm noch viele erleben!“ schreibt er. „O. ist eine Alles-oder-Nichts-Persönlichkeit! Google mal emotionale Instabilität. Der Wikipedia-Artikel zu dem Thema ist sehr gut.“ – „Glaubst Du dass ich ihn wiedersehen werde?“ fragst Du. „Oh, ganz sicher!“ schreibt Dein Freund. „Im Moment will er Dich bestrafen. Aber den wirst Du noch öfter wiedersehen als Dir lieb ist!“

Samstag, 13.9.2014. Regen. Spät Abends fährst Du mit dem Rad zu der Parkbank bei der O. Dich zweimal abgeholt hat. Hockst mit angezogenen Beinen da, drehst und wendest Dein Smartphone in den klammen Fingern. Bist kurz davor ihm zu schreiben. Lässt es. Weinst. Frierst. Fährst nach Hause.

Sonntag, 14.9.2014 Dein Sommerkleid. Ärmellos. Figurumspielend. Mit Blumendruck in Delfter Blau. Am vergangenen Dienstag hast Du es überhastet ausgezogen und einfach in den Schrank gehängt, nachdem Du vom Treffen mit O. zurück warst. Nun holst Du es heraus. Vergräbst Dein Gesicht in den Volants aus Baumwollstoff. Es duftet so intensiv nach dem Eau de Toilette von O. dass es Dir fast körperlich weh tut. Nach Männlichkeit und Luxus riecht es. Nach Sehnsucht. Nach Begehren. Nach Stress. Nach Angst. Nach tiefer Traurigkeit. Und: Du glaubst wittern zu können, dass O. Dich immer noch will. Mehr noch: dass er Dich braucht. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich rieche Dich in meinem Kleid!“ O. antwortet direkt. „Was willst Du?“ fragt er. „Mit Dir in Verbindung sein!“ schreibst Du. „Auch Ficken?“ fragt O. „Doch, auch“ schreibst Du. „Gut, Schlampe!“ schreibt O. „Ich mach diese Woche einen Garten in der Innenstadt. Da kannst dann hinkommen und mir mein Arschloch lecken!“ – „Danke“ antwortest Du.

Montag, 15.9.2014. Wieder einmal darfst Du also aufatmen. Du bist zurück im Gespräch mit O. Hast Deine Verstoßung abgewendet. Die Gnade einer neuen Chance erwirkt. Natürlich wirst Du nun aus Deinen Fehlern lernen, denkst Du, während Du mit Deinem Rad durch die klare frühherbstliche Luft im Süden Deiner Stadt fährst. Du wirst es lernen, Deine eigenen Gefühle weniger wichtig zu nehmen und stattdessen die von O. zu respektieren. Du wirst ihn nicht mehr belästigen, vor allem nicht mehr nach einer erotischen Begegnung. Du wirst es lernen ihn in Ruhe zu lassen, ganz bestimmt. Du freust Dich jetzt sehr auf das Date im Garten in der Innenstadt, darauf, ihn bei seiner Arbeit zu beobachten und zu bewundern. Gerade als Du anfängst, Dir O.s Körper angeseilt in Klettergurten vorzustellen, piept Dein Handy. „Es klappt diese Woche nicht!“ schreibt O. „Die Kundschaft will dabei sein wenn ich den Garten mach!“ – „Ok“ schreibst Du. Die Luft ist nicht mehr ganz so klar als Du mit Deinem Rad nach Hause fährst.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin