Am Abend des 25. Februar 2016 reicht die Wärme des Kaminofenfeuers nicht mehr aus. Kein Patchworkplaid. Keine sphärische Musik. Kein gezuckerter Tee. Keine Plauderei mit Deinem Mann oder Deinem Sohn. Nichts von all dem, was Dich normalerweise beruhigt und tröstet, hilft am Ende dieses einen gottverlassenen Tages. Nur in der Stille des Schlafzimmers, eingeigelt, zusammengerollt, unter zwei Bettdecken versteckt, kommst Du allmählich zu einer Art von Ruhe. Hörst langsam, sehr sehr langsam auf zu zittern. Spürst wie sich das Grauen aus Deinen alleräußersten Nervenenden zurückzieht, jedoch im Rückenmark verbleibt. Und fällst auch für einige Stunden in unruhigen Schlaf. Gegen 1h nachts wirst Du wieder wach. Kriechst aus dem Bett. Schleichst ins Badezimmer und sperrst Dich dort ein. Rufst in Deinem Handy das Bild von O.s frisch operierter Freudin auf, das Du am frühen Abend von ihm bekamst. Betrachtest es, auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitzend. Eingehend. Mehr als eine Stunde lang.

Du siehst, dass O.s Freundin sehr weiche, unkonturierte Gesichtszüge hat und etwas vollkommen Überfordertes ausstrahlt, wie sie so da liegt, in ihrem Schmerz. Fast kindlich, nicht-verstehend wirkt sie auf dem Bild, trotz ihrer Körperfülle, die sich ein wenig unförmig unter der Klinikdecke abzeichnet. Eine Person ohne Waffen, ohne Kampfgeist, denkst Du, während Du im unteren Teil des Bildes die Silhouette von O. entdeckst, die sich im Moment der Handyaufnahme in der Trennglasscheibe des OP-Nachsorgeraumes spiegelt. Dass er für sich, für seine eigene Verarbeitung den postoperativen, lebensfernen Zustand seiner Freundin mit dem Smartphone dokumentieren musste, leuchtet Dir ein. Aber dass er Dich, die Lolo als gesunde, unverletzte Frau nie kannte, mit ihrem entblößten, preisgegebenen Anblick konfrontiert? Ohne jede Vorwarnung? Ganz einfach so? Obwohl Du dankbar bist für diese schlaglichtartige Erhellung seiner Realität. Das ist und bleibt: das radikale, rücksichtslose, keine Grenzen kennende Vorgehen eines emotional Gestörten.

Gegen 3h morgens fühlst Du die Durchblutung in Deinen Körper zurückkehren. Und das Empfinden, Deine Lumbalregion sei mit elektrischen Kupferdrahtfäden durchwirkt, läßt auch allmählich nach. Du bist in der Lage, Dich zu erheben, den Blick von O.s leidender Freundin in Deinem Handy zu lösen und auf  leisen Sohlen zurück ins Schlafzimmer zu gehen. Dort kuschelst Du Dich unter Deine Decken, legst Dir das stummgeschaltete Smartphone auf den Bauch und bedeckst es vorsichtig mit Deiner rechten Hand. Ganz so, als ob es ein besonders schutzbedürftiges, zartes Wesen wäre. Ein Vogeljunges, das aus dem Nest fiel, um genau zu sein. Du stellst Dir vor, dass all deine Anteilnahme über Deine Atmung durch das Handy hindurchfließt zu O. und ihn erreicht, während der dunklen Stunden, die er höchstwahrscheinlich jetzt in seinem großen, leeren, heimgesuchten Haus verbringt. Wachend. Ungetröstet. Mutterseelenallein, inmitten all der vielen Bilder. „Ich möchte bei ihm sein“ denkst Du. Dann schläfst Du ein.

Erst um 6.48h kommst Du wieder zu dir und siehst, dass O. um 5.17h „Guten Morgen Kleine“ schrieb, während Du noch schliefst. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du eilig und hasst Dich selbst dafür, dass Du nicht früher wach sein konntest. „Bitte schick mir ganz schnell ein Bild von dir!!!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und wählst zwei Fotos von deiner Brust in einem indigoblauen Bandeau-Top für ihn aus. „Danke“ schreibt O. „Hättest du eventuell heute abend Zeit?“ – „Ja! Sehr gut sogar!“ antwortest Du. „Ich fahre jetzt dann ins Krankenhaus und danach noch in die Stadt!“ schreibt O. „Ich melde mich wenn ich wieder zu Hause bin!!!“ – „Gerne!“ antwortest Du und spürst wie eine Woge von Erleichterungsgefühlen Deinen Körper flutet. Und zwar genau von da ausgehend, wo Du dein Rückenmark, das Zentrum deines Nervensystems vermutest, das in der Nacht so weh tat. Alles fühlt sich plötzlich warm und leicht an. Die Morgensonne scheint ins Schlafzimmer. Und Du bist sicher: es wird ein wunderschöner Tag.

Die Euphorie trägt Dich weit über den Vormittag. Beflügelt, energiegeladen wie seit langem nicht mehr. Dankbar für das vorfrühlingshafte Licht. So verbringst Du die Zeit. Gehst zum Sport. Machst Ordnung im Haus. Erledigst Aufgeschobenes. Stets in Gedanken bei O. Stets das Handy dicht bei. Erfüllt von der Gewissheit, O. bald, in wenigen Stunden, begegnen, sehen, berühren zu dürfen um Vertrautheit und Nähe mit ihm leben zu können für einen kurzen, magischen Moment – nach all dem Schweren der letzten Zeit. Du steigerst Dich in diese Ideen hinein, während Du hyperaktiv in Deinem Zuhause umherwirbelst, mehrere Dinge gleichzeitig tust, das Handy fixierst und vollkommen ausser Acht lässt, dass O. ja eigentlich nur von der vagen Möglichkeit eines Treffens schrieb. Ohne Zusage. Ohne Verbindlichkeit. Wie schon so oft. Das Konjunktivische seines Schreibens willst Du, emotional überlastet wie Du bist, an diesem Tag einfach nicht sehen. Und so nimmt das Verhängnis des 26. Februar 2016 seinen Lauf.

Gegen 15h kommt Dein Aktivitätsschub zum Erliegen. Teilnahmslos sitzst Du am Küchentisch und horchst nur noch auf das Ticken der Wanduhr die gnadenlos das Verrinnen des Nachmittags auszählt. Es wird 16h. Es wird 16.30h. O. meldet sich nicht. Um 16.43h hältst Du es nicht mehr aus. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Kann ich Dich heute besuchen?“ Die Uhr tickt weiter. Eine Minute vergeht. Dann drei. Dann fünf. „Ich würde so gern mit dem Radl in Deine Gegend fahren und bei Dir sein!“ schreibst Du. „Ich wünsche es mir so sehr, es ist fast nicht auszuhalten.“ Stille. Leere. Schweigen. Dein Herz klopft. Im Rhytmus des Sekundenzeigers der Küchenuhr. „Ich könnte um 19h bei Dir sein.“ schreibst Du um 17.03h. „Ich bringe auch Netzstrümpfe und Highheels mit. Ich mach alles was Du willst und ich gehe gleich wieder wenn Du das möchtest!“ Keine Antwort. „Es ist so ein schöner Tag!“ tippst Du mit letzter Verzweiflung. „Bitte sag mir bescheid!“ Dann legst Du das Handy beiseite.

Es piept um 17.33h. „Glaube eher nicht“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, während Du das Gefühl hast, durch einen Schacht ins Bodenlose zu fallen. „Heute hatte ich Hoffnung, ehrlich gesagt“ fügst Du hinzu um den Sturz vielleicht noch aufzuhalten. „Ich hab Dich so lange nicht gesehen. Bitte!“ – „Nein“ antwortet O. „Warum nicht?“ tippst Du. „Bitte sag mir warum?“ – „Du wolltest doch gequält werden“ schreibt O. „Ja. Wenn ich bei Dir bin“ antwortest Du. „Bitte lass mich kommen.“ Eine Pause entsteht. Die Geschwindigkeit Deines Fallens durch die Dunkelheit scheint sich ein wenig zu verlangsamen. „Vielleicht wird alles gut“ denkst Du. Wartest. Hoffst. Auf eine gnädige Wendung des Chatverlaufs. Jedoch. Um 18.08h schickt O. den einen, den katastrophalen Satz. Den Satz, der etwas in Dir vernichtet. Den Satz, über den Du nicht hinweg kommst. „Du kannst“ schreibt O., nach allem, was Du in den vergangenen Tagen mit ihm erlebt, gelitten und geteilt hast, „dich vor das Fenster stellen und es dir selbst machen.“

Du liest die Worte der Whatsapp-Nachricht, die sich wie Flammenzeichen auf Deine Netzhaut brennen, insgesamt sechsmal durch. „Vor welches Fenster?“ schreibst Du dann. „Wohnzimmer Fenster“ antwortet O. „Bei mir hier? Oder bei Dir?“ fragst Du verwirrt. In der absurden Hoffnung, es handele sich hier um den Auftakt zu einem besonders perfiden erotischen Spiel. „Wo du willst“ antwortet O. Gleichgültig. Kalt. Wie auf Vernichtungsfeldzug. „Was soll das?“ tippst Du mit zitternden Fingern. „Ich habe NEIN gesagt aber du hörst nicht auf!!!!“ schreibt O. „WAS SOLL DAS?????“ – „Entschuldige“ antwortest Du. „Ich habe heute einfach nur sehr stark gehofft dass ich Dich besuchen kann. Ich vermisse Dich seit Monaten. Ich hab so viele Bilder für Dich gemacht. Und so lang gewartet.“ Du hältst inne. Hoffst noch einmal. Auf ein Entgegenkommen, Einlenken, irgendein Zeichen von O. Auf etwas, was die Katastrophe aufhalten könnte. Jedoch. O. antwortet nicht. O. schweigt. Da bricht sich Deine Verzweiflung Bahn.

„Ok“ schreibst Du. Wütend. Überfordert. Fassungslos. „Ich hab es jetzt verstanden. Du willst mich nicht mehr.“ Schweigen. „Dann wünsch ich Dir von Herzen dass Du bald eine Andere zum Schikanieren findest. Mal sehen ob so schnell Eine Dich hinten küsst und 1700 Bilder für Dich macht!!!“ Schweigen. „Mein Job ist dann wohl erledigt, oder?“ tippst Du weiter. „Ist das wirklich das was ich verdient hab nach all den Monaten?“ O. antwortet nicht. Du greifst zum Äussersten. Lässt Deine tiefste, quälendste Angstphantasie nach draussen. „Fickst Du dann heute abend eine Andere?“ schreibst Du. Schweigen. „Sag mal gehts noch????“ kommt es dann von O. „Das frag ich Dich!!!“ antwortest Du. „Hör auf jetzt!!!“ schreibt O. „Und warum bist DU so krass zu mir?“ schreibst Du. „Ich hab Dir nichts getan! Ich wollte Dich nur sehen. Das war mein Verbrechen. Dich sehen zu wollen!“ Schweigen. „Es tut mir leid“ schreibst Du. „Ich hab immer versucht Deine Wünsche zu erfüllen. Heute hatte ich blöderweise auch mal selber welche!“

O. schweigt. „Aber das ist das Ende jetzt, oder?“ tippst Du. „Wenn du so weitermachst ja“ antwortet O. Du fühlst wie etwas sehr Gefährliches sich aufbaut, in Deinem Inneren. Eine Art Amok-Situation, in der ein anderes Du in Dir statt Deiner selbst denkt und handelt. Und zwar nicht allzu folgerichtig. „Ich will Dich sehen!“ tippt dieses andere, unbekannte Du ins Handy. „Ich dusche jetzt und fahre zu Deinem Haus. Ich halte es nicht mehr aus. Ich fahre da hin.“ Schweigen. „Ich schmeisse alle Schuhe da vor die Tür und es ist mir egal was dann passiert!!!“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich werfe alle Schuhe und Kleider bei Dir in den Vorgarten. Ich kann nicht mehr. Ich fahre zu deinem Haus und werfe alles hin was ich für Dich gekauft hab. Das ist das absolute Ende. Es ist mein Ernst. Ich mache das“. Dann erhebt sich Dein rebellierendes, ausflippendes Du, legt das Handy beiseite und eilt, vorbei an Deinem verwundert dreinblickenden Sohn, der gerade im Treppenhaus steht, hinauf ins Badezimmer.

Auch unter der Dusche kommt Dein amoklaufendes Du nicht zur Besinnung. Aber immerhin. Nachdem es sich abfrottiert, gekämmt und geschminkt hat, eilt es, einem Impuls folgend, ins Schlafzimmer. Dort holt es eine schwarze Netzstrumpfhose aus der Stoffschachtel mit Mille-Fleurs-Muster, zerrt sie sich bis unter die Achseln über den nackten Körper, schlüpft in die schwarz schimmernden Leggings und macht schnell ein paar Selfies von diesem Outfit. „Zum letzten Mal zieh ich das hier für Dich an!!!“ schreibt das ausser Kontrolle geratene Du und sendet die Bilder an O. „Was wäre so schlimm daran mich in diesem Outfit reinzulassen?“ – „Ich kann nicht weil es der Lolo so schlecht nach der OP geht!!!“ antwortet O., sehr zum Erstaunen des durchdrehenden Du. „Du willst die Sachen vor die Türe stellen dann tu das! Aber ohne eine Szene zu machen!!! Wenn die Lolo in ihrem jetzigen Zustand von uns erfährt … das wäre unerträglich für sie!!! Also zeig Mitgefühl und stell es normal vor die Haustür!!!“

„Bist Du zu Hause?“ tippt das ausser Rand und Band geratene Du, das nun beginnt sich ein wenig zu schämen. „Ja. Aber ich werde dir nicht öffnen!!!“ antwortet O. „BITTE!!!“ schreibst Du. „Nein! Hör sofort auf!!!“ schreibt O. „Mir gehts selbst nicht gut und ich möchte niemanden sehen!!! Ich möchte allein sein! Stell die Sachen vor die Tür damit es dir besser geht! Aber ohne eine Szene zu machen. Das würde ich bei dir auch nicht tun!!!“ – „Nein ich stelle nichts vor die Tür“ antwortest Du kleinlaut und wieder völlig Du selbst geworden. „Dann schmeiss die Sachen weg!!!“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Bitte Ursula lass mich!“ schreibt O. „Du hast dich gerade von einer schrecklichen Seite gezeigt!!!! Bitte lass mich in Ruhe!!! Ich habe unseren gesamten Chatverlauf gelöscht. Ich habe kein einziges Foto mehr von dir!!! Bitte schreib mir nicht mehr. Ich blockiere dich sonst!!!“ – „Du hättest mir doch einfach sagen können dass es Dir nicht gut geht!“ tippst Du verzweifelt. „Das habe ich noch immer verstanden!“

„Ich habe dir geschrieben dass ich mich abends bei dir melde“ antwortet O. „Das stimmt nicht!“ schreibst Du. „Egal!!!“ antwortet O. „Es ist vorbei! Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ – „Ok“ schreibst Du und fühlst die austickende Version Deiner selbst zurück kommen. „Ich fahre jetzt zu Dir. Ich muss Dich sehen.“ – „Ich werde nicht öffnen“ antwortet O. „Ich komme trotzdem“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich muss das Haus sehen. Ich geh sonst kaputt“. Ohne eine weitere Nachricht von O. abzuwarten erhebt sich das durchgedrehte Du vom Schlafzimmerbett. Es zieht einen schwarzen Rollkragenpulli über den Kopf und eine weite Jeans über die Leggings. Es holt die signalroten Highheels aus ihrem Versteck, überlegt kurz und wickelt sie dann im Badezimmer in zwei grosse Handtücher ein. Dieses skurrile Paket verstaut das ausrastende Du in einer hellblauen Segeltuchtasche. Es schlüpft in seine Boots und seinen Winterparka. Rafft Hausschlüssel und Handy an sich und tritt todesmutig hinaus in die Nacht.