Sonntag, 22.3.2015 Frühjahresgleiche. Wegscheide zwischen Licht und Dunkelheit. Für Menschen die nicht in einer destruktiven On-Off-Beziehung leben so wie Du, beginnt nun die Phase der warmen, hellen Tage. Du aber, die Du am Morgen nach Deinem Whatsapp-Kniefall vor O. in klinischer Stille aufwachst ohne Deinen Körper zu spüren, scheinst zur Rückkehr in ewige Wintertrübe verurteilt. Beim Hinuntergehen in die Küche wunderst Du Dich, daß Du nicht fällst auf der Treppe. Denn Du fühlst Dich wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden. Führungslos. Desorientiert. Ohne Halt. Und draußen auf der Straße hast Du das Empfinden als Fremde, Unsichtbare unter den Menschen zu wandern. Wo immer Du Dich aufhältst scheint ein Smog-Schleier über der Stadt zu liegen, der Dich von allem abtrennt. Geräusche. Farben. Lichtreflexe. Fragen Deines Sohnes. Alles kommt in gedämpfter, abgebremster Form bei Dir an. Du fühlst nichts. Nichts, außer der dumpfen Verzweiflung beim Blick auf das stumme, leere Display Deines Handys.

Einige Tage lang schaffst Du es mit eiserner Disziplin, NICHT Deine Whatsapp-Chats mit O. aufzurufen. Als Du es dann doch tust, an einem leeren, kalten Vormittag Ende März, weil Du hoffst dadurch irgendetwas besser zu verstehen, ist O. natürlich online. In wohlbekannter, hochtouriger Lebendigkeit. ER ist nicht einsam. ER hat keine Sehnsucht nach Dir. Es trifft Dich ins Mark das zu sehen. Als der Schwindelanfall abebbt und die Mouches volantes vor Deinen Augen allmählich verschwinden, weißt Du daß Dir nur eines übrig bleibt: Du mußt O. blockieren. Wenn schon nicht vom Handy, so zumindest auf Whatsapp. Für einige Minuten ringst Du mit Dir. Fürchtest, O.s Zorn noch mehr auf Dich zu ziehen, mit diesem Schritt, und ihn dadurch endgültig, für immer zu verlieren. Dann aber überwindest Du Dich. Klickst auf „Mehr“ und dann auf „Blockieren“. „Blockierte Kontakte können Dir keine Nachrichten mehr schicken“ warnt die App. Du bestätigst Deine Entscheidung. O.s Online-Stempel verschwindet. Du atmest auf.

Die Nächte sind schön. Denn irgendein gnädiger Neurotransmitter aus Deinem körpereigenen Trost- und Belohnungssystem sendet Dir regelmäßig wunderbare Träume. In Technicolor. Bonbonbunt. Lichtdurchflutet. Zuckersüß. Was im Leben Dir verwehrt war, wird im Reiche Hypnos Dir gestattet: Du begegnest einem sanften, einfühlsamen O., der Hand in Hand mit Dir über sommerliche Feldwege schlendert, Dich auf Rummelplätzen küßt, bei Einbruch der Dunkelheit in seine Lederjacke hüllt und auf einem Vintage-Bike unter blinkenden Sternen nach Hause fährt. Während Du dich eng an seinen Rücken schmiegst. Ihr seid beide sehr jung und sehr glücklich in allen diesen Deinen Träumen. Umso schmerzhafter ist das allmorgendliche Erwachen. Kein O., nirgends. Jeder neue dieser Tage liegt vor Dir wie ein dunkler Tunnel an dessen Ende niemals Licht erscheinen wird. Die Stadt ist grau. Dein Sohn hat schlechte Schulnoten. Dein Mann ist ständig unterwegs. Und Du, Du bist auf Entzug. Kaltem Entzug. Von der Droge O.

Dich in der Öffentlichkeit aufzuhalten vermeidest Du so gut es geht. Denn es sind einfach zu viele Frauen draußen auf der Straße. Hübsche, unbelastete Frauen. So wie Du selbst eine warst, vor 8 Monaten. Sie sitzen im Straßencafe und halten ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Sie spazieren durch den Park oder bummeln an Schaufenstern vorbei. Und blicken dabei versonnen lächelnd aufs Handy. Manche steigen sogar vom Fahrrad und lehnen sich an einer Hauswand an um etwas zu lesen was ihnen geschickt wurde. Etwas Cooles, Frivoles. „Hey Babe, ich will Dich!“ Irgendwas in der Art. Von einem Lover wie O., ja, höchstwahrscheinlich sogar von O. selbst. Auf solche Gedanken kommst Du, sobald Du draußen bist. Denn O. kennt ja alle Frauen Deiner Stadt und ist in der Lage sofort eine von ihnen klarzumachen. Deine größte Angst ist, es zufällig mitzubekommen, wie er gerade eine neue Schöne angräbt. In der Nähe vom Ort Eures Kennenlernens etwa. Aus all diesen Gründen gehst Du nur noch selten raus.

Das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach Eures Hauses wird in diesen Wochen zu Deinem Lebensmittelpunkt. Hier verbarrikadierst Du dich bei heruntergelassenem Rollo vor dem PC, während die Welt draußen täglich lebensfroher wird. Ob hinter dem verdunkeltem Fenster die Sonne scheint oder die Sterne am Nachthimmel glitzern. Wann immer es Deine Zeit erlaubt suchst Du Zuflucht im Internet. Aber nicht mehr bei den behäbigen, deutschsprachigen Darstellungen der Borderline-Störung, die meist als wehleidig-moralisierender Opferdiskurs daherkommen, sondern vielmehr bei den Blogs und Foren von Autorinnen und Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Pragmatisch. Illusionslos. Und dabei doch humorvoll, frech und kreativ. So wird hier dem Typus des emotional-instabilen, narzisstisch gestörten Mannes begegnet. Und seinem Gegenüber. Der allzu empathischen, mangelhaft abgegrenzten, codependenten Frau. Wo immer Du auch liest, die amerikanischen Blogs, sie portraitieren Dich und O.

Besser als in Deiner eigenen Muttersprache machen die Exegetinnen aus dem Lande Uncle Sams Dir die naturgegebene Volatilität Deiner Beziehung zu O. bewußt. Idealization. Devaluation. Discard. Diesem Drei-Phasen-Modell folgt unweigerlich jede romantische Beziehung zwischen Menschen wie Dir und O. Und über das, was Du für Deinen narzisstischen Geliebten wirklich bist oder warst, besteht jenseits des Großen Teiches auch kein Zweifel: „Narcissism is the ultimate experience of objectification“ schreibt etwa Melanie Tonia Evans. „To this type of person you are not a person with feelings. You are a source of narcissistic supply, and all shows of love, affection and empathy are constructed to lure you as this source. Ultimately you are not a person, you are a ‚thing‘ to feed off and sustain his existence. When you finally leave the narcissist, … , the narcissist will find another source and another and then another. The cycle doesn’t end … The narcissist is what a narcissist is.“

Vier Wochen lang sitzst Du vor dem PC. 24/7, nahezu. Du liest und liest. Vom unechten, konstruierten Selbst des Narzissten: the Narcissist’s Fake Personality. Vom Arsenal seiner manipulativen Strategien die Du alle selbst, am eigenen Leib erfahren hast: Silent Treatment. Blame Shifting. Promise Breaking. Gaslighting. Von seinen subkriminellen Wesenszügen: Liar. Serial Cheater. Con-Artist. Von seiner selbstbezogenen, auf Macht und Beherrschung zielenden Sexualität: „No emotions, no bonds, no relationships, no love. The kinkier the sex, the better he likes it.“ Du begreifst, daß Du Dir nicht die Schuld zu geben brauchst am Scheitern Deiner Beziehung zu O.: „You did NOTHING wrong. … A narcissist is unable to attach to anyone.“ Du erfährst daß ein radikaler Kontaktabbruch Deinerseits der einzige Weg wäre, um Dich von O.s dunklem Charisma zu lösen: „No contact empowers you to save yourself.“ Und Du lernst einen neuen Begriff kennen, der Dir Hoffnung gibt, wider jede Vernunft: The Hoover.

„When the cycle of ‚idealize, devalue, discard‘ is complete, a person with narcissistic qualities will often return to prior sources of narcissistic supply to see if he can tap such individuals for more ego-fueling attention, sex or other affirmations of his existence. ‚Hoover maneuver‘ was coined after the name of a popular vacuum cleaner, alluding to the fact abusers often attempt to suction up narcissistic supply from prior sources. The hoover maneuver is an attempt to see if a prior target of abuse can be conned into another cycle of abuse. Survivors of narcissistic abuse should not be fooled by the hoover maneuver. Such an action is not a sign that the abusive person loves the survivor.“ So schreibt Andrea Schneider auf GoodTherapy.org. Du verstehst jedes Wort. Dir ist klar, daß es nichts mit Liebe zu tun hätte, wenn ein großer narzisstischer Saugrüssel nach Dir greifen und Dich zurück inhalieren würde ins düstere Reich von O. Und dennoch ist es Dein sehnlichster Wunsch.

Ende April. Die Stadt ist aufgeblüht. Und auch Du spürst tief in Dir den Wunsch Deine Eremitage zu verlassen und ins Leben zurück zu kehren. Du wagst es, wieder kleine Fahrradtouren zu unternehmen. Triffst Dich mit Freunden. Meldest Dich auf einem Flirtportal an und bekommst innerhalb weniger Stunden sehr viele Zuschriften. Ein trainierter, kahlgeschorener Manager mit gletscherblauen Augen findet großen Gefallen an Deinen Bildern und beginnt lebhaft mit Dir zu chatten. In der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai bemerkst Du, daß O. sein Whatsapp-Profilbild ändert. Er postet eine idyllische Bergwiese mit Alpenveilchen die intensiv blühen. Dich durchrieselt eine Welle von Sehnsucht als Du das siehst und Du bist nahe daran O. einfach zu deblockieren und ihm etwas Liebevolles zu schreiben. Aber Du weißt, daß Du unbedingt die No-Contact-Regel einhalten mußt wenn Du gehoovert werden willst. Deshalb hältst Du an Dich. Und 10 Tage später ist es soweit. Dein Handy meldet morgens einen Anrufsversuch von O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin