Mittwoch, 18.3.2015 Lange, sehr lange nachdem O. gegangen ist an diesem kühlen, sonnigen Tag im März 2015 sitzst Du noch immer spärlich bekleidet auf einem Stuhl in Deinem Wohnzimmer und betastest nur wieder und wieder die Schmucksteine um Deinen Hals. Erst als bereits das Nachmittagslicht ins Zimmer fällt, raffst Du Dich auf um ein wenig Ordnung zu schaffen. Sammelst die Fetzen von Frischhaltefolie und rotem Nylonstoff in einer Mülltüte zusammen. Faltest das bunte Minikleid glatt und legst es zu den anderen Sachen in der geblümten Stoffschachtel im Schlafzimmer. Zum schwarzen Netz-Top. Zum Stringbody. Zu den fingerlosen Handschuhen und all den Strumpfgarnituren. Dann duschst Du Dich. Kochst Tee. Hoffst zu Dir zu kommen. Im Lauf des Nachmittags machen sich allerdings Schmerzen bemerkbar. Der Gabeh-Teppich hat Abschürfungen auf Deinem Rücken hinterlassen, unter O.s Stößen. Deine Schamlippen sind verschwollen, das Sitzen tut weh, anderes wird vollends zur Qual. Und auch mit Deiner Psyche geht es steil bergab.

Am späteren Nachmittag, kurz bevor Dein Sohn aus der Schule kommt, sind schließlich alle Endorphin-Reste aufgebraucht die von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieben. Du fühlst nur noch Verlassenheit, Trauer und Schmerz. Bei Einbruch der Dunkelheit, zwischen zwei peinvollen Toilettengängen, erträgst Du es nicht mehr damit alleine zu sein. Du brauchst die Hilfe von O. Unbedingt. So nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Danke für den Besuch heute bei mir. Ich bin sehr glücklich daß ich Dich endlich mal wieder gesehen hab. Und ich hätte auch nicht gedacht daß ich heute so tollen Sex mit Dir haben könnte. Bitte laß nicht so viel Zeit vergehen bis ich Dich wiedersehe! Ich mache bald Bilder für Dich von dem bunten Kleid. Es ist einfach traumhaft von Dir so hart genommen zu werden. Ich liebe Dich! Bis bald!“ Wenn O. nun ein Herzchen oder ein Smiley schicken würde innnerhalb der nächsten Stunden wäre alles gut, denkst Du. Aber genau diesen Gefallen tut O. Dir nicht. Weder am Abend, noch in der Nacht.

Donnerstag, 19.3.2015, 6Uhr30. Du erwachst vollkommen unerholt. Schaltest Dein Handy ein. Und weißt, tief in Dir drin, noch ehe Du es entsperrt hast, daß Dich keine Nachricht von O. auf dem Display erlösen wird aus dem Kerker Deiner Vergessenheit. Aber es geht noch schlimmer. Als Du Deine Whatsapp-Chats mit O. aufrufst, siehst Du daß er online ist. Lang. Ausgiebig. Voller Engagement. Immer wieder. Er hat jemandem viel zu schreiben, mitzuteilen, zu erzählen. Aber nicht Dir. Dich hat er gestern halb bewußtlos gefickt. Und heute sagt er Dir nicht mal mehr Guten Morgen. Du bist erledigt. Abgefrühstückt. Wertloser denn je. Du hältst es nicht mehr aus. Deine Verletztheit bricht sich Bahn. Du starrst auf den online-Schriftzug und schreibst: „Guten Morgen. Ich muß Dir etwas sagen. Es war gestern definitiv unsere letzte gemeinsame Nummer, unser letztes Date. Du fickst ungeschützt mit unzähligen Frauen. Und ich hab keine Lust irgendwann doch noch mit Hepatitis oder Hiv dazusitzen.“ Du schluckst. Dann schreibst Du weiter.

„Du hast mir außerdem intime Bilder von anderen Frauen weitergeleitet. Also muß ich davon ausgehen daß auch meine Bilder längst im Umlauf sind. Ich wünsch Dir alles Gute. Aber für mich ist es nicht mehr geil Teil dieses Lebensstils zu sein!“ Es dauert vier Minuten. Dann schreibt O. zurück. „Du bist doch so blöd!!!“ textet er. „Ich hab die Fotos aus dem Netz!!!“ Du zögerst kurz. Überlegst, den Strohhalm zu ergreifen den O. Dir scheinbar hinhält. Entscheidest Dich dagegen. „Das glaube ich Dir nicht!“ schreibst Du stattdessen. „Du kannst es jedenfalls nicht beweisen daß die Bilder lediglich aus dem Netz sind!“ – „Du fickst mit anderen Männern und zeigst mit dem Finger auf mich???“ fragt O. „Da hast Du in gewisser Weise recht“ antwortest Du. „Eben!!!“ schreibt O. „Und deshalb laß mich jetzt in Ruhe!!! FÜR IMMER!!!!“ Sein online-Schriftzug verschwindet blitzartig. Und Du sinkst fassungslos in Deine Kissen zurück. Du hast Dein T-Shirt völlig durchgeschwitzt während des kurzen Chats mit O. Und das Bettlaken auch.

Guillotiniert. Entseelt. So liegst Du da, während unnatürliche Stille in Deinem Haus um sich greift. Als wäre ein Netzstecker gezogen. Als wäre das Leben gewichen aus allem. So kommt es Dir vor. O. hat Dich über seine Klinge springen lassen. Und das war nicht Dein Plan. Reden. Klären. O. aufrütteln. Das hattest Du gewollt. Ihm zeigen daß es Dich noch gibt. Stattdessen wurdest Du vernichtet. Kalten Herzens exekutiert. Du fühlst Dich wie eine lebende Leiche, als Du auf unsicheren Beinen hinunter in die Küche wankst um Tee zu kochen. Du hast Deine Identität verloren. Du bist nichts mehr. Weniger als nichts, außerhalb der Welt von O. Du überlegst verzweifelt was Du nun noch tun kannst. Um zurück zu kommen ins Leben. Denn das ist für Dich der Kontakt zu O. Nichtsweniger als das Leben. Aber Dir fällt nichts ein. Der Vormittag vergeht. Du sitzst gelähmt am Küchentisch. Erstarrt. Gebrochen. Fällst in Sekundenschlaf. Schreckst wieder hoch. Krallst Dir Dein Handy. Schreibst. Wie in Trance.

„Ich lösche Dich nicht vom Handy und ich blockiere Dich nicht! Ich liebe Dich viel zu sehr! Du bist viel zu faszinierend und zu wichtig für mich! Aber ich werde jetzt erstmal nicht mehr so viel schreiben. Ich muß meine verletzten Gefühle sortieren und mit mir selbst zurecht kommen. Du hast mich ins Herz getroffen in gewisser Weise. Ich habe halt Gefühle, leider, und ich habe es nie gelernt sie so zu kontrollieren wie Du. Ich bewundere Dich auch dafür sehr. Du kannst mir gerne schreiben wenn Du mich mal wieder besuchen willst. Ich mach Dir mit Sicherheit gern in Strümpfen die Türe auf. Aber ich selbst kann jetzt erstmal nichts mehr tun um unsere Verbindung aufrecht zu erhalten. In größter Liebe! U.“ So tippst Du mit bebenden Fingern, irgendwann im Laufe dieses völlig aus der Zeit gefallenen Tages in dein Smartphone. Noch versuchst Du Hoffnung, eine Art von Würde zu bewahren. Doch im Inneren fühlst Du, daß die Hängebrücke zwischen Dir und O. gerissen ist. Du wirst ins Bodenlose fallen.

Freitag, 20.3.2015. Es ist der lang erwartete Tag der partiellen Sonnenfinsternis. Die Menschen Deiner Stadt fiebern der Stunde entgegen da sie in Schatten getaucht sein werden. Du selbst befindest Dich längst dort. Ohne Hoffnung ins Sonnenlicht zurückzukehren. Denn O. hat auf Deine Nachrichten vom Vortag nicht reagiert. Und so beginnst Du Dich einzurichten im Zustand der Verlassenheit. Sitzst gramgebeugt am Küchentisch. Rührst in Deiner Teetasse. Kraftlos. Resigniert. Als jedoch am frühen Vormittag die Kälte der beginnenden Sonnenverdunklung spürbar wird und das Tageslicht ins Jenseitige diffundiert, drängt es Dich, O. ein letztes Mal zu schreiben. Einfach so. Losgelöst. Ohne Ziel. Du überlegst eine Weile. Wägst Worte. Und um 10Uhr13, als das Himmelsspektakel draußen seinem Höhepunkt entgegen strebt und dramatische Wolkenformationen über Deinem Haus und Deiner Stadt einen Hauch von Golgatha verbreiten nimmst Du Dein Handy und schreibst. Voller Verve und Leidenschaft. Deinen letzten großen Hymnus an O.

„Liebster. Unser Zusammensein am Mittwoch war für mich wirklich sehr schön, das möchte ich Dir nochmal ganz deutlich sagen. Und nicht nur schön, sondern auch schmerzhaft und intensiv wie jede Begegnung mit Dir bisher war. Fick ist überhaupt nicht das richtige Wort dafür. Eher Kunst-Performance. Inszenierung. Du kannst sehr viel. Hast viele Talente. Bist begabt. In mir ist jedes Mal sehr viel aufgewühlt nach den Begegnungen mit Dir. Es dauert immer einige Tage bis meine Nerven sich beruhigt haben. Es trifft mich vieles im Innersten, bis ins Mark, was Du machst während eines Zusamenseins mit mir. Es berührt ganz tief von mir vergrabene Gefühle. Es kommen auch Ängste, Traurigkeiten, alles Mögliche hoch. Ich schreibe Dir das während hier die Sonnenfinsternis abläuft: Du bist in jeder Hinsicht: Extrem. Intensiv. Brilliant. Schillernd. Gefährlich. Genial. Erotisch. Brutal. Intelligent. Stark. Grausam. Voller Phantasie und irrer Ideen. Schön. Attraktiv. Radikal und rücksichtslos.

Es steht Dir zu es mit tausenden von Frauen zu machen. Es steht Dir zu, Dir einfach alles zu nehmen was Du haben willst. Du kannst es, also kannst Du es tun. Wer wäre ich, es Dir zu verbieten. Du stehst irgendwie außerhalb der normalen Regeln und Gesetze. Du bist für mich eine sehr große, sehr wichtige Figur. Aber Dich zu lieben ist wie nackt gegen einen Eisberg zu rennen. Oder wie barfuß auf zerbrochenem Glas zu laufen. Es tut sehr, sehr weh. Ich habe jetzt 8 Monate lang versucht diesen Schmerz auszuhalten. Ich kann es auch weiterhin versuchen. Im Moment will ich nur daß Du weißt daß ich Dich wirklich sehr, sehr liebe. Und daß ich viel, viel mehr in Dir sehe als nur einen Ficker. Bitte laß die Türe offen zwischen uns, ok? Ich hoffe so sehr daß ich wieder mit Dir zusammen kommen kann wenn ich mich mal erholt habe. Ich will Dich nicht für immer verlieren. Denn ich bin für keinen Mann jemals halbnackt und frierend am Fenster gestanden um auf ihn zu warten, nur für Dich. Vergiß das nie! In Liebe, U.“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin