Ein milder, fast frühlingshafter Winter kündigt sich an. Dein Fahrrad trägt Dich durch ruhige Tage und sanftes Licht. Die Weihnachtszeit hat begonnen. Dein Sohn hat viele Auftritte und Konzerte. Von O. hörst Du nichts. Dein Flirtpartner vom Tanzfest kümmert sich dafür umso intensiver um Dich. Er schreibt Dir oft. Lädt Dich ein, zu Spaziergängen und Besuchen in Szenerestaurants. Beschenkt Dich mit teurem Parfüm und macht Dir erhebende Komplimente. Du seist für ihn DIE Farbe der Natur, schreibt er einmal. Mädchenhaft. Lebendig. Temperamentvoll. Seine Verehrung tut Dir gut. Du triffst Dich ein paarmal mit ihm. Genießst es, daß jemand Zeit hat für Dich. Wert legt auf Nähe und Zärtlichkeit. Dich umsorgt. Verwöhnt. O. vergessen machen kann er jedoch nicht. Im Gegenteil. Du sehnst Dich täglich mehr nach dessen gebieterischen Sms. Vermisst es, von ihm befehligt zu werden. Und fragst Dich auch ob er etwa spüren kann, daß jemand anderer Dir nahe ist. Denn eines Tages geschieht etwas Merkwürdiges.

Dienstag, 16.12.2014, 17 Uhr. Du begleitest Deinen Sohn zu einem Musik-Event in einer Jugendstilvilla im Osten der Stadt. Sobald Du ihn dorthin gebracht hast, möchtest Du Dich mit Deinem neuen Verehrer treffen. Zum Abendessen. Und für ein wenig Zärtlichkeit im Auto. Du freust Dich auf das Date. Noch mehr aber freust Du Dich, als Du, am U-Bahnsteig stehend, plötzlich eine Sms bekommst von O. „Hallo meine Schlampe!“ schreibt er. „Willst es vor den Feiertagen noch mit mir machen?“ – „Warum nicht?“ antwortest Du, um Coolness bemüht. „Würde es auch jetzt bei Dir gehen?“ fragt O. „Jetzt leider nicht“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Ich bin gerade unterwegs zu einem Konzert von meinem Sohn“ antwortest Du. „Schade!“ schreibt O. „Dann bis bald, Du Schlampe!“ In eigenartig elektrifiziertem Zustand erreichst Du zusammen mit Deinem Sohn den Ort seines Auftritts. Verabschiedest Dich rasch von ihm und hältst seltsam unbeteiligt Ausschau nach dem Wagen Deines neuen Freundes. Kein Zweifel, denkst Du, wer wirklich hier das Sagen hat …

Mittwoch, 17.12.2014, 0.25 Uhr. Du bist wieder zu Hause. Dein Sohn schläft. Dein Mann ist unterwegs, irgendwo. Du selber sitzst bei Tee und Musik auf der Wohnzimmercouch. Das Handy piept. Dein neuer Lover bedankt sich überschwänglich für die Stunden mit Dir. Bevor Du ihm antworten kannst piept Dein Handy erneut. „Hallo Süße!“ schreibt O., „Kannst Du noch rauskommen?“ – „Ich will bald schlafen gehen“ antwortest Du. Kurze Stille. Dann: „Süße, ich muß ehrlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Ich hab jemanden kennengelernt!!!“ Dein Herzschlag setzt aus. Etwas Buntes flimmert vor Deinen Augen. Eine Erdspalte scheint sich zu öffnen, unter Dir. Da ist er, der Moment, vor dem Du seit Monaten Angst hast. Der Moment in dem Du entsorgt wirst. Ausgetauscht gegen eine andere Frau. Und O. verlierst. Du willst nur Eines: Dein Gesicht wahren. Deshalb schaltest Du auf Überlebensmodus und schreibst: „Ok. Dann kann auch ich ehrlich sein zu Dir, oder?“ – „Natürlich!“ schreibt O. „Gut. Erzähl.“ schreibst Du und krümmst Dich über Deinem Handy zusammen. „Nein! Erst Du!“ befiehlt O.

„Also.“, schreibst Du, „Ich kenne seit dem Tanzfest vor zwei Wochen einen Mann mit dem ich mich ganz gut verstehe. Heute abend hat er sich mit mir getroffen und es im Auto mit mir gemacht. Ich war nicht in dem Konzert von meinem Sohn.“ – „Und wie ist es mit Dir?“ schiebst Du nach einer kleinen Pause hinterher. „Ich habe niemanden kennengelernt!!!“ antwortet O. „Das war ein Trick. Ich wollte endlich wissen ob Du es mit anderen Typen treibst. Du bist eine dreckige Schlampe!!! Du hast alles zerstört!!!“ Fassungslos siehst Du zu wie die tektonische Spalte unmittelbar vor Deinen Füßen breiter wird. Der klaffende Abgrund direkt unter Dir scheint bis zum Erdmittelpunkt zu reichen. Felsstücke brechen weg. Mit drei Sms ins Ausweglose geführt. Das ist es was O. soeben mit Dir gemacht hat. Er hat Dich überlistet. Aus der Reserve gelockt. Deine Verlustangst geschürt. Dich dann entlarvt und sich selber weißgewaschen. Präzise. Instinktgesteuert. Elegant. Gnadenlos. Nun kann er Dich entsorgen und Dir obendrein die Verantwortung für Euer Scheitern aufbürden. „Chapeau, O.“, denkst Du, bevor Du ins Bodenlose fällst.

Das Erwachen nach dem Sturz ist grausam. Wieder einmal quälst Du Dich mit labilem Kreislauf über einen Vormittag. Ratlos. Entwaffnet. Aller Möglichkeiten beraubt. Und dennoch kommt Dir alles seltsam unwirklich vor. Wie ein Spiel. Nach zwei Tassen Tee greifst Du zum Handy und schreibst: „Verzeih mir O.! Ich will in Wirklichkeit nur Dich!“ Du richtest Dich auf eine lange Stille ein. Aber um 17 Uhr piept Dein Handy. „Sei ehrlich Babe!“ schreibt O. „Hat er es Dir wenigstens geil besorgt mit seinem großen Schwanz? – „Nein!“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Er hats einfach nicht drauf!“ schreibst Du. „Das tut mir sehr leid für Dich!!!“ schreibt O. und Du kannst seine Häme durch Dein Handy hindurch spüren. „Denn ich werde es Dir jetzt auch nicht mehr besorgen!!! Ich werde es gleich morgen früh mit einer Anderen machen!!! Nach Weihnachten kommst Du dann zu mir!! Ich fessel und mißhandel Dich! Du mußt mein Arschloch küssen und meine Pisse trinken!! Nur wenn Du das alles tust könnte ich Dir vielleicht verzeihen!!!“

Donnerstag, 18.12.2014, 4Uhr. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. Sonst nichts. Ungefähr eine Stunde lang liegst Du wie ermordet da. Gelähmt von der Vorstellung daß O. genau jetzt einer Frau in hochhackigen Schuhen die Tür zu seinem Wagen öffnet und sie mit sich nimmt um Sex mit ihr zu haben, an einem unbekannten Ort. Und Dich damit zu bestrafen. Aber weißt Du ob es auch wirklich so ist? Es gibt nie eine eindeutige Realität im Dunstkreis von O. Es könnte immer alles auch anders ein. Das ist das Gnädige an dieser Scheinwelt. Es kann Dich auch kalt lassen. Es ist genauso relativ und diffus wie alles was O. sagt und tut. Du setzst Dich in Deinen Kissen zurecht und besinnst Dich auf die Möglichkeiten die Du hast. Dann nimmst Du Dein Handy und wünschst Deinem Flirtpartner vom Tanzfest einen wunderschönen guten Morgen. Er antwortet sofort. Verabredet sich mit Dir für den Vormittag. Du besuchst ihn für zwei Stunden in seinem kuschelig eingerichteten Hobbyraum abseits der Hauptwohnung. Und am Nachmittag kontaktierst Du O.

17 Uhr. „Ich hab heute nochmal den Anderen getroffen“ tippst Du in Dein Handy. „Es war ganz schön“. Du wartest auf die Carosse de Retour von O. Bist auf wilde Tiraden gefaßt. Und auf die Schilderung sexueller Triumphe. Doch O. wirkt seltsam dünnhäutig als er Dir antwortet. Gar nicht wie jemand der sich amourös ausgetobt hat. Eher verletzt. Resigniert. „Du bist ja sowas von blöd“ schreibt er. „Lass mich in Ruhe mit Deinen Geschichten! Ich hab echt keinen Bock auf Märchenstunde!!“ – „Es ist kein Märchen!“ antwortest Du. „Ich hab es nicht nötig sowas zu erfinden!“ – „Dann laß mich trotzdem in Ruhe!“ schreibt O.  22Uhr. Du wärmst Dich vor dem Kaminofen. Dein Handy piept. „War er zärtlich zu Dir?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „So zärtlich wie ich es von Dir gern hätte, eigentlich!“ – „Da kannst Du lang drauf warten, dämliche Schlampe!!“ kontert O. „Ich werde niemals mit Dir kuscheln!!! Du bist wirklich nur für Eines gut!!!“ – „Sollten wir uns dann nicht besser trennen?“ fragst Du. „Nein!!“ antwortet O. „Denn Du bist zwar total dämlich und behindert, aber ich liebe Dich!!!“

Montag, 22.12.2014. Die Weihnachtstage kommen näher. Und O.s Chatverhalten wird zunehmend unberechenbarer und bizarrer. Sexuell aufgeladene Ein-Wort-Sms im kategorischen Imperativ. Erotische Dekrete. Verbale Herabsetzungen im Wechsel mit Liebesschwüren und dem Flehen um Beachtung. Sie alle fluten Dein Handy, frühmorgens oder nachts. Wenn Du versuchst darauf einzugehen kommt meistens nichts zurück. Ähnlich wie in den Wochen bevor seine Mutter starb, droht O. zu entschwinden, im Gespinst einer Gefühlswelt das für Dich unentwirrbar ist. Das Fest der Lichter und Geschenke, es scheint O.s Herz eher zu verdüstern anstatt es zu erhellen. Und Du mußt aufpassen nicht mit in seine  Dunkelheit gezogen zu werden. In den Nächten sitzst Du weiterhin viel vor dem PC. Ein neuer psychologischer Begriff beschäftigt Dich: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Und Du versuchst Näheres über O.s Lebensumstände in Erfahrung zu bringen. Vor allem möchtest Du endlich wissen WO in Deiner Stadt er wohnt. Jedoch, das allwissende Internet, es gibt O.s Geheimnisse nicht preis.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin