Love Is a Stranger

Sehr dünnhäutig, aufgebrochen, fast wie aus Glas stehst Du in den ersten Julitagen 2015 oft auf dem Balkon um von dort auf Deinen von O. neu erschaffenen Garten zu blicken. Glaubst für Momente, O. in undefinierbarer Ferne auszumachen, schattenrißartig, auf seiner Leiter, von tausenden kleiner Thujenzweigspitzen umsprüht, während er seine scharfe, kompromißlose Linie ins Buschwerk schlägt. Und damit gleichzeitig Dein Herz graviert. Schmerzhaft. Tief. Trotz Sonne und Sommerwärme verbringst Du viel Zeit im Haus. Es dauert lange bis Du Dich zum ersten Mal spätnachmittags hinaus in den Garten wagst und dort im Vorbeischlendern mit den Fingern durch die frisch gestutzten Heckenzweige streifst. Schüchtern, beinahe ehrfürchtig atmest Du den Zypressenduft ein der Dich nun so sehr an O. erinnert und spürst, wie Tränen, Wehmut, und diffuses Mitleid irgendwo aus Deinem Inneren emporsteigen. Schnell, beinahe wie ertappt huschst Du zurück ins Haus. Erst Mitte Juli bist Du wieder stabil.

Anders als bisher läßt O. in diesen Sommerwochen den Kontakt zu Dir nicht völlig abreißen. „Guten Morgen liebste! Ich vermisse Dich ganz doll! Küsse!“ schreibt er beispielsweise am 12.7., einem Sonntag, um 7.12h. „Guten Morgen! Du bist das erste was ich morgens denke wenn ich wach werde!“ tippst Du unter der Bettdecke während Dein Mann tiefschlafend neben Dir in den Kissen liegt. „Babe, ich brauche Dich sooo sehr!“ schreibt O. „Ich habe leider im Moment mega schlimmen Husten und mein Hals tut mir ganz übel weh! Aber wenn es mir besser geht dann komme ich zu Dir!! Ich habe schon eine durchsichtige Bluse für Dich gekauft und bringe auch noch ein paar Hemden von mir mit! Dann hast Du was zum Anziehen wenn ich an Dir rumspiel!“ – „Oh vielen Dank!“ antwortest Du beglückt. „Ich liebe Deine Hemden! Ich liebe einfach alles von Dir!“ – „Du wirst es mir so richtig schön besorgen meine Sexgöttin!“ textet O. „Ich kann es kaum erwarten Deinen wunderschönen Körper in der neuen Bluse zu sehen!“

Eine durchsichtige Bluse. Gekauft für Dich. Wie zauberhaft, denkst Du. O. kann Deiner nicht entraten. Du bist wertvoll für ihn. Sonst würde er so etwas ganz bestimmt nicht tun. Und der Tag hält noch eine weitere Überraschung für Dich bereit. Am späten Nachmittag schickt O. Dir ein Portrait-Selfie aus dem Inneren seines Hauses. Sein Gesicht über einem schwarzen Rundhals-Shirt, erneut vor grellbuntem Spray-Paint im Hintergrund. Lächelnd. Mit ungewohnt dunklen, fiebrig glänzenden Augen. „Mein Gott, Du bist so schön!“ textest Du hingerissen. In der sich ausbreitenden Stille da O. nicht zurück schreibt behältst Du das Smartphone in der Hand und vergrößerst das Bild mit Daumen und Zeigefinger so lange bis O.s Augen das gesamte Display ausfüllen. Um sehnsuchtsvoll in ihnen zu ertrinken. Doch irgendetwas stimmt nicht an O.s magischem, irisierendem Blick. Eine kunstvoll gestrichelte dunkle Linie umrandet beide Augenlider. Kein Zweifel. O. trägt ein permanentes Augen-Make-up.

Er ist also NICHT naturgegeben, O.s suggestiver, verführerischer Augenausdruck. Sondern das Werk eines geschickten Tätowier-Visagisten. Und O. ist kein vom Himmel gefallener Halbgott. Kein Wiedergänger Laurence von Arabiens. Sondern einfach nur ein Mensch mit genügend Zeit und Geld für die perfekte Optimierung seiner selbst. Seines Äußeren, besser gesagt. 360.- bis 450 Euro kostet eine Wimpernkranz-Verdichtung laut Internet. Und die frisch pigmentierten Augenlider müssen tagelang gekühlt und mit antiseptischer Salbe behandelt werden bevor man sie bewundern kann. Es ist eine neue Perspektive auf O. die sich durch diese Erkenntnisse für Dich öffnet. Ernüchternd. Ein bisschen traurig. Zum Lachen. Und dann auch doch wieder: faszinierend. O., el bandido enmascardado, denkst Du. O., die Diva. O., der Typ in der eisernen Maske, der metrosexuelle Clown, der geschminkte Narziss. Auf jeden Fall ein Mann der der Welt um keinen Preis sein wahres, nacktes Gesicht darbieten möchte. Und Dir auch nicht.

Am 23.7.2015 jährt sich der Tag Deiner ersten Begegnung mit O. Der Tag Eures Kennenlernens. Der Tag der Dein Leben verändert hat. Deshalb nimmst Du morgens um 6.41h Dein Handy und schreibst: „Guten Morgen, Liebster! Heute vor genau einem Jahr hast Du mich angesprochen. Ich war Dir verfallen vom ersten Moment an. Und ich will nichts von all dem missen was ich seitdem mit Dir erlebt hab. Danke für diese intensive, spannende, aufwühlende Zeit. Danke für die schwierigen Chats mit den komplizierten Fragen, die Dates, die Orgasmen, die Netzshirts, danke für die Pisse in meiner Badewanne, danke für Dein … auf meinem Rücken, meinem Bauch, meiner Brust und in meinem Mund. Danke daß ich Dich besuchen, Dein Haus, Deine Bilder, Deine Welt kennenlernen durfte. Es ist alles einzigartig. Danke für Deine Besuche bei mir. Danke für die Bilder mit Deinem faszinierenden, wunderschönen Gesicht. Danke für den Heckenschnitt. Danke für alles. Ich liebe Dich.“ – „Bitte Du geile Schlampe!“ antwortet O.

Anfang August breitet sich eine Rekord-Hitzewelle über ganz Mitteleuropa aus. Die Nächte sind sternklar, die Tage ab 10h vormittags unerträglich heiß. Zusammen mit Deinem Mann und Deinem Sohn flüchtest Du auf eine luftdurchwehte Ferieninsel im Thyrennischen Meer wo Ihr gemeinsam unbeschwerte Tage mit Wellenhopsen, Muschelsammeln und Krabbensuchen verbringt. Wie eine ganz normale, ziemlich glückliche kleine Familie. Wie all die anderen Familien um Euch herum. Am siebenten Tag des Urlaubs schreibt Dir O. Daß er an Dich denkt und hofft daß Du bald wieder zurück bist. Von diesem Moment an erscheint Dir das Licht auf der Insel aschfahl, der Scirocco raubt Dir jede Energie und Du willst nur noch nach Hause. Du sprichst mit Deinem Mann. Erklärst ihm daß Du ein paar Tage ganz für Dich alleine brauchst. Er hat Verständnis. Am 11.8. begleiten er und Euer Sohn Dich zur Fähre die Dich zurück bringt aufs Festland. Und am 12.8. kommst Du um 7.30h mit dem Nachtzug aus Florenz wieder in Deiner Stadt an.

Mittwoch, 12.8.2015. 8.27h. „Hallo Liebster!“ schreibst Du unmittelbar nachdem Du bei Dir daheim die Koffer abgestellt und die Rollos hochgezogen hast. „Ich bin wieder zu Hause! Und zwar ganz alleine! Kuss!“ – „Bitte Foto“ antwortet O. „Was willst Du sehen?“ fragst Du. „Alles!!!“ antwortet O. „Aber vor allem Deine Brüste!!! Und zwar ganz ganz schnell!!!“ Du beeilst Dich zu duschen und O.s Wunsch zu erfüllen der sehr dringlich zu sein scheint. Um 9.30h schickst Du ihm zehn Bilder von deinem nackten, gebräunten Oberkörper von dem noch Wassertropfen abperlen. O. ist begeistert. Wieder und wieder mußt Du Deine Brust für ihn fotografieren. Vorn übergebeugt. Von unten. Mit erhobenen und mit zurück genommenen Armen. Und von sehr nah. „Oh ja!!! Du machst mich glücklich Baby!!!“ schreibt er endlich. Es wird dann noch ein wundervoll schräger Sex-Chat-Sommernachmittag. Zwischen Wäschebergen sitzend liest Du die immer neuen Fantasien von O. der bei sich zu Hause auf dem Bett liegt und Dir seine Erregung zeigt. In Wort und Bild …

Freitag, 14.8.2015. 2.55h. Es ist eine sehr warme, vollkommen sternklare Sommernacht. Durch die geöffnete Balkontüre des Schlafzimmers hörst Du die Geräusche der sich ausruhenden Stadt. Du selber liegst nackt in den Kissen und empfindest im Halbschlaf Sehnsucht nach O. Am Morgen des vergangenen Tages hattet Ihr einen sehr liebevollen Chat. „Guten Morgen mein Schatz!“ hatte O. um 6.02h geschrieben. „Nächste Woche komme ich ganz früh zu Dir. Ich freue mich schon sehr auf Dich!“ – „Das wäre wirklich traumhaft!“ hattest Du dankbar geantwortet. „Ich wünsche mir schon lang Dich mal wieder um diese Zeit zu treffen!“ „Und für heute alles Gute!“ fügtest Du einem eigenartigen Impuls folgend noch hinzu. „Dir auch!“ antwortete O. Dann brach der Kontakt ab und für den Rest des Tages herrschte Schweigen. Nun horchst Du hinaus in die Stille der Nacht als könntest Du dadurch erfahren wie es O. geht und was er gerade tut. „In weiter Ferne so nah“ denkst Du und kuschelst Dich ein wenig zurecht. Da piept Dein Handy.

„Hallo“ schreibt O. um 3.10h. „Hi“ antwortest Du. „Woher eisst Du dass ivh wach bin?“ – „Ich habe es gehofft!“ antwortet O. „Kannst Du rausgehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Willst schnell ficken?“ fragt O. „Ja. Aber vorher muß ich duschen“ antwortest Du. „Ich bin auch nicht geduscht“ schreibt O. „Würdest Du mich mit dem Auto abholen?“ fragst Du auf dem Weg zum Badezimmer. „In 20 Minuten“ antwortet O. „Ok“ tippst Du und verschwindest in der Duschkabine zum kürzesten Brausebad Deines Lebens. Um 3.24h sitzst Du im Wohnzimmer, in Schlupfshorts aus zartgrünem Knitterleinen, einem weißen Top mit Makramee-Trägern und den roten Schleifen-Highheels in der Hand. „Komm raus“ schreibt O. um 3.37h. „Ich hab dir roten Schuhe an. Ist Dir das recht?“ fragst Du. „Komm“ schreibt O. „Olk“ tippst Du mit einer Art Tremor in den Fingern, raffst Deinen Mini-Rucksack und die Hausschlüssel an Dich und eilst zur Tür. O.s metallicbrauner SUV parkt direkt vor Deinem Haus. Wie unter Hypnose bewegst Du Dich darauf zu.

Deine Füße in den Highheels wirbeln die goldgelben abgeblühten Ahornfrüchte vom Boden hoch die überall die Straßen säumen. Auch auf O.s Wagen regnen die zarten Blattpropeller von den Bäumen herab. Sternschnuppengleich. Unwirklich. O. blickt unter seiner Basecap selbstversunken in die Ferne als Du die Tür von seinem Wagen öffnest und Dich sanft auf den Beifahrersitz gleiten läßt. „Hallo“ sagst Du schüchtern. „Hi Baby“ antwortet O. und schaut entrückt auf Deine Beine. So als ob ihr Anblick ihn von irgendwo weit her zurück holen würde. „Alles ok?“ fragst Du. „Alles ok“ antwortet O. und schiebt mit einer Hand Dein Top nach oben so daß Dein Oberkörper freiliegt. „Spiel mit Deinen Titten! Mach Dich geil!“ sagt er und läßt den Motor aufheulen. „Ich will daß Du ganz feucht bist wenn ich in Dich reingehe!“ Du stöhnst ein wenig während O. die Musikanlage lauter dreht. „I am alive“ röhrt Eddie Vedder. „I am alive“. Das Lied eines Jungen der seinen Vater nicht kennt. Das Lied eines Jungen wie O.

Als der Refrain zum dritten Mal erklingt bringt O. sein Gefährt in einer kleinen Seitenstraße am Rande des nahen Stadtparks zum Stehen. „Wir müssen es heute hier vorne machen“ sagt er und beugt sich zu Dir um den Beifahrersitz zurück zu schieben und in halbliegender Position einrasten zu lassen. „Die Rücksitze sind belegt. Ich bin vorsichtig mit Dir. Hoff daß ich Dir nicht weh tu.“ – „Bestimmt nicht!“ antwortest Du, bewegt von dieser seltenen Sanftheit, streifst Deine Shorts nach unten und rutschst mit dem Po bis an den äußersten Rand des Beifahrersitzes. Dort öffnest Du die Beine so weit wie es die Fußfreiheit des Wagens erlaubt und empfängst O., der sich raubkatzengleich zu Dir herüberrollt nachdem er aus seiner Jogginghose geschlüpft ist. Sehr jung, sehr schutzbedürftig kommt er Dir vor, für ein paar Sekunden, bevor er mit der altbekannten Härte in Dich eindringt. Und dennoch ist etwas anders als sonst: O. ist offen. O. ist zärtlich. O. küßt Dich während er Dich nimmt.

Kurz vor seinem Höhepunkt zerrt O. mit einer hastigen Geste sein taubenblaues T-Shirt nach oben und presst Dir seinen muskulösen Oberkörper so eng aufs Gesicht daß Du kaum atmen kannst. „Küß mich, küß mich, küß mich!!“ stößt er hervor. Beschwörend. Flehentlich. Sehnsuchtsvoll. Anders, ganz anders als Du ihn bisher kanntest. Du tust was Du kannst. Verschaffst Dir ein wenig Luft unter O.s Brustmuskulatur, öffnest den Mund und küßt, knutschst und leckst was immer Du von seiner Haut erreichen kannst. Es scheint ihm zu helfen. „Das ist gut Baby“ hörst Du ihn stöhnen. Dann spürst Du wie er IN Dir kommt. Für Bruchteile von Sekunden hältst Du O. danach in Deinen Armen. Fassungslos. Gerührt. Hoffst daß er sich geliebt, geborgen, sicher fühlt, so nahe bei Dir. Überlegst ob Du es riskieren kannst ihm sanft über den Rücken zu streicheln. Da macht er sich bereits eilig von Dir los. „Danke Baby“ sagt er, und klettert zurück auf den Fahrersitz. „Laß uns wegfahren bevor es noch hell wird hier!“

Auf der kurzen Rückfahrt zu Deinem Zuhause macht O. mit Dir ein wenig Small Talk. Fragt wie es Dir auf der Ferieninsel gefallen hat, wie lange Dein Mann und Dein Sohn noch dort bleiben und auch ob Du weiterhin Unterstützung im Garten benötigst. „Ich könnte Dir nächste Woche vielleicht nochmal helfen“ sagt er. „Sehr gern!“ antwortest Du und schaust ihn dankbar an. „Mein Mann und der Kleine bleiben bis Ende August im Urlaub“ – „Dann komme ich bald zu Dir“ sagt O. und parkt seinen Wagen vor Deinem Haus. „Also Kleine. Schön daß es heute gepaßt hat! Komm gut heim!“ flüstert er und küßt Dich kurz auf die Wange. „Ich bin super super glücklich!“ antwortest Du mit träumerischer Stimme und versuchst seinen Kuß zu erwidern. Aber O. hat sein Gesicht bereits von Dir weg gewendet. Die roten Highheels an Deinen Füßen rascheln in den Ahornpropellern als Du aus O.s Auto aussteigst. Nach ein paar Schritten drehst Du Dich um. Und siehst ihn in einer Wolke aus schimmerndem Goldstaub davon fahren.

Zurück in Deinem Haus stökelst Du direkt nach oben ins Schlafzimmer, wirfst Dich aufs Bett, streifst Dir die Highheels von den Füßen, schlüpfst aus den Kleidern und rollst Dich erschöpft unter Deiner Sommerdecke zusammen. „Danke. War geil“ schreibt O. um 4.06h. „Ja!“ antwortest Du. „Tausend Dank fürs Aufwecken und Rausholen! Ich liebe Dich!“ Dann fällst Du in abgrundtiefen, bewußtlosigkeitsähnlichen Schlaf. Um 7.32h schreckst Du jählings hoch und mußt Dich erst wieder auf die Ereignisse der vergangenen Nacht besinnen. Eine ganze Weile lang bist Du Dir nicht sicher ob Du es wirklich erlebt hast, dieses nächtliche Auto-Date mit O., oder nur geträumt. Erst als Du Eure Chats in Deinem Handy aufrufst siehst Du: es war real. Du machst ein paar Bilder von Deinem Körper der nackt und postkoital in den Kissen liegt und sendest sie O. „Das ist die Frau mit der Du es heute nacht gemacht hast!“ schreibst Du dazu. „Ich danke Dir so sehr für alles!“ Leider schreibt O. kein einziges Wörtchen zurück.

Das Wochenende verläuft sehr einsam. Niemand meldet sich bei Dir. Niemand schreibt Dich an. Am Montag den 17.8.2015 hältst Du die Stille nicht mehr aus, nimmst morgens um 6.18h Dein Handy und schreibst: “ Guten Morgen O.! Ich möchte nur fragen ob wir diese Woche zusammen im Garten was machen können?“ O.s Antwort kommt nach 90 Minuten. Und läßt Dich mit einer Art Kreislaufschwäche in Deinem Bett zusammensinken. „Ich habe diese Woche keine Zeit!“ schreibt O. um 7.37h. „Meine Freundin hat Krebs und hat die ganze Woche Arzttermine“ – „Mein Gott“ tippst Du während wirbelnde bunte Punkte vor Deinen Augen flimmern. „Mein Gott“ –  „Am Freitag, nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind“ schreibt O. weiter „entscheidet ihr Arzt was sie machen. Eventuell kann ich Dir nächste Woche im Garten helfen“ – „Ok“ antwortest Du. „Sie hat letzten Donnerstag den Befund bekommen“ schreibt O. „Hatte nen Knoten – bösartig!!! Jetzt brauchen sie lauter Untersuchungen um zu wissen ob er gestreut hat usw. usw.!!!“

„Oh Gott“ schreibst Du wieder und spürst wie Dein ganzes Körperinneres sich schmerzhaft zusammenzieht. „Also völlig neu alles.“ -„Ja“ antwortet O. „Hätte Dir gerne im Garten geholfen aber sie hat jeden Tag Arzttermine und ich begleite sie!“ – „Ja klar!“ schreibst Du. „Es tut mir so leid für Euch!!!“ – „SIE kann einem leid tun!“ antwortet O. Und damit endet für Dich der magische Sommer 2015. Den Rest des Tages verbringst Du zusammen gekauert, Tee trinkend, trotz Wärme in Deinen Rollkragenpulli gehüllt, wie unter Schock. Versuchst O.s Lage zu begreifen und die Abläufe der vergangenen Tage zu rekonstruieren. Denn, etwas beschäftigt Dich. Gegen Abend kniest Du Dich deshalb auf den Wohnzimmerteppich, nimmst Dein Smartphone und legst einen Übersichtskalender daneben. Scrollst durch die Chats mit O. Vergleichst Wochentage und Daten. Bis Du es klar hast. Zweifelsfrei: In der Nacht Deiner überirdischen letzten Begegnung mit O. war ihm die lebensbedrohliche Diagnose seiner Freundin seit mehreren Stunden bekannt.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Summer of Love

Genau eine Nacht und einen Vormittag lang wirst Du getragen vom Hochgefühl über Dein lässiges Début als Cum-Slut im Hause von O. Dann ebbt der Endorphin-Rausch ab und die Realität holt Dich ein. Denn so cool Euer Date auch gewesen sein mag, ihm folgen sieben bleierne Tage an denen die Vögel im Garten verstummen und der wundervolle Frühsommer zum Erliegen kommt. Es sieht wieder einmal alles so aus als ob O. gleich nach Eurem Abschied für immer aus Deinem Leben gegangen wäre. Ohne ein Wort der Anerkennung. Ohne eine Geste des Danks. Er schreibt Dir weder morgens noch abends, weder tagsüber, noch nachts. Sein Whatsapp-Account sieht stillgelegt, abgeschaltet, einfach tot aus wenn Du ihn aufrufst. Die gespenstische Ruhe steht in krassem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit der Tage zuvor an denen O. Dich non stop mit Fragen und Wünschen kontaktierte. Und tut gerade deshalb besonders weh. Du versuchst die absurde Situation zu ertragen so gut Du kannst. Aber das kostet Dich sehr viel Kraft.

Freitag, 29.5.2015. Am Ende dieser schwierigen Woche stehst Du spätnachmittags im Garten und schaust gedankenfern dabei zu wie Dein Mann und Dein Sohn gemeinsam das Dach Eures Holzhüttchens reparieren. Du bist gerade dabei ihnen Bretter und Werkzeuge zu reichen als Du hörst daß im Inneren des Hauses irgendwo Dein Handy piept. Mit dem Nachrichtenton von O. „Hi Babe!!“ liest Du nachdem Du Dich unauffällig ins Haus gestohlen hast. „Hättest heute Abend Zeit?“ – „Wann wäre das?“ tippst Du. „Ab 21 Uhr“ antwortet O. „20 Minuten, oder?“ fragst Du betont cool. „Ja!“ antwortet O. „Will es mir nur schnell besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Soll ich die roten Schuhe mitbringen?“ – „Ja!“ antwortet O. „Und die weißen Strümpfe bitte auch!!“ – „Alles klar!“ schreibst Du. „Perfekt!“ antwortet O. Du atmest durch. Holst Schuhe und Strümpfe aus ihrem Versteck im Schlafzimmer und deponierst sie in Deiner Korbtasche neben der Haustür während Dein Mann und Dein Sohn im Garten hämmern. Dann gehst Du entschlossen zu ihnen hinaus.

„Herzen, Ihr müßt Euch heute Abend mal selber was kochen“ sagst Du mit kühler Stimme und blickst wie eine seelenlose Doppelgängerin Deiner selbst nach oben zu Deinem Mann und Deinem Sohn die verschwitzt auf dem Dach des Holzhüttchens knien. „Ich brauch mal Zeit für mich allein!“. „Magst Du alleine fernsehen?“ fragt Dein Sohn vom Hüttchendach herunter. „Nein. Ich will fahrradfahren“ antwortest Du schroff und wendest Dich ab um sein verwirrtes Gesicht nicht sehen zu müssen. „Ok. Wir kommen klar!“ rufen sie Dir nach. Du aber gehst ohne Dich noch einmal umzudrehen zurück ins Haus. Unter der Dusche versuchst Du Dein schlechtes Gewissen mit abzuwaschen, aber es gelingt Dir nicht ganz. „Egal“ denkst Du, als Du Dich in frischen Jeans und Sandalen mit Deinem Fahrrad davonmachst. „Einfach egal“. Du fährst eine halbe Stunde lang durch die abendliche Frühlingsluft. Machst Pause in einem kleinen Park. Versuchst Dich zu sammeln. „Zeit zu O. zu fahren“ denkst Du dann. Da piept Dein Handy.

„Klappt leider nicht!!!“ schreibt O. in der Kühle des Abends, exakt 15 Minuten vor Eurem vereinbarten Date. „Freundin bleibt zu Hause! Tut mir leid und sehr schade!“ – „Ja schade“ antwortest Du mechanisch. Ich hätte mich gefreut“. „Schönes Wochenende“ schiebst Du noch hinterher. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag geht der wundervolle Frühsommer dennoch weiter. Denn im Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe erblickst Du endlich wonach Du seit Monaten suchtest: DIE perfekten frivolen Highheel-Sandaletten. Marke Catwalk. Rot. Mit elegant geschwungenem 12cm-Absatz. 2cm hoher Plateausohle. Doppelt geschlungenem Fesselriemen UND dekorativer Seiten-Schleife im Knöchelbereich. Vor dem Ladenspiegel fotografierst Du Deine Füße in diesen Schuhen mit hochgekrempelter Jeans. „Geile Dinger, hm“ schreibst Du zu den Bildern die Du O. sendest dazu. „Oh ja Babe!“ antwortet er prompt. „Bitte kauf sie! Mir wird es super kommen wenn ich beim nächsten Mal Deine Beine in diesen Schuhen seh!!!“

Dienstag, 2.6.2015. Zwei Tage nach dem Kauf der neuen Schuhe erwachst Du morgens mit Gliederschmerzen und Schwächegefühl. Und als Du am frühen Nachmittag halbnackt auf Deinem Bett liegst um Bilder zu machen für O. wirst Du so heftig von Fieberschauern gebeutelt daß Du dein Handy kaum richtig halten kannst. 38,9 zeigt das Thermometer am frühen Abend. Von O. hörst Du nichts. In den Morgenstunden des folgenden Tages findet eine rasante Entfieberung in Deinem Körper statt. Danach fühlst Du Dich auf geradezu überirdische Weise geheilt. Beseelt, mit nie gekannter Energie schwebst Du durch den Sommertag. Fährst Rad. Suchst die Nähe von Menschen. Umarmst Deinen Sohn besonders innig als er nach Hause kommt. Kochst inspiriert für ihn und Deinen Mann. Dann fühlst Du die Gelenkschmerzen wiederkehren. Mußt Dich von Deinem Mann ins Schlafzimmer begleiten lassen wo ein neuer Fieberschub wie eine Tsunami-Welle über Dich hereinbricht. Die Temperatur steigt bis 40 Grad. Für den Rest der Woche kommst Du nicht mehr aus dem Bett.

Freitag, 5.6.2015. „Oh ein zweigipfliger Virusinfekt!“ schreibt Dein Freund der Suchtberater, als Du Dich am vierten Tag Deines Krankenlagers bei ihm meldest. „Die sind richtig heimtückisch und gefährlich. Wenn Du glaubst Du hast es hinter Dir dann holen sie Dich erst richtig. Steh bloß nicht zu früh auf!“ – „Ok“ antwortest Du und läßt Dich zurück in die Kissen sinken. Klar, dieser Virus ist wie O. denkst Du bevor Du in Genesungsschlaf fällst. Und Deine Beziehung zu ihm ist nun wohl auch auf immunologischer Ebene bei Dir angekommen. Unwirklich. Trügerisch. Von morbider Schönheit. So waren deine Fieberinfekte nicht bevor Du O. kanntest. Nun aber hat sich auch hier ein neues Erleben für Dich geöffnet das Dich gleichzeitig zurück in die Zeit Deiner Kindheit wirft als Dein Immunsystem noch unreif war. Du wirst auf Dich aufpassen müssen, denkst Du. Am frühen Abend weckt das Handy Dich aus Deinen Träumen. „Hi Babe“ schreibt O. „War in den Bergen. Bin wieder da!“ – „Schön!“ antwortest Du und fröstelst.

Der Sommer geht weiter. Am 9.Juni 2015 bricht Dein Mann auf zu einer dreiwöchigen Dienstreise durch Polen. In dieser Zeit schreibt O. Dir sehr oft am Morgen. Wie schön und erotisch er Dich findet. Wie dringend er es braucht Bilder von Dir zu bekommen und Dich besuchen zu dürfen. Dann wieder unterstellt er Dir Sex-Dates und sündige Chats mit einer Vielzahl von anderen Männern. „Schlampe!!! Ich sehe wenn Du online bist!!!“ schreibt er einmal mitten in der Nacht. „Was soll das?“ antwortest Du schlaftrunken. „Ich weiß daß Du andere Typen hast!!!“ schreibt O. „Und die werden es Dir mit Sicherheit auch besser besorgen als ich!!! Aber Du bist trotzdem der Wahnsinn für mich!!! Bitte laß es noch lange mit uns so weitergehen!!!“ – „Ich hab keinen anderen Plan!“ antwortest Du und versuchst zurück in den Schlaf zu finden. „Beweise es mir!!!“ schreibt O. „Ich besuche Dich bald! Und dann möchte ich was richtig Hartes mit Dir machen!!!“ – „Was denn?“ fragst Du alarmiert. „Etwas mit dem Gürtel aus Deiner Jeans!!!“ antwortet O.

Am Dienstag den 16. Juni 2015 weckt O. Dich zu früher Stunde mit einem eigenartigen Frageritual. „Guten Morgen mein Schatz!“ schreibt er um 6.06h. „Hast Du Dich heute nacht selbst befriedigt?“ – „Nein“ antwortest Du und fühlst wie eine Art Taubheit sich in Deinen Armen und Beinen ausbreitet. „Willst Du mich spüren?“ fragt O. „Sehr gerne!“ antwortest Du. „Liebst Du mich wirklich?“ fragt O. „Mehr als ich mit Worten schreiben kann!“ antwortest Du. „Mehr als Deine anderen Ficker?“ fragt O. „Es gibt keine!“ antwortest Du. „Bist Du noch meine Geliebte? fragt O. „Ich hoffe doch!“ antwortest Du. „Empfindest Du es wirklich so geil von mir genommen zu werden und mich zu lecken?“ fragt O. „Und wie!“ antwortest Du. „Ab wann bist Du heute alleine zu Hause?“ fragt O. „Ab 7Uhr 30“ antwortest Du. „Ich komme um 9Uhr zu Dir!!!“ schreibt O. „Kannst Du die weißen Strümpfe und die roten Schuhe anziehen und Dir Deinen Ledergürtel um den Bauch machen? Ich hab heute Lust Dich ein bisschen zu demütigen und zu schlagen!!!“

„Ein bisschen WAS?“ fragst Du zurück. Doch O. antwortet Dir nicht mehr. Erst um 7.58h piept Dein Handy erneut. „Bist Du bereit?“ fragt O. „Ich wollte gerade duschen“ antwortest Du. „Beeil Dich!!!“ schreibt O. „Ich bin gleich da!“ Du schaffst es mit Mühe Dich zurecht zu machen bevor es an Deiner Haustüre Sturm läutet. O. nicht hereinzulassen ist keine Option. Für Sekunden siehst Du, daß O. erneut sehr schön, sehr blaß und sehr geschmerzt aussieht als er sich zu Dir in den Hausflur drängt. Er trägt dunkelblaue Slipper zu einer hellbeigen Herren-Caprihose und ein T-Shirt über dessen seidigen dunkelblauen Stoff unzählige himmelblaue Vögel zu flattern scheinen. „Fast feminin“ denkst Du als O. Dich mit beiden Händen am Ledergürtel um deine Hüften packt und Dich ins Wohnzimmer zerrt. Dann schaltet Dein Verstand sich aus. Als Du wieder zu Dir kommst liegst Du rücklings auf der Couch und ringst nach Luft während O. den Gürtel den er um Deinen Hals gezogen hat lockert und Deinen Bauch sauber wischt.

„Alles ok Baby?“ fragt er und beugt sich kurz über Dein Gesicht. „Alles ok“ antwortest Du mit belegter Stimme und richtest Dich halb auf so daß er Dir den Gürtel vollständig vom Hals machen kann. Dann schaust Du noch leicht benommen dabei zu wie er in seine stylische Kleidung schlüpft bevor Du Dich vom Sofa kämpfst um ihn zu verabschieden. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt O. Dich heute fest in den Arm bevor er geht. „Danke für den super Start in den Tag, Kleine!“ murmelt er in Deine Halsgrube. „Es ist wirklich hammer mit Dir! Und nächste Woche schneide ich Dir garantiert die Hecke, ok?“ – „Das wäre super!“ antwortest Du und suchst eindringlich seinen Blick. „Tausendprozentig mach ich Dir das Baby!“ sagt O. „Aber jetzt muß ich gehen, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und machst ihm den Weg zur Haustür frei. Die Küchenuhr zeigt 8h49 als O. draußen im Vorgarten sein schwarzes Fahrrad entsperrt. Und Du klappst mit einem Hustenanfall auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem er gefahren ist.

Natürlich müssen  nun wieder einige Tage vergehen. In Schweigen, Verlustschmerz und Einsamkeit. Dann aber sendet O. Dir in den Morgenstunden des 25. Juni zehn Bilder aus dem Inneren seines Hauses und seines Gartens. Vom Haifisch aus Elektrodrahtgeflecht der stahlseilgesichert durchs Treppenhaus schwebt und weiteren Drahtkunstwerken von kühler, lichter Schwerelosigkeit. Du siehst eine Gruppe winziger bunter Püppchen im Wohnzimmer durch ein quaderförmig arrangiertes Kabelgespinst klettern und zwei fast lebensgroße, filigrane Menschenskulpturen in O.s Garten nebeneinander auf einer halbhohen Steingabione ruhen. „Meine neuesten Errungenschaften!“ schreibt er stolz dazu. „Oh danke für diesen Blick in Deine ganz spezielle Welt!“ antwortest Du beeindruckt. „Den Haifisch finde ich besonders toll. Der ist wie Du. Ein Raubtier mit ganz vielen feinen Nerven. So bist Du für mich!“ – „Babe, das hast Du wunderschön geschrieben!“ antwortet O. „Du bist doch ein sensibles Raubtier!“ schreibst Du.

„Eines was Antennen hat zu Welten die andere nie betreten weil sie viel zu feige dafür sind! Das ist es was ich so liebe an Dir. Was mir auch Angst macht manchmal. Und trotzdem liebe ich es!“ – „Du bist einfach klasse Ursula!“ antwortet O. und Du fühlst Ergriffenheit durch Dein Handy zu Dir dringen. „Du auch!“ schreibst Du. „Ich bin so glücklich ein kleiner Teil Deiner ganz speziellen Welt zu sein. Ich reihe mich gerne unter Deine Kunstobjekte ein!“ – „Du bist etwas ganz Besonderes und äußerst Wertvolles für mich!“ schreibt O. voller Pathos. „Es ist als ob Dich meine Fantasie erschaffen hätte!!! Ich bin unbeschreiblich glücklich daß es Dich in meinem Leben gibt! Bald komme ich zu Dir und schneide Deine Hecke! Aber vorher mußt Du mich auf Deinem Sofa lecken! Denn das ist für mich der Himmel!!! Und dann wenn wir den Garten machen mußt Du einen ganz kurzen dünnen Rock anziehen zum Mithelfen!!! Ohne Höschen drunter, ok?“ – „Ok“ antwortest Du. „Sehr gerne!“ – „Ursula ich liebe Dich!!!“ schreibt O.

Am 29. Juni 2015 macht O. sein Versprechen tatsächlich wahr und kommt früh am Tag zu Dir um die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. „Laß uns anfangen bevor ich keine Lust mehr hab!“ ruft er nachdem er ES mit Dir auf dem Sofa gemacht und danach sein Equipment vom metallicbraunen SUV auf die Terasse verladen hat. Natürlich arbeitet er nur mit hochwertigstem Gerät. Schnell. Präzise. Total fokussiert. Nie wurde die Hecke exakter getrimmt. Nie wurden die Buchskugeln perfekter gerundet. Du erlebst allerdings einen Mann im Kampfmodus, keinen sensiblen Pflanzenversteher als Du beobachtest wie O. mit gezückter, gleißender Motorheckenschere im Vormittagslicht umherwirbelt. Behelmt. Im Schnittschutzoverall. Mit Ohrenschützern. Und Sonnenbrille hinter dem heruntergeklappten Visier. „Garten ist Krieg“ denkst Du während Du selbst in Sandalen und einem violetten Baumwoll-Minikleid das Schnittgut zusammenrechst. OHNE Slip. Um 14 Uhr seid Ihr fertig. „Danke für die sexy Mithilfe“ sagt O. nachdem alles aufgeräumt ist. „350 Freundschaftspreis, ok?“

Am Abend sitzst Du mit mückenzerstochenen Beinen und sonnenverbrannten Schultern im Wohnzimmer auf der Couch und spürst das Gefühl von Zerrissenheit und Trauer das O.s Garten-Performance in Dir hinterlassen hat. Mehr als jedes andere Date. „Liebster“ schreibst Du deshalb um 18.30h. „Vielen vielen Dank daß Du heute hier warst. Das ist der beste Heckenschnitt der jemals hier gemacht wurde! Ich bin total beeindruckt von Dir! Und ich wäre so glücklich wenn Du mir auch weiterhin noch manchmal helfen könntest!“ – „Das freut mich natürlich!“ antwortet O. „Aber Du mußt wissen daß es so günstig wie heute dauerhaft nicht geht! War echt ne Ausnahme daß ich es für so wenig Geld gemacht hab!“ -„Kein Thema!“ schreibst Du. „DU bist der Boss. Ich bewundere Dich so sehr. Und das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Süße, jetzt übertreib mal nicht!!!“ antwortet O. „Ich hatte in meiner Kindheit sehr viel Unglück und als Erwachsener sehr viel Glück! Und jetzt schneide ich halt Hecken und Bäume!“

„Ich übertreibe nicht!“ antwortest Du und spürst wie es Dir kalt über den Rücken läuft. „Du schneidest nicht nur Hecken und Bäume! Du hast Dein Leben aus den Trümmern Deiner Kindheit neu zusammengesetzt! Und Dich selber mit dazu! Du hast Dich aus Deinen Verletzungen neu erschaffen! Und wenn Du jetzt Hecken und Bäume schneidest berührst Du damit mein Herz!“ Kurze Pause. „Du hast bestimmt Dinge überlebt an denen ein Anderer zerbrochen wäre!“ fügst Du hinzu, da O. nicht gleich zurück schreibt. „Die Bilder in Deinem Treppenhaus lassen das ahnen. Und Du hast es überlebt. Das macht Deine Stärke aus die ich so bewundere. Du hast gelernt Dich zu schützen wie niemand sonst den ich kenne! Ich liebe Dich!“ Für eine geraume Weile geschieht nichts. O. schweigt und Du machst Dir Sorgen zu weit gegangen, zu indiskret gewesen zu sein mit dem was Du da eben geschrieben hast. Erst um 20.17h piept Dein Handy noch einmal. „Ich helfe Dir gerne weiterhin mit dem Garten wenn Du das möchtest“ schreibt O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Born to swallow

Dienstag, 12.5.2015, 23h. Am Tag nach dem Versöhnungs-Sex im Haus von O. sitzst Du spätabends im Dachzimmer vor dem PC. Du versuchst Werke der Urban Art ausfindig zu machen die denen in O.s Domizil ähneln. Tränenüberströmte Mädchengesichter. Ineinanderfallende Städte. Verwaiste Planeten. Es ist DIE Kunstform des Bizarren, stellst Du fest. Fragmentiertes, Zerborstenes, Verletztes aller Art hat hier seinen Platz. Grelles, Giftiges. Abgründiges und Krankes. Gemälde von Heimatlosen für Heimatlose, denkst Du, während Dein Blick über die Darstellungen postapokalyptischer Megacities schweift. Von anonymen Großstadtvaganten für Menschen ohne Wurzel, ohne Tradition. Die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft verloren haben, in irgendeiner Düsternis. Für Menschen wie O., denkst Du. Dein Handy piept. Mit dem Klingelton von O. „Noch wach?“ schreibt er. „Ja“ antwortest Du. „Willst morgen früh im Auto?“ fragt O. Dein Herz klopft. „Wann und wo wäre das?“ schreibst Du. „Gewerbegebiet, Parkpklatz, 4h“ schreibt O. „Genau“ denkst Du.

Eigentlich bist Du sehr schlafbedürftig. Und innerlich auch noch gar nicht bereit O. schon wieder zu begegnen. Dein Nervensystem ist noch erschüttert, seit gestern vormittag. Und dennoch schreibst Du: „Könntest Du mich dann wo abholen?“ – „Wenn ich zeitig wach bin melde ich mich morgen früh!“ antwortet O. „Ok. Ich laß das Handy an“ schreibst Du. „Ok! Küsse“ antwortet O. „VIELE Küsse!“ schreibst Du. Von Mitternacht bis 3h schläfst Du tief. Dann wirst Du aprupt wach und tastest unter der Bettdecke panisch nach Deinem Handy, voller Sorge O.s Weckruf überhört zu haben. Aber nichts. Erleichtert läßt Du Dich zurück ins Reich der Träume fallen. 6.13h. Nachrichten-Ton von O. „Guten Morgen“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Danke daß Du mich nicht geweckt hast. Ich war wirklich sehr sehr müde und hab durchgeschlafen bis jetzt.“ – „Ich bin schon lange wach!!!“ antwortet O. „Habe aber gespürt daß Du den Schlaf brauchst!!!“ – „Wirklich?“ schreibst Du tief gerührt. „Wirklich!“ antwortet O.

Du verlebst nun einen wunderbaren Frühsommer. Genauer gesagt: das, was Du dafür hältst. Am 18.5. entdeckst Du in einem Schuhgeschäft in Deiner Gegend elegante, stylisch geschnittene Pumps aus tiefrotem Veloursleder mit goldenen Nieten im Fersenbereich. Zu Hause trägst Du sie zu den weißen halterlosen Strümpfen und einer leicht transparenten weißen Hemdbluse. Und machst im Schlafzimmer sehr viele, sehr gute Bilder. O. ist begeistert als Du sie ihm schickst. „Die roten Schuhe mit der weißen Wäsche sind echt der Hammer an Dir!!!“ schreibt er. „Werde versuchen einen weißen Catsuite für Dich zu bekommen!“ – „Ok. Nicht zu klein kaufen bitte!“ schreibst Du ein wenig unsicher zurück. „Babe, Dein Körper ist absolut perfekt!“ antwortet O. „Du bist meine super sexy Sex-Göttin und ich wünsche mir sehr sehr fest dass wir noch lange in sexuellem Kontakt bleiben!!!“ – „Das wünsche ich mir auch!!!“ antwortest Du bewegt. „Wir passen doch sehr gut zusammen“ – „Wir sind füreinander geschaffen!“ antwortet O.

Bereits am 22. Mai 2015 bestellt O. Dich wieder zu sich ins Haus. „Ich liebe Dich. Ich brauche Dich“ schreibt er morgens um 7.18h und daß er bis ans Ende Eurer beider Leben Rim-Jobs von Dir bekommen wollen wird. Um 9.36h möchte er daß Du ein Video für ihn drehst. „Leg Dich in Strümpfen aufs Bett und sag mir wie sehr Du mich liebst!“ schreibt er. Um 11.15h bittet er Dich Deine Fingernägel hellrot zu lackieren und verlangt nach Bildern von deinen Händen. Um 13.12h fragt er ob Du Punkt 14.45h zu ihm ins Haus kommen könntest. Und ob Du es ok fändest NUR den Rim-Job für ihn zu machen, ohne selbst genommen zu werden. „Ja!“ antwortest Du. „Willst Geld für Deine Dienste?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Aber ich wünsche mir nochmal ein Foto von Dir!“ O. antwortet nicht. Aber als Du ihm um 14.42h mitteilst daß Du bei der Parkank bist, schickt er Dir eins. In einem anthrazitgrauen Hemd vor einem schwarzbunten Spray-Scratch-Bild stehend. Ganz cool. Ganz Demon Lover. Ganz Fürst der Dunkelheit.

Im Haus mit den vielen Bildern geht diesmal alles ganz besonders schnell. „Geh hoch, zieh die roten Schuhe an und leg Dich schon mal hin!“ sagt O. und schiebt Dich in Richtung Treppenhaus. „Bin dann gleich bei Dir.“ – „Ok“ flüsterst Du und beeilst Dich ins obere Stockwerk zu kommen wo eine Zimmertür offen steht. Der gleiche Raum wie bei Deinem letzten Besuch. Im diffusen Licht der halb herunter gelassenen Rollos erkennst Du grellbunte Troll- und Ogre-Figuren in scharfkantigen Glasvitrinen. O.s Zimmer? denkst Du während Du Deine Jeans ausziehst, die roten Pumps aus Deiner Tasche nimmst und über die weißen Strümpfe ziehst. Noch ehe Du Dich auf dem abgedeckten Bett zurechtlegen kannst ist O. plötzlich da. Mit hastigen Bewegungen wirft er seine Kleider von sich. Dann nimmt er Dich zwischen seine Knie, fährt flüchtig mit einem Zeigefinger über den Stoff Deiner weißen Hemdbluse und spuckt zwischen Deine halb geöffneten Beine. Und bevor er in Dich eindringt sagt er einen merkwürdig beklemmenden Satz:

„Die Alte“ sagt O. mit sehr fremder, sehr heiserer Stimme, „die kommt gleich wieder. Die Alte die ist bloß ganz kurz beim Arzt“. Du richtest Dich auf. „Was Ernstes?“ willst Du fragen. Aber bevor Du noch einen Ton herausgebracht hast, legt O. seine linke Hand auf Deinen Mund, drückt Deinen Oberkörper zurück nach hinten und dringt in Dich ein. Er stößt Dich weniger hart als sonst. Dennoch bist Du froh als er damit aufhört und Du deinen Rim-Job machen kannst. Am Ende dreht O. sich zu Dir um und klemmt Deinen Oberkörper zwischen seine Knie. „Willst Du schlucken, Schlampe?“ fragt er und blickt auf Dich herab. „Ok“ sagst Du und öffnest willig Deinen Mund. O. trifft präzise hinein. Dann verharrt er noch für Sekunden angehockt über Deinem Brustkorb und beobachtet genau wie Du Deine Lippen wieder schließt und mit einer gut von außen sichtbaren Bewegung Deines Kehldeckels alles hinunter schluckst. „Brav Baby“ sagt er zufrieden und fährt mit einer Hand kurz durch Deine Haare. Du lächelst ihn an.

Leider hat O. nun keinen weiteren Blick mehr für Dich. Er geht nur einfach ins Gästebadezimmer nebenan um dort ein Kleenex für Dich zu holen. Dann rafft er stumm seine Kleider vom Boden auf und eilt hinaus während Du Dich notdürftig in Ordnung bringst. Als Du fertig angezogen bist drehst Du das benutzte Kleenex ein wenig unschlüssig in Deinen Händen. Dann knüllst Du es zusammen und stopfst es in die Vordertasche von deiner Jeans bevor Du hinaus trittst ins Treppenhaus. Auf dem obersten Treppenabsatz bemerkst Du daß hier neuerdings ein großer Hai aus Elektrodrahtgeflecht unter der Decke schwebt und die im Haus herrschende Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr verstärkt. Unten im Flur erwartet Dich O. Du empfindest daß er heute besonders blaß und edel wirkt, in seinem dunkelgrauen Hemd und der beigen Bermuda und würdest ihn zu gerne küssen zum Abschied. Aber Du weißt daß er das absolut nicht wollen würde, so kurz nachdem Du ES von IHM geschluckt hast. Deshalb sagst Du einfach nur Ciao. „Ciao“ erwidert O.

Zu Hause, um 15.18h, stellst Du erst einmal fest daß das Kleenex doch nicht ganz alle Spuren von O. aus Deinem Gesicht beseitigen konnte. Du machst ein paar Selfies, für Dich, zur Erinnerung und erschrickst über den merkwürdig starren Blick mit dem Du Dir selbst aus der Smartphone-Kamera entgegenblickst. Nachdem Du geduscht und ein frisches Kapuzenshirt angezogen hast geht es Dir besser. Abends kuschelst Du Dich aufs Sofa während Dein Sohn im Zimmer über Dir schläft und betrachtest im Handy das Bild, das O. Dir geschickt hat. Wie wunderschön er doch ist, denkst Du. Dann kannst Du nicht anders, Du mußt ihm schreiben auf Whatsapp. Daß sein Körper wie eine kühle, glatte Marmorstatue ist, die Du nur immer ansehen möchtest. Daß er Dir überhaupt erscheint wie ein Magier aus einer fernen Welt, inmitten all der Bilder in seinem Haus. Und daß Du niemals aufhören wirst ihn zu lieben. Du schreibst viele lange Sätze voller Zuneigung und Dankbarkeit. Antwort kommt selbstverständlich keine zurück.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Lady in White (Grand Hoover Nmbr. 1)

Am Morgen des 11. Mai 2015 ist irgendetwas anders als an all jenen vielen Tagen seitdem O. Dich verstieß. Das Licht der Sonne dringt heller ins Zimmer. Die Vögel trillern lauter im Garten. Das Mühlsteingefühl auf Deiner Brust beim Aufwachen erscheint nicht mehr ganz so schwer. Auch Deine allmorgendliche Angst das Handy und mit ihm O.s Schweigen, O.s Verachtung, O.s Abwendung von Dir einzuschalten ist etwas weniger lähmend als sonst. Du wirst heute Dein zartrosa Empire-Top mit der Rückenschleife aus Rips zum Fahrradfahren anziehen, denkst Du und wunderst Dich als Du aufs Handy schaust: Auf dem Display erscheint ein ungewohnter, grün fluoreszierender Querbalken. Mit einer magischen Botschaft: Unbeantworteter Anruf 5.18h. Dein Herzschlag setzt aus, für einige Sekunden. Es kann niemand anderer gewesen sein als O., zu dessen irrlichterndem Lebensstil es paßt, Dich mal eben in der Morgenfrühe wachzuläuten. Aber wenn nicht? Du hast Angst nachzusehen. Und tust es doch. Bingo. Der Call kam von O.

In der Küche nimmst Du Dir zehn Minuten Zeit um Tee zu kochen und nachzudenken. Gemäß der No-Contact-Regel dürftest Du O.s Anruf keinesfalls beantworten. Stattdessen müßtest Du jetzt Dein Handy sofort dauerhaft für alles was von O. kommt sperren. Du versuchst Dir klarzumachen daß O.s Kontaktaufnahme nichts weiter ist als das Bemühen Dich, gerade jetzt wo Du ein wenig auflebst, erneut unter Kontrolle zu bekommen. Für neue Enttäuschungen. Neuen Schmerz. Und dennoch. Die Euphorie die Dich erfüllt, sie ist mit nichts vergleichbar. Es ist als ob eine stillgestandene Uhr in Deinem Inneren auf einmal wieder anspringt. Der Rückwärtslauf der Zeit ist aufgehoben. Du bist zurück im Leben. Um 8Uhr18 atmest Du deshalb durch, nimmst Dein Handy und schreibst: „War es was Wichtiges wegen dem Du heute angerufen hast?“ – „Wollte nur wissen ob Du meine Hilfe bei der Hecke noch brauchst!!!“ antwortet O. nach drei Minuten. „Ja!“ schreibst Du zurück. Und damit beginnt das Spiel zwischen O. und Dir wieder von vorn.

„Kostenlos kann ich diese Arbeit aber nicht machen!!!“schreibt O. während Du am Küchentisch in Deiner Teetasse rührst. „Ich bezahle natürlich was Du verlangst!“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. Eine Pause entsteht. Du versuchst nicht nervös zu werden. Nippst am Tee. „Ich bin Dir sehr dankbar wenn Du mir hilfst“ willst Du gerade tippen. Da kommt O. Dir zuvor. „Hast viel gefickt?“ schreibt er. „Nein“ antwortest Du wahrheitsgemäß. „Willst mal wieder?“ fragt O. „Doch“ antwortest Du, fassungslos über Dich selbst. Denn eigentlich hattest Du ja vor, O. zappeln, flehen und um Gnade winseln zu lassen, sollte er jemals versuchen Dich zu sich zurück zu holen. Stolz und kalt hattest Du sein wollen, genau so wie er selbst es immer war. Und nun schreibst Du einfach „Doch“ auf die Frage ob er es mal wieder mit Dir machen soll. Und schiebst sogar noch „Gerne“ hinterher. Du bist anscheinend nicht zu retten. Auch viele Fragen hättest Du ihm stellen wollen. Aber sie sind alle vollkommen unwichtig geworden.

„Willst Du überhaupt noch Kontakt zu mir haben?“ schreibt O. unvermutet. „Doch“ tippst Du wieder. „Wenn ich keinen Kontakt zu Dir wollen würde hätte ich Dir nicht geantwortet“. – „Aber warum hast Du mich dann auf Whatsapp blockiert??!?“ schreibt O. „So halt“ antwortest Du hilflos. „Babe!!“ textet O. „Zum Beweis daß es Dir ernst ist mußt Du mich sofort entblocken und mir ein Bild von deinen Brüsten schicken!!! Ich will unbedingt Deine harten dunklen Nippeln sehen!!! Sonst kann ich Dir nicht verzeihen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und zerrst hektisch an Deinem T-Shirt. „Ich möchte dann aber auch mal ein Bild von Dir!“ – „Das bekommst Du!!!“ schreibt O. „Sobald Du mich auf Whatsapp freigibst schick ich Dir ein Bild von meinem Schwanz!!!“ – „Ich will auch eins von Deinen Augen“ textest Du. „Das geht jetzt wirklich nicht Babe!!!“ schreibt O. „Ich habe noch nicht geduscht und möchte Dir gerade nicht meine verschlafenen Augen als Foto senden!! Bitte beeil Dich. Mach Bilder. Und geh zurück auf Whatsapp!!!“

Nachdem Du O. auf Whatsapp freigegeben hast um ihm die Gegenlicht-Aufnahmen von Deiner Brust zu schicken die Du rasch im Badezimmer gemacht hast, ist im Chatfenster bereits ein Bild im Bokeh-Modus zu erkennen. Als Du darauftippst um es zu öffnen erkennst Du, daß O. sein Versprechen wahr gemacht hat: vor dem Hintergrund des mit halbleergetrunkenen Smoothie-Flaschen beladenen Couchtischs aus Chrom hat er IHN fotografiert: schräg zwischen seinen hellen, weit geöffneten Schenkeln aufragend, sanft durchblutet, unschuldsvoll und dennoch bedrohlich in seinem reinen phallischen So-Sein, herausfordernd, selbstsicher, alternativlos, unentrinnbar: O.s Allzweckwaffe, O.s Zweites Ich, O.s Bestes Stück. Il suo cazzo. Zum Anbeten. Zum Niederknien. „Dein Schwanz ist hammer- hammer- hammer-geil!“ schreibst Du ergriffen. „Und jetzt schick Du die Bilder!!!“ antwortet O. Du gehorchst. „Geil!!! Willst Dich auf mich setzen und Dir nen Orgasmus abholen?“ schreibt O. „Gern!“ antwortest Du. Hoover accomplished.

„Babe, ich möchte aber daß Du diesmal eine schwarze Strumpfhose ohne Slip drunter trägst wenn Du zu mir kommst!“ schreibt O. während Du im Bad stehst und Deine Haare kämmst. „Reißt Du mir sie dann wieder auf, so wie beim letzten Mal?“ fragst Du. „Ja, Babe“ antwortet O. „Und jetzt mach schnell bitte. Ich will Dich anfassen!“. Es gelingt Dir cool zu bleiben. Anders als bisher zittern heute Deine Finger nicht als Du die Nylonstrümpfe hochziehst und die Rückenschleife vom Empire-Top bindest. Und als Du bereit bist aus dem Haus zu gehen, gelingt es Dir sogar, mit ruhiger Hand ein Foto von Deiner Unterbauchregion zu machen auf der sich Dein Jugendstil-Tattoo durch den schwarzen Strumpfhosenstoff abzeichnet. „Bin startklar!“ schreibst Du und sendest es O. „Melde Dich wenn Du beim Park bist!!!! Ich öffne die Garage!“ antwortet er. Und dann sendet auch er noch ein Bild. Von sich selbst. Sehr verloren vor einer riesigen, weißen Schrankwand stehend. Irgendwo in seinem Haus. Es erschüttert Dich zutiefst.

„Oh danke. Das vergess ich Dir nie!“ tippst Du und merkst daß Deine Finger nun doch anfangen heftig zu zittern. O.s Anblick auf dem Bild geht Dir durch Mark und Bein. Wie ein todtrauriger Schuljunge dem jemand bitter unrecht tat. So steht er da in seinem dezent blau-gelb gemusterten Marken-Karohemd mit dem bis oben zugeknöpften Kragen. Einsam. Hochmütig. Vorwurfsvoll. Mit einem bitteren Zug um den verschlossenen Mund. Und dennoch: soo sexy mit dem Hauch eines Drei-Tage-Barts auf den bleichen Wangen. In Dir findet eine Kernschmelze statt. Du möchtest direkt zu O. hinrennen, Dich ihm zu Füßen werfen und so lange vor ihm liegen bleiben bis die Eis-Schicht die sein Herz umgibt geschmolzen ist. Egal wie lang es dauert. Aber Du weißt daß das nicht geht. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb atmest Du durch, schlüpfst in Deine Stiefeletten die Du lang nicht mehr getragen hast, nimmst Dein Handy und schreibst: „Bin startklar!“ – „Dann komm!“ antwortet O. „Ja“ schreibst Du und eilst nach draußen.

Auf der Strasse wirst Du von sommerlicher Wärme umfangen. Du weißt daß alles gut gehen wird, heute. Bereits um 10.15h kommst Du mit Deinem Fahrrad bei der Parkbank an und meldest Dich bei O. Drei Minuten später erreichst Du das Haus mit den vielen Bildern das im Schein der Frühlingssonne gar nicht SO kalt und furchteinflößend auf Dich wirkt wie bisher. Merkwürdig vertraut. Als ob Du es aus Fieberträumen Deiner Kindheit kennen würdest oder vor sehr langer Zeit schon einmal hier gelebt hättest. Du weißt etwas über seine Geheimnisse. Und bist selber Teil seiner Geschichte. Das gibt Dir ein Gefühl von Stärke als Du auf Deinem Fahrrad in den Schattenraum der Garage einpassierst. Deren großes, vollautomatisches Tor sich wie ein gieriger Schlund langsam vor Dir öffnet und gleich hinter Dir wieder schließt. Während O. im Rahmen der Verbindungstür zum Haus lehnt und von der dreistufigen Betontreppe herab dabei zusieht wie Du Dein Fahrrad neben dem  metallicbraunen SUV abstellst. Wie immer…

Als O. Dich im Flur seines Hauses mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßt und Dich mit stummen Gesten anweist, Jeans und Empire-Top auszuziehen und nur in Strumpfhose und Stiefeletten vor ihm her durchs Treppenhaus nach oben zu gehen, verlierst Du wieder einmal das Gefühl für Raum und Zeit. Somnanbul. Als hätte es weder eine zweimonatige Trennung noch die Erotik-Selfies anderer Frauen jemals zwischen Euch gegeben. So läßt Du Dich von O. herumführen und in eins der Zimmer im ersten Stock schubsen wo auch heute wieder irgendeine Liegefläche abgedeckt mit einem weißen Leintuch auf Dich wartet. Bevor er Dir gestattet Dich bäuchlings darauf fallen zu lassen legt O. von hinten seinen Arm um Deinen Hals und zieht Dich eng zu sich heran. „Hast viel gefickt? Darfst es ruhig sagen!“ zischt er Dir ins Ohr. „Nein“ antwortest Du. „Dreckige Lügnerin“ murmelt O. und stößt Dich aufs Bett. Du vergräbst Dein Gesicht in den Kissen unter dem Leintuch. Und hinter Dir zieht O. sich aus …

Es ereignet sich dann, während O. sich mit seiner großen Hand an Deiner Gesäßregion zu schaffen macht und die schwarze Nylonstrumpfhose zwischen Deinen Beinen aufreißt so daß Dein Po freiliegt, einmal mehr der Moment totaler Wehrlosigkeit. Gefolgt vom Moment der Erleichterung daß O. Dich auch heute NUR vaginal so hart stößt daß Dir kurzzeitig schwarz wird vor Augen. Der Moment der Dankbarkeit als Du Dich dann auf den Rücken drehen und kurz Luft holen darfst bevor O. sich über Dein Gesicht hockt um den Rim-Job zu bekommen. Der Moment von Verwirrung und vollkommener Verlassenheit, in dem O. mittendrin plötzlich aufsteht und in den Schrankfluchten des Nebenzimmers äonenlang etwas ganz Bestimmtes sucht, während Du in Deiner zerfetzten schwarzen Nylonstrumpfhose daliegst und versuchst das Aufeinanderschlagen Deiner Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Ein schneeweißes Anzughemd aus glattem, kühlem Stoff und eine Packung weißer halterloser Strümpfe bringt O. mit als er endlich zurück kommt. Und als Du hineinschlüpfst filmt er Dich …

„Das schaut supergeil aus Baby“ sagt O. während er mit einer Hand sein Smartphone über Deinem weiß gewandeten Körper hin und her bewegt und mit der anderen das Herrenhemd  noch ein wenig zurecht zupft. „So gefällst Du mir richtig gut!“ – “ Freut mich“ sagst Du und reckst ihm sehnsuchtsvoll Deine Hände aus den überlangen Hemdärmeln entgegen. „Kuscheln geht jetzt aber wirklich nicht, Baby“ sagt O. streng und legt sein Handy beiseite. „Aber zu Ende lecken darfst Du mich jetzt, ok?“ – „Ok“ sagst Du und räkelst Dich für ihn zurecht. Dann kommt der Moment in dem alles gut ist und es übernatürlich hell zu werden scheint im Raum. Der Moment in dem Du weißt daß Du auch heute wieder Deinen Rim-Job sehr gut gemacht hast weil Du O.s Eruption auf Dir fühlst. Und er sie wenig später sehr andachtsvoll von Deinem Bauch wischt. Mit einem besonders flauschigen Waschlappen den er extra dafür aus dem Gästebadezimmer nebenan geholt hat.

„Die Strümpfe kannst Du behalten“ sagt O. nachdem es alles vorbei ist. „Vielleicht magst ja zu Hause paar Fotos davon machen. Aber das Hemd das brauche ich noch!“ – „Klar“ sagst Du, ziehst es aus und faltest es sorgfältig zusammen bevor Du es ihm gibst. Dann nimmst Du Deine Stiefeletten in die Hand und gehst, barstrümpfig und nackt wie Du bist, hinter O. her durchs Treppenhaus hinunter, dahin wo Deine Jeans und Dein Empire-Top liegen. Als Du Dich fertig angezogen hast, steht O. etwas entfernt unter einem großen, in Öl gemalten Fantasy-Triptychon das wie ein dreiteiliges Fenster den Raum zum grau-grünen Firmament über Urdenia oder Isania zu öffnen scheint. Er schaut Dich unverwandt an. „Magst jetzt wieder öfter kommen?“ fragt er. „Gern“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., begleitet Dich bis an die Verbindungstür zur Garage und läßt sie hinter Dir zufallen noch ehe Du bei Deinem Fahrrad angelangt bist. Nun kommt der Moment in dem Dir beinahe das Herz bricht weil Du nicht einfach so gehen willst. Doch dann fährst Du heim.

 

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