Barbe Bleue

Montag, 16.3.2015. Die Tage sind länger geworden. Der Frühling kündigt sich an. Lebensfreude liegt in der Luft. Du aber fährst gesenkten Blickes, in Deinen Parka gehüllt, auf Deinem Rad durch das blasse Märzsonnenlicht und fühlst Dich dabei wie das ausgemusterte Trendspielzeug der vergangenen Saison. Weggeworfen. Langweilig geworden. Es sind viele Wochen verstrichen, seit jenem Tag am Anfang des Jahres, an dem Du O. zum letzten Mal trafst. Von den großen Plänen die er danach schmiedete, wurde kein einziger realisiert. Es gab kein Treffen in erotischen Dessous. Und erst recht kein Gangbang mit den Freunden von O. Stattdessen erlebtest Du quälende Wochen voll immer wieder verschobener und abgesagter Dates. Zu viele. Du entschließst Dich zu einem unmoralischen Schritt. Schreibst Deinem Verehrer vom Tanzfest im Herbst, der Dich noch immer hofiert. Triffst Dich mit ihm, für eine letzte, glanzlose Nummer im Auto, nachmittags, auf einem Parkplatz am großen See, südlich der Stadt. Und abends kontaktierst Du O.

22.17h. Als Du Deine Chats mit O. aufrufst, springt Dir sofort sein online-Schriftzug grell ins Auge. Du hast den Eindruck, daß er heller, fluoreszierender auf Deinem Smartphone leuchtet als der von allen anderen Leuten denen Du schreibst. Er scheint eine eigene Energie zu besitzen, die es ihm erlaubt sich zu bewegen und in der Kopfzeile des Chatfensters hin und her zu tanzen. Er macht Dich nervös. Du fühlst Dich jedes Mal ertappt wie eine Stalkerin, wenn Du ihn siehst. Hauptsächlich aber kommst Du Dir verhöhnt und bloßgestellt vor, durch seinen Anblick. Es trifft Dich tief, auf diese Weise damit konfrontiert zu werden, daß jemand anderer so viel spannender und wichtiger ist als Du. Und O.s ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt, während Du im Schatten stehst. Dein Inneres rebelliert. Ohne abzuwarten bis O. seinen Chat beendet hat, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Willst Du daß ich noch Nuttenjobs für Dich mach? Brauchst Du mich noch als Schlampe?“ Dann lehnst Du Dich zurück und atmest durch.

Natürlich dauert es eine gewisse Weile bis O. sich aus dem Chat mit Wem-auch-immer lösen und Dir zuwenden kann. Genau 47 peinvolle Minuten. Und dann, um 23.04h schreibt er nur einen einzigen Satz: „Klar will ich daß Du noch Nuttenjobs machst!“ Sonst nichts. Keine Rückfrage. Kein Emoticon. Du fällst in ein Loch. Siehst, daß O. seinen Chat mit Wem-auch-immer noch einmal aufnimmt. Vollkommen unbeeindruckt, offensichtlich. Während Du Dich überflüssiger fühlst als je zuvor. Kleinlaut verkriechst Du Dich in Deinem Bett. Gegen 3h morgens stehst Du wieder auf und scrollst Dich, am Küchentisch sitzend, durch Deinen Whatsapp-Verlauf mit O. Versuchst herauszufinden, wann und warum seine Gleichgültigkeit einsetzte, Dir gegenüber. Findest keine Antwort. Beobachtest aber, daß auch O. wach und immer wieder online ist, zu dieser frühen Stunde. Natürlich ohne DIR zu schreiben. Und weißt: nun ist es an der Zeit das Schwert zu ziehen, das Du aus Verlustangst und Gekränktheit für O. geschmiedet hast.

Dienstag, 17.3.2015. Um 5.33h klickst Du Dich erneut zu O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich muß Dir was sagen. Ich hab es gestern mit einem anderen Mann gemacht. Ich will und liebe nur Dich. Aber ich hab es nicht mehr ausgehalten immer nur auf Dich zu warten. Und auf Dates die dann doch nicht passieren!“ Diesmal reagiert O. sofort. „Guten Morgen. Wer, wann und wo?“ schreibt er. „Der Mann vom Tanzfest“ antwortest Du, während das Smartphone in Deiner Hand zu Eis zu gefrieren scheint. „Gestern nachmittag, Autofick am See. Hat mich abgeholt und danach wieder heimgebracht“. Kurzes Schweigen. „Du hast gesagt daß ich Dich scheiße behandeln darf!“ schreibt O. dann. „Und das ist eben meine Art gewesen!“ – „Ja! antwortest Du. „Aber wenn ich Deine Schlampe sein soll muß ich Dich ab und zu auch sehen, verstehst Du?“ – „Dann werde ich Dich ab jetzt auch körperlich mißhandeln!“ antwortet O. „Heute tagsüber bin ich unterwegs. Aber bald komme ich und tu Dir weh. Denn Du gehörst mir! Ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

Du bist sehr erleichtert. Und auch ein wenig überrascht. Keine wilden ausufernden Injurien von O.? Stattdessen eine neue, wenn auch leicht beklemmende Perspektive? Das ist viel mehr als Du erhoffen konntest. Alles wird gut, denkst Du und verbringst einige ruhige Stunden in Deinem Haus. Dann, mit Einbruch der Dunkelheit schlägt Deine neu erlangte Contenance ganz plötzlich um. Du wirst von Sorgen, Scham und Zweifeln überfallen. Was, wenn Du O. nun zu unrecht verletzt hast? 22h. Es drängt Dich, ihm zum Ende des Tages etwas Liebevolles mitzuteilen. Du öffnest Eure Chats. Tippst „Wie geht es Dir?“ und blickst erwartungsvoll aufs Display. Die Häkchen hinter Deiner Nachricht werden sofort blau. O. war offenbar gerade im Begriff auch Dir zu schreiben. Wie schön, denkst Du und gewahrst verzückt, daß O. Dir nicht mit einer Sms antwortet, sondern ein Bild sendet, dessen Umrisse sich schemenhaft in Eurem Chatfenster abzeichnen. Etwas Romantisches, denkst Du und beeilst Dich, es zu öffnen.

Einmal downgeloaded und herangezoomt, hat das was Du siehst mit Herzen oder Rosenblättern leider nicht das Mindeste zu tun. Zwei üppige Brüste brennen sich auf Deine Netzhaut, provokant verhüllt von einem Langarmshirt aus schwarzem Tüll. Eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln führt einen Glasdildo zwischen zwei blassen Oberschenkeln durch. „Wer ist das? Was willst Du damit sagen?“ tippst Du konsterniert. „Daß ich sie ficke“ antwortet O. und sendet ein weiteres Bild von einem schlanken Frauenkörper der in dunkelroten Highhheels und gleichfarbigem Netzcatsuit mit geöffneten Beinen vor einem Garderobenspiegel sitzt. „Die ficke ich auch“ schreibt er dazu. „Woher kennst Du sie alle?“ schreibst Du, während Dir der Atem stockt. „Genauso wie ich Dich kennengelernt hab“ schreibt O. „Auf der Strasse aufgerissen?“ fragst Du zurück. „Ja“ antwortet O. Du fühlst das Blut in deinem Körper aus den Extremitäten weichen. Befürchtest unzukippen, für einen Moment. Doch dann bewahrst Du Haltung.

Denn Du witterst eine Chance. Die Chance endlich etwas zu erfahren aus der Realität von O., so schmerzhaft es auch ist. „Wie viele hast Du gefickt seit unserem letzten Date?“ schreibst Du. „Viele!“ antwortet O. „Fickst Du täglich eine oder mehrere?“ fragst Du weiter. „So oft es geht ficke ich!!!“ antwortet O. „Und deshalb hattest Du nie Zeit für mich, stimmts?“ schreibst Du, während Bitterkeit und Trauer in Dir hochsteigen. „Du bist halt die Letzte auf meiner Liste! antwortet O. „Dann streich mich doch ganz“ tippst Du und Deine Finger zittern. „Nein!“ antwortet O. „Denn Du bist geil und wir können es ab und zu treiben!“ – „Wie lang bist Du normalerweise mit einer Frau zusammen? fragst Du. „Manche hab ich schon seit Jahren“ antwortet O. lapidar. „Andere nur kurz“ – „Lieben die Dich auch so wie ich?“ fragst Du mit letzter Kraft. „Manche, ja“ antwortet O. „Und morgen früh um 4 fick ich ne Asiatin im Auto“ fügt er hinzu. „Schön“ antwortest Du leichthin. Jedoch, Du fühlst Dich vollkommen erdolcht.

„Deine Freundin? Ahnt sie gar nichts?“ bringst Du noch hervor. „Keine Ahnung!“ antwortet O. Kalt. Gleichgültig. Anhaltend brutal. Weder Du, noch seine Freundin, noch die Damen mit denen er Dich und sie betrügt scheinen ihm auch nur das Geringste zu bedeuten. Du raffst Dich auf zu einer letzten Frage. „Und mit den anderen Frauen kriegst Du es besser hin als mit mir, Dich zu verabreden und es auch einzuhalten?“ – „Kannst Du morgen früh um 4 zum Ficken kommen?“ fragt O. zurück. „Leider nicht“ antwortest Du. „Eben“ schreibt O. Du ersparst es Dir, ihn daran zu erinnern, daß er von vielen Gelegenheiten Dich frühmorgens zu treffen bisher nur eine einzige NICHT ungenutzt verstreichen ließ. „Ich danke Dir sehr für Deine Offenheit!“ schreibst Du stattdessen. „Es war mir klar daß Du so lebst.“ – „Leckst Du mir mein Arschloch noch?“ fragt O., plötzlich Besorgnis zeigend. „Wollen das die anderen nicht?“ schreibst Du. „Oder warum soll ich das machen?“ – „Weil Du es super kannst“ schreibt O. „Gute Nacht“

An Schlaf beginnst Du in dieser Nacht gar nicht erst zu denken. Du bleibst ganz einfach in dem Korbstuhl im Wohnzimmer sitzen, wo Du mit O. gechattet hast und starrst stundenlang vor Dich hin. Gelegentlich nimmst Du das Handy und betrachtest die beiden Fotos die O. Dir geschickt hat. Versuchst, Dir die Gesichter der abgebildeten Frauen vorzustellen, ihr Alter zu erraten und Dir auszumalen wie sie mit O. chatten. Du imaginierst auch die exotische Schönheit, mit der O. in wenigen Stunden atemraubenden Sex haben wird, während Du in Dich zusammengesunken da sitzst und Dich fühlst als würdest Du aus einer unaufhörlich sickernden Wunde innerlich verbluten. Nun hast Du bekommen was Du schon lange wolltest: Zutritt zu O.s Verbotener Kammer der Schrecken in der sich unzählige Torsi von Frauen türmen. In der eine Frau schlicht „die“ heißt, weil sie nur etwas, nämlich etwas-zum-ficken ist. Etwas zum Ausbeuten und Wegwerfen. Und Du also die Letzte, in ihrer aller langen Reihe …

Der Morgen graut. Die ersten Vogelstimmen holen Dich aus dem oberflächlichen Dämmerzustand in den Du doch noch gefallen bist. Dein Nacken ist steif. Dein Kopf tut weh. Du schaust aufs Handy das Du noch immer fest umklammert hältst. 4.56h. O.s Autofick müßte gerade vorbei sein, denkst Du, seltsam unbeteiligt, während Du aufstehst, die Patchworkdecke vom Sofa nimmst und Dich damit auf dem Gabeh-Teppich zusammen rollst. In Embryonalstellung, das Handy neben Dir. Du möchtest noch ein wenig schlafen, bevor Dein Mann und Dein Sohn aufstehen. 5.46h. Der Nachrichten-Ton von O. reißt Dich aus wirren Träumen. „Guten Morgen“ schreibt er. Du brauchst ein paar Sekunden um zu Dir zu kommen. „Guten Morgen. Wars geil mit der Asiatin?“ schreibst Du dann. „Kann ich heute zu Dir kommen“ schreibt O. „Nein. Ich will nicht mehr“ antwortest Du. „Lass mich kommen“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Du hattest viele Wochen Zeit. Fick die anderen und vergiß mich. Es gibt genug Frauen für Dich. Du brauchst mich nicht.“ – „Bitte“ schreibt O. Und etwas in Dir gibt nach.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Online …

Freitag, 6.2.2015 Hoffnungsfroh und voller Zukunftsglauben. So durchlebst Du die ersten Februartage des Jahres 2015. Anders als sonst ficht Dich das unbunte Wintereinerlei zu dieser Zeit heuer nicht an. Ebensowenig das oft so auslaugende, vergeblich scheinende Warten auf den Frühling. Getragen vom Gefühl des Angekommenseins im Leben von O. stapfst Du in undefinierbarem Licht durch schmutziggrauen Schnee. Bereitest Dich vor auf kommende Events. Bevorratest Dich mit neuen, halterlosen Strümpfen und schnelltrocknendem, dunkelrotem Nagellack. Als Du erfährst, daß Dein Mann kurzfristig für vier Tage nach Berlin reisen wird, hast Du nichts Eiligeres zu tun als es O. zu schreiben. Vier Tage lang schreibt er nicht zurück. Erst nachdem Du ein paar Selfies in Stringbody und Netzstrumpfhose gemacht und ihm geschickt hast, bekommst Du eine Antwort. Er sei krank, mit Fieber und Husten, schreibt O. und könne Dich deshalb „nicht ficken“. Er habe aber ein neues Smartphone, seit Kurzem. Ob Du zu ihm auf Whatsapp kommen willst?

„Natürlich! Sehr gerne!“ antwortest Du, während das Gefühl einer seltsamen inneren Dysbalance von Dir Besitz ergreift. O. auf Whatsapp. Wie wundervoll, denkst Du. Endlich hat O. das alte Tastenhandy abgelegt, auf dem er Dir seit Eurem Kennenlernen schrieb. Vieles wird einfacher, schneller, ja sogar transparenter werden, wenn Ihr gemeinsam die Messenger-App nutzt. Es ehrt Dich, im Kreis derer aufgenommen zu sein, die O. in Echtzeit online begegnen dürfen. Und dennoch ist Dein Herz schwer. Du ahnst, daß manches noch schwieriger, verletzender und schmerzhafter werden könnte als es ohnehin ist. Es wird nicht so sein wie mit all den anderen Freunden denen Du schreibst. Unschuldig. Offen. Spontan. Mit O. wird nun endgültig jeder Chat ein Waffengang, jeder Blick ins Handy ein Akt operativer Aufklärung sein, der über mentale Siege oder Niederlagen entscheidet. Es wird für Dich keinen naiven Umgang mit Deinem Handy mehr geben. Die Zeit der Unbedarftheit zwischen Dir und O., sie ist vorbei.

„Schick mir Bilder!!!“ fordert O., ganz Dominator, direkt nachdem Ihr Euch auf dem Instant Messenger verbunden habt. „Ich hab nur die die Du schon kennst“ antwortest Du. „Dann mach neue, Du Schlampe!“ schießt O. zurück. Kein Zweifel, denkst Du. Er hat rasant begriffen, wozu das neue Medium fähig ist. In den folgenden Tagen erlebst Du, wie das Smartphone zur Präzisionswaffe mutiert, in der Hand von O. Die emotionslose Intelligenz des Geräts ist die ultimative Domäne für ihn. Hier etabliert er seine Souveränität. Hier übt er unumschränkte Macht aus. Hier kontrolliert er sein Umfeld, ohne selbst etwas von sich preiszugeben. Hier ist er ständig präsent, ohne seinerseits greifbar zu sein. Du, als die Untergebene, Befehligte, lebst fortan konnektiert an den hochtourigen, widersprüchlichen Lebensstil von O., unter dem Diktat der Whatsapp-Haken, der Online-Sichtbarkeit und der Zeitstempel in seinem Account. Wirst bei Tagesanbruch als Engel geweckt, mittags als Nutte beschimpft und abends ignoriert. Empfängst Befehle, die wenig später wieder zurückgenommen und durch andere ersetzt werden. Erfüllst Wünsche ohne Dank dafür zu erhalten. UND registrierst schon bald, wie oft O. die App nutzt, ohne DIR zu schreiben. Vor allem in der prekären Zeit der frühen Morgenstunden …

Die Wochen vergehen. Mühsam findest Du Dich in der neuen Schreibsituation mit O. zurecht. Du zwingst Dich, so selten wie möglich in Euren Chatverlauf hinein zu klicken. Schaltest Dein eigenes „Zuletzt online“ ab, so daß Du auch das von O. nicht mehr sehen mußt. Und Du machst Screenshots wenn Dir ein Chat besonders rätselhaft oder verstörend erscheint, damit Du ihn in Ruhe durchlesen kannst, ohne die App öffnen zu müssen. Indessen entwickelt sich zwischen Euch eine neue Art von Interaktion. O. schreibt Dir regelmäßiger als bisher. Sein Ton wird höflicher. Die Schreibinhalte weniger bizarr. Ein gewisser Alltag scheint sich einzuspielen. Würde sich Eure Kommunikation nicht so ungewohnt flach, so merkwürdig ausgehöhlt anfühlen. Und wäre da nicht das Gefühl, daß O.s angepasstes Gebaren Dich in einer Scheinsicherheit wiegt. Dir eine kulissenhafte Welt vorgaukelt, hinter deren Attrappen etwas ganz Anderes vor sich geht. Und mit Dir ein neues Spiel begonnen wurde. Es heißt „Das Pseudo-Date“.

„Babe, ich kann es kaum erwarten bis Du mich endlich wieder leckst!!!“ schreibt O. in fast jedem Eurer vielen Mini-Chats jener Zeit. „Wann würde es bei Dir gehen?“ Du nennst ihm Tage und Zeitfenster. Referierst Deinen Alltag. Schilderst Möglichkeiten und Chancen. „Dann lass es uns gleich übermorgen/ nächste Woche/ am Donnerstag machen!!!“ schreibt O. stets zurück. „Ich komme ganz sicher zu Dir!!“ Du freust Dich. Jedes Mal. Putzst Dein Haus. Wechselst die Bettwäsche. Trägst Sorge dafür daß Ihr ungestört sein werdet. Blickst halb frohen, halb bangen Herzens dem vereinbarten Tag entgegen. Und erlebst Woche für Woche die gleiche Enttäuschung. Entweder ist O. zum fraglichen Zeitpunkt verschwunden. Unerreichbar. Stumm. Als hätte es nie eine Verabredung zwischen Euch gegeben. Oder er konfrontiert Dich mit einer Last-Minute-Ausrede von haarsträubender Abstrusität. Du gehst durch eine Epoche der Vorwände. Der Lippenbekenntnisse und Lügen. Und überlegst verzweifelt was Du dagegen tun kannst.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Golden Shower

Montag, 12. Januar 2015. Die Januartage reihen sich kalt und ereignislos aneinander. Grau, leer und stumm liegt das neue Jahr vor Dir. Von O. hörst Du nichts. Du lässt Dir Deine Haare noch kürzer schneiden als bisher, so daß nicht einmal mehr seine großen Hände sich darin festkrallen könnten. Und Du absolvierst ein Probetraining in einem Fitneßstudio nur für Frauen. Ein wenig Muskelaufbau kann nicht schaden, denkst Du, während Du Dich auf dem Crosstrainer verausgabst. Ein gut trainierter Körper steckt Schläge und Stöße vielleicht besser weg… Jeden Morgen macht Dein Sohn sich blaßgesichtig und in winterfester Kleidung auf den Schulweg und Du winkst ihm vom Küchenfenster aus zu. Eines Tages piept um diese Zeit Dein Handy. „Hallo Kleine! Ich hoffe Dir gehts gut!!!“ schreibt O. „Vielen Dank! Ich hoffe Dir auch!“ antwortest Du. Dein Herz schlägt schneller. Die winterstarre Welt vor Deinem Fenster scheint sich um ein paar Farbnuancen aufzuhellen. Es geht wieder los, denkst Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 22. Januar 2015. Du bist in der Innenstadt unterwegs. Streifst ziellos durch Einkaufspassagen und Shopping Hot-Spots. Suchst hinter den Schaufenstern der Luxusklasse nach irgendetwas. Einem Symbolgegenstand. Einem Zeichen. Nach etwas, was Dich wieder in Verbindung bringen könnte mit O. Ihr habt Euch lang nicht mehr geschrieben. Du vermißt sie sehr, die anarchistischen, kompromißlosen Sms wie sie nur O. Dir senden kann. Die schmerzhaften Fragen, die sie aufreißen. Die Wunden, die sie schlagen. Und die Hoffnungen, die sie wecken. Noch mehr vermißt Du ihn. Du willst, Du mußt das eisige Schweigen durchbrechen das wieder einmal eintrat zwischen Euch, ganz ohne Grund. Es ist ja Karneval, fällt Dir plötzlich ein. Die Zeit der Masken. In der Kostümabteilung eines großen Kaufhauses entdeckst Du sie schließlich, die Kultgegenstände die Du brauchst, um einen kleinen Liebeszauber auszuführen: fingerlose Handschuhe und eine Strumpfhose aus schwarzem Netzgarn. Du weißt was Du zu tun hast. Erleichtert fährst Du heim.

Freitag, 23. Januar 2015. 10h. Im Raureif des neuen Jahres eingefroren. So liegt sie da, die Welt hinter den weißen Spitzengardinen in Deinem Schlafzimmer. Mit ihr: Deine Verbindung zu O. Du fühlst Dich kleinlaut und bedrückt während Du Dir die neuen Netzhandschuhe überstreifst und das schwarze Top, das O. Dir im Sommer lässig zuwarf, über Deiner Brust zurecht rückst. Gar nicht wie die coole, verführerische Frau als die Du gerne rüberkommen willst. Bestimmt hat er längst eine Andere, denkst Du und richtest die Selfie-Kamera auf Dein Gesicht. Bestimmt will er mich nicht mehr. Die Bilder werden trotzdem gut. Du fotografierst Deine Finger, die mit dunkelrot lackierten Nägeln elegant und schmal aus dem Netzstoff ragen. Deine Tattoos, die durch das schwarze Garn hindurchschimmern. Deine Brustspitzen hinter halbtransparentem Stoff. Es gelingt Dir, all Deine Sehnsucht, Deine Bedürftigkeit, Dein Wollen in einen unverwandten Blick, ein mysteriöses Lächeln zu legen, von dem Du hoffst, daß es O. erreicht. Inständig hoffst.

Samstag, 24. Januar 2015. 22h. Am Ende eines langen, dunkelgrau verhangenen Wintertages sitzst Du wieder einmal allein mit gekreuzten Beinen auf der Wohnzimmercouch und bewachst das Kaminofenfeuer. Und wie so oft scrollst Du Dich durch Deine Chats mit O. für die Du extra eine Sicherungsapp auf Deinem Handy installiert hast. Du liest Liebesschwüre und Hasstiraden. Durchlebst die Sms-Gewitter die während der wechselnden Phasen Deiner Vergötterung und Deiner Verdammnis auf Dich einhagelten. Fühlst die Stille, die danach stets eintrat. Du siehst das Verletzende an O.s Rhetorik. Die Absolutheit seiner Ansprüche. Den Mangel an Zwischentönen. Das Fehlen der Mitte. Da wo sie normalerweise spürbar sein sollte, klafft in der Kommunikation mit O. ein großes Loch. Das Loch, in das Du regelmäßig fällst, bei Deinen Versuchen auf einem aus Sms geflochtenen Drahtseil hinüber zu balancieren zum Herzen von O. Wie oft bist Du schon gefallen, in den knapp sechs Monaten Eures Zusammenseins? Wie oft wirst Du es noch tun? So oft es geht, denkst Du.

Du klickst in die Bildergalerie Deines Smartphones. Sie besteht fast nur noch aus Erotik-Selfies, die Du für O. gemacht hast. Über 500 sind es inzwischen, auch wenn nur wenige davon auf seinem Handy gelandet sind. Du hast Dich sehr verändert, seitdem Du ihn trafst, stellst Du fest. Hast gelernt, Deinen Körper ins richtige Licht zu rücken, Dein asymetrisches Gesicht interessant wirken zu lassen und Dich selbst als erfahrene Frau zu inszenieren. Hast ein neues Bewußtsein für den Appeal Deines Äußeren bekommen, das nie gängigen Idealen entsprach. Dafür wirst Du O. immer dankbar sein. So weh Dir auch sonst Manches tat. Zeit für einen neuen Versuch, denkst Du und schreibst: „Ich habe gestern Bilder für Dich gemacht. Von dem Netz-Top zusammen mit neuen Netz-Handschuhen. Sag bescheid wenn Du sie sehen willst“. Wieder einmal lehnst Du Dich im Sofa zurück. Erwartest keine Antwort von O. Und wieder einmal kommt sie erstaunlich schnell. „Schick sie!!!“ schreibt er. Und Du bist glücklich zu gehorchen.

„Danke. Geil.“ schreibt O. nachdem er die Bilder bekommen hat. „Bitte“ antwortest Du. „Du hast Dich lang nicht mehr gemeldet!!!“ schreibt O. „Du Dich aber auch nicht“ antwortest Du. „Und, mit wem machst Du zur Zeit so rum?“ fragt O. Der Hauch einer echten Sorge hinter seiner ostentativen Coolness wird spürbar. „Keine Angst“ antwortest Du. „Es gibt niemanden der Dir das Wasser reichen könnte!“ – „Babe!“ schreibt O. „Du weißt daß Du machen kannst was Du willst!!! Aber ich will daß Du mir mal wieder mein Arschloch leckst!!!“ – „Gerne“ antwortest Du. „Wann immer Du möchtest“ – „Am Montag!!!“ schreibt O. „Würde das gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann komme ich übermorgen zu Dir!“ schreibt O. „Und vielleicht pisse ich Dich dann sogar an!!!“ – „Meine Badewanne steht Dir zur Verfügung!“ antwortest Du. „Du bist wirklich so eine geile Schlampe!!!“ schreibt O. „Ich bin sehr froh daß Du Dich wieder gemeldet hast! Ich muß jetzt schlafen. Aber wenn Du magst, dann schreib mir noch was Schönes!!! Gute Nacht!!!“

Als Du zu Bett gehst bist Du wieder mal sehr glücklich. Du textest noch ein paar Sms in denen Du die Schönheit von O.s dunkel umrandeten Augen rühmst und schickst sie ihm. Dann versuchst Du mit all Deiner Liebe mental über seine Nachtruhe zu wachen bevor Du selbst in den Schlaf fällst und das Gefühl einer tiefen Verbundenheit in Deine Träume einwebst. O. braucht mich, denkst Du, während Du sein blasses, hochmütiges Gesicht erinnerst, seiner Stimme nachhorchst und an  seine Hände denkst. Alles wird gut.

Sonntag, 25. Januar 2015. Du versuchst Ordnung zu schaffen in Deinem Haus. Die Wände im Treppenbereich wurden im Oktober frisch gestrichen und alle Türen weiß lackiert. Besucher sind stets angenehm berührt vom frankophilen Flair Deines Einrichtungsstils. Sie mögen die sepiafarbigen, weiß gerahmten Kleinkindporträts Deines Sohnes. Die zart gemusterten Kissen und Quilts. Den weichen, dunkelroten Gabeh-Teppich, ein Hochzeitsgeschenk Deiner Eltern. Und dennoch findest Du alles sehr inadäquat, angesichts der bevorstehenden Visite von O.

Montag, 26. Januar 2015. Eigentlich ist es einer jener naßkalten, farblosen Montagvormittage im Tiefwinter, an denen Du am Liebsten überhaupt nicht aufstehen würdest. Heute aber bist Du seit den frühen Morgenstunden hellwach und wartest auf ein Lebenszeichen von O. Lange Zeit bleibt Dein Handy verdächtig still. Satz mit x, denkst Du, während Du Deinem Sohn an der Haustüre einen schönen Schultag wünschst. Da zerreißt der Sms-Ton von O. die Stille in Deiner Küche. „Guten Morgen Kleine!!!“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Ich habe heute unheimlich viel zu erledigen!!!“ schreibt O. „Weiß nicht ob ich es schaff zu Dir zu kommen!! Würde es bei Dir um 10 Uhr gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. „Ist vor Deinem Haus eine Parkmöglichkeit“ – „Im Moment ist direkt davor ein Platz frei“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Ich versuche zu kommen!!! Hast Du Highheels und Strümpfe bereit?“ – „Ja!“ antwortest Du. „Zieh sie an!!!“ schreibt O. „Und richte den Dildo her!!! Ich melde mich wenn ich bei Dir bin!!“

Panisch eilst Du durchs Haus. Versuchst, alles was irgendwie peinlich, provinziell oder uncool wirken könnte aus dem Weg zu räumen und zu verstecken. Leider kommt Dir sehr vieles irgendwie so vor: ob Kinderzeichnungen, Klaviernotenhefte oder die Schuhe Deines Mannes im Flur – blamable Zeugnisse eines mediocren Lebensstils, alle miteinander. Du raffst sie an Dich und wirfst sie einfach in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Dann gehst Du duschen. Mehrmals wirst Du dabei von O. gestört, der Dich anschreibt um zu fragen ob Du Lippenstift hast und ob Du Dir die Fingernägel dunkelrot lackieren kannst. Schließlich bist Du fertig. Schlüpfst in die halterlosen Strümpfe und in ein kurzes, dunkelgraues Off-Shoulder-Shirt. Stökelst nervös auf Deinen Highheels herum. Betrachtest Dich eingehend im Wohnzimmerspiegel. Machst ein paar Selfies. Setzst Dich in den Korbstuhl. Wippst mit den Beinen. Beginnst zu frieren. Da piept Dein Handy. „Bin da!!!“ schreibt O. „Mach auf!!!“

Du stolperst fast, auf dem Weg zur Haustür. Kaum hast Du sie vollständig entriegelt, drängt O. sich durch einen schmalen Spalt zu Dir herein. „Hallo!“ sagt er mit ungewohnt sanfter Stimme und lächelt Dich an. Haifischhaft. Abgründig. Maliziös. Aber er lächelt. Zum ersten Mal, seit Du ihn kennst. O. trägt ein Beanie aus dunkelgrauer Kaschmirwolle auf dem Kopf. Und einen enganliegenden, tannengrünen Mohair-Rolli unter einer Jacke aus schwarzem Nappaleder. Sein Gesicht ist wieder vollkommen glatt rasiert. Der Duft seines Herrenparfüms erfüllt das Treppenhaus. „Magst mir nicht Dein Wohnzimmer zeigen?“ fragt er und nimmt Dich von hinten in Gewahrsamsgriff. „Geh voraus! Komm, zeig mir den Weg!“ Du wankst vor ihm her, halb bedrängt, halb gestützt von seinem linken Arm der sich schwer über Deinen gesamten Brustbereich legt. Kühl und glatt streifen die Fingerspitzen seiner rechten Hand und das Leder seines Jackenärmels an Deiner nackten Bauchregion entlang. Du bist O.s Arrestantin. Dein Haus gehört ab sofort nicht mehr Dir.

Im Wohnzimmer gibt O. Dir einen sanften Schubs, so daß Du mit den Knien voran auf dem Gabeh-Teppich landest. „Bleib gleich so!“ sagt er, wirft die Lederjacke in hohem Bogen von sich und seine übrigen Kleider hinterher. Du kriechst zu dem lichtblauen Häkelpouf, den Dein Mann und Dein Sohn Dir zu Weihnachten geschenkt haben. Es gelingt Dir noch, ihn mit beiden Armen zu umfassen und den Kopf darauf abzulegen. Dann nähert sich O. Für eine kleine Weile fällst Du aus Zeit und Raum. Als er mit Dir fertig ist, greift O. mit seiner großen Hand in Deinen Nacken und zerrt Dich hoch. „Jetzt küß mein Arschloch, Schlampe!“ sagt er und fegt mit gebieterischer Geste die Patchworkdecke vom Zweisitzersofa. Du funktionierst. Legst Dich auf dem Sofa zurecht, atmest kurz durch und schaust zu wie O. sich über Dein Gesicht kniet. Du liebst den Anblick von seinem hellen, kindlichen Gesäß, das so vertrauensvoll über Dir schwebt. O.s einzige berührbare Stelle, denkst Du. Und küßt ihn. Innig. Voller Dankbarkeit.

Kurz bevor Dein Rim-Job seinem Höhepunkt entgegenstrebt hört O. plötzlich auf, sich über Dir zu bewegen. „Ich muß pissen!“ sagt er leise und Du begreifst sofort. „Soll ich Dir mein Badezimmer zeigen?“ fragst Du zwischen seinen Oberschenkeln hindurch. „Ja“ antwortet er und steigt von der Couch. „Dann laß uns nach oben gehen“ sagst Du. O. folgt Dir über die knarrende Eichenholztreppe Deines Hauses zum Bad, das erst vor zwei Jahren von Deinem Mann für Dich renoviert wurde. Mit Nostalgiefliesen. Und einer Eckwanne für zwei Personen. Die Du aber noch nie benützt hast, zusammen mit Deinem Mann. Du streifst Dein Off-Shoulder-Shirt ab und kletterst vorsichtig samt Highheels und Strümpfen hinein. Als Du Dich auf der kalten Keramikoberfläche ausgestreckt hast, kommt O. zu Dir. Er nimmt Deinen Körper von links und rechts zwischen seine Knie. Umgreift mit der rechten Hand seinen Schwanz und stützt sich mit der linken auf Deiner Brust ab. „Gleich gehts los!“ sagt er und schaut Dich konzentriert an.

Für ein paar Sekunden ist alles vollkommen still. Du schließt die Augen um O. nicht in seiner Besinnung auf sich selber zu stören. Dann fühlst Du, wie er damit beginnt zwischen Deine Beine zu urinieren. Zwischen Deine Schamlippen, präzise gesagt. Er hat viel, sehr viel Flüssigkeit in sich. Es dauert lang. Und es gefällt Dir. „Warm, gell“ sagt er, als Du begeistert loslachst. „Ja!“ antwortest Du und lehnst Dich in der Wanne zurück. Du bist wieder fünf Jahre alt und gehst in den Kindergarten wo Du im Sandkasten spielst. Zusammen mit einem wunderbar wilden Freund, der Dich an den Haaren zieht, mit Steinchen bewirft und direkt neben Dir seine Notdurft verrichtet. Ihr könntet verbundener nicht sein. Du liebst O. Und O. liebt Dich. Denn als er den Inhalt seiner Blase vollständig auf Deinen Körper entleert hat, besorgt er es sich noch selbst und läßt sein warmes Sperma über Deinen Bauch rinnen. Verzückt beobachtet Ihr, wie sich alles zusammen auf dem Tattoo unterhalb Deines Nabels verteilt. Und seid glücklich.

„Du bist einfach die beste Drecksau dies gibt!“ sagt O., während er aus der Wanne steigt und sich ein Handtuch vom Halter nimmt. „Und Du der beste Schlampenficker weltweit“ antwortest Du und läßt Wasser über Deinen Bauch laufen. Dann wirfst Du Deine Highheels aus der Wanne und stehst auf. Beim Überklettern des Wannenrandes gerätst Du ins Straucheln und versuchst Dich an O.s Unterarm abzufangen. „Vorsicht! Da hilft Dir keiner wenn Du da fällst!“ sagt O. und zieht seinen Arm von Dir weg. Du schlüpfst aus den klatschnassen Strümpfen. Dann geht Ihr schweigend hinunter. Ins Handtuch gewickelt sammelst Du O.s Kleider vom Boden auf. Als er sich fertig angezogen hat greift er in die Innentasche seiner Lederjacke. „Da, Babe!“ sagt er und überreicht Dir ein knallrot glänzendes, flaches Päckchen. „Probiers an wenn ich weg bin!“ Dann umarmt er Dich kurz. „So, der Staubsaugervertreter packts jetzt wieder! sagt er und lächelt. „Bis zum nächsten Mal!“ „Bis zum nächsten Mal!“ sagst Du fassungslos und brichst auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem O. gegangen ist.      

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Epiphany

Freitag, 2. Januar 2015. Bereits zwei Tage nach Deiner Rückkehr aus dem Haus mit den vielen Bildern kannst Du wieder schmerzfrei sitzen. Und die blauen Flecken unterhalb Deines Rippenbogens verblassen sogar so schnell, daß Du bald nicht mehr sicher bist, ob Du es wirklich erlebt hast oder nur geträumt. Dieses Date. Bei dem ein zorniger, rotbärtiger Mann meinte, Dir Gewalt antun zu müssen, inmitten von fremden Luxusgütern, aus einem rätselhaften Grund. Tizianrotes, kleingelocktes Haar hat er also, Dein Zuchtmeister in der düster dekorierten Villa, wenn er sich nicht kahlschert und glattrasiert. Das Haar der Freibeuter. Der Verruchten. Der Außenseiter, also. Der Geächteten. Und: Der Zauberkundigen. Der Magier und Hexen. Ja, der Seelenlosen, wie man auf Fantasy-Webseiten lesen kann. „Daywalker“, heißt es da, seien ganz besondere Rothaarige: hellhäutig, aber ohne Sommersprossen. Lichtscheu. Unempfindlich gegen Schmerz. Gefühlskalt. Tagwandelnde Vampire. Kein Zweifel, denkst Du. So ist O.

22h. Du sitzst in eine Decke gewickelt auf dem Sofa und läßt Dich vom Kaminofenfeuer wärmen. Neben Dir liegt Dein Smartphone. Du ringst mit Dir. Erwartungsgemäß hat O. Dir kein frohes Neues Jahr gewünscht, gestern. Und Du ihm auch nicht, obwohl Deine Gedanken bei Ihm waren als es Mitternacht schlug und das Silvesterfeuerwerk begann und Dein Mann und Dein Sohn Dich umarmten. Nun drängt es Dich, ihm zu schreiben. Es gibt so Vieles, was Du gerne wissen würdest. Wo und wie verbringt jemand wie O. den Jahreswechsel? Auf einem wilden, bachantischen Fest im Haus mit den vielen Bildern? Bei anderen Freunden, in einem ähnlichen Domizil? Wo Champagner geschlürft wird und nackte Frauen Koks auf Silbertabletts reichen? Oder in seinem eigenen Zuhause, das Du noch immer nicht kennst? Euer vergangenes Treffen, von dem Du Dich erst langsam erholst, was war es für O.? Bestimmt nur der marginale Auftakt für mehrtägige Abenteuer und Exzesse, denkst Du. Das Vorglühen, das halb vergessene Präludium …

22h30. Ok, O., denkst Du. Die Schlampe meldet sich wieder. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich hoffe Du bist gut ins Neue Jahr gekommen. Küsse!“ Du atmest durch. Gehst zum Kaminofen um Holz nachzulegen. Willst Dich gerade auf der Couch zurecht kuscheln um ein wenig zu schlafen. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. O. „Hallo“ schreibt er nur. „Hallo“ schreibst Du zurück. Und dann: “ Hat es Dir gefallen mich zu bestrafen?“ – „Ja!!“ antwortet O. nach einigen Minuten. „Aber Du hast mir nicht bewiesen daß Du mir noch gehörst!!!“ – „Warum nicht?“ schreibst Du irritiert. „Was hat Dir gefehlt?“ – „Du hast gesagt daß ich Dich mißhandeln darf!!!“ schreibt O., wiederum nach einigen Minuten. „Und jetzt schau mal was rausgekommen ist! Ich durfte Dich NICHT härter angehen!“ – „Aber Du hast doch alles gemacht was Du wolltest!“ schreibst Du. „Und hättest auch noch mehr machen können! Ich war jedenfalls bereit dazu!“ – „Wirklich?“ fragt O. „Wirklich!“ antwortest Du. „Babe!“ schreibt O. „Ich danke Dir!!!“

„Kein Ding“ schreibst Du, bewegt von O.s Offenheit. „Und ich kann Dir was sagen, zum Trost“ fügst Du hinzu. „Ich konnte nicht besonders gut sitzen gestern!“ – „Das ist gut Babe!!!“ antwortet O. „Ich werde Dich nämlich schon bald noch härter behandeln!!! – „Ok“ schreibst Du und suchst nach einer frivolen Antwort. Plötzlich aber fühlst Du, wie ein lang in Dir aufgestautes Wissenwollen unhaltbar aus Dir herausdrängt. „Kann ich Dich was fragen?“ schreibst Du und ziehst die Wolldecke enger um Deine Schultern. „Frag“ schreibt O. „Das Haus“ tippst Du, und Dein Herz klopft wild, „in dem Du Dich immer mit mir triffst, das ist aber nicht Dein Zuhause, oder?“ – „Doch“ antwortet O. Du hast den Eindruck, daß der Raum um Dich herum sich dreht. Ziemlich schnell, sogar. Und auf dem Fußboden direkt vor dem Sofa bilden sich wieder Risse. „Oh nein. Hilfe.“ schreibst Du. „Warum?“ fragt O. „Das ist ja so ein wahnsinnig edles cooles Haus!!“ antwortest Du. „Mein Zuhause ist eine Köhlerhütte im Vergleich dazu!“

„Jetzt übertreib mal nicht!“ schreibt O. „Aber dieser ganze Luxus der da ist!“ schreibst Du, „gehört das alles Dir? Und was ist mit den Kindersachen die da immer herumliegen?“ – „Der Luxus gehört ein Teil mir und ein Teil meiner Freundin“ antwortet O. „Und die Kindersachen sind von zwei Neffen von uns. Die sind öfter bei uns zu Besuch!“ – „Ach so“ schreibst Du. „Und das wunderschöne kleine Zimmer? Wo das mit den Blutflecken passiert ist? Ist das dann Dein Zimmer?“ – „Ja! Das ist mein Zimmer“ antwortet O. „Und ausgerechnet da mußte das passieren“ schreibst Du, während Du überlegst, Dich in eine der offenen Fugen unter Dir fallen zu lassen. „Und das Haus ist noch lange nicht fertig!“ schreibt O. „Was fehlt denn noch?“ fragst Du und fühlst plötzlich etwas wahnhaft Besitzstrebendes durch das Handy zu Dir dringen. „Ich brauche Platz für eine neue Stereoanlage!! Neue Regale!! Und vor allem viel viel mehr Bilder!!!“ schreibt O. „Es wird wahrscheinlich niemals wirklich fertig sein!!!“

„Ein Palast für einen Prinzen wie Dich kann wohl auch nie wirklich fertig sein“ textest Du. „Da könntest Du recht haben, Kleine!“ antwortet O. “ Und ich liebe es wenn Du mir so schöne Sachen schreibst!!!“ – „Es ist einfach die Wahrheit!“ antwortest Du. „Dann Gute Nacht, Babe!“ schreibt O. „Dir auch!“ antwortest Du. „Ich muß es jetzt erstmal verkraften was Du mir heute alles erzählt hast!“ Lange, sehr lange nach diesem Chat sitzst Du immer noch reglos auf der Couch, mit angezogenen Beinen, in die Wolldecke gehüllt, das Smartphone in der Hand. Erst als das Feuer im Kaminofen ganz heruntergebrannt ist und Dein Mann und Dein Sohn, die oben zusammen ferngesehen haben, längst schlafen gegangen sind, löst Du Dich aus Deiner Erstarrung. Das Haus mit den vielen Bildern. Wo Dir der Atem stockt, sobald Du es betrittst. In dem die Wände von stummen Schmerzensschreien widerhallen. Und Du in die Abgründe einer verlorenen Seele blicken kannst. Es ist nicht irgendein Ort. Es ist O.s innerstes Reich.

Dienstag, 6. Januar 2015. Dreikönigstag. Die Zeit der entfesselten stürmischen Mächte geht zu Ende. Dein Sohn ist zusammen mit zwei Freunden als Sternsinger unterwegs. Dein Mann zu Besuch bei seinen Eltern. Und Du kannst Dich, vier Tage nach der verstörenden Erkenntnis, längst Teil von O.s innerster Welt gewesen zu sein ohne es zu wissen, vor den PC setzen und etwas ganz Einfaches tun: Du gibst das, was Dir seit Neuestem als O.s Wohnadresse bekannt ist, in die Google-Suchzeile ein. Den klangvollen Strassennamen. Die gerade, zweistellige Hausnummer. Den Namen Eurer Stadt. Und drückst die Enter-Taste. Augenblicklich erscheint die angefragte Adresse bei Google-Streetview. Im zugehörigen Foto ist das Haus mit den vielen Bildern nur schemenhaft erkennbar. Dennoch überläuft es Dich kalt, als Du es siehst. Die Namen von vier Immobilienfirmen ploppen auf. Geschäftssitz: das Zuhause von O. Du recherchierst die Unternehmen. Homepages gibt es keine. Aber ihre Einträge ins Handelsregister sind abrufbar, bei North Data und Moneyhouse.

Plötzlich gibt das Internet so Vieles preis. Die Firmen wurden vor 6 Jahren gegründet. Als geschäftsführend werden jeweils drei Frauen mit dem gleichen Familiennamen samt ihren Geburtsdaten genannt. Eine Dame im Alter von 68 Jahren und ihre beiden Töchter. Die Erstgeborene ist wohnhaft im Haus mit den vielen Bildern. Ihren Vornamen kanntest Du schon. Aus der Traueranzeige für O.s Mutter. O.s Lebensgefährtin, also. Ihr Vater ist Gründer eines bedeutenden mittelständischen Bauunternehmens, stellst Du fest. Ihre Mutter entstammt einer wichtigen deutschen Verlegerfamilie. Zusammen mit weiteren Angehörigen dieser Sippe verfügt sie über ein Netzwerk aus Firmen- und Wohnsitzen an den vornehmsten Adressen im Westen der Stadt. Auch die alte Villa, in der O. Dich zum ersten Mal nahm, scheint Teil des Familienbesitzes zu sein. Und ins Kennzeichen des SUV den O. fährt, sind die ersten beiden Buchstaben des illustren Clan-Namens integriert. Ihre gesellschaftlichen Verbindungen reichen bis in die höchsten Kreise Deiner Stadt.

So sehr Du auch suchst, Bilder sind von keiner der drei gut situierten Frauen im Netz zu finden. Zwar kannst Du sehen, daß sie sich karitativ engagieren, bei Children for a Better World und ähnlichen Organisationen. Die Matriarchin sitzt außerdem im Festkomitee eines sehr beliebten Wohltätigkeitsballes Deiner Stadt. Ihre Gesichter halten die Damen im Raum des weltweiten Netzes jedoch konsequent verborgen. So erfährst Du leider nicht, wie O.s Freundin aussieht. Natürlich nimmst Du an, daß sie schlank und attraktiv ist, beneidenswert stilvoll und teuer gekleidet, von Männern umschwärmt, kurz, das Pendant zu O. Bestimmt bist Du nur ein Aschenputtel im Vergleich zu ihr. Du fühlst Dich tief unterlegen, beim Blick auf all die Infos im Netz. Und dennoch empfindest Du auch etwas wie Mitleid, wenn Du ihren Namen liest. Ein eigenartiges Verbundensein mit den seelischen Narben und Verletzungen einer anderen, zu O. gehörenden Frau. Zu dessen Person selbst weiterhin nichts, absolut nichts aufscheint. Auch nicht im virtuellen Umfeld des von ihm bewohnten Hauses.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

La Chasse Sauvage

Samstag, 27.12.2014. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Lichtlos. Windumtobt. Unerlöst. Altem Volksglauben zufolge zieht dieser Tage ein Heer von dämonischen Jägern und Geisterreitern über den Himmel. Das weißt Du noch aus Deiner Kindheit. Odins Todesboten. Die Wilde Jagd. Mehr als in früheren Mittwinterphasen fühlst Du Dich gefährdet, einsam, aus der Welt gefallen. Es gelingt Dir nicht zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit Deinem Mann und Deinem Sohn. Du schläfst nachts unruhig und träumst wirr. In den frühen Morgenstunden wirst Du oft von den Strumböen geweckt, die seit dem zweiten Weihnachtstag um die Häuser Deiner Stadt wehen. Dann stehst Du auf, gehst barfuß zum Badezimmerfenster und schaust hinaus zu den kahlen schwankenden Bäumen in der trüben aschgrauen Morgendämmerung. „Irgendwo da draußen“ denkst Du, bevor Du zurück in Dein Bett kriechst um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Irgendwo da draußen ist O. auf Beutezug. Auf der Suche. Nach neuen Frauen. Neuen Seelen. Nach neuer menschlicher Energie …

Sonntag, 28.12.2014. Der Wintersturm kommt allmählich zur Ruhe. Dein Mann und Dein Sohn können hinausgehen und die Orkanschäden im Garten besichtigen. Du schaust ihnen vom Wohnzimmerfenster aus zu. Gerade als Du Deine Stiefel anziehen und noch ein wenig mithelfen willst den halb umgestürzten Brennholzstand aufzurichten piept Dein Handy. „Bist Du bereit für Deine Strafe, Schlampe?“ schreibt O. „Welche Strafe?“ fragst Du zurück und spürst wie Dein Pulsschlag sich beschleunigt. „Die Strafe dafür daß Du es mit dem Anderen gemacht hast!“ schreibt O. „Hast Du mir das noch nicht verziehen?“ fragst Du. „Nein!“ antwortet O. „Erst mußt Du mir beweisen dass Du mir noch gehörst!!!“ – „Ich gehör Dir auf jeden Fall!“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Übermorgen bin ich allein. Dann kommst Du zu mir. Ich füge Dir Schmerzen zu!! Dann sehen wir weiter!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Aber ich warne Dich!“ schreibt O. „Überleg es Dir gut!! Du wirst mit meiner ‚Behandlung‘ nicht klarkommen!!!“ – „Ich besuche Dich trotzdem!“ antwortest Du.

Draußen hat es begonnen in dichten Flocken zu schneien. Gärten, Straßen und Häuser werden weiß umhüllt. Stille breitet sich aus. Du selber versuchst den inneren Aufruhr zu bewältigen, den Chat-Duelle mit O. so oft bei Dir hinterlassen. Die Melange aus Empörung, Wut, Angst und Faszination mit der Du O. beim Überschreiten all Deiner Grenzen zuschaust. Und: Den Kick. Den Thrill. Denn: „Zu mir“ hat O. ja geschrieben. „Dann kommst Du zu mir“. Du wirst also seine Wohnung, sein Zuhause kennenlernen wenn Du ihn besuchst um Dich schlagen und strafen zu lassen. Fünf Monate nach Eurem ersten Date, drei Monate nachdem Du ihn zum letzten Mal gesehen hast, hält O. Dich für würdig zu erfahren wo er wohnt. Du stellst Dir ein wildes Ambiente vor, rockstarmäßig, mit pompösen Kronleuchtern und majestätischen Ledersesseln vor Wänden in violett oder schwarz. Zwischen flackernden Kerzen und Totenköpfen auf denen Strass-Steine schillern und blinken wird Deine Bestrafung stattfinden. Du fieberst ihr entgegen.

Dienstag, 30.12.2014. Am vorletzten Tag des  Jahres scheint die Welt um Dich herum zu versinken in Schnee. Meterhoch türmt er sich auf den Straßen. Dein Mann und Dein Sohn gehen halbstündlich hinaus zum Räumen. Und es schneit immer noch weiter. Von O. hast Du nichts mehr gehört, seit zwei Tagen. Als ob auch er und sein Plan eingeschneit wären, denkst Du, während Du unter der Dusche stehst. 12.30h. Du frottierst Dir gerade die Haare. Dein Handy piept. „Ich bin jetzt alleine!“ schreibt O. „Kannst Du kommen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ich muß mich nur noch fertig anziehen“ – „Bis wann kannst Du da sein, Schlampe?“ fragt O. „Wo müßte ich denn genau hinkommen?“ fragst Du gespannt zurück. „Zum Haus“ antwortet O. „Also. Wann kannst Du da sein?“ – „In einer halben Stunde“ schreibst Du. „Fahrradfahren geht ja leider nicht wegen dem Schnee“ – „Das schaffst Du ja doch nicht zu Fuß!“ schreibt O. „Ich glaube wir vergessen das Ganze!“ – „Bitte nicht!“ antwortest Du. „Ich versprech Dir daß ich pünktlich bin!“

„Na gut!“ schreibt O. „Von jetzt ab eine halbe Stunde! Nur eine Minute später und ich mach Dir die Türe nicht mehr auf!“ – „Dnke“ tippst Du und eilst halbnackt ins Schlafzimmer. Dort zerrst Du hektisch eine neue Packung halterloser Strümpfe aus ihrem Versteck und öffnest sie mit zittrigen Fingern. Als Du sie Dir überstreifen willst, bleibst Du mit dem rechten Zehennagel in dem empfindlichen Gewebe hängen und reißt eine große Laufmasche hinein. Für einen Moment fühlt sich alles vollkommen leer, absurd und sinnlos an. Aber Du rufst Dich zur Ordnung. „Ich will ihn sehen!“ denkst Du, wirfst Dir ein halbtransparentes weißes Langarmtop über, schlüpfst in Deine Jeans und hastest nach unten. Dort steigst Du in Deine Boots, hüllst Dich in Deinen Winterparka und Deinen Lieblingsschal aus Ajour-Strick, greifst nach Deinem Minirucksack samt Smartphone und stürmst auf die Straße hinaus. Dein Mann und Dein Sohn, die gerade mit Schneeräumen fertig geworden sind, schauen Dich verwundert an. „Ich mach einen kleinen Winterspaziergang, Herzen!“ sagst Du. „Bin bald zurück!“

Das Vorwärtskommen im Schnee ist schwierig. Bei fast jedem Schritt in der mehligen Masse, die die Räumdienste auf den Straßen zusammen geschoben haben, rutschen Deine Füße nach hinten weg. Du fühlst Dich wie in einem der Träume in denen man läuft ohne sich vom Fleck zu bewegen. Außerdem schneit es in die Kapuze von deinem Parka. Aus Deinen Haaren rinnt Schmelzwasser in Deine Augen und ruiniert das Make-up das Du noch schnell aufgetragen hast. Und O. macht alles noch schlimmer. Denn er bombardiert Dich mit Sms. Ignorieren? Unmöglich. Es könnte ja wichtig sein. O. aber hetzt und scheucht Dich einfach nur vor sich her. „Wo bleibst Du, Schlampe?“ schreibt er. „Die halbe Stunde ist gleich rum!!! Ich wußte ja daß Du es nicht schaffst!!!“ – „Ich bin schon fast da!“ tippst Du mit kalten Fingern während Du weiter voran stapfst. „Hör auf mich zu stressen!“ – „Du Drecksau!!!“ kommt es zurück. „Ich lass Dich gleich vor dem Haus stehen ohne zu öffnen!! Das wäre das was Du verdient hast!!!“

Dann geh ich halt Kaffeetrinken, denkst Du und biegst in die Straße ein an deren totem Ende das Haus mit den vielen Bildern errichtet wurde. Die Räumdienste haben hier besser gearbeitet als in Deinem eigenen Quartier. Du kannst Dich sicheren Schrittes auf das mondäne weiß-rote Gebäude zubewegen, das in kalter Pracht vor Dir liegt. Deine Kehle schnürt sich zusammen als Du direkt davor stehst. Schutzsuchend kauerst Du Dich unter das schmale Garagenvordach, atmest kurz durch, ziehst Dein Handy aus der Tasche von Deinem Parka und schreibst: „Ich bin jetzt vorm Haus!! BITTE lass mich rein!!“ Die Welt scheint stillzustehen, wie schockgefrostet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich das automatische Garagentor, gerade so hoch daß Du gebückt darunter hindurch schlüpfen kannst. Im Inneren der Garage stehst Du sekundenlang wie blind. Dann aber gewahrst Du O., der barfuß, in T-Shirt und Jogginghose im Rahmen der Verbindungstüre zum Haus lehnt. Ein lässiger Jäger, seiner Beute vollkommen sicher.

Du tust einen Schritt auf ihn zu und schaust ihn befremdet an. O.s blasses Gesicht wird umrahmt von einem dichten, brandroten Bart der ihn erschreckend archaisch, fast wikingerhaft-brutal aussehen läßt. Bevor Du Dich an den veränderten Anblick gewöhnen kannst, greift er brüsk nach Deinem linken Oberarm und zerrt Dich ungeduldig über die Türschwelle ins Innere des Hauses. Du stolperst über ein Chaos aus Kinderschuhen die inmitten von Staubflocken und Wollmäusen auf den dunkelgrauen Granitfliesen im Flur herumliegen. Die Eigentümerfamilie scheint überstürzt abgereist zu sein. Das gesamte Parterre macht einen unaufgeräumten, schlecht geputzten Eindruck. Wahrscheinlich O.s Job hier für Ordnung zu sorgen, denkst Du. Erst aber mußt Du Deinen Denkzettel bekommen, offensichtlich. Denn: „Zieh die Jeans aus!“ sagt O., als Du Deinen Parka ablegst und aus Deinen Boots schlüpfst. „Die könnte sonst kaputt gehen, heute“ – „Ich weiß“ antwortest Du und wünschst Dich plötzlich sehr weit weg.

O. läßt seinen Blick abschätzig über Dein Top und Deine schwarzbestrumpften Beine gleiten. Dann greift er nach Deinen beiden Handgelenken als ob er einen bizarren, ländlichen Tanz mit Dir beginnen wollte. Er zieht Dich ins Wohnzimmer und schubst Dich zu einem großen Tisch aus massivem Eichenholz auf dem noch weihnachtliche Buchsgebinde herumliegen. Du stößt mit dem rechten Hüftknochen an der Tischkante an. O. dreht Dir die Arme auf den Rücken und drückt dein Gesicht und Deinen Oberkörper mit der linken Hand auf die Tischplatte, so daß Dein Po nach oben ragt und nur Deine Zehenspitzen den Boden berühren. Mit der rechten Hand schiebt er Dein Top beiseite und betastet dein Gesäß. Lange. Nachdenklich. „Bitte nicht!“ flehst Du innerlich, als Du mitbekommst daß er seine Jogginghose auszieht und sich in die Hand spuckt. „Bitte nicht anal!“ Verzweifelt umklammerst Du eine der Garben aus Buchs. „Drecksau!“ faucht O., krallt seine Hand in Deine Haare und dringt gnädigerweise vaginal in Dich ein.

Als O. Dir gestattet Dich wieder aufzurichten hast Du Schwierigkeiten zu atmen und Deine Rippengegend fühlt sich gequetscht an. O. aber dreht Dir erneut die Arme nach hinten und stößt Dich zu der schwarzen XL-Couch auf der anderen Seite des Raumes. Er läßt seine flache Hand auf Dein nacktes Gesäß klatschen. Einmal. Zweimal. Du kreischst. Dreimal. Viermal. Du kreischst schrill. Auf der Couch kommst Du rücklings zu liegen. O. presst seine Knie beidseitig in Deine Leisten und umgreift Deinen Hals. „Was machen wir jetzt, Schlampe?“ fragt er und blickt aus seinem fremden, wild umwucherten Gesicht auf Dich herab. „Arschloch küssen?“ röchelst Du mühsam. „Das geht nicht!“ faucht O. und schlägt Dich mit der freien Hand ins Gesicht. „Warum nicht?“ fragst Du. „Ich bin nicht geduscht!“ antwortet O. und schlägt ein weiteres Mal zu. Dein Unterkiefer verschiebt sich. Du bist still. „Du Drecksau bekommst es jetzt ins Gesicht!“ murmelt O. und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf die Innenseiten Deiner Oberarme. Es tut weh. Deine Schultergelenke knacken. Aber Du überstehst es. Ohne zu jammern.

O. bedeutet Dir aufzustehen, nachdem er sich angezogen, aus der Küche ein Kleenex geholt und Dir damit das Gesicht abgeputzt hat, während Du regungslos auf dem Sofa verharrtest. Du kämpfst Dich schweigend hoch und gehst an ihm vorbei, hinaus in den Flur. Dort lehnt O. sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und schaut zu, wie Du die Jeans über Deine zerrissenen Strümpfe ziehst, in Deinen Parka schlüpfst und mit zitternden Händen die Schuhbänder deiner Boots zusammenknotest. „Vergiß Deinen Schal nicht der da auf dem Boden liegt“ sagt er mit leiser Stimme und beobachtet voll Interesse wie Du Dich etwas mühselig danach bückst. Als Du fertig angezogen bist schaust Du ihn mit festem Blick an. „Wir treffen uns nicht mehr, oder?“ fragst Du. „Du Schlampe meldest Dich ja doch wieder!“ antwortet O. betont gleichgültig und zückt den Schlüssel für die Verbindungstür zur Garage. „Ciao“ sagst Du, als Du über die dreistufige Treppe aus grauem Beton in den dunklen, kalten Raum hinaustrittst. „Ciao“ sagt O. und läßt die Türe hinter Dir ins Schloß fallen.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Come all ye Faithful …

Ein milder, fast frühlingshafter Winter kündigt sich an. Dein Fahrrad trägt Dich durch ruhige Tage und sanftes Licht. Die Weihnachtszeit hat begonnen. Dein Sohn hat viele Auftritte und Konzerte. Von O. hörst Du nichts. Dein Flirtpartner vom Tanzfest kümmert sich dafür umso intensiver um Dich. Er schreibt Dir oft. Lädt Dich ein, zu Spaziergängen und Besuchen in Szenerestaurants. Beschenkt Dich mit teurem Parfüm und macht Dir erhebende Komplimente. Du seist für ihn DIE Farbe der Natur, schreibt er einmal. Mädchenhaft. Lebendig. Temperamentvoll. Seine Verehrung tut Dir gut. Du triffst Dich ein paarmal mit ihm. Genießst es, daß jemand Zeit hat für Dich. Wert legt auf Nähe und Zärtlichkeit. Dich umsorgt. Verwöhnt. O. vergessen machen kann er jedoch nicht. Im Gegenteil. Du sehnst Dich täglich mehr nach dessen gebieterischen Sms. Vermisst es, von ihm befehligt zu werden. Und fragst Dich auch ob er etwa spüren kann, daß jemand anderer Dir nahe ist. Denn eines Tages geschieht etwas Merkwürdiges.

Dienstag, 16.12.2014, 17 Uhr. Du begleitest Deinen Sohn zu einem Musik-Event in einer Jugendstilvilla im Osten der Stadt. Sobald Du ihn dorthin gebracht hast, möchtest Du Dich mit Deinem neuen Verehrer treffen. Zum Abendessen. Und für ein wenig Zärtlichkeit im Auto. Du freust Dich auf das Date. Noch mehr aber freust Du Dich, als Du, am U-Bahnsteig stehend, plötzlich eine Sms bekommst von O. „Hallo meine Schlampe!“ schreibt er. „Willst es vor den Feiertagen noch mit mir machen?“ – „Warum nicht?“ antwortest Du, um Coolness bemüht. „Würde es auch jetzt bei Dir gehen?“ fragt O. „Jetzt leider nicht“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Ich bin gerade unterwegs zu einem Konzert von meinem Sohn“ antwortest Du. „Schade!“ schreibt O. „Dann bis bald, Du Schlampe!“ In eigenartig elektrifiziertem Zustand erreichst Du zusammen mit Deinem Sohn den Ort seines Auftritts. Verabschiedest Dich rasch von ihm und hältst seltsam unbeteiligt Ausschau nach dem Wagen Deines neuen Freundes. Kein Zweifel, denkst Du, wer wirklich hier das Sagen hat …

Mittwoch, 17.12.2014, 0.25 Uhr. Du bist wieder zu Hause. Dein Sohn schläft. Dein Mann ist unterwegs, irgendwo. Du selber sitzst bei Tee und Musik auf der Wohnzimmercouch. Das Handy piept. Dein neuer Lover bedankt sich überschwänglich für die Stunden mit Dir. Bevor Du ihm antworten kannst piept Dein Handy erneut. „Hallo Süße!“ schreibt O., „Kannst Du noch rauskommen?“ – „Ich will bald schlafen gehen“ antwortest Du. Kurze Stille. Dann: „Süße, ich muß ehrlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Ich hab jemanden kennengelernt!!!“ Dein Herzschlag setzt aus. Etwas Buntes flimmert vor Deinen Augen. Eine Erdspalte scheint sich zu öffnen, unter Dir. Da ist er, der Moment, vor dem Du seit Monaten Angst hast. Der Moment in dem Du entsorgt wirst. Ausgetauscht gegen eine andere Frau. Und O. verlierst. Du willst nur Eines: Dein Gesicht wahren. Deshalb schaltest Du auf Überlebensmodus und schreibst: „Ok. Dann kann auch ich ehrlich sein zu Dir, oder?“ – „Natürlich!“ schreibt O. „Gut. Erzähl.“ schreibst Du und krümmst Dich über Deinem Handy zusammen. „Nein! Erst Du!“ befiehlt O.

„Also.“, schreibst Du, „Ich kenne seit dem Tanzfest vor zwei Wochen einen Mann mit dem ich mich ganz gut verstehe. Heute abend hat er sich mit mir getroffen und es im Auto mit mir gemacht. Ich war nicht in dem Konzert von meinem Sohn.“ – „Und wie ist es mit Dir?“ schiebst Du nach einer kleinen Pause hinterher. „Ich habe niemanden kennengelernt!!!“ antwortet O. „Das war ein Trick. Ich wollte endlich wissen ob Du es mit anderen Typen treibst. Du bist eine dreckige Schlampe!!! Du hast alles zerstört!!!“ Fassungslos siehst Du zu wie die tektonische Spalte unmittelbar vor Deinen Füßen breiter wird. Der klaffende Abgrund direkt unter Dir scheint bis zum Erdmittelpunkt zu reichen. Felsstücke brechen weg. Mit drei Sms ins Ausweglose geführt. Das ist es was O. soeben mit Dir gemacht hat. Er hat Dich überlistet. Aus der Reserve gelockt. Deine Verlustangst geschürt. Dich dann entlarvt und sich selber weißgewaschen. Präzise. Instinktgesteuert. Elegant. Gnadenlos. Nun kann er Dich entsorgen und Dir obendrein die Verantwortung für Euer Scheitern aufbürden. „Chapeau, O.“, denkst Du, bevor Du ins Bodenlose fällst.

Das Erwachen nach dem Sturz ist grausam. Wieder einmal quälst Du Dich mit labilem Kreislauf über einen Vormittag. Ratlos. Entwaffnet. Aller Möglichkeiten beraubt. Und dennoch kommt Dir alles seltsam unwirklich vor. Wie ein Spiel. Nach zwei Tassen Tee greifst Du zum Handy und schreibst: „Verzeih mir O.! Ich will in Wirklichkeit nur Dich!“ Du richtest Dich auf eine lange Stille ein. Aber um 17 Uhr piept Dein Handy. „Sei ehrlich Babe!“ schreibt O. „Hat er es Dir wenigstens geil besorgt mit seinem großen Schwanz? – „Nein!“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Er hats einfach nicht drauf!“ schreibst Du. „Das tut mir sehr leid für Dich!!!“ schreibt O. und Du kannst seine Häme durch Dein Handy hindurch spüren. „Denn ich werde es Dir jetzt auch nicht mehr besorgen!!! Ich werde es gleich morgen früh mit einer Anderen machen!!! Nach Weihnachten kommst Du dann zu mir!! Ich fessel und mißhandel Dich! Du mußt mein Arschloch küssen und meine Pisse trinken!! Nur wenn Du das alles tust könnte ich Dir vielleicht verzeihen!!!“

Donnerstag, 18.12.2014, 4Uhr. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. Sonst nichts. Ungefähr eine Stunde lang liegst Du wie ermordet da. Gelähmt von der Vorstellung daß O. genau jetzt einer Frau in hochhackigen Schuhen die Tür zu seinem Wagen öffnet und sie mit sich nimmt um Sex mit ihr zu haben, an einem unbekannten Ort. Und Dich damit zu bestrafen. Aber weißt Du ob es auch wirklich so ist? Es gibt nie eine eindeutige Realität im Dunstkreis von O. Es könnte immer alles auch anders ein. Das ist das Gnädige an dieser Scheinwelt. Es kann Dich auch kalt lassen. Es ist genauso relativ und diffus wie alles was O. sagt und tut. Du setzst Dich in Deinen Kissen zurecht und besinnst Dich auf die Möglichkeiten die Du hast. Dann nimmst Du Dein Handy und wünschst Deinem Flirtpartner vom Tanzfest einen wunderschönen guten Morgen. Er antwortet sofort. Verabredet sich mit Dir für den Vormittag. Du besuchst ihn für zwei Stunden in seinem kuschelig eingerichteten Hobbyraum abseits der Hauptwohnung. Und am Nachmittag kontaktierst Du O.

17 Uhr. „Ich hab heute nochmal den Anderen getroffen“ tippst Du in Dein Handy. „Es war ganz schön“. Du wartest auf die Carosse de Retour von O. Bist auf wilde Tiraden gefaßt. Und auf die Schilderung sexueller Triumphe. Doch O. wirkt seltsam dünnhäutig als er Dir antwortet. Gar nicht wie jemand der sich amourös ausgetobt hat. Eher verletzt. Resigniert. „Du bist ja sowas von blöd“ schreibt er. „Lass mich in Ruhe mit Deinen Geschichten! Ich hab echt keinen Bock auf Märchenstunde!!“ – „Es ist kein Märchen!“ antwortest Du. „Ich hab es nicht nötig sowas zu erfinden!“ – „Dann laß mich trotzdem in Ruhe!“ schreibt O.  22Uhr. Du wärmst Dich vor dem Kaminofen. Dein Handy piept. „War er zärtlich zu Dir?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „So zärtlich wie ich es von Dir gern hätte, eigentlich!“ – „Da kannst Du lang drauf warten, dämliche Schlampe!!“ kontert O. „Ich werde niemals mit Dir kuscheln!!! Du bist wirklich nur für Eines gut!!!“ – „Sollten wir uns dann nicht besser trennen?“ fragst Du. „Nein!!“ antwortet O. „Denn Du bist zwar total dämlich und behindert, aber ich liebe Dich!!!“

Montag, 22.12.2014. Die Weihnachtstage kommen näher. Und O.s Chatverhalten wird zunehmend unberechenbarer und bizarrer. Sexuell aufgeladene Ein-Wort-Sms im kategorischen Imperativ. Erotische Dekrete. Verbale Herabsetzungen im Wechsel mit Liebesschwüren und dem Flehen um Beachtung. Sie alle fluten Dein Handy, frühmorgens oder nachts. Wenn Du versuchst darauf einzugehen kommt meistens nichts zurück. Ähnlich wie in den Wochen bevor seine Mutter starb, droht O. zu entschwinden, im Gespinst einer Gefühlswelt das für Dich unentwirrbar ist. Das Fest der Lichter und Geschenke, es scheint O.s Herz eher zu verdüstern anstatt es zu erhellen. Und Du mußt aufpassen nicht mit in seine  Dunkelheit gezogen zu werden. In den Nächten sitzst Du weiterhin viel vor dem PC. Ein neuer psychologischer Begriff beschäftigt Dich: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Und Du versuchst Näheres über O.s Lebensumstände in Erfahrung zu bringen. Vor allem möchtest Du endlich wissen WO in Deiner Stadt er wohnt. Jedoch, das allwissende Internet, es gibt O.s Geheimnisse nicht preis.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Volte Face

Donnerstag, 27.11.2014 Erschöpft, aber glücklich, wie nach der Rückkehr aus fernen, unerschlossenen Klimazonen meldest Du Dich bei Deinen Freunden. Tagelang haben sie nichts von Dir gehört. Nun sind sie froh zu erfahren daß es Dir gut geht. Und beeindruckt von dem, was Du in den Nächten Deiner Online-Recherchen alles entdeckt und erlebt hast. Sie loben die Beharrlichkeit und Konsequenz Deines Vorgehens. Finden Dich tapfer. Mutig. Smart und cool. Sie teilen Deine Gefühle beim Blick auf die Traueranzeige für O.s Mutter. Und erahnen, nicht weniger als Du, das Gebrochene, Umdüsterte seiner Existenz. Die Bürde seines Aufwachsens in einer wahrscheinlich beschädigten Familie. Ihre anerkennenden Worte für Dich verbinden Deine Freunde aber auch mit der Hoffnung, daß Du nun loslassen kannst von O., jetzt, wo Du Grundlegenderes über ihn weißt. Sie wünschen Dir, daß Du den Blick von O.s Fatum lösen und nach vorne schauen kannst. Bald. Du gibst ihnen recht. Jedoch, Du hast nicht wirklich vor, O.s Schattenreich zu verlassen.

Freitag, 28.11.2014 Fürs Erste blickst Du einem freien, aufregenden Wochenende entgegen. Dein Mann fliegt für drei Tage nach London und Dein Sohn geht auf Konzertreise. Du selber bist eingeladen zu einem Tanzfest, das ehemalige Schulfreunde von Dir halbjährlich in einem Jugendhaus am Rande der Stadt veranstalten. Du freust Dich sehr darauf, unbelastet feiern zu können, zusammen mit Menschen die Dich mögen und die Du seit langem kennst. Du willst aber, falls möglich, auch die Chance nutzen und O. treffen. Tagsüber, vielleicht. Oder nachts? 17h. Du schreibst ihm. Und er antwortet: „Das ist ja geil, Babe! Dann machen wir gleich heute nacht ne Nummer im Auto! Wo wohnst Du nochmal genau? Schick mir Deine Adresse, dann hol ich Dich morgen früh ab!!“ Hey, gut drauf heute, denkst Du, während Du O. Deine Hausnummer und Straße mitteilst. „Danke, Babe!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!“ – „Ich zieh dann Strümpfe und Highheels an, ok?“ schreibst Du. „Tu das, meine geile Schlampe!“ antwortet O.

Samstag, 29.11.2014, 2.30h. Du kommst zu Dir, nach einem kurzen, oberflächlichen Schlaf und besinnst Dich auf Dein bevorstehendes Date mit O. Willst aufstehen und im Halbdunkel schon mal nach Deinen Highheels und den halterlosen Strümpfen suchen, um im richtigen Moment bereit zu sein, für ihn. Da piept Dein Handy. „Guten Morgen, Kleine!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du. „Ich kann mich leider jetzt nicht mit Dir treffen!“ schreibt O. „Ich dachte ich wäre schon wieder so weit!! Aber es geht mir noch alles so nahe wegen meiner Ma!!!“ – „Das verstehe ich!“ antwortest Du. „Ich war jetzt ganz oft zusammen mit meinen Brüdern in dem Dorf wo ich aufgewachsen bin!!!“ schreibt O. „Und das muß ich erst noch verkraften!!! Du bist mir hoffentlich nicht böse!“ – „Überhaupt nicht!“ antwortest Du und kuschelst Dich wieder in den Kissen zurecht. Du hoffst, noch ein wenig mehr zu erfahren, über das kleine Dorf und O.s Brüder, und das, was dort alles so schwer zu bewältigen ist. Aber O. schreibt nicht mehr zurück.

Du sinkst zurück in den Halbschlummer. O.s Brüder, wie mögen sie wohl aussehen, denkst Du traumverloren. Und das kleine Dorf? Du könntest im Sommer mit dem Fahrrad hinfahren, denkst Du. Eine Tagestour wäre es wohl. Dann könntest Du sie kennenlernen, O.s Kindheitssphäre. Du träumst von Ahornbäumen, Getreidefeldern und einem wilden kleinen Jungen mit zerzaustem Haar. 6.15h. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. „Grts Dir besser?“ tippst Du mit verklebten Augen. „Leider nicht!“ schreibt O. „Aber ich hab eine starke Tablette genommen. Dadurch konnte ich ein bisschen schlafen.“ O.s Ausgesetztheit rührt Dich. Im Nebel Deines unwachen Zustands suchst Du angestrengt nach ein paar Worten der Fürsorge. Aber bevor Du sie ins Handy tippen kannst, schreibt O. erneut. Vollkommen verändert. Ausgetauscht. Nicht mehr haltsuchend und bedürftig. Sondern feindselig. Heimtückisch. Auftrumpfend und manipulativ. Seine Sexbesessenheit erhebt ihr basiliskenhaftes Haupt. Und haucht Dich lähmend an.

„Jetzt sei mal ehrlich, Du Schlampe!!“ schreibt O. „Es kommt nachher bestimmt gleich ein Ficker zu Dir wenn Du allein zu Hause bist!!“ – „Nein“ antwortest Du, überrumpelt von der 180-Grad-Wendung im Chatverlauf. „Dann könnte ich ja kommen, oder?“ schreibt O. „Sehr gern!“ antwortest Du. „Ich würde aber nicht besonders zärtlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Warum nicht?“ tippst Du, Unheilvolles ahnend. „Mal angenommen ich würde Dich vergewaltigen“ schreibt O., „würdest Du mich anzeigen?“ – „Vergewaltigen? Anzeigen? Warum???“ schreibst Du panisch. „Weil ich Lust dazu habe!!!“ schreibt O. „Ich will Dich anal vergewaltigen!! Also. Zeigst Du mich danach an?“ – „Das kann ich doch gar nicht wenn ich Deinen Nachnamen nicht weiß!“ pokerst Du. „Könntest ja gegen unbekannt!“ kontert O. „Und außerdem könntest Du mich ja beschreiben!“ – „Ja“ antwortest Du. „Aber ich hoffe, daß Du mir niemals Grund gibst all das zu tun!“ – „Gut!!“ schreibt O. „Dann komm ich nachher zu Dir!!! Mach Dich auf eine harte Nummer gefaßt!!!“

Für ein paar Sekunden sitzst Du geschockt in Deinem Bett. Denkst an O.s bleichen, fast vollkommen haarlosen Körper und stellst Dir Deine hilflosen Versuche vor, ihn Polizeipsychologen und Vernehmungsbeamten adäquat zu beschreiben. Daß Du O.s Familiennamen seit kurzer Zeit kennst, ändert eigenartigerweise nichts an deinem Ohnmachtsgefühl. Im Gegenteil. Du spürst nur umso deutlicher, wie weit entfernt vom Rande des Normalen, Nachvollziehbaren sich Eure Beziehung längst bewegt. Wie tief Du selbst in eine Sphäre abgetaucht bist, in der bürgerliche Namen und Gesetze keine Relevanz besitzen. In der nur Eines zählt: das schillernde Herrschaftsprinzip der katzenhaften Eingebungen von O. Du bereust heftigst, ihm Deine Wohnadresse anvertraut zu haben. Dann aber nimmst Du Dich zusammen. Stehst auf, schüttelst Deine Bettdecke zurecht, gehst mit robotischen Bewegungen hinunter in die Küche und machst Tee. Ich muß aufräumen, bevor er kommt, denkst Du. Die äußere Ordnung aufrecht erhalten, so gut es geht. Da piept Dein Handy.

„Ich komm nicht rechtzeitig von zu Hause weg!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, mit unkontrolliert zitternden Händen. „Vielleicht ganz gut so“ kannst Du Dir nicht verkneifen hinterher zu schicken, nachdem Du kurz durchgeatmet hast. „Eines Tages mache ich es auf jeden Fall!!!“ schreibt O. „Aber Du, Schlampe, biete mir nie wieder etwas an was Du dann doch nicht willst!! Sonst muß ich Dich bestrafen!!!“ – „Ich hab Dir ganz sicher nie angeboten mich anal zu vergewaltigen!“ antwortest Du empört. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Im Laufe des Nachmittags wirst Du sehr sehr müde. Du rollst Dich unter mehreren Wollplaids auf der Wohnzimmercouch zusammen und schläfst tief und traumlos für einige Stunden. Als Du wach wirst ist es bereits dunkel. Auf Deinem Handy sind mehrere Sms von Freunden die fragen, wann Du zum Tanzfest kommst. Eigentlich willst Du niemanden sehen. Fühlst Dich viel zu erschöpft und zu ausgelaugt um eine weitere Nacht zum Tage zu machen. Dann aber raffst Du Dich doch noch auf.

21.30h. Frisch geduscht stehst Du vor dem Badezimmerspiegel. Schminkst Dich ein bisschen. Deine Haare sind wieder ganz kurz geschnitten worden, vor wenigen Tagen. Und Du hast ein neues Empire-Top. Indigoblau, mit Streublümchenmuster und Spaghettiträgern. Es läßt den halben Rücken frei, so daß fast alle Deine Tattoos gut zu sehen sind. Mal schauen was passiert, denkst Du, während Du in Jeans und Parka schlüpfst und noch schnell ein paar Brennholzscheite für das geplante Lagerfeuer in Dein Fahrradkörbchen legst. Es ist eine trockene, sternklare Nacht. Erwartung liegt in der Luft. Du fährst los. Vor dem Jugendhaus werden bereits Flammen entfacht als Du ankommst. Drinnen wird ekstatisch getanzt. Der DJ mixt Alternative Rock mit Kult-Schlagern und Dancefloor-Sirtakis. Du wirst begrüßt, umarmt, mit Prosecco versorgt, auf die Tanzfläche gezogen. „Atemlos durch die Nacht“ singst Du, zusammen mit den Anderen. Dein Freund, der Suchtberater, winkt Dir im Trubel zu. Alles ist gut.

Kurz vor Mitternacht gehst Du ins Freie. Schaust in den Sternenhimmel. Denkst an O. Nimmst Dein Handy und schreibst: „Was machst Du gerade?“ – „Ich versuche zu schlafen. Warum?“ antwortet er. „Ich bin heute nacht auf einem Tanzfest“ schreibst Du. „Und wenn ich später heimfahre könnten wir uns treffen.“ – „Lieb von Dir“ antwortet O. „Aber wenn Du so verschwitzt bist will ich es nicht mit Dir machen!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann hab eine Gute Nacht!“ – „Du auch“ antwortet O. Du gehst wieder nach innen und holst Dir noch ein Glas Prosecco. Fühlst Dich ein wenig verloren, plötzlich. Ich sollte bald gehen, denkst Du. Da kommt aus dem Getümmel der Tanzfläche jemand auf Dich zu, nimmt Dich an der Hand und zieht Dich hinter sich her. Ein schmaler, unauffälliger Mann mit Brille, kaum größer als Du. Er ist begeistert von Dir. Deiner Art Dich zu bewegen. Deinen Tattoos. Ihr tanzt lange. In den Morgenstunden begleitet er Dich zu Deinem Fahrrad und Du gibst ihm Deine Handynummer. So endet Dein freies Wochenende.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

A Motherless Child

Montag, 17.11.2014 „Wow, so schnell schon bereit für eine neue Runde Missbrauch? “ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm von Deiner Wiederannäherung an O. berichtest. „Naja, die Mesaillancen sind die Allerschönsten“ antwortest Du ein wenig trotzig. „Das hat sogar mein Doc gesagt!“ – „Oh, wußte gar nicht daß man auch auf ärztlichen Rat hin Vabanque und Russisch Roulette spielen kann!“ schreibt Dein Freund. „Dann verzock Dich nur nicht, Madame!“ Nein, tu ich nicht, denkst Du still für Dich. Denn, O. gibt Dir aktuell gar nicht die Möglichkeit dazu. Von Russisch Roulette kann keine Rede sein. Eher vom Mantel des Schweigens, hinter den sich O. so kurz nach Eurem Sonntags-Chat bereits wieder zurückgezogen hat. Die ganze Woche hindurch bekommst Du keine einzige Nachricht von ihm. Die neuerliche Funkstille zerrt an Deinen Nerven. Sie lastet auf Dir. Lähmt Dich und laugt Dich aus. Du fühlst Dich hilflos. Einsam. Tag für Tag zunehmend herabgewürdigt. Beleidigt und provoziert. Bis Du genug hast.

Samstag, 22.11.2014. 17h. Nach fünf Tagen hältst Du es nicht mehr aus, von O. zu Tode geschwiegen zu werden. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich weiß nicht ob es gut ist wenn wir noch in Kontakt sind. Mach Dir keine Sorgen um mich, ich bleibe nicht allein. Morgen nachmittag treff ich jemanden der sich schon lang wünscht mich zu sehen!“ Kurzzeitig empfindest Du eine Art Triumphgefühl. Ich kann auch anders, denkst Du. Dann jedoch holt Dich die Stille wieder ein. Und mit ihr das Gefühl, einen schweren Fehler gemacht zu haben. 23h. Dein Handy gibt ein eigenartiges Summen von sich. O. schreibt nur einen einzigen Satz: „Hallo!! Meine Mutter ist heute um 21 Uhr gestorben!!!“ – „Oh Gott. Verzeih mir! Es tut mir so leid!“ antwortest Du sofort. Und wunderst Dich ausnahmsweise mal nicht, warum Du keine Antwort bekommst. In der Nacht quälst Du Dich mit Selbstvorwürfen. Wie konntest Du so unsensibel sein? So taktlos? Du hattest nicht mehr wirklich an die Existenz von O.s todkranker Mutter geglaubt. Das rächt sich nun.

Sonntag, 23.11.2014 Mit einem flauen Gefühl im Magen kämpfst Du Dich durch den Tag. Es geht Dir nahe, Dir vorzustellen, daß O. eine Woche am Sterbebett seiner Mutter verbracht hat und nun Beerdigungsdetails zu klären hat. Zusammen mit seinen Brüdern. Es tut Dir aber auch weh, daß er Dich ausschloss aus seiner Gefühlswelt, in diesen Tagen. Dir keine Chance gab, Dein Mitgefühl zu zeigen. Und Dich gerade dadurch zu Deinem unangemessenen Verhalten verführte. 15h. Dein Handy schnarrt bösartig und scheint sich dabei ruckartig auf dem Tisch zu bewegen. O. schreibt wie entfesselt. Feuert Hass-Sms auf Dich ab. Du bist wieder einmal die Schlampe von der er weiß daß sie es mit ganz vielen Männern macht. Er weiß noch nicht mit wie vielen genau, aber er wird es herausfinden. Dann beruhigt er sich ein wenig. Fragt ob Du ihm weiterhin dienen und Wünsche erfüllen willst. Seine Schlampe und Sexgöttin sein. Die nachts auf Highheels zum Parkplatz kommt. Und ihn küßt. Du schwörst es ihm. Um 20h30 ist Euer Chat zu Ende.

Montag, 24.11.2014. 17h. O. schreibt. Erneut stakkatohaft. Irrlichternd. Voller morbider Energie. Vom Tod seiner Mutter: kein Wort. Dafür: Sex-Phantasien. Driftend. Vagabundierend. Beherrscht von Düsternis und Verlorenheit, mit Dir als Objekt von Erniedrigung und Missachtung. Du hast Mühe, seinen Imaginationen standzuhalten. Denn Du bist darin zu einer Unberührbaren geworden. Einer kastenlosen Frau, vom Bodensatz der Gesellschaft. „Ich will daß Du morgen tief nachts zum Parkplatz kommst!!!“ schreibt er auf dem Höhepunkt Eures Chats. „Es ist mir egal ob Dein Mann davon was merkt!!! Du mußt Highheels und Strümpfe anhaben. Und Du darfst kein Wort sagen!!!“ – „Überhaupt nichts?“ fragst Du zurück. „Kein Wort!!“ schreibt er. „Ich werde nichts mit Dir reden. Dich nicht anschauen oder anfassen!! Ich will nur daß Du Dich im Auto hinlegst. Und dann werde ich mich einfach mit meinem Hintern auf Dein Gesicht setzen. Du mußt mich lecken. Und dann mußt Du sofort wieder gehen!!!“ Du frierst als der Chat zu Ende ist.

Dienstag, 25.11.2014. 23h30. Hinter Dir liegt ein kalter, verregneter Tag. O. hat sich nicht mehr gemeldet. Damit blieb es Dir erpart, den schaurigen Plan einer anonymen, wortlosen Begegnung am Parkplatz bei Nacht in die Tat umzusetzen. Du bist erleichtert. Und empfindest es dennoch als kränkend, mit keiner Silbe darüber informiert worden zu sein daß Du zu Hause bleiben kannst. „Gedemütigt durch Schweigen“ denkst Du, während Du im kleinen Arbeitszimmer unter dem Dach den PC hochfährst. Dein Mann und Dein Sohn schlafen tief. Nicht ahnend daß Du seit Monaten ein zweites Leben führst. In einer Parallelwelt, mit eigenen Gesetzen und Erfordernissen. Ein Dasein, in dem es Dir heute etwa auferlegt ist, die Traueranzeigen und Kondolenzseiten Deiner Stadt und ihrer Umgebung im Internet zu durchstöbern, auf der Suche nach einer einzigen Information: O.s Namen. Wenn Du je eine Chance hattest zu erfahren wie O. mit vollem Namen heißt, dann jetzt, denkst Du. Und klickst Dich klopfenden Herzens durch die Seiten.

Der Regen prasselt auf das Dachfenster Eures Hauses. Zwei Stunden lang kämpfst Du Dich am PC durch Gedenkseiten und Trauerportale. Sichtest Todesanzeigen, Sterbebilder, virtuelle Erinnerungskerzen und Rosenkränze. Liest Sinnsprüche des Abschieds und der Anteilnahme. Stets die Namen der Hinterbliebenen im Blick. Es ist eine mühselige Arbeit. Deine Augen schmerzen. Die Trauer um Menschen, die Du nie gekannt hast, greift Dich an. Vor allem aber empfindest Du Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, tiefe Resignation. „Alles sinnlos“ denkst Du. „Er wird immer ein Phantom bleiben“. Du überlegst, die Suche einzustellen. Schämst Dich für Dein indiskretes Wühlen im Verlustschmerz Anderer. Beschließt, noch drei Seiten zu scrollen. Überfliegst sie mit flatternden Lidern, ohne richtig hinzusehen. Willst aufstehen, schlafen gehen, O. einfach vergessen. Da bleibt Dein Blick an einer Traueranzeige mit farbigem Bild hängen. Ungläubig starrst Du darauf. Du siehst das Gesicht und den Namen von O.

Schlagartig bist Du wieder hellwach. Du fühlst eine Woge von Adrenalin durch Deine Körperzellen rauschen, während Du versuchst, die unverhoffte Informationsfülle auf der Bildschirmoberfläche zu erfassen. O.s Nachnamen hattest Du herausfinden wollen. Und nun entdeckst Du so Vieles mehr. Daß O. der Jüngste von drei Brüdern ist wußtest Du ja schon.  Nun kannst Du lesen wie sie heißen, daß sie Ehefrauen oder Lebenspartnerinnen haben, daß der Älteste von ihnen, O.s Halbbruder, Vater zweier Söhne ist. Auch den Vornamen von O.s Freundin erfährst Du nun. Du siehst, daß O.s Mutter wenige Tage nach ihrem 74. Geburtstag starb und erkennst auf dem Erinnerungsbild in der linken oberen Ecke der Sterbeanzeige O.s Gesichtszüge in den ihrigen vollkommen wieder. Derselbe blasse Mund. Die gleiche Form und Farbe der Augen. Nur ist der Blick von O.s Mutter hinter der biederen Brille weder magisch, noch arrogant. Sie hat keine dichten Wimpern und keine umschatteten Lider. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal von O.

Du betrachtest das Inserat noch ein wenig genauer und erinnerst Dich. Während Eurer gemeinsamen Autofahrt zur alten Villa, dem Ort Eurer ersten intimen Begegnung, hatte O. Dir erzählt daß er in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen sei. Ca. 30 Kilometer nordöstlich von Deiner Stadt. Sein Großvater habe ihm dort beigebracht, Dinge immer erst dann wegzuwerfen, wenn sie wirklich irreparabel kaputt und unbrauchbar seien. Wie Du nun siehst, hat O.s Mutter in diesem seinem Heimatdorf bis zu ihrem Tod gewohnt. Der Ortsname ist in der Traueranzeige jedenfalls angegeben. Du kannst es googeln, einen kurzen Wikipedia-Eintrag darüber lesen, es aus der Vogelperspektive besichtigen bei Google Earth. Du empfindest Wehmut beim Blick auf die akkurate kleine Ansammlung ländlicher Häuser von oben. In einem von ihnen wurde O. zu dem der er heute ist, denkst Du. Verletzt, einsam, ohne Vertrauen, stets auf der Flucht. Und plötzlich fällt Dir auf: der Name von O.s Vater fehlt in der Todesannonce.

Der Morgen graut. Dir ist kalt. Du hast die ganze Nacht vor dem PC verbracht. Hast Menschen, Zahlen und Orte im Internet gesucht und gefunden. Hast Bedrängendes klären können. O. hat – nun auch für Dich – einen Namen. Ein Umfeld. Eine Herkunft die offen vor Dir liegt. Er ist ein Mensch. Eine Person mit einer Biografie. Kein Phantasiegebilde mehr. Kein Gespenst. Du bist erleichtert. Dankbar zu sehen, daß er Dich nie belogen hat, über seinen familiären und sozialen Hintergrund. Voller Hoffnung ihm neu begegnen zu können, auf der Basis dieses Wissens. Und dennoch fühlst Du eine tiefe Traurigkeit, als Du den PC abschaltest, ins Schlafzimmer hinunter gehst und Dich dort im Bett an den warmen Rücken Deines Mannes kuschelst, der langsam wach wird. Denn, so sehr Du auch im Netz gesucht hast, über O. selbst war dort absolut nichts zu finden. Kein Bild. Keine Adresse. Keine Homepage. Keine Präsenz in einem sozialen Netzwerk. Nichts. Er ist und bleibt ein Spurenverwischer. Ein Verschwinder. Und das bedrückt Dich sehr.

Mittwoch, 26.11.2014. 2h. Du bist zu aufgewühlt um zu schlafen. O.s Situation läßt Dich nicht los. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Es macht mich sehr traurig was mit Deiner Mama passiert ist. Du hättest ruhig öfter und mehr davon erzählen können. Viele Küsse!“ Du erwartest keine Reaktion. Doch nur Sekunden später antwortet O. Ungewohnt authentisch. Berührbar. „Kannst Du auch nicht schlafen?“ fragt er. „So ungefähr“ antwortest Du. „Schön daß ich nicht allein bin!“ schreibt O. „Gestern war ja die Beerdigung. Das hat mich nochmal total nieder gestreckt!“ – „Ich versteh Dich!“ antwortest Du. „Ich weiß, Kleine!“ schreibt O. „Du hilfst mir sehr viel! Und bald will ich es wieder im Auto mit Dir machen! Du darfst aber nicht nochmal bluten, ok?“ – „Ich werde garantiert nie wieder bluten!“ schreibst Du. „Du bist einfach meine Sexgöttin!“ schreibt O. „Könntest Du jetzt noch rauskommen?“ – „Leider nicht“ antwortest Du. „Schade“ schreibt O. „Dann fahr ich jetzt noch alleine ein bißchen rum! Schlaf gut, mein Engel!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Grand Void

Freitag, 7.11.2014 Drei Tage nach Deinem unsternverfolgten Besuch im Haus mit den vielen Bildern geht Dein Fieber zurück. Du kannst wieder aufstehen und Deinen Alltag bewältigen. Dein Inneres allerdings ist schwer erschüttert. Du weinst leicht. Fühlst Dich fremd und verloren. Schreckst nachts hoch, weil widersprüchliche Erinnerungen Dich fluten. Nie war O. Dir anbetungswürdiger, nie schöner erschienen, nie hatte er hoheitsvoller auf Dich herabgeblickt als in der Intimität jenes kleinen Raumes mit den zerknüllten weißen Kissen auf dem Grand-Lit. Nie hattest Du Dich ihm näher gefühlt, für Bruchteile von Sekunden. Und nie war er Dir brutaler, nie abweisender begegnet als nach Deinem Sakrileg, die Makellosigkeit dieses Ortes mit Deinem Blut befleckt zu haben. Aus dem vermeintlichen Spiel war Ernst geworden: nun warst Du wirklich der Unrat, als den er Dich schon mehrfach behandelt hatte. Nichtswürdig. Pariah. Unvereinbar mit dem Stil des Hauses. Es war Deine siebente Begegnung mit O. Und, zweifellos, Deine letzte.

Natürlich vertraust Du Dich Freunden an. Erzählst. Schreibst. Berichtest das Unfaßbare. Quickie… Blutflecken… Rauswurf… Kontaktabbruch… „Aha. Du blödes Sexspielzeug hast also nicht funktioniert!“ schreibt der Suchtberater. „Dann ab auf den Müll mit Dir!“ – „Oh Du Ärmste!“ schreibt Dein anderer Schulkamerad. „Bist Du jetzt wieder ok?“ Das Mitgefühl tut Dir gut. Es nimmt Dir ein wenig von Deiner Scham. Wirklich trösten kann es Dich allerdings nicht. Denn, Deine Freunde, sie erwarten Gefühle von Dir, die Du gar nicht hast. Sie glauben Du würdest nun froh sein, O. nie wieder begegnen zu müssen. Glücklich über Dein Entrinnen. Du aber empfindest keinerlei Ressentiment gegen ihn. Stattdessen eine fast unerträgliche Sehnsucht. Du träumst nachts davon, wieder bei O. im Haus zu sein. In dem kleinen Zimmer. Und Dich ihm dort zu Füßen zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. „Oh. Stockholm-Syndrom“ schreibt Dein Freund, als Du ihm Deine Phantasien schilderst. „Langsam wirds gefährlich!“

Entführte Frauen, die sich in ihren Kidnapper verlieben. Mit ihm kooperieren. Sich auf seine Seite stellen. Weibliche Geiseln, die Bankräuber aktiv unterstützen und dabei romantische Gefühle entwickeln. Intime Beziehungen zwischen Opfern und Tätern. Liebe auf der Flucht oder in Geiselhaft. Dankbarkeit für den Peiniger. Solidarität mit dem Verbrecher. Symbiotische Verknüpfung von Liebe, Erotik und Gefahr. So beschreibt das Internet das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms. Der Begriff entstand im Jahr 1973. Bei den Angestellten einer Bank in Stockholm entstanden damals intensive Gefühle von Zuneigung und Sympathie für die Gewaltverbrecher, die sie fünf Tage lang gefangen hielten. Inzwischen spricht man eher von traumatischer Bindung oder Trauma-Bonding wenn es um die Faszination durch Brutalität und um das paradoxe Hingezogensein einer bedrohten, ausgelieferten Person zu ihrem Misshandler geht. Dein Freund hat recht. So eine blind verliebte Geisel: das bist auch Du.

Du überlegst. Läßt Szenen Revue passieren. Erinnerst Dich. Eigentlich war O. von Anfang an wie ein Entführer aufgetreten, Dir gegenüber. Hatte Dich gefangen genommen. Unter Arrest gestellt, gleich in den ersten Minuten Eures Kennenlernens. Es war Teil seiner Überwältigungsstrategie gewesen, Dich mit strenger Stimme zu bannen. Und dann im Kreuzfesselgriff abzuführen. In Autos zu schubsen. An unbekannte Orte zu bringen. Dich durch Räume zu zerren, auf Betten zu stoßen. Und Du leistetest keinen Widerstand. Im Gegenteil. Es gefiel Dir. Erinnerte Dich an Spiele, die Du als Schulkind geliebt hattest: Marterpfahl. Mädchen fangen. Mit O. schien einer der verwegensten Spielgefährten aus Deiner Kindheit wieder aufgetaucht zu sein. Um Dich mitzunehmen in sein dunkles Abenteuerland. In das Du ihm willig folgtest. „Und das ist pathologisch?“ fragst Du Deinen Freund. „Es führt zu einer ungesund intensiven Bindung deinerseits“ antwortet er. „Und dadurch wird’s sehr schwer für Dich werden, Dich vom O. zu lösen.“

Loskommen von O.? Schwer? Nein. Unmöglich, denkst Du, während Du versuchst, Dich in Deiner Ausgestoßenheit zurecht zu finden. Du wankst durch feuchtkalte, dunkelgraue Tage, als entkernte Hülle Deiner selbst,  in einer verwaisten, leergeräumten Welt. Streifst mit dem Fahrrad durch die Gegend, in der Hoffnung, O. irgendwo zu begegnen. Suchst nachts die Parkbank auf und wartest ob der Geländewagen vorbeifährt, mit O. am Steuer. Fahndest in Vorgärten und Garageneinfahrten nach einer Spur. Einmal wagst Du Dich nach Einbruch der Dunkelheit auch in die Nähe vom Haus mit den vielen Bildern. Starrst hinauf zu den Fenstern, die hinter den herabgelassenen Rollos leuchten. Die Eigentümerfamilie ist zurückgekehrt. Lebt, lacht, ißt und trinkt in den Räumen, in denen noch Hautpartikel und Seelenreste von Dir haften. Nicht ahnend, daß draußen eine verfemte Frau vor ihrem Anwesen umherirrt, auf der Suche nach einem Phantom. Du, auf der Suche nach O. Seinem Namen. Seiner Geschichte. Seiner Identität.

Mittwoch, 12.11.2014 9h. Nachdenklich rührst Du Karamellzucker in Deinen Frühstückstee. Du benötigst einen Löffel extra, seitdem O. Dich von sich jagte. Dein Handy piept. Dein Freund, der Suchtberater macht sich Sorgen um Dich. „Mal was ganz Anderes, Süße“ schreibt er. „So richtig safe war es ja wohl nicht, was Dein durchgeknallter Lover alles mit Dir gemacht hat, oder?“ – „Nicht wirklich“ antwortest Du. „Aber er hat gesagt daß er clean ist und sich regelmäßig testen läßt“ – „Oh wie beruhigend!!“ schreibt Dein Freund. „Wir haben wirklich allen Grund ihm das zu glauben, so verantwortungsbewußt wie er bisher aufgetreten ist!“ Du starrst in Deine Teetasse. Könntest Deinem Freund jetzt Vieles schreiben über den speziellen sexuellen Stil von O. Und warum der nicht mit Präservativen vereinbar ist. Du läßt es. Es tut zu weh, Dir vorstellen zu müssen, daß Du das alles nie mehr erleben wirst. „Was soll ich machen?“ fragst Du Deinen Freund. „Nen Termin beim FA Deines Vertrauens“ antwortet er. „Und nen HIV-Test!“

Donnerstag, 13.11.2014 8h. Ein wenig zusammengekrümmt sitzst Du im Wartezimmer der gynäkologischen Praxis in der Du schon betreut wurdest als Du schwanger warst mit Deinem Sohn. Hinter Dir liegt eine fast schlaflose Nacht, aber Du bist froh daß man Dir sofort einen Termin gab, als Du Dein Anliegen vorbrachtest. Der Zeitpunkt ist günstig, Dein Mann seit gestern verreist. Der „FA Deines Vertrauens“ freut sich, Dich nach drei Jahren mal wieder bei sich zu sehen. Er hatte immer viel Verständnis für Dich. Auch heute hört er Dir geduldig zu. „Die verhängnisvollen Affären sind doch wirklich immer wieder die allerschönsten!“ sagt er als Du zu Ende erzählt hast. „Lassen Sie mich bald erfahren wie es weiterging!“ „Beruhigungshalber“ rät er Dir, einen Schnelltest auf HIV zu machen. Du bist einverstanden. Fährst halb erleichtert und getröstet heim. 19h. Telefonläuten. „Mit Ihrem Blut ist alles ganz in Ordnung!“ sagt der FA Deines Vertrauens am anderen Ende der Leitung. „Danke“ flüsterst Du und weinst kurz nachdem er aufgelegt hat.

Freitag, 14.11.2014 Es geht Dir plötzlich viel, viel besser. Alles erscheint Dir weniger düster und ausweglos seit dem Gespräch mit dem FA Deines Vertrauens. Welch wunderbarer Heilkundiger, denkst Du. Er hat Dir den Glauben an Dich selber als Person zurück gegeben. Du fühlst Dich nicht länger als Gespenst, körperlos und erloschen. Du bist zurück in Deinem Leben. Hast einen liebevollen Ehemann. Einen niedlichen, begabten Sohn. Treue Freunde. Lebst in einem charmanten Haus am südlichen Rand einer stolzen, großen Stadt. UND: Du bist einem Traum von Kerl begegnet, der Deine verborgensten Chimären berührt und dennoch Deine kleine Welt intakt gelassen hat. Damit ist er für Dich über jeden Zweifel erhaben. Von jedem Vorwurf freizusprechen. O. ist NICHT schlecht für Dich. Im Gegenteil. Er ist ein faszinierender Mann und Liebhaber. Bestrickend. Grenzüberschreitend. So very cool. Du willst, Du mußt ihn zurückgewinnen. Ihn wieder in Deinem Leben haben. Sein Herz erreichen. Unbedingt. Gleich morgen wirst Du damit anfangen.

Sonntag, 16.11.2014 14h. Du bist allein zu Hause. Dein Mann wird in wenigen Stunden zurück kommen von seiner Reise. Frisch geduscht und nackt stehst Du im Schlafzimmer. Schlüpfst in die Highheels die Du getragen hast zum Parkplatz-Date mit O. Legst Dich aufs Bett. Schaltest die Selfie-Kamera ein. Fotografierst die Absätze der Schuhe. Das Tattoo auf Deinem Bauch. Deine Schultern. Dein Gesicht. Wählst drei Bilder aus. Sendest sie O. Schreibst dazu: „Es ist alles schrecklich leer ohne Dich!!!“ Hältst den Atem an. Hoffst. Wartest. 17h. Dein Handy piept. „Du kannst mich nicht loslassen!!!!“ schreibt O. „Warum??“ – „Vielleicht weil ich Dich liebe?“ antwortest Du. „Nein, Schlampe!!! Weil Du mich brauchst!!!“ schreibt O. „Natürlich. Du hast recht.“ antwortest Du. „Schön daß Du es endlich einsiehst!“ schreibt O. „Ich dachte schon Du würdest überhaupt nicht mehr zur Vernunft kommen!“ – „Doch“ antwortest Du. „Gut, Schlampe!!! Dann verzeih ich Dir!“ schreibt O. „Ich werde Dir erlauben mich wiederzusehen!!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin