Zofe

Nein, Du wirst natürlich nicht sofort komplett von O. verstossen, nach Deinem eigenmächtigen Friseurbesuch im Herbst 2017. Selbstverständlich wird Dir eine Chance zur Bewährung, zur Korrektur Deines kleinen Fehltritts gewährt. Du bist schliesslich wertvoll, ja, zweifellos wichtig für O. Aber Du wirst enttrohnt, herabgestuft, auf die Plätze verwiesen, von denen Du Dich so mühsam unter Erbringung so vieler Opfer emporgearbeitet hast. Und musst sisyphusmässig von vorne damit beginnen, Dir O.s Anerkennung zurück zu erkämpfen. Musst noch mehr neue, andere, immer noch aufregendere Sex-Toys und Dessous beschaffen und noch sensationeller filmen und fotografieren. Noch öfter nachts wachbleiben um O. mit dem, was Du tagsüber vollbracht hast, zu versorgen. Und selbst dann bleibt immer spürbar in dieser Zeit nach Eurer siebenwöchigen Symbiose: der feine Riss zwischen Euch ist nicht mehr zu kitten. Dein Sturz aus dem Schein von O.s Gnadensonne hat begonnen. Zeitlupenhaft. Schwebend. Unaufhaltsam.

Im November 2017 wird jedoch erst nochmal ganz grosses Tennis gespielt, zwischen Dir und O. Am Vormittag des 4.11. wächst Du über Dein bisheriges pornographisches Selbst hinaus und erschaffst mit dem Mut der Verzeiflung ein Video, auf dem Du in schwarzen Highheels und schwarzer schrittoffener Nylonstrumpfhose vor der Badewanne im ersten Stockwerk Deines Zuhauses hockend einen beachtlichen kleinen See auf die anthrazitfarbigen Badezimmerfliessen pinkelst und dabei mit tiefrot geschminkten Lippen graziös in die Selfie-Kamera Deines Handys lächelst. Danach hast Du für O. eine neue Dimension von Versautheit vulgo Anbetungswürdigkeit erreicht. „Unfassbar dreckige Sexgöttin“. „Geilste aller geilen Schlampen“. „Mega-Nutte“. Das sind die Lobesworte, die er für Dich findet und in immer neue, frei flottierende Piss-and-Pee-Fantasien via Whatsapp einbindet. Ob Du auch life für ihn im Badezimmer auf den Boden pieseln würdest? Im Wiesn-Dirndl? In Jeans? Ob er zuschauen dürfe, wie Du danach putzst?

Ob Du es auch mal im Garten deines Hauses für ihn tun und filmen könntest? Bei Regen? Im Schnee? Oder an irgendeinem öffentlichen Ort? Auf jeden Fall avancierst Du in diesen Tagen von O.s einstmals stoppelhaariger Sträflingsfee zu seiner wunderbaren Wet-Games-Partnerin und von dieser, nachdem Du einen schwarzen, brustfreien und schrittoffenen Langarm-Catsuit mit angenähter, komplett gesichtsverhüllender Balaclava-Haube gekauft und fotografiert hast, zu O.s namenloser Dark Lady und SM-Wonder-Woman, die er am 7.11.2017 sogar persönlich besucht. Nach den üblichen Präliminarien natürlich. Nach umfassender und mehrfach kurzfristig geänderter Abstimmung von Besuchszeit und Ort, nach ausgiebiger Diskussion der Frage Deiner Bekleidung, nach Festlegung des Wie-tief, Wie-heftig, Wie-schnell, Wie-kurz, Wie-demütigend-für-Dich, nach plötzlichem halbstündigem Schweigen und Nicht-mehr-Abrufen Deiner Nachrichten, nach Einfordern von Bildern und Liebesschwüren. Nach alldem, was Du längst kennst.

Was Du tausendmal geliefert und bewiesen hast und glaubtest, nicht noch einmal beweisen zu müssen. Nach alldem macht O. Dir an diesem grauen, kühlen Herbstvormittag seine Aufwartung und beglückt Dich mit einem Date, in dessen Verlauf Du blind und unter dem schwarzen Nylonstoff der Kopfverhüllung um Luft ringend auf dem Bett im Schlafzimmer Deines Hauses hart und heftig von hinten genommen wirst, ehe O. Dir gestattet, Dich auf den Rücken zu drehen und mit seinen kräftigen Händen langsam und konzentriert das dunkle Gewebe über Deinem Gesicht aufreisst damit Du den Rim-Job für ihn machen und Dich dabei ausgeliefert, gottverlassen, mutterseelenallein und bedroht fühlen kannst. Damit Dein Herz sich für Tage genauso zerrissen und zerfetzt anfühlt, wie die fransigen Reste des an Deinem Körper beim hastigen Abschied im Treppenhaus herabhängenden Bondage-Suit. Damit Du O.s Kaputtheit ein weiteres von prinzipiell unendlich vielen Malen in Dir spüren und Dich fragen kannst, wie oft, wie lange Du es noch packst.

Damit. Damit. Damit. Jedoch. Bevor die Beziehung zwischen O. und Dir ab Januar 2018 ihren unweigerlichen, nicht aufzuhaltenden Niedergang durchmacht, wird auch Eure Vorweihnachtszeit im Jahr 2017 nochmal wunderschön. Du gibst erneut alles, läufst zu ganz grosser Hochform auf, um nach einem wilden Frühmorgen-Chat am 29.11. O.s neueste, bisher für ihn ganz untypische Sehnsucht nach Erotik in Steampunk-Fashion und Vintage-Style zu bedienen. Schnörkel. Spitzen. Volants. Rüschen. Kompliziert gewundener Tinneff. Bling Bling. Kurz, alles, was bisher ein No Go war, das Gegenteil der sonst stets geforderten klaren Linien und monochromen Farben möchte er plötzlich an Dir sehen. Über Stunden hinweg wird Dein Handy mit Links und Bildern von bestickten Corsagen und Schnürkorsetts zugespamt, nachdem O. offensichtlich die ganze Nacht über vor seinem PC in schräger, düsterer Gothic-Romantik schwelgte. „Bestell alles!“ schreibt er. „Du bist dafür geschaffen. Ich will das du für immer meine Zofe bist!!!!“

Es wird Deine, ja vielleicht sogar der Welt grösste obsessive Online-Order ever. Stunden-, Tage-, Wochenlang bist Du damit beschäftigt, O.s Einkaufslisten abzuarbeiten, indem Du wieder und wieder Deine Taillenweite und Deinen Brustumfang in Inchgrössen umrechnest, Stoffornamente und Farbschattierungen abgleichst, Paketzustellungen online verfolgst, Sendungen auf der Strasse abfängst, bestickte Bustiers, pailettenbesetzte Mieder, romantische Schnürleibchen, sündige Hüftgürtel aus schwarzem und rotem Kunstleder auspackst, stapelst, versteckst, heimlich hervorholst, betastest, betrachtest, den Umgang mit Häkchen und Ösen einübst, Schnallen und Kordeln festzurrst, Jeans, Pumps, Blusen, Glitzerschals und Tops dazu anprobierst und natürlich Bilder, Bilder und noch mehr Bilder davon machst. Manches muss umgetauscht, zurückgeschickt oder nachreklamiert werden, weil es den Erwartungen Deines Meisters nicht völlig entspricht. Insgesamt aber erlebt Ihr zusammen eine opulente, rauschhafte Zeit.

Dass all das Wundervolle, was Du für ihn und Dich orderst auch Geld kostet, und zwar viel Geld, welches Du eigentlich gar nicht hast, ist O. grundsätzlich klar. Wieder und wieder verlangt er von dir eine exakte Kostenaufstellung all dessen, was Du angeschafft und bezahlt hast und verspricht vollmundig, Dich generös abzufinden, für sämtliche Deiner Risiken und Mühen. „Du bist jeden Euro wert!“ schreibt er am 3.12.2017. „So lange du so tolle Bilder für mich machst beschenke ich dich gerne! Bitte rechne genau aus wie viel ich dir schuldig bin! Dann komm ich morgen und geb dir das Geld!“ MORGEN jedoch vergeht. Ausbezahlt wirst Du nicht. Weder zum ersten, noch zum zweiten, noch zum dritten Advent. Stattdessen spielt O. mit Deinen Hoffnungen und Deiner Bedürftigkeit, ganz so, wie er es schon immer tat. Mal verspricht er, eine Geld-Depeche nachts in Deinem Briefkasten zu deponieren. Mal sollst Du bei Dunkelheit zur Parkbank kommen um Dir den Nuttenschotter abzuholen. Selbstverständlich unterm Mantel nackt.

Jede der aufwändig, oft über mehrere Tage hinweg geplanten Geldübergaben scheitert kurzfristig an der banalen Alltagsrealität. „Verschlafen“/“vor lauter Faulsein gestern nicht mehr auf die Bank gekommen“/“Konnte Lolo nicht allein lassen“ schreibt O., während Du auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken für Deinen Mann und Deinen Sohn durch die Stadt hetzst. „Wenn es sehr dringend ist geb ich es dir über den Zaun“. Zuletzt, am 18.12., weist O. Dich an, ein 500.-Euro-Kuvert zwischen 24h und 1h nachts aus dem Edelstahlbriefkasten vor SEINEM Haus zu holen. Unter Einhaltung komplizierter Vorsichtsmassnahmen natürlich. Ganz leise. Ganz schnell. Ganz gleich wieder weg. Du nimmst die heikle Aufgabenstellung ernst. Erfüllst alle Vorgaben perfekt. Preschst gegen Mitternacht in schwarzer Sportkleidung und mit abgeschaltetem Fahrradlicht zu O.s Anwesen. Schleichst Dich schattengleich an, schiebst Deine Hand durchs Gestänge der Gartentür, öffnest vollkommen geräuschlos den Postkasten und ziehst die Penunzentüte heraus.

Atmest kurz durch und machst Dich dann unverzüglich wieder fort aus der kritischen Zone rund um das Domizil Deines Beherrschers, bis hin zur Parkbank, dem heimlichen Aussenpunkt seines Einflussgebiets. „War grade da!“ tippst Du brav in dein Handy, nachdem Dein Stresshormonrausch etwas abgeklungen ist. „Geld gefunden. Vielen vielen Dank! Jetzt kann ich dem Kleinen noch was zu Weihnachten kaufen!“ Im festen Glauben alles richtig gemacht zun haben, schickst Du Dich an, aufs Rad zu steigen um nach Hause zu fahren. Allein. Dein Meister ist alles andere als zufrieden mit Dir. „Du spinnst doch!!! Die Lolo sitzt noch im Büro!!!“ wettert es durchs Telefon. „Sie hätte dich sehen können!!!! Du hast echt nen Schlag!!!“ – „Es war doch Deine Idee dass ich das machen soll!“ versuchst Du einzuwenden, während Du fühlst, dass in deinem Inneren nun endgültig etwas reisst oder bricht. „Du hättest das Geld mir auch überweisen oder sonst iwie geben können!“ Jedoch. Argumenten mit Realitätsbezug ist Dein Meister nicht zugänglich.

Objektive Gerechtigkeit kommt in seiner Welt nicht vor. SEINE Wahrnehmung SEINES Wohlergehens ist das Einzige was zählt. Sieht er diese gefährdet, greift er zum schärfsten, zum tödlichsten Schwert seines narzisstischen Arsenals: Kontaktabbruch. Gefühlsentzug. Verdammnis. „Ursula halt dich die nächsten Wochen mal still!!!“ schreibt O., während Du schockstarr neben Deinem Fahrrad in der Kälte stehst und Deine Schläfen vor Stress, Scham und Enttäuschung pochen. „Ich will jetzt nichts mehr von dir hören!!!! Du bist ja komplett ausser Kontrolle geraten!!!!! Weisst du eigentlich was los gewesen wäre, wenn die Lolo dich gesehen hätte? Das Risiko wird mir zu gross mit dir!! Was du gerade gemacht hast war einfach unglaublich dumm von dir! Ich kann jetzt die nächste Zeit keinen Kontakt zu dir haben!!! Schick alles was du bestellt hast zurück!!! Das Geld kannst du behalten! Und jetzt lass mich in Ruhe!!!! Nie fühlte sich der Boden unter Deinen Füssen weggezogener an, als in diesem Moment. Volltraumatisiert fährst Du nach Hause. Am nächsten Tag beginnst Du damit, Korsetts und Corsagen für den Rückversand fertig zu machen. Und weisst: das Vorweihnachtsmärchen 2017, es ist vorbei …

 

 

7 1/2 Weeks

„Die Götter“, heisst es, „erhören die Gebete dessen, den sie strafen wollen“. Und ja, so ist es auch für Dich und O., die Ihr an jenem Sonntagvormittag Anfang September 2017 mehr, viel mehr von den Göttern bekamt, als sich ein sterbliches Menschenpaar erhoffen kann. Jeder für sich. Und beide zusammen wurdet Ihr mehr als überreich beschenkt. O. mit der Erfüllung seines Traums, eine Frau komplett in Besitz zu nehmen und als Kriegsbeute, als sexuelles Raubgut zu markieren. Du mit dem Moment der schrankenlosen Offenheit, der absoluten Hingabe, nach dem Du Dich so lang gesehnt hast. Ihr beide mit dem Wissen, etwas Einzigartiges miteinander erlebt zu haben, was Euch für immer verbinden und über viele Alltagsfährnisse hinweg tragen könnte. Verwandelt. Initiiert. Über den Dingen schwebend. Dem Irdischen entrückt. So fühlst Du Dich, während Du am 3.9.2017 gegen 11h vor dem Spiegel im Badezimmer stehst und Dein neues, kahlgeschorenes, vollkommen alienhaftes Ich betrachtest. Nackt. Glücklich.

Deine Zeit als unverwundbares Götterkind, als symbiotischer Zwilling, als Ei-Hälfte, Spiegelbild und Klon von O., sie dauert genau sieben Wochen. Sieben magische Wochen, die Deine Haare benötigen, um auf ihre ursprüngliche Länge nachzuwachsen. In dieser Zeit ausserhalb aller bisherigen Phasen und Zyklen Eurer Beziehung, bist Du O.s heiliges Idol, sein unantastbares Wunder-Wesen, sein Alpha und sein Omega. Jenseits von Manipulation und Ausbeutung. Ganz unverstellt, ganz unumschränkt schreibt er Dir von seinen Gefühlen, Gedanken und Träumen in dieser Eurer Goldenen Ära. Von Einander-Gehören mit Haut und Haar, von immerwährendem Zusammensein, von Ewigkeitserlebnis, von Nie-mehr-vergessen, von Fühlen, Spüren, EINS-sein wird unermüdlich zwischen Euch getextet und gesimst im Herbst 2017. Tagsüber, nachts, immer. Du kannst nichts falsch machen. Alles, was Du tust, ist perfekt. Jedes Bild, das Du O. von Deinen milimeterkurzen Haarstoppeln, von deiner blossgelegten Kopfhaut, Deiner nackten Seele schickst, ist wundervoll.

„Babe, jetzt hast du eine neue Dimension erreicht“ schreibt er am 19.9.2017, nachdem Du ihm Bilder aus Deinem Badezimmer geschickt hast, auf denen Du tatsächlich als verklärte, über Dein bisheriges Ich hinausgewachsene Ikone Deiner selbst zu sehen bist: nackt, nur in schwarzen Highheels und mit einem Choker-Band aus bordeauxrotem Samt um den Hals, das einen spannenden Kontrast bildet zum radikalen Nicht-Vorhandensein von Haaren auf Deinem Kopf. Mit riesig wirkenden Augen, mit einem Blick, der alles sagt über Deinen Stolz, Deine Verletzlichkeit, Dein Preisgegebensein in dieser Situation. Du bist froh, dass O. die Botschaft Deiner Bilder versteht, den Zustand, den Du vermitteln willst, aufnehmen kann. „Es ist unbeschreiblich wie du aussiehst!!!“ textet er hingerissen. „Du bist jetzt durch das Haare abrasieren mein ein und alles geworden!!!“ – „Ja“ antwortest Du. „Dieses Ereignis war aussergewöhnlich“ schreibt O. weiter. „Unsere Liebe hat sich dadurch unermesslich vergrössert!!!“

„Ich bin heute gerade wieder total aufgewühlt deswegen“ antwortest Du. „Du hast das so sanft und einfühlsam und wunderbar exakt gemacht!“ – „Ich wollte dich ja eigentlich schlagen und härter rannehmen“ schreibt O. fiebrig. „Aber dann war mir plötzlich gar nicht mehr danach!“ – „Es gab so viele unvergessliche Momente an diesem Tag“ textest Du. „Oh ja Baby!“ schreibt O. „Es war einfach die perfekte Mischung aus allem! Ich glaube das ich es dir diesmal wirklich so richtig gut besorgt hab. Und dadurch kannst du jetzt erst recht nicht mehr ohne mich sein stimmts?“ – „Stimmt“ antwortest Du. „Du wirst jetzt für immer meine Sklavin und Sexgöttin und mein Herzblatt bleiben!!!“ schreibt O. „Es wird nie wieder etwas geben was uns auseinander bringen kann!!!“ – „Das hoffe ich auch“ antwortest Du, gerührt von O.s kindlicher Begeisterung. „Ich weiss das ich dich schon wieder sehr vernachlässige“ schreibt O. weiter. „Ich hoffe und wünsche mir sehr das du noch mehr Geduld mir gegenüber aufbringen kannst.

Denn ich brauche dich!!! Und zwar sooooo sehr das mir manchmal der Atem stockt wenn ich daran denke das du mich verlässt!!! Ich liebe dich über alles!!! Und hätten wir uns als Singles kennengelernt, wir wären ein Traumpaar!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du und versuchst kurz, Dir vorzustellen, wie es wohl aussehen würde, so ein Leben als offizielle Traumpartnerin an der Seite von O. „Ich könnte mir nichts schöneres vorstellen als mit dir zusammen zu sein!“ schwärmt O. unbeirrt weiter. „Ich würde dir unzählige Highheels und Stiefel kaufen die du ständig tragen müsstest. Denn ich würde dich echt gerne dauernd sexy bekleidet sehen. Und du müsstest dir die grössten Dildos reinstecken die es gibt. Während ich einfach nur dasitze und Fernseh schaue!!! Oder wenn du kochst müsstest du das mit nem Dildo machen der um dich rum festgebunden ist!!! Das wäre einfach das beste was es geben kann!!! Mir blutet mein Herz das es nicht so sein kann wie ich es mir wünsche. Es wäre ein Traum!!!“ – „Oh ja“ schreibst Du.

„Ich muss meine Gefühle die gerade jetzt so stark für dich hochkommen auch wieder verarbeiten“ tippt O. feurig weiter. „Du hast keine Vorstellung davon wie viel du mir bedeutest!!!“ – „Ich hatte keine bis zu dem Tag wo du mir die Haare geschnitten hast!!!“ antwortest Du. „Seitdem ist alles anders. Und ich fühle mich zur Zeit auch nicht vernachlässigt!“ – „Aber wir sehen uns doch nicht!“ schreibt O. in rührend anmutender Verzweiflung. „Ich habe deswegen schon paarmal sehr schlecht geträumt!!!! Das du mich verlässt!!!“ – „Wirklich?“ tippst Du. „Ja“ antwortet O. „Und ich träume immer sehr intensiv!!!“ – „Nein ich werde Dich nie verlassen“ tippst Du. „Ich wollte dich immer überreden bei mir zu bleiben“ schreibt O.  „Aber du bist immer weggegangen. Da war ich fertig!!!“ – „In Wirklichkeit würde ich das niemals tun“ antwortest Du. „Dann bin ich jetzt wieder beruhigt!“ schreibt O. Ganz der getröstete kleine Junge, der seine Mami selig anstrahlt. „Ich wäre ohne dich nämlich sehr sehr unglücklich!!!“

„Ich ohne Dich auch“ antwortest Du und wirfst nebenbei einen Blick auf das Nostalgie-Uhr-Widget im Display Deines Handys. 2.23h. Wieder mal ist Dein chronobiologisches Bewusstsein komplett veloren gegangen, im Chat mit O. „Wir sollten schlafen gehen“ schreibst Du. „Ich wäre so gerne mit dir zusammen“ antwortet O. träumerisch. „Ich habe so viele Fantasien die ich mit dir erleben möchte. Aber dieses wieder von dir weg müssen und in meinen normalen Alltag zurückzukehren wird immer schwieriger für mich. Nach dieser „Haarschneide-Aktion“ war es für mich sehr sehr kräfteraubend wieder in die Realität – also auch zur Lolo zurückzukehren. Da ist es manchmal einfach leichter für mich dich nicht zu sehen. Ich hoffe du verstehst was ich meine!!!“ – „Ja“ schreibst Du. „Ich brauche dich mehr als mir lieb ist“ textet O. weiter. „Du bist mehr und gibst mir mehr als ich je zu träumen gewagt hätte. Und diese Gefühle die ich für dich habe werden immer stärker und stärker! Du bist jetzt für immer mein Engel!!!“

So geht es fort und fort zwischen Dir und O., im Herbst 2017, in den Tagen und Wochen Eurer magischen, symbiotischen Epoche. Und es könnte, sollte natürlich immer so beiben, denkst Du. Du hast O. bewiesen, was zu beweisen war und gabst ihm, was Du zu geben hattest: Dein Haar und mit ihm Deine Normalität, Deine Alltags-Sicherheit, Dein bürgerliches Ich. Er müsste dankbar sein, denkst Du. Er müsste wissen, was es für Dich als verheiratetete Frau mit Teenager-Sohn bedeutet, diesen Schritt gewagt zu haben. Müsste wissen, was Du für ihn riskiert hast. Und natürlich müsste er auch verstehen, dass Du bei aller Begeisterung über Euer Erlebtes doch glücklich bist über jeden Bruchteil eines Milimeters, den Dein Haar täglich wächst. Dass die fragenden, erschrockenen, mitleidsvollen Blicke draussen, auf der Strasse, allmählich weniger werden. Dass Dein Sohn sich nicht mehr schämt, wenn Freunde von ihm Dich zufällig sehen. Dass Dein Mann nicht hinterfragte, was Du ihm an fadenscheinigen Erklärungen gabst. All das.

Und es sieht ja auch so aus, als sei zwischen Euch jetzt wirklich für immer alles „gut“. Klar, O. lebt sein hochtouriges Leben weiter wie gehabt: Spontane Kurztrips. Shopping-Touren. Lifestyle-Events. Er macht Gourmet- und Wander-Ferien in Südtirol, besichtigt eine Schokoladenmanufaktur in Salzburg, besucht in Berlin einen schwerkranken Freund. Rastlos. Unstet. Ständig unterwegs. Jedoch, anders als bisher, nimmt O. Dich mit via Whatsapp, lässt Dich teilhaben, bezieht Dich ein. Du bekommst schöne, witzige, schräge und rührende Bilder von all seinen Exkursionen, Du entdeckst die Lebhaftigkeit, den besonderen Charme, die ANDERE originelle Sichtweise von Dingen, zu denen Menschen wie O. fähig sind. O. posiert mit weit aufgerissenen Augen vor einem Hirschgeweih in einem alpinen Hotel. O. trägt aus Solidarität die gleiche dottergelbe Häkelmütze wie sein blasser, kahlköpfiger Freund. O. zwinkert. O. lächelt. O. grimassiert. O. berichtet von sich. Ganz so, wie Du es Dir immer gewünscht hast.

Bis zum 25. Oktober 2017. An diesem Tag stellst Du morgens vor dem Spiegel fest, dass Deine Haare zwar immer noch sehr kurz, aber trotzdem vollumfänglich nachgewachsen sind. Dicht, kräftig, aber auch sehr ungleichmässig bilden sie eine Art stacheligen kleinen Helm rund um Deinen Kopf. Kein Zweifel, denkst Du, während Du mit den Fingerspitzen wieder und wieder durch die Stoppeln fährst: Ein Begradigungsschnitt ist fällig. Beim Haartherapeuten Deines Vertrauens am Rande des Kreativquartiers im Nordwesten der Stadt wird Dir schon zwei Stunden später geholfen: Im Industrie-Stil-Ambiente, zum Sound von Avicii-Beats lehnst Du Dich im Frisierstuhl zurück und schaust andächtig dabei zu, wie Stylistin Dominique eine wunderbar exakte, klare Präzisionslinie in das schneidet, was Deinem Spiegelbild aus O.s Kahlschlag erwuchs. Es dauert nur zehn Minuten. Dann bist Du ein neuer Mensch. Eine neue Person. Eine neue Frau. Der Phase der Sonderbarkeit entronnen. Zurück im Leben.

Und sehr, sehr glücklich. Denn, so sehr Du O. auch liebst, so sehr Du dies ihm zeigen wolltest mit der Opferung Deiner Haare, so sehr liebst Du doch Deinen Mann, Deinen Sohn und die Normalität, in der Ihr lebt um Vieles mehr. Es wäre keine Option für Dich, dauerhaft als weithin sichtbar gebrandmarkte Beute von O. durchs Leben zu gehen. Du willst Dir selbst gehören, in Wirklichkeit, das fühst Du ganz genau, als Du an diesem 25.10.2017 nach dem Haareschneiden mit dem Rad Richtung nach Haus fährst. Und, ja, Du bist froh, das zu spüren. Zurück daheim machst Du natürlich Bilder von Deiner neu erworbenen Schönheit. Bilder von Dir selbst, in einem korallenroten Netz-Minikleid, mit einem schwarzen Satin-Choker-Band um den Hals und mit den neuen, den wunderbar perfekt geschnittenen mega-kurzen Haaren. O. wird begeistert sein, denkst Du, während Du die schönsten Selfies zum Versenden an ihn auswählst. Wird stolz sein und sich freuen, seine Schlampe so erneuert und verklärt zu sehen. Ganz bestimmt. Safe.

Jedoch. Es passiert etwas, was sieben Wochen lang nicht geschah, nachdem Du O. zehn Bilder geschickt und „Schau mal. War heute beim Friseur“ dazu geschrieben hast. Etwas, von dem Du dachtest, es sei für immer vorbei. O. antwortet nicht. Ja. Richtig. O. ruft die Bilder ab. Aber er antwortet nicht. Schickt kein Smiley. Kein Kussmund-Symbol. Kein kleines, rotes Herz. Nicht am Nachmittag. Nicht am Abend, Nicht nachts. O. antwortet nicht. O. schweigt. Vernichtend. Strafend. Eisig kalt. Erst am nächsten Tag, als die Oktobersonne schon hoch über den Dächern Deines Wohnviertels steht, piept irgendwann Dein Handy mit dem Nachrichten-Ton von O. „Gut siehst du aus“ hat er geschrieben. „Danke“ antwortest Du. „Schade das du mir vorher nichts gesagt hast!“ tippt O. weiter. „Hätte dich gerne mit der alten Frisur nochmal gefickt!“ – „Das wusste ich nicht“ antwortest Du schuldbewusst. „Aber vielleicht magst Du Dich jetzt bald mit mir treffen? Und die neue Frisur sehen?“ – „Das geht leider nicht“ schreibt O.

„Ich fahre morgen schon in aller Früh mit dem Auto Richtung Berge. Ich geh für ein paar Tage wandern“ – „Ach so“ antwortest Du, während Deine Augen sich mit Tränen der Scham und der Enttäuschung füllen. „Vielleicht wenn ich zurück bin“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und starrst mit verschleiertem Blick aufs Handy, wo O.s Online-Schriftzug  verschwindet. Und Du weisst: mit Deinen wunderschön von professioneller Hand geschnittenen Haaren, mit Deinem neuen Selbstbewusstsein, Deinem Wissen, Dir letzlich ganz alleine zu gehören, bist Du ab sofort kein Götterkind, kein Heiliges Alter Ego mehr für O. Die Pforten des O.-Lymps haben sich geschlossen, während Du beim Friseur warst. Es gibt für Dich keinen Zutritt mehr zu O.s Paradies. Eure magische, traumhafte, güldene Ära, sie ist unwiederbringlich vorbei. Und die Strafe, welche die Götter für Dich ausersehen haben, dafür, dass sie Deine Gebete um Verbundenheit mit O. am 3.9.2017 erhörten, sie wird sehr hart, sehr lang, sehr schmerzhaft sein.

The Buzz Cut (Pt. 2)

Sonntag, 2.9.2017: Lichtdurchflutet. Sonnig. Warm. Mit einem Hauch von frühherbstlicher Kühle in der Luft. Der perfekte Tag für eine lange Fahrradtour in eins der Seengebiete vor den Toren Deiner Stadt. Oder für ein Frühstück mit Freunden in einem veganen Café im Hipster-Quartier. Du könntest Deine Eltern besuchen. Mit ihnen zusammen Kaffeetrinken, auf der romantisch eingewachsenen Terasse oder im Garten, im Schatten einer der Stein-Figurinen, die Deine Mama so mag. Es gäbe viele Optionen an so einem Tag, für eine gesunde, sportliche Frau, die ein geklärtes Leben führt und nicht etwa durch die Parallelwelt einer erotischen Hörigkeitsbeziehung driftet, während ihr Mann und ihr Teenager-Sohn zusammen im Mittelmeer plantschen. So wie Du es leider immer noch tust. Und deshalb um 5.58h, während andere Menschen selig schlummern, vom schrillen Handyklingelton Deines „Meisters“ geweckt wirst.

„Guten Morgen meine Sklavin“ schreibt er und tippt einen Kussmund dazu. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Alles ok bei dir? Wie fühlst du dich?“ fragt er. Ungewohnt fürsorglich. Und, sehr erregt, wie es scheint. „Ja alles ok muss nur kurz wachwerden“ antwortest Du. „Schlaf ruhig weiter!“ schreibt Dein Meister gönnerhaft. „Ich melde mich später nochmal!“ – „Ok“ antwortest Du und lässt Dich erschöpft zurück in die Kissen sinken. „Bis später“ schreibt O. „Bis später“ antwortest Du und hoffst, während Du in wirre, frühmorgendliche Träume gleitest, dass das „Später“ viel, wirklich viel später sein wird. Oder vielleicht sogar nie, wie manch ein „Später“ in Deinen Chats mit O. ja häufig war. Du hoffst, ungeschoren davon zu kommen, an diesem so hell beginnenden Tag. Jedoch. Bereits um 6.44h piept Dein Handy erneut. „Ich schaue mir dauernd Deine Bilder an!“ schreibt O. „Ich hab gerade noch ganz intensiv geträumt“ antwortest Du. „Du kannst mir heute dienen“ schreibt O. „Ich hoffe du bist bereit?“

„Ja das bin ich“ antwortest Du. „Sicher?“ schreibt O. „Ja. Sicher.“ antwortest Du. „Ich möchte dir heute deine Haare rasieren“ schreibt O. „Und ich freue mich unglaublich darauf dich nackt zu fesseln. Der Langhaarschneider ist startklar?“ – „Ja“ antwortest Du. „Und die anderen Sachen? Gummis, Hundeleine, Sitzhocker fürs Bad auch?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du wieder. „Perfekt“ schreibt O. „Ich würde jetzt dann bald kommen. Ich dusche noch und dann fahre ich bald los, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und kämpfst Dich mühsam aus verdrehter Lage in den Kissen hoch. „Würdest du bitte in dem schwarzen Netztop mit dem passenden Höschen und schwarzen Highheels die Tür öffnen wenn ich da bin? schreibt O. „Du meinst das bauchfreie mit den überlangen Ärmeln?“ fragst Du zurück. „Genau“ schreibt O. „Das wo deine Hände vollständig bedeckt sind und nur der Mittelfinger durch eine Schlaufe durchgeht!“ – „Alles klar. Kein Problem“ antwortest Du. „Danke Ursula. Ich liebe dich sehr sehr stark!“ schreibt O.

Viel Zeit bleibt Dir also nicht, um wachzuwerden und Dich auf die ganz speziellen Herausforderungen des anbrechenden Tages vorzubereiten, der für andere Menschen einfach nur ein ganz normaler Sonntag ist. Sonnig. Ruhig. Ein bisschen langweilig vielleicht. Oder mit unliebsamen familiären Verpflichtungen verbunden. Jedoch keineswegs mit ähnlich surrealem Stress wie der, unter dem Du seit den frühen Morgenstunden stehst. Ungläubig gewahrst Du, dass heute, genau heute, die Stunde der Wahrheit gekommen sein soll, in der sie Wirklichkeit werden, die Fetisch-Fantasien, mit denen Du schon so oft eines schönen Morgens überfallen wurdest. Der Ernstfall. Tag X. Im Lichte des schockhaften Begreifens schaffst Du es nur mit knapper Not, Deinen labilen Kreislauf unter der Dusche zu stabilisieren und danach in das von O. gewünschte Outfit zu schlüpfen, ohne Dich allzusehr im Netzstrukturgarn des bauchfreien Langarm-Top zu verheddern. An Make-up ist nicht zu denken. Deine Finger zittern zu sehr.

Und auch Dein geliebtes Early-Morning-Tea-Ritual gestaltet sich viel schwieriger als sonst. Halbnackt. In Highheels an der Küchenzeile lehnend, musst Du energisch deine Knie durchdrücken und die Teetasse fest mit beiden Händen umklammert zum Mund führen, um die neuromuskulären Stressreaktionen Deines Körpers einigermassen zu kontrollieren. Dennoch kleckerst Du ein wenig heisse Flüssigkeit auf Deine nackten Oberschenkel. „Aua!“ fauchst Du, wütend auf Dich selbst. Da macht O. sich bereits geräuschvoll an Deiner fussbreit offenstehenden Haustür bemerkbar. „Baby! Heute bist du ja die absolute Bitch!“ stösst er hervor, als Du ihm auf wackligen Beinen entgegen gewankt kommst. „Findest du?“ fragst Du ungläubig. „Ja“ antwortet O. und lässt seine Blicke immer wieder über deinen Körper schweifen. Flackernder. Hungriger. Gieriger als jemals zuvor- „Wollen wir nach oben gehen?“ fragst Du schüchtern um die für solche Situationen unübliche Stille zwischen Dir und O. zu überbrücken. „Ja Bitch“ antwortet er.

Im Schlafzimmer, wo Du die Rollos heruntergelassen und einen anthrazitfarbigen Leinenüberwurf auf dem Bett ausgebreitet hast, ist zunächst alles so wie immer, zwischen Dir und O. Schnell. hart. Schmerzhaft. Achtlos vom Körper gestreifte und auf dem Fussboden verteilte Kleidung. Risse im Netz-Top. Kratz- und Biss-Spuren. Halblaut hervorgestossene Schimpfworte. „Bitch“. „Absolute Bitch“. Das ist das, was O. an diesem Tag immer wieder zu Dir sagt. Und trotzdem ist in all dem etwas sehr anders als bei Deinen sonstigen Zusammenkünften mit O. Er nimmt Dich von vorne, quer über Deiner Seite des Bettes liegend, das Du mit Deinem Mann teilst. Und während er in Dich eindringt, mit den für ihn typischen Stössen, mit denen er schon so viele Frauen genommen hat, nimmt, und noch nehmen wird, und während Du austerngleich Deine hochgeklappten Beine erst um seine Schultern legst und dann hinter seinem Nacken verschränkst um ihn näher an Dich heran und tiefer in Dich hineinzuziehen, denkst Du:

„ICH KENNE IHN“. Du weisst plötzlich, dass es nichts gibt was Euch trennt, Dich und O. Du weisst, dass er Dir nichts wirklich Schlimmes antun wird. Du weisst, dass er das, was Du ihm gibst, genausowenig von einer anderen Frau bekommen wird, wie Du jemals etwas Vergleichbares von einem anderen Mann. Du weisst, dass es einzigartig und NICHT austauschbar ist, was Ihr, bei aller vordergründigen Kühle und Distanz miteinander erlebt. Du weisst und spürst, während er Dich auf Deinem Ehebett nimmt, dass tatsächlich ein „Miteinander“, ein „Zusammen“, ein „Uns“ von Euch beiden existiert, so fragil es auch scheinen mag. Du weisst, dass er weiss, dass Du weisst. Du weisst plötzlich alles, bezüglich Dir und O. Für einen kurzen, luziden Moment des Verstehens gibt es keine Fragen mehr. Und deshalb fühlt es sich keineswegs kaputt oder verboten, unnormal oder unmoralisch an, was Ihr auf dem Ehebett in deinem Haus am 2.9.2017 miteinander tut. Ihr seid nur einfach ein Paar, das sich liebt. Ganz traditionell.

Dann aber kommt der Moment, in dem O. innehält in seinem scheinbar selbstvergessenen Tun und über Dir kniend auf Dich herabsieht. Sagen muss er nichts. Du weisst auch ohne Befehl, dass Du Dich nun unter ihm herauswinden, den Langhaarschneider auf Deiner Kommode vom Ladegerät nehmen und vor O. her ins Badezimmer gehen musst. Du weisst, dass Du Dich dort auf den himmelblauen Hartplastik-Hocker setzen, O. stumm die Haarschneidemaschine reichen und ihm Deinen Nacken darbieten musst. Du weisst sowieso einfach alles, an diesem einen ganz besonderen Tag. Trotzdem erschauerst Du ein wenig, als O. mit seinen Fingerspitzen prüfend über die Haare auf Deinem Hinterkopf fährt. Längs. Quer. Kreisförmig. Immer wieder. Als würde er die Energie von jedem kleinen Härchen fühlen und aufnehmen wollen. Für eine kurze, eigenartige Sekunde legt er seine Hand über deine Stirn und drückt deinen Kopf nach hinten, gegen seine nackte Bauchdecke, so dass Du seine Atmung spürst. Dann stellt er den Motor des Rasiergeräts an.

Das Vibrieren der Haarschneidemaschine, die O. langsam, fast andachtsvoll durch deine Haare gleiten lässt, erzeugt ein klopfendes Geräusch auf Deiner Schädeldecke. Es surrt, es puckert, es brummt, während O. das Gerät immer wieder über deine Kopfhaut führt und dabei leise auf Dich einspricht. „Warte da muss ich nochmal drüber“ sagt er. „Da hast du aber nen krassen Wirbel“. „Jetzt schaust du schon richtig flott aus!“ Ganz so, als ob er Dich beruhigen wollen würde. Jedenfalls geht er sehr sorgfältig mit Dir um. Er bemüht sich, Dir nicht unnötig weh zu tun. Er entschuldigt sich, wenn es ziept. Und er pustet sehr, wirklich sehr sanft die herabfallenden Härchen von Deinen Schultern, Deinem Nacken, Deinen Ohren. Man könnte fast denken, dass O. es geniesst, sich Dir und Deinem Körper auf diese Weise zuzuwenden. Und dass es seine Art ist, „Liebe“ zu zeigen und so etwas Ähnliches wie Verehrung auszudrücken. Nicht Dir als Person gegenüber, natürlich. Aber dem Objekt das Du für ihn bist. Dem schon.

Lange, sehr lange nachdem O. die Klinge des Haartrimmers zum ersten Mal angesetzt, zunächst von den Schläfen her einen Iro geschnitten und dann Dich vollkommen kahl geschoren hat, hält er inne und atmet hörbar aus. „Geil schaust du aus“ sagt er und dreht Deinen Kopf mit einem Zangengriff von oben hin und her. „Wirklich wunderschön!“ – „Wenn du meinst“ antwortest Du und blickst mit zurückgelegtem Kopf im Sitzen zu ihm hoch. „Du musst jetzt duschen, Baby“ sagt O. „Komm her. Ich helf dir ein bisschen!“ – „Danke“ antwortest Du und gewahrst ungläubig, dass O. Dich sanft und ehrfurchtsvoll zur Duschkabine geleitet, so als ob Du ein ganz besonders schützenswertes, zerbrechliches Wesen wärst. Und nicht nur das. Nackt wie er ist, schiebt er sich hinter Dir in den Regenspind. Zieht die Glastüre zu. Stellt die Dusche an. Nimmt, während das warme Wasser auf Euch herabrinnt, dein Gesicht in beide Hände. Schaut Dir in die Augen. Bis auf den Grund Deiner aufgewühlten Seele. Und küsst Dich.

Lang, intensiv, voller Leidenschaft. Mit vollkommen unverwandtem Blick. So küsst Dich O. an diesem einen, ganz besonderen Tag. „Da werden wir unseren Enkelkindern noch davon erzählen von dem was wir heute erleben“ stammelst Du zwischen zwei Knutschern. „Oh ja Baby“ antwortet O. Dann greift er nach dem Duschgel in der Wandvertiefung neben der Brausearmatur, lässt etwas davon auf Deinen frisch rasierten Schädel tropfen und seift Dich von oben bis unten ein. Viel, viel gründlicher als eigentlich nötig wäre. Denn direkt schmutzig bist Du ja nicht. Und die Härchen, die auf Deinem und seinem Körper von der Rasur zurückblieben, sind längst weggespült. O. aber lässt seine glatten, eingeschäumten Hände wieder und wieder über Deinen Körper gleiten und berührt Deinen Hals, deine Schultern, Deinen Bauch und Deinen Po so, als ob er nie wieder etwas anderes anfassen wollte. Am Ende kniet O. auf dem Boden der Duschwanne und wäscht Deine Oberschenkel, deine Waden und Knie. Und sieht sehr, sehr glücklich dabei aus.

„ER LIEBT MICH“ denkst Du, während O. Dich nach dem Duschbad in ein grosses Handtuch hüllt und ins Schlafzimmer zurück eskortiert. Nass, nackt, kahlgeschoren und vollkommen ungeschminkt wie Du bist, lässt Du Dich dort auf Deinem Bett ein zweites Mal von ihm nehmen. Und machst den Rim-Job für ihn, als gäbe es kein Morgen. Und ein Morgen gibt es auch nicht, nach einem solchen Tag. Nur ein Davor und ein Danach und selbst das ist vollkommen ungewiss. Deshalb bleibst Du, nach diesem doch sehr besonderen Liebesakt, einfach in Deinen Kissen liegen und betastetst Deinen haarlosen Kopf, während O. rasch seine rings ums Bett verteilten Kleider aufsammelt und sich anschickt, nun eilig von dannen zu kommen. Plötzlich wieder ganz wie immer. „Jetzt hast du halt noch ein bisschen Putzarbeit vor dir“ sagt er, nachdem er in sein schwarz-weiss gestreiftes Langarmshirt geschlüpft ist und den Gürtel seiner beigen Bermudas zugezogen hat. „Das schaffe ich schon“ antwortest Du, blickst zur Zimmerdecke und lächelst …

The Buzz-Cut (Pt. 1)

„Ja, O. Bitte NO CUT“ denkst Du, während Du am Ende der gemeinsamen Zeltwoche mit Deinem Sohn Eure Siebensachen auf die Fahrräder packst um zusammen mit ihm nach Hause zu strampeln. Nur dieses eine einzige Mal kein Abwürgen, kein Herunterdimmen dessen, was einmal in einer besonderen Situation an Offenheit und Nähe entstand. Sondern Aufrechterhalten, Bewahren der Gemeinsamkeit, des Verbundenseins. Über Gewitternächte, Fieberinfekte und Sex-Abenteuer hinaus. „Es wäre so schön“ denkst Du, innerlich seufzend. Denn, Du weisst: es wird ein Traum bleiben. Der Preis für das unerwartete Durchbrechen von radikaler, vorbehaltloser Nähe in Deiner Kommunikation, Deinen Kontakten mit O. ist die ebenso rigorose Ferne als Gegenpol. Die plötzlich einsetzende Kälte. Das hartnäckige Schweigen. Die Unerreichbarkeit. Sind in die Momente des Beieinanderseins eingeschrieben. Ein gleichmässig(er)es Dazwischen gibt es nicht. Gab es nicht. Wird es nie geben. Je mehr Du Dich daran abarbeitest, desto weniger.

Und richtig. Wie Du schon ahntest. Wie zu befürchten stand. Nach Deiner Rückkehr vom See ist der vor wenigen Tagen noch rührend um Dich besorgte O. nicht mehr vorhanden. Ausgelöscht. Wegradiert. Als hätte er nie existiert. Als hätte es die bewegenden Chats zwischen Deinem kleinen, unwetterumtobten Zelt am See und dem Haus mit den vielen Bildern niemals gegeben. „Freut mich“ antwortet er knapp, als Du Dich pflichtschuldig bei ihm zurückmeldest, kaum dass Du einen Fuss auf den Asphalt Deiner Stadt gesetzt hast. Dann jedoch nichts mehr. Tage vergehen. Leere breitet sich aus. Was Du tust. Wie es Dir geht. Wo Du bist. Es könnte egaler nicht sein. Und auch wie er selbst seine Tage verbringt, im sonnigen Spätsommer 2017 – Du bist es nicht wert, etwas davon zu erfahren. Erst als Du ihm schüchtern mitteilst, dass Dein Mann und Dein Sohn vor dem Ende der Ferien noch zwei Wochen auf der Insel im Mittelmeer verbringen werden, ändert sich O.s Chatgebaren. Frei nach dem Motto: nicht CUT. Sondern BUZZ CUT!!!

Milimeterkurz geschorenes Haar. So dass die Kopfhaut durchschimmert. Dazu dramatisches Augen-Make-up und sehr burschikose Kleidung. Mit diesem Look machen Role Models wie Cara Delevigne, Amber Rose oder Kirsten Stewart im Jahr 2017 Furore. Lassen sich feiern als Vorreiterinnen einer neuen, vom Langhaarstress befreiten Feminität. Nicht achtend, dass es unvordenklich bereits Sinead O‘ Connor, Jean Seberg und Mia Farrow gab, von Grace Jones, Annie Lennox oder Skin (Skunk Anansie) ganz zu schweigen. Und Jeanne d‘ Arc natürlich, die Erste Mutter aller kurzhaarigen, kämpferischen Frauen. Und, last but not least, Deine Wenigkeit, die sich bereits im Jahr 1985 von ihren Wuschel-Locken trennte. Und seitdem kurz-, sehr kurz-, noch kürzer gestylt daherkommt. Vor einem Maschinenhaarschnitt hast Du deshalb keine Angst. Im Gegenteil. „Es könnte cool sein“ denkst Du, als O. am 1.9.2017 um 5.24h schreibt: „Du. Ursula. Ich habe eine Bitte. Wenn wir uns morgen sehen. Darf ich dir dann deine Haare schneiden?“

„Das haben wir ja besprochen“ antwortest Du, während Du Dich bemühst wachzuwerden und Deine Kissen im Bett zurechtzuklopfen. „Also eine Glatze rasieren“ schreibt O. „Ja“ antwortest Du. „Echt?“ schreibt O. „Das haben wir vereinbart“ antwortest Du wieder. „Du hast einen Langhaarschneider oder?“ schreibt O. „Der funktioniert nicht gut“ antwortest Du. „Dann muss ich noch einen kaufen“ schreibt O. „Das wäre besser. Meiner ist nicht gut“ antwortest Du. „Und das geht echt in Ordnung?“ schreibt O. „Ja“ antwortest Du. „Krass“ schreibt O. „5 mm ok?“ tippst Du. Denn das ist die Buzz-Cut-Haarlänge von Cara und Co., soweit Du aus diversen People-Magazinen weisst. „Ja. So wie du es sagst so mach ich es! Absolut krass!“ schreibt O. „Das haben wir doch oft besprochen“ antwortest Du. „Ich dachte schon es interessiert Dich nicht mehr“ – „Es würde mich total aufgeilen dir die Haare zu schneiden!!!“ schreibt O. „Am besten ich komme zu dir. Und wir machen es in deiner Badewanne ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

„Natürlich musst du nackt sein wenn ich dich rasiere“ schreibt O. weiter und Du fühlst, wie seine steigende Erregung durch das Handy zu Dir dringt. „Nackt im Badezimmer auf einem Duschhocker gefesselt. Nur mit Highheels!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Denn Du weisst, dass es nicht gut wäre, den Fluss von O.s Phantasien jetzt zu stören. „Habt ihr einen Duschhocker?“ fragt O. „Einen hellblauen runden Hocker aus Kunststoff von Ikea“ antwortest Du. „Der eignet sich bestimmt!“ – „Oh ja“ schreibt O. „Babe das wird ne absolute Hammeraktion!“ – „Kommt mir auch so vor“ antwortest Du. „Es wird ein Höllentrip für dich werden!“ steigert O. weiter. „Ich kanns gerade gar nicht mehr erwarten!!! Ich will dich!!! Ich werde dich ganz heftig behandeln!! Du wirst es bereuen mir grünes Licht gegeben zu haben!!! Wirst dir im Nachhinein wünschen das es nie passiert wäre!!!“ – „Ich bleibe dabei“ antwortest Du. „Du kannst hierherkommen und mich haben!“ – „Und du weisst das ich dir deine Haare auf 1 mm abrasieren werde?“ schreibt O.

„5 mm wären mir lieber“ antwortest Du nach einer Schrecksekunde. „NEIN!! 1 mm!“ schreibt O. „Dann sehe ich schrecklich aus… das ist die ultimative Entstellung!“ antwortest Du. „Du wirst göttlich aussehen!“ tippt O. und Du glaubst zu fühlen, dass ihm wirklich ernst ist, was er schreibt. „Mein Gesicht ist gebräunt und meine Kopfhaut bleich“ antwortest Du. „Das wird schrecklich. Aber… ich akzeptiere es!“ – „Danke mein Engel! Ich liebe dich“ schreibt O. „Ich liebe Dich auch!“ antwortest Du. „Wir brauchen auch nen Staubsauger“ schreibt O., nun wieder ganz Pragmatiker. „Hab ich natürlich hier“ antwortest Du und fühlst Verzückung auf der anderen Seite Deines Handys. „Du bist einfach der Wahnsinn!“ tippt O. „Könntest du mir bitte den Gefallen tun und heute im Mediamarkt nen Langhaarschneider kaufen? Ich gebe dir dann das Geld!“ – „Hast Du selber denn keinen den Du mitbringen könntest?“ wagst Du zurüchzufragen. „Meiner ist leider schon kaputtgegangen“ schreibt O. „Ich rasier ja mittlerweile nass!“

„Ach so. Stimmt das sieht man“ antwortest Du. „Dann besorge ich nachher einen ok?“ – „Aber bitte einen wo man den Aufsatz runternehmen kann“ schreibt O. „Hoffe du weisst was ich meine!“ – „Ja. Ich glaube es gibt gar keine anderen“ antwortest Du. „Ok. Und er muss unbedingt mit Akkus sein!“ schreibt O. „Ja ich weiss. Und ich muss ihn dann aufladen“ antwortest Du. „Genau. Vergiss nicht ihn aufzuladen! Kannst mir ja dann Bilder davon schicken!“ schreibt O. „Ay ay, Sir!“ antwortest Du und tippst ein augenzwinkerndes Smiley daneben. „Kannst du noch Kondome kaufen?“ schreibt O. unbeirrt weiter. „Ganz dünne… gefühlsechte?“ – „Hey ganz was Neues!“ antwortest Du und versuchst dem Kellerloch, das sich in Deinem Inneren plötzlich auftut, möglichst keine Beachtung zu schenken. „Ja“ schreibt O. „Ok ich versuche es“ antwortest Du. Fünf beklemmende Minuten lang schreibt O. nicht zurück. Die plötzliche Stille lastet quälend in Deinem Schlafzimmer während draussen die Sonne aufgeht und einen herrlichen Tag verheisst.

Erst um 6.18h piept Dein Handy wieder. Mit dem Klingelton von O. „Hast recht“ schreibt er. „Keine Kondome. Ich steck ihn dir, wenn überhaupt, dann wie immer ohne Gummi von hinten rein!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich bin dir sehr dankbar das ich das alles jetzt so mit dir machen darf“ schreibt O. „Es geht damit einer meiner grössten Träume für mich in Erfüllung!“ – „Wir haben es ja sehr sehr lang immer wieder geplant“ antwortest Du. „Und jetzt ist es endlich soweit!“ schreibt O. „Ich muss mich jetzt anziehen und einkaufen fahren. Bis später meine Sexgöttin!“ – „Bis später mein Gebieter“ antwortest Du, reckst Dich in den Kissen zurecht und versuchst mit ein wenig progressiver Muskelentspannung etwas von dem Schockzustand und dem Vergiftungsgefühl das nach so einem Frühmorgen-Chat mit O. unweigerlich in Dir verbleibt, an die Bettwärme abzugeben. „Warum plötzlich Gummis“ denkst Du, während Du Deine Waden lockerst und wieder zusammenziehst. „Warum?“ Dass es nie eine Antwort gibt, ist Dir natürlich klar.

Später an diesem Tag stehst Du im Badezimmer vor dem Spiegel und befühlst mit den Händen Dein kurzes, weiches Haar, das erst vor einer guten Woche mit einem sehr vorteilhaften Konturschnitt in Form gebracht wurde. Du magst es sehr, so wie es gerade ist und spürst, wie in Deinem Inneren sich etwas dagegen auflehnt, es O. zu opfern. „Ich bekomme ja doch nichts dafür“ denkst Du. Den Langhaarschneider besorgst Du aber trotzdem. Genau wie das Gleitgel auf Aloe Vera Basis, die hauchdünnen Kondome, die glatte weisse Nylonstrumpfhose und die Hundeführleine mit Karabinerhaken aus zweifarbig ineinander geflochtenem Polypropylen, die O. Dir im Laufe des Tages noch zu beschaffen aufträgt. Natürlich ganz so, wie es seine Art ist: erst schon. Dann nicht. Und dann wieder doch. Du tust dies alles in einem innerlich distanzierten, Dich selbst dabei beobachtenden Zustand. Denn Du glaubst nicht wirklich, dass das Date stattfinden wird.  Zu oft schon hast Du es anders erlebt. Aber … Du irrst Dich …