That Bittersmart Advent Tide

27.11.2015. Nachdem O. gegangen ist, stellst Du Dich vor den grossen, goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses und betrachtest die derangierte, fremde Frau, die Du darin erblickst: Unter die Räder gekommen. Bedauernswert. Verstört. So siehst Du aus, in Deinem zerknüllten weissen Pulli und den Trümmern Deiner an Dir herabhängenden Jeans. Es dauert lang, bis Du Dich von diesem Anblick lösen kannst. Dann kauerst Du Dich auf den Gabeh-Teppich und legst den Nasch-Kalender, den Du von O. bekamst, auf Deine Knie. Vertiefst Dich in das Bild des Großstadt-Engels auf der Vorderseite. Zeichnest die Konturen seiner hellgelben Flügel mit den Fingerspitzen nach. Und die der langen Haarsträhnen, die sein Gesicht verhüllen. Als Du damit fertig bist, drehst Du den Kalender um und beschäftigst Dich mit den Namen der in ihm enthaltenen Schokoladenkreationen. Es sind Namen voller Exotik und Verheissung wie Chashewpfeffer und Chai. Voller Suchtpotential wie Guarana. Voll Wehmut wie Bittersmart. Eben einfach: wie O.

Dass O.s facettenreiches Geschenk einen hohen Preis von Dir fordern wird, ahnst Du zu diesem Zeitpunkt nicht. Du bist einfach nur auf kaputte, tief erschöpfte Weise glücklich. Nimmst Dein Smartphone. Machst ein paar Bilder vom Aussenkarton des Adventskalenders. Und von dem, was O. von Deiner einstigen Lieblingsjeans an Deinem Körper übrig liess. Dann kriechst Du auf allen Vieren zum Sofa und nimmst Dir die gehäkelte Patchworkdecke, die dort liegt. Ein Relikt aus der Zeit Deines Lebens vor O. Ein Stück heile Welt. Bunt. Warm. Akkurat zusammengefaltet. Angefertigt von Deiner Oma, als sie schon sehr alt und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, Filethäkelei aber immer noch perfekt beherrschte. Du kuschelst Dich hinein und rollst Dich, so wie Du bist, auf dem Gabeh-Teppich zusammen. Fühlst, wie der Schockzustand, der von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieb, allmählich abklingt. Bist dankbar für die Wurzeln, die Ressourcen, die das Leben Dir gab. Die O. leider nicht hat. Schläfst ein.

Du lässt zwei Tage vergehen. Verbringst viel Zeit mit Deinem Sohn, der am Klavier die Chorstücke des Weihnachtsoratoriums von Bach einübt. Für einen wichtigen Auftritt in einem der großen Konzertsäle Eurer Stadt. Während Du ihm zuhörst, bemerkst Du, dass er sich verändert hat, in den drei Monaten Deines Wartens auf die Begegnung mit O. Größer und ernsthafter ist er geworden, weniger kindlich. Du bist stolz auf ihn. Und schämst Dich gleichzeitig, ihn so wenig beachtet zu haben in letzter Zeit. Du nimmst Dir vor, das zu ändern. Aber am 29.11.2015, dem Abend des ersten Sonntags im Advent, überfällt Dich eine Art innerer Zwang. Du scrollst durch die Galerie Deines Handys. Und lädst schließlich eine Deiner Fotografien von O.s Engelskalender als neues Profilbild auf Whatsapp hoch. Es sieht magisch und cool aus. Einigen Deiner Freunde fällt es sofort auf. Von O. selbst hörst Du allerdings nichts. Daraufhin stürzt, mit Einbruch der Nacht, Deine mühsam gewonnene Stabilität in sich zusammen.

Um 21.03h empfindest Du die Situtation als unerträglich. Und tust das, was Du eigentlich keinesfalls machen wolltest: Du nimmst Dein Handy, klickst Dich in Deine Chats mit O., der zum Glück nicht online ist und schreibst: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent! Dein Adventskalender bedeutet mir sehr viel, wie Du an dem geänderten Profilbild sehen kannst. Ich stehe noch völlig unter dem Eindruck der Begegnung mit Dir. Ich bin unglaublich davon beeindruckt, wie losgelöst, fast heiter Du Dich der Situtation  mit Deiner Freundin stellst. Es hat mich sehr bewegt und auch beschämt. Meine Bilder kommen  mir so banal und unpassend vor! Aber ich bin gerne weiterhin Deine heimliche Geliebte die für ein klein wenig Abwechslung sorgt wenn Du das möchtest. Danke nochmal für alles. Danke dass Du da warst. Die 100.- Euro hab ich auf die Seite getan. Ich will mir irgendwann mal was ganz Schönes dafür kaufen was mich an Dich erinnert. Im Moment habe ich aber keinen Plan was es sein könnte. Kuss! U.“

Der Abend vergeht mit lastendem Schweigen. Du wagst nicht mehr nachzusehen, ob O. Deine Nachrichten abruft. Bedrückt und einsam, ohne noch einmal aufs Handy zu schauen, gehst Du zu Bett. Erst am nächsten Morgen stellst Du fest, dass O. Dir tief in der Nacht geantwortet hat. „Guten Morgen!“ schrieb er um 3.59h. „Das ist ja lieb das du den Kalender als neues Profilfoto hast! Mir hat es auch gut getan dich am Freitag zu sehen!!! Und es war super geil dich in den Schuhen zu sehen!!! Und vor allem das du mir mein Arschloch geleckt hast!!! Kuss“ – „Was könnte es Schöneres geben als das nach so langer Zeit mal wieder zu machen ?“ schreibst Du ergriffen zurück. „Nichts!!!“ Dann suchst Du in Deinem Handy nach bisher unversendeten Bildern von den schwarzen Schuhen. Findest zwei, auf denen Deine Beine in hellbeigen, halterlosen Strümpfen und den schwarz glitzernden Peeptoes verführerisch in die Luft ragen. Schickst sie O. Hoffst. Wartest. Auf eine frivole, freche Antwort. Den ganzen langen Tag. Vergebens.

Am Dienstag, den 1.12.2015 stökelst Du vormittags frisch geduscht, in hellen halterlosen Strümpfen und auf weiss schimmernden Highheels ins Schlafzimmer. Nimmst O.s Adventskalender von der Kommode, drehst ihn um, schiebst sehr vorsichtig Deine Hand ins Innere der Kartonage und fischst mit spitzen Fingern das erste runde Schokoladentäfelchen heraus. Von der Rückseite her. Um möglichst NICHTS von der Aussenverpackung, vor allem aber nicht das Engelsmotiv auf der Vorderseite zu beschädigen. Es geht sehr gut. Erleichtert lässt Du die kleine, muschelfarbige Schokoscheibe auf Deiner Handinnenfläche ruhen. Bewunderst die feine Gravur mit geometrischen Mustern. Fotografierst sie auf Deiner flachen Hand, so dass Deine nackte Brust im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Dann legst Du Dich sanft aufs Bett, platzierst das Schokoladenmedaillon auf Deinem Bauch, zwischen Jugendstiltattoo und Nabel. Machst viele weitere Bilder. Erst dann gestattest Du der Hanf-Nougat-Kreation in Deinem Mund zu zergehen.

Spätnachmittags, bei Einbruch der Dämmerung,  schickst Du einige der Bilder an O. Stolz. Voller Zuversicht, dass sie ihm gefallen werden. „Es schmeckt wirklich fantastisch!“ schreibst Du dazu und tippst fünf Whatsapp-Kussmund-Lippen hinterher. Jedoch. O. ruft die Bilder zwar ab. Antwortet aber nicht. Weder an diesem Tag, noch an den folgenden, an denen Du ihn mit weiteren Fotos von runden Schokoladenplättchen auf Deinem halbnackten Körper versorgst. Und mit Beschreibungen deiner Geschmackserlebnisse samt der Fantasien die sie in Dir auslösen. Am 7.12.2015 kannst Du kurz aufatmen. „Guten Morgen. Freut mich das die Schokolade dir so gut schmeckt!“ schreibt O. an diesem Tag um 7.51h. Dann aber verfällt er wieder in Schweigen. Und lässt Dich mit deinem Gefühlschaos allein. Fast die ganze lange Adventszeit über, die so interessant und verheissungsvoll für Dich begann. Und nun in Ratlosigkeit und Düsternis zu enden droht. Was Du auch tust. Was immer Du auch versuchst. Es endet stets gleich. O. schweigt.

Am 15.12.2015 gibst Du das Fotografieren von Schokolade auf. Stattdessen nimmst Du die beiden 50-Euro-Scheine, die Du von O. bekamst, aus der Schublade Deiner Kommode, fährst damit in die City und betrittst zum ersten Mal in Deinem Leben den großen Erotikshop in der Fussgängerzone Eurer Stadt. Findest Dich erstaunlich schnell zwischen kichernden Teenagern und verklemmten Paaren mit Shades-of-Grey-Ambitionen zurecht. Stellst fest, dass Du eine Art intuitives Wissen erworben hast, durch welche Dessous Du zu dem spinxhaften Wunderwesen wirst, das O. während er Momente Deiner Idealisierung in Dir sah. Kaufst Netzcatsuits in verschiedenen Ausführungen und Farben. Burlesque-Handschuhe und Halsbänder aus Samt. Im Wert von 78,10. Fährst nach Hause. Duschst. Schminkst Dich stark. Schlüpfst in einen schwarzen Netzcatsuit mit Neckholder-Trägern und in die Peeptoes, die Du trugst beim Besuch von O. Nimmst den Selfiestick. Wirfst Dich im Schlafzimmer aufs Bett. Machst viele, viele Bilder für O.

„Geil“ schreibt O., als Du ihm am Morgen des folgenden Tages die Bilder schickst. „Darf ich Dich in dem Catsuit auch anpissen?“ – „Ja“ antwortest Du und fühlst Dich plötzlich als vollkommene Herrin des Geschehens. „Babe. Du bist einfach die beste sexy Lady aller Zeiten!!!“ textet O. „Ich liebe dich für deine Geilheit. Wenn du kannst, dann mach bitte heute noch neue Bilder für mich. Ich brauche es sooo sehr das du das für mich tust. Und auch ein paar schöne sms könnte ich im Moment sehr gut von Dir gebrauchen!“ – „Ich wollte Dir eh gerade noch sagen wie sehr ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Ich bin Dir so dankbar für alles was Du mir das ganze Jahr über gegeben hast.“ – „Bitte mein Schatz!“ textet O. zurück, „wenn du noch Zeit und Lust hast, dann schreibe mir ein paar schöne und geile Nachrichten!!!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du. Dann aber lehnst Du Dich erstmal auf Deiner Küchenbank zurück und atmest tief durch. „Sex zieht doch immer“ denkst Du und weisst: Du hast es mal wieder geschafft.

Am 23.12.2015 sind Dein Mann und Dein Sohn vormittags damit beschäftigt, gemeinsam eine Nordmanntanne auf der Terasse Eures Hauses aufzustellen und sie mit bunten LED-Girlanden zu schmücken. Du nutzst die Chance, Dich im Badezimmer einzusperren und die letzten vorweihnachtlichen Bilder zu machen für O. In Jeans, schwarzen Highheels und einem brustfreien, schwarzen BH. Am Abend, als der Schein der farbigen Lichter in der klaren Winterluft Euer Wohnzimmer in Vorfreude und Erwartung taucht, schickst Du die Bilder an O. „Weihnachten heißt an Dich zu denken!“ schreibst Du dazu. „Heute hat Lolos kleiner Neffe bei uns angerufen!!!“ schreibt O. nach einer Stunde zurück. „Er wollte zu mir kommen zum Spielen!!! Mit den Playmobilsachen die ich habe!!! Ich liebe Playmobil!!! Aber seine Mutter lässt ihn ja nicht kommen!!! Das hat mich richtig traurig gemacht!!! Weihnachten ist überhaupt ne schwierige Zeit für mich!!! Danke das du für mich da bist!!!“ – „O.! Ich werde IMMER für Dich da sein!!!“ antwortest Du. Und schickst ein grosses, rotes, pulsierendes Whatsapp-Herz hinterher…

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei
tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …


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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Arcades

Bilder von O.s milchig weissem Erbgutgemisch bekommst Du im Laufe der Jahre noch viele. Nicht nur als Rinnsal im Handwaschbecken begegnet es Dir, sondern auch als Abspritzer auf dem Schiffsbodenparkett in O.s Zimmer, als rahmiger Fleck auf seinem grellroten Bettlaken, als cremige Ansammlung in Zellstofftüchern oder in O.s Handinnenfläche, wo es wie Duschgel oder Haarshampoo aussieht. An guten Tagen textet er etwas dazu: „Für dich“, etwa. „Ergebnis deiner Fotos“. Oder „Geile Drecksau“. An weniger guten Tagen erscheinen die Bilder einfach nur so auf Deinem Handy. Kommentarlos. Erratisch. Und werfen die peinvolle Frage auf, in welchem Sex-Chat, für wen, unter Zuhilfenahme von wessen Selfies sie wohl entstanden sein mögen. Wie oft O. während eines langen Tages zum Mittel der Handentspannung greift, kannst Du nur vermuten. Genauso, wie gross die Phalanx der Frauen, die hilfreich mit virtuellen Stimuli bereitstehen, wohl sein mag. Die Phalanx grell geschminkter Damen sehr, sehr reifen Alters …

Dass O. einen Fetisch hat mit stylischen Ü-60-Frauen von aggressiver, kosmetisch stark betonter Attraktivität kommt erst spät in Deinem Bewußtsein an. Lange Zeit siehst Du in jungen, hübschen, sportlichen Frauen Deine grösste Konkurrenz. Und glaubst, jemand wie die „alte Lady“ sei ein Ausreisser, ein bizarrer Solitär im Harem von O. Erst nach Jahren, nach vielen weiteren irregeleiteten Bildern und schwierigen Chats wird Dir klar: grelles Make-up auf altersreifer Haut, krallige, rot lackierte Fingernägel an üppig beringten, braun gefleckten Händen und erotische Dessous an erschlaffenden, mageren Körpern in irgendeiner gesichtslosen Hochhauswohnung sind der eigentliche Mega-Kick für O. Und DU selbst, gerade mal fünf Jahre älter als O., mit Deinen immer noch braunen Haaren, Deinen Jeans, Deinen Tattoos, Deinem Teenager-Sohn und Deinem Herzen voller Zuneigung bist der wahre Sonderfall, die Abweichung vom erotischen Beuteschema, die Ausnahme von der Regel für O. …

Im Herbst 2015 beginnt jedoch erstmal Dein Aufstieg zur absoluten Selfie-Königin von O. Unaufhaltsam. Kometengleich. Während O. seine Freundin zu Arztterminen und Therapien begleitet, posierst Du in den ruhigen Vormittagsstunden fast täglich im Schlafzimmer auf dem Bett für immer neue Bilder. Du lernst, Dich als Trägerin der Highheels die Du von O. bekamst, Tag für Tag neu und anders zu inszenieren. Jeansmädchen. Fetisch-Lady. Bordsteinschwalbe. Anything goes. Jede Schluppenbluse, jedes Glitzertop aus Deinem Kleiderschrank verwandelt sich. Jede Blackjeans, jeder Rollkragenpulli besitzt plötzlich erotisches Potential. Du entdeckst Deine gesamte Garderobe neu, in der faszinierenden Symbiose, die sie eingeht mit den Nuttenschuhen von O. Und Dich selbst mit dazu. Als intuitive Wunscherfüllerin, als perfekter Spiegel erotischer Fantasien, als Liebesdienerin mit Selfie-Stick. Es ist eine dunkle, aufregende, traurigschöne Zeit. Und was in ihr beginnt ist suchterzeugend. Für Dich. UND AUCH für O.

Irgendwann, in einem der vielen nächtlichen Chats jener Zeit entwickelt O. eine neue verstörende Sex-Phantasie. „Ich werde dich bei unserem nächsten Treffen mal richtig demütigen!“ schreibt er. „Ich möchte Dir eine Glatze rasieren!“ – „Warum das?“ fragst Du aufgeschreckt. „Weil Du damit garantiert geil aussiehst!!!“ antwortet O. „Machst du mit wenn ich es dir befehle?“ – „Seit wann träumst Du DAVON?“ fragst Du zurück. „Gerade eben!“ antwortet O. „Also? Vergiss nicht das du versprochen hast meine Sklavin zu sein!“ – „Und wie soll ich das meinem Umfeld erklären?“ fragst Du. „Das ist dein Problem!“ antwortet O. Du überlegst. Versuchst Dir vorzustellen wie Dein Mann und Dein Sohn es aufnehmen würden, wenn Du kahlgeschoren vor ihnen stehst. Der Gedanke, sie zu schockieren, tut weh. Jedoch. Ein anderes Gefühl in Dir ist stärker. Viel stärker. Die Sehnsucht danach, intensiv berührt zu werden von O. Und sei es auf diese prekäre, kaputte Art. „Ja. Ich mach mit“ schreibst Du. „Geil“ antwortet O.

Die Wochen vergehen. Ein Indianersommer von epischer Schönheit nimmt seinen Lauf. Lichtdurchflutet, warm, bis weit in den November hinein. Gerne würdest Du O. einfach so, irgendwo, im Freien mal treffen. Nur ganz kurz. Um ihm in die Augen zu schauen. Seine Lippen und Hände zu spüren. Ihm leicht mit zwei Fingerspitzen über die Wange zu streichen und zu fühlen, wann er sich zuletzt rasiert hat. Um seine Stimme zu hören. Den Duft seines Eau de Toilette einzuatmen. Um mit ihm zusammen auf einer Parkbank zu sitzen während das Herbstlaub auf Euch herabfällt. Und ihn zu fragen wie es ihm geht, inmitten des Krebsdramas seiner Freundin. Du möchtest ihm zeigen, dass Du für ihn da bist. Und Dich davon überzeugen, dass es ihn immer noch gibt. Aber O. lässt derartige Begegnungen nicht zu. „Heute nicht“ antwortet er, wenn Du ihn fragst. „Heute möchte ich mal so richtig meine Ruhe haben. Aber bald besuch ich dich und fick dich so richtig durch!!! Ich weiss das du das brauchst!!! Und ich brauche es auch!!!“

Leider ist O.s „bald“ etwas völlig anderes als Deines. Unverbindlich, fluktuierend, relativ, so wie all sein Erleben, Denken und Tun. „Bald“ in der Sprache von O. heißt bestenfalls „irgendwann“. Eigentlich eher „vielleicht“, „eines fernen Tages, unter magischen Gestirnen“. Jedenfalls nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „nächste Woche“. Und da Kohärenzstiftung ganz allgemein in O.s Reich der Unwägbarkeiten keinen Ort hat, kommen auch Informationen über die Therapiesituation von seiner Freundin nur bruchstückhaft und folgewidrig bei Dir an. Vieles musst Du Dir selbst zusammenreimen. Dass die ambulante Chemotherapie jede Woche Dienstags durchgeführt wird, beispielsweise. Mit Anderem, wie etwa unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalten, kurzfristig notwendigen Bluttransfusionen, Behandlungskomplikationen und durchwachten Nächten wirst Du schockartig konfrotiert. Und genau dadurch von O.s frei flottierenden Emotionen überrollt. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit. Tag für Tag.

Am 4.11.2015 schickt O. Dir zur Mittagszeit zwei Selfies von morbider, quälend schöner Traurigkeit. Dir bricht fast das Herz, als Du ihn vor dem Arkadengebäude eines der verwunschenen alten Friedhöfe Eurer Stadt stehen siehst, in eine dunkelblaue Edeldaunenjacke gehüllt über der sein Gesicht mit den schwarz umrandeten Augen noch zerbrechlicher und bleicher wirkt als sonst. „Ein Kuss von mir“ schreibt er dazu. „Danke Liebster!“ antwortest Du. „Wo ist das denn?“ – „Alter Friedhof am Schlosspark“ antwortet O. „Lolo hatte heute Chemo. In der Zeit gehe ich da immer spazieren“ – „Ach so“ antwortest Du. Bevor Du Deine Betroffenheit in weitere Worte fassen kannst, schickt O. Dir einen Text, der sich als weitergeleitete Whatsapp-Nachricht von seiner Freundin erweist. „Bin in 2,5 Std fertig“ heisst es da. „Port funktioniert nicht mehr. Muß es über Hand bekommen. Und am Freitag bekomm ich Blut Transfusion und Port Überprüfung. Alles Mist“ – „Die Ärmste“ schreibst Du. „Es geht mir nahe mit ihr!!!“

„Momentan läuft es sehr sehr schlecht für sie!!!!“ schreibt O. „Vielleicht muss sie nochmal an dem Port – da wird die Chemo angesteckt – operiert werden!!!!“ – „Also neuen Port reingemacht kriegen?“ fragst Du. „Der Port hat sich verschoben!!!“ antwortet O. „Er muss wieder in die richtige Position gebracht werden!!!! Wir wissen noch nicht wie das aussehen wird! Morgen ist der Termin dafür. Auf jeden Fall läuft es grad super schlecht!!!!“ – „Das tut mir sehr sehr leid“ antwortest Du. „Ich würde so gerne irgendetwas tun um Dir zu helfen!!“ – „Dass du mir immer neue Bilder schickst tut mir total gut!!!“ schreibt O. „Dann mache ich bald wieder welche für Dich!!!“ antwortest Du. „Ja bitte!!!!“ schreibt O. Noch am Nachmittag des gleichen Tages liegst Du mit Deinem Handy im Schlafzimmer auf dem Bett und machst Deine bisher besten, schönsten, sehnsuchtsvollsten Bilder für O. In roten Schuhen, weissen Strümpfen und einem korallenroten Satin-Trägertop. Tiefnachts schickst Du sie ihm, mit vielen vielen Küssen. Antwort? Fehlanzeige.

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Literaturwissenschaftlerin

The Old Lady, Part 1

Du bist nun also die Lieblingskonkubine von O. Beschenkt und geehrt mit fünf Paar glitzernder, schwindelerregend hoher Trash-Heels. Auf denen Du, strahlend im Licht seiner Zugewandtheit, direkt bis vor sein Herz balancierst. Wie einst Cinderella zu ihrem Prinzen, mit dem gläsernen Schuh. Oder Carrie Bradshaw zu Mr. Big, in Manolo Blahnik und Jimmy Choo. Zwei Tage lang ist es Dir vergönnt, Dich so zu träumen. Dann holt die Realität Dich ein und Du lernst eine weitere Facette von O.s Paralleluniversum kennen. Es ist der 19. 9.2015. Als Du morgens um 8h Dein Handy hochfährst, siehst Du, dass O. bei Tagesgrauen versucht hat, Dich zu kontaktieren. „Bist Du wach?“ schrieb er um 4.17h. „Leider erst jetzt!“ antwortest Du schuldbewusst. O. schreibt nicht zurück. Aber am späten Nachmittag schickt er Dir ein Bild aufs Handy. „Für dich. War grade so geil!“ textet er dazu. „Oh vielen Dank!“ antwortest Du. Erst dann nimmst Du Dir Zeit es richtig anzuschauen.

Was Du siehst, ist ein Bild wie Du bisher noch keins von O. bekamst. Es ist kein sinistres Magic-Eye-Selfie. Kein provokantes Dick Pic. Auch kein weitergeleitetes Erotikfoto einer fremden Dame. Und dennoch: ebenso verstörend. Ebenso aufwühlend, widersprüchlich und doppeldeutig wie sie alle. Denn: es zeigt nicht nur eine milchig-weisse, gallertartige Substanz, die sich etwa esslöffelgross in einem der Besucherwaschbecken von O.s Haus verteilt. O.s materialisierte Lebensenergie. O.s verflüssigte DNA. O.s innerste Essenz. Das Bild dokumentiert weit mehr als nur O.s Faszination von seiner eigenen Sexualität. Es hat nämlich einen Rahmen, der es als Screenshot ausweist. Als Screenshot eines Chats. Als Screenshot eines Chats, der am 19.9.2015 in den frühen Morgenstunden stattfand. Um 5.22h, um genau zu sein. Also eine Stunde und fünf Minuten nachdem O. versucht hatte, DICH zu kontaktieren. Zu dieser Zeit schickte er ein Foto seines frisch ejakulierten Spermas auf das Handy einer anderen Frau.

„Peter“, liest Du in der Kontaktzeile des gescreenshotteten Whatsapp-Bildschirms. Ein Deckname, den O. seiner Chatpartnerin offensichtlich gab. Denn unterhalb des Abspritz-Fotos zeigt ein Pfeil nach links. „Du 19. September, 5.22h“ vermeldete die App, keinen Raum für Zweifel lassend. Und öffnet damit eine Falltür in Deinem Inneren, die ins Bodenlose führt. Die gefühlte Nähe Deiner nächtlichen Chats mit O.? Die Vertrautheit? Der schrankenlose Austausch von Ideen und Phantasien, das erotische Verbundensein, der Enthusiasmus, die Verzückung, die Dankbarkeit – alles nur Illusion, nur Schall und Wahn? Fake? Volatil? Imaginär? „Zweifelsohne“, denkst Du, während Du blicklos auf Dein Handy starrst. Und vor allem: Wer mag diese wundervoll verfügbare Dame sein, die O. ganz einfach so im Morgengrauen anschreiben kann, während Du leider schläfst? Und deren Sexting ihn binnen kurzer Zeit zu einem fotografisch präsentablen Orgasmus bringt? „Ich bin gar nichts. Ich bin einfach nur ein Nichts“, denkst Du.

Du verbringst die obligatorische schlaflose Nacht. Geisterst durchs Haus, sitzst am Küchentisch, betrachtest wieder und wieder das doppelbödige und dennoch vollkommen eindeutige Bild. Versuchst, O. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denkst an seine krebskranke Freundin, seinen Schlafmangel, seinen Stress. Denkst an die rührende Sms, die er Dir vor Kurzem schrieb. „Babe“, hatte er getextet, „in meinem Kopf herrscht zur Zeit ziemliches Chaos und deshalb kann ich leider meine Lust nicht immer auf dich konzentrieren!!! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine!!!“ – „Natürlich, Liebster!“ hattest Du geantwortet. Und nun? Nun verstehst Du es ANDERS. Nämlich, dass Du eben nach wie vor austauschbar bist für O. Und zwar in Sekundenschnelle. Mit einem einzigen simplen Switch in ein anderes Chatfenster. Dies ist die Erkenntnis, die Dich am meisten schmerzt, beim Anblick von O.s klarem, hellem Sperma auf der weiss glänzenden Keramikoberfläche seines Waschbeckens. Und dem dunklen Rahmen um es herum.

Gegen 3h morgens sinkst Du vornüber auf dem Küchentisch zusammen und fällst in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Zwei Stunden später schreckst Du hoch. Desorientiert. Schweissgebadet. Mit dem Gefühl einer tief empfundenen Entrüstung die in Dir nagt. Als Du Dein Handy entsperrst, springt Dich O.s Wichs-Foto direkt an. Du hattest vergessen es wegzuklicken, bevor Du einschliefst. Nun, da Du es erneut betrachtest, weisst Du plötzlich, was das Anstößige daran ist. Denn, es ist eine Sache, dass O. nachts mit anderen Frauen sextet. Und eine ganz andere Sache ist es, Dir davon ein Bild aufs Handy zu schicken. Ungefragt. Ungebeten. Es ist grenzübertretend. Es ist missbrauchend. Es ist verletzend, beleidigend, ausbeuterisch. Sowohl Dir gegenüber, als auch gegenüber der anderen Frau. Von seiner Freundin mal ganz zu schweigen. Es geht Dir ein wenig besser in dem Moment wo Du das so für Dich formulieren kannst. Du atmest durch. Dann nimmst Du dein Handy, rufst deine Chats mit O. auf und schreibst:

„Guten Morgen Liebster! Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ganz spät schlafen gegangen und dann gleich wieder wach geworden mit Gedanken an Dich. Ich empfinde sehr viel für Dich. Aber bitte schick mir keine Screenshots mehr von Deinem Sperma die Du schon einer anderen Frau gesendet hast, ok? Ich weiss dass ich nicht die Einzige für Dich bin. Aber es tut doch weh auf diese Art damit konfrontiert zu werden. Ich weiss dass Du mich nicht verletzen wolltest und ganz viele Dinge im Kopf hast die wichtiger sind.“ Du hältst kurz inne um nachzudenken wie Du Deine Gefühle gegenüber O. noch ausdrücken könntest. Da zerreißt sein Nachrichten-Ton die Stille in Deiner Küche. O. schreibt zurück. „Wie kommst du darauf?“ fragt er kühl. Nein, kalt. „Da steht der Name Peter und dass es am 19.9. frühmorgens gesendet wurde“ antwortest Du. „Hab ich auch einen Männernamen in Deinem Handy?“ fügst Du hinzu. „Du nicht“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ – „Und die Anderen? Was sind die?“ fragst Du.

„Nur Ficks“ antwortet O. „Und ich? Bin ich was Anderes?“ fragst Du. „Was willst Du eigentlich?“ schreibt O. „Du fickst mit anderen Männern für Geld!! Bist im Internet unterwegs um Ficks aufzutreiben! Du bist süchtig danach es mit unterschiedlichen Männern zu treiben!!! Also was soll das? Du bist nicht nur meine Schlampe, du bist überhaupt eine Schlampe!!!“ – „Nein ich bin nur Deine Schlampe!“ antwortest Du verzweifelt. „Und ich bin NICHT süchtig nach verschiedenen Männern!“ – „Ich hatte mal paar Ficks mit einer alten Lady!!!“ schreibt O. Hoheitsvoll. Gebläht von der eigenen Bedeutung. „Wir schreiben uns noch und schicken Fotos. Sie bettelt manchmal darum meinen Schwanz in den Mund zu nehmen oder ihn zu wichsen!!!“ – „Schon gut!“ tippst Du. Aber O. ist nicht zu bremsen. „Wenn Dir das nicht passt dann musst du es mit mir beenden!!!“ schreibt er. „Ich habe keine Lust mir von Dir was verbieten zu lassen!!! Du würdest dich für Geld von meinen Freunden ficken lassen. Also halt dein dummes Schlampenmaul!!!“

„Ich verbiete Dir doch gar nichts“ versuchst Du einzuwenden. „Du würdest dich für Geld jederzeit ficken lassen!“ schreibt O. erneut. „Da stehst du drauf!!! Du brauchst das!!!“ – „Nein“ antwortest Du. „In Wirklichkeit brauche ich ganz andere Sachen. Und ganz sicher brauche ich keine Screenshots von Deinem Sperma für eine andere Frau!“ – „Was für Sachen brauchst du dann?“ fragt O., plötzlich unsicher wirkend. „Ich brauch nur Dich!“ schreibst Du. Anstatt Dir zu antworten, sendet O. Dir ein Bild. Ein Bild von einem  ausgemergelt wirkenden Frauenkörper, der Dir bereits bekannt vorkommt. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, trug er einen dunkelroten Netz-Catsuit und saß mit gespreizten Beinen vor einem weissen Garderobenspiegel auf dem Boden. Auf dem aktuellen Bild trägt die fragliche Dame einen weissen Strapsgürtel zu weissen, halterlosen Strümpfen, hochhakige, rote Pumps und lässt im Flurspiegel ein schimmerndes Glas-Toy zwischen ihren weit geöffneten, mageren Schenkeln aufblitzen. „Solche Bilder schickt sie mir!“ schreibt O. dazu.

„Ja“ antwortest Du, während Dein Magen ein wenig revoltiert. „Solche schick ich Dir ja auch“ – „Ja! Und beide bekommt ihr welche dafür von mir!“ schreibt O. „Liebst Du sie mehr als mich?“ fragst Du beklommen. „Ich liebe sie überhaupt nicht!!!“ schreibt O. „Wie bitte?“ fragst Du zurück. „Sie ist 65 Jahre alt und ich habe sie paarmal gefickt!!!“ schreibt O. „Die ist doch nicht 65. Was soll der Quatsch“ schreibst Du. „Die ist 65“ schreibt O. „Nein die ist 35“ schreibst Du. „Leck mich doch! Die ist 65!“ schreibt O. „Wie Du meinst“ antwortest Du und spürst plötzlich wie das Gefühl von Wut und Verletztheit in Deinem Inneren weicht und sich wandelt in Mitleid und Anteilnahme für O. Für ihn, und für das Ausmass seiner psychischen Störung, das hinter seinen trotzig-aggressiven Worten durchschimmert. Aber auch für die Verlorenheit jener älteren Dame, die in der Tristesse ihres Single-Appartements irgendwo am Rande Eurer Stadt Sex-Selfies macht und hofft auf Besuche von O. „Ich liebe Dich!“ schreibst Du. „Mit allem was zu Dir gehört.“

„Aber ich wünsche mir einen Screenshot von Deinem Sperma der nur für mich ist, verstehst Du? Ich würde für Geld mit Deinen Freunden ficken um DICH damit zu erregen, aus keinem anderen Grund. Einfach nur für Dich!! Um Dich zu erregen bin ich zu sehr Vielem bereit! Aber ich kann auf alle Männer und den Sex mit ihnen locker verzichten. Der einzige Mann nach dem ich süchtig bin bist Du. Du aber bist wirklich die Droge für mich!“ – „Das nächste Mal mach ich ein Foto nur für dich“ schreibt O. „Das würde mich sehr glücklich machen!“ antwortest Du. „Denn ich will für immer Deine Schlampe sein!“ – „Das will ich doch auch“ schreibt O. „Ich liebe dich und ich will nur dich!“ – „Ok“ antwortest Du. In den Abendstunden des folgenden Tages bekommst Du tatsächlich ein weiteres Bild von O. Es zeigt einen esslöffelgrossen Klecks einer hellen, klaren, Dir wohlvertrauten Substanz in einem der Handwaschbecken in seinem Haus. Ohne Rahmen darum herum. „Nur für dich!“ schreibt O. dazu. „Danke“ antwortest Du.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Insomnia

Nach dem 28. August 2015 vergehen knapp drei schwierige Jahre. Eine Ära des Duldens und Dienens. Äonen, in denen Du gemeinsam mit O. auf den Spuren seiner traumatischen Kindheit wanderst. Die Abgründe seiner verwüsteten Seelenwelt durchschreitest. Verlorensein, Krankheit und Lebensferne mit ihm teilst, trägst,  ja: statt seiner lebst. Dich von ihm belügen, betrügen, vergewaltigen und schlagen läßt. Konfontiert und gedemütigt wirst mit anderen Frauen. Mehrfach. Oft. Immer wieder. Und dennoch festhältst an Deiner Idee von O. als einem sensiblen, gemarterten Traumprinzen, den es zu erlösen gilt. Aus der kalten, dunklen Burg seiner schweren Vergangenheit. Zu der allein Du den magischen Schlüssel finden kannst, wenn Du nur lange genug suchst. Bis Du endlich begreifst, dass es auch Dir, trotz all der vielen Liebe die Du für O. in Dir trägst, nicht gelingen wird, die schwere narzisstische Wunde in seinem Inneren zu heilen. Und Du allmählich beginnst, Dich aus seinem dunklen Kosmos zu lösen.

Der Spätsommer 2015 beschert Dir eine rasche Initiation in die morbide Lebenswirklichkeit von O. Am 31.8. erfährst Du, dass der Brustkrebs seiner Freundin das reine Anfangsstadium bereits verlassen hat. „Heute hat der arzt anrufen!!!“ schreibt O. fühlbar konsterniert um 18.08h. „Lymphknoten sind befallen!!!“ Im anschließenden Chat entwickelt er wilde Verschwörungstheorien über die Ursache von Lolos Erkrankung. Schuld seien vor allem ihre Schwester, die vielen Streitigkeiten wegen des familieneigenen Firmengeflechts, die Sehnsucht nach ihren Neffen und, natürlich, die Ungerechtigkeit des Lebens überhaupt. „Es trifft so oft die Falschen!!!“ schreibt O. „Ich wüßte auf der Stelle mindestens zehn Leute die es verdient hätten!!! Aber sie nicht!! Sie kann einem wirklich leid tun!!!“ Etwaige Anteile seiner selbst oder gar eigene Verhaltensmuster blendet O. bei dieser abenteuerlichen extrinsischen Krankheitsbegründung natürlich konsequent aus. Und Du? Du hütest Dich, dazu etwas zu sagen.

Zwei Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 15.9.2015 kommt es zwischen O. und Dir zu einem bahnbrechenden Chat, den Du noch Jahre danach als legendär einstufen wirst. Du erwachst an diesem Tag mit dem zwingenden Gefühl, von O. gebraucht, ja, regelrecht gerufen zu werden. Nachdem Du Dich mit Deinem Handy ins Wohnzimmer geschlichen und auf dem Sofa in eine Wolldecke gehüllt hast, begegnest Du via Whatsapp einem unmaskierten, einem wirklichkeitsnahen O. von luzider Authentizität. „Guten Morgen“ antwortet er, direkt nachdem Du ihn angeschrieben hast. „Auch schon wach?“ – „Ja“ antwortest Du. „Warum? Schlecht geträumt?“ fragt O. „Einfach nur so“ antwortest Du. „Und Du? Konntest Du ein bisschen schlafen?“ – „Leider nicht!“ antwortet O. „Ich habe immer so schlimme Träume!“ – „Oje!“ schreibst Du, während das Gefühl einer eigenartigen Schwere von Dir Besitz ergreift. „Was träumst Du?“ – „Alles mögliche!“ antwortet O. „Aber meistens sind es unangenehme Träume und sie sind sehr intensiv!“

Du erfährst, dass O. sehr oft davon träumt, verfolgt zu werden und flüchten zu müssen. Anscheinend durchstreift er in seinen Parasomnien häufig atomar verwüstete Landstriche. Und wird, als einziger Überlebender der noch wenige Habseligkeiten retten konnte, von obdachlosen Ausgestossenen belästigt und umstellt. Du kannst das Grauen dieser Traumgesichte spüren, als er davon schreibt. Und würdest gerne etwas tun um sie von ihm zu nehmen. „Du Armer. Wann schläfst Du denn überhaupt mal?“ schreibst Du, um von Deiner Hilflosigkeit abzulenken. „Paar Stunden bring ich schon zusammen“ antwortet O. „Und wenn Du wach bist? Was machst Du dann?“ fragst Du weiter. „Bisschen rumräumen, Musik hören, lesen“ antwortet O. „Ok. Ich wollte Dich nicht stören gerade!“ schreibst Du. „Ich bin nur vorhin wach geworden und habe an Dich gedacht!“ – „Das ist sehr lieb von dir Kleine“ antwortet O. „Du störst doch nicht. Hast Du eigentlich im Moment was an oder bist Du nackt?“ – „Ich hab ein T-Shirt an“ antwortest Du.

„Dann streichel doch ein bisschen Deine Brüste!“ schreibt O. „Du weißt ja dass mich das scharf macht!“ – „Ok“ antwortest Du. „Würdest Du mal gerne mit mir kuscheln?“ fragt O. „Oder engumschlungen im Bett mit mir liegen? Oder magst Du sowas gar nicht?“ – „Doch, O.! Zärtlichkeiten mag ich sehr!“ antwortest Du. „Nackt mit Dir unter einer Decke wäre schön! Einfach nur spüren dass Du in der Nähe bist. Das würde mir schon genügen!“ – „Dann lass uns das doch machen!“ schreibt O. „Möchtest Du so etwas denn?“ fragst Du. „Es wäre traumhaft!“ antwortet O. „Mit Dir möchte ich alles!“ – „Wirklich?“ fragst Du ungläubig, nach allem was Du über O. und seine Präferenzen weißt. „Babe“ antwortet O. „Ich kann es zwar selber kaum glauben dass ich mit Dir Dinge machen kann die ich nie für möglich gehalten hätte. Aber es ist so!“ – „Wahrscheinlich ist das so weil ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Und weil wir super zusammen passen!“ – „Ja Babe!“ textet O. „Es war absolutes Schiksal dass wir uns begegnet sind.

Bevor Du antworten kannst, schreibt O. weiter. „Ich weiß dass ich Dich oft sehr quäle!“ textet er. „Dabei hättest Du eigentlich nur Gutes verdient!!! Ich weiß dass Du gern kuschelst und es zärtlich magst! Aber ich WILL Dich schlecht behandeln!!“ – „Das ist schon ok“ antwortest Du. „Es ist wirklich einfach unglaublich was ich im sexuellen Bereich alles mit Dir machen kann!!!“ schreibt O. „Nicht nur dass Du mich hinten küßt und Dich anpissen läßt – ich könnte Dich auch schlagen, fesseln, Dir nen Gürtel um den Hals legen und dich damit würgen und hinter mir herziehen!!! Sogar anspucken könnte ich Dich!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du. „Ich kann das aber nur mit Dir. Mit jemand anderem ginge es nicht. Du hast eine so charmante Art all diese Dinge zu machen. Es ist nichts Abstossendes für mich daran – im Gegenteil! Alles was von Dir kommt ist für mich wunderschön und wertvoll!“ Eine Pause entsteht. Das fahle Licht im Raum hellt sich allmählich auf. Die ersten Vogelstimmen erklingen im Garten.

Du aber wirst, ungeachtet des bevorstehenden Tagesanbruchs, jählings von einer fast narkoleptischen Schlafattacke übermannt. Dein Kopf sinkt in den Nacken, das Handy gleitet Dir aus der Hand, unter Deinen flatternden Lidern gewahrst Du Wolkenfetzen, Lichtkegel und das bleiche Gesicht von O. Als sein Nachrichten-Ton Dich aus den Halluzinationen reisst, siehst Du, dass er einen beispiellosen Text verfasst hat. „Du bist schön und gebildet!“ schrieb er, während Du weggedämmert warst. „Bist Mutter eines Sohnes und hältst ein Haus in Schuss! Darum fand ich es so überraschend dass Du all diese Dinge mit Dir machen lässt!!! Ok, wenn Du so eine gammlige Tussi wärst … Aber Du bist auch total gepflegt und feinfühlig! Es ist einfach unfassbar was ich durch Dich erlebe!!! Und was so alles in mir selbst steckt!!! Du hast das in mir erweckt!!! Ich verdanke Dir die aufregendsten körperlichen Erlebnisse in meinem Leben!!!“ – „Ja?“ schreibst Du benommen. „Ich dachte Du hast all sowas schon immer gemacht!“

„Nein!!!“ antwortet O. mit einer Vehemenz, die durch das Handy zu Dir dringt. „Du bist die Erste die mich hinten leckt!! Die Erste die ich anpisse!!! Die Erste die sich dreckiger und strenger behandeln lässt!! Aber Du! Du hast das schon öfter mit anderen Männern gemacht, oder?“ – „Nein!“ antwortest jetzt Du. „Ich kann das nur mit Dir. Aber ich wollte schon als Mädchen immer Sklavin spielen, zusammen mit einem Freund!“ – „Du warst eben schon immer eine geile Sau!“ schreibt O. „Und jetzt erzähl mir wie oft Du Deinen Mann schon betrogen hast!!!“ – „Ich hatte wirklich nicht so viele Männer wie Du denkst!“ antwortest Du. „Bei den meisten hat es schon gereicht was sie Dummes erzählen und dann kam es gar nicht mehr zu einem Date. Du hingegen warst unvergleichlich in Deiner Art mich aufzureißen! Das war damals ein Moment den ich nie vergessen werde. Ich war sofort total hin und weg von Dir!“ – „Babe, ich bin absolut glücklich dass Du mich ein bisschen magst und mir mein Leben so versüsst!“ textet O.

„Ich versuche es so gut ich kann denn ich mag Dich mehr als nur ein bisschen!“ antwortest Du. „Für mich ist es eine Art Märchen was ich mit Dir erlebe. Ich kann manchmal gar nicht glauben dass es wahr ist!“ – „Da geht es mir wie Dir!“ textet O. „Es ist ein Märchen!“ – „Ein dunkles Märchen“ schreibst Du. „Oh ja, ein sehr dunkles!!!“ echot O. Du würdest gerne wissen, ob O. wirklich ahnt, welche archetypischen Feengeschichten er um sich herum lebt und inszeniert. Doch bevor Du ihn dazu etwas fragen kannst, schreibt er erneut. „Das Chatten mit Dir hat mich mal wieder total aufgeheizt! Und darum werde ich es mir jetzt schnell machen und dabei an Dich denken!“ – „Tu das mein geheimnisvoller Prinz“ antwortest Du. „Ich liebe es wenn Du in mich eindringst!“ – „Und ich liebe es wenn ich über Deinem Gesicht knie und Du mich hinten küsst! Ich dabei Deine Muschi und Deine Beine sehe! Und Du Dich selber streichelst und stöhnst!“ antwortet O. Dann fällt die Sonne ins Zimmer. Euer Nacht-Chat ist zu Ende.

Zwei Stunden später aber meldet O. sich nochmals bei Dir. „Welche Schuhgröße hast Du?“ fragt er. „39“ antwortest Du. „Ich habe jetzt Highheels für Dich ausgesucht!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Hab fünf Paar bestellt und bezahlt. Ich konnte nicht anders. Hier ist die Tracking-Nummer. Sie kommen zu Dir!!!“ Am 17.9.2015 bekommst Du spätnachmittags tatsächlich ein riesiges Paket. Es enthält Ankle-Boots mit Leopardenmuster und dunkelrotem Stiletto-Absatz. Plateau-Pumps aus schwarzem Lederimitat, mit Nieten auf der Sohle. 14mm hohe Brautschuhe, bezogen mit elfenbeinfarbigem Satin. Hochhakige Peeptoes aus schwarzem Netzstoff, mit Strassperlen am Rand. Und rosé-golden schimmernde Glitzerheels. „Aschenputtel war gestern“ denkst Du, während Du Seidenpapier und Kartonagen im Altpapiercontainer eines benachbarten Wohngebäudes entsorgst. Dann beginnst Du damit, das erste Paar Schuhe an Deinen nackten Füssen zu fotografieren. Und bist Dir sicher, dass eine vollkommen neue Zeitrechnung begonnen hat zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Breast Cancer Awareness?

Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.

 

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