„Love itself was gone“ (Leonard Cohen)

Deine eigene vorbehaltlose Liebe. So, wie Du sie vom ersten Moment an empfandest für O. in all seiner Gebrochenheit – sie kehrt nach diesem Tag im April 2016 nie wieder zurück in Dein Herz. Nie wieder kehrt sie zurück. Nicht am 3. Juni 2016, als O. gegen 9h mit seinem Fahrrad im Licht des jungen Tages am Vorgartentürchen Deines Hauss erscheint. Sturm läutet. Und Du ihn vom Fenster des kleinen Waschraums im ersten Stock herab beobachtest. Und, anstatt Hals über Kopf nach unten zu eilen und Dich ihm entgegen zu werfen, kühl registrierst, dass O.s vornehme Blässe ins Cholerisch-Violette changiert, als ihm klar wird, dass Du nicht öffnen wirst. Die Liebe kehrt auch nicht zurück, als Du zwei Tage später einen handgeschriebenen Zettel aus Deinem Briefkasten fischst. Auf dem O. seine Handynummer notiert hat und anbietet, erneut die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. In steil gekritzelten Buchstaben, die, Du wunderst Dich selbst, nicht die leiseste Resonanz oder Regung von Sehnsucht in Dir hervorrufen.

Und auch als Du weitere zwei Tage später unter O.s Sturmlauf auf Dein Handy zusammenbrichst. Weil Du es einfach nicht mehr schaffst, seinen gefühlt tausendsten Anruf unter verdeckter Nummer zu ignorieren. Und nach einem kurzen, hektischen Wortwechsel einwilligst, Dich mit ihm für ein „letztes“ Gespräch zu treffen. Auch dann kehrt Deine grosse, unbedingte Liebe von einst nicht wieder zurück. Bei dieser Begegnung, nachmittags, am Rande eines Brachfeldes zwischen Friedhof, Waldgastsstätte und Wertstoffhof gleitest Du vielmehr in einen leicht dissosziativen Zustand, als Du O. zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder erblickst. Du fragst Dich, während Du vom Fahrrad steigst und auf ihn zugehst, was Du eigentlich mit diesem bleichen, kahlgeschorenen Mann zu tun hast, der da breitbeinig, kaugummikauend, mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten des Unterholzes auf Dich wartet. Die Augen hinter einer riesigen, grau getönten Design-Sonnenbrille verborgen. Discotürstehermässig. In Spanner-Manier.

Und als dieser Dir sehr fremd und gar nicht sympathisch erscheinende Mann Dich an jenem Nachmittag zur Begrüßung einfach nur bei deinen Schultern packt. Und so grob zu sich herzieht, dass Du befürchtest, die Träger Deines Empire-Tops könnten reissen. Da verwandelt sich ein Teil deines Bewusstseins in eine Art kleinen Vogel. Er schwingt sich auf einen der hohen, dunklen, umstehenden Bäume. Und sieht aus dieser sicheren Entfernung dabei zu, wie der Brutalmacho im jagdgrünen Leinenhemd und in den hellbeigen Cargo-Bermudas Dich unten herumschubst. Er sieht, wie Du erst gegen die Lehne einer Parkbank und dann gegen den Stamm einer Buche gedrängt wirst, so dass O. Dir von hinten in den Schritt fassen und versaute Dinge ins Ohr sagen kann. Dass Du eine geile Schlampe bist die es bracht, beispielsweise. Der kleine Vogel hört auch, dass O. von Dir verlangt, ihm Verschiedenes nachzusprechen. „Ich will nur Dich!“ sollst Du unter Anderem skandieren. „Gehirnwäsche“ denkt der kleine Vogel auf seinem Baum.

Der andere Teil Deines Bewusstseins. Der, der auf der Erde verblieb. In Deinem Körper. In physischer Nähe zu O. Er ist damit beschäftigt sich zu orientieren. Im Chaos dessen, was O. da auf der Stadtwaldbrache mit Dir anstellt. Was er als „Versöhnung“, „Aussprache“, „Wiedersehen“ oder „Zurückgewinnen“ verstanden wissen möchte. Und was doch nichts Anderes als Nötigung ist. Drangsal. Die Anwendung von Zwang. Das Ausüben von Druck. Berserkerhaftes Gezerre. Umarmungen von hinten, die Würgegriffen gleichen. Bisse statt Küssen. Kneifen statt Streicheln. Zwicken. Quetschen. Wehtun. Einfach nur Wehtun. Das ist alles, was O. kann, stellst Du fest, während Du versuchst, aus seinem bleichen, viel zu glatten Gesicht und aus den Worthülsen, die er auf Dich niederprasseln lässt, einen Hauch von Authentizität, einen Funken von Gefühl, von Zuneigung zu Dir herauszulesen. Aber. Da ist nichts, stellst Du fest. Keine Liebe, nirgends. Nicht bei O. Und nicht bei Dir. Und trotzdem. Trotzdem holt er Dich wieder zu sich zurück.

O. redet sehr viel, an diesem Nachmittag, Anfang Juni 2016, auf der Stadtwaldwiese. Dass er Dich braucht. Und Du ihn, vor allem. Dass es Euch zueinander zieht. Ihn zu Dir und Dich zu ihm. Dass man nichts machen könne, dagegen. ES stärker sei als er und Du. Er, O., habe das akzeptiert. Und deshalb in der vergangenen Woche bei Dir geklingelt. Und dann den Zettel bei Dir eingeworfen. Was er noch nie, wirklich nie zuvor in einer vergleichbaren Situation bei einer anderen Frau je getan hätte. Ein fratziges Lächeln huscht an dieser Stelle über sein Gesicht. Er versucht, es zu unterdrücken. Dann redet er weiter. Von Schiksal, Zusammengehören und ewigem Aufeinander-geil-sein. „Und, wie geht’s der Krebskranken?“ wirfst Du zwischendurch ein wenig schnippisch ein. „Welche Krebskranke?“ fragt O. irritiert zurück. „Die eine“ antwortest Du. „Ach die!“ ruft er mit wegwerfender Geste. „Du, keine Ahnung. Und jetzt hol mal dein Handy! Dann machen wir ein schönes Selfie und schalten mich auf Whatsapp frei, ok?“

Du starrst O. für Sekunden ungläubig an, bevor Du gehorsam zu Deinem Fahrrad gehst um das Smartphone aus Deiner Tasche zu holen. Die schwerkranke Frau. Deren Bild Du noch immer in Deinem Handy hast. Und es fast täglich betrachtest. Die Frau, die er draussen vor den Toren Eurer Stadt besuchen wollte um zärtlich zu ihr zu sein. Es ist, als sei sie eine reine Fiktion von Dir. Als hätte sie nie existiert. Bei Dir. In Deinem Herzen mag ihre Geschichte Spuren hinterlassen, Dinge verändert haben. Nicht aber bei O. Was immer er auch mit ihr erlebt haben mag. Es ist gelöscht. Für IHN hat es keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt, in dieser Sekunde wo es ihm um Dich geht. Diese arme, elende Frau. Sie könnte toter nicht sein, denkst Du schaudernd, während Du mit hochgezogenen Schultern zu Deinem Fahrrad gehst. Ein Teil von ihr starb lang vor ihrem möglichen Krebstod indem sie hineingeriet in das gnadenlose, alles verschlingende Missbrauchssystem von O. Dem DU, das schwörst Du Dir, entrinnen WIRST.

Natürlich kommt es nach diesem Treffen im Stadtwald wieder zu sexuellen Begegnungen zwischen O. und Dir. Am Freitag, den 17. Juni beispielsweise. Gegen 19h, Du bist gerade im Begriff zum Opening der Kunstausstellung einer Schulfreundin aufzubrechen, schreibt O. Dich an. Ob Du schnell vorbeikommen könntest? Du kannst. Und als O. Dich auf der schwarzen XL-Couch in seinem komplett abgedunkelten Wohnzimmer mit heftigen Stößen von vorne nimmt und dabei „Ich-halts-ohne-dich-nicht-aus“ hervorpresst, da erscheint er Dir für die Dauer eines Nano-Augenblicks verletzlich und gleichzeitig machtvoll wie eh und je. Dann aber schließt sich der Firnis über Deiner Seele. Und während Du mit neuer, bislang ungekannter Routine Deinen Rim-Job für O. erledigst, bemerkst Du, dass die Düsternis im Raum sich NICHT mit schimmernden Aureolen anreichert. So wie sonst. Etwas ganz Bestimmtes ist unwiderruflich vorbei. Magische Dates mit Trancezuständen. Mit Bildern aus den Tiefenschichten Deiner Kindheit. Vorbei.

Anfang August 2016 verreisen dein Mann und Dein Sohn wieder für einige Wochen auf die Ferieninsel im Thyrennischen Meer. Du selbst kannst am 26.8. dabei beobachtet werden, wie Du sehr früh am Morgen das Haus verlässt und mit dem Rad Richtung Innenstadt fährst. Nicht zum Haus von O. Dein Ziel ist ein anderes, an diesem Tag. Es hat jedoch mit O. zu tun. Hauptbahnhof, Säulenhalle. Von dort ca. 40 Kilometer mit der S-Bahn nordostwärts. Zur Grossen Kreisstadt im Einzugsgebiet des internationalen Verkehrsflughafens. Das Fahrrad nimmst Du natürlich mit. Denn: Du willst ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Eine Reise in die Vergangenheit willst Du machen, in die Kindheitswelt von O. Du möchtest mit dem Rad das kleine Dorf erreichen, in dem er vor 45 Jahren zusammen mit seinen Brüdern aufwuchs. Das Dorf, in dem er die Dinge erlebte, die ihn so werden liessen wie er heute ist: ein schöner, begabter, jedoch innerlich zutiefst verletzter, und deshalb andere schädigender Mann.

Die S-Bahn schaukelt Dich durch eine sanfthügelige, weite Landschaft, in der sich Maisfeld an Maisfeld bis zum Horizont zu reihen scheint. Etwas von der Klarheit dieser Gegend trägt O. in sich, dessen bist Du sicher, während Du durch die Sonnenlichtkringel in den Zugfenstern schaust. Das Offen- und Frei-Erscheinende. Die Helligkeit seines Körpers. Das Verwegene seiner Gedanken und Phantasien. Das findest Du dort draussen wieder. Aber irgendwo in der Weitläufigkeit dieser Maisfelder ging auch O.s Seele verloren, damals, als er Kind war und von seinem Vater gedemütigt und von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. Systematisch, über Jahre hinweg. In einer Zeit, als es noch kein kollektives Bewusstsein für das Leiden missbrauchter Kinder, kein Schutzprogramm für dysfunktionale, eskalierende Familien gab. Und jemand wie O. auf sich selbst gestellt war. Du fühlst ein stummes Weinen tief in Dir, während sich die S-Bahn ihrem Endziel nähert. Du trauerst heftig um die verlorene Seele von O.

Im Zentrum der Grossen Kreisstadt suchst Du Dir erstmal ein hübsches Frühstücks-Café. Nachdem Deine Aufgewühltheit sich ein wenig gelegt hat, orientierst Du Dich mit dem Handy und findest rasch die Fahrradroute zum Heimatdorf von O. Sie verläuft zunächst entlang am ruhigen Fliessgewässer der Region und führt dann über kurvige Landstrassen bergauf. Nach gut 45 Minuten erreichst Du den Ort, an dem sich so viele Deiner Emotionen bündeln. Du atmest kurz durch, bevor Du es wagst, das Dorfnamensschild zu passieren. Dann streifst Du ein wenig mit dem Fahrrad durch die Strassen. Das Dorflädchen? In dem O. und seine Brüder täglichem Sauberkeitsdrill ausgesetzt waren? Das Haus? In dem ihr Vater sie schlug? Und ihre Mutter vergewaltigte, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Keines der reinlichen Gebäude ringsum im Dorf scheint davon zu künden. Im Gegenteil. Du fühlst trotzige Verschlossenheit. O.s Herkunftsort möchte sich NICHT erinnern an das, was hier vor 45 Jahren mit Kindern geschah.

Inzwischen wird hier ganz besonders viel für kleine Erdenbürger getan. Es gibt sowohl ein offen und hell ausgestattetes Kinderhaus als auch einen liebevoll gestalteten Pfarrkindergarten im Schutze der Dorfkirche. „Zu spät für O.“ denkst Du, während Du das Fahrrad abstellst und durch den seitlichen Kirchenzugang hinaus auf den umliegenden kleinen Friedhof trittst. Du lässt deinen Blick über schmiedeiserne Kreuze und beige und ockerfarbig gehaltene Gedenksteine schweifen bevor Du beginnst, die einzelnen Gräberreihen abzuschreiten. Bald hast Du gefunden wonach Du suchst. Vorne. Nah an der Friedhofsmauer ist ein Grabstein dunkler als alle anderen. Als Du näher kommst, liest Du den Namen und die Lebensdaten der Mutter von O. „Im Kreuz ist Heil“ steht noch da, in blattgoldenen Lettern auf dunkelbraun-weiss marmoriertem Grund. Aber, seltsam. Nichts, wirklich nichts von dem, was Du da siehst berührt in irgendeiner Weise Dein Herz. In Deinem Kopf formen sich nur zwei klare Worte, während Du fröstelnd da stehst. „KEINE LIEBE“ denkst Du. „KEINE LIEBE“.

Thousandfold

O.s tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir zeigt sich am Mittwoch den 15. März 2016 zunächst einfach nur in einem besonders harten Beischlafprogramm. Ohne die wortreich im Chat beschworenen Zärtlichkeiten. Dafür mit Kratzspuren auf Deinem Rücken. Mit einer weissen Netzstrumpfhose, die sich bald nur noch in streifigen Fetzen um Deine Fussknöchel ringelt. Mit Schubsern. Mit Stössen. Mit unbarmherzigen Griffen. Mit heiser und fremd hervorgestöhnten Worten, die in einem verzerrten Lachen untergehen, während O. Dich frontal auf dem Wohnzimmersofa nimmt. „Es war so geil dich zu schlagen!!!“ hörst Du es aus ihm herausbrechen. „Ich hab beim Wichsen am nächsten Tag dauernd dran gedacht!!!“ Besonders deutlich zeigt sich O.s tausendfach stärker gewordene Liebe an diesem Tag jedoch in dem Geschenk, das er Dir eindringlich lächelnd überreicht, bevor er geht. Eine Design-Papiertüte mit signalroter Hochglanzbeschichtung. Darin: 50.- Euro. Sowie ein schneeweisses und ein pechschwarzes Marken-Herrenhemd.

Nur Stunden später, als Du in Deine Wolldecke gehüllt auf der Couch sitzst und versuchst, Dich von O.s Besuch ein wenig zu erholen, zeigt sich seine tausendfach stärker gewordene Liebe erneut. „Passen die Hemden?“ schreibt er um 17.43h. „Ich hab sie ganz ordentlich zusammengefaltet und versteckt!“ antwortest Du. Aufgestört von O.s Bruch mit seinen sonstigen postkoitalen Gepflogenheiten. „Ich zieh sie morgen an für Bilder. Sie passen bestimmt!“ O. schweigt. „Vielen vielen Dank dass Du hier warst!“ tippst Du mit zittrigen Fingern. O. antwortet nicht. Sein Schweigen reißt Dir das Herz auf. Und all Deine mühsam gebändigten Gefühle brechen daraus hervor. „Weisst Du eigentlich“ tippst Du, „dass es nur eine einzige Erfahrung für mich gibt die vergleichbar ist mit dem was ich durch Dich erlebe? Die Geburt von meinem Sohn. Dieser Moment in dem ich dachte dass ich sterbe – den fühle ich sehr oft mit Dir. Und deshalb brauche ich Dich so!“ O. antwortet um 21.47h. „Hey. Bin sprachlos!“ schreibt er.

Natürlich machst Du sehr viele Bilder für O. in den Tagen und Wochen nach diesem Date. Nahezu täglich kniest oder liegst Du im Schlafzimmer auf Deinem Bett, verdrehst und verrenkst Dich in immer neue Positionen, lächelst kokett oder blickst sehnsuchtsvoll in die Selfiekamera Deines Handys und fotografierst Deinen Körper in den Extremfarben Schwarz oder Weiss. Im Licht der Spaltung. Im Kolorit der Borderlinepersönlichkeit, das keine Schattierungen, keine Nuancen kennt. Im Reich der tiefsten Schwärze und der strahlendsten Helligkeit. Über das alleine O. gebietet und entscheidet, zu welcher Sphäre Du gerade gehörst. Zu O.s 47. Geburtstag Anfang April trägst Du das weisse Herrenhemd über dem schwarzen und fotografierst es zusammen mit weissen, halterlosen Strümpfen und schwarzen, perlenbesetzten Schuhen. O. ist begeistert als Du ihm die Bilder in den ganz frühen Morgenstunden sendest. „Danke mein wunderbares Goldstück!“ schreibt er. „Noch nie hat eine Frau mich so glücklich gemacht wie Du!“

Seine tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir via Whatsapp zu beschwören – dessen wird O. nicht müde in den Vorfrühlingswochen des Jahres 2016. Frühmorgens. Nachts. Tiefnachts. Und wieder frühmorgens besingt er die Intensität Eurer Verbindung. Mit ungebremstem Pathos. Hemmungslos. „Wir beide haben zueinander finden MÜSSEN!!! tippt er beispielsweise am 9. April 2016 um 3.55h. „Du und ich … das ist Perfektion!!!“ – „Ja!“ antwortest Du schlaftrunken mit dem Handy unter der Bettdecke. „Ich liebe dich über alles!!!“ schwelgt O. weiter. „Sowas geiles wie dich… hätte nie gedacht das es so etwas gibt!!!“ Du suchst nach Worten. „Bin wohl für Dich bestimmt!“ tippst Du dann. „Ja Babe!“ antwortet O. „Du bist einfach mit Worten nicht zu beschreiben!!! Und die zukünftigen gemeinsamen sexuellen Erlebnisse werden unsere intime Verbundenheit NOCH stärker werden lassen!!! Ich kann es jetzt schon kaum mehr erwarten das ich dir endlich deine Haare abrasieren darf!!!“ In diesem Ton geht es Nacht für Nacht …

So könntest Du also sehr glücklich sein in dieser Zeit im Frühjahr 2016. Könntest Dich geliebt und umsorgt fühlen. Gebadet in der immer wieder neu bekundeten tausendfach stärker gewordenen Liebe von O. Jedoch. Im Lauf der Wochen erlischt der magische Glanz von dem, was er Dir anbietet und schreibt. Und fühlt sich nur noch fadenscheinig und banal an. Unecht. Lieblos. Trotz aller Beteuerungen. Kurze Dates. Schnelle Ficks. Irgendwo zwischen Dunkel und Geröll. Rumfummeln in der Garage während Lolo schläft. Kurz Küssen im Auto. Unterm Mantel bei der Parkbank Deine Brüste spüren. Quicki-Modus. Auf nen Stoss vorbeikommen. Das ist die erotische Nomenklatur von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe bei Tag. Genauso wie der Ton seiner Absagen wenn die Verabredung an Alltagswidrigkeiten scheitert. Leider kein Glück. Hätte Dich gerne von hinten genommen. Aber Lolo hat Lymphknotenmassage und will das ich sie begleite. Freunde kommen. Wir schauen fern. Schade. Ja wirklich, denkst Du. SEHR schade.

Du bestellst einen neuen Catsuit im Internet. Signalrot. Mit Spaghettiträgern. Gekreuzten Bändern über der Brust und Cut-Outs im Taillenbereich. Du trägst ihn zusammen mit den signalroten Highheels und dem Statement-Collier aus glitzernden Fake-Türkis-Steinen. Und machst am 12. April 2016 viele Bilder von diesem Outfit für O. Um den Grauschleier zu zerreissen, der seit Wochen über allem liegt, was Du fühlst und tust. Um gegen die Lähmung, das Gefühl der inneren Ausgehöhltheit vorzugehen, das Dich seit Tagen beherrscht. Vor allem seitdem Du bemerkt hast, dass O. rund um die Uhr online ist. Nahezu pausenlos jemandem schreibt. Während er Dich, die er bekanntlich mit tausendfach stärker gewordener Intensität liebt, floskelhaft abfertigt. Die heiteren, frühlingshaften Farben stehen Dir gut. Auf den Bildern ist nicht zu erkennen, wie blass und traurig Du in Wirklichkeit aussiehst. Gegen Abend schickst Du sie O. „Geil!“ antwortet er. Und setzt seine anderen Chats fort. Bis tief in die Nacht.

Du weisst, dass Du cool sein und einfach drüber stehen solltest. Dich abwenden. Andere Dinge tun. Aber Du bist viel zu sehr gefangen im Netz der Sehnsüchte und der trügerischen Hoffnungen, in das die nächtlichen Chats mit O. Dich eingewoben haben. Du kannst den ganzen Abend lang nichts anderes tun, als mit pochendem Herzen aufs Handy zu starren und O.s Online-Aktivität zu beobachten. Wie paralysiert. Wie ein dressiertes Tier. Stundenlang. Als der Online-Schriftzug weit nach Mitternacht endlich erlischt, schämst Du Dich vor Dir selbst für das erbärmliche Wesen was aus Dir geworden ist. Jedoch: Schlimmer geht immer. Nachdem Du nämlich ein wenig gewartet hast, um sicher zu sein, dass O. nicht nochmal auf Whatsapp zurückkehrt, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Ich muss Dir was sagen. Es tut mir total weh wenn ich sehe dass Du mit wem anderen so viel chattest. Ich denke dann immer dass Du einer anderen Frau ganz tolle liebevolle Sachen mitteilst. Und dass ich nur ein Notnagel für Dich bin.“

Du schluckst. Atmest durch. Und, nachdem die Schleusentore nun einmal geöffnet sind, schreibst Du weiter. Von Deinen Gefühlen, Ängsten und Sorgen. Deiner Traurigkeit. Deinen Zweifeln an Dir selbst. Obwohl Du genau weisst, dass O. nichts anderes als einen Angriff sehen wird in dem, was Du verfasst hast. Und genauso ist es auch. Als Du gegen 5h morgens aus unruhigem Schlaf hochschreckst und aufs Handy schaust, siehst Du, dass O. Deine Nachrichten gelesen hat. Geantwortet hat er jedoch nicht. „Guten Morgen!“ tippst Du beklommen. „Es war bestimmt alles total dumm was ich vor ein paar Stunden geschrieben hab. Sorry!“ – „Was soll ich da drauf noch antworten?!?!?!“ schreibt O. „Ich weiss es nicht“ tippst Du. „Schreibst Du denn manchmal einer anderen Frau? Zum Beispiel gestern spätabends? Das ist doch eine ganz einfache Frage, oder? Mit einer ehrlichen Antwort könntest Du all meine Zweifel aus der Welt schaffen!“ Du wartest. Dann antwortet O. „Ganz ehrlich“ schreibt er. „Das geht dich NICHTS an!!!!“

„Und wenn dir das nicht passt“ schiebt er nach einigen Minuten hinterher, „dann brauchst auch keine Bilder mehr schicken! Hab eh vollauf genug davon!!!“ – „Das wollte ich jetzt auch nicht mehr!“ tippst Du, bevor imaginäre, gefühlte Dunkelheit über Dir zusammenschlägt. „Alles Liebe für den Tag!“ schaffst Du noch zu tippen. Um wenigstens einen Rest Coolness für Dich zu retten. Dann beeilst Du Dich, Whatsapp zu verlassen. Schiebst das Handy unter Deine Bettdecke. Verkriechst Dich in Deine Kissen. Möchtest versuchen, noch ein wenig Schlaf zu bekommen, bevor es an der Zeit ist, Deinen Sohn zu wecken. Und diesen neuerlichen Beweis von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe erstmal verkraften. Da piept das Handy erneut. „Schick mir sofort Bilder du Schlampe!“ schreibt O. „Ich bin gerade total geil und brauche das jetzt!!!!“ – „Ich hab keine neuen“ antwortest Du. „Dann geh ins Bad und mach welche!!!“ schreibt O. „Beeil dich!!! Du weisst hoffentlich was für dich auf dem Spiel steht!!!“

Nachdem Du, gehorsames Mädchen, das Du bist, im Licht der Morgendämmerung einige verschwommene Badezimmer-Selfies von deinem unausgeschlafenen Gesicht und Deinem bettwarmen Körper für O. gemacht und ihm geschickt hast, herrscht zunächst vollkommenes Schweigen. Erst gegen 10h, als Du Dich einigermassen im Tag zurecht gefunden hast und mit einer Tasse Tee am Küchentisch sitzst, piept Dein Handy erneut. „Danke für die geilen Bilder!“ schreibt O. „Bin super gekommen!!!!“ – „Das freut mich!“ antwortest Du. „Du bist einfach die geilste aller geilen Ladies!“ schreibt O.  „Und du bist auch nach wie vor die Einzige … Ich schreibe nur abends einer Mitpatientin von der Lolo! Sie hat sich mit ihr während der Chemotherapie angefreundet und ist ab und zu bei uns auf Besuch“ – „Schon gut!“ antwortest Du. Beschämt. Und gleichzeitig erleichtert. „Aber es ist total abgefahren … “ tippt O. weiter. „Sie hat auch einen Freund … Aber stell dir vor … sie will was von mir …“ Du erstarrst innerlich zu Eis.

„Da heisst es immer die Typen wären so schlimm“ schreibt O. und Du kannst fühlen, wie sehr er es geniesst, Dir diese Worte ins Handy zu träufeln. „Aber Junge Junge! DIE hat mir schon Angebote gemacht!!!“ – „Ist sie in Dich verknallt?“ fragst Du. Alarmiert. Krampfhaft bemüht, ruhig zu erscheinen. „Ich glaube ein bisschen“ antwortet O. „Mit ihrem Freund scheint es nicht so gut zu laufen! Und ich denke mir das sie wohl auch Bestätigung braucht. Sie möchte das ich sie unbedingt mal alleine am See draussen besuche! Und sie würde total gerne mit mir knuddeln und knutschen!“ Du ringst nach Luft. „Willst Foto von ihr haben?“ schreibt O. „Ok“ tippst Du mühsam und kneifst unwillkürlich die Augen zu. Als Du sie wieder aufreisst, erblickst Du im Display Deines Handys das Bild einer schlanken, etwa 50jährigen Frau mit sehr kurzen, grauen Haaren. Sie trägt grosse, eindrucksvoll schimmernde Perlohrhänger und lächelt schelmisch aus hellen, blauen Augen in die Handykamera ihres Gegenübers.

Gekleidet ist diese Frau, die ihre Chemofrisur trotzig und stolz dem Licht der Frühlingssonne darbietet, in eine zart gemusterte, langärmlige Bluse und eine hellbeige Trekkinghose. Sie sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Steinmäuerchen. Und hat sich zum Schutz vor Kälte, eine dunkelblaue Steppdaunenjacke untergelegt. Eine dunkelblaue Herrendaunenjacke, die Dir nur allzu bekannt vorkommt. „Kein Zweifel“ denkst Du, nachdem Du das Bild hektisch gepincht und gezoomt hast. Das ist die tintenblaue Steppjacke von O. Die er trug, als er Dich zuletzt besuchte. Um Dich herum scheint sich alles zu drehen. Unter Deinem Solarplexus beginnt etwas zu zucken. Mit allergrösster Mühe kämpfst Du das Gefühl nieder, zur Toilette rennen und Dich im Schwall übergeben zu müssen. Minutenlang sitzst du mit tränenden Augen am Küchentisch. „Und, magst Du mit ihr kuscheln?“ tippst Du, nachdem Du Dich ein wenig beruhigt hast. „Ich weiss es nicht!“ antwortet O. „Aber natürlich … es wäre für mich …“

„Tja, es wäre auch für mich nochmal ne Bestätigung!!! Und du weisst ja selber am besten wie gern man das ab und zu hat!“ – „Würdest Du mit ihr dann länger als nur so 20 Minuten zusammen sein?“ tippst Du mit angehaltenem Atem. „Paar Stunden oder über Nacht?“ – „Paar Stunden!“ antwortet O. „Wegen 20 Minuten über die Autobahn raus zum See würd sich nicht lohnen. Und sie will ja auch nicht sofort kuscheln. Sondern auch reden und mit mir zusammen sein!“ – „Könntest Du zu ihr besser zärtlich sein als zu mir?“ tippst Du, während Du fühlst, dass die Nausea zurückkehrt. „Ja!“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ -„Und das bedeutet?“ tippst Du. „Das was es halt bedeutet!“ antwortet O. „Härtere Sachen. Schlagen. Gleich wieder gehen. Meinen Trieb befriedigen. Mich an dir aufgeilen. All sowas.“ – „Und Zärtlichkeit lebst Du mit anderen?“ tippst Du. „Wer weiss wie das bei ihr wird?“ schreibt O. „Vielleicht braucht sie es mal in den Arm genommen zu werden. Oder das Gefühl das sie noch begehrenswert ist!“

„Ich glaube die will gar nicht ficken. Nur mal wieder Geborgenheit und Zärtlichkeit. Und ich gebe ihr das gerne denn sie stirbt vielleicht!!! Heilungschancen sind sehr schlecht bei ihr!“ – „Oje“ tippst Du mit der rechten Hand ins Handy während Du Dir mit der linken Mund und Nase zuhältst. „Ich denke das ich ihr gut gefalle!“ schreibt O. derweil eifrig weiter. „Sie mag meine Augen und meine Art! Und ich möchte ihr gerne ein bisschen helfen! Denn ich bin zwar nicht in sie verliebt aber sie tut mir sehr sehr leid! So ein lebensfroher Mensch und dann diese Scheiss Krankheit!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Offenheit!“ – „Und ich dafür das du bei mir bleibst!“ schreibt O. „Denn ich brauche dich! Und deinen Körper! Deine Geilheit! Deine Art wie du fickst! Alles an dir ist einfach perfekt zum aufgeilen! Du bist eine Sexgöttin!!!“ – „Ich kann gar nicht anders als bei Dir zu bleiben!“ antwortest Du. Dann stehst Du auf und rennst zum Besucher-WC im Vorraum deines Hauses.

Du kniest Dich vor die Toilettenschüssel. Umklammerst sie mit beiden Armen. Und würgst alles, was Du in Dir hast, aus Dir heraus. All deine Gefühle für O. Mit jedem Schwall Frühstückstee, der deinen Magen durch Mund und Nase verlässt, empfindest Du weniger und weniger für ihn. Dein Körper zuckt. Tränen und Spuckefäden rinnen Dir übers Gesicht. Aber nachdem Du Dich vollkommen leer gekotzt hast geht es Dir besser. Du rappelst Dich hoch und weisst: Deine Passion für O. ist mit dem heutigen Tag vorbei. Du hasst O. ab jetzt. Er soll mit seinem SUV an einer Mauer zerschellen, wenn er zum See fährt um die krebskranke Frau zu besuchen. Und sie. Diese Frau. Sie soll auch sterben. Sechs Wochen, nachdem O. Dich in seinem Haus nahezu krankenhausreif schlug und heute von seinem Mitleid für diese Frau schrieb, empfindest Du so. Wann, fragst Du Dich den ganzen Nachmittag über, WANN hatte O. jemals Mitleid mit DIR???? Am Abend nimmst Du dein Handy. Lächelst. Und blockst. Blockierst die tausendfach stärker gewordene Liebe von O.

 

 

Confessions

Erleichtert. Dankbar. Zutiefst erschöpft. So verbringst Du den restlichen Tag nach Deiner wagemutigen, ja, eigentlich wahnwitzigen Kontaktaufnahme mit O. NICHT abgelehnt, zurückgewiesen und ignoriert. NICHT aufs Neue beleidigt. Stattdessen sehnsuchtsvoll erhofft. Von einem O., der Fehler eingesteht. Der Ängste formuliert und Gefühle zeigt. Der seine innere Brüchigkeit nicht mehr kaschiert. Sondern sie, im Gegenteil, radikal ehrlich, fast schonungslos selbstentblößend offenlegt. Anders, ganz anders als das narzisstische Lehrbuch es hätte erwarten lassen. Anders auch, als Dein Freund, der Suchtberater es prophezeihte. Das ist viel mehr als Du erwarten konntest. Und es berührt Dich auch zutiefst. Zu erfahren, dass O. sich Sorgen um Dich machte. Dass er Deinetwegen litt. Dies stellt, seltsamerweise, das was Du selber durchgemacht hast, vollkommen in den Schatten. Läßt es irrelevant erscheinen. Du fühlst keinen Schmerz mehr in Dir. Nur noch überbordende Liebe zu O.

Kurz vor dem Ende dieses Tages, als Dein Mann und Dein Sohn längst schlafen und Du, wie so oft, noch ein wenig in der Küche sitzst, piept Dein Handy mit dem Klingelton von O. „Babe ich bin überglücklich das du dich wieder bei mir gemeldet hast!!!“ textet er. „Aber was hättest du eigentlich gemacht wenn ich dich nicht mehr gewollt hätte?“ – „Davor hatte ich grosse Angst“ antwortest Du. „Ich hätte jedoch versucht mich damit abzufinden.“ – „Das hättest du nicht geschafft!“ schreibt O. „Es geht mir jedenfalls sehr schlecht ohne Dich und ohne Verbindung zu Dir“ antwortest Du. „Das ist bei mir genauso“ schreibt O. „Und deshalb wäre ich wohl in den nächsten Wochen mal zu dir gekommen und hätte in Arbeitskleidung geläutet um nachzufragen ob ich die Hecke wieder schneiden soll. Das wäre dann hoffentlich nicht schlimm gewesen auch wenn dein Mann oder dein Sohn geöffnet hätte!!! Hätte gesagt das ich eine neue Handynummer habe!!!“ – „Das hätte ich nie zu hoffen gewagt dass Du so etwas machst!“ antwortest Du.

„Hätte ich ganz sicher gemacht“ schreibt O. „Hab ja alles von dir gelöscht. Aber dann nach ein paar Tagen gemerkt wie sehr du mir fehlst! Und auch wenn ich dabei erschrocken bin … wie geil ich es fand dich so heftig zu schlagen und dir die Strumpfhose runterzureissen! Nachdem du weg warst hab ich ein paar Tage gebraucht um von diesem Adrenalinrausch wieder nüchtern zu werden. Es war extrem heftig für uns beide!!! Aber als ich wieder klar denken konnte hat sich zu dieser Angst in mir und diesem schlechten Gewissen dir gegenüber diese unglaublich starke Liebe für dich in mir ausgebreitet!!!! Ich habe dich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen und dich auch geliebt!!! Aber seit diesem Abend ist meine Liebe tausendfach stärker geworden!!!“ – „Und wenn es nicht so schmerzhaft für dich wäre“ fügt er fieberhaft hinzu, „und ich mich nicht so dafür schämen würde dann würde ich dich am liebsten öfter so übel schlagen und erniedrigen!!!“ – „Du brauchst Dich dafür nicht zu schämen“ antwortest Du.

„“Oh doch!!! Ich schäme mich sogar sehr für das was ich dir angetan habe!!!“ eifert O. während das Smartphone in Deiner Hand zittert und eine Art inneres Vibrieren von deinem ganzen Körper Besitz ergreift. „Denn du hättest ja auch schlimmer verletzt werden können!!! Umso unbegreiflicher ist es deshalb für mich das du mir verziehen hast – UND das ich es wieder tun möchte!!!“ – „Vielleicht ist das gar nicht so unbegreiflich“ antwortest Du. „Vielleicht lieben wir uns einfach nur auf eine sehr besondere Weise? Ich war am Tag nach unserer Begegnung total kaputt, absolut alles tat mir weh. Aber stell Dir vor, ein Teil von mir hat sich gedacht: hoffentlich dauert es lang bis alles verheilt ist denn die Schmerzen sind mein letztes Souvenir von Dir!“ – „Du bist so eine unglaubliche Frau!!!“ textet O. „Ich glaube wenn wir zwei ein richtiges Paar wären dann würde es ganz schön abgehen!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du und kicherst ein wenig in Dich hinein während neue Bekenntnisse von O. dein Handy fluten.

„Ich war wie in Trance als du bei mir warst!!!“ schreibt er. „So etwas Heftiges und Geiles wie an diesem Abend habe ich noch nie zuvor erlebt!!!“ – „Es war wie ein düsterer Traum“ sekundierst Du. „Ja!!!“ schreibt O. „Seit diesem Abend weiss ich das wir uns gegenseitig brauchen!!! Deshalb werde ich dich jetzt nicht mehr so vernachlässigen!!! Werde öfter zu dir kommen! Und im Sommer geht die Lolo ja für drei Wochen auf Kur. Dann kannst du mich besuchen!!!“ – „Hoffentlich geht es aufwärts mit ihr!!!“ tippst Du. „In meinem Kopf spielt dauernd dieser Film“ schreibt O. „Welcher Film?“ fragst Du. Erwartungsvoll. Geflutet von romantischen Phantasien. „Das du bei mir bist und ich dir Schmerzen zufüge!!!“ schreibt O. „Natürlich nicht so heftig wie an diesem Abend!!! Ich werde aufpassen das es nicht zu schlimm für dich wird!!! Aber ich brauche es dieses unglaubliche Machtgefühl über Dich noch einmal zu erleben!!!“ – „Der Suchtberater hatte recht!“ denkst Du während Du mit verschleiertem Blick aufs Handy schaust.

„Und ich möchte dir noch einen Vorschlag machen“ schreibt O. „Was denn?“ tippst Du. „Du bekommst von mir als Entschuldigung 100.- Euro!“ schreibt O. „Und davon bestellst du dir dann wieder sexy Anziehsachen ok?“- „Ok“ tippst Du. „Ich möchte das du jetzt wieder so richtig meine Schlampe bist mit allem was dazu gehört!!!“ schreibt O. „Und ich brauche es so dermassen dich sexy gekleidet auf Bildern zu sehen! Deine Bilder sind ein Lebenselixir für mich!!! Ich könnte ohne dich und deine Bilder nicht mehr sein!!!“ Die Worte auf dem Display deines Handys scheinen wie von weit her zu Dir zu dringen. 100.- Euro Schmerzensgeld? 100.- Euro für mittelschwere Körperverletzung? 100.- Euro Nuttenlohn? „Wie schäbig ist das denn?“ denkst Du. Aber bevor Dein Inneres beginnt, gegen O.s Ansinnen zu rebellieren, tippt er weiter. Dass er es kaum erwarten kann, Dich bald, ganz bald, nächste Woche zu treffen und dass er sehr zärtlich zu Dir sein wird. Und Du spürst: O. KANN nicht anders als so zu handeln, wie er es tut.

Du schläfst tief und traumlos in der Nacht nach diesem Chat. Obwohl Dir klar ist, dass O.s romantisch erscheinendes Vorhaben, im Gärtner-Outfit an deiner Haustür zu klingeln, nichts weiter als das Musterbeispiel einer schulbuchmässig ausgeführten Hoover-Attacke gewesen wäre. Obwohl Du wahrnehmen kannst, dass die von O. so intensiv beschworenen Gefühle Dir gegenüber weit entfernt sind von dem, was man im landläufigen Sinne versteht unter echtem Bedauern, Reue, Mitleid, Scham oder dem Eingeständnis von Schuld. Obwohl ganz offensichtlich ein Diskurs von Hörigkeit und Macht, von Aneignung und Gewalt geführt wird – anstatt einer Sprache der Liebe. Was Dich anfasst und bewegt ist die fast kindhafte Offenheit, mit der O. zu dieser Stunde Einblick in sein inneres Funktionieren gibt – rührend naiv, vertrauensvoll und unverstellt. So kommt es Dir jedenfalls vor. So bindet es Dich. So weckt es Deinen Beschützerinstinkt, Deinen Mutter-Reflex. So schläfert es Deine Selbstverteidigungsimpulse ein …

Natürlich muss es ein Versöhnungsdate geben für Dich und O. Ein Date mit wundervollem, atemraubendem Sex. Nichts scheint O. auf der Welt dringender zu brauchen. Tagelang wird Dein Handy mit kurzfristigen Anfragen, Terminvorschlägen, Ideen, Fantasien, neuen Fragen, neuen Ideen und neuen Fantasien bombardiert. „Was machst du heute vormittag? Vielleicht könnte ich kommen!! Aber leider nur ganz kurz!“ „Ich brauche es soooo sehr dich bald zu spüren!!! Könntest du am Sonntag ganz früh rauskommen wenn’s noch dunkel ist? Und was ziehst du dann an?“ „Magst du vielleicht mal versuchen mir mit Hautöl einen runter zu holen?“ „Oh Babe, ich bitte dich, leck mich in die Glückseligkeit wenn wir uns wiedersehen!!!“ „Ich versuche nachher gegen 10 Uhr bei dir zu sein! Kann es aber nicht versprechen!“ „Magst du mir bitte noch eine schöne Sprachnachricht schicken?“ „Ich weiss jetzt das du für mich bestimmt bist!!! Nächste Woche komme ich zu dir! Am Dienstag werde ich dich ganz zärtlich berühren!!! Ich liebe dich!!!“

Der 15. März 2016 dämmert herauf. Der Termin Deines avisierten Wiedersehens mit O. Wie so oft an solchen Tagen erwachst Du früh. Und spürst: der Hype ist vorbei. Etwas Anderes hat begonnen. „Guten Morgen meine Sklavin!“ schreibt O. um 6.46h. „Wie geht es dir?“ – „Guten Morgen mein Gebieter!“ antwortest Du. „Ich lieg schon lange wach und denk an Deine Hände!“ – „Du willst mich, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Du willst mich mehr als alles andere, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Ich habe ehrlich gesagt Angst davor dich wiederzusehen!“ schreibt O. nach einer kleinen Pause. „Ein wenig Angst habe ich auch!“ antwortest Du. „Aber mein Wunsch Dich zu sehen ist grösser als meine Angst!!“ – „Vielleicht sollten wir noch warten!“ bemerkt O. Kühl. Irgendwie lauernd. Dein Herz pocht. „Ich habe Angst das ich dich wieder schlagen möchte und das ich nichts mehr für dich empfinde!“ schreibt O. „Aber du hast heute doch keinen Grund mich zu schlagen!“ wendest Du ein. „Genau davor habe ich ja Angst“ schreibt O. „Das ich keinen Grund mehr dazu brauche!!!“

„Ich glaube nicht dass es so schlimm ist“ tippst Du nach einer Schockpause. „Bitte besuche mich! Ich könnte Dir doch wirklich einfach nur meine Schuhe zeigen! Es sind so viele die Du noch nie gesehen hast!“ O. schweigt. „Bitte lass es uns versuchen!“ tippst Du mit wachsender Verzweiflung. „Ich weiss einfach nicht was ich machen soll!“ schreibt O. „Ich verstehe Dich!“ antwortest Du. „Aber ich könnte Dir ja einfach nur die Tür aufmachen damit wir uns kurz sehen! Und vielleicht magst Du mir ein Hemd mitbringen?“ – „Ich weiss es nicht“ schreibt O. Du resignierst. „Ich bin sehr beeindruckt von Deiner Ehrlichkeit“ schreibst Du dann, um dem Chat eine Art friedfertigen Abschluss zu geben. Fest entschlossen, Deine schwere Enttäuschung diesmal ganz mit Dir alleine abzumachen. Da meldet O. sich erneut. „Es tut mir leid! Ich liebe dich sehr!“ schreibt er. „Aber ich befürchte ich habe mit dem Schlagen eine Grenze überschritten!!!“ – „Wir haben die zusammen überschritten“ antwortest Du. „Und nun?“

„Ich weiss es einfach nicht!“ schreibt O. „Wie lang bist du heute allein zu Hause?“ – „Bis spätnachmittags“ antwortest Du. „Hast du was Weisses zum Anziehen?“ fragt O. „Etwas das sexy ist?“ – „Ich hätte eine schrittoffene weisse Netzstrumpfhose“ schreibst Du. „Perfekt Babe!“ antwortet O. „Zieh sie an und schick mir ein Video von dir!!! Jetzt gleich!“ – „Das kann ich aber jetzt innerlich grade nicht so gut“ antwortest Du. „Und im Moment zittern  meine Hände auch sehr!“ – „Mach!!!“ schreibt O. „Mach es jetzt!!!“ Woher Du die Energie nimmst, weisst Du nicht. Aber irgendwie schaffst Du es, Deine Kreislaufschwäche zu überwinden, im Eiltempo zu duschen, eine antrazithfarbige Tagesdecke über dem Doppelbett in Deinem Schlafzimmer auszubreiten und Dich selbst in erotischer Pose darauf zu filmen. In strahlend weisser Netzstrumpfhose und signalroten Highheels. Es wird sogar eines der besten Videos, die Du bisher für O. gemacht hast. „Geil“ schreibt er, als Du es ihm um 9.34h schickst. „Echt geil!“

„Kommst Du mich jetzt dann vielleicht besuchen?“ tippst Du hoffnungsvoll. „Nein“ antwortet O. „Ok“ schreibst Du. „Dann sag mir bitte nur Eins. Es ist wichtig für mich. Wenn Du mich siehst auf dem Video – hast Du dann immer noch den Wunsch mich zu schlagen?“ -„Ja!!!“ antwortet O. „Und ich würde dich ehrlich gesagt gerne wo festbinden und dazu zwingen das du starken Alkohol trinkst!!!“ – „Ups“ schreibst Du. „Vielleicht wehrst du dich dadurch dann mehr gegen das was ich mit dir mache!!!“ fiebert O. „Vielleicht würdest du versuchen auch mich zu schlagen! Oder du kotzt! Wer weiss was alles passieren würde!!! Ich habe Angst das ich komplett ausraste! Denn diese Phantasien machen mich unglaublich geil!!“ – „Löse nur ich solche Gefühle bei Dir aus?“ tippst Du. „Ja! Nur du!!“ schreibt O. „Was an mir?“ tippst Du. „Kann ich nicht sagen!“ antwortet O. „Du bist einfach der Wahnsinn für mich! Leider kann ich gerade nicht weg! Eine Mitpatientin von der Lolo kommt zu Besuch!!! Sonst würde ich zu dir kommen!!!“

„Schon ok!“ antwortest Du. „Es ist sehr wichtig was du mir gerade geschrieben hast. Vielleicht wichtiger als sich zu sehen!“ – „Und das Wetter ist leider auch so schlecht!“ schreibt O. „Sonst hättest du kurz zum Park kommen können und ich hätte dir die Hemden von mir gegeben!“ – „Es ist alles gut jetzt“ antwortest Du. „Ich ziehe mich jetzt um. Vielen Dank dass Du so offen zu mir warst!“ Du erhebst Dich vom Bett. Da piept Dein Handy erneut. „Ich hätte dir wenigstens gerne die Hemden gegeben!“ schreibt O. „Das kannst Du ja irgendwann noch machen“ antwortest Du. „In ein paar Wochen ist Frühling!“ – „Würdest du die Hemden abholen?“ schreibt O. „Beim Park? Klar!“ antwortest Du. „Du würdest wirklich fast alles für mich tun oder?“ fragt O. „Ja, O. Das würde ich!“ antwortest Du. „Denn ich liebe Dich. Soll ich zum Park kommen?“ – „Nein!“ schreibt O. „Ich fahre jetzt zum Bio-Supermarkt. Behalte die Strumpfhose an!!! Ich komme kurz zu dir und bringe die Hemden. Kann aber nicht bleiben!“ – „Ok“ schreibst Du.

Etwa eine halbe Stunde lang sitzst Du einfach nur mit nacktem Oberkörper und übereinander geschlagenen Beinen auf dem Vintage-Stuhl in der Küche Deines Hauses und starrst hinaus in das Schneetreiben vor dem Fenster. Versuchst, Dir einen O. vorzustellen, der im Naturkostladen einkauft. Einen O., der sich ritterlich um zwei von Chemotherapie gezeichnete Frauen kümmert, die in seinem Domizil zusammen Kaffee trinken. Das alles sind neue Aspekte für Dich. Leider ertappst Du Dich selbst beim Gefühl einer tiefen Eifersucht gegenüber dieser anderen Brustkrebs-Betroffenen, die einfach so, als Gast, im Haus mit den vielen Bildern zu Besuch sein kann. Dort, wo Du geschlagen wurdest. Und nur als Sex-Arbeiterin geduldet bist. Du schämst Dich sehr für diese Gefühle. Aber beiseite wischen kannst Du sie nicht. Dann, um 12.02h, klingelt es an Deiner Haustür. Als Du öffnest, steht O. in einer dunkelblauen Daunenjacke vor Dir und blickt Dich koboldhaft aus seinen schwarz umrandeten Augen an. Und alle Dinge nehmen ihren Lauf.

 

 

Überwunden/About Wounds

Ein blauschwarzes Monokelhämatom, so wie Du es von Deiner Auseinandersetzung mit O. im Februar 2016 rund um Dein linkes Auge zurück behalten hast, benötigt ziemlich genau eine Woche um zu verheilen. Die tiefdunkle Farbe persistiert in Deinem Fall für sechseinhalb Tage, dann wechselt sie aprupt ins Grünlich-Schwefelgelbe und baut sich innerhalb zweier weiterer Tage zügig ab. Während dieser gesamten Zeit wandert auch eine Art Schmerzfront durch Deinen Körper. Ausgehend von den Prellungen auf Deinem Rücken beginnt sie ihren Marsch zwischen Deinen Schulterblättern und im Nackenbereich, wo sie sich wie starker Muskelkater anfühlt. 36 Stunden später sitzt sie in all Deinen Gelenken und lässt Dich phasenweise kaum von der Couch hochkommen. Zur selben Zeit entwickelst Du Schluckbeschwerden und Deine Halslymphknoten schwellen an wie bei einem grippalen Infekt. „Leichtes Kehlkopftrauma!“ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm davon berichtest. „Wenn das schlimmer wird musst Du zum Arzt!“

Aber es wird nicht schlimmer. Ein Arztbesuch bleibt Dir erspart. Stattdessen gelingt es Dir sogar, am Tag 4 nach der Prügelei all Deinen Mut zusammen zu nehmen, und auf wackligen Beinen zum Drogeriemarkt um die Ecke zu spazieren, wo Dich eine verständnisvolle Verkäuferin sehr einfühlsam über camouflierende Make-up-Techniken berät. Sie erklärt Dir, dass ein Bluterguss im Augenlidbereich mit Hilfe einer komplementärfarbigen Grundierung unter einer hautfarbigen Puderschicht optisch neutralisiert werden kann und nimmt sich viel Zeit, die für Dich passenden grün-grauen und dunkelorangen Farbnuancen zu ermitteln. Versehen mit einem ganzen Arsenal von Spezial-Kosmetika im Wert von 47.- Euro kehrst Du nach Hause zurück. Dort wendest Du die neu erlernten Schminktricks sofort an. Und versuchst nebenbei, Dir selbst einzureden, dass Du froh, ja, wirklich sehr, sehr froh bist, O.s dunkle, belastete Sphäre nun endlich, wirklich, ganz bestimmt für immer und alle Zeit hinter Dir lassen zu können …

Das wahre Ausmass Deiner inneren Verwüstung wird erst allmählich, mit dem Abheilen der körperlichen Blessuren offenbar. Als das Management des Gesundwerdens Dich nicht mehr ganz so sehr in Anspruch nimmt. Als Du Deine vom Treppensturz geprellten Knie wieder durchbiegen kannst. Als die Genickstarre und die Schluckbeschwerden nachlassen. Und das Fahrradfahren wieder ganz gut klappt. Kommt das eigentliche Desaster erst richtig hoch. Die Erinnerung daran, dass O. Dich am Abend des 26.2. nicht nur sexuell misshandelte und schlug. Sondern Dir auch Dinge ins Gesicht geiferte, die sich tief in Dein Inneres gruben. „Kapier endlich dass du nix als ein gschlampertes Verhältnis für mich warst!!!“ hatte er gefaucht während er auf Dich einhieb. „Ich hab keine Verpflichtungen dir gegenüber! Aber DU hast die wichtigste Regel für Affären-Weiber überschritten: den Anderen nicht zu stressen!“ Er hielt kurz inne. „Jetzt gibts für dich nur eins!“ dozierte er dann. „Wenigstens in Würde gehen!!!“

„Es darf auf keinen Fall SO enden“ denkst Du jeden Morgen, während Du Dein Concealer-Make-up aufträgst. Mit so viel Feindschaft, Stress und schlechten Gefühlen. In Würde gehen, das hieße für Dich, in Frieden zu gehen. Mit einem klärenden Gespräch. Einer Entschuldigung. Einer Umarmung. Mit guten Wünschen für die Zukunft. Aber genau so etwas ist mit jemandem wie O. nicht möglich. „You will never get closure with this kind of person. NEVER!“ heisst es in den einschlägigen Blogs und Foren. Du kennst die Sätze alle auswendig. Du weisst, dass sie stimmen. Ein Mensch, der Züge einer Cluster-B-Persönlichkeitsstörung aufweist, gewährt jemandem anderen keine Erleichterung, keinen Trost. Nicht während der gemeinsamen Zeit. Und nicht an deren Ende. Ein Borderline-Erkrankter verzeiht nicht. Gibt nicht nach. Räumt keinen Fehler ein. Ein grandioser Narzisst baut niemandem eine Brücke zur Versöhnung. Dies alles weisst Du. Hast Du verstanden. Jedoch: NICHT akzeptiert. Und deshalb …

Deshalb kreist Dein Denken ab dem Moment in dem Deine Epidermis sich über Deinen Schrammen schließt, nur noch um eine einzige Frage: ob, und wenn ja, WIE Du noch einmal, ein letztes Mal auf O. zugehen, mit ihm in Kontakt treten kannst. Wann immer Du Dich bangen Herzens in Deine Whatsapp-Chats klickst, stellst Du fest: blockiert hat O. Dich nicht. Sein Profilbild mit der niedlichen, weiß-braun gefleckten Jung-Kuh auf einer sonnigen Almwiese ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es scheint Dir täglich farbintensiver und attraktiver ins Auge zu springen. Am 6. März 2016, einem ruhigen, ereignislosen Sonntag, spielt Dein Gehirn pompöse Wiedersehens- und Versöhnungsszenarien durch. Unablässig. Nonstop. Du ent- und verwirfst Whatsapp-Botschaften. Gestaltest in Deinem Handy romantische Bilder mit Hilfe einer App, die pastellfarbige Retro-Sticker auf Fotos aus Deiner Galerie appliziert. Und am Ende des Tages weisst Du: die Sucht nach O. ist stärker als all der Schmerz, den er Dir angetan hat.

Tags darauf erwachst Du mit dem drängenden Gefühl, „etwas“ unternehmen zu müssen, bevor „es“ zu spät ist. Mit der diffusen, nicht näher begründbaren Sorge, dass ein Zeitfenster sich unwiderruflich schließt. Beim Frühstück bist Du fahrig und nervös. Nachdem Dein Mann und Dein Sohn gegangen sind atmest Du durch und wandelst in einer Art Absence nach oben ins Schlafzimmer. Dort nimmst Du die Stoffschachtel mit dem Mille-Fleur-Muster zu Dir auf den Tibettteppich vor dem Bett und holst die schwarzen Highheels mit den Jetperlen am Rand aus ihrem Versteck. Du befühlst jeden einzelnen kleinen Stein. Und versuchst Dich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Du NIE wieder diese Schuhe tragen wirst für O. Nicht auf Bildern. Und nicht bei einem Date. NIE wieder. „Ich sollte sie wegwerfen“ denkst Du, während Dein Inneres sich zusammenkrampft und gegen diese Idee rebelliert. „Ich sollte alles wegwerfen was mich an ihn erinnert“ denkst Du weiter. Dann legst Du die Schuhe aufs Bett und gehst ins Bad.

Nachdem Du fertig geduscht hast, nimmst Du Dir ein wenig Zeit um Dich im Badezimmerspiegel zu betrachten. Spezial-Make-up ist nicht mehr vonnöten, stellst Du fest. Lediglich eine zartgrüne Corona rund um Dein linkes Auge ist am Montag den 7.3.2016 von O.s Schlag in Deinem Gesicht noch übrig. Allerdings sieht Dein Spiegelbild abgezehrt, irgendwie leidend aus. Dein Kinn wirkt ungewohnt spitz und Deine Wangenknochen treten stärker hervor als sonst. Zweifellos hat die Schmerzbewältigung Dich einiges gekostet. Und dennoch möchtest Du jetzt nur nach vorne denken. Du schminkst Deine Lippen sehr sorgfältig in einer dunkelroten Farbe und fährst mit dem Puderpinsel über Dein Gesicht. Dann gehst Du ins Schlafzimmer, schlüpfst in eine enge schwarze Jeans, streifst Dir das schwarze Netztop über, das O. Dir vor langer Zeit bei Deinem ersten Besuch in seinem Haus vor die Füsse warf und steigst in die Peeptoes. Du schaltest die Selfiekamera von deinem Handy ein und machst: Bilder. Bilder für O.

Du tust also das, was bisher noch immer,  jedes Mal half, wenn es galt, eine schwere Krise, eine Phase des Schweigens zwischen Dir und O. zu überwinden. Und Du beherrschst es gut, mittlerweile. Die Bilder geraten sehr ausdrucksvoll und schön. Als Du fertig bist, denkst Du noch einmal kurz nach. Versuchst Dich darauf einzustellen. dass O. nicht reagieren oder Dich beschimpfen wird, wenn Du ihn unaufgefordert kontaktierst. Fragst Dich, ob Du dem gewachsen wärst. „Ich muss es riskieren“ denkst Du. Dann wählst Du zwei Bilder aus. Eins von Deinem Gesicht. Und eins von den schwarzen Peeptoes an Deinen Füssen. „Du hast einen harten rechten Haken!“ schreibst Du dazu. „Aber für diese wunderschönen Schuhe werde ich Dir immer dankbar sein!“ Dann sendest Du alles ab. Und spürst, dass etwas Eigenartiges dabei geschieht. Dein Handy, beziehungsweise eine Instanz jenseits Deines Handys scheint Deine Nachrichten begierig, ja, sehnsuchtsvoll in sich aufzusaugen. Scheint sie tatsächlich sehr zu brauchen …

Dein Handy piept nach knapp 15 Minuten. Mit dem Klingelton von O. „Was willst du Ursula?“ schreibt er. „Mit Dir in Verbindug sein“ antwortest Du, während Deine Anspannung sich in einer Art Schüttelfrost löst. „Ich habe dich doch so heftig geschlagen!!!“schreibt O. nach einigen Minuten. „Das stimmt“ antwortest Du. „Aber ich habe mich ja auch nicht richtig verhalten. Ich habe Deine Grenzen missachtet und das tut mir sehr leid!“ – „Ich hatte Angst dass du oder dein Mann mich anzeigt!!!“ schreibt O. und Du kannst fühlen dass er sehr aufgewühlt ist. „Das würde ich doch nie tun!“ antwortest Du. „Ursula ich habe dich vergewaltigt!!!“ schreibt O. „Und stell dir mal vor deinem Trommelfell wäre was passiert!!!“ – „Das war wirklich Glück“ antwortest Du. „Aber willst Du mal das hübsche Veilchen sehen das ich letzte Woche hatte?“ – „Ja!“ schreibt O. „Bitte zeig es mir!“ Du schickst ihm einige der Bilder, die Du für Dich selbst gemacht hast. „Mein Gott Babe!!!“ schreibt O. nach einer Weile. „Das ist wirklich super heftig!!!“

„Und ich kann gar nicht richtig glauben dass ich das war!!!“ fügt er hinzu. „Ich hätte Lust den Typen fertig zu machen der dir das angetan hat!!!“ – „Du bist süss!“ antwortest Du. „Aber der rechte Haken kam von Dir. Von niemand sonst!“ – „Und trotzdem möchtest du noch Kontakt mit mir haben?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Auch sexuellen Kontakt?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Auch wenn es wieder mal etwas heftiger werden sollte?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Aber ich werde Dir nie wieder Grund geben mich so krass zu schlagen.“ – „Du kannst ohne mich nicht leben gell?“ schreibt O. voll fiebriger Erregung. „Du brauchst mich mehr als alles andere oder???“ – „Ich brauche den Kontakt zu Dir“ antwortest Du. „Und ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!!!“ schreibt O. „Das habe ich jetzt in den langen Tagen der Funkstille gemerkt!!! Ich wusste ja immer dass ich dich liebe!!! Aber erst jetzt weiss ich WIE SEHR ich dich liebe!!! Meine Gefühle für dich sind unglaublich stark!!! – „Das ist schön!“ antwortest Du.

 

 

How to survive

Schrecklich. Grauenvoll. Absolut katastrophisch. So fühlt sich natürlich alles an, als Du am 26.2.2016 gegen 20h langsam und benommen auf Deinem Fahrrad wegfährst vom Haus von O. Verprügelt. Vergewaltigt. Weggestossen von dem Mann, dem Du zeigen wolltest, wie sehr Du ihn liebst. Und somit eigentlich fast zerstört. Jedoch: Es gibt etwas in Deinem Inneren was Dich aufrecht hält. Was Dich funktionieren lässt. Und was bewirkt, dass Du Dich zunächst mal gar nicht SO kaputt fühlst, wie Du in Wirklichkeit vielleicht bist. Es bereitet Dir jedenfalls keine nennenswerten Schwierigkeiten, zu der kleinen Parkanlage in der Nähe von O.s Haus zu fahren. Ruhig, auf erstaunliche Art ganz bei Dir selbst. So steigst Du dort vom Fahrrad. Stützst Dich mit dem Gesäss an der morsch werdenden Rückenlehne der dunkelgrün lackierten Sitzbank ab. Atmest durch. Betastest Dein Gesicht. Keine Brüche. Keine Risse. Kein Blut, stellst Du fest. „Immerhin“ denkst Du und starrst in den Nachthimmel. „Immerhin…“

Dein Handy piept in Deiner Tasche. Aber nicht mit dem Sms-Ton von O. Dein Mann schreibt. „Es tut mir so leid, Liebe! Aber bei mir wirds heute 23h!“ – „Nicht schlimm!“ antwortest Du und wischst Deine leicht rinnende Nase am Ärmel Deines Parkas ab. „Ich mach dann schon mal Feuer ok?“ schiebst Du hinterher. „Ok!“ schreibt Dein Mann. „Viele Küsse der besten Ehefrau von allen!“ – „Dem besten Ehemann auch!“ tippst Du und hängst ein Smiley mit an. Dann beeilst Du Dich das Handy wegzupacken. „Wow, Chance“ denkst Du, ziehst den Reissverschluss von Deinem Parka hoch bis unters Kinn und versuchst aufs Fahrrad zu steigen. Deine Schambeinfugen schmerzen und von Deiner Analregion breitet sich ein brennendes, reissendes Gefühl wellenartig über Deinen ganzen Körper aus, als Du mit dem Fahrradsattel in Berührung kommst. Du ziehst hörbar die Luft ein. „O. ich hasse Dich“ denkst Du und wartest, bis die Schmerzflut unter Deiner Schädeldecke anbrandet und dort abebbt. Dann kannst Du nach Hause fahren.

Als Du bei Dir daheim die Haustür öffnest, ist alles friedlich und ruhig. Die Wohnzimmerlampe empfängt Dich mit sanftem Licht. Das Küchenradio webt einen Klangteppich aus Alternative Rock. Nichts deutet auf die Katastrophe hin, aus der Du gerade kommst. In Strümpfen, ohne den Parka auszuziehen, die Tasche mit den Highheels fest umklammert, so schleichst Du die Treppe hinauf, vorbei an der spaltbreit geöffeneten Tür zum Zimmer Deines Sohnes. Dem schwach darin fluoreszierenden Schimmer nach zu urteilen, sitzt er mit Kopfhörern vor seinem PC und jagt Fantasymonster. „Ein kleiner Actionheld auch er“ denkst Du, während Du eilig vorbeihuschst und im Schlafzimmer die roten Peeptoes aus der Tasche zurück in ihr Versteck räumst. Im Halbdunkel, ohne die Glasleuchte auf Deiner Kommode einzuschalten, raffst Du ein Kapuzenshirt und eine frische Jeans an Dich und sperrst Dich damit im Badezimmer ein. „Geschafft“ denkst Du. Doch dann erblickst Du Dein Gesicht im Spiegel über der Waschkonsole.

Was Du siehst, hat mit der Person die Du vor ca. zwei Stunden noch warst, nichts mehr zu tun. Es ist überhaupt nichts Personhaftes mehr. Sondern nur noch eine vollkommen entwürdigte Version Deiner selbst. Deine kurzen Haare stehen in struppigen, verklebten Stacheln und Borsten ab von Deinem Kopf. Denn O. rieb auch hier mit der Hand seine Spucke hinein. Dein Gesicht ist verschmiert und verquollen. Deine Nase steht schief. Deine Lippen sind wundgescheuert und leuchten unnatürlich rot aus der peroralen Blässe darum herum. Am Hals hast Du Kratzspuren. Einer Deiner Perlohrstecker hängt halb herausgerissen und blutverkrustet aus Deinem linken Ohrläppchen, das doppelt so dick wirkt wie sonst. Dies alles wäre wohl mit einem zwanzigminütigen Duschbad und ein wenig Desinfektionsspray in Ordnung zu bringen. Und deshalb nicht so schlimm. Jedoch. Unter Deinem linken Auge. Dort wo O.s Ohrfeige Dich traf. Und Dein Jochbein noch immer pulsiert und pocht. Gewahrst Du einen besorgniserregenden, scharf umgrenzten, hellroten Fleck.

Noch ist er nicht auffällig. Aber Du siehst, dass er an seinen gezackten Rändern bereits ins Violette changiert und seine Form sekündlich verändert. Kein Zweifel. Du hast eine Einblutung im linken Unterlid von O.s Schlag davongetragen. Und sie wird sich in den kommenden Tagen zu einem blauen Augenveilchen entwickeln. Es wird in allen Farben schillern. Es wird tiefschwarz und riesig gross werden. Jeder wird es sehen. „Ich bin verloren“ denkst Du und lässt Dich mit Deinem schmerzenden Po leise stöhnend auf dem Rand der Badewanne nieder. „Jetzt ist alles vorbei.“ Du starrst für eine Weile blicklos vor Dich hin. Dann greifst Du einem Impuls folgend nach Deinem Handy und fertigst eine Serie von Selfies von Deinem Gesicht an. Fotografierst Deine clownesken, aufgequollenen Lippen. Die Schrammen an Deinem Hals. Den zerfetzten, sich in einzelne schwarze Wollreste auflösenden Rollkragenpulli. Die zerrissene, befleckte Jeans. Und den mittlerweile kommaförmigen blasslila Fleck unter Deinem Auge.

Als Du fertig bist, scrollst Du Dich durch die forensisch äusserst eindrucksvolle Bildergalerie. Und versuchst, die entstellte Person auf dem Display Deines Handys zu Dir selbst in Beziehung zu setzen. Umsonst. Es will Dir nicht gelingen zu begreifen, dass dieses bedauernswerte Wesen DU sein sollst. Und wie Du alles Deinem Mann erklären sollst, wenn er in zwei Stunden heimkommt, weisst Du auch nicht. Es gibt nur einen Menschen, der Dir in der aktuellen Lage helfen kann. Dein Freund, der Suchtberater. Der schon so viel gesehen hat im Leben. Der Dich kennt, seitdem Ihr 13 Jahre alt wart. Der eine Katastrophe zwischen Dir und O. voraussah. Der Dich stets darauf hinwies, WIE pathologisch, WIE gefährlich O.s Aktionsmuster sind – vor allem im Bezug auf Dich. Der niemals müde wurde, Dich zu warnen. Gebetsmühlenartig. Und dessen Kassandrarufe Du nicht hören wolltest. Ihm allein kannst Du Dich anvertrauen. Ihm schickst Du einige der drastischsten Bilder. Und schreibst dazu. „Schau mal. Das war O.“

Dein Freund ruft die Bilder sofort ab. Du spürst, dass er sie sehr eingehend betrachtet. Mit dem geschulten Blick des Ersthelfers und Rettungssanitäters der er mehr als zehn Jahre lang war. „Mann Süsse!“ schreibt er dann, nach einigen Minuten. „Was war los?“ Du versuchst die Ereignisse der vergangenen Tage und Nächte so gut Du kannst zusammenzufassen. „Leider war das ja zu erwarten!“ schreibt Dein Freund, als Du mit Deinen Schilderungen endest. „Und in der aktuellen Situation erst recht. Was willst Du jetzt machen? Anzeige??? Er wird sagen Du stehst drauf dass einer dich schlägt. Und dass es einvernehmlich war. Denn Du bist ja auch freiwillig zu ihm hingefahren“ – „Ja“ antwortest Du. „Anzeige ist keine Option. Ich bin an allem selber schuld. Ich muss mich jetzt einfach damit abfinden dass es vorbei ist. – „Vorbei. Ok.“ antwortet Dein Freund. „Somit überlebst Du. Andere sterben wegen diesem Psycho. Zum Beispiel an Krebs“ – „Wie man auf Bildern sehen kann“ schreibst Du. „Yap“ antwortet Dein Freund.

„HOFFENTLICH ist es vorbei“ fährt er nach einer kleinen Weile fort. „Ich bezweifle es aber. Leider. Und eines Tages wirst Du noch RICHTIG schwer verletzt werden durch dieses kriminelle Arschloch“ – „Du meinst der holt mich wieder?“ fragst Du ungläubig. „Zu hundert Prozent“ antwortet Dein Freund. „Er wird Dich niemals gehen lassen. Das ist ein psychisch kranker Gewalttäter. Und DU bist sein perfektes Opfer. Das war ein Höhenflug für ihn, was er vorhin mit Dir erlebt hat. Ein Machtrausch ohnegleichen. Da wird er auch in Zukunft nicht darauf verzichten wollen“ – „Ok“ schreibst Du. „Ich muss mich jetzt versorgen. Was soll ich machen mit dem blauen Auge?“ – „Da wirst Du nicht viel machen können, fürchte ich“ antwortet Dein Freund.  „Das Hämatom ist bereits manifest. Hast Du denn starke Schmerzen?“ – „Das nicht“ antwortest Du. „Ok. Dann hast Du nochmal Glück gehabt!“ schreibt Dein Freund. „Versuch Dir eine Ausrede einfallen zu lassen. Not macht erfinderisch! Alles alles Liebe! Ich drück Dich!“

Unter der Dusche stellst Du fest, dass Deine Oberarme, Deine seitliche Rippengegend und wohl auch Dein Rücken übersät sind mit beginnenden blauen Flecken. Dennoch geht es Dir aber rasch besser in der dampfigen Wärme. Dein Kopfschmerz lässt nach. Deine Muskulatur entspannt sich. Deine Analregion fühlt sich weniger schlimm verletzt an. Als Du fertig bist, frottierst Du Dich sehr vorsichtig ab und kämmst sanft, fast andachtsvoll Dein kurzes Haar. Bis es wieder so um Deinen Kopf liegt wie immer. Ohne die hässliche Spucke von O. Du lächelst Dir selbst ein wenig schief im Badezimmerspiegel zu, bevor Du Dich daran machst, ein besonders sorgfältiges Make-up aufzulegen. Du cremst und puderst und tüpfelst und wischst. Systematisch. Schicht um Schicht. Und verwandelst Dich via Kosmetik in eine Frau, die der, die Du normalerweise bist, zumindest ähnlich sieht. Es gelingt Dir, den blasslila Fleck unter Deinem Auge einigermaßen zu kaschieren. Aufatmend hüllst Du Dich in Deine frischen Kleider. „Ja, ich überlebe“ denkst Du.

Als Dein Mann gegen 23h nach Hause kommt, ist er froh, von einem besonders behaglich flackernden Kaminofenfeuer empfangen zu werden. Dass Du einen dunklen Schatten unter Deinem linken Auge hast und auf dieser Seite auch Deinen Perlohrstecker nicht trägst, fällt ihm nicht auf. Du versorgst ihn mit einem Glas Rotwein und Snacks, er erzählt Dir das Wichtigste von seinem Tag, dann geht er bald schlafen. Du selbst bleibst noch lang in der Küche sitzen, befühlst Deinen geprellten Körper unter dem Kapuzenshirt und starrst vor Dich hin. Irgendwann gehst auch Du nach oben. Am nächsten Morgen hat sich der Fleck unter Deinem Auge vergrössert und ist nachgedunkelt. Er lässt sich nicht mehr mit Make-up verbergen. „Was ist Dir denn passiert?“ fragt Dein Mann am Frühstückstisch. „Ach ja“ antwortest Du. „Das wollte ich Dir noch sagen. Hab im Fitnesstudio den Ellbogen von einer anderen Frau draufbekommen, die in meiner Nähe trainiert hat. Die stellen da immer die Geräte so eng zusammen. Da muss ich mich jetzt mal beschweren!“ – „Ach Du Arme“ sagt Dein Mann.

 

 

Strike Hard

Nichts hält Dich auf, an jenem verhängnisvollen Freitagabend Ende Februar 2016, während Deiner kurzen Pedaltour zum Haus von O. Niemand stellt sich Dir in den Weg. Kein Fingerzeig des Schiksals greift regulierend ein. Du überfährst rote Ampeln. Querst gefährliche Kreuzungen. In halsbrecherischem Tempo. Aber nichts passiert. Der Himmel sendet Dir kein Zeichen, das Dich zum Anhalten, Absteigen oder Umkehren mahnt. Im Gegenteil. Das Schiksal winkt Dich durch. Du fliegst geradezu auf Deinem Fahrrad über die dunklen Straßen hinüber ins Wohnviertel von O. Vorbei an einem der steinernen Eingangsportale zum historischen Teil des größten Friedhofs Eurer Stadt. Aus dessen Baumbestand stets eine besondere Kühle auf die sechsspurige Verkehrsstraße vor seinen Mauern herüber weht. Vorbei an der Parkbank, an der Du normalerweise anhältst, um O. zu schreiben, dass Du gleich da bist. Vorbei an erhellten Wohnhäusern. Vorbei an Leben, Wärme und Licht. Hin zum kalten, kranken Reich, zum Eispalast von O.

Und auch als Du angekommen bist, beim Haus mit den vielen Bildern, gibt es in Dir kein Innehalten, kein Zögern. Du sperrst nur einfach Dein Fahrrad an den korrosionsbeständigen Edelstahlzaun, der zusammen mit einer hohen, blickdichten Lorbeerhecke O.s Imperium abschirmt und begrenzt. Ziehst Dein Handy aus der Tasche Deines Parkas, lehnst Dich rücklings gegen das große, dunkelrote Tor des Garagenanbaus und tippst mit eiskalten Fingern: „Ich bin jetzt da. Bitte mach mir auf.“ O. antwortet nicht. „Ich tu Dir nichts. Ich liebe Dich!“ schreibst Du. Keine Reaktion. „Bitte“ schreibst Du und überlegst, wie lang Du der Kälte, die bereits jetzt unter Deinen Parka kriecht, wohl standhalten kannst. „Geh weg“ schreibt O. unvermutet. „Nein“ tippst Du. „Bitte lass mich in die Garage!“ – „Und dann?“ schreibt O. „Dann kann ich Dich da kurz sehen“ antwortest Du. Minuten vergehen. Deine Zähne schlagen aufeinander. Du frierst. Doch dann antwortet O. „Geh ums Haus rum!“ schreibt er. „Ich öffne die Küchentür“

„Ok“ antwortest Du und versuchst, Dich zu orientieren. Schließlich wurdest Du bisher ja immer nur durch den Nebenzugang ins Haus geschleust. Doch dann nimmst Du Deine Tasche aus dem Fahrradkorb, stemmst Dich entschlossen gegen die Entriegelung der Gartentür und betrittst mit angehaltenem Atem die Latifundien von O. Du fühlst Dich wie ein Eindringling auf vermintem Gelände. Unerwünscht. Durch Zielfernrohre beobachtet. Kurz vor der Festnahme stehend. Dennoch versuchst Du, so viel wie möglich zu erfassen von O.s äußerem Hoheitsgebiet, während Du vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, den steingrau gefliesten Weg  an der Mauer des Hauses abschreitest. Die scharfkantigen Umrisse eines etwa kniehohen Kunstobjekts im Zierkiesstreifen längs der Fassade bannen Deinen Blick. Eine makabere dreiteilige Skulptur aus weißem Stein, stellst Du fest, im Licht Deines Smartphones. Mit der Anmutung von skelettierten Rückenwirbeln einer urzeitlichen Riesenechse, die vor Jahrmillionen ihr Leben in O.s Garten aushauchte.

Wie soll HIER eine schwerkranke Frau gesund werden“ denkst Du ingrimmig, während Du linkerhand um die Hausecke biegst. Am Rand der Terasse markiert eine große, zur Form einer Brezel gebogene Schiene aus Edelroststahl den schwellenfreien Zutritt zum Küchenbereich des Hauses. Dunkle Techno-Drums dringen durch die halboffene Terassentür ins Freie. Von O. ist nichts zu sehen, als Du nach einem Moment des Zögerns eintrittst. In den Raum, der eigentlich ein Areal der Wärme und Geborgenheit, der Nähe zu Genuß und Lebensfreude sein sollte, in jedem Haus. Und der hier verkommen ist zum klaren Gegenteil. Überbordendes Chaos, wohin Du auch blickst. Karminrote Porzellanteller mit eingetrockneten Essensresten auf einem kantigen, betonfarbigen Bartisch. Berge von unabgewaschenem Geschirr im stählernen Einbauspülbecken. Myriaden von leeren 0,33l-Flaschen eines Biolimonadegetränks auf den schiefergrauen Bodenfliesen. Kullernd, rollend, fallend. So, dass Du kaum weißt, wohin Du Deine Füße setzen sollst.

„O.!“ rufst Du, „O.!“ während Du versuchst, Dir einen Weg durch das Glaslabyrinth vor Deinen Füßen zu bahnen. Es scheppert und klirrt. Eine Flasche zerbricht. Du bleibst stehen. Fühlst Panik in Deinem Inneren aufsteigen. Willst flüchten, sekundenlang. Da erscheint O. im Rahmen der Küchentür. In Langarmshirt und Jogginghose. Mit hellgrauen Slippern aus Filz an den nackten Füßen. Und blaß, schön, hochmütig und kalt wie immer. Nein. Kälter als jemals zuvor. „Was willst du hier?“ fragt er und schaut Dich dabei vollkommen ausdruckslos an. „Dich sehen!“ flüsterst Du. „Ok“ antwortet O. „Jetzt hast du mich gesehen! Also geh wieder! Da ist die Tür!“ – „Nein! Bitte nicht!“ rufst Du und reckst O. Deine Hände entgegen. „Ich kann so nicht gehen! Bitte schick mich nicht so weg!“ – „Sag mal spinnst du jetzt völlig, Ursula!“ stößt O. hasserfüllt aus, macht zwei Schritte auf Dich zu und schlägt Deine Hände beiseite. Auf dem Küchenfußboden zerbrechen weitere Flaschen. Die Situation wird bedrohlich.

„Du kannst dankbar sein dass ich dich überhaupt hier reingelassen hab!“ sagt O. mit unangenehm schneidender Stimme, direkt vor Deinem Gesicht. „Damit du mich noch einmal kurz siehst. Denn dir ist ja hoffentlich selber klar, dass jetzt endgültig Schluß ist mit uns!“ Du spürst die Stöße von O.s Atem, während er all das ausspricht. Und mit ihm O.s Verachtung, nein, schlimmer, O.s absolute Gleichgültigkeit Dir gegenüber. Was Du empfindest, was in Dir vorgeht, ist ihm restlos egal. Es interessiert ihn nicht. Mehr noch: er hat nicht einmal eine Idee, eine Vorstellung davon. Es ist vielmehr so, als ob er von einer ganz anderen Person reden würde, während er Dir vollkommen emotionslos in die Augen starrt und sagt: „Ich hab dein ewiges Theater jetzt endgültig satt. Mir reichts für immer von dir und deiner Rumspinnerei! Du hast es nicht verdient dass ich mich noch länger mit dir abgeb! Und jetzt hau endlich ab! Sonst rufe ich die Polizei!“ – „Nein“ antwortest Du und bleibst vor ihm stehen.

„Ok“ antwortet O., dreht sich um und schlendert betont lässig Richtung Wohnzimmer. „Dann hol ich jetzt die Bullen! Die schaffen dich dann schon hier raus!“ – „Warte!“ rufst Du und läufst ihm nach. „Bitte lass mich mit dir reden!“ – „Ganz sicher nicht!“ antwortet O., wendet sich nach hinten und rammt Dir seinen rechten Ellbogen so hart in die Seite, dass Du zu Fall kommst und mit Schulter und Hüfte voran auf den Eichenholzdielen im Flur aufschlägst. Knapp vorbei an zwei leeren Biolimonadeflaschen. Deine rechte Körperseite fühlt sich taub an, für Sekunden. Dann schiesst Schmerz in die betroffenen Muskeln und Gelenke ein. Du kämpfst Dich unterdrückt stöhnend hoch, preßt Deine Tasche, die Du bisher nicht losgelassen hast, an Dich und schleppst Dich zur Geschosstreppe im Zentrum des Hauses. Unter Aufbietung all Deiner Willenskraft erklimmst Du nahezu kriechend die ersten sechs der ausladenden Stufen aus massivem Eichenholz. Auf der achten läßt Du Dich nieder. Blickst um Dich. Ringst nach Luft.

O. ist im Wohnbereich des Hauses verschwunden ohne Dich weiter zu beachten. Du hörst, wie die Techno-Musik leiser gestellt wird. Stattdessen hallt nun das Rattern von Maschinengewehrsalven und wildes, vielstimmiges Männergeschrei durchs Haus mit den vielen Bildern. Ganz offensichtlich flimmert ein Actionfilm der härteren Sorte über den riesigen Bildschirm an der Wand gegenüber der schwarzen Couchlandschaft im Wohnzimmer von O. Du selbst bleibst still auf der Treppenstufe sitzen. Ziehst Deine Knie hoch bis unters Kinn, umfasst deine angehockten Beine mit beiden Armen und läßt Deine Blicke durchs Treppenhaus schweifen. Du versuchst, Dir noch einmal möglichst viel einzuprägen von all den hier ausgestellten Bildern und Artefakten, in denen sich O.s Weltsicht spiegelt. Denn Du bist sicher, nach dem heutigen Tag nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu können. „Leb wohl“ denkst Du, mit Blick auf den Haifisch aus Kabelgeflecht, der im zweiten Obergeschoß unter der Decke schwebt. „Leb wohl“.

Je länger Du alles betrachtest, desto fremder und feindseliger erscheint Dir der ganze Kosmos um Dich herum. Nie fühltest Du Dich unerwünschter, nie stärker eingeschüchtert und klein gemacht, als hier auf der monumentalen Holztreppe umgeben von schreienden Bildern im Haus von O. „Was soll ich machen“ denkst Du. Da kommt O. aus dem Wohnzimmer zurück. „Und,  jetzt bist du immer noch nicht weg?“ faucht er. „Ich wollte grade gehn!“ flüsterst Du. „Super!“ antwortet O. und hält hart auf die Geschosstreppe zu. „Pass auf, ich helfe Dir ein bisschen! Ich glaub du schaffst das nicht allein!“ Du versuchst noch irgendetwas zu sagen. Jedoch. O. nimmt zwei Treppenstufen auf einmal. Und ist bei Dir, bevor Dein Gehirn zur Umsetzung eines Impulses fähig ist. Er greift nach Deinen Handgelenken. Er zerrt an Deinen Armen. So heftig, dass die Schultergelenke knacken. Und räumt Dich mit einer einzigen verächtlichen Bewegung von der Treppe. Ein dumpfes Krachen ertönt, als Du auf Knien und Handgelenken aufkommst.

Natürlich würdest Du sehr gerne aufstehen, vom betonharten Fliesenboden im Erdgeschoss von O.s Haus, sobald Dein Kniescheibenschmerz es erlaubt. Aufstehen. Gehen. Nie mehr wiederkommen. Aber O. ist anderer Meinung. O. ist noch nicht fertig mit Dir. O. beugt sich von einer der unteren Treppenstufen herab über Dich und drischt Dir von hinten seine geballten Fäuste in die Rippen. Methodisch. Routiniert. Punktgenau. Deine Nierenregion spart er aus. Und wohl schlägt er auch nicht mit voller Wucht zu. Dennoch tut es sehr, sehr weh. Und klingt beängstigend. Und nimmt Dir die Luft. Du röchelst und stöhnst. Und irgendwann hört O. auf. Eigenartigerweise raffst Du nun nicht Deine Tasche an Dich und schleppst Dich so schnell wie möglich zur Ausgangstür. Nein. Du flüchtest ins Wohnzimmer. Kriechend. Taumelnd. Stolpernd. Die Tasche an Dich gepresst. Warum, das weißt Du nicht. Aber Du willst, Du musst unbedingt das Sofa erreichen. Das riesige Sofa im Wohnzimmer von O. Unbedingt.

Als Du es geschafft hast, ziehst Du Dich an der Rückenlehne bis dahin, wo die Couchlandschaft eine Ecke bildet. Und kauerst Dich dort wieder genauso hin wie gerade eben noch auf der Treppe. „Wahnsinn Ursula!“ ruft O. und kniet sich mit breit gespreizten Beinen vor Dich. „Hast du jetzt immer noch nicht kapiert dass ich dich nicht mehr will!“ stößt er hervor und beginnt wieder, mit seinen Fäusten auf Dich einzuschlagen. Er boxt Deine Oberarme. Und das, was er von Deinem darunter vergrabenen Kopf erreichen kann. Er zerrt an Deinem Rollkragenpulli und am Gummiband der schwarzen Netzstrumpfhose über deiner Brust. Er reißt die Knopfleiste von Deiner Jeans auseinander. Er spuckt in die Innenfläche von seiner Hand und reibt Dir den Speichel ins Gesicht. „Ich will dich nicht mehr“ murmelt er dabei vor sich hin. Dann nimmt er sich einen Moment Zeit um Dich zu betrachten. „Hast du Highheels dabei?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du mühsam. „Hol sie!“ sagt O. „Dann bekommst Du nen Abschiedsfick von mir.“

Nachdem Du die roten Peeptoes aus Deiner Tasche geholt und Dir über die Füße gestreift hast, hat das, was Du bekommst, mit gefühlvollem, intensivem Schlußmach-Sex jedoch nichts zu tun. Es ist vielmehr einfach nur, wie von O. vor längerer Zeit bereits angekündigt: eine Vergewaltigung. Und zwar: anal. Im flackernden Licht der Explosionen und Kampfszenen auf O.s Grossbildschirm. Auf dem Sofa knieend. Mit den Armen Halt an der Rückenlehne suchend. Wirst Du von O. brutaler und härter genommen als jemals zuvor. Was Dir hilft, ist ein etwa handtellergroßes, skurril geformtes Stofftierchen aus neonfarbigem Häkelgarn, das unbeachtet auf dem Polsterrand des Lounge-Sofas herumliegt. Es scheint Dich mit traurigem Blick anzustarren. Du vermutest, dass es Lolo gehört. Und nimmst es ganz fest in Deine rechte Hand, als einer von O.s Stößen Dir die Chance dazu gibt. Danach tut alles etwas weniger weh und Du fühlst Dich auch nicht mehr so völlig allein. Auf diese Art überstehst Du es. Ganz gut.

Irgendwann hört O. auf, Dich zu nehmen und zerrt Dich frontal zu sich auf den Schoß. „Machs dir jetzt selber!“ herrscht er Dich an. „Ich will sehen wie es Dir kommt!“ – „Tut mir leid. Das kann ich jetzt wirklich nicht!“ antwortest Du. „Vielleicht wenn ich dir Eine scheuer?“ fragt O. und holt rechts weit aus. „Auch dann nicht!“ antwortest Du und presst Dir in einer instinktiven Geste die linke Hand aufs Ohr. Sekunden, bevor O.s Backenklatsche in Deinem Gesicht landet. Du hast das Gefühl, dass unter Deinem linken Auge etwas reisst. Aber Dein Gehör bleibt intakt. Und das ist Dir in diesem Moment das Wichtigste. „Hoffentlich kriegst du es jetzt wenigstens hin mich zu lecken!“ sagt O. und schubst Dich von sich. „Klar“ antwortest Du und streckst Dich auf dem Sofa aus. „Zum letzten Mal“ murmelt O., bevor er sich mit seinem vollen Gewicht auf Deinem Gesicht niederlässt. Es wird vollkommen dunkel um Dich herum und Du bekommst auch schlecht Luft. Aber Du schaffst es, den Rim-Job für O. zu machen.

Danach ist es für eine geraume Weile unnatürlich still in den Räumen vom Haus mit den vielen Bildern. O. hat den Actionfilm abgeschaltet, während Du noch auf der Couch lagst um wieder zu Atem zu kommen. Er reicht Dir sogar ein Kleenex, um Deinen Bauch sauber zu putzen und schickt sich an, Deine zerrissenen Jeans und Leggings vom Boden aufzusammeln. „Lass nur. Ich mach das schon!“ sagst Du mit nasal klingender Stimme und richtest Dich auf. „Ok“ antwortet O. und geht mit gesenktem Kopf hinaus. Als er zurück kommt, hast Du Deine Tasche gepackt und Dich vollständig in die Reste Deiner Kleider gehüllt. „Fertig?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Dann komm“ sagt O. und geht vor Dir her durch das Meer der leeren Lemongetränkflaschen zur Fenstertür in der Küche. Dort schlüpfst Du in Deinen Parka, der hier über einem breiten roten Design-Hocker liegt. „Leb wohl“ sagt O. „Du auch!“ antwortest Du und trittst nach draußen auf die Terasse. Die Luft ist sehr kalt, im Garten von O., und lässt Dich all Deine schmerzenden Körperstellen spüren. Dein linkes Jochbein pocht und Deine Schädeldecke dröhnt, während Du Dich am Zaun nach vorne beugst, um Dein Fahrrad zu entsperren. Nun gibt es ZWEI schwerverletzte Frauen im Umfeld von O.

 

 

Freak Out

Am Abend des 25. Februar 2016 reicht die Wärme des Kaminofenfeuers nicht mehr aus. Kein Patchworkplaid. Keine sphärische Musik. Kein gezuckerter Tee. Keine Plauderei mit Deinem Mann oder Deinem Sohn. Nichts von all dem, was Dich normalerweise beruhigt und tröstet, hilft am Ende dieses einen gottverlassenen Tages. Nur in der Stille des Schlafzimmers, eingeigelt, zusammengerollt, unter zwei Bettdecken versteckt, kommst Du allmählich zu einer Art von Ruhe. Hörst langsam, sehr sehr langsam auf zu zittern. Spürst wie sich das Grauen aus Deinen alleräußersten Nervenenden zurückzieht, jedoch im Rückenmark verbleibt. Und fällst auch für einige Stunden in unruhigen Schlaf. Gegen 1h nachts wirst Du wieder wach. Kriechst aus dem Bett. Schleichst ins Badezimmer und sperrst Dich dort ein. Rufst in Deinem Handy das Bild von O.s frisch operierter Freudin auf, das Du am frühen Abend von ihm bekamst. Betrachtest es, auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitzend. Eingehend. Mehr als eine Stunde lang.

Du siehst, dass O.s Freundin sehr weiche, unkonturierte Gesichtszüge hat und etwas vollkommen Überfordertes ausstrahlt, wie sie so da liegt, in ihrem Schmerz. Fast kindlich, nicht-verstehend wirkt sie auf dem Bild, trotz ihrer Körperfülle, die sich ein wenig unförmig unter der Klinikdecke abzeichnet. Eine Person ohne Waffen, ohne Kampfgeist, denkst Du, während Du im unteren Teil des Bildes die Silhouette von O. entdeckst, die sich im Moment der Handyaufnahme in der Trennglasscheibe des OP-Nachsorgeraumes spiegelt. Dass er für sich, für seine eigene Verarbeitung den postoperativen, lebensfernen Zustand seiner Freundin mit dem Smartphone dokumentieren musste, leuchtet Dir ein. Aber dass er Dich, die Lolo als gesunde, unverletzte Frau nie kannte, mit ihrem entblößten, preisgegebenen Anblick konfrontiert? Ohne jede Vorwarnung? Ganz einfach so? Obwohl Du dankbar bist für diese schlaglichtartige Erhellung seiner Realität. Das ist und bleibt: das radikale, rücksichtslose, keine Grenzen kennende Vorgehen eines emotional Gestörten.

Gegen 3h morgens fühlst Du die Durchblutung in Deinen Körper zurückkehren. Und das Empfinden, Deine Lumbalregion sei mit elektrischen Kupferdrahtfäden durchwirkt, läßt auch allmählich nach. Du bist in der Lage, Dich zu erheben, den Blick von O.s leidender Freundin in Deinem Handy zu lösen und auf  leisen Sohlen zurück ins Schlafzimmer zu gehen. Dort kuschelst Du Dich unter Deine Decken, legst Dir das stummgeschaltete Smartphone auf den Bauch und bedeckst es vorsichtig mit Deiner rechten Hand. Ganz so, als ob es ein besonders schutzbedürftiges, zartes Wesen wäre. Ein Vogeljunges, das aus dem Nest fiel, um genau zu sein. Du stellst Dir vor, dass all deine Anteilnahme über Deine Atmung durch das Handy hindurchfließt zu O. und ihn erreicht, während der dunklen Stunden, die er höchstwahrscheinlich jetzt in seinem großen, leeren, heimgesuchten Haus verbringt. Wachend. Ungetröstet. Mutterseelenallein, inmitten all der vielen Bilder. „Ich möchte bei ihm sein“ denkst Du. Dann schläfst Du ein.

Erst um 6.48h kommst Du wieder zu dir und siehst, dass O. um 5.17h „Guten Morgen Kleine“ schrieb, während Du noch schliefst. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du eilig und hasst Dich selbst dafür, dass Du nicht früher wach sein konntest. „Bitte schick mir ganz schnell ein Bild von dir!!!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und wählst zwei Fotos von deiner Brust in einem indigoblauen Bandeau-Top für ihn aus. „Danke“ schreibt O. „Hättest du eventuell heute abend Zeit?“ – „Ja! Sehr gut sogar!“ antwortest Du. „Ich fahre jetzt dann ins Krankenhaus und danach noch in die Stadt!“ schreibt O. „Ich melde mich wenn ich wieder zu Hause bin!!!“ – „Gerne!“ antwortest Du und spürst wie eine Woge von Erleichterungsgefühlen Deinen Körper flutet. Und zwar genau von da ausgehend, wo Du dein Rückenmark, das Zentrum deines Nervensystems vermutest, das in der Nacht so weh tat. Alles fühlt sich plötzlich warm und leicht an. Die Morgensonne scheint ins Schlafzimmer. Und Du bist sicher: es wird ein wunderschöner Tag.

Die Euphorie trägt Dich weit über den Vormittag. Beflügelt, energiegeladen wie seit langem nicht mehr. Dankbar für das vorfrühlingshafte Licht. So verbringst Du die Zeit. Gehst zum Sport. Machst Ordnung im Haus. Erledigst Aufgeschobenes. Stets in Gedanken bei O. Stets das Handy dicht bei. Erfüllt von der Gewissheit, O. bald, in wenigen Stunden, begegnen, sehen, berühren zu dürfen um Vertrautheit und Nähe mit ihm leben zu können für einen kurzen, magischen Moment – nach all dem Schweren der letzten Zeit. Du steigerst Dich in diese Ideen hinein, während Du hyperaktiv in Deinem Zuhause umherwirbelst, mehrere Dinge gleichzeitig tust, das Handy fixierst und vollkommen ausser Acht lässt, dass O. ja eigentlich nur von der vagen Möglichkeit eines Treffens schrieb. Ohne Zusage. Ohne Verbindlichkeit. Wie schon so oft. Das Konjunktivische seines Schreibens willst Du, emotional überlastet wie Du bist, an diesem Tag einfach nicht sehen. Und so nimmt das Verhängnis des 26. Februar 2016 seinen Lauf.

Gegen 15h kommt Dein Aktivitätsschub zum Erliegen. Teilnahmslos sitzst Du am Küchentisch und horchst nur noch auf das Ticken der Wanduhr die gnadenlos das Verrinnen des Nachmittags auszählt. Es wird 16h. Es wird 16.30h. O. meldet sich nicht. Um 16.43h hältst Du es nicht mehr aus. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Kann ich Dich heute besuchen?“ Die Uhr tickt weiter. Eine Minute vergeht. Dann drei. Dann fünf. „Ich würde so gern mit dem Radl in Deine Gegend fahren und bei Dir sein!“ schreibst Du. „Ich wünsche es mir so sehr, es ist fast nicht auszuhalten.“ Stille. Leere. Schweigen. Dein Herz klopft. Im Rhytmus des Sekundenzeigers der Küchenuhr. „Ich könnte um 19h bei Dir sein.“ schreibst Du um 17.03h. „Ich bringe auch Netzstrümpfe und Highheels mit. Ich mach alles was Du willst und ich gehe gleich wieder wenn Du das möchtest!“ Keine Antwort. „Es ist so ein schöner Tag!“ tippst Du mit letzter Verzweiflung. „Bitte sag mir bescheid!“ Dann legst Du das Handy beiseite.

Es piept um 17.33h. „Glaube eher nicht“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, während Du das Gefühl hast, durch einen Schacht ins Bodenlose zu fallen. „Heute hatte ich Hoffnung, ehrlich gesagt“ fügst Du hinzu um den Sturz vielleicht noch aufzuhalten. „Ich hab Dich so lange nicht gesehen. Bitte!“ – „Nein“ antwortet O. „Warum nicht?“ tippst Du. „Bitte sag mir warum?“ – „Du wolltest doch gequält werden“ schreibt O. „Ja. Wenn ich bei Dir bin“ antwortest Du. „Bitte lass mich kommen.“ Eine Pause entsteht. Die Geschwindigkeit Deines Fallens durch die Dunkelheit scheint sich ein wenig zu verlangsamen. „Vielleicht wird alles gut“ denkst Du. Wartest. Hoffst. Auf eine gnädige Wendung des Chatverlaufs. Jedoch. Um 18.08h schickt O. den einen, den katastrophalen Satz. Den Satz, der etwas in Dir vernichtet. Den Satz, über den Du nicht hinweg kommst. „Du kannst“ schreibt O., nach allem, was Du in den vergangenen Tagen mit ihm erlebt, gelitten und geteilt hast, „dich vor das Fenster stellen und es dir selbst machen.“

Du liest die Worte der Whatsapp-Nachricht, die sich wie Flammenzeichen auf Deine Netzhaut brennen, insgesamt sechsmal durch. „Vor welches Fenster?“ schreibst Du dann. „Wohnzimmer Fenster“ antwortet O. „Bei mir hier? Oder bei Dir?“ fragst Du verwirrt. In der absurden Hoffnung, es handele sich hier um den Auftakt zu einem besonders perfiden erotischen Spiel. „Wo du willst“ antwortet O. Gleichgültig. Kalt. Wie auf Vernichtungsfeldzug. „Was soll das?“ tippst Du mit zitternden Fingern. „Ich habe NEIN gesagt aber du hörst nicht auf!!!!“ schreibt O. „WAS SOLL DAS?????“ – „Entschuldige“ antwortest Du. „Ich habe heute einfach nur sehr stark gehofft dass ich Dich besuchen kann. Ich vermisse Dich seit Monaten. Ich hab so viele Bilder für Dich gemacht. Und so lang gewartet.“ Du hältst inne. Hoffst noch einmal. Auf ein Entgegenkommen, Einlenken, irgendein Zeichen von O. Auf etwas, was die Katastrophe aufhalten könnte. Jedoch. O. antwortet nicht. O. schweigt. Da bricht sich Deine Verzweiflung Bahn.

„Ok“ schreibst Du. Wütend. Überfordert. Fassungslos. „Ich hab es jetzt verstanden. Du willst mich nicht mehr.“ Schweigen. „Dann wünsch ich Dir von Herzen dass Du bald eine Andere zum Schikanieren findest. Mal sehen ob so schnell Eine Dich hinten küsst und 1700 Bilder für Dich macht!!!“ Schweigen. „Mein Job ist dann wohl erledigt, oder?“ tippst Du weiter. „Ist das wirklich das was ich verdient hab nach all den Monaten?“ O. antwortet nicht. Du greifst zum Äussersten. Lässt Deine tiefste, quälendste Angstphantasie nach draussen. „Fickst Du dann heute abend eine Andere?“ schreibst Du. Schweigen. „Sag mal gehts noch????“ kommt es dann von O. „Das frag ich Dich!!!“ antwortest Du. „Hör auf jetzt!!!“ schreibt O. „Und warum bist DU so krass zu mir?“ schreibst Du. „Ich hab Dir nichts getan! Ich wollte Dich nur sehen. Das war mein Verbrechen. Dich sehen zu wollen!“ Schweigen. „Es tut mir leid“ schreibst Du. „Ich hab immer versucht Deine Wünsche zu erfüllen. Heute hatte ich blöderweise auch mal selber welche!“

O. schweigt. „Aber das ist das Ende jetzt, oder?“ tippst Du. „Wenn du so weitermachst ja“ antwortet O. Du fühlst wie etwas sehr Gefährliches sich aufbaut, in Deinem Inneren. Eine Art Amok-Situation, in der ein anderes Du in Dir statt Deiner selbst denkt und handelt. Und zwar nicht allzu folgerichtig. „Ich will Dich sehen!“ tippt dieses andere, unbekannte Du ins Handy. „Ich dusche jetzt und fahre zu Deinem Haus. Ich halte es nicht mehr aus. Ich fahre da hin.“ Schweigen. „Ich schmeisse alle Schuhe da vor die Tür und es ist mir egal was dann passiert!!!“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich werfe alle Schuhe und Kleider bei Dir in den Vorgarten. Ich kann nicht mehr. Ich fahre zu deinem Haus und werfe alles hin was ich für Dich gekauft hab. Das ist das absolute Ende. Es ist mein Ernst. Ich mache das“. Dann erhebt sich Dein rebellierendes, ausflippendes Du, legt das Handy beiseite und eilt, vorbei an Deinem verwundert dreinblickenden Sohn, der gerade im Treppenhaus steht, hinauf ins Badezimmer.

Auch unter der Dusche kommt Dein amoklaufendes Du nicht zur Besinnung. Aber immerhin. Nachdem es sich abfrottiert, gekämmt und geschminkt hat, eilt es, einem Impuls folgend, ins Schlafzimmer. Dort holt es eine schwarze Netzstrumpfhose aus der Stoffschachtel mit Mille-Fleurs-Muster, zerrt sie sich bis unter die Achseln über den nackten Körper, schlüpft in die schwarz schimmernden Leggings und macht schnell ein paar Selfies von diesem Outfit. „Zum letzten Mal zieh ich das hier für Dich an!!!“ schreibt das ausser Kontrolle geratene Du und sendet die Bilder an O. „Was wäre so schlimm daran mich in diesem Outfit reinzulassen?“ – „Ich kann nicht weil es der Lolo so schlecht nach der OP geht!!!“ antwortet O., sehr zum Erstaunen des durchdrehenden Du. „Du willst die Sachen vor die Türe stellen dann tu das! Aber ohne eine Szene zu machen!!! Wenn die Lolo in ihrem jetzigen Zustand von uns erfährt … das wäre unerträglich für sie!!! Also zeig Mitgefühl und stell es normal vor die Haustür!!!“

„Bist Du zu Hause?“ tippt das ausser Rand und Band geratene Du, das nun beginnt sich ein wenig zu schämen. „Ja. Aber ich werde dir nicht öffnen!!!“ antwortet O. „BITTE!!!“ schreibst Du. „Nein! Hör sofort auf!!!“ schreibt O. „Mir gehts selbst nicht gut und ich möchte niemanden sehen!!! Ich möchte allein sein! Stell die Sachen vor die Tür damit es dir besser geht! Aber ohne eine Szene zu machen. Das würde ich bei dir auch nicht tun!!!“ – „Nein ich stelle nichts vor die Tür“ antwortest Du kleinlaut und wieder völlig Du selbst geworden. „Dann schmeiss die Sachen weg!!!“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Bitte Ursula lass mich!“ schreibt O. „Du hast dich gerade von einer schrecklichen Seite gezeigt!!!! Bitte lass mich in Ruhe!!! Ich habe unseren gesamten Chatverlauf gelöscht. Ich habe kein einziges Foto mehr von dir!!! Bitte schreib mir nicht mehr. Ich blockiere dich sonst!!!“ – „Du hättest mir doch einfach sagen können dass es Dir nicht gut geht!“ tippst Du verzweifelt. „Das habe ich noch immer verstanden!“

„Ich habe dir geschrieben dass ich mich abends bei dir melde“ antwortet O. „Das stimmt nicht!“ schreibst Du. „Egal!!!“ antwortet O. „Es ist vorbei! Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ – „Ok“ schreibst Du und fühlst die austickende Version Deiner selbst zurück kommen. „Ich fahre jetzt zu Dir. Ich muss Dich sehen.“ – „Ich werde nicht öffnen“ antwortet O. „Ich komme trotzdem“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich muss das Haus sehen. Ich geh sonst kaputt“. Ohne eine weitere Nachricht von O. abzuwarten erhebt sich das durchgedrehte Du vom Schlafzimmerbett. Es zieht einen schwarzen Rollkragenpulli über den Kopf und eine weite Jeans über die Leggings. Es holt die signalroten Highheels aus ihrem Versteck, überlegt kurz und wickelt sie dann im Badezimmer in zwei grosse Handtücher ein. Dieses skurrile Paket verstaut das ausrastende Du in einer hellblauen Segeltuchtasche. Es schlüpft in seine Boots und seinen Winterparka. Rafft Hausschlüssel und Handy an sich und tritt todesmutig hinaus in die Nacht.

 

 

In the Midst of Tragedy, Pt. 1

Anfang Februar 2016 geht O. dazu über, Dir Internet-Pornos aufs Handy zu schicken. Kommentarlos. Einfach so. Und zwar nicht irgendwelche Sexfilmchen, die traditionellen, erwartbaren Handlungsmustern folgen. Auch keine SM-Sequenzen – die Dir durchaus gefallen könnten – vorausgesetzt sie wären ästhetisch gefilmt. Was O. schickt ist vielmehr nur einfach vollkommen bizarr. Grell. Jenseits aller Grenzen von Stil und Geschmack. Und mit dem Inhalt Eurer auf Whatsapp entwickelten Phantasien hat es auch nichts zu tun. „Gefällt Dir das wirklich?“ schreibst Du, nachdem Du zwei Frauen mit riesigen Brüsten beim Extrem-Squirting zugeschaut hast. „Klar!“ antwortet O. „Ich schaue ab und zu ganz gern mal einen Porno! Dachte nicht das du da ein Problem damit hast!“ – „Hab ich auch nicht“ antwortest Du. Devot wie immer. „Ich freue mich über alles was Du mir schickst. Nur Squirting ist nicht so mein Ding!“ – „Kein Problem!“ antwortet O. gönnerhaft. „Vielleicht hab ich ja nächstens nen geilen Leckporno für dich!“

Leider scheint zusammen mit einem der von O. geschickten Sex-Videos ein gnadenloser Smartphone-Virus Dein Handy infiltriert zu haben. Denn als Du es am Morgen des folgenden Tages einschaltest und entsperren willst, informiert Dich grelles, neongelbes Schriftwerk auf blauem Grund, man müsse Deinen Smartphone-Browser blockieren. Du habest Dich schwerer Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz, gegen Persönlichkeitsrechte von Dritten sowie gegen Sitte, Moral und Anstand schuldig gemacht. Nur nach sofortiger Überweisung des Betrags von 1000.- Euro auf ein bestimmtes Konto werde Dein Browser baldmöglichst wieder freigegeben. Du verbringst quälende Stunden in einer Servicestelle für Handyprobleme am anderen Ende der Stadt, wo Dein Smartphone komplett zurückgesetzt und rebootet wird. Sehr viele Bilder, Chats, Memos und Kontaktdaten gehen dabei unrettbar verloren. Allein Deine Whatsapp-Dialoge mit O. lassen sich fast vollständig wieder herstellen. Ein kleines Wunder. Jedoch. Der Schock sitzt tief.

O. gegenüber erwähnst Du nichts von der Malware-Attacke auf Dein Handy. Am Ende des nervraubenden Tages bist Du einfach nur froh, wieder für ihn erreichbar, mit ihm in Verbindung zu sein. Denn das ist nach wie vor das Wichtigste für Dich. Immer und überall verfügbar zu sein für seine spontanen Ideen. Die Dir noch immer so herrlich abgefahren, so wunderbar verrückt erscheinen. Wie an einer unsichtbaren, pulsierenden Nabelschnur hängst Du an dem Kontakt, besser gesagt an der MÖGLICHKEIT des Kontakts zu ihm. Dass er Dir schreiben KÖNNTE. Zu jeder Zeit, tagsüber oder nachts. Dich auffordern KÖNNTE zu einem Abenteuer, einem Whatsapp-Nervenkrieg, einem erotischen Spiel. Und Dich damit herausreißen WÜRDE aus der gefühlten Lethargie Deines Alltags. Das ist Dein Alpha und Omega an jedem neuen Tag. Deshalb, und aus vielen anderen Gründen erfährt O. nichts von dem Stress, den Du seinetwegen hattest. Doch, seltsam: seit jenem Vorfall schickt O. Dir nie wieder dubiose Pornovideos aufs Handy.

Die närrischen Tage der Karnevalszeit fühlen sich im Jahr 2016 für Dich an wie ihr genaues Gegenteil. Verfroren, einsam und nachdenklich, wie an den Totenfeiertagen im November, so sitzst Du in der Nacht zwischen Rosenmontag und Faschingsdienstag im Wohnzimmer beim Kaminofenfeuer. In bleierner Stille,  denn Dein Mann und Dein Sohn sind zum Skifahren verreist. Und O., dessentwegen Du zu Hause bliebst, O. schreibt Dir nicht. Obwohl er wissen müsste, dass Du darauf wartest und Dir Sorgen um ihn machst. Dass die bevorstehende OP von seiner Freundin ihre Schatten bedrohlich vorauswirft, ist für Dich mit Händen fast zu greifen, während Du auf dem Sofa gekauert ins Dunkle starrst. Aber. Warum O. Dir nicht ein Minimum an Information über seine Lage geben kann, verstehst Du trotzdem nicht. In Dein Mitgefühl für ihn und seine Freundin mischt sich Wut, während Du zum Handy greifst und schreibst: „Ich bin hier und denke an Dich. Schade dass ich gar nichts von Dir höre! Gute Nacht!“

Äonen des Wartens vergehen. Quälend. Still. Leer. Aus dem Karneval wird die Fastenperiode. Aus Aschermittwoch wird Ascherdonnerstag wird ein grauer, deprimierender Freitag und ein Samstag voller Sinnlosigkeit und Angst. Dann endlich, am ersten Sonntag der Passionszeit meldet O. sich wieder. Und zwar in Form einer Sprachnachricht, die Dich außerordentlich aufwühlt und bewegt. „Hey Baby!“ hörst Du ihn mit brüchiger Stimme sagen, während das Smartphone in Deiner Hand zittert. „Mit der Lolo ihrem Krebs hats wieder jede Menge Stress gegeben. Und mit ihrer Familie auch! Ihre Schwester versucht uns zu schaden wo sie nur kann. Ich zieh mir dann oft so eine Art innere Decke über den Kopf und bin für niemanden zu sprechen. Aber ich find es schön dass du mir noch immer schreibst und diese geilen Bilder für mich machst. Wenn das Schlimmste hier vorbei ist komm ich wieder zu dir. Bitte hab noch Geduld und machs dir ab und zu selber. Ich entschädige dich dann, ok?“ – „Ok“ hauchst Du ins Handy und weinst.

Erschüttert, ohne genau zu wissen wovon. Verstört und belastet von Vorgängen, die Du vielleicht schemenhaft erahnen, jedoch keineswegs voll überblicken kannst. Tief involviert in eine Tragödie, die nicht die Deinige ist und deren Hauptakteure Du nicht kennst. Täglich auf unbegründbare Weise ein klein wenig mehr verzweifelt und bedrückt. So verbringst Du die diffus dahintreibende Zeit vor dem 24.2.2016. Dem Tag, der für die Freundin von O. die entscheidende Befreiung aus ihrem Krebs-Drama mit sich bringen soll. Dies allerdings zu einem sehr hohen Preis: dem Verlust ihrer linken Brust. Der Opferung eines wichtigen Attributs ihrer Weiblichkeit. Ziel der sechsmonatigen Chemotherapie war es eigentlich gewesen, eine brusterhaltende OP zu ermöglichen. Jedoch. Diese Hoffnung habe sich zerschlagen, teilte O. in seiner Sprachnachricht mit. „Die Lolo ist total am Boden, denn sie hat bald nur noch nen halben Busen“ sagte er. Und dieses Schiksal lässt Dich keineswegs kalt.

Am Tag der OP erscheint alles versteinert, leblos und kalt. Du erwachst gegen 6h morgens mit dem Gefühl einer Zentnerlast auf der Brust, gräbst unter der Decke nach Deinem Handy, klickst Dich zu Deinen Chats mit O. und tippst mit verkaterten Augen: „Guten Morgen! Alles alles Gute! Ich denke so sehr an Euch!!!“ O. antwortet nicht. Ab 8h verbringst Du die lastend dahinschleichenden Stunden mit Aufräumarbeiten im Haus, das Handy stets im Blick. Von Zeit zu Zeit kannst Du nicht anders, Du musst es entsperren und in O.s Chatfenster starren, als könntest Du dadurch erfahren wie es ihm geht. Aber Du siehst nur, dass er permanent online ist. Kommst Dir deplatziert vor, in Deiner Küchenschürze, daheim. Und schämst Dich gleichzeitig für diese Gefühle, die so unangemessen sind angesichts des Leids einer anderen Person. Gegen Abend reisst die Hochnebeldecke auf und einige Sonnenstrahlen brechen aus dem Himmel hervor. Du atmest auf. Die Krise des Tages, sie scheint vorbei.

In den Morgenstunden des 25. Februar 2016 wagst Du es, O. anzuschreiben. „Guten Morgen! Wie war denn die Nacht?“ tippst Du um 5.22h, nachdem Du aus Deinem Bett gekrochen und ins Wohnzimmer geschlichen bist, wo Du Dich auf der Couch zusammenkauerst. „Guten Morgen!“ antwortet O. nach drei Minuten. „War gestern den ganzen Tag im Krankenhaus! Und ich hab wieder so gut wie nicht geschlafen“ – „Oh das tut mir so leid!“ schreibst Du. „Ich habe dauernd an Dich gedacht!!!“  – „Lieb von dir“ antwortet O. „Bitte sag mir einfach wenn ich irgendwas machen kann was Dir hilft!“ schreibst Du. „Du weißt doch was du machen kannst!“ textet O. „Bilder?“ fragst Du. „Auch!!!“ schreibt O. „Und???“ – „Heute Abend kommen?“ tippst Du ungläubig. „Ja!!!“ antwortet O. „Aber für ne härtere Nummer!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann bereite ich mich vor“. Fassungslos. Überwältigt. Auf perverse Art glücklich. „Danke!“ schreibt O. „Ich bin so froh dass ich dich habe!“ – „Das hast du auf jeden Fall!“ antwortest Du.

Abwesend. Wie in Watte gepackt. Seltsam entrückt. So durchlebst Du die Stunden nach diesem Chat. Einerseits dankbar und stark davon berührt, dass O. in der aktuellen Situation Halt sucht bei DIR. Und nicht bei jemand anderem. Du hattest nicht geglaubt, so wichtig zu sein für ihn. Andererseits zutiefst verstört, auf welchem Weg O. versucht, Abstand zu den Geschehnissen im Krankenhaus herzustellen. Nicht durch Gespräche oder Umarmungen. Nicht durch Zuhören oder Reden. Nicht durch Pizza bestellen oder Essen gehen. Sondern mit hartem, intensivem Sex. Dem einzigen Mittel, das er wirklich kennt. Mit der Demütigung und Misshandlung einer Frau. Mit der Übertragung seiner eigenen Aufgewühltheit, seiner eigenen Ängste, seiner eigenen Schmerzen auf eine andere Person: Dich. Dich, die alles mitmacht. Dich, die niemals protestiert. Dich, die moralische Bedenken unter den Teppich kehrt. Weil sie O.s Funktionieren verstanden hat und ihn bedingungslos liebt. Dich, O.s perfekte codependente Frau.

25.2.2016, 18h. Du sitzst am Küchentisch und rührst in Deiner Teetasse. Angespannt. Unruhig. Nervös. O. hat sich den ganzen Tag über nicht mehr bei Dir gemeldet. Sorgenvoll nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Ich könnte nachher gegen 19h bei Dir sein. Ist Dir das recht?“ O. antwortet zum Glück sehr schnell. „Glaub nicht“ schreibt er und Du fühlst einen Zustand von extremer Verletzlichkeit und Fragilität durch das Handy zu Dir dringen. „Ok“ antwortest Du. „Du willst lieber Deine Ruhe haben, hm?“ – „Glaub ja“ antwortet O. „Das verstehe ich!“ schreibst Du. Lehnst Dich zurück. Fühlst wie die Aufregung von Dir weicht. Beginnst, in Deinem Kopf nach Worten zu suchen, die O. spürbar vermitteln könnten, dass Du an seiner Seite bist, in dieser extremen, belasteten Situation. Da piept Dein Handy erneut. Als Du es entsperrst, siehst Du, dass O. Dir ein Bild geschickt hat. Und zwar: ein absolut grauenvolles, unerträglich schmerzhaftes Bild. Es lässt Dir sofort das Blut in den Adern gefrieren.

Du siehst: die frontal aufgenommene Handyfotografie einer massigen, kahlköpfigen, jeglicher Weiblichkeit beraubten Frau. Erschöpft, mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund liegt sie auf einem schräghoch gestellten Klinikbett. Ihr Teint ist gelblich fahl, die Augenlider dunkelblau umschattet. Ein durchsichtiger Inhalationsschlauch klemmt unter ihrer Nase, die aufgedunsene linke Hand ruht auf einem automatischen Notrufknopf, die aus dem OP-Hemd ragende Schulter ist noch mit bräunlichem Desinfektionsmittel verschmiert. Die ganze Szenerie atmet Krankenhausluft, Krankenhauspanik, Krankenhausstress. „Oh mein Gott. Sie tut mir so leid!!!“ schreibst Du, nachdem Du es einigermaßen erfaßt hast.  „Ich glaube darum kann ich grad nicht!“ antwortet O. „Sie tut mir halt zu leid“ – „Ist das Bild von heute?“ fragst Du. „Gestern“ antwortet O. „Aber heute geht es ihr eher schlechter als gestern. Bitte versuche zu verstehen dass ich heute nicht ficken kann. Wenn es ihr besser geht komme ich zu dir!“ – „Natürlich!“ schreibst Du. „Ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!“ antwortet O.

 

Vêtements

Natürlich kommt am 8. Januar 2016 kein O. zu Dir zu Besuch, um sich in irgendeiner Weise von Dir glücklich machen zu lassen. Und den ganzen restlichen Monat hindurch auch nicht. Ebensowenig im Februar. Du verbringst die gesamte Hochwinterzeit allein. Allein mit dem Selfiestick. Allein mit den Leggings aus schwarz schimmerndem Lederimitat. Allein mit einem Paar signalroter Plateauheels, die Du im Online-Schuhandel noch bestellst. Und allein mit den vielen Fragen, Sorgen und Ungewissheiten, die sich Dir stellen im Bezug auf O. Wie krank ist seine Freundin wirklich? Deine Fantasien schwanken, während Du Tag für Tag in der Stille Deines Schlafzimmers auf dem Bett kniest und die Leggings immer wieder neu fotografierst. Mal glaubst Du, O. bereits an Lolos Sterbebett wachen zu sehen, von Infusionsschläuchen umgeben, totenbleich. Dann wieder befallen Dich Zweifel, ob die behauptete Krebserkrankung tatsächlich existiert. So flüchtig und ungreifbar ist alles, was O. dazu schreibt.

Dass O. unter erheblichen Belastungen steht, kannst Du nur indirekt, am Rande, durch Rückschlüsse erahnen. Erzählt wird Dir nichts. Aber am 11. Januar 2016 zeigt O. sich ungewöhnlich erschüttert vom Tode David Bowies. Dessen Gepflogenheit, zwischen verschiedenen Kunstfiguren und Alter Egos zu changieren, scheint DAS Role Model gewesen zu sein für O. Und eine Welt ohne das schillernde Chamäleon des Pop dunkel und leer. „David Bowie ist tod!!! I will miss him forever!“ schreibt er in seinen Whatsapp-Status. Dann verfällt er für zwei Tage in Schweigen. „Tut mir leid!!!“ antwortet er, als Du ihn am 14.1. zur Mittagszeit schüchtern kontaktierst. „Mir geht’s ziemlich schlecht. Hab starke Tabletten genommen und bin dadurch ziemlich weggetreten!!!“ – „Werd schnell wieder gesund mein Prinz!!!“ schreibst Du. Ohne nachzufragen, welche Medikamente zur Heilung welchen Leidens zum Einsatz kamen. Aber Du bist sicher: für den Fall einer seelischen Irritation werden Bedarfspsychopharmaka gehortet,  im Hause O. …

Einige Tage später sprüht O. wieder vor Energie und Tatendrang. „Babe“ schreibt er am 18.1. kurz vor 16 Uhr. „Ich sortiere gerade Jeans und Pullover bei mir aus!!! Kannst du oder dein Sohn was davon gebrauchen?“ – „Ja! Oh ja!“ antwortest Du, während tausend Erinnerungen an O.s luxuriöse Marken-Outfits Dein emotionales Gedächtnis fluten. „Ich fand alles was ich bisher an Dir gesehen habe wunderschön! Die Farben, der Look, das Material, alles! Ich wäre glücklich etwas davon hier bei mir zu haben!“ – „Meine Sachen sind gar nicht so besonders!!!“ schreibt O. „Aber es ist eine schwarze Strickjacke dabei die vielleicht was für dich wäre!!! Und wenns nur für Fotos und zum Ficken anziehen ist!!!“ – „Ich werde sie lieben!“ antwortest Du. „Dann bring ich dir die Sachen diese Woche noch vorbei!!!!“ schreibt O. „Danke!“ antwortest Du tief beseelt. Jedoch. Etwas in Deinem Inneren hält Dich davon ab, Dich allzusehr zu freuen. Und richtig. Am 21. 1., dem Tag an dem er Dich eigentlich besuchen wollte, schreibt O.:

„Braucht Dein Sohn wirklich Klamotten von mir? Kumpel fährt nach Polen in ein kleines armes Dorf und verteilt dort Sachen!!! Ich würde ne Strickjacke für dich zum Fotografieren aufheben!!! Kann ich ihm die Sachen mitgeben oder willst du was für deinen Sohn? Gute schwarze Schuhe heb ich auch noch für dich auf ok?“ – „Natürlich, Liebster. Mach es so wie Du es für richtig hältst!“ antwortest Du tapfer, während unangenehme, beschämende Gefühle sich in Deinem Inneren ausbreiten. Enttäuschung. Eifersucht. Das Empfinden um etwas gebracht, betrogen worden zu sein. „Bitte heb mir was auf. BITTE!!!“ schiebst Du verzweifelt hinterher. „Ich möchte mich so gern in ein Hemd oder einen Pulli von Dir kuscheln!“ – „Du bekommst was!“ antwortet O. nach ein paar Minuten. Gnädig. Huldvoll. Fühlbar berauscht von der Macht, die er über Dich hat. „Ich gebe dir ein weisses Anzug Hemd!!! Das ist bisschen länger und vom Stoff her feiner!!! Das sieht sicher super sexy an dir aus, ok?“ – „Oh Mann! Danke!“ antwortest Du. 

Am 26. 1. 2016 endet die Chemotherapie von O.s Freundin. Was Du nur deshalb erfährst, weil Dich am Abend dieses sehr nasskalten und leeren Tages eine besonders aufwühlende Melange aus Verlorenheit, Sehnsucht und Zukunftsangst umtreibt. So dass Du schließlich Dein Handy nimmst und schreibst: „Heute war für mich ein schwieriger Tag. Ich denke dauernd an Dich und hoffe so sehr dass die Chemo-Zeit jetzt bald rum ist. Es kommt mir brutal lang vor, ehrlich gesagt.“ – „Ich will dass Du eines weisst, für immer“ schiebst Du nach einer Weile, gebeutelt von Melodrama und Pathos hinterher. „Dich getroffen zu haben, O., war neben der Geburt meines Sohnes das wichtigste, prägendste Ereignis meines Lebens. Ich kann mir mein Leben ohne Dich nicht mehr vorstellen und ich liebe Dich. Und das wird immer so sein, egal was passiert.“ – „Heute war die letzte Chemo“ antwortet O. nach zwei Minuten. „Das freut mich!“ textest Du. „Ich wünsch Dir dass es nur noch aufwärts geht jetzt!“ O. schreibt nicht mehr zurück. 

Tags darauf holst Du eine schwarze Netzstrumpfhose, die Du vor längerer Zeit gekauft hast, aus der Mille-Fleur-Schachtel in Deinem Schrank. Stellst fest, dass Du sie Dir bis auf Achselhöhe über Deine Brust ziehen kannst. Machst Dir ein schwarzes Samthalsband um. Schlüpfst in die Leggings und die schwarzen Peeptoes mit Jetperlen am Rand. Kniest Dich aufs Bett und fotografierst Dich selbst mit ernstem, besorgtem, suchenden Blick. „Welch geiles Nuttenoutfit!!!“ schreibt O. begeistert, als Du ihm gegen 16h ein paar von den Bildern schickst. „Du hast ein unglaubliches Händchen für erotische Kleidung!!! Egal was du anziehst, es schaut immer super sexy an dir aus!!! Ich bin schon so gespannt wie mein weisses Hemd dir passen wird!!! Welche Schuhe willst du denn eigentlich dazu tragen?“ – „Entweder die schwarzen Peeptoes oder die roten“ antwortest Du. „Diejenigen die DIR lieber sind“ – „Dann fotografiere bitte nochmal die roten Schuhe für mich!!!“ schreibt O. „Damit ich eine Entscheidung treffen kann!“

Das Schreiben über stimulierende Kleidung. Über Strümpfe. Catsuits. Schuhe. Über getragene Herrenhemden. Zerrissene Jeans. Und wieder über Schuhe. Deren Farben. Und darüber, wie es alles zueinander passt. Wie es sich trägt und anfühlt bei Körperkontakt. Ob es zerreißbar ist oder aufgeschnitten werden muss, falls O. Deine darunter entblößten Brüste ertasten oder im Schritt einer Feinstrumpfhose oder Legging in Dich eindringen will. Kurz: die Fetischisierung Deines Körpers auf vielen, vielen Bildern. Das Entstehen eines immer subtileren Codes für die flackernden Gefühle zwischen Dir und O. Die Erschaffung einer Parallelwelt zu dem sinistren Raum der Eure Beziehung ohnehin längst ist. In hunderten von Chats. Dies alles wird Anfang des Jahres 2016 zum immer dichteren Netz unter den verbalen Drahtseilakten, die Du zusammen mit O. oder für ihn via Smartphone vollführst. Wenn es nichts mehr zu texten gibt. Wenn O. zu verschwinden, wegzugleiten droht. So kannst Du immer noch schreiben über Highheels und schrittoffene Slips.

Indessen treibt der Überlebenskampf von O.s Freundin gegen den Krebs in ihrer Brust einem weiteren dramatischen Höhepunkt entgegen. Am 24. 2.2016 ist eine umfassende OP geplant. Und O. hat natürlich ganz eigene Vorstellungen von dieser Zeit. „Du könntest zu mir kommen an den Tagen wenn sie im Krankenhaus ist!“ schreibt er eines Abends Anfang Februar. „Oder nachts!!! Du müsstest Anziehsachen mitbringen!!! Dann kann ich mich mal richtig an dir aufgeilen!!! Dich festbinden … und dann wieder rausschmeissen!!! Auf das freue ich mich total!!!“ – „Ok. Wir könnten aber auch einfach nur reden und uns sehen“ bringst Du schüchtern vor. „Wenn ich dich sehe will ich dich auch ficken!!!“ antwortet O. „Und dir weh tun!!!! Das weisst du genau! Ich habe es dir tausendmal geschrieben!!! Und jetzt ist es endlich soweit!!!“ O.s hyperbolische Sprache verfehlt auch diesmal nicht ihre Wirkung auf Dich. „Ok“ antwortest Du. Und siehst, dass ein sehr, sehr bleicher, krankhaft fahler Mond aufgegangen ist über den Häusern Deiner Stadt …

 

The Starry, Starry Nights

Mit dem Verklingen der festlichen Lieder am Ende der Weihnachtsfeiertage 2015 ist O. plötzlich wieder ANDERS. Nicht mehr eingemauert, unerreichbar und kalt so wie in den finsteren Stunden des Advent. Sondern offen und voller Berührbarkeit. Jedenfalls kommt es Dir so vor, als Du am 26.12. um 9h Dein Handy einschaltest und siehst, dass O. Dir um 5.34h schrieb. „Guten Morgen mein süßer Schatz!!!“ textete er. „Ich habe sehr starke Sehnsucht nach dir und bin sehr froh wenn wir uns wiedersehen!!!“ – „Oh Liebster!!! Es geht mir ganz genauso!!!“ schreibst Du dankbar zurück und eilst ins Badezimmer um Bilder von Deiner nackten Brust zu machen. „Ich bin so froh wenn die Ferien vorbei sind und ich Dir endlich wieder richtig dienen kann!“ Dass Du in diesem Moment Deinen Mann, Deinen Sohn und grosse Teile Deiner eigenen inneren Wertordnung verrätst, stört Dich nicht. Ebensowenig wie die Tatsache, dass O. Dir nichts erwidert. Das Glücksversprechen seiner Worte trägt Dich durch den ganzen langen Wintertag.

In der folgenden Nacht hält ein nahezu kristallin scheinender Sternenhimmel Dich davon ab, schlafen zu gehen. Stunde um Stunde bleibst Du im Wohnzimmer sitzen, hütest das Kaminofenfeuer und verlierst Dich im Anblick der glitzernden Asteroiden am mondhellen Firmament über Deinem Haus. Um 3.32h nimmst Du schließlich Dein Handy, öffnest Deine Chats mit O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich bin gerade wach und denke an Dich. Es sind wunder- wunderschöne sternklare Vollmondnächte im Moment und ich würde mich so gerne mit Dir treffen!“ – „Ich weiss dass es nicht geht“ fügst Du nach einer kleinen Pause hinzu. „Aber Du sollst wissen dass ich es mir wünsche!“ Dann kuschelst Du Dich unter der Patchworkdecke auf der Couch zurecht. Gerade als Du dabei bist, Dich doch noch in einen leichten Dämmerzustand gleiten zu lassen, vibriert das leise gestellte Smartphone in Deiner Hand. „Guten Morgen Babe!“ schreibt O. „Weisst du wie du mich glücklich machen könntest?“ – „Wie denn?“ fragst Du erwartungsvoll.

„Du könntest dir im Internet eine enge Leggings aus schwarzem Lederimitatstoff bestellen!!!“ schreibt O.  „Eine die glänzt und schimmert!!! Am Besten gleich mehrere denn ich werde sie dir dann im Schritt aufschneiden!!! Würdest du das für mich tun?“ – „Na klar“ antwortest Du. „Ich mach mir nur Sorgen dass die dann gar nicht so toll an mir ausschaut!“ – „Babe, sie wird absolut perfekt an dir aussehen!“ schreibt O. „Du hast nen hammergeilen Körper und ich kann es kaum erwarten Sie an dir zu sehen!!!“ – „Dann mache ich das nachher“ antwortest Du. „Und sobald sie hier ist schreib ich es Dir und versuche auch Bilder zu machen, ok?“ – „Babe ich liebe dich!!!“ textet O. voller Leidenschaft. „Bitte bestelle sie!!! Ich gebe dir auch ganz sicher das Geld dafür!!! Wenn du willst dann gleich morgen!!!“ – „So eilig ist es jetzt nicht“ antwortest Du. „Dann gebe ich es dir gleich nach den Ferien!!!“ schreibt O. Eifrig. Voller Überschwang. „Ich bin gerade sehr glücklich!!! Davon träume ich schon  seit ewigen Zeiten!!! Danke!!!“

„Süsser!“ schreibst Du. „Ich wusste ja gar nicht dass Du da so drauf stehst! Ich dachte immer Catsuits sind das Heisseste für Dich!“ – „Mir hat das schon immer sehr gut gefallen – enge Hose und Highheels!!!“ antwortet O.  „Catsuits und Strümpfe bleiben natürlich meine Lieblingssachen!!!! Ich habe aber auch das mit dem Jeans-Aufreissen bei dir extrem geil gefunden!!! Es ist einfach unbeschreiblich für mich dass ich nun alle meine Wünsche von dir erfüllt bekomme!!!“ – „Ich liebe es Sachen für Dich anzuziehen und Bilder davon zu machen und zu hoffen dass es Dir gefällt!“ antwortest Du. „Jedes Bild von dir gefällt mir!!!“ fabuliert O. „Du bist wunderschön und unbeschreiblich erotisch!!! Noch nie hat eine Frau mich so erregt und glücklich gemacht wie du!!! Ich würde dir sehr gerne wieder was schenken. Hast du einen Wunsch? Dann gebe ich dir das Geld dafür!!!“ Du überlegst. Draußen scheint ein Schwarm flimmernder Sternschnuppen über den Nachthimmel zu gleiten. „Mein größtes Geschenk ist dass es Dich gibt“ antwortest Du dann.

Nachdem Euer Chat beendet und die arktische Sternennacht einem trüben Altjahresmorgen gewichen ist, begleitet ein Gefühl der Benommenheit Dich durch den ganzen restlichen Tag. O.s überbordende Begeisterung für Dich und alles was Du tust, kam genauso unvermutet und abrupt wie sein kaltes Schweigen in der Zeit davor. Und hinterlässt in Dir deshalb vor allem: Schock. Verwirrung. Unsicherheit. Und Angst, die neu erworbene Zuneigung gleich wieder zu verlieren. Deshalb wendest Du besonders viel Sorgfalt auf, die Online-Shops im Internet mit Deinem Smartphone nach schwarz glänzenden Leggings zu durchstöbern. Du suchst und sichtest. Wischst und zoomst. Bemühst Dich, Stoffbeschaffenheiten und Texturen zu erkennen. Bis Deine Augen schmerzen. Gelangst endlich, als es draußen bereits dunkelt, zu einer Kaufentscheidung. Schließt den elektronischen Bestellvorgang ab. Atmest auf. Hältst inne. Informierst O. Glücklich. Stolz. „Leggings geordert!“ Jedoch. Leider. O. antwortet nicht. O. schweigt.

Erst spätnachmittags am 30.12.2015 hörst Du wieder von O. „Ich liebe dich. Schick mir Bilder!!!“ schreibt er während Du gerade mit Deinem Mann und Deinem Sohn bei Tee und Lebkuchen zusammen in der Küche sitzst. „Ich konnte keine neuen machen!“ tippst Du mit dem Handy unter dem Tisch. „Dann schick mir alte!!!!“ schreibt O. „Irgendwelche!!! Ich brauche das jetzt!!!“ – „War heute Chemo?“ fragst Du ahnend. „Ja!!!“ antwortet O. „Und der Lolo geht’s schon wieder so schlecht dass sie morgen ne Bluttransfusion bekommt!!!“ – „Oh nein!“ schreibst Du, bemüht, Deine Bestürzung vor Deinem Mann und Deinem Sohn zu verbergen. „Ist super scheisse!“ schreibt O. „Und jetzt schick mir endlich Fotos. Ich will gleich noch wichsen und sie mir dabei anschauen!!!!“ Du zögerst. Denn Du würdest O. so gern auf andere Art helfen. Aber Du weisst dass das nicht geht. Also tust Du was er verlangt. Schickst Bilder von Deinem Körper in der zerrissenen Jeans. „Danke!!! Du bist einfach megageil!!!!“ schreibt O. nachdem er sie bekommen hat.

Am 2. Januar 2016 kommen die von O. so sehr ersehnten Leggings mit der Post bei Dir zu Hause an. Und O. ist vollkommen elektrisiert, als er erfährt, dass Du das Paket erfolgreich abgefangen hast. „Babe!!!“ schreibt er und hängt seiner Nachricht vier flehende Whatsapp-Hände an, „BITTE pack sie aus und zieh sie an!!! – „Ich bin nicht allein zu Hause!“ antwortest Du. „Bitte versuche es trotzdem!!!“ schreibt O. „Ich muss dich unbedingt in dieser Hose sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du, eilst ins Schlafzimmer, holst die schwarzen Peeptoes aus ihrem Versteck, hastest ins Badezimmer, sperrst Dich ein, zerrst Dir die Alltagskleider vom Körper, schneidest das Päckchen mit der Nagelschere auf, reisst die Leggings heraus, schlüpfst hinein, steigst in die Highheels, nimmst das Smartphone und machst Bilder, Bilder, Bilder für O. Rittlings auf dem Rand der Badewanne sitzend. In Hockstellung auf dem dunklen Fliesenboden. Lasziv an die Duschkabine gelehnt. Bis Dein Sohn an die Tür klopft und fragt ob alles ok ist im Bad …

„Ja, mein Zarewitsch!!!“ flötest Du nach draußen. Dann nimmst Du Dein Smartphone und schreibst: „Ich hab die Leggings jetzt fotografiert! Ich schick die Bilder, ok?“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Ich möchte dich das erste Mal live in den Sachen sehen!!! KEIN Foto jetzt!!!“ – „Aber es war Dir doch so wichtig!!“ protestierst Du fassungslos während alle Energie aus Deinem Körper weicht. „Das war ein Test!!!“ antwortet O. Kalt. Unerbittlich. Vollkommen kontrolliert. „Ich wollte wissen ob du mir noch gehorchst!!!“ – “ Und? Weisst Du es jetzt??“ schreibst Du. „Ja Babe!“ antwortet O. „Wann sind die Ferien vorbei?“ – „Am 8. Januar bin ich wieder alleine hier“ schreibst Du. „Dann komme ich am 8. Januar zu dir!!“ antwortet O. „Gegen 9 Uhr. Würdest du dich dann bitte im Gesicht stark schminken? Mit richtig viel rotem Lippenstift?“ – „Ja ok“ schreibst Du und starrst vor Dich hin. Resigniert. Traurig. Leer. Weil Du plötzlich weisst: Egal, was passiert. Egal, was Du tust. SO werden O.s Spiele mit Dir immer weiter gehen …

Zum Ende der Weihnachtszeit, vom 5. auf den 6. Januar 2016 ereignet sich nochmals eine spektakulär fluoreszierende Winternacht. So erleuchtet, so lukulent, dass man fast glauben könnte, das sagenumwobene Nordlicht zu sehen. Wieder bleibst Du lange wach und beobachtest bizarr geformte Wolkenfelder, die mit rasender Geschwindigkeit über den funkelnden Sternenhimmel treiben. Und tatsächlich schreibt O. Dich in der Morgenfrühe, kurz vor Helligkeitsbeginn an. „Guten Morgen meine Mega sexy Lady!!!“ textet er. „Ich wünsche dir einen wunderschönen Feiertag!!! Ich denke die letzten Tage sehr sehr viel an dich!!! Meine Sehnsucht nach dir wird immer unerträglicher!!! Ich liebe dich!!!“ – „Oh Süsser! Es geht mir ganz genauso!“ schreibst Du beglückt zurück. „Ich freue mich schon so sehr darauf Dir endlich die schwarzen Leggings zu zeigen!“ – „Ich kann es jetzt wirklich kaum mehr erwarten dich darin zu sehen!!!“ antwortet O. „Und ich muss dir ehrlich gestehen dass ich Riesenlust darauf habe dich dann etwas härter ranzunehmen!!!“

„Wow!!“ antwortest Du. „Ich sehne mich so danach Dich zu spüren!“ – „Babe“ textet O. schwelgerisch, „es wird geradezu unglaublich werden wenn du in Highheels und Leggings vor mir stehst!!! Es wird mich wegtragen!!!“ Du antwortest nicht gleich. „Erstmal werde ich dich zärtlich küssen!!!“ schwärmt O. weiter. „Und dann werde ich in die Leggings mit meinem Taschenmesser einen kleinen Schlitz reinmachen bevor ich sie dann aufreisse!!! Das wird der absolute Wahnsinn für mich!!!“ – „Für mich auch!“ antwortest Du. „Babe“, schreibt O. wieder, „ich halte es nicht mehr aus!!! Schick mir bitte sofort die Bilder die du von der Leggings gemacht hast. Ich brauche das jetzt!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Dann klickst Du Dich gehorsam in die Galerie von Deinem Smartphone, wählst 22 Bilder aus und sendest sie. „Ursula ich liebe dich!!!“ schreibt O. nach einer kleinen Weile zurück. „Ich hatte nie eine unglaublichere Frau als dich!!! Übermorgen kannst du mich glücklich machen!!!“ – „Das werde ich mein Gebieter!!!“ antwortest Du ….

That Bittersmart Advent Tide

27.11.2015. Nachdem O. gegangen ist, stellst Du Dich vor den grossen, goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses und betrachtest die derangierte, fremde Frau, die Du darin erblickst: Unter die Räder gekommen. Bedauernswert. Verstört. So siehst Du aus, in Deinem zerknüllten weissen Pulli und den Trümmern Deiner an Dir herabhängenden Jeans. Es dauert lang, bis Du Dich von diesem Anblick lösen kannst. Dann kauerst Du Dich auf den Gabeh-Teppich und legst den Nasch-Kalender, den Du von O. bekamst, auf Deine Knie. Vertiefst Dich in das Bild des Großstadt-Engels auf der Vorderseite. Zeichnest die Konturen seiner hellgelben Flügel mit den Fingerspitzen nach. Und die der langen Haarsträhnen, die sein Gesicht verhüllen. Als Du damit fertig bist, drehst Du den Kalender um und beschäftigst Dich mit den Namen der in ihm enthaltenen Schokoladenkreationen. Es sind Namen voller Exotik und Verheissung wie Chashewpfeffer und Chai. Voller Suchtpotential wie Guarana. Voll Wehmut wie Bittersmart. Eben einfach: wie O.

Dass O.s facettenreiches Geschenk einen hohen Preis von Dir fordern wird, ahnst Du zu diesem Zeitpunkt nicht. Du bist einfach nur auf kaputte, tief erschöpfte Weise glücklich. Nimmst Dein Smartphone. Machst ein paar Bilder vom Aussenkarton des Adventskalenders. Und von dem, was O. von Deiner einstigen Lieblingsjeans an Deinem Körper übrig liess. Dann kriechst Du auf allen Vieren zum Sofa und nimmst Dir die gehäkelte Patchworkdecke, die dort liegt. Ein Relikt aus der Zeit Deines Lebens vor O. Ein Stück heile Welt. Bunt. Warm. Akkurat zusammengefaltet. Angefertigt von Deiner Oma, als sie schon sehr alt und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, Filethäkelei aber immer noch perfekt beherrschte. Du kuschelst Dich hinein und rollst Dich, so wie Du bist, auf dem Gabeh-Teppich zusammen. Fühlst, wie der Schockzustand, der von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieb, allmählich abklingt. Bist dankbar für die Wurzeln, die Ressourcen, die das Leben Dir gab. Die O. leider nicht hat. Schläfst ein.

Du lässt zwei Tage vergehen. Verbringst viel Zeit mit Deinem Sohn, der am Klavier die Chorstücke des Weihnachtsoratoriums von Bach einübt. Für einen wichtigen Auftritt in einem der großen Konzertsäle Eurer Stadt. Während Du ihm zuhörst, bemerkst Du, dass er sich verändert hat, in den drei Monaten Deines Wartens auf die Begegnung mit O. Größer und ernsthafter ist er geworden, weniger kindlich. Du bist stolz auf ihn. Und schämst Dich gleichzeitig, ihn so wenig beachtet zu haben in letzter Zeit. Du nimmst Dir vor, das zu ändern. Aber am 29.11.2015, dem Abend des ersten Sonntags im Advent, überfällt Dich eine Art innerer Zwang. Du scrollst durch die Galerie Deines Handys. Und lädst schließlich eine Deiner Fotografien von O.s Engelskalender als neues Profilbild auf Whatsapp hoch. Es sieht magisch und cool aus. Einigen Deiner Freunde fällt es sofort auf. Von O. selbst hörst Du allerdings nichts. Daraufhin stürzt, mit Einbruch der Nacht, Deine mühsam gewonnene Stabilität in sich zusammen.

Um 21.03h empfindest Du die Situtation als unerträglich. Und tust das, was Du eigentlich keinesfalls machen wolltest: Du nimmst Dein Handy, klickst Dich in Deine Chats mit O., der zum Glück nicht online ist und schreibst: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent! Dein Adventskalender bedeutet mir sehr viel, wie Du an dem geänderten Profilbild sehen kannst. Ich stehe noch völlig unter dem Eindruck der Begegnung mit Dir. Ich bin unglaublich davon beeindruckt, wie losgelöst, fast heiter Du Dich der Situtation  mit Deiner Freundin stellst. Es hat mich sehr bewegt und auch beschämt. Meine Bilder kommen  mir so banal und unpassend vor! Aber ich bin gerne weiterhin Deine heimliche Geliebte die für ein klein wenig Abwechslung sorgt wenn Du das möchtest. Danke nochmal für alles. Danke dass Du da warst. Die 100.- Euro hab ich auf die Seite getan. Ich will mir irgendwann mal was ganz Schönes dafür kaufen was mich an Dich erinnert. Im Moment habe ich aber keinen Plan was es sein könnte. Kuss! U.“

Der Abend vergeht mit lastendem Schweigen. Du wagst nicht mehr nachzusehen, ob O. Deine Nachrichten abruft. Bedrückt und einsam, ohne noch einmal aufs Handy zu schauen, gehst Du zu Bett. Erst am nächsten Morgen stellst Du fest, dass O. Dir tief in der Nacht geantwortet hat. „Guten Morgen!“ schrieb er um 3.59h. „Das ist ja lieb das du den Kalender als neues Profilfoto hast! Mir hat es auch gut getan dich am Freitag zu sehen!!! Und es war super geil dich in den Schuhen zu sehen!!! Und vor allem das du mir mein Arschloch geleckt hast!!! Kuss“ – „Was könnte es Schöneres geben als das nach so langer Zeit mal wieder zu machen ?“ schreibst Du ergriffen zurück. „Nichts!!!“ Dann suchst Du in Deinem Handy nach bisher unversendeten Bildern von den schwarzen Schuhen. Findest zwei, auf denen Deine Beine in hellbeigen, halterlosen Strümpfen und den schwarz glitzernden Peeptoes verführerisch in die Luft ragen. Schickst sie O. Hoffst. Wartest. Auf eine frivole, freche Antwort. Den ganzen langen Tag. Vergebens.

Am Dienstag, den 1.12.2015 stökelst Du vormittags frisch geduscht, in hellen halterlosen Strümpfen und auf weiss schimmernden Highheels ins Schlafzimmer. Nimmst O.s Adventskalender von der Kommode, drehst ihn um, schiebst sehr vorsichtig Deine Hand ins Innere der Kartonage und fischst mit spitzen Fingern das erste runde Schokoladentäfelchen heraus. Von der Rückseite her. Um möglichst NICHTS von der Aussenverpackung, vor allem aber nicht das Engelsmotiv auf der Vorderseite zu beschädigen. Es geht sehr gut. Erleichtert lässt Du die kleine, muschelfarbige Schokoscheibe auf Deiner Handinnenfläche ruhen. Bewunderst die feine Gravur mit geometrischen Mustern. Fotografierst sie auf Deiner flachen Hand, so dass Deine nackte Brust im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Dann legst Du Dich sanft aufs Bett, platzierst das Schokoladenmedaillon auf Deinem Bauch, zwischen Jugendstiltattoo und Nabel. Machst viele weitere Bilder. Erst dann gestattest Du der Hanf-Nougat-Kreation in Deinem Mund zu zergehen.

Spätnachmittags, bei Einbruch der Dämmerung,  schickst Du einige der Bilder an O. Stolz. Voller Zuversicht, dass sie ihm gefallen werden. „Es schmeckt wirklich fantastisch!“ schreibst Du dazu und tippst fünf Whatsapp-Kussmund-Lippen hinterher. Jedoch. O. ruft die Bilder zwar ab. Antwortet aber nicht. Weder an diesem Tag, noch an den folgenden, an denen Du ihn mit weiteren Fotos von runden Schokoladenplättchen auf Deinem halbnackten Körper versorgst. Und mit Beschreibungen deiner Geschmackserlebnisse samt der Fantasien die sie in Dir auslösen. Am 7.12.2015 kannst Du kurz aufatmen. „Guten Morgen. Freut mich das die Schokolade dir so gut schmeckt!“ schreibt O. an diesem Tag um 7.51h. Dann aber verfällt er wieder in Schweigen. Und lässt Dich mit deinem Gefühlschaos allein. Fast die ganze lange Adventszeit über, die so interessant und verheissungsvoll für Dich begann. Und nun in Ratlosigkeit und Düsternis zu enden droht. Was Du auch tust. Was immer Du auch versuchst. Es endet stets gleich. O. schweigt.

Am 15.12.2015 gibst Du das Fotografieren von Schokolade auf. Stattdessen nimmst Du die beiden 50-Euro-Scheine, die Du von O. bekamst, aus der Schublade Deiner Kommode, fährst damit in die City und betrittst zum ersten Mal in Deinem Leben den großen Erotikshop in der Fussgängerzone Eurer Stadt. Findest Dich erstaunlich schnell zwischen kichernden Teenagern und verklemmten Paaren mit Shades-of-Grey-Ambitionen zurecht. Stellst fest, dass Du eine Art intuitives Wissen erworben hast, durch welche Dessous Du zu dem spinxhaften Wunderwesen wirst, das O. während er Momente Deiner Idealisierung in Dir sah. Kaufst Netzcatsuits in verschiedenen Ausführungen und Farben. Burlesque-Handschuhe und Halsbänder aus Samt. Im Wert von 78,10. Fährst nach Hause. Duschst. Schminkst Dich stark. Schlüpfst in einen schwarzen Netzcatsuit mit Neckholder-Trägern und in die Peeptoes, die Du trugst beim Besuch von O. Nimmst den Selfiestick. Wirfst Dich im Schlafzimmer aufs Bett. Machst viele, viele Bilder für O.

„Geil“ schreibt O., als Du ihm am Morgen des folgenden Tages die Bilder schickst. „Darf ich Dich in dem Catsuit auch anpissen?“ – „Ja“ antwortest Du und fühlst Dich plötzlich als vollkommene Herrin des Geschehens. „Babe. Du bist einfach die beste sexy Lady aller Zeiten!!!“ textet O. „Ich liebe dich für deine Geilheit. Wenn du kannst, dann mach bitte heute noch neue Bilder für mich. Ich brauche es sooo sehr das du das für mich tust. Und auch ein paar schöne sms könnte ich im Moment sehr gut von Dir gebrauchen!“ – „Ich wollte Dir eh gerade noch sagen wie sehr ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Ich bin Dir so dankbar für alles was Du mir das ganze Jahr über gegeben hast.“ – „Bitte mein Schatz!“ textet O. zurück, „wenn du noch Zeit und Lust hast, dann schreibe mir ein paar schöne und geile Nachrichten!!!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du. Dann aber lehnst Du Dich erstmal auf Deiner Küchenbank zurück und atmest tief durch. „Sex zieht doch immer“ denkst Du und weisst: Du hast es mal wieder geschafft.

Am 23.12.2015 sind Dein Mann und Dein Sohn vormittags damit beschäftigt, gemeinsam eine Nordmanntanne auf der Terasse Eures Hauses aufzustellen und sie mit bunten LED-Girlanden zu schmücken. Du nutzst die Chance, Dich im Badezimmer einzusperren und die letzten vorweihnachtlichen Bilder zu machen für O. In Jeans, schwarzen Highheels und einem brustfreien, schwarzen BH. Am Abend, als der Schein der farbigen Lichter in der klaren Winterluft Euer Wohnzimmer in Vorfreude und Erwartung taucht, schickst Du die Bilder an O. „Weihnachten heißt an Dich zu denken!“ schreibst Du dazu. „Heute hat Lolos kleiner Neffe bei uns angerufen!!!“ schreibt O. nach einer Stunde zurück. „Er wollte zu mir kommen zum Spielen!!! Mit den Playmobilsachen die ich habe!!! Ich liebe Playmobil!!! Aber seine Mutter lässt ihn ja nicht kommen!!! Das hat mich richtig traurig gemacht!!! Weihnachten ist überhaupt ne schwierige Zeit für mich!!! Danke das du für mich da bist!!!“ – „O.! Ich werde IMMER für Dich da sein!!!“ antwortest Du. Und schickst ein grosses, rotes, pulsierendes Whatsapp-Herz hinterher…

Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …

 

 

Arcades

Bilder von O.s milchig weissem Erbgutgemisch bekommst Du im Laufe der Jahre noch viele. Nicht nur als Rinnsal im Handwaschbecken begegnet es Dir, sondern auch als Abspritzer auf dem Schiffsbodenparkett in O.s Zimmer, als rahmiger Fleck auf seinem grellroten Bettlaken, als cremige Ansammlung in Zellstofftüchern oder in O.s Handinnenfläche, wo es wie Duschgel oder Haarshampoo aussieht. An guten Tagen textet er etwas dazu: „Für dich“, etwa. „Ergebnis deiner Fotos“. Oder „Geile Drecksau“. An weniger guten Tagen erscheinen die Bilder einfach nur so auf Deinem Handy. Kommentarlos. Erratisch. Und werfen die peinvolle Frage auf, in welchem Sex-Chat, für wen, unter Zuhilfenahme von wessen Selfies sie wohl entstanden sein mögen. Wie oft O. während eines langen Tages zum Mittel der Handentspannung greift, kannst Du nur vermuten. Genauso, wie gross die Phalanx der Frauen, die hilfreich mit virtuellen Stimuli bereitstehen, wohl sein mag. Die Phalanx grell geschminkter Damen sehr, sehr reifen Alters …

Dass O. einen Fetisch hat mit stylischen Ü-60-Frauen von aggressiver, kosmetisch stark betonter Attraktivität kommt erst spät in Deinem Bewußtsein an. Lange Zeit siehst Du in jungen, hübschen, sportlichen Frauen Deine grösste Konkurrenz. Und glaubst, jemand wie die „alte Lady“ sei ein Ausreisser, ein bizarrer Solitär im Harem von O. Erst nach Jahren, nach vielen weiteren irregeleiteten Bildern und schwierigen Chats wird Dir klar: grelles Make-up auf altersreifer Haut, krallige, rot lackierte Fingernägel an üppig beringten, braun gefleckten Händen und erotische Dessous an erschlaffenden, mageren Körpern in irgendeiner gesichtslosen Hochhauswohnung sind der eigentliche Mega-Kick für O. Und DU selbst, gerade mal fünf Jahre älter als O., mit Deinen immer noch braunen Haaren, Deinen Jeans, Deinen Tattoos, Deinem Teenager-Sohn und Deinem Herzen voller Zuneigung bist der wahre Sonderfall, die Abweichung vom erotischen Beuteschema, die Ausnahme von der Regel für O. …

Im Herbst 2015 beginnt jedoch erstmal Dein Aufstieg zur absoluten Selfie-Königin von O. Unaufhaltsam. Kometengleich. Während O. seine Freundin zu Arztterminen und Therapien begleitet, posierst Du in den ruhigen Vormittagsstunden fast täglich im Schlafzimmer auf dem Bett für immer neue Bilder. Du lernst, Dich als Trägerin der Highheels die Du von O. bekamst, Tag für Tag neu und anders zu inszenieren. Jeansmädchen. Fetisch-Lady. Bordsteinschwalbe. Anything goes. Jede Schluppenbluse, jedes Glitzertop aus Deinem Kleiderschrank verwandelt sich. Jede Blackjeans, jeder Rollkragenpulli besitzt plötzlich erotisches Potential. Du entdeckst Deine gesamte Garderobe neu, in der faszinierenden Symbiose, die sie eingeht mit den Nuttenschuhen von O. Und Dich selbst mit dazu. Als intuitive Wunscherfüllerin, als perfekter Spiegel erotischer Fantasien, als Liebesdienerin mit Selfie-Stick. Es ist eine dunkle, aufregende, traurigschöne Zeit. Und was in ihr beginnt ist suchterzeugend. Für Dich. UND AUCH für O.

Irgendwann, in einem der vielen nächtlichen Chats jener Zeit entwickelt O. eine neue verstörende Sex-Phantasie. „Ich werde dich bei unserem nächsten Treffen mal richtig demütigen!“ schreibt er. „Ich möchte Dir eine Glatze rasieren!“ – „Warum das?“ fragst Du aufgeschreckt. „Weil Du damit garantiert geil aussiehst!!!“ antwortet O. „Machst du mit wenn ich es dir befehle?“ – „Seit wann träumst Du DAVON?“ fragst Du zurück. „Gerade eben!“ antwortet O. „Also? Vergiss nicht das du versprochen hast meine Sklavin zu sein!“ – „Und wie soll ich das meinem Umfeld erklären?“ fragst Du. „Das ist dein Problem!“ antwortet O. Du überlegst. Versuchst Dir vorzustellen wie Dein Mann und Dein Sohn es aufnehmen würden, wenn Du kahlgeschoren vor ihnen stehst. Der Gedanke, sie zu schockieren, tut weh. Jedoch. Ein anderes Gefühl in Dir ist stärker. Viel stärker. Die Sehnsucht danach, intensiv berührt zu werden von O. Und sei es auf diese prekäre, kaputte Art. „Ja. Ich mach mit“ schreibst Du. „Geil“ antwortet O.

Die Wochen vergehen. Ein Indianersommer von epischer Schönheit nimmt seinen Lauf. Lichtdurchflutet, warm, bis weit in den November hinein. Gerne würdest Du O. einfach so, irgendwo, im Freien mal treffen. Nur ganz kurz. Um ihm in die Augen zu schauen. Seine Lippen und Hände zu spüren. Ihm leicht mit zwei Fingerspitzen über die Wange zu streichen und zu fühlen, wann er sich zuletzt rasiert hat. Um seine Stimme zu hören. Den Duft seines Eau de Toilette einzuatmen. Um mit ihm zusammen auf einer Parkbank zu sitzen während das Herbstlaub auf Euch herabfällt. Und ihn zu fragen wie es ihm geht, inmitten des Krebsdramas seiner Freundin. Du möchtest ihm zeigen, dass Du für ihn da bist. Und Dich davon überzeugen, dass es ihn immer noch gibt. Aber O. lässt derartige Begegnungen nicht zu. „Heute nicht“ antwortet er, wenn Du ihn fragst. „Heute möchte ich mal so richtig meine Ruhe haben. Aber bald besuch ich dich und fick dich so richtig durch!!! Ich weiss das du das brauchst!!! Und ich brauche es auch!!!“

Leider ist O.s „bald“ etwas völlig anderes als Deines. Unverbindlich, fluktuierend, relativ, so wie all sein Erleben, Denken und Tun. „Bald“ in der Sprache von O. heißt bestenfalls „irgendwann“. Eigentlich eher „vielleicht“, „eines fernen Tages, unter magischen Gestirnen“. Jedenfalls nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „nächste Woche“. Und da Kohärenzstiftung ganz allgemein in O.s Reich der Unwägbarkeiten keinen Ort hat, kommen auch Informationen über die Therapiesituation von seiner Freundin nur bruchstückhaft und folgewidrig bei Dir an. Vieles musst Du Dir selbst zusammenreimen. Dass die ambulante Chemotherapie jede Woche Dienstags durchgeführt wird, beispielsweise. Mit Anderem, wie etwa unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalten, kurzfristig notwendigen Bluttransfusionen, Behandlungskomplikationen und durchwachten Nächten wirst Du schockartig konfrotiert. Und genau dadurch von O.s frei flottierenden Emotionen überrollt. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit. Tag für Tag.

Am 4.11.2015 schickt O. Dir zur Mittagszeit zwei Selfies von morbider, quälend schöner Traurigkeit. Dir bricht fast das Herz, als Du ihn vor dem Arkadengebäude eines der verwunschenen alten Friedhöfe Eurer Stadt stehen siehst, in eine dunkelblaue Edeldaunenjacke gehüllt über der sein Gesicht mit den schwarz umrandeten Augen noch zerbrechlicher und bleicher wirkt als sonst. „Ein Kuss von mir“ schreibt er dazu. „Danke Liebster!“ antwortest Du. „Wo ist das denn?“ – „Alter Friedhof am Schlosspark“ antwortet O. „Lolo hatte heute Chemo. In der Zeit gehe ich da immer spazieren“ – „Ach so“ antwortest Du. Bevor Du Deine Betroffenheit in weitere Worte fassen kannst, schickt O. Dir einen Text, der sich als weitergeleitete Whatsapp-Nachricht von seiner Freundin erweist. „Bin in 2,5 Std fertig“ heisst es da. „Port funktioniert nicht mehr. Muß es über Hand bekommen. Und am Freitag bekomm ich Blut Transfusion und Port Überprüfung. Alles Mist“ – „Die Ärmste“ schreibst Du. „Es geht mir nahe mit ihr!!!“

„Momentan läuft es sehr sehr schlecht für sie!!!!“ schreibt O. „Vielleicht muss sie nochmal an dem Port – da wird die Chemo angesteckt – operiert werden!!!!“ – „Also neuen Port reingemacht kriegen?“ fragst Du. „Der Port hat sich verschoben!!!“ antwortet O. „Er muss wieder in die richtige Position gebracht werden!!!! Wir wissen noch nicht wie das aussehen wird! Morgen ist der Termin dafür. Auf jeden Fall läuft es grad super schlecht!!!!“ – „Das tut mir sehr sehr leid“ antwortest Du. „Ich würde so gerne irgendetwas tun um Dir zu helfen!!“ – „Dass du mir immer neue Bilder schickst tut mir total gut!!!“ schreibt O. „Dann mache ich bald wieder welche für Dich!!!“ antwortest Du. „Ja bitte!!!!“ schreibt O. Noch am Nachmittag des gleichen Tages liegst Du mit Deinem Handy im Schlafzimmer auf dem Bett und machst Deine bisher besten, schönsten, sehnsuchtsvollsten Bilder für O. In roten Schuhen, weissen Strümpfen und einem korallenroten Satin-Trägertop. Tiefnachts schickst Du sie ihm, mit vielen vielen Küssen. Antwort? Fehlanzeige.

The Old Lady, Part 1

Du bist nun also die Lieblingskonkubine von O. Beschenkt und geehrt mit fünf Paar glitzernder, schwindelerregend hoher Trash-Heels. Auf denen Du, strahlend im Licht seiner Zugewandtheit, direkt bis vor sein Herz balancierst. Wie einst Cinderella zu ihrem Prinzen, mit dem gläsernen Schuh. Oder Carrie Bradshaw zu Mr. Big, in Manolo Blahnik und Jimmy Choo. Zwei Tage lang ist es Dir vergönnt, Dich so zu träumen. Dann holt die Realität Dich ein und Du lernst eine weitere Facette von O.s Paralleluniversum kennen. Es ist der 19. 9.2015. Als Du morgens um 8h Dein Handy hochfährst, siehst Du, dass O. bei Tagesgrauen versucht hat, Dich zu kontaktieren. „Bist Du wach?“ schrieb er um 4.17h. „Leider erst jetzt!“ antwortest Du schuldbewusst. O. schreibt nicht zurück. Aber am späten Nachmittag schickt er Dir ein Bild aufs Handy. „Für dich. War grade so geil!“ textet er dazu. „Oh vielen Dank!“ antwortest Du. Erst dann nimmst Du Dir Zeit es richtig anzuschauen.

Was Du siehst, ist ein Bild wie Du bisher noch keins von O. bekamst. Es ist kein sinistres Magic-Eye-Selfie. Kein provokantes Dick Pic. Auch kein weitergeleitetes Erotikfoto einer fremden Dame. Und dennoch: ebenso verstörend. Ebenso aufwühlend, widersprüchlich und doppeldeutig wie sie alle. Denn: es zeigt nicht nur eine milchig-weisse, gallertartige Substanz, die sich etwa esslöffelgross in einem der Besucherwaschbecken von O.s Haus verteilt. O.s materialisierte Lebensenergie. O.s verflüssigte DNA. O.s innerste Essenz. Das Bild dokumentiert weit mehr als nur O.s Faszination von seiner eigenen Sexualität. Es hat nämlich einen Rahmen, der es als Screenshot ausweist. Als Screenshot eines Chats. Als Screenshot eines Chats, der am 19.9.2015 in den frühen Morgenstunden stattfand. Um 5.22h, um genau zu sein. Also eine Stunde und fünf Minuten nachdem O. versucht hatte, DICH zu kontaktieren. Zu dieser Zeit schickte er ein Foto seines frisch ejakulierten Spermas auf das Handy einer anderen Frau.

„Peter“, liest Du in der Kontaktzeile des gescreenshotteten Whatsapp-Bildschirms. Ein Deckname, den O. seiner Chatpartnerin offensichtlich gab. Denn unterhalb des Abspritz-Fotos zeigt ein Pfeil nach links. „Du 19. September, 5.22h“ vermeldete die App, keinen Raum für Zweifel lassend. Und öffnet damit eine Falltür in Deinem Inneren, die ins Bodenlose führt. Die gefühlte Nähe Deiner nächtlichen Chats mit O.? Die Vertrautheit? Der schrankenlose Austausch von Ideen und Phantasien, das erotische Verbundensein, der Enthusiasmus, die Verzückung, die Dankbarkeit – alles nur Illusion, nur Schall und Wahn? Fake? Volatil? Imaginär? „Zweifelsohne“, denkst Du, während Du blicklos auf Dein Handy starrst. Und vor allem: Wer mag diese wundervoll verfügbare Dame sein, die O. ganz einfach so im Morgengrauen anschreiben kann, während Du leider schläfst? Und deren Sexting ihn binnen kurzer Zeit zu einem fotografisch präsentablen Orgasmus bringt? „Ich bin gar nichts. Ich bin einfach nur ein Nichts“, denkst Du.

Du verbringst die obligatorische schlaflose Nacht. Geisterst durchs Haus, sitzst am Küchentisch, betrachtest wieder und wieder das doppelbödige und dennoch vollkommen eindeutige Bild. Versuchst, O. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denkst an seine krebskranke Freundin, seinen Schlafmangel, seinen Stress. Denkst an die rührende Sms, die er Dir vor Kurzem schrieb. „Babe“, hatte er getextet, „in meinem Kopf herrscht zur Zeit ziemliches Chaos und deshalb kann ich leider meine Lust nicht immer auf dich konzentrieren!!! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine!!!“ – „Natürlich, Liebster!“ hattest Du geantwortet. Und nun? Nun verstehst Du es ANDERS. Nämlich, dass Du eben nach wie vor austauschbar bist für O. Und zwar in Sekundenschnelle. Mit einem einzigen simplen Switch in ein anderes Chatfenster. Dies ist die Erkenntnis, die Dich am meisten schmerzt, beim Anblick von O.s klarem, hellem Sperma auf der weiss glänzenden Keramikoberfläche seines Waschbeckens. Und dem dunklen Rahmen um es herum.

Gegen 3h morgens sinkst Du vornüber auf dem Küchentisch zusammen und fällst in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Zwei Stunden später schreckst Du hoch. Desorientiert. Schweissgebadet. Mit dem Gefühl einer tief empfundenen Entrüstung die in Dir nagt. Als Du Dein Handy entsperrst, springt Dich O.s Wichs-Foto direkt an. Du hattest vergessen es wegzuklicken, bevor Du einschliefst. Nun, da Du es erneut betrachtest, weisst Du plötzlich, was das Anstößige daran ist. Denn, es ist eine Sache, dass O. nachts mit anderen Frauen sextet. Und eine ganz andere Sache ist es, Dir davon ein Bild aufs Handy zu schicken. Ungefragt. Ungebeten. Es ist grenzübertretend. Es ist missbrauchend. Es ist verletzend, beleidigend, ausbeuterisch. Sowohl Dir gegenüber, als auch gegenüber der anderen Frau. Von seiner Freundin mal ganz zu schweigen. Es geht Dir ein wenig besser in dem Moment wo Du das so für Dich formulieren kannst. Du atmest durch. Dann nimmst Du dein Handy, rufst deine Chats mit O. auf und schreibst:

„Guten Morgen Liebster! Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ganz spät schlafen gegangen und dann gleich wieder wach geworden mit Gedanken an Dich. Ich empfinde sehr viel für Dich. Aber bitte schick mir keine Screenshots mehr von Deinem Sperma die Du schon einer anderen Frau gesendet hast, ok? Ich weiss dass ich nicht die Einzige für Dich bin. Aber es tut doch weh auf diese Art damit konfrontiert zu werden. Ich weiss dass Du mich nicht verletzen wolltest und ganz viele Dinge im Kopf hast die wichtiger sind.“ Du hältst kurz inne um nachzudenken wie Du Deine Gefühle gegenüber O. noch ausdrücken könntest. Da zerreißt sein Nachrichten-Ton die Stille in Deiner Küche. O. schreibt zurück. „Wie kommst du darauf?“ fragt er kühl. Nein, kalt. „Da steht der Name Peter und dass es am 19.9. frühmorgens gesendet wurde“ antwortest Du. „Hab ich auch einen Männernamen in Deinem Handy?“ fügst Du hinzu. „Du nicht“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ – „Und die Anderen? Was sind die?“ fragst Du.

„Nur Ficks“ antwortet O. „Und ich? Bin ich was Anderes?“ fragst Du. „Was willst Du eigentlich?“ schreibt O. „Du fickst mit anderen Männern für Geld!! Bist im Internet unterwegs um Ficks aufzutreiben! Du bist süchtig danach es mit unterschiedlichen Männern zu treiben!!! Also was soll das? Du bist nicht nur meine Schlampe, du bist überhaupt eine Schlampe!!!“ – „Nein ich bin nur Deine Schlampe!“ antwortest Du verzweifelt. „Und ich bin NICHT süchtig nach verschiedenen Männern!“ – „Ich hatte mal paar Ficks mit einer alten Lady!!!“ schreibt O. Hoheitsvoll. Gebläht von der eigenen Bedeutung. „Wir schreiben uns noch und schicken Fotos. Sie bettelt manchmal darum meinen Schwanz in den Mund zu nehmen oder ihn zu wichsen!!!“ – „Schon gut!“ tippst Du. Aber O. ist nicht zu bremsen. „Wenn Dir das nicht passt dann musst du es mit mir beenden!!!“ schreibt er. „Ich habe keine Lust mir von Dir was verbieten zu lassen!!! Du würdest dich für Geld von meinen Freunden ficken lassen. Also halt dein dummes Schlampenmaul!!!“

„Ich verbiete Dir doch gar nichts“ versuchst Du einzuwenden. „Du würdest dich für Geld jederzeit ficken lassen!“ schreibt O. erneut. „Da stehst du drauf!!! Du brauchst das!!!“ – „Nein“ antwortest Du. „In Wirklichkeit brauche ich ganz andere Sachen. Und ganz sicher brauche ich keine Screenshots von Deinem Sperma für eine andere Frau!“ – „Was für Sachen brauchst du dann?“ fragt O., plötzlich unsicher wirkend. „Ich brauch nur Dich!“ schreibst Du. Anstatt Dir zu antworten, sendet O. Dir ein Bild. Ein Bild von einem  ausgemergelt wirkenden Frauenkörper, der Dir bereits bekannt vorkommt. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, trug er einen dunkelroten Netz-Catsuit und saß mit gespreizten Beinen vor einem weissen Garderobenspiegel auf dem Boden. Auf dem aktuellen Bild trägt die fragliche Dame einen weissen Strapsgürtel zu weissen, halterlosen Strümpfen, hochhakige, rote Pumps und lässt im Flurspiegel ein schimmerndes Glas-Toy zwischen ihren weit geöffneten, mageren Schenkeln aufblitzen. „Solche Bilder schickt sie mir!“ schreibt O. dazu.

„Ja“ antwortest Du, während Dein Magen ein wenig revoltiert. „Solche schick ich Dir ja auch“ – „Ja! Und beide bekommt ihr welche dafür von mir!“ schreibt O. „Liebst Du sie mehr als mich?“ fragst Du beklommen. „Ich liebe sie überhaupt nicht!!!“ schreibt O. „Wie bitte?“ fragst Du zurück. „Sie ist 65 Jahre alt und ich habe sie paarmal gefickt!!!“ schreibt O. „Die ist doch nicht 65. Was soll der Quatsch“ schreibst Du. „Die ist 65“ schreibt O. „Nein die ist 35“ schreibst Du. „Leck mich doch! Die ist 65!“ schreibt O. „Wie Du meinst“ antwortest Du und spürst plötzlich wie das Gefühl von Wut und Verletztheit in Deinem Inneren weicht und sich wandelt in Mitleid und Anteilnahme für O. Für ihn, und für das Ausmass seiner psychischen Störung, das hinter seinen trotzig-aggressiven Worten durchschimmert. Aber auch für die Verlorenheit jener älteren Dame, die in der Tristesse ihres Single-Appartements irgendwo am Rande Eurer Stadt Sex-Selfies macht und hofft auf Besuche von O. „Ich liebe Dich!“ schreibst Du. „Mit allem was zu Dir gehört.“

„Aber ich wünsche mir einen Screenshot von Deinem Sperma der nur für mich ist, verstehst Du? Ich würde für Geld mit Deinen Freunden ficken um DICH damit zu erregen, aus keinem anderen Grund. Einfach nur für Dich!! Um Dich zu erregen bin ich zu sehr Vielem bereit! Aber ich kann auf alle Männer und den Sex mit ihnen locker verzichten. Der einzige Mann nach dem ich süchtig bin bist Du. Du aber bist wirklich die Droge für mich!“ – „Das nächste Mal mach ich ein Foto nur für dich“ schreibt O. „Das würde mich sehr glücklich machen!“ antwortest Du. „Denn ich will für immer Deine Schlampe sein!“ – „Das will ich doch auch“ schreibt O. „Ich liebe dich und ich will nur dich!“ – „Ok“ antwortest Du. In den Abendstunden des folgenden Tages bekommst Du tatsächlich ein weiteres Bild von O. Es zeigt einen esslöffelgrossen Klecks einer hellen, klaren, Dir wohlvertrauten Substanz in einem der Handwaschbecken in seinem Haus. Ohne Rahmen darum herum. „Nur für dich!“ schreibt O. dazu. „Danke“ antwortest Du.

 

Insomnia

Nach dem 28. August 2015 vergehen knapp drei schwierige Jahre. Eine Ära des Duldens und Dienens. Äonen, in denen Du gemeinsam mit O. auf den Spuren seiner traumatischen Kindheit wanderst. Die Abgründe seiner verwüsteten Seelenwelt durchschreitest. Verlorensein, Krankheit und Lebensferne mit ihm teilst, trägst,  ja: statt seiner lebst. Dich von ihm belügen, betrügen, vergewaltigen und schlagen läßt. Konfontiert und gedemütigt wirst mit anderen Frauen. Mehrfach. Oft. Immer wieder. Und dennoch festhältst an Deiner Idee von O. als einem sensiblen, gemarterten Traumprinzen, den es zu erlösen gilt. Aus der kalten, dunklen Burg seiner schweren Vergangenheit. Zu der allein Du den magischen Schlüssel finden kannst, wenn Du nur lange genug suchst. Bis Du endlich begreifst, dass es auch Dir, trotz all der vielen Liebe die Du für O. in Dir trägst, nicht gelingen wird, die schwere narzisstische Wunde in seinem Inneren zu heilen. Und Du allmählich beginnst, Dich aus seinem dunklen Kosmos zu lösen.

Der Spätsommer 2015 beschert Dir eine rasche Initiation in die morbide Lebenswirklichkeit von O. Am 31.8. erfährst Du, dass der Brustkrebs seiner Freundin das reine Anfangsstadium bereits verlassen hat. „Heute hat der arzt anrufen!!!“ schreibt O. fühlbar konsterniert um 18.08h. „Lymphknoten sind befallen!!!“ Im anschließenden Chat entwickelt er wilde Verschwörungstheorien über die Ursache von Lolos Erkrankung. Schuld seien vor allem ihre Schwester, die vielen Streitigkeiten wegen des familieneigenen Firmengeflechts, die Sehnsucht nach ihren Neffen und, natürlich, die Ungerechtigkeit des Lebens überhaupt. „Es trifft so oft die Falschen!!!“ schreibt O. „Ich wüßte auf der Stelle mindestens zehn Leute die es verdient hätten!!! Aber sie nicht!! Sie kann einem wirklich leid tun!!!“ Etwaige Anteile seiner selbst oder gar eigene Verhaltensmuster blendet O. bei dieser abenteuerlichen extrinsischen Krankheitsbegründung natürlich konsequent aus. Und Du? Du hütest Dich, dazu etwas zu sagen.

Zwei Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 15.9.2015 kommt es zwischen O. und Dir zu einem bahnbrechenden Chat, den Du noch Jahre danach als legendär einstufen wirst. Du erwachst an diesem Tag mit dem zwingenden Gefühl, von O. gebraucht, ja, regelrecht gerufen zu werden. Nachdem Du Dich mit Deinem Handy ins Wohnzimmer geschlichen und auf dem Sofa in eine Wolldecke gehüllt hast, begegnest Du via Whatsapp einem unmaskierten, einem wirklichkeitsnahen O. von luzider Authentizität. „Guten Morgen“ antwortet er, direkt nachdem Du ihn angeschrieben hast. „Auch schon wach?“ – „Ja“ antwortest Du. „Warum? Schlecht geträumt?“ fragt O. „Einfach nur so“ antwortest Du. „Und Du? Konntest Du ein bisschen schlafen?“ – „Leider nicht!“ antwortet O. „Ich habe immer so schlimme Träume!“ – „Oje!“ schreibst Du, während das Gefühl einer eigenartigen Schwere von Dir Besitz ergreift. „Was träumst Du?“ – „Alles mögliche!“ antwortet O. „Aber meistens sind es unangenehme Träume und sie sind sehr intensiv!“

Du erfährst, dass O. sehr oft davon träumt, verfolgt zu werden und flüchten zu müssen. Anscheinend durchstreift er in seinen Parasomnien häufig atomar verwüstete Landstriche. Und wird, als einziger Überlebender der noch wenige Habseligkeiten retten konnte, von obdachlosen Ausgestossenen belästigt und umstellt. Du kannst das Grauen dieser Traumgesichte spüren, als er davon schreibt. Und würdest gerne etwas tun um sie von ihm zu nehmen. „Du Armer. Wann schläfst Du denn überhaupt mal?“ schreibst Du, um von Deiner Hilflosigkeit abzulenken. „Paar Stunden bring ich schon zusammen“ antwortet O. „Und wenn Du wach bist? Was machst Du dann?“ fragst Du weiter. „Bisschen rumräumen, Musik hören, lesen“ antwortet O. „Ok. Ich wollte Dich nicht stören gerade!“ schreibst Du. „Ich bin nur vorhin wach geworden und habe an Dich gedacht!“ – „Das ist sehr lieb von dir Kleine“ antwortet O. „Du störst doch nicht. Hast Du eigentlich im Moment was an oder bist Du nackt?“ – „Ich hab ein T-Shirt an“ antwortest Du.

„Dann streichel doch ein bisschen Deine Brüste!“ schreibt O. „Du weißt ja dass mich das scharf macht!“ – „Ok“ antwortest Du. „Würdest Du mal gerne mit mir kuscheln?“ fragt O. „Oder engumschlungen im Bett mit mir liegen? Oder magst Du sowas gar nicht?“ – „Doch, O.! Zärtlichkeiten mag ich sehr!“ antwortest Du. „Nackt mit Dir unter einer Decke wäre schön! Einfach nur spüren dass Du in der Nähe bist. Das würde mir schon genügen!“ – „Dann lass uns das doch machen!“ schreibt O. „Möchtest Du so etwas denn?“ fragst Du. „Es wäre traumhaft!“ antwortet O. „Mit Dir möchte ich alles!“ – „Wirklich?“ fragst Du ungläubig, nach allem was Du über O. und seine Präferenzen weißt. „Babe“ antwortet O. „Ich kann es zwar selber kaum glauben dass ich mit Dir Dinge machen kann die ich nie für möglich gehalten hätte. Aber es ist so!“ – „Wahrscheinlich ist das so weil ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Und weil wir super zusammen passen!“ – „Ja Babe!“ textet O. „Es war absolutes Schiksal dass wir uns begegnet sind.

Bevor Du antworten kannst, schreibt O. weiter. „Ich weiß dass ich Dich oft sehr quäle!“ textet er. „Dabei hättest Du eigentlich nur Gutes verdient!!! Ich weiß dass Du gern kuschelst und es zärtlich magst! Aber ich WILL Dich schlecht behandeln!!“ – „Das ist schon ok“ antwortest Du. „Es ist wirklich einfach unglaublich was ich im sexuellen Bereich alles mit Dir machen kann!!!“ schreibt O. „Nicht nur dass Du mich hinten küßt und Dich anpissen läßt – ich könnte Dich auch schlagen, fesseln, Dir nen Gürtel um den Hals legen und dich damit würgen und hinter mir herziehen!!! Sogar anspucken könnte ich Dich!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du. „Ich kann das aber nur mit Dir. Mit jemand anderem ginge es nicht. Du hast eine so charmante Art all diese Dinge zu machen. Es ist nichts Abstossendes für mich daran – im Gegenteil! Alles was von Dir kommt ist für mich wunderschön und wertvoll!“ Eine Pause entsteht. Das fahle Licht im Raum hellt sich allmählich auf. Die ersten Vogelstimmen erklingen im Garten.

Du aber wirst, ungeachtet des bevorstehenden Tagesanbruchs, jählings von einer fast narkoleptischen Schlafattacke übermannt. Dein Kopf sinkt in den Nacken, das Handy gleitet Dir aus der Hand, unter Deinen flatternden Lidern gewahrst Du Wolkenfetzen, Lichtkegel und das bleiche Gesicht von O. Als sein Nachrichten-Ton Dich aus den Halluzinationen reisst, siehst Du, dass er einen beispiellosen Text verfasst hat. „Du bist schön und gebildet!“ schrieb er, während Du weggedämmert warst. „Bist Mutter eines Sohnes und hältst ein Haus in Schuss! Darum fand ich es so überraschend dass Du all diese Dinge mit Dir machen lässt!!! Ok, wenn Du so eine gammlige Tussi wärst … Aber Du bist auch total gepflegt und feinfühlig! Es ist einfach unfassbar was ich durch Dich erlebe!!! Und was so alles in mir selbst steckt!!! Du hast das in mir erweckt!!! Ich verdanke Dir die aufregendsten körperlichen Erlebnisse in meinem Leben!!!“ – „Ja?“ schreibst Du benommen. „Ich dachte Du hast all sowas schon immer gemacht!“

„Nein!!!“ antwortet O. mit einer Vehemenz, die durch das Handy zu Dir dringt. „Du bist die Erste die mich hinten leckt!! Die Erste die ich anpisse!!! Die Erste die sich dreckiger und strenger behandeln lässt!! Aber Du! Du hast das schon öfter mit anderen Männern gemacht, oder?“ – „Nein!“ antwortest jetzt Du. „Ich kann das nur mit Dir. Aber ich wollte schon als Mädchen immer Sklavin spielen, zusammen mit einem Freund!“ – „Du warst eben schon immer eine geile Sau!“ schreibt O. „Und jetzt erzähl mir wie oft Du Deinen Mann schon betrogen hast!!!“ – „Ich hatte wirklich nicht so viele Männer wie Du denkst!“ antwortest Du. „Bei den meisten hat es schon gereicht was sie Dummes erzählen und dann kam es gar nicht mehr zu einem Date. Du hingegen warst unvergleichlich in Deiner Art mich aufzureißen! Das war damals ein Moment den ich nie vergessen werde. Ich war sofort total hin und weg von Dir!“ – „Babe, ich bin absolut glücklich dass Du mich ein bisschen magst und mir mein Leben so versüsst!“ textet O.

„Ich versuche es so gut ich kann denn ich mag Dich mehr als nur ein bisschen!“ antwortest Du. „Für mich ist es eine Art Märchen was ich mit Dir erlebe. Ich kann manchmal gar nicht glauben dass es wahr ist!“ – „Da geht es mir wie Dir!“ textet O. „Es ist ein Märchen!“ – „Ein dunkles Märchen“ schreibst Du. „Oh ja, ein sehr dunkles!!!“ echot O. Du würdest gerne wissen, ob O. wirklich ahnt, welche archetypischen Feengeschichten er um sich herum lebt und inszeniert. Doch bevor Du ihn dazu etwas fragen kannst, schreibt er erneut. „Das Chatten mit Dir hat mich mal wieder total aufgeheizt! Und darum werde ich es mir jetzt schnell machen und dabei an Dich denken!“ – „Tu das mein geheimnisvoller Prinz“ antwortest Du. „Ich liebe es wenn Du in mich eindringst!“ – „Und ich liebe es wenn ich über Deinem Gesicht knie und Du mich hinten küsst! Ich dabei Deine Muschi und Deine Beine sehe! Und Du Dich selber streichelst und stöhnst!“ antwortet O. Dann fällt die Sonne ins Zimmer. Euer Nacht-Chat ist zu Ende.

Zwei Stunden später aber meldet O. sich nochmals bei Dir. „Welche Schuhgröße hast Du?“ fragt er. „39“ antwortest Du. „Ich habe jetzt Highheels für Dich ausgesucht!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Hab fünf Paar bestellt und bezahlt. Ich konnte nicht anders. Hier ist die Tracking-Nummer. Sie kommen zu Dir!!!“ Am 17.9.2015 bekommst Du spätnachmittags tatsächlich ein riesiges Paket. Es enthält Ankle-Boots mit Leopardenmuster und dunkelrotem Stiletto-Absatz. Plateau-Pumps aus schwarzem Lederimitat, mit Nieten auf der Sohle. 14mm hohe Brautschuhe, bezogen mit elfenbeinfarbigem Satin. Hochhakige Peeptoes aus schwarzem Netzstoff, mit Strassperlen am Rand. Und rosé-golden schimmernde Glitzerheels. „Aschenputtel war gestern“ denkst Du, während Du Seidenpapier und Kartonagen im Altpapiercontainer eines benachbarten Wohngebäudes entsorgst. Dann beginnst Du damit, das erste Paar Schuhe an Deinen nackten Füssen zu fotografieren. Und bist Dir sicher, dass eine vollkommen neue Zeitrechnung begonnen hat zwischen Dir und O.

O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

Breast Cancer Awareness?

Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.