O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blenden weißen Sneaker zusammenzuknoten richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb solange seine Mutter lebte in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Breast Cancer Awareness?

Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.

 

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