Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.

 

tb_logos__light_horizontal

butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin