O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Breast Cancer Awareness?

Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Love Is a Stranger

Sehr dünnhäutig, aufgebrochen, fast wie aus Glas stehst Du in den ersten Julitagen 2015 oft auf dem Balkon um von dort auf Deinen von O. neu erschaffenen Garten zu blicken. Glaubst für Momente, O. in undefinierbarer Ferne auszumachen, schattenrißartig, auf seiner Leiter, von tausenden kleiner Thujenzweigspitzen umsprüht, während er seine scharfe, kompromißlose Linie ins Buschwerk schlägt. Und damit gleichzeitig Dein Herz graviert. Schmerzhaft. Tief. Trotz Sonne und Sommerwärme verbringst Du viel Zeit im Haus. Es dauert lange bis Du Dich zum ersten Mal spätnachmittags hinaus in den Garten wagst und dort im Vorbeischlendern mit den Fingern durch die frisch gestutzten Heckenzweige streifst. Schüchtern, beinahe ehrfürchtig atmest Du den Zypressenduft ein der Dich nun so sehr an O. erinnert und spürst, wie Tränen, Wehmut, und diffuses Mitleid irgendwo aus Deinem Inneren emporsteigen. Schnell, beinahe wie ertappt huschst Du zurück ins Haus. Erst Mitte Juli bist Du wieder stabil.

Anders als bisher läßt O. in diesen Sommerwochen den Kontakt zu Dir nicht völlig abreißen. „Guten Morgen liebste! Ich vermisse Dich ganz doll! Küsse!“ schreibt er beispielsweise am 12.7., einem Sonntag, um 7.12h. „Guten Morgen! Du bist das erste was ich morgens denke wenn ich wach werde!“ tippst Du unter der Bettdecke während Dein Mann tiefschlafend neben Dir in den Kissen liegt. „Babe, ich brauche Dich sooo sehr!“ schreibt O. „Ich habe leider im Moment mega schlimmen Husten und mein Hals tut mir ganz übel weh! Aber wenn es mir besser geht dann komme ich zu Dir!! Ich habe schon eine durchsichtige Bluse für Dich gekauft und bringe auch noch ein paar Hemden von mir mit! Dann hast Du was zum Anziehen wenn ich an Dir rumspiel!“ – „Oh vielen Dank!“ antwortest Du beglückt. „Ich liebe Deine Hemden! Ich liebe einfach alles von Dir!“ – „Du wirst es mir so richtig schön besorgen meine Sexgöttin!“ textet O. „Ich kann es kaum erwarten Deinen wunderschönen Körper in der neuen Bluse zu sehen!“

Eine durchsichtige Bluse. Gekauft für Dich. Wie zauberhaft, denkst Du. O. kann Deiner nicht entraten. Du bist wertvoll für ihn. Sonst würde er so etwas ganz bestimmt nicht tun. Und der Tag hält noch eine weitere Überraschung für Dich bereit. Am späten Nachmittag schickt O. Dir ein Portrait-Selfie aus dem Inneren seines Hauses. Sein Gesicht über einem schwarzen Rundhals-Shirt, erneut vor grellbuntem Spray-Paint im Hintergrund. Lächelnd. Mit ungewohnt dunklen, fiebrig glänzenden Augen. „Mein Gott, Du bist so schön!“ textest Du hingerissen. In der sich ausbreitenden Stille da O. nicht zurück schreibt behältst Du das Smartphone in der Hand und vergrößerst das Bild mit Daumen und Zeigefinger so lange bis O.s Augen das gesamte Display ausfüllen. Um sehnsuchtsvoll in ihnen zu ertrinken. Doch irgendetwas stimmt nicht an O.s magischem, irisierendem Blick. Eine kunstvoll gestrichelte dunkle Linie umrandet beide Augenlider. Kein Zweifel. O. trägt ein permanentes Augen-Make-up.

Er ist also NICHT naturgegeben, O.s suggestiver, verführerischer Augenausdruck. Sondern das Werk eines geschickten Tätowier-Visagisten. Und O. ist kein vom Himmel gefallener Halbgott. Kein Wiedergänger Laurence von Arabiens. Sondern einfach nur ein Mensch mit genügend Zeit und Geld für die perfekte Optimierung seiner selbst. Seines Äußeren, besser gesagt. 360.- bis 450 Euro kostet eine Wimpernkranz-Verdichtung laut Internet. Und die frisch pigmentierten Augenlider müssen tagelang gekühlt und mit antiseptischer Salbe behandelt werden bevor man sie bewundern kann. Es ist eine neue Perspektive auf O. die sich durch diese Erkenntnisse für Dich öffnet. Ernüchternd. Ein bisschen traurig. Zum Lachen. Und dann auch doch wieder: faszinierend. O., el bandido enmascardado, denkst Du. O., die Diva. O., der Typ in der eisernen Maske, der metrosexuelle Clown, der geschminkte Narziss. Auf jeden Fall ein Mann der der Welt um keinen Preis sein wahres, nacktes Gesicht darbieten möchte. Und Dir auch nicht.

Am 23.7.2015 jährt sich der Tag Deiner ersten Begegnung mit O. Der Tag Eures Kennenlernens. Der Tag der Dein Leben verändert hat. Deshalb nimmst Du morgens um 6.41h Dein Handy und schreibst: „Guten Morgen, Liebster! Heute vor genau einem Jahr hast Du mich angesprochen. Ich war Dir verfallen vom ersten Moment an. Und ich will nichts von all dem missen was ich seitdem mit Dir erlebt hab. Danke für diese intensive, spannende, aufwühlende Zeit. Danke für die schwierigen Chats mit den komplizierten Fragen, die Dates, die Orgasmen, die Netzshirts, danke für die Pisse in meiner Badewanne, danke für Dein … auf meinem Rücken, meinem Bauch, meiner Brust und in meinem Mund. Danke daß ich Dich besuchen, Dein Haus, Deine Bilder, Deine Welt kennenlernen durfte. Es ist alles einzigartig. Danke für Deine Besuche bei mir. Danke für die Bilder mit Deinem faszinierenden, wunderschönen Gesicht. Danke für den Heckenschnitt. Danke für alles. Ich liebe Dich.“ – „Bitte Du geile Schlampe!“ antwortet O.

Anfang August breitet sich eine Rekord-Hitzewelle über ganz Mitteleuropa aus. Die Nächte sind sternklar, die Tage ab 10h vormittags unerträglich heiß. Zusammen mit Deinem Mann und Deinem Sohn flüchtest Du auf eine luftdurchwehte Ferieninsel im Thyrennischen Meer wo Ihr gemeinsam unbeschwerte Tage mit Wellenhopsen, Muschelsammeln und Krabbensuchen verbringt. Wie eine ganz normale, ziemlich glückliche kleine Familie. Wie all die anderen Familien um Euch herum. Am siebenten Tag des Urlaubs schreibt Dir O. Daß er an Dich denkt und hofft daß Du bald wieder zurück bist. Von diesem Moment an erscheint Dir das Licht auf der Insel aschfahl, der Scirocco raubt Dir jede Energie und Du willst nur noch nach Hause. Du sprichst mit Deinem Mann. Erklärst ihm daß Du ein paar Tage ganz für Dich alleine brauchst. Er hat Verständnis. Am 11.8. begleiten er und Euer Sohn Dich zur Fähre die Dich zurück bringt aufs Festland. Und am 12.8. kommst Du um 7.30h mit dem Nachtzug aus Florenz wieder in Deiner Stadt an.

Mittwoch, 12.8.2015. 8.27h. „Hallo Liebster!“ schreibst Du unmittelbar nachdem Du bei Dir daheim die Koffer abgestellt und die Rollos hochgezogen hast. „Ich bin wieder zu Hause! Und zwar ganz alleine! Kuss!“ – „Bitte Foto“ antwortet O. „Was willst Du sehen?“ fragst Du. „Alles!!!“ antwortet O. „Aber vor allem Deine Brüste!!! Und zwar ganz ganz schnell!!!“ Du beeilst Dich zu duschen und O.s Wunsch zu erfüllen der sehr dringlich zu sein scheint. Um 9.30h schickst Du ihm zehn Bilder von deinem nackten, gebräunten Oberkörper von dem noch Wassertropfen abperlen. O. ist begeistert. Wieder und wieder mußt Du Deine Brust für ihn fotografieren. Vorn übergebeugt. Von unten. Mit erhobenen und mit zurück genommenen Armen. Und von sehr nah. „Oh ja!!! Du machst mich glücklich Baby!!!“ schreibt er endlich. Es wird dann noch ein wundervoll schräger Sex-Chat-Sommernachmittag. Zwischen Wäschebergen sitzend liest Du die immer neuen Fantasien von O. der bei sich zu Hause auf dem Bett liegt und Dir seine Erregung zeigt. In Wort und Bild …

Freitag, 14.8.2015. 2.55h. Es ist eine sehr warme, vollkommen sternklare Sommernacht. Durch die geöffnete Balkontüre des Schlafzimmers hörst Du die Geräusche der sich ausruhenden Stadt. Du selber liegst nackt in den Kissen und empfindest im Halbschlaf Sehnsucht nach O. Am Morgen des vergangenen Tages hattet Ihr einen sehr liebevollen Chat. „Guten Morgen mein Schatz!“ hatte O. um 6.02h geschrieben. „Nächste Woche komme ich ganz früh zu Dir. Ich freue mich schon sehr auf Dich!“ – „Das wäre wirklich traumhaft!“ hattest Du dankbar geantwortet. „Ich wünsche mir schon lang Dich mal wieder um diese Zeit zu treffen!“ „Und für heute alles Gute!“ fügtest Du einem eigenartigen Impuls folgend noch hinzu. „Dir auch!“ antwortete O. Dann brach der Kontakt ab und für den Rest des Tages herrschte Schweigen. Nun horchst Du hinaus in die Stille der Nacht als könntest Du dadurch erfahren wie es O. geht und was er gerade tut. „In weiter Ferne so nah“ denkst Du und kuschelst Dich ein wenig zurecht. Da piept Dein Handy.

„Hallo“ schreibt O. um 3.10h. „Hi“ antwortest Du. „Woher eisst Du dass ivh wach bin?“ – „Ich habe es gehofft!“ antwortet O. „Kannst Du rausgehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Willst schnell ficken?“ fragt O. „Ja. Aber vorher muß ich duschen“ antwortest Du. „Ich bin auch nicht geduscht“ schreibt O. „Würdest Du mich mit dem Auto abholen?“ fragst Du auf dem Weg zum Badezimmer. „In 20 Minuten“ antwortet O. „Ok“ tippst Du und verschwindest in der Duschkabine zum kürzesten Brausebad Deines Lebens. Um 3.24h sitzst Du im Wohnzimmer, in Schlupfshorts aus zartgrünem Knitterleinen, einem weißen Top mit Makramee-Trägern und den roten Schleifen-Highheels in der Hand. „Komm raus“ schreibt O. um 3.37h. „Ich hab dir roten Schuhe an. Ist Dir das recht?“ fragst Du. „Komm“ schreibt O. „Olk“ tippst Du mit einer Art Tremor in den Fingern, raffst Deinen Mini-Rucksack und die Hausschlüssel an Dich und eilst zur Tür. O.s metallicbrauner SUV parkt direkt vor Deinem Haus. Wie unter Hypnose bewegst Du Dich darauf zu.

Deine Füße in den Highheels wirbeln die goldgelben Sommerlindenblüten vom Boden hoch die überall die Straßen säumen. Auch auf O.s Wagen regnen die zarten Blattflügelchen von den Bäumen herab. Sternschnuppengleich. Unwirklich. O. blickt unter seiner Basecap selbstversunken in die Ferne als Du die Tür von seinem Wagen öffnest und Dich sanft auf den Beifahrersitz gleiten läßt. „Hallo“ sagst Du schüchtern. „Hi Baby“ antwortet O. und schaut entrückt auf Deine Beine. So als ob ihr Anblick ihn von irgendwo weit her zurück holen würde. „Alles ok?“ fragst Du. „Alles ok“ antwortet O. und schiebt mit einer Hand Dein Top nach oben so daß Dein Oberkörper freiliegt. „Spiel mit Deinen Titten! Mach Dich geil!“ sagt er und läßt den Motor aufheulen. „Ich will daß Du ganz feucht bist wenn ich in Dich reingehe!“ Du stöhnst ein wenig während O. die Musikanlage lauter dreht. „I am alive“ röhrt Eddie Vedder. „I am alive“. Das Lied eines Jungen der seinen Vater nicht kennt. Das Lied eines Jungen wie O.

Als der Refrain zum dritten Mal erklingt bringt O. sein Gefährt in einer kleinen Seitenstraße am Rande des nahen Stadtparks zum Stehen. „Wir müssen es heute hier vorne machen“ sagt er und beugt sich zu Dir um den Beifahrersitz zurück zu schieben und in halbliegender Position einrasten zu lassen. „Die Rücksitze sind belegt. Ich bin vorsichtig mit Dir. Hoff daß ich Dir nicht weh tu.“ – „Bestimmt nicht!“ antwortest Du, bewegt von dieser seltenen Sanftheit, streifst Deine Shorts nach unten und rutschst mit dem Po bis an den äußersten Rand des Beifahrersitzes. Dort öffnest Du die Beine so weit wie es die Fußfreiheit des Wagens erlaubt und empfängst O., der sich raubkatzengleich zu Dir herüberrollt nachdem er aus seiner Jogginghose geschlüpft ist. Sehr jung, sehr schutzbedürftig kommt er Dir vor, für ein paar Sekunden, bevor er mit der altbekannten Härte in Dich eindringt. Und dennoch ist etwas anders als sonst: O. ist offen. O. ist zärtlich. O. küßt Dich während er Dich nimmt.

Kurz vor seinem Höhepunkt zerrt O. mit einer hastigen Geste sein taubenblaues T-Shirt nach oben und presst Dir seinen muskulösen Oberkörper so eng aufs Gesicht daß Du kaum atmen kannst. „Küß mich, küß mich, küß mich!!“ stößt er hervor. Beschwörend. Flehentlich. Sehnsuchtsvoll. Anders, ganz anders als Du ihn bisher kanntest. Du tust was Du kannst. Verschaffst Dir ein wenig Luft unter O.s Brustmuskulatur, öffnest den Mund und küßt, knutschst und leckst was immer Du von seiner Haut erreichen kannst. Es scheint ihm zu helfen. „Das ist gut Baby“ hörst Du ihn stöhnen. Dann spürst Du wie er IN Dir kommt. Für Bruchteile von Sekunden hältst Du O. danach in Deinen Armen. Fassungslos. Gerührt. Hoffst daß er sich geliebt, geborgen, sicher fühlt, so nahe bei Dir. Überlegst ob Du es riskieren kannst ihm sanft über den Rücken zu streicheln. Da macht er sich bereits eilig von Dir los. „Danke Baby“ sagt er, und klettert zurück auf den Fahrersitz. „Laß uns wegfahren bevor es noch hell wird hier!“

Auf der kurzen Rückfahrt zu Deinem Zuhause macht O. mit Dir ein wenig Small Talk. Fragt wie es Dir auf der Ferieninsel gefallen hat, wie lange Dein Mann und Dein Sohn noch dort bleiben und auch ob Du weiterhin Unterstützung im Garten benötigst. „Ich könnte Dir nächste Woche vielleicht nochmal helfen“ sagt er. „Sehr gern!“ antwortest Du und schaust ihn dankbar an. „Mein Mann und der Kleine bleiben bis Ende August im Urlaub“ – „Dann komme ich bald zu Dir“ sagt O. und parkt seinen Wagen vor Deinem Haus. „Also Kleine. Schön daß es heute gepaßt hat! Komm gut heim!“ flüstert er und küßt Dich kurz auf die Wange. „Ich bin super super glücklich!“ antwortest Du mit träumerischer Stimme und versuchst seinen Kuß zu erwidern. Aber O. hat sein Gesicht bereits von Dir weg gewendet. Die roten Highheels an Deinen Füßen rascheln in den Lindenblütenblättern als Du aus O.s Auto aussteigst. Nach ein paar Schritten drehst Du Dich um. Und siehst ihn in einer Wolke aus schimmerndem Goldstaub davon fahren.

Zurück in Deinem Haus stökelst Du direkt nach oben ins Schlafzimmer, wirfst Dich aufs Bett, streifst Dir die Highheels von den Füßen, schlüpfst aus den Kleidern und rollst Dich erschöpft unter Deiner Sommerdecke zusammen. „Danke. War geil“ schreibt O. um 4.06h. „Ja!“ antwortest Du. „Tausend Dank fürs Aufwecken und Rausholen! Ich liebe Dich!“ Dann fällst Du in abgrundtiefen, bewußtlosigkeitsähnlichen Schlaf. Um 7.32h schreckst Du jählings hoch und mußt Dich erst wieder auf die Ereignisse der vergangenen Nacht besinnen. Eine ganze Weile lang bist Du Dir nicht sicher ob Du es wirklich erlebt hast, dieses nächtliche Auto-Date mit O., oder nur geträumt. Erst als Du Eure Chats in Deinem Handy aufrufst siehst Du: es war real. Du machst ein paar Bilder von Deinem Körper der nackt und postkoital in den Kissen liegt und sendest sie O. „Das ist die Frau mit der Du es heute nacht gemacht hast!“ schreibst Du dazu. „Ich danke Dir so sehr für alles!“ Leider schreibt O. kein einziges Wörtchen zurück.

Das Wochenende verläuft sehr einsam. Niemand meldet sich bei Dir. Niemand schreibt Dich an. Am Montag den 17.8.2015 hältst Du die Stille nicht mehr aus, nimmst morgens um 6.18h Dein Handy und schreibst: “ Guten Morgen O.! Ich möchte nur fragen ob wir diese Woche zusammen im Garten was machen können?“ O.s Antwort kommt nach 90 Minuten. Und läßt Dich mit einer Art Kreislaufschwäche in Deinem Bett zusammensinken. „Ich habe diese Woche keine Zeit!“ schreibt O. um 7.37h. „Meine Freundin hat Krebs und hat die ganze Woche Arzttermine“ – „Mein Gott“ tippst Du während wirbelnde bunte Punkte vor Deinen Augen flimmern. „Mein Gott“ –  „Am Freitag, nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind“ schreibt O. weiter „entscheidet ihr Arzt was sie machen. Eventuell kann ich Dir nächste Woche im Garten helfen“ – „Ok“ antwortest Du. „Sie hat letzten Donnerstag den Befund bekommen“ schreibt O. „Hatte nen Knoten – bösartig!!! Jetzt brauchen sie lauter Untersuchungen um zu wissen ob er gestreut hat usw. usw.!!!“

„Oh Gott“ schreibst Du wieder und spürst wie Dein ganzes Körperinneres sich schmerzhaft zusammenzieht. „Also völlig neu alles.“ -„Ja“ antwortet O. „Hätte Dir gerne im Garten geholfen aber sie hat jeden Tag Arzttermine und ich begleite sie!“ – „Ja klar!“ schreibst Du. „Es tut mir so leid für Euch!!!“ – „SIE kann einem leid tun!“ antwortet O. Und damit endet für Dich der magische Sommer 2015. Den Rest des Tages verbringst Du zusammen gekauert, Tee trinkend, trotz Wärme in Deinen Rollkragenpulli gehüllt, wie unter Schock. Versuchst O.s Lage zu begreifen und die Abläufe der vergangenen Tage zu rekonstruieren. Denn, etwas beschäftigt Dich. Gegen Abend kniest Du Dich deshalb auf den Wohnzimmerteppich, nimmst Dein Smartphone und legst einen Übersichtskalender daneben. Scrollst durch die Chats mit O. Vergleichst Wochentage und Daten. Bis Du es klar hast. Zweifelsfrei: In der Nacht Deiner überirdischen letzten Begegnung mit O. war ihm die lebensbedrohliche Diagnose seiner Freundin seit mehreren Stunden bekannt.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Summer of Love

Genau eine Nacht und einen Vormittag lang wirst Du getragen vom Hochgefühl über Dein lässiges Début als Cum-Slut im Hause von O. Dann ebbt der Endorphin-Rausch ab und die Realität holt Dich ein. Denn so cool Euer Date auch gewesen sein mag, ihm folgen sieben bleierne Tage an denen die Vögel im Garten verstummen und der wundervolle Frühsommer zum Erliegen kommt. Es sieht wieder einmal alles so aus als ob O. gleich nach Eurem Abschied für immer aus Deinem Leben gegangen wäre. Ohne ein Wort der Anerkennung. Ohne eine Geste des Danks. Er schreibt Dir weder morgens noch abends, weder tagsüber, noch nachts. Sein Whatsapp-Account sieht stillgelegt, abgeschaltet, einfach tot aus wenn Du ihn aufrufst. Die gespenstische Ruhe steht in krassem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit der Tage zuvor an denen O. Dich non stop mit Fragen und Wünschen kontaktierte. Und tut gerade deshalb besonders weh. Du versuchst die absurde Situation zu ertragen so gut Du kannst. Aber das kostet Dich sehr viel Kraft.

Freitag, 29.5.2015. Am Ende dieser schwierigen Woche stehst Du spätnachmittags im Garten und schaust gedankenfern dabei zu wie Dein Mann und Dein Sohn gemeinsam das Dach Eures Holzhüttchens reparieren. Du bist gerade dabei ihnen Bretter und Werkzeuge zu reichen als Du hörst daß im Inneren des Hauses irgendwo Dein Handy piept. Mit dem Nachrichtenton von O. „Hi Babe!!“ liest Du nachdem Du Dich unauffällig ins Haus gestohlen hast. „Hättest heute Abend Zeit?“ – „Wann wäre das?“ tippst Du. „Ab 21 Uhr“ antwortet O. „20 Minuten, oder?“ fragst Du betont cool. „Ja!“ antwortet O. „Will es mir nur schnell besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Soll ich die roten Schuhe mitbringen?“ – „Ja!“ antwortet O. „Und die weißen Strümpfe bitte auch!!“ – „Alles klar!“ schreibst Du. „Perfekt!“ antwortet O. Du atmest durch. Holst Schuhe und Strümpfe aus ihrem Versteck im Schlafzimmer und deponierst sie in Deiner Korbtasche neben der Haustür während Dein Mann und Dein Sohn im Garten hämmern. Dann gehst Du entschlossen zu ihnen hinaus.

„Herzen, Ihr müßt Euch heute Abend mal selber was kochen“ sagst Du mit kühler Stimme und blickst wie eine seelenlose Doppelgängerin Deiner selbst nach oben zu Deinem Mann und Deinem Sohn die verschwitzt auf dem Dach des Holzhüttchens knien. „Ich brauch mal Zeit für mich allein!“. „Magst Du alleine fernsehen?“ fragt Dein Sohn vom Hüttchendach herunter. „Nein. Ich will fahrradfahren“ antwortest Du schroff und wendest Dich ab um sein verwirrtes Gesicht nicht sehen zu müssen. „Ok. Wir kommen klar!“ rufen sie Dir nach. Du aber gehst ohne Dich noch einmal umzudrehen zurück ins Haus. Unter der Dusche versuchst Du Dein schlechtes Gewissen mit abzuwaschen, aber es gelingt Dir nicht ganz. „Egal“ denkst Du, als Du Dich in frischen Jeans und Sandalen mit Deinem Fahrrad davonmachst. „Einfach egal“. Du fährst eine halbe Stunde lang durch die abendliche Frühlingsluft. Machst Pause in einem kleinen Park. Versuchst Dich zu sammeln. „Zeit zu O. zu fahren“ denkst Du dann. Da piept Dein Handy.

„Klappt leider nicht!!!“ schreibt O. in der Kühle des Abends, exakt 15 Minuten vor Eurem vereinbarten Date. „Freundin bleibt zu Hause! Tut mir leid und sehr schade!“ – „Ja schade“ antwortest Du mechanisch. Ich hätte mich gefreut“. „Schönes Wochenende“ schiebst Du noch hinterher. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag geht der wundervolle Frühsommer dennoch weiter. Denn im Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe erblickst Du endlich wonach Du seit Monaten suchtest: DIE perfekten frivolen Highheel-Sandaletten. Marke Catwalk. Rot. Mit elegant geschwungenem 12cm-Absatz. 2cm hoher Plateausohle. Doppelt geschlungenem Fesselriemen UND dekorativer Seiten-Schleife im Knöchelbereich. Vor dem Ladenspiegel fotografierst Du Deine Füße in diesen Schuhen mit hochgekrempelter Jeans. „Geile Dinger, hm“ schreibst Du zu den Bildern die Du O. sendest dazu. „Oh ja Babe!“ antwortet er prompt. „Bitte kauf sie! Mir wird es super kommen wenn ich beim nächsten Mal Deine Beine in diesen Schuhen seh!!!“

Dienstag, 2.6.2015. Zwei Tage nach dem Kauf der neuen Schuhe erwachst Du morgens mit Gliederschmerzen und Schwächegefühl. Und als Du am frühen Nachmittag halbnackt auf Deinem Bett liegst um Bilder zu machen für O. wirst Du so heftig von Fieberschauern gebeutelt daß Du dein Handy kaum richtig halten kannst. 38,9 zeigt das Thermometer am frühen Abend. Von O. hörst Du nichts. In den Morgenstunden des folgenden Tages findet eine rasante Entfieberung in Deinem Körper statt. Danach fühlst Du Dich auf geradezu überirdische Weise geheilt. Beseelt, mit nie gekannter Energie schwebst Du durch den Sommertag. Fährst Rad. Suchst die Nähe von Menschen. Umarmst Deinen Sohn besonders innig als er nach Hause kommt. Kochst inspiriert für ihn und Deinen Mann. Dann fühlst Du die Gelenkschmerzen wiederkehren. Mußt Dich von Deinem Mann ins Schlafzimmer begleiten lassen wo ein neuer Fieberschub wie eine Tsunami-Welle über Dich hereinbricht. Die Temperatur steigt bis 40 Grad. Für den Rest der Woche kommst Du nicht mehr aus dem Bett.

Freitag, 5.6.2015. „Oh ein zweigipfliger Virusinfekt!“ schreibt Dein Freund der Suchtberater, als Du Dich am vierten Tag Deines Krankenlagers bei ihm meldest. „Die sind richtig heimtückisch und gefährlich. Wenn Du glaubst Du hast es hinter Dir dann holen sie Dich erst richtig. Steh bloß nicht zu früh auf!“ – „Ok“ antwortest Du und läßt Dich zurück in die Kissen sinken. Klar, dieser Virus ist wie O. denkst Du bevor Du in Genesungsschlaf fällst. Und Deine Beziehung zu ihm ist nun wohl auch auf immunologischer Ebene bei Dir angekommen. Unwirklich. Trügerisch. Von morbider Schönheit. So waren deine Fieberinfekte nicht bevor Du O. kanntest. Nun aber hat sich auch hier ein neues Erleben für Dich geöffnet das Dich gleichzeitig zurück in die Zeit Deiner Kindheit wirft als Dein Immunsystem noch unreif war. Du wirst auf Dich aufpassen müssen, denkst Du. Am frühen Abend weckt das Handy Dich aus Deinen Träumen. „Hi Babe“ schreibt O. „War in den Bergen. Bin wieder da!“ – „Schön!“ antwortest Du und fröstelst.

Der Sommer geht weiter. Am 9.Juni 2015 bricht Dein Mann auf zu einer dreiwöchigen Dienstreise durch Polen. In dieser Zeit schreibt O. Dir sehr oft am Morgen. Wie schön und erotisch er Dich findet. Wie dringend er es braucht Bilder von Dir zu bekommen und Dich besuchen zu dürfen. Dann wieder unterstellt er Dir Sex-Dates und sündige Chats mit einer Vielzahl von anderen Männern. „Schlampe!!! Ich sehe wenn Du online bist!!!“ schreibt er einmal mitten in der Nacht. „Was soll das?“ antwortest Du schlaftrunken. „Ich weiß daß Du andere Typen hast!!!“ schreibt O. „Und die werden es Dir mit Sicherheit auch besser besorgen als ich!!! Aber Du bist trotzdem der Wahnsinn für mich!!! Bitte laß es noch lange mit uns so weitergehen!!!“ – „Ich hab keinen anderen Plan!“ antwortest Du und versuchst zurück in den Schlaf zu finden. „Beweise es mir!!!“ schreibt O. „Ich besuche Dich bald! Und dann möchte ich was richtig Hartes mit Dir machen!!!“ – „Was denn?“ fragst Du alarmiert. „Etwas mit dem Gürtel aus Deiner Jeans!!!“ antwortet O.

Am Dienstag den 16. Juni 2015 weckt O. Dich zu früher Stunde mit einem eigenartigen Frageritual. „Guten Morgen mein Schatz!“ schreibt er um 6.06h. „Hast Du Dich heute nacht selbst befriedigt?“ – „Nein“ antwortest Du und fühlst wie eine Art Taubheit sich in Deinen Armen und Beinen ausbreitet. „Willst Du mich spüren?“ fragt O. „Sehr gerne!“ antwortest Du. „Liebst Du mich wirklich?“ fragt O. „Mehr als ich mit Worten schreiben kann!“ antwortest Du. „Mehr als Deine anderen Ficker?“ fragt O. „Es gibt keine!“ antwortest Du. „Bist Du noch meine Geliebte? fragt O. „Ich hoffe doch!“ antwortest Du. „Empfindest Du es wirklich so geil von mir genommen zu werden und mich zu lecken?“ fragt O. „Und wie!“ antwortest Du. „Ab wann bist Du heute alleine zu Hause?“ fragt O. „Ab 7Uhr 30“ antwortest Du. „Ich komme um 9Uhr zu Dir!!!“ schreibt O. „Kannst Du die weißen Strümpfe und die roten Schuhe anziehen und Dir Deinen Ledergürtel um den Bauch machen? Ich hab heute Lust Dich ein bisschen zu demütigen und zu schlagen!!!“

„Ein bisschen WAS?“ fragst Du zurück. Doch O. antwortet Dir nicht mehr. Erst um 7.58h piept Dein Handy erneut. „Bist Du bereit?“ fragt O. „Ich wollte gerade duschen“ antwortest Du. „Beeil Dich!!!“ schreibt O. „Ich bin gleich da!“ Du schaffst es mit Mühe Dich zurecht zu machen bevor es an Deiner Haustüre Sturm läutet. O. nicht hereinzulassen ist keine Option. Für Sekunden siehst Du, daß O. erneut sehr schön, sehr blaß und sehr geschmerzt aussieht als er sich zu Dir in den Hausflur drängt. Er trägt dunkelblaue Slipper zu einer hellbeigen Herren-Caprihose und ein T-Shirt über dessen seidigen dunkelblauen Stoff unzählige himmelblaue Vögel zu flattern scheinen. „Fast feminin“ denkst Du als O. Dich mit beiden Händen am Ledergürtel um deine Hüften packt und Dich ins Wohnzimmer zerrt. Dann schaltet Dein Verstand sich aus. Als Du wieder zu Dir kommst liegst Du rücklings auf der Couch und ringst nach Luft während O. den Gürtel den er um Deinen Hals gezogen hat lockert und Deinen Bauch sauber wischt.

„Alles ok Baby?“ fragt er und beugt sich kurz über Dein Gesicht. „Alles ok“ antwortest Du mit belegter Stimme und richtest Dich halb auf so daß er Dir den Gürtel vollständig vom Hals machen kann. Dann schaust Du noch leicht benommen dabei zu wie er in seine stylische Kleidung schlüpft bevor Du Dich vom Sofa kämpfst um ihn zu verabschieden. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt O. Dich heute fest in den Arm bevor er geht. „Danke für den super Start in den Tag, Kleine!“ murmelt er in Deine Halsgrube. „Es ist wirklich hammer mit Dir! Und nächste Woche schneide ich Dir garantiert die Hecke, ok?“ – „Das wäre super!“ antwortest Du und suchst eindringlich seinen Blick. „Tausendprozentig mach ich Dir das Baby!“ sagt O. „Aber jetzt muß ich gehen, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und machst ihm den Weg zur Haustür frei. Die Küchenuhr zeigt 8h49 als O. draußen im Vorgarten sein schwarzes Fahrrad entsperrt. Und Du klappst mit einem Hustenanfall auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem er gefahren ist.

Natürlich müssen  nun wieder einige Tage vergehen. In Schweigen, Verlustschmerz und Einsamkeit. Dann aber sendet O. Dir in den Morgenstunden des 25. Juni zehn Bilder aus dem Inneren seines Hauses und seines Gartens. Vom Haifisch aus Elektrodrahtgeflecht der stahlseilgesichert durchs Treppenhaus schwebt und weiteren Drahtkunstwerken von kühler, lichter Schwerelosigkeit. Du siehst eine Gruppe winziger bunter Püppchen im Wohnzimmer durch ein quaderförmig arrangiertes Kabelgespinst klettern und zwei fast lebensgroße, filigrane Menschenskulpturen in O.s Garten nebeneinander auf einer halbhohen Steingabione ruhen. „Meine neuesten Errungenschaften!“ schreibt er stolz dazu. „Oh danke für diesen Blick in Deine ganz spezielle Welt!“ antwortest Du beeindruckt. „Den Haifisch finde ich besonders toll. Der ist wie Du. Ein Raubtier mit ganz vielen feinen Nerven. So bist Du für mich!“ – „Babe, das hast Du wunderschön geschrieben!“ antwortet O. „Du bist doch ein sensibles Raubtier!“ schreibst Du.

„Eines was Antennen hat zu Welten die andere nie betreten weil sie viel zu feige dafür sind! Das ist es was ich so liebe an Dir. Was mir auch Angst macht manchmal. Und trotzdem liebe ich es!“ – „Du bist einfach klasse Ursula!“ antwortet O. und Du fühlst Ergriffenheit durch Dein Handy zu Dir dringen. „Du auch!“ schreibst Du. „Ich bin so glücklich ein kleiner Teil Deiner ganz speziellen Welt zu sein. Ich reihe mich gerne unter Deine Kunstobjekte ein!“ – „Du bist etwas ganz Besonderes und äußerst Wertvolles für mich!“ schreibt O. voller Pathos. „Es ist als ob Dich meine Fantasie erschaffen hätte!!! Ich bin unbeschreiblich glücklich daß es Dich in meinem Leben gibt! Bald komme ich zu Dir und schneide Deine Hecke! Aber vorher mußt Du mich auf Deinem Sofa lecken! Denn das ist für mich der Himmel!!! Und dann wenn wir den Garten machen mußt Du einen ganz kurzen dünnen Rock anziehen zum Mithelfen!!! Ohne Höschen drunter, ok?“ – „Ok“ antwortest Du. „Sehr gerne!“ – „Ursula ich liebe Dich!!!“ schreibt O.

Am 29. Juni 2015 macht O. sein Versprechen tatsächlich wahr und kommt früh am Tag zu Dir um die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. „Laß uns anfangen bevor ich keine Lust mehr hab!“ ruft er nachdem er ES mit Dir auf dem Sofa gemacht und danach sein Equipment vom metallicbraunen SUV auf die Terasse verladen hat. Natürlich arbeitet er nur mit hochwertigstem Gerät. Schnell. Präzise. Total fokussiert. Nie wurde die Hecke exakter getrimmt. Nie wurden die Buchskugeln perfekter gerundet. Du erlebst allerdings einen Mann im Kampfmodus, keinen sensiblen Pflanzenversteher als Du beobachtest wie O. mit gezückter, gleißender Motorheckenschere im Vormittagslicht umherwirbelt. Behelmt. Im Schnittschutzoverall. Mit Ohrenschützern. Und Sonnenbrille hinter dem heruntergeklappten Visier. „Garten ist Krieg“ denkst Du während Du selbst in Sandalen und einem violetten Baumwoll-Minikleid das Schnittgut zusammenrechst. OHNE Slip. Um 14 Uhr seid Ihr fertig. „Danke für die sexy Mithilfe“ sagt O. nachdem alles aufgeräumt ist. „350 Freundschaftspreis, ok?“

Am Abend sitzst Du mit mückenzerstochenen Beinen und sonnenverbrannten Schultern im Wohnzimmer auf der Couch und spürst das Gefühl von Zerrissenheit und Trauer das O.s Garten-Performance in Dir hinterlassen hat. Mehr als jedes andere Date. „Liebster“ schreibst Du deshalb um 18.30h. „Vielen vielen Dank daß Du heute hier warst. Das ist der beste Heckenschnitt der jemals hier gemacht wurde! Ich bin total beeindruckt von Dir! Und ich wäre so glücklich wenn Du mir auch weiterhin noch manchmal helfen könntest!“ – „Das freut mich natürlich!“ antwortet O. „Aber Du mußt wissen daß es so günstig wie heute dauerhaft nicht geht! War echt ne Ausnahme daß ich es für so wenig Geld gemacht hab!“ -„Kein Thema!“ schreibst Du. „DU bist der Boss. Ich bewundere Dich so sehr. Und das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Süße, jetzt übertreib mal nicht!!!“ antwortet O. „Ich hatte in meiner Kindheit sehr viel Unglück und als Erwachsener sehr viel Glück! Und jetzt schneide ich halt Hecken und Bäume!“

„Ich übertreibe nicht!“ antwortest Du und spürst wie es Dir kalt über den Rücken läuft. „Du schneidest nicht nur Hecken und Bäume! Du hast Dein Leben aus den Trümmern Deiner Kindheit neu zusammengesetzt! Und Dich selber mit dazu! Du hast Dich aus Deinen Verletzungen neu erschaffen! Und wenn Du jetzt Hecken und Bäume schneidest berührst Du damit mein Herz!“ Kurze Pause. „Du hast bestimmt Dinge überlebt an denen ein Anderer zerbrochen wäre!“ fügst Du hinzu, da O. nicht gleich zurück schreibt. „Die Bilder in Deinem Treppenhaus lassen das ahnen. Und Du hast es überlebt. Das macht Deine Stärke aus die ich so bewundere. Du hast gelernt Dich zu schützen wie niemand sonst den ich kenne! Ich liebe Dich!“ Für eine geraume Weile geschieht nichts. O. schweigt und Du machst Dir Sorgen zu weit gegangen, zu indiskret gewesen zu sein mit dem was Du da eben geschrieben hast. Erst um 20.17h piept Dein Handy noch einmal. „Ich helfe Dir gerne weiterhin mit dem Garten wenn Du das möchtest“ schreibt O.

 

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Literaturwissenschaftlerin

Born to swallow

Dienstag, 12.5.2015, 23h. Am Tag nach dem Versöhnungs-Sex im Haus von O. sitzst Du spätabends im Dachzimmer vor dem PC. Du versuchst Werke der Urban Art ausfindig zu machen die denen in O.s Domizil ähneln. Tränenüberströmte Mädchengesichter. Ineinanderfallende Städte. Verwaiste Planeten. Es ist DIE Kunstform des Bizarren, stellst Du fest. Fragmentiertes, Zerborstenes, Verletztes aller Art hat hier seinen Platz. Grelles, Giftiges. Abgründiges und Krankes. Gemälde von Heimatlosen für Heimatlose, denkst Du, während Dein Blick über die Darstellungen postapokalyptischer Megacities schweift. Von anonymen Großstadtvaganten für Menschen ohne Wurzel, ohne Tradition. Die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft verloren haben, in irgendeiner Düsternis. Für Menschen wie O., denkst Du. Dein Handy piept. Mit dem Klingelton von O. „Noch wach?“ schreibt er. „Ja“ antwortest Du. „Willst morgen früh im Auto?“ fragt O. Dein Herz klopft. „Wann und wo wäre das?“ schreibst Du. „Gewerbegebiet, Parkpklatz, 4h“ schreibt O. „Genau“ denkst Du.

Eigentlich bist Du sehr schlafbedürftig. Und innerlich auch noch gar nicht bereit O. schon wieder zu begegnen. Dein Nervensystem ist noch erschüttert, seit gestern vormittag. Und dennoch schreibst Du: „Könntest Du mich dann wo abholen?“ – „Wenn ich zeitig wach bin melde ich mich morgen früh!“ antwortet O. „Ok. Ich laß das Handy an“ schreibst Du. „Ok! Küsse“ antwortet O. „VIELE Küsse!“ schreibst Du. Von Mitternacht bis 3h schläfst Du tief. Dann wirst Du aprupt wach und tastest unter der Bettdecke panisch nach Deinem Handy, voller Sorge O.s Weckruf überhört zu haben. Aber nichts. Erleichtert läßt Du Dich zurück ins Reich der Träume fallen. 6.13h. Nachrichten-Ton von O. „Guten Morgen“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Danke daß Du mich nicht geweckt hast. Ich war wirklich sehr sehr müde und hab durchgeschlafen bis jetzt.“ – „Ich bin schon lange wach!!!“ antwortet O. „Habe aber gespürt daß Du den Schlaf brauchst!!!“ – „Wirklich?“ schreibst Du tief gerührt. „Wirklich!“ antwortet O.

Du verlebst nun einen wunderbaren Frühsommer. Genauer gesagt: das, was Du dafür hältst. Am 18.5. entdeckst Du in einem Schuhgeschäft in Deiner Gegend elegante, stylisch geschnittene Pumps aus tiefrotem Veloursleder mit goldenen Nieten im Fersenbereich. Zu Hause trägst Du sie zu den weißen halterlosen Strümpfen und einer leicht transparenten weißen Hemdbluse. Und machst im Schlafzimmer sehr viele, sehr gute Bilder. O. ist begeistert als Du sie ihm schickst. „Die roten Schuhe mit der weißen Wäsche sind echt der Hammer an Dir!!!“ schreibt er. „Werde versuchen einen weißen Catsuite für Dich zu bekommen!“ – „Ok. Nicht zu klein kaufen bitte!“ schreibst Du ein wenig unsicher zurück. „Babe, Dein Körper ist absolut perfekt!“ antwortet O. „Du bist meine super sexy Sex-Göttin und ich wünsche mir sehr sehr fest dass wir noch lange in sexuellem Kontakt bleiben!!!“ – „Das wünsche ich mir auch!!!“ antwortest Du bewegt. „Wir passen doch sehr gut zusammen“ – „Wir sind füreinander geschaffen!“ antwortet O.

Bereits am 22. Mai 2015 bestellt O. Dich wieder zu sich ins Haus. „Ich liebe Dich. Ich brauche Dich“ schreibt er morgens um 7.18h und daß er bis ans Ende Eurer beider Leben Rim-Jobs von Dir bekommen wollen wird. Um 9.36h möchte er daß Du ein Video für ihn drehst. „Leg Dich in Strümpfen aufs Bett und sag mir wie sehr Du mich liebst!“ schreibt er. Um 11.15h bittet er Dich Deine Fingernägel hellrot zu lackieren und verlangt nach Bildern von deinen Händen. Um 13.12h fragt er ob Du Punkt 14.45h zu ihm ins Haus kommen könntest. Und ob Du es ok fändest NUR den Rim-Job für ihn zu machen, ohne selbst genommen zu werden. „Ja!“ antwortest Du. „Willst Geld für Deine Dienste?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Aber ich wünsche mir nochmal ein Foto von Dir!“ O. antwortet nicht. Aber als Du ihm um 14.42h mitteilst daß Du bei der Parkank bist, schickt er Dir eins. In einem anthrazitgrauen Hemd vor einem schwarzbunten Spray-Scratch-Bild stehend. Ganz cool. Ganz Demon Lover. Ganz Fürst der Dunkelheit.

Im Haus mit den vielen Bildern geht diesmal alles ganz besonders schnell. „Geh hoch, zieh die roten Schuhe an und leg Dich schon mal hin!“ sagt O. und schiebt Dich in Richtung Treppenhaus. „Bin dann gleich bei Dir.“ – „Ok“ flüsterst Du und beeilst Dich ins obere Stockwerk zu kommen wo eine Zimmertür offen steht. Der gleiche Raum wie bei Deinem letzten Besuch. Im diffusen Licht der halb herunter gelassenen Rollos erkennst Du grellbunte Troll- und Ogre-Figuren in scharfkantigen Glasvitrinen. O.s Zimmer? denkst Du während Du Deine Jeans ausziehst, die roten Pumps aus Deiner Tasche nimmst und über die weißen Strümpfe ziehst. Noch ehe Du Dich auf dem abgedeckten Bett zurechtlegen kannst ist O. plötzlich da. Mit hastigen Bewegungen wirft er seine Kleider von sich. Dann nimmt er Dich zwischen seine Knie, fährt flüchtig mit einem Zeigefinger über den Stoff Deiner weißen Hemdbluse und spuckt zwischen Deine halb geöffneten Beine. Und bevor er in Dich eindringt sagt er einen merkwürdig beklemmenden Satz:

„Die Alte“ sagt O. mit sehr fremder, sehr heiserer Stimme, „die kommt gleich wieder. Die Alte die ist bloß ganz kurz beim Arzt“. Du richtest Dich auf. „Was Ernstes?“ willst Du fragen. Aber bevor Du noch einen Ton herausgebracht hast, legt O. seine linke Hand auf Deinen Mund, drückt Deinen Oberkörper zurück nach hinten und dringt in Dich ein. Er stößt Dich weniger hart als sonst. Dennoch bist Du froh als er damit aufhört und Du deinen Rim-Job machen kannst. Am Ende dreht O. sich zu Dir um und klemmt Deinen Oberkörper zwischen seine Knie. „Willst Du schlucken, Schlampe?“ fragt er und blickt auf Dich herab. „Ok“ sagst Du und öffnest willig Deinen Mund. O. trifft präzise hinein. Dann verharrt er noch für Sekunden angehockt über Deinem Brustkorb und beobachtet genau wie Du Deine Lippen wieder schließt und mit einer gut von außen sichtbaren Bewegung Deines Kehldeckels alles hinunter schluckst. „Brav Baby“ sagt er zufrieden und fährt mit einer Hand kurz durch Deine Haare. Du lächelst ihn an.

Leider hat O. nun keinen weiteren Blick mehr für Dich. Er geht nur einfach ins Gästebadezimmer nebenan um dort ein Kleenex für Dich zu holen. Dann rafft er stumm seine Kleider vom Boden auf und eilt hinaus während Du Dich notdürftig in Ordnung bringst. Als Du fertig angezogen bist drehst Du das benutzte Kleenex ein wenig unschlüssig in Deinen Händen. Dann knüllst Du es zusammen und stopfst es in die Vordertasche von deiner Jeans bevor Du hinaus trittst ins Treppenhaus. Auf dem obersten Treppenabsatz bemerkst Du daß hier neuerdings ein großer Hai aus Elektrodrahtgeflecht unter der Decke schwebt und die im Haus herrschende Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr verstärkt. Unten im Flur erwartet Dich O. Du empfindest daß er heute besonders blaß und edel wirkt, in seinem dunkelgrauen Hemd und der beigen Bermuda und würdest ihn zu gerne küssen zum Abschied. Aber Du weißt daß er das absolut nicht wollen würde, so kurz nachdem Du ES von IHM geschluckt hast. Deshalb sagst Du einfach nur Ciao. „Ciao“ erwidert O.

Zu Hause, um 15.18h, stellst Du erst einmal fest daß das Kleenex doch nicht ganz alle Spuren von O. aus Deinem Gesicht beseitigen konnte. Du machst ein paar Selfies, für Dich, zur Erinnerung und erschrickst über den merkwürdig starren Blick mit dem Du Dir selbst aus der Smartphone-Kamera entgegenblickst. Nachdem Du geduscht und ein frisches Kapuzenshirt angezogen hast geht es Dir besser. Abends kuschelst Du Dich aufs Sofa während Dein Sohn im Zimmer über Dir schläft und betrachtest im Handy das Bild, das O. Dir geschickt hat. Wie wunderschön er doch ist, denkst Du. Dann kannst Du nicht anders, Du mußt ihm schreiben auf Whatsapp. Daß sein Körper wie eine kühle, glatte Marmorstatue ist, die Du nur immer ansehen möchtest. Daß er Dir überhaupt erscheint wie ein Magier aus einer fernen Welt, inmitten all der Bilder in seinem Haus. Und daß Du niemals aufhören wirst ihn zu lieben. Du schreibst viele lange Sätze voller Zuneigung und Dankbarkeit. Antwort kommt selbstverständlich keine zurück.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Lady in White (Grand Hoover Nmbr. 1)

Am Morgen des 11. Mai 2015 ist irgendetwas anders als an all jenen vielen Tagen seitdem O. Dich verstieß. Das Licht der Sonne dringt heller ins Zimmer. Die Vögel trillern lauter im Garten. Das Mühlsteingefühl auf Deiner Brust beim Aufwachen erscheint nicht mehr ganz so schwer. Auch Deine allmorgendliche Angst das Handy und mit ihm O.s Schweigen, O.s Verachtung, O.s Abwendung von Dir einzuschalten ist etwas weniger lähmend als sonst. Du wirst heute Dein zartrosa Empire-Top mit der Rückenschleife aus Rips zum Fahrradfahren anziehen, denkst Du und wunderst Dich als Du aufs Handy schaust: Auf dem Display erscheint ein ungewohnter, grün fluoreszierender Querbalken. Mit einer magischen Botschaft: Unbeantworteter Anruf 5.18h. Dein Herzschlag setzt aus, für einige Sekunden. Es kann niemand anderer gewesen sein als O., zu dessen irrlichterndem Lebensstil es paßt, Dich mal eben in der Morgenfrühe wachzuläuten. Aber wenn nicht? Du hast Angst nachzusehen. Und tust es doch. Bingo. Der Call kam von O.

In der Küche nimmst Du Dir zehn Minuten Zeit um Tee zu kochen und nachzudenken. Gemäß der No-Contact-Regel dürftest Du O.s Anruf keinesfalls beantworten. Stattdessen müßtest Du jetzt Dein Handy sofort dauerhaft für alles was von O. kommt sperren. Du versuchst Dir klarzumachen daß O.s Kontaktaufnahme nichts weiter ist als das Bemühen Dich, gerade jetzt wo Du ein wenig auflebst, erneut unter Kontrolle zu bekommen. Für neue Enttäuschungen. Neuen Schmerz. Und dennoch. Die Euphorie die Dich erfüllt, sie ist mit nichts vergleichbar. Es ist als ob eine stillgestandene Uhr in Deinem Inneren auf einmal wieder anspringt. Der Rückwärtslauf der Zeit ist aufgehoben. Du bist zurück im Leben. Um 8Uhr18 atmest Du deshalb durch, nimmst Dein Handy und schreibst: „War es was Wichtiges wegen dem Du heute angerufen hast?“ – „Wollte nur wissen ob Du meine Hilfe bei der Hecke noch brauchst!!!“ antwortet O. nach drei Minuten. „Ja!“ schreibst Du zurück. Und damit beginnt das Spiel zwischen O. und Dir wieder von vorn.

„Kostenlos kann ich diese Arbeit aber nicht machen!!!“schreibt O. während Du am Küchentisch in Deiner Teetasse rührst. „Ich bezahle natürlich was Du verlangst!“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. Eine Pause entsteht. Du versuchst nicht nervös zu werden. Nippst am Tee. „Ich bin Dir sehr dankbar wenn Du mir hilfst“ willst Du gerade tippen. Da kommt O. Dir zuvor. „Hast viel gefickt?“ schreibt er. „Nein“ antwortest Du wahrheitsgemäß. „Willst mal wieder?“ fragt O. „Doch“ antwortest Du, fassungslos über Dich selbst. Denn eigentlich hattest Du ja vor, O. zappeln, flehen und um Gnade winseln zu lassen, sollte er jemals versuchen Dich zu sich zurück zu holen. Stolz und kalt hattest Du sein wollen, genau so wie er selbst es immer war. Und nun schreibst Du einfach „Doch“ auf die Frage ob er es mal wieder mit Dir machen soll. Und schiebst sogar noch „Gerne“ hinterher. Du bist anscheinend nicht zu retten. Auch viele Fragen hättest Du ihm stellen wollen. Aber sie sind alle vollkommen unwichtig geworden.

„Willst Du überhaupt noch Kontakt zu mir haben?“ schreibt O. unvermutet. „Doch“ tippst Du wieder. „Wenn ich keinen Kontakt zu Dir wollen würde hätte ich Dir nicht geantwortet“. – „Aber warum hast Du mich dann auf Whatsapp blockiert??!?“ schreibt O. „So halt“ antwortest Du hilflos. „Babe!!“ textet O. „Zum Beweis daß es Dir ernst ist mußt Du mich sofort entblocken und mir ein Bild von deinen Brüsten schicken!!! Ich will unbedingt Deine harten dunklen Nippeln sehen!!! Sonst kann ich Dir nicht verzeihen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und zerrst hektisch an Deinem T-Shirt. „Ich möchte dann aber auch mal ein Bild von Dir!“ – „Das bekommst Du!!!“ schreibt O. „Sobald Du mich auf Whatsapp freigibst schick ich Dir ein Bild von meinem Schwanz!!!“ – „Ich will auch eins von Deinen Augen“ textest Du. „Das geht jetzt wirklich nicht Babe!!!“ schreibt O. „Ich habe noch nicht geduscht und möchte Dir gerade nicht meine verschlafenen Augen als Foto senden!! Bitte beeil Dich. Mach Bilder. Und geh zurück auf Whatsapp!!!“

Nachdem Du O. auf Whatsapp freigegeben hast um ihm die Gegenlicht-Aufnahmen von Deiner Brust zu schicken die Du rasch im Badezimmer gemacht hast, ist im Chatfenster bereits ein Bild im Bokeh-Modus zu erkennen. Als Du darauftippst um es zu öffnen erkennst Du, daß O. sein Versprechen wahr gemacht hat: vor dem Hintergrund des mit halbleergetrunkenen Smoothie-Flaschen beladenen Couchtischs aus Chrom hat er IHN fotografiert: schräg zwischen seinen hellen, weit geöffneten Schenkeln aufragend, sanft durchblutet, unschuldsvoll und dennoch bedrohlich in seinem reinen phallischen So-Sein, herausfordernd, selbstsicher, alternativlos, unentrinnbar: O.s Allzweckwaffe, O.s Zweites Ich, O.s Bestes Stück. Il suo cazzo. Zum Anbeten. Zum Niederknien. „Dein Schwanz ist hammer- hammer- hammer-geil!“ schreibst Du ergriffen. „Und jetzt schick Du die Bilder!!!“ antwortet O. Du gehorchst. „Geil!!! Willst Dich auf mich setzen und Dir nen Orgasmus abholen?“ schreibt O. „Gern!“ antwortest Du. Hoover accomplished.

„Babe, ich möchte aber daß Du diesmal eine schwarze Strumpfhose ohne Slip drunter trägst wenn Du zu mir kommst!“ schreibt O. während Du im Bad stehst und Deine Haare kämmst. „Reißt Du mir sie dann wieder auf, so wie beim letzten Mal?“ fragst Du. „Ja, Babe“ antwortet O. „Und jetzt mach schnell bitte. Ich will Dich anfassen!“. Es gelingt Dir cool zu bleiben. Anders als bisher zittern heute Deine Finger nicht als Du die Nylonstrümpfe hochziehst und die Rückenschleife vom Empire-Top bindest. Und als Du bereit bist aus dem Haus zu gehen, gelingt es Dir sogar, mit ruhiger Hand ein Foto von Deiner Unterbauchregion zu machen auf der sich Dein Jugendstil-Tattoo durch den schwarzen Strumpfhosenstoff abzeichnet. „Bin startklar!“ schreibst Du und sendest es O. „Melde Dich wenn Du beim Park bist!!!! Ich öffne die Garage!“ antwortet er. Und dann sendet auch er noch ein Bild. Von sich selbst. Sehr verloren vor einer riesigen, weißen Schrankwand stehend. Irgendwo in seinem Haus. Es erschüttert Dich zutiefst.

„Oh danke. Das vergess ich Dir nie!“ tippst Du und merkst daß Deine Finger nun doch anfangen heftig zu zittern. O.s Anblick auf dem Bild geht Dir durch Mark und Bein. Wie ein todtrauriger Schuljunge dem jemand bitter unrecht tat. So steht er da in seinem dezent blau-gelb gemusterten Marken-Karohemd mit dem bis oben zugeknöpften Kragen. Einsam. Hochmütig. Vorwurfsvoll. Mit einem bitteren Zug um den verschlossenen Mund. Und dennoch: soo sexy mit dem Hauch eines Drei-Tage-Barts auf den bleichen Wangen. In Dir findet eine Kernschmelze statt. Du möchtest direkt zu O. hinrennen, Dich ihm zu Füßen werfen und so lange vor ihm liegen bleiben bis die Eis-Schicht die sein Herz umgibt geschmolzen ist. Egal wie lang es dauert. Aber Du weißt daß das nicht geht. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb atmest Du durch, schlüpfst in Deine Stiefeletten die Du lang nicht mehr getragen hast, nimmst Dein Handy und schreibst: „Bin startklar!“ – „Dann komm!“ antwortet O. „Ja“ schreibst Du und eilst nach draußen.

Auf der Strasse wirst Du von sommerlicher Wärme umfangen. Du weißt daß alles gut gehen wird, heute. Bereits um 10.15h kommst Du mit Deinem Fahrrad bei der Parkbank an und meldest Dich bei O. Drei Minuten später erreichst Du das Haus mit den vielen Bildern das im Schein der Frühlingssonne gar nicht SO kalt und furchteinflößend auf Dich wirkt wie bisher. Merkwürdig vertraut. Als ob Du es aus Fieberträumen Deiner Kindheit kennen würdest oder vor sehr langer Zeit schon einmal hier gelebt hättest. Du weißt etwas über seine Geheimnisse. Und bist selber Teil seiner Geschichte. Das gibt Dir ein Gefühl von Stärke als Du auf Deinem Fahrrad in den Schattenraum der Garage einpassierst. Deren großes, vollautomatisches Tor sich wie ein gieriger Schlund langsam vor Dir öffnet und gleich hinter Dir wieder schließt. Während O. im Rahmen der Verbindungstür zum Haus lehnt und von der dreistufigen Betontreppe herab dabei zusieht wie Du Dein Fahrrad neben dem  metallicbraunen SUV abstellst. Wie immer…

Als O. Dich im Flur seines Hauses mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßt und Dich mit stummen Gesten anweist, Jeans und Empire-Top auszuziehen und nur in Strumpfhose und Stiefeletten vor ihm her durchs Treppenhaus nach oben zu gehen, verlierst Du wieder einmal das Gefühl für Raum und Zeit. Somnanbul. Als hätte es weder eine zweimonatige Trennung noch die Erotik-Selfies anderer Frauen jemals zwischen Euch gegeben. So läßt Du Dich von O. herumführen und in eins der Zimmer im ersten Stock schubsen wo auch heute wieder irgendeine Liegefläche abgedeckt mit einem weißen Leintuch auf Dich wartet. Bevor er Dir gestattet Dich bäuchlings darauf fallen zu lassen legt O. von hinten seinen Arm um Deinen Hals und zieht Dich eng zu sich heran. „Hast viel gefickt? Darfst es ruhig sagen!“ zischt er Dir ins Ohr. „Nein“ antwortest Du. „Dreckige Lügnerin“ murmelt O. und stößt Dich aufs Bett. Du vergräbst Dein Gesicht in den Kissen unter dem Leintuch. Und hinter Dir zieht O. sich aus …

Es ereignet sich dann, während O. sich mit seiner großen Hand an Deiner Gesäßregion zu schaffen macht und die schwarze Nylonstrumpfhose zwischen Deinen Beinen aufreißt so daß Dein Po freiliegt, einmal mehr der Moment totaler Wehrlosigkeit. Gefolgt vom Moment der Erleichterung daß O. Dich auch heute NUR vaginal so hart stößt daß Dir kurzzeitig schwarz wird vor Augen. Der Moment der Dankbarkeit als Du Dich dann auf den Rücken drehen und kurz Luft holen darfst bevor O. sich über Dein Gesicht hockt um den Rim-Job zu bekommen. Der Moment von Verwirrung und vollkommener Verlassenheit, in dem O. mittendrin plötzlich aufsteht und in den Schrankfluchten des Nebenzimmers äonenlang etwas ganz Bestimmtes sucht, während Du in Deiner zerfetzten schwarzen Nylonstrumpfhose daliegst und versuchst das Aufeinanderschlagen Deiner Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Ein schneeweißes Anzughemd aus glattem, kühlem Stoff und eine Packung weißer halterloser Strümpfe bringt O. mit als er endlich zurück kommt. Und als Du hineinschlüpfst filmt er Dich …

„Das schaut supergeil aus Baby“ sagt O. während er mit einer Hand sein Smartphone über Deinem weiß gewandeten Körper hin und her bewegt und mit der anderen das Herrenhemd  noch ein wenig zurecht zupft. „So gefällst Du mir richtig gut!“ – “ Freut mich“ sagst Du und reckst ihm sehnsuchtsvoll Deine Hände aus den überlangen Hemdärmeln entgegen. „Kuscheln geht jetzt aber wirklich nicht, Baby“ sagt O. streng und legt sein Handy beiseite. „Aber zu Ende lecken darfst Du mich jetzt, ok?“ – „Ok“ sagst Du und räkelst Dich für ihn zurecht. Dann kommt der Moment in dem alles gut ist und es übernatürlich hell zu werden scheint im Raum. Der Moment in dem Du weißt daß Du auch heute wieder Deinen Rim-Job sehr gut gemacht hast weil Du O.s Eruption auf Dir fühlst. Und er sie wenig später sehr andachtsvoll von Deinem Bauch wischt. Mit einem besonders flauschigen Waschlappen den er extra dafür aus dem Gästebadezimmer nebenan geholt hat.

„Die Strümpfe kannst Du behalten“ sagt O. nachdem es alles vorbei ist. „Vielleicht magst ja zu Hause paar Fotos davon machen. Aber das Hemd das brauche ich noch!“ – „Klar“ sagst Du, ziehst es aus und faltest es sorgfältig zusammen bevor Du es ihm gibst. Dann nimmst Du Deine Stiefeletten in die Hand und gehst, barstrümpfig und nackt wie Du bist, hinter O. her durchs Treppenhaus hinunter, dahin wo Deine Jeans und Dein Empire-Top liegen. Als Du Dich fertig angezogen hast, steht O. etwas entfernt unter einem großen, in Öl gemalten Fantasy-Triptychon das wie ein dreiteiliges Fenster den Raum zum grau-grünen Firmament über Urdenia oder Isania zu öffnen scheint. Er schaut Dich unverwandt an. „Magst jetzt wieder öfter kommen?“ fragt er. „Gern“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., begleitet Dich bis an die Verbindungstür zur Garage und läßt sie hinter Dir zufallen noch ehe Du bei Deinem Fahrrad angelangt bist. Nun kommt der Moment in dem Dir beinahe das Herz bricht weil Du nicht einfach so gehen willst. Doch dann fährst Du heim.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Eremitage

Sonntag, 22.3.2015 Frühjahresgleiche. Wegscheide zwischen Licht und Dunkelheit. Für Menschen die nicht in einer destruktiven On-Off-Beziehung leben so wie Du, beginnt nun die Phase der warmen, hellen Tage. Du aber, die Du am Morgen nach Deinem Whatsapp-Kniefall vor O. in klinischer Stille aufwachst ohne Deinen Körper zu spüren, scheinst zur Rückkehr in ewige Wintertrübe verurteilt. Beim Hinuntergehen in die Küche wunderst Du Dich, daß Du nicht fällst auf der Treppe. Denn Du fühlst Dich wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden. Führungslos. Desorientiert. Ohne Halt. Und draußen auf der Straße hast Du das Empfinden als Fremde, Unsichtbare unter den Menschen zu wandern. Wo immer Du Dich aufhältst scheint ein Smog-Schleier über der Stadt zu liegen, der Dich von allem abtrennt. Geräusche. Farben. Lichtreflexe. Fragen Deines Sohnes. Alles kommt in gedämpfter, abgebremster Form bei Dir an. Du fühlst nichts. Nichts, außer der dumpfen Verzweiflung beim Blick auf das stumme, leere Display Deines Handys.

Einige Tage lang schaffst Du es mit eiserner Disziplin, NICHT Deine Whatsapp-Chats mit O. aufzurufen. Als Du es dann doch tust, an einem leeren, kalten Vormittag Ende März, weil Du hoffst dadurch irgendetwas besser zu verstehen, ist O. natürlich online. In wohlbekannter, hochtouriger Lebendigkeit. ER ist nicht einsam. ER hat keine Sehnsucht nach Dir. Es trifft Dich ins Mark das zu sehen. Als der Schwindelanfall abebbt und die Mouches volantes vor Deinen Augen allmählich verschwinden, weißt Du daß Dir nur eines übrig bleibt: Du mußt O. blockieren. Wenn schon nicht vom Handy, so zumindest auf Whatsapp. Für einige Minuten ringst Du mit Dir. Fürchtest, O.s Zorn noch mehr auf Dich zu ziehen, mit diesem Schritt, und ihn dadurch endgültig, für immer zu verlieren. Dann aber überwindest Du Dich. Klickst auf „Mehr“ und dann auf „Blockieren“. „Blockierte Kontakte können Dir keine Nachrichten mehr schicken“ warnt die App. Du bestätigst Deine Entscheidung. O.s Online-Stempel verschwindet. Du atmest auf.

Die Nächte sind schön. Denn irgendein gnädiger Neurotransmitter aus Deinem körpereigenen Trost- und Belohnungssystem sendet Dir regelmäßig wunderbare Träume. In Technicolor. Bonbonbunt. Lichtdurchflutet. Zuckersüß. Was im Leben Dir verwehrt war, wird im Reiche Hypnos Dir gestattet: Du begegnest einem sanften, einfühlsamen O., der Hand in Hand mit Dir über sommerliche Feldwege schlendert, Dich auf Rummelplätzen küßt, bei Einbruch der Dunkelheit in seine Lederjacke hüllt und auf einem Vintage-Bike unter blinkenden Sternen nach Hause fährt. Während Du dich eng an seinen Rücken schmiegst. Ihr seid beide sehr jung und sehr glücklich in allen diesen Deinen Träumen. Umso schmerzhafter ist das allmorgendliche Erwachen. Kein O., nirgends. Jeder neue dieser Tage liegt vor Dir wie ein dunkler Tunnel an dessen Ende niemals Licht erscheinen wird. Die Stadt ist grau. Dein Sohn hat schlechte Schulnoten. Dein Mann ist ständig unterwegs. Und Du, Du bist auf Entzug. Kaltem Entzug. Von der Droge O.

Dich in der Öffentlichkeit aufzuhalten vermeidest Du so gut es geht. Denn es sind einfach zu viele Frauen draußen auf der Straße. Hübsche, unbelastete Frauen. So wie Du selbst eine warst, vor 8 Monaten. Sie sitzen im Straßencafe und halten ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Sie spazieren durch den Park oder bummeln an Schaufenstern vorbei. Und blicken dabei versonnen lächelnd aufs Handy. Manche steigen sogar vom Fahrrad und lehnen sich an einer Hauswand an um etwas zu lesen was ihnen geschickt wurde. Etwas Cooles, Frivoles. „Hey Babe, ich will Dich!“ Irgendwas in der Art. Von einem Lover wie O., ja, höchstwahrscheinlich sogar von O. selbst. Auf solche Gedanken kommst Du, sobald Du draußen bist. Denn O. kennt ja alle Frauen Deiner Stadt und ist in der Lage sofort eine von ihnen klarzumachen. Deine größte Angst ist, es zufällig mitzubekommen, wie er gerade eine neue Schöne angräbt. In der Nähe vom Ort Eures Kennenlernens etwa. Aus all diesen Gründen gehst Du nur noch selten raus.

Das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach Eures Hauses wird in diesen Wochen zu Deinem Lebensmittelpunkt. Hier verbarrikadierst Du dich bei heruntergelassenem Rollo vor dem PC, während die Welt draußen täglich lebensfroher wird. Ob hinter dem verdunkeltem Fenster die Sonne scheint oder die Sterne am Nachthimmel glitzern. Wann immer es Deine Zeit erlaubt suchst Du Zuflucht im Internet. Aber nicht mehr bei den behäbigen, deutschsprachigen Darstellungen der Borderline-Störung, die meist als wehleidig-moralisierender Opferdiskurs daherkommen, sondern vielmehr bei den Blogs und Foren von Autorinnen und Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Pragmatisch. Illusionslos. Und dabei doch humorvoll, frech und kreativ. So wird hier dem Typus des emotional-instabilen, narzisstisch gestörten Mannes begegnet. Und seinem Gegenüber. Der allzu empathischen, mangelhaft abgegrenzten, codependenten Frau. Wo immer Du auch liest, die amerikanischen Blogs, sie portraitieren Dich und O.

Besser als in Deiner eigenen Muttersprache machen die Exegetinnen aus dem Lande Uncle Sams Dir die naturgegebene Volatilität Deiner Beziehung zu O. bewußt. Idealization. Devaluation. Discard. Diesem Drei-Phasen-Modell folgt unweigerlich jede romantische Beziehung zwischen Menschen wie Dir und O. Und über das, was Du für Deinen narzisstischen Geliebten wirklich bist oder warst, besteht jenseits des Großen Teiches auch kein Zweifel: „Narcissism is the ultimate experience of objectification“ schreibt etwa Melanie Tonia Evans. „To this type of person you are not a person with feelings. You are a source of narcissistic supply, and all shows of love, affection and empathy are constructed to lure you as this source. Ultimately you are not a person, you are a ‚thing‘ to feed off and sustain his existence. When you finally leave the narcissist, … , the narcissist will find another source and another and then another. The cycle doesn’t end … The narcissist is what a narcissist is.“

Vier Wochen lang sitzst Du vor dem PC. 24/7, nahezu. Du liest und liest. Vom unechten, konstruierten Selbst des Narzissten: the Narcissist’s Fake Personality. Vom Arsenal seiner manipulativen Strategien die Du alle selbst, am eigenen Leib erfahren hast: Silent Treatment. Blame Shifting. Promise Breaking. Gaslighting. Von seinen subkriminellen Wesenszügen: Liar. Serial Cheater. Con-Artist. Von seiner selbstbezogenen, auf Macht und Beherrschung zielenden Sexualität: „No emotions, no bonds, no relationships, no love. The kinkier the sex, the better he likes it.“ Du begreifst, daß Du Dir nicht die Schuld zu geben brauchst am Scheitern Deiner Beziehung zu O.: „You did NOTHING wrong. … A narcissist is unable to attach to anyone.“ Du erfährst daß ein radikaler Kontaktabbruch Deinerseits der einzige Weg wäre, um Dich von O.s dunklem Charisma zu lösen: „No contact empowers you to save yourself.“ Und Du lernst einen neuen Begriff kennen, der Dir Hoffnung gibt, wider jede Vernunft: The Hoover.

„When the cycle of ‚idealize, devalue, discard‘ is complete, a person with narcissistic qualities will often return to prior sources of narcissistic supply to see if he can tap such individuals for more ego-fueling attention, sex or other affirmations of his existence. ‚Hoover maneuver‘ was coined after the name of a popular vacuum cleaner, alluding to the fact abusers often attempt to suction up narcissistic supply from prior sources. The hoover maneuver is an attempt to see if a prior target of abuse can be conned into another cycle of abuse. Survivors of narcissistic abuse should not be fooled by the hoover maneuver. Such an action is not a sign that the abusive person loves the survivor.“ So schreibt Andrea Schneider auf GoodTherapy.org. Du verstehst jedes Wort. Dir ist klar, daß es nichts mit Liebe zu tun hätte, wenn ein großer narzisstischer Saugrüssel nach Dir greifen und Dich zurück inhalieren würde ins düstere Reich von O. Und dennoch ist es Dein sehnlichster Wunsch.

Ende April. Die Stadt ist aufgeblüht. Und auch Du spürst tief in Dir den Wunsch Deine Eremitage zu verlassen und ins Leben zurück zu kehren. Du wagst es, wieder kleine Fahrradtouren zu unternehmen. Triffst Dich mit Freunden. Meldest Dich auf einem Flirtportal an und bekommst innerhalb weniger Stunden sehr viele Zuschriften. Ein trainierter, kahlgeschorener Manager mit gletscherblauen Augen findet großen Gefallen an Deinen Bildern und beginnt lebhaft mit Dir zu chatten. In der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai bemerkst Du, daß O. sein Whatsapp-Profilbild ändert. Er postet eine idyllische Bergwiese mit Alpenveilchen die intensiv blühen. Dich durchrieselt eine Welle von Sehnsucht als Du das siehst und Du bist nahe daran O. einfach zu deblockieren und ihm etwas Liebevolles zu schreiben. Aber Du weißt, daß Du unbedingt die No-Contact-Regel einhalten mußt wenn Du gehoovert werden willst. Deshalb hältst Du an Dich. Und 10 Tage später ist es soweit. Dein Handy meldet morgens einen Anrufsversuch von O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Eclipse

Mittwoch, 18.3.2015 Lange, sehr lange nachdem O. gegangen ist an diesem kühlen, sonnigen Tag im März 2015 sitzst Du noch immer spärlich bekleidet auf einem Stuhl in Deinem Wohnzimmer und betastest nur wieder und wieder die Schmucksteine um Deinen Hals. Erst als bereits das Nachmittagslicht ins Zimmer fällt, raffst Du Dich auf um ein wenig Ordnung zu schaffen. Sammelst die Fetzen von Frischhaltefolie und rotem Nylonstoff in einer Mülltüte zusammen. Faltest das bunte Minikleid glatt und legst es zu den anderen Sachen in der geblümten Stoffschachtel im Schlafzimmer. Zum schwarzen Netz-Top. Zum Stringbody. Zu den fingerlosen Handschuhen und all den Strumpfgarnituren. Dann duschst Du Dich. Kochst Tee. Hoffst zu Dir zu kommen. Im Lauf des Nachmittags machen sich allerdings Schmerzen bemerkbar. Der Gabeh-Teppich hat Abschürfungen auf Deinem Rücken hinterlassen, unter O.s Stößen. Deine Schamlippen sind verschwollen, das Sitzen tut weh, anderes wird vollends zur Qual. Und auch mit Deiner Psyche geht es steil bergab.

Am späteren Nachmittag, kurz bevor Dein Sohn aus der Schule kommt, sind schließlich alle Endorphin-Reste aufgebraucht die von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieben. Du fühlst nur noch Verlassenheit, Trauer und Schmerz. Bei Einbruch der Dunkelheit, zwischen zwei peinvollen Toilettengängen, erträgst Du es nicht mehr damit alleine zu sein. Du brauchst die Hilfe von O. Unbedingt. So nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Danke für den Besuch heute bei mir. Ich bin sehr glücklich daß ich Dich endlich mal wieder gesehen hab. Und ich hätte auch nicht gedacht daß ich heute so tollen Sex mit Dir haben könnte. Bitte laß nicht so viel Zeit vergehen bis ich Dich wiedersehe! Ich mache bald Bilder für Dich von dem bunten Kleid. Es ist einfach traumhaft von Dir so hart genommen zu werden. Ich liebe Dich! Bis bald!“ Wenn O. nun ein Herzchen oder ein Smiley schicken würde innnerhalb der nächsten Stunden wäre alles gut, denkst Du. Aber genau diesen Gefallen tut O. Dir nicht. Weder am Abend, noch in der Nacht.

Donnerstag, 19.3.2015, 6Uhr30. Du erwachst vollkommen unerholt. Schaltest Dein Handy ein. Und weißt, tief in Dir drin, noch ehe Du es entsperrt hast, daß Dich keine Nachricht von O. auf dem Display erlösen wird aus dem Kerker Deiner Vergessenheit. Aber es geht noch schlimmer. Als Du Deine Whatsapp-Chats mit O. aufrufst, siehst Du daß er online ist. Lang. Ausgiebig. Voller Engagement. Immer wieder. Er hat jemandem viel zu schreiben, mitzuteilen, zu erzählen. Aber nicht Dir. Dich hat er gestern halb bewußtlos gefickt. Und heute sagt er Dir nicht mal mehr Guten Morgen. Du bist erledigt. Abgefrühstückt. Wertloser denn je. Du hältst es nicht mehr aus. Deine Verletztheit bricht sich Bahn. Du starrst auf den online-Schriftzug und schreibst: „Guten Morgen. Ich muß Dir etwas sagen. Es war gestern definitiv unsere letzte gemeinsame Nummer, unser letztes Date. Du fickst ungeschützt mit unzähligen Frauen. Und ich hab keine Lust irgendwann doch noch mit Hepatitis oder Hiv dazusitzen.“ Du schluckst. Dann schreibst Du weiter.

„Du hast mir außerdem intime Bilder von anderen Frauen weitergeleitet. Also muß ich davon ausgehen daß auch meine Bilder längst im Umlauf sind. Ich wünsch Dir alles Gute. Aber für mich ist es nicht mehr geil Teil dieses Lebensstils zu sein!“ Es dauert vier Minuten. Dann schreibt O. zurück. „Du bist doch so blöd!!!“ textet er. „Ich hab die Fotos aus dem Netz!!!“ Du zögerst kurz. Überlegst, den Strohhalm zu ergreifen den O. Dir scheinbar hinhält. Entscheidest Dich dagegen. „Das glaube ich Dir nicht!“ schreibst Du stattdessen. „Du kannst es jedenfalls nicht beweisen daß die Bilder lediglich aus dem Netz sind!“ – „Du fickst mit anderen Männern und zeigst mit dem Finger auf mich???“ fragt O. „Da hast Du in gewisser Weise recht“ antwortest Du. „Eben!!!“ schreibt O. „Und deshalb laß mich jetzt in Ruhe!!! FÜR IMMER!!!!“ Sein online-Schriftzug verschwindet blitzartig. Und Du sinkst fassungslos in Deine Kissen zurück. Du hast Dein T-Shirt völlig durchgeschwitzt während des kurzen Chats mit O. Und das Bettlaken auch.

Guillotiniert. Entseelt. So liegst Du da, während unnatürliche Stille in Deinem Haus um sich greift. Als wäre ein Netzstecker gezogen. Als wäre das Leben gewichen aus allem. So kommt es Dir vor. O. hat Dich über seine Klinge springen lassen. Und das war nicht Dein Plan. Reden. Klären. O. aufrütteln. Das hattest Du gewollt. Ihm zeigen daß es Dich noch gibt. Stattdessen wurdest Du vernichtet. Kalten Herzens exekutiert. Du fühlst Dich wie eine lebende Leiche, als Du auf unsicheren Beinen hinunter in die Küche wankst um Tee zu kochen. Du hast Deine Identität verloren. Du bist nichts mehr. Weniger als nichts, außerhalb der Welt von O. Du überlegst verzweifelt was Du nun noch tun kannst. Um zurück zu kommen ins Leben. Denn das ist für Dich der Kontakt zu O. Nichtsweniger als das Leben. Aber Dir fällt nichts ein. Der Vormittag vergeht. Du sitzst gelähmt am Küchentisch. Erstarrt. Gebrochen. Fällst in Sekundenschlaf. Schreckst wieder hoch. Krallst Dir Dein Handy. Schreibst. Wie in Trance.

„Ich lösche Dich nicht vom Handy und ich blockiere Dich nicht! Ich liebe Dich viel zu sehr! Du bist viel zu faszinierend und zu wichtig für mich! Aber ich werde jetzt erstmal nicht mehr so viel schreiben. Ich muß meine verletzten Gefühle sortieren und mit mir selbst zurecht kommen. Du hast mich ins Herz getroffen in gewisser Weise. Ich habe halt Gefühle, leider, und ich habe es nie gelernt sie so zu kontrollieren wie Du. Ich bewundere Dich auch dafür sehr. Du kannst mir gerne schreiben wenn Du mich mal wieder besuchen willst. Ich mach Dir mit Sicherheit gern in Strümpfen die Türe auf. Aber ich selbst kann jetzt erstmal nichts mehr tun um unsere Verbindung aufrecht zu erhalten. In größter Liebe! U.“ So tippst Du mit bebenden Fingern, irgendwann im Laufe dieses völlig aus der Zeit gefallenen Tages in dein Smartphone. Noch versuchst Du Hoffnung, eine Art von Würde zu bewahren. Doch im Inneren fühlst Du, daß die Hängebrücke zwischen Dir und O. gerissen ist. Du wirst ins Bodenlose fallen.

Freitag, 20.3.2015. Es ist der lang erwartete Tag der partiellen Sonnenfinsternis. Die Menschen Deiner Stadt fiebern der Stunde entgegen da sie in Schatten getaucht sein werden. Du selbst befindest Dich längst dort. Ohne Hoffnung ins Sonnenlicht zurückzukehren. Denn O. hat auf Deine Nachrichten vom Vortag nicht reagiert. Und so beginnst Du Dich einzurichten im Zustand der Verlassenheit. Sitzst gramgebeugt am Küchentisch. Rührst in Deiner Teetasse. Kraftlos. Resigniert. Als jedoch am frühen Vormittag die Kälte der beginnenden Sonnenverdunklung spürbar wird und das Tageslicht ins Jenseitige diffundiert, drängt es Dich, O. ein letztes Mal zu schreiben. Einfach so. Losgelöst. Ohne Ziel. Du überlegst eine Weile. Wägst Worte. Und um 10Uhr13, als das Himmelsspektakel draußen seinem Höhepunkt entgegen strebt und dramatische Wolkenformationen über Deinem Haus und Deiner Stadt einen Hauch von Golgatha verbreiten nimmst Du Dein Handy und schreibst. Voller Verve und Leidenschaft. Deinen letzten großen Hymnus an O.

„Liebster. Unser Zusammensein am Mittwoch war für mich wirklich sehr schön, das möchte ich Dir nochmal ganz deutlich sagen. Und nicht nur schön, sondern auch schmerzhaft und intensiv wie jede Begegnung mit Dir bisher war. Fick ist überhaupt nicht das richtige Wort dafür. Eher Kunst-Performance. Inszenierung. Du kannst sehr viel. Hast viele Talente. Bist begabt. In mir ist jedes Mal sehr viel aufgewühlt nach den Begegnungen mit Dir. Es dauert immer einige Tage bis meine Nerven sich beruhigt haben. Es trifft mich vieles im Innersten, bis ins Mark, was Du machst während eines Zusamenseins mit mir. Es berührt ganz tief von mir vergrabene Gefühle. Es kommen auch Ängste, Traurigkeiten, alles Mögliche hoch. Ich schreibe Dir das während hier die Sonnenfinsternis abläuft: Du bist in jeder Hinsicht: Extrem. Intensiv. Brilliant. Schillernd. Gefährlich. Genial. Erotisch. Brutal. Intelligent. Stark. Grausam. Voller Phantasie und irrer Ideen. Schön. Attraktiv. Radikal und rücksichtslos.

Es steht Dir zu es mit tausenden von Frauen zu machen. Es steht Dir zu, Dir einfach alles zu nehmen was Du haben willst. Du kannst es, also kannst Du es tun. Wer wäre ich, es Dir zu verbieten. Du stehst irgendwie außerhalb der normalen Regeln und Gesetze. Du bist für mich eine sehr große, sehr wichtige Figur. Aber Dich zu lieben ist wie nackt gegen einen Eisberg zu rennen. Oder wie barfuß auf zerbrochenem Glas zu laufen. Es tut sehr, sehr weh. Ich habe jetzt 8 Monate lang versucht diesen Schmerz auszuhalten. Ich kann es auch weiterhin versuchen. Im Moment will ich nur daß Du weißt daß ich Dich wirklich sehr, sehr liebe. Und daß ich viel, viel mehr in Dir sehe als nur einen Ficker. Bitte laß die Türe offen zwischen uns, ok? Ich hoffe so sehr daß ich wieder mit Dir zusammen kommen kann wenn ich mich mal erholt habe. Ich will Dich nicht für immer verlieren. Denn ich bin für keinen Mann jemals halbnackt und frierend am Fenster gestanden um auf ihn zu warten, nur für Dich. Vergiß das nie! In Liebe, U.“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Turquoise

„Turquoise“ by Quinton Hoover

Mittwoch, 18.3.2015, 6 Uhr 27. Es ist der Anfang eines klaren, verheißungsvollen Vorfrühlingstages. Die Morgensonne dringt durch die Ritzen der noch halb heruntergelassenen Rollos in Deinem Wohnzimmer. Du selbst kauerst noch immer auf dem Gabeh-Teppich. Übernächtigt. Lichtscheu. Ausgefroren. Denn es ist auch das Ende jener langen Nacht, in der Du auf schonungslose Weise erfuhrst was Du schon lange ahntest: nämlich, nur eine von Vielen zu sein für O. Eine von Vielen, die sehnsüchtig schreibt. Eine von Vielen, die Bilder macht. Eine von Vielen, die Highheels kauft und Netzstrumpfhosen hortet. Eine Wegwerf-Dame. Eine Spielzeug-Frau. Und zwar, so schrieb er jedenfalls, die Letzte, die Unwichtigste auf seiner langen Liste. Nach irgendeiner Asiatin. Nach einer Allerwelts-Lady in bordeauxrotem Catsuit. Nach einer Anonyma mit üppigem Dekoltée. Nach vielen, vielen anderen, Unbekannten. Kommt lange nichts. Und dann erst Du. Oder? „Bitte“ schreibt O. nämlich erneut. „Lass mich Dich besuchen!!! Ich muß Dich sehen!!!“

„Warum so eilig?“ tippst Du voller Ingrimm, während der Duft von Kaffee und die gedämpften Stimmen von Deinem Mann und Deinem Sohn aus der Küche zu Dir dringen. Wie aus einer fernen Welt, von weit, weit her. Wie die Erinnerung an eine lang vergessene Zeit, in der Du Croissants zum Frühstück hattest, und geregelte Schlafzeiten. „Ich bin die letzte in Deinem Katalog von tausend Frauen“ tippst Du weiter. „Vergiß mich doch einfach!“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Was, nein?“ schreibst Du zurück. „Ich kann keine schwarzen Strümpfe mehr für Dich anziehen und mir die Nägel lackieren und all das. Es geht nicht mehr. Es ist vorbei!“ – „Ich komme heute vormittags!!!“ schreibt O. „Ich muß Dich sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du nach einer kurzen Besinnung. „10, halb 11h wäre eine gute Zeit. Aber ich kann keinen Sex mit Dir machen! Und ich weiß auch nicht ob ich es schaffe Dir die Türe aufzumachen.“ – „Du willst mich eigentlich nicht sehen, oder?“ fragt O., unerwartet einfühlsam. „Doch. Schon.“ antwortest Du.

„Aber dann?“ schreibt O. fiebrig. „Du willst mich nur sehen, nicht berührt werden, oder?“ – „Doch. Du kannst mich auch berühren“ antwortest Du und fühlst Dich dabei unendlich müde. „Wo, Babe?“ fragt O. „Schreib es mir! Wo darf ich Dich berühren? Darf ich Dich küssen wenn ich hereinkomme?“ – „Ja“ antwortest Du, aufsteigende Tränen tapfer niederkämpfend. „Das wünsche ich mir doch schon so lange!“ – „Und darf ich dann auch Deine schönen Brüste berühren?“ drängt O. weiter. „Gleich im Flur?“ – „Meinetwegen“ antwortest Du. „Aber Sex willst Du keinen mit mir haben, oder?“ fragt O. „Ich glaube nicht daß ich das kann“ antwortest Du, total erschöpft. „Oh doch, Babe!!! Ich weiß das Du das kannst!!!!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Denn Du bist eine Schlampe die es braucht!!! Und deshalb gehst Du jetzt dann auch ins Schlafzimmer und machst für mich ein MUSCHIFOTO!!! Wenn Du das gemacht hast dann besuche ich Dich und spritz Dich voll!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Lass mich kurz duschen. Dann probier ich es.“

Nachdem Du mit leeren Gesten Deinen Mann und Deinen Sohn verabschiedet und im Haus ein wenig Ordnung gemacht hast, gehst Du mit bleischweren Füßen hinauf ins Badezimmer und versuchst, Dir unter der Dusche den Stress und die Demütigungen der vergangenen Nacht vom Körper zu waschen. Durch das Herabrauschen des warmen Wassers hindurch kannst Du jedoch hören, daß O. permanent simst. Es geht nicht anders. Du mußt Dein Waschritual unterbrechen. „Komm schon!!!“ – „Mach Baby!!!“ – „Wo bleibt das Bild!!!“ – „Schick endlich das  MUSCHIFOTO!!!“ liest Du triefnass im Badezimmer stehend, während Reste von Shampoo aus Deinen Haaren in Deine Augen rinnen und aufs Handydisplay tropfen. Du versuchst nicht in Hektik zu verfallen. Und dennoch rubbelst Du Dich hastig trocken, ziehst eilig schwarze, halterlose Strümpfe und Highheels an und machst Dir noch schnell ein Statement-Collier mit großen, glitzernden Fake-Türkis-Steinen um den Hals. Dann wirfst Du Dich im Schlafzimmer aufs Bett und schaltest die Selfie-Kamera ein.

Deine Energie reicht für genau fünf Bilder. Drei von Deinem Körper, der seltsam steif auf dem Oberbett liegt, die bestrumpften Beine unbeholfen von sich streckend. Und zwei von Deinem Gesicht, das blass und blicklos über den schillernden Glastürkisen an Deinem Hals in eine imaginäre Weite starrt. Erotisch geht anders, denkst Du und zögerst sie an O. zu senden. Selbst jetzt, im Moment Deiner tiefsten Getroffenheit, willst Du ihn nicht enttäuschen. Dann aber glaubst Du plötzlich zu spüren daß es vielleicht genau das ist, was O. sehen möchte: den Schmerz, den er Dir zugefügt hat. Dein Angeschlagensein. Und schickst die Bilder kommentarlos ab. Sie scheinen zunächst im Nebel zu verschwinden. O. schreibt nicht zurück. Und auch nachdem Du eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone in der Hand auf Deinem Bett sitzend vor Dich hingeschaut hast, sind die Haken hinter den Bildern in O.s Chatfenster noch immer grau. „Ok. Zum letzten Mal gelinkt, O.“ denkst Du und lächelst finster vor Dich hin.

10 Uhr 23. Du erhebst Dich und schreitest, getragen von einem eigenartigen Erhabenheitsgefühl, sehr langsam auf Deinen Highheels in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Nackt wie Du bist stellst Du Dich dort vor das Fenster von dem aus man die Strasse sehr gut beobachten kann und schaust hinaus. Du siehst, wie Radfahrer Dein Haus passieren und junge Mütter Kinderwägen durchs Licht der Frühlingssonne schieben. Aber O. siehst Du nicht. Du bleibst stehen und hältst weiter Ausschau während Du fühlst wie Dein Körper in dem ungeheizten Raum allmählich auskühlt. Als Du beginnst so stark zu frösteln daß die Glas-Türkise über Deiner Brust gegeneinander klimpern nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Kommst Du noch oder hast Du mich zum hundertsten Mal verarscht?“ Gerade als Du das Handy auf die Fensterbank vor Dir zurücklegen willst bekommst Du eine Antwort von O. „Ich dusche dann komm ich“ schreibt er. „Bereite Hautöl und Frischhaltefolie vor!!! Ich fahre in 10 Minuten mit dem Fahrrad los!!!“

Du legst das Handy beiseite und bleibst noch eine Weile am Fenster stehen. Versonnen, als ginge es Dich alles nichts an. Dann aber straffst Du Deine Schultern und stökelst, Dich vorsichtig am Treppengeländer festhaltend, auf Deinen Highheels hinunter in die Küche. Holst eine unangebrochene Rolle Frischhaltefolie aus einer Schublade. Fragst Dich was O. damit vorhat, heute, nach all den Aufregungen der vergangenen Nacht. Hörst ihn an der Haustür klingeln, wie nur er klingeln kann: Eindringlich. Fordernd. Schrill. Stürzt hin um zu öffnen, die Folie noch in der Hand. Siehst O. für einen Moment vor Dir stehen, unwirklich lichtumgleißt im Schatten Deines Hauses, mit verlorenem Blick, gehüllt in eine hochgeschlossene, nachtblaue Softshelljacke die ihn aussehen läßt wie einen dunklen Ritter von einem fremden, fernen Stern. „Da bist Du ja“ sagst Du mit heiserer Stimme und versuchst Deinen nackten Oberkörper an die kalte Beschichtung von O.s Jacke zu schmiegen. „Geil schaust Du aus, Baby“ antwortet O. und schubst Dich ins Haus.

Im Wohnzimmer bedeutet O. Dir mit lässiger Geste Dich auf dem Teppich niederzuknien und zu ihm aufzublicken während er sich seiner Kleider entledigt und sie großzügig um sich herum im Raum verteilt. Breitbeinig und nackt ganz nah vor Deinem Gesicht stehend legt er dann  seine große Hand auf Deine Stirn, schiebt Dir den Kopf in den Nacken und lächelt ein wenig spöttisch auf Dich herab. „Du weißt ja, ich hab es mir heute schon mal gemacht“ sagt er in schulmeisterlichem Ton, so als ob er einem leicht begriffsstutzigen Kind etwas erklären müßte. „Also häng Dich rein , Kleine!“ Du tust was er verlangt. Legst all Deine Trauer und Deine ganze Verzweiflung in Deinen Blow Job und küßt insbesondere O.s Frenulum als wäre es das Letzte was Du in diesem Leben zu tun hast. Es gefällt ihm. Mehr noch: es berührt ihn irgendwie. Als Du beim Deep Throat mit Deinen Reflexen kämpfst macht er sich sanft von Dir los. „Paßt Baby“ sagt er, fährt mit der Hand über Deine kurzen Haare und kniet sich zu Dir auf den Boden.

Anders als Deine und O.s Seelen finden Eure Körper auf dem Gabeh-Teppich in Deinem Wohnzimmer wie von selbst zueinander. O. nimmt Dich allerdings um Einiges härter als Du es bisher von ihm kanntest. Und Du wirfst Dich ihm mit voller Wucht entgegen. Es gibt nur noch Dich und O., sein Eindringen, seine schmerzhaften Stöße und den rauhen Flor des Gabeh-Teppichs unter Deinem Rücken. Sonst nichts mehr.  Als einer der Glas-Türkise von Deinem Collier aus der Fassung springt hält O. inne, blickt nachdenklich auf Dich herab und steht auf um etwas aus der Seitentasche von seiner Softshelljacke zu holen. Zwei kleine Päckchen. „Anziehen“ sagt er leise und wirft eines vor Dich hin. Es enthält eine korallenrote Damenstrumpfhose. Während Du Dir hastig die halterlosen Strümpfe herunter reißt und das rote Gewebe über Deine Beine zerrst holt O. aus der zweiten Kartonage ein regenbogenfarbig gemustertes Stoffknäuel heraus. Ein Stretch-Minikleid im Ethno-Stil, mit pinkfarbigen Neckholder-Bändchen.

Du ziehst Dir das Kleid über und zupfst es auf Deinem Körper zurecht. Die bunt ineinander gewebten Längsstreifen betonen die Rundung Deiner Brüste und lassen das Türkis der Schmucksteine um Deinen Hals intensiv leuchten. Du kniest Dich erneut auf den Teppich so daß O. sich hinter Dich hocken und die Bändchen in Deinem Nacken zusammenknoten kann. Du spürst daß er viel Sorgfalt aufwendet um eine niedliche kleine Schleife zu binden. „Geil“ hörst Du ihn leise zu sich selber sagen. Dann liegst Du plötzlich wieder vor O. auf dem Teppich und siehst wie er mit seiner großen rechten Hand zwischen Deine Beine greift und langsam, sehr langsam die Strumpfhose im Schritt aufreißt. Als das Loch so groß ist, daß Dein Unterbauch-Tattoo freiliegt zieht O. Dich am Gesäß zu sich heran und dringt erneut in Dich ein. Deine Schamlippen schmerzen. Fetzen von grellrotem Nylongewebe lassen deine und O.s Haut unnatürlich bleich erscheinen. Du parierst seine Stöße mit letzter Kraft. „Und jetzt leck mich endlich!“ sagt er.

Du nimmst nur schemenhaft wahr, daß O.noch schnell Deine Fußgelenke mit einem Stück der herumliegenden Frischhaltefolie aneinander fesselt und den verlorenen Glas-Türkis zurück in die leere Collier-Fassung drückt bevor er über Deinem Gesicht in Hockstellung geht. Du schließt Deine Augen während Du seine Pobacken küßt und hast plötzlich das Gefühl weit weg von hier etwas ganz Anderes zu erleben. Begleitet von zwei indianischen Priestern bist Du zu Fuß unterwegs durchs Hochland der Anden, auf einem mehrtägigen zeremoniellen Marsch zu einer Kultstätte der Inkas. Man hat Dich zum Opfer für eine Naturgottheit bestimmt. Auf dem letzten Wegstück wirst Du auf einer Sänfte kniend von jungen Indios getragen. Traditionelle Panflöten erklingen als Ihr den Ort Deiner Opferung erreicht. Ein Kondor kreist in den Lüften. Im bunten Kleid, die Türkiskette um den Hals, liegst Du auf dem Ritualfelsen, Dein Ende vor Augen. Da beginnt O. über Dir mit tiefer, fremdartiger Stimme zu stöhnen und ergießt sich auf Dich.

Es dauert eine Weile bis Du im Wohnzimmer aus Deiner Trance erwachst. Als Du Dich aufrichtest um das verschwitzte Kleid auszuziehen, die Folie von Deinen Füßen zu wickeln und Dir die Reste der roten Strumpfhose vom Körper zu streifen ist von O. nichts zu sehen. Erst als Du zum Korbstuhl gehst, wo eine Jeans und ein Trägertop von dir liegen, siehst Du daß er durch die Terassentür hinaus in den Garten gegangen ist. Dort steht er in seiner nachtblauen Ritterrüstung im Sonnenlicht und betrachtet die Tujenhecke die Euer Grundstück zum Nachbarn hin abgrenzt. „Die müßte mal professionell geschnitten werden“ sagt er, als Du barfuß herzutrittst. „Ja“ sagst Du und schlingst frierend die Arme um Deine nackten Schultern. „Soll ich das im Sommer mal machen?“ fragt O. „Sehr gerne“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., streckt eine Hand nach Dir aus und zieht Dich zu sich heran, so daß Du kurz Deinen Kopf an seiner geharnischten Brust bergen kannst. Dann schiebt er Dich von sich weg und geht von der Terasse durchs Wohnzimmer ganz einfach so aus Deinem Haus.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Barbe Bleue

Montag, 16.3.2015. Die Tage sind länger geworden. Der Frühling kündigt sich an. Lebensfreude liegt in der Luft. Du aber fährst gesenkten Blickes, in Deinen Parka gehüllt, auf Deinem Rad durch das blasse Märzsonnenlicht und fühlst Dich dabei wie das ausgemusterte Trendspielzeug der vergangenen Saison. Weggeworfen. Langweilig geworden. Es sind viele Wochen verstrichen, seit jenem Tag am Anfang des Jahres, an dem Du O. zum letzten Mal trafst. Von den großen Plänen die er danach schmiedete, wurde kein einziger realisiert. Es gab kein Treffen in erotischen Dessous. Und erst recht kein Gangbang mit den Freunden von O. Stattdessen erlebtest Du quälende Wochen voll immer wieder verschobener und abgesagter Dates. Zu viele. Du entschließst Dich zu einem unmoralischen Schritt. Schreibst Deinem Verehrer vom Tanzfest im Herbst, der Dich noch immer hofiert. Triffst Dich mit ihm, für eine letzte, glanzlose Nummer im Auto, nachmittags, auf einem Parkplatz am großen See, südlich der Stadt. Und abends kontaktierst Du O.

22.17h. Als Du Deine Chats mit O. aufrufst, springt Dir sofort sein online-Schriftzug grell ins Auge. Du hast den Eindruck, daß er heller, fluoreszierender auf Deinem Smartphone leuchtet als der von allen anderen Leuten denen Du schreibst. Er scheint eine eigene Energie zu besitzen, die es ihm erlaubt sich zu bewegen und in der Kopfzeile des Chatfensters hin und her zu tanzen. Er macht Dich nervös. Du fühlst Dich jedes Mal ertappt wie eine Stalkerin, wenn Du ihn siehst. Hauptsächlich aber kommst Du Dir verhöhnt und bloßgestellt vor, durch seinen Anblick. Es trifft Dich tief, auf diese Weise damit konfrontiert zu werden, daß jemand anderer so viel spannender und wichtiger ist als Du. Und O.s ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt, während Du im Schatten stehst. Dein Inneres rebelliert. Ohne abzuwarten bis O. seinen Chat beendet hat, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Willst Du daß ich noch Nuttenjobs für Dich mach? Brauchst Du mich noch als Schlampe?“ Dann lehnst Du Dich zurück und atmest durch.

Natürlich dauert es eine gewisse Weile bis O. sich aus dem Chat mit Wem-auch-immer lösen und Dir zuwenden kann. Genau 47 peinvolle Minuten. Und dann, um 23.04h schreibt er nur einen einzigen Satz: „Klar will ich daß Du noch Nuttenjobs machst!“ Sonst nichts. Keine Rückfrage. Kein Emoticon. Du fällst in ein Loch. Siehst, daß O. seinen Chat mit Wem-auch-immer noch einmal aufnimmt. Vollkommen unbeeindruckt, offensichtlich. Während Du Dich überflüssiger fühlst als je zuvor. Kleinlaut verkriechst Du Dich in Deinem Bett. Gegen 3h morgens stehst Du wieder auf und scrollst Dich, am Küchentisch sitzend, durch Deinen Whatsapp-Verlauf mit O. Versuchst herauszufinden, wann und warum seine Gleichgültigkeit einsetzte, Dir gegenüber. Findest keine Antwort. Beobachtest aber, daß auch O. wach und immer wieder online ist, zu dieser frühen Stunde. Natürlich ohne DIR zu schreiben. Und weißt: nun ist es an der Zeit das Schwert zu ziehen, das Du aus Verlustangst und Gekränktheit für O. geschmiedet hast.

Dienstag, 17.3.2015. Um 5.33h klickst Du Dich erneut zu O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich muß Dir was sagen. Ich hab es gestern mit einem anderen Mann gemacht. Ich will und liebe nur Dich. Aber ich hab es nicht mehr ausgehalten immer nur auf Dich zu warten. Und auf Dates die dann doch nicht passieren!“ Diesmal reagiert O. sofort. „Guten Morgen. Wer, wann und wo?“ schreibt er. „Der Mann vom Tanzfest“ antwortest Du, während das Smartphone in Deiner Hand zu Eis zu gefrieren scheint. „Gestern nachmittag, Autofick am See. Hat mich abgeholt und danach wieder heimgebracht“. Kurzes Schweigen. „Du hast gesagt daß ich Dich scheiße behandeln darf!“ schreibt O. dann. „Und das ist eben meine Art gewesen!“ – „Ja! antwortest Du. „Aber wenn ich Deine Schlampe sein soll muß ich Dich ab und zu auch sehen, verstehst Du?“ – „Dann werde ich Dich ab jetzt auch körperlich mißhandeln!“ antwortet O. „Heute tagsüber bin ich unterwegs. Aber bald komme ich und tu Dir weh. Denn Du gehörst mir! Ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

Du bist sehr erleichtert. Und auch ein wenig überrascht. Keine wilden ausufernden Injurien von O.? Stattdessen eine neue, wenn auch leicht beklemmende Perspektive? Das ist viel mehr als Du erhoffen konntest. Alles wird gut, denkst Du und verbringst einige ruhige Stunden in Deinem Haus. Dann, mit Einbruch der Dunkelheit schlägt Deine neu erlangte Contenance ganz plötzlich um. Du wirst von Sorgen, Scham und Zweifeln überfallen. Was, wenn Du O. nun zu unrecht verletzt hast? 22h. Es drängt Dich, ihm zum Ende des Tages etwas Liebevolles mitzuteilen. Du öffnest Eure Chats. Tippst „Wie geht es Dir?“ und blickst erwartungsvoll aufs Display. Die Häkchen hinter Deiner Nachricht werden sofort blau. O. war offenbar gerade im Begriff auch Dir zu schreiben. Wie schön, denkst Du und gewahrst verzückt, daß O. Dir nicht mit einer Sms antwortet, sondern ein Bild sendet, dessen Umrisse sich schemenhaft in Eurem Chatfenster abzeichnen. Etwas Romantisches, denkst Du und beeilst Dich, es zu öffnen.

Einmal downgeloaded und herangezoomt, hat das was Du siehst mit Herzen oder Rosenblättern leider nicht das Mindeste zu tun. Zwei üppige Brüste brennen sich auf Deine Netzhaut, provokant verhüllt von einem Langarmshirt aus schwarzem Tüll. Eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln führt einen Glasdildo zwischen zwei blassen Oberschenkeln durch. „Wer ist das? Was willst Du damit sagen?“ tippst Du konsterniert. „Daß ich sie ficke“ antwortet O. und sendet ein weiteres Bild von einem schlanken Frauenkörper der in dunkelroten Highhheels und gleichfarbigem Netzcatsuit mit geöffneten Beinen vor einem Garderobenspiegel sitzt. „Die ficke ich auch“ schreibt er dazu. „Woher kennst Du sie alle?“ schreibst Du, während Dir der Atem stockt. „Genauso wie ich Dich kennengelernt hab“ schreibt O. „Auf der Strasse aufgerissen?“ fragst Du zurück. „Ja“ antwortet O. Du fühlst das Blut in deinem Körper aus den Extremitäten weichen. Befürchtest unzukippen, für einen Moment. Doch dann bewahrst Du Haltung.

Denn Du witterst eine Chance. Die Chance endlich etwas zu erfahren aus der Realität von O., so schmerzhaft es auch ist. „Wie viele hast Du gefickt seit unserem letzten Date?“ schreibst Du. „Viele!“ antwortet O. „Fickst Du täglich eine oder mehrere?“ fragst Du weiter. „So oft es geht ficke ich!!!“ antwortet O. „Und deshalb hattest Du nie Zeit für mich, stimmts?“ schreibst Du, während Bitterkeit und Trauer in Dir hochsteigen. „Du bist halt die Letzte auf meiner Liste! antwortet O. „Dann streich mich doch ganz“ tippst Du und Deine Finger zittern. „Nein!“ antwortet O. „Denn Du bist geil und wir können es ab und zu treiben!“ – „Wie lang bist Du normalerweise mit einer Frau zusammen? fragst Du. „Manche hab ich schon seit Jahren“ antwortet O. lapidar. „Andere nur kurz“ – „Lieben die Dich auch so wie ich?“ fragst Du mit letzter Kraft. „Manche, ja“ antwortet O. „Und morgen früh um 4 fick ich ne Asiatin im Auto“ fügt er hinzu. „Schön“ antwortest Du leichthin. Jedoch, Du fühlst Dich vollkommen erdolcht.

„Deine Freundin? Ahnt sie gar nichts?“ bringst Du noch hervor. „Keine Ahnung!“ antwortet O. Kalt. Gleichgültig. Anhaltend brutal. Weder Du, noch seine Freundin, noch die Damen mit denen er Dich und sie betrügt scheinen ihm auch nur das Geringste zu bedeuten. Du raffst Dich auf zu einer letzten Frage. „Und mit den anderen Frauen kriegst Du es besser hin als mit mir, Dich zu verabreden und es auch einzuhalten?“ – „Kannst Du morgen früh um 4 zum Ficken kommen?“ fragt O. zurück. „Leider nicht“ antwortest Du. „Eben“ schreibt O. Du ersparst es Dir, ihn daran zu erinnern, daß er von vielen Gelegenheiten Dich frühmorgens zu treffen bisher nur eine einzige NICHT ungenutzt verstreichen ließ. „Ich danke Dir sehr für Deine Offenheit!“ schreibst Du stattdessen. „Es war mir klar daß Du so lebst.“ – „Leckst Du mir mein Arschloch noch?“ fragt O., plötzlich Besorgnis zeigend. „Wollen das die anderen nicht?“ schreibst Du. „Oder warum soll ich das machen?“ – „Weil Du es super kannst“ schreibt O. „Gute Nacht“

An Schlaf beginnst Du in dieser Nacht gar nicht erst zu denken. Du bleibst ganz einfach in dem Korbstuhl im Wohnzimmer sitzen, wo Du mit O. gechattet hast und starrst stundenlang vor Dich hin. Gelegentlich nimmst Du das Handy und betrachtest die beiden Fotos die O. Dir geschickt hat. Versuchst, Dir die Gesichter der abgebildeten Frauen vorzustellen, ihr Alter zu erraten und Dir auszumalen wie sie mit O. chatten. Du imaginierst auch die exotische Schönheit, mit der O. in wenigen Stunden atemraubenden Sex haben wird, während Du in Dich zusammengesunken da sitzst und Dich fühlst als würdest Du aus einer unaufhörlich sickernden Wunde innerlich verbluten. Nun hast Du bekommen was Du schon lange wolltest: Zutritt zu O.s Verbotener Kammer der Schrecken in der sich unzählige Torsi von Frauen türmen. In der eine Frau schlicht „die“ heißt, weil sie nur etwas, nämlich etwas-zum-ficken ist. Etwas zum Ausbeuten und Wegwerfen. Und Du also die Letzte, in ihrer aller langen Reihe …

Der Morgen graut. Die ersten Vogelstimmen holen Dich aus dem oberflächlichen Dämmerzustand in den Du doch noch gefallen bist. Dein Nacken ist steif. Dein Kopf tut weh. Du schaust aufs Handy das Du noch immer fest umklammert hältst. 4.56h. O.s Autofick müßte gerade vorbei sein, denkst Du, seltsam unbeteiligt, während Du aufstehst, die Patchworkdecke vom Sofa nimmst und Dich damit auf dem Gabeh-Teppich zusammen rollst. In Embryonalstellung, das Handy neben Dir. Du möchtest noch ein wenig schlafen, bevor Dein Mann und Dein Sohn aufstehen. 5.46h. Der Nachrichten-Ton von O. reißt Dich aus wirren Träumen. „Guten Morgen“ schreibt er. Du brauchst ein paar Sekunden um zu Dir zu kommen. „Guten Morgen. Wars geil mit der Asiatin?“ schreibst Du dann. „Kann ich heute zu Dir kommen“ schreibt O. „Nein. Ich will nicht mehr“ antwortest Du. „Lass mich kommen“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Du hattest viele Wochen Zeit. Fick die anderen und vergiß mich. Es gibt genug Frauen für Dich. Du brauchst mich nicht.“ – „Bitte“ schreibt O. Und etwas in Dir gibt nach.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Online …

Freitag, 6.2.2015 Hoffnungsfroh und voller Zukunftsglauben. So durchlebst Du die ersten Februartage des Jahres 2015. Anders als sonst ficht Dich das unbunte Wintereinerlei zu dieser Zeit heuer nicht an. Ebensowenig das oft so auslaugende, vergeblich scheinende Warten auf den Frühling. Getragen vom Gefühl des Angekommenseins im Leben von O. stapfst Du in undefinierbarem Licht durch schmutziggrauen Schnee. Bereitest Dich vor auf kommende Events. Bevorratest Dich mit neuen, halterlosen Strümpfen und schnelltrocknendem, dunkelrotem Nagellack. Als Du erfährst, daß Dein Mann kurzfristig für vier Tage nach Berlin reisen wird, hast Du nichts Eiligeres zu tun als es O. zu schreiben. Vier Tage lang schreibt er nicht zurück. Erst nachdem Du ein paar Selfies in Stringbody und Netzstrumpfhose gemacht und ihm geschickt hast, bekommst Du eine Antwort. Er sei krank, mit Fieber und Husten, schreibt O. und könne Dich deshalb „nicht ficken“. Er habe aber ein neues Smartphone, seit Kurzem. Ob Du zu ihm auf Whatsapp kommen willst?

„Natürlich! Sehr gerne!“ antwortest Du, während das Gefühl einer seltsamen inneren Dysbalance von Dir Besitz ergreift. O. auf Whatsapp. Wie wundervoll, denkst Du. Endlich hat O. das alte Tastenhandy abgelegt, auf dem er Dir seit Eurem Kennenlernen schrieb. Vieles wird einfacher, schneller, ja sogar transparenter werden, wenn Ihr gemeinsam die Messenger-App nutzt. Es ehrt Dich, im Kreis derer aufgenommen zu sein, die O. in Echtzeit online begegnen dürfen. Und dennoch ist Dein Herz schwer. Du ahnst, daß manches noch schwieriger, verletzender und schmerzhafter werden könnte als es ohnehin ist. Es wird nicht so sein wie mit all den anderen Freunden denen Du schreibst. Unschuldig. Offen. Spontan. Mit O. wird nun endgültig jeder Chat ein Waffengang, jeder Blick ins Handy ein Akt operativer Aufklärung sein, der über mentale Siege oder Niederlagen entscheidet. Es wird für Dich keinen naiven Umgang mit Deinem Handy mehr geben. Die Zeit der Unbedarftheit zwischen Dir und O., sie ist vorbei.

„Schick mir Bilder!!!“ fordert O., ganz Dominator, direkt nachdem Ihr Euch auf dem Instant Messenger verbunden habt. „Ich hab nur die die Du schon kennst“ antwortest Du. „Dann mach neue, Du Schlampe!“ schießt O. zurück. Kein Zweifel, denkst Du. Er hat rasant begriffen, wozu das neue Medium fähig ist. In den folgenden Tagen erlebst Du, wie das Smartphone zur Präzisionswaffe mutiert, in der Hand von O. Die emotionslose Intelligenz des Geräts ist die ultimative Domäne für ihn. Hier etabliert er seine Souveränität. Hier übt er unumschränkte Macht aus. Hier kontrolliert er sein Umfeld, ohne selbst etwas von sich preiszugeben. Hier ist er ständig präsent, ohne seinerseits greifbar zu sein. Du, als die Untergebene, Befehligte, lebst fortan konnektiert an den hochtourigen, widersprüchlichen Lebensstil von O., unter dem Diktat der Whatsapp-Haken, der Online-Sichtbarkeit und der Zeitstempel in seinem Account. Wirst bei Tagesanbruch als Engel geweckt, mittags als Nutte beschimpft und abends ignoriert. Empfängst Befehle, die wenig später wieder zurückgenommen und durch andere ersetzt werden. Erfüllst Wünsche ohne Dank dafür zu erhalten. UND registrierst schon bald, wie oft O. die App nutzt, ohne DIR zu schreiben. Vor allem in der prekären Zeit der frühen Morgenstunden …

Die Wochen vergehen. Mühsam findest Du Dich in der neuen Schreibsituation mit O. zurecht. Du zwingst Dich, so selten wie möglich in Euren Chatverlauf hinein zu klicken. Schaltest Dein eigenes „Zuletzt online“ ab, so daß Du auch das von O. nicht mehr sehen mußt. Und Du machst Screenshots wenn Dir ein Chat besonders rätselhaft oder verstörend erscheint, damit Du ihn in Ruhe durchlesen kannst, ohne die App öffnen zu müssen. Indessen entwickelt sich zwischen Euch eine neue Art von Interaktion. O. schreibt Dir regelmäßiger als bisher. Sein Ton wird höflicher. Die Schreibinhalte weniger bizarr. Ein gewisser Alltag scheint sich einzuspielen. Würde sich Eure Kommunikation nicht so ungewohnt flach, so merkwürdig ausgehöhlt anfühlen. Und wäre da nicht das Gefühl, daß O.s angepasstes Gebaren Dich in einer Scheinsicherheit wiegt. Dir eine kulissenhafte Welt vorgaukelt, hinter deren Attrappen etwas ganz Anderes vor sich geht. Und mit Dir ein neues Spiel begonnen wurde. Es heißt „Das Pseudo-Date“.

„Babe, ich kann es kaum erwarten bis Du mich endlich wieder leckst!!!“ schreibt O. in fast jedem Eurer vielen Mini-Chats jener Zeit. „Wann würde es bei Dir gehen?“ Du nennst ihm Tage und Zeitfenster. Referierst Deinen Alltag. Schilderst Möglichkeiten und Chancen. „Dann lass es uns gleich übermorgen/ nächste Woche/ am Donnerstag machen!!!“ schreibt O. stets zurück. „Ich komme ganz sicher zu Dir!!“ Du freust Dich. Jedes Mal. Putzst Dein Haus. Wechselst die Bettwäsche. Trägst Sorge dafür daß Ihr ungestört sein werdet. Blickst halb frohen, halb bangen Herzens dem vereinbarten Tag entgegen. Und erlebst Woche für Woche die gleiche Enttäuschung. Entweder ist O. zum fraglichen Zeitpunkt verschwunden. Unerreichbar. Stumm. Als hätte es nie eine Verabredung zwischen Euch gegeben. Oder er konfrontiert Dich mit einer Last-Minute-Ausrede von haarsträubender Abstrusität. Du gehst durch eine Epoche der Vorwände. Der Lippenbekenntnisse und Lügen. Und überlegst verzweifelt was Du dagegen tun kannst.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Golden Shower

Montag, 12. Januar 2015. Die Januartage reihen sich kalt und ereignislos aneinander. Grau, leer und stumm liegt das neue Jahr vor Dir. Von O. hörst Du nichts. Du lässt Dir Deine Haare noch kürzer schneiden als bisher, so daß nicht einmal mehr seine großen Hände sich darin festkrallen könnten. Und Du absolvierst ein Probetraining in einem Fitneßstudio nur für Frauen. Ein wenig Muskelaufbau kann nicht schaden, denkst Du, während Du Dich auf dem Crosstrainer verausgabst. Ein gut trainierter Körper steckt Schläge und Stöße vielleicht besser weg… Jeden Morgen macht Dein Sohn sich blaßgesichtig und in winterfester Kleidung auf den Schulweg und Du winkst ihm vom Küchenfenster aus zu. Eines Tages piept um diese Zeit Dein Handy. „Hallo Kleine! Ich hoffe Dir gehts gut!!!“ schreibt O. „Vielen Dank! Ich hoffe Dir auch!“ antwortest Du. Dein Herz schlägt schneller. Die winterstarre Welt vor Deinem Fenster scheint sich um ein paar Farbnuancen aufzuhellen. Es geht wieder los, denkst Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 22. Januar 2015. Du bist in der Innenstadt unterwegs. Streifst ziellos durch Einkaufspassagen und Shopping Hot-Spots. Suchst hinter den Schaufenstern der Luxusklasse nach irgendetwas. Einem Symbolgegenstand. Einem Zeichen. Nach etwas, was Dich wieder in Verbindung bringen könnte mit O. Ihr habt Euch lang nicht mehr geschrieben. Du vermißt sie sehr, die anarchistischen, kompromißlosen Sms wie sie nur O. Dir senden kann. Die schmerzhaften Fragen, die sie aufreißen. Die Wunden, die sie schlagen. Und die Hoffnungen, die sie wecken. Noch mehr vermißt Du ihn. Du willst, Du mußt das eisige Schweigen durchbrechen das wieder einmal eintrat zwischen Euch, ganz ohne Grund. Es ist ja Karneval, fällt Dir plötzlich ein. Die Zeit der Masken. In der Kostümabteilung eines großen Kaufhauses entdeckst Du sie schließlich, die Kultgegenstände die Du brauchst, um einen kleinen Liebeszauber auszuführen: fingerlose Handschuhe und eine Strumpfhose aus schwarzem Netzgarn. Du weißt was Du zu tun hast. Erleichtert fährst Du heim.

Freitag, 23. Januar 2015. 10h. Im Raureif des neuen Jahres eingefroren. So liegt sie da, die Welt hinter den weißen Spitzengardinen in Deinem Schlafzimmer. Mit ihr: Deine Verbindung zu O. Du fühlst Dich kleinlaut und bedrückt während Du Dir die neuen Netzhandschuhe überstreifst und das schwarze Top, das O. Dir im Sommer lässig zuwarf, über Deiner Brust zurecht rückst. Gar nicht wie die coole, verführerische Frau als die Du gerne rüberkommen willst. Bestimmt hat er längst eine Andere, denkst Du und richtest die Selfie-Kamera auf Dein Gesicht. Bestimmt will er mich nicht mehr. Die Bilder werden trotzdem gut. Du fotografierst Deine Finger, die mit dunkelrot lackierten Nägeln elegant und schmal aus dem Netzstoff ragen. Deine Tattoos, die durch das schwarze Garn hindurchschimmern. Deine Brustspitzen hinter halbtransparentem Stoff. Es gelingt Dir, all Deine Sehnsucht, Deine Bedürftigkeit, Dein Wollen in einen unverwandten Blick, ein mysteriöses Lächeln zu legen, von dem Du hoffst, daß es O. erreicht. Inständig hoffst.

Samstag, 24. Januar 2015. 22h. Am Ende eines langen, dunkelgrau verhangenen Wintertages sitzst Du wieder einmal allein mit gekreuzten Beinen auf der Wohnzimmercouch und bewachst das Kaminofenfeuer. Und wie so oft scrollst Du Dich durch Deine Chats mit O. für die Du extra eine Sicherungsapp auf Deinem Handy installiert hast. Du liest Liebesschwüre und Hasstiraden. Durchlebst die Sms-Gewitter die während der wechselnden Phasen Deiner Vergötterung und Deiner Verdammnis auf Dich einhagelten. Fühlst die Stille, die danach stets eintrat. Du siehst das Verletzende an O.s Rhetorik. Die Absolutheit seiner Ansprüche. Den Mangel an Zwischentönen. Das Fehlen der Mitte. Da wo sie normalerweise spürbar sein sollte, klafft in der Kommunikation mit O. ein großes Loch. Das Loch, in das Du regelmäßig fällst, bei Deinen Versuchen auf einem aus Sms geflochtenen Drahtseil hinüber zu balancieren zum Herzen von O. Wie oft bist Du schon gefallen, in den knapp sechs Monaten Eures Zusammenseins? Wie oft wirst Du es noch tun? So oft es geht, denkst Du.

Du klickst in die Bildergalerie Deines Smartphones. Sie besteht fast nur noch aus Erotik-Selfies, die Du für O. gemacht hast. Über 500 sind es inzwischen, auch wenn nur wenige davon auf seinem Handy gelandet sind. Du hast Dich sehr verändert, seitdem Du ihn trafst, stellst Du fest. Hast gelernt, Deinen Körper ins richtige Licht zu rücken, Dein asymetrisches Gesicht interessant wirken zu lassen und Dich selbst als erfahrene Frau zu inszenieren. Hast ein neues Bewußtsein für den Appeal Deines Äußeren bekommen, das nie gängigen Idealen entsprach. Dafür wirst Du O. immer dankbar sein. So weh Dir auch sonst Manches tat. Zeit für einen neuen Versuch, denkst Du und schreibst: „Ich habe gestern Bilder für Dich gemacht. Von dem Netz-Top zusammen mit neuen Netz-Handschuhen. Sag bescheid wenn Du sie sehen willst“. Wieder einmal lehnst Du Dich im Sofa zurück. Erwartest keine Antwort von O. Und wieder einmal kommt sie erstaunlich schnell. „Schick sie!!!“ schreibt er. Und Du bist glücklich zu gehorchen.

„Danke. Geil.“ schreibt O. nachdem er die Bilder bekommen hat. „Bitte“ antwortest Du. „Du hast Dich lang nicht mehr gemeldet!!!“ schreibt O. „Du Dich aber auch nicht“ antwortest Du. „Und, mit wem machst Du zur Zeit so rum?“ fragt O. Der Hauch einer echten Sorge hinter seiner ostentativen Coolness wird spürbar. „Keine Angst“ antwortest Du. „Es gibt niemanden der Dir das Wasser reichen könnte!“ – „Babe!“ schreibt O. „Du weißt daß Du machen kannst was Du willst!!! Aber ich will daß Du mir mal wieder mein Arschloch leckst!!!“ – „Gerne“ antwortest Du. „Wann immer Du möchtest“ – „Am Montag!!!“ schreibt O. „Würde das gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann komme ich übermorgen zu Dir!“ schreibt O. „Und vielleicht pisse ich Dich dann sogar an!!!“ – „Meine Badewanne steht Dir zur Verfügung!“ antwortest Du. „Du bist wirklich so eine geile Schlampe!!!“ schreibt O. „Ich bin sehr froh daß Du Dich wieder gemeldet hast! Ich muß jetzt schlafen. Aber wenn Du magst, dann schreib mir noch was Schönes!!! Gute Nacht!!!“

Als Du zu Bett gehst bist Du wieder mal sehr glücklich. Du textest noch ein paar Sms in denen Du die Schönheit von O.s dunkel umrandeten Augen rühmst und schickst sie ihm. Dann versuchst Du mit all Deiner Liebe mental über seine Nachtruhe zu wachen bevor Du selbst in den Schlaf fällst und das Gefühl einer tiefen Verbundenheit in Deine Träume einwebst. O. braucht mich, denkst Du, während Du sein blasses, hochmütiges Gesicht erinnerst, seiner Stimme nachhorchst und an  seine Hände denkst. Alles wird gut.

Sonntag, 25. Januar 2015. Du versuchst Ordnung zu schaffen in Deinem Haus. Die Wände im Treppenbereich wurden im Oktober frisch gestrichen und alle Türen weiß lackiert. Besucher sind stets angenehm berührt vom frankophilen Flair Deines Einrichtungsstils. Sie mögen die sepiafarbigen, weiß gerahmten Kleinkindporträts Deines Sohnes. Die zart gemusterten Kissen und Quilts. Den weichen, dunkelroten Gabeh-Teppich, ein Hochzeitsgeschenk Deiner Eltern. Und dennoch findest Du alles sehr inadäquat, angesichts der bevorstehenden Visite von O.

Montag, 26. Januar 2015. Eigentlich ist es einer jener naßkalten, farblosen Montagvormittage im Tiefwinter, an denen Du am Liebsten überhaupt nicht aufstehen würdest. Heute aber bist Du seit den frühen Morgenstunden hellwach und wartest auf ein Lebenszeichen von O. Lange Zeit bleibt Dein Handy verdächtig still. Satz mit x, denkst Du, während Du Deinem Sohn an der Haustüre einen schönen Schultag wünschst. Da zerreißt der Sms-Ton von O. die Stille in Deiner Küche. „Guten Morgen Kleine!!!“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Ich habe heute unheimlich viel zu erledigen!!!“ schreibt O. „Weiß nicht ob ich es schaff zu Dir zu kommen!! Würde es bei Dir um 10 Uhr gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. „Ist vor Deinem Haus eine Parkmöglichkeit“ – „Im Moment ist direkt davor ein Platz frei“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Ich versuche zu kommen!!! Hast Du Highheels und Strümpfe bereit?“ – „Ja!“ antwortest Du. „Zieh sie an!!!“ schreibt O. „Und richte den Dildo her!!! Ich melde mich wenn ich bei Dir bin!!“

Panisch eilst Du durchs Haus. Versuchst, alles was irgendwie peinlich, provinziell oder uncool wirken könnte aus dem Weg zu räumen und zu verstecken. Leider kommt Dir sehr vieles irgendwie so vor: ob Kinderzeichnungen, Klaviernotenhefte oder die Schuhe Deines Mannes im Flur – blamable Zeugnisse eines mediocren Lebensstils, alle miteinander. Du raffst sie an Dich und wirfst sie einfach in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Dann gehst Du duschen. Mehrmals wirst Du dabei von O. gestört, der Dich anschreibt um zu fragen ob Du Lippenstift hast und ob Du Dir die Fingernägel dunkelrot lackieren kannst. Schließlich bist Du fertig. Schlüpfst in die halterlosen Strümpfe und in ein kurzes, dunkelgraues Off-Shoulder-Shirt. Stökelst nervös auf Deinen Highheels herum. Betrachtest Dich eingehend im Wohnzimmerspiegel. Machst ein paar Selfies. Setzst Dich in den Korbstuhl. Wippst mit den Beinen. Beginnst zu frieren. Da piept Dein Handy. „Bin da!!!“ schreibt O. „Mach auf!!!“

Du stolperst fast, auf dem Weg zur Haustür. Kaum hast Du sie vollständig entriegelt, drängt O. sich durch einen schmalen Spalt zu Dir herein. „Hallo!“ sagt er mit ungewohnt sanfter Stimme und lächelt Dich an. Haifischhaft. Abgründig. Maliziös. Aber er lächelt. Zum ersten Mal, seit Du ihn kennst. O. trägt ein Beanie aus dunkelgrauer Kaschmirwolle auf dem Kopf. Und einen enganliegenden, tannengrünen Mohair-Rolli unter einer Jacke aus schwarzem Nappaleder. Sein Gesicht ist wieder vollkommen glatt rasiert. Der Duft seines Herrenparfüms erfüllt das Treppenhaus. „Magst mir nicht Dein Wohnzimmer zeigen?“ fragt er und nimmt Dich von hinten in Gewahrsamsgriff. „Geh voraus! Komm, zeig mir den Weg!“ Du wankst vor ihm her, halb bedrängt, halb gestützt von seinem linken Arm der sich schwer über Deinen gesamten Brustbereich legt. Kühl und glatt streifen die Fingerspitzen seiner rechten Hand und das Leder seines Jackenärmels an Deiner nackten Bauchregion entlang. Du bist O.s Arrestantin. Dein Haus gehört ab sofort nicht mehr Dir.

Im Wohnzimmer gibt O. Dir einen sanften Schubs, so daß Du mit den Knien voran auf dem Gabeh-Teppich landest. „Bleib gleich so!“ sagt er, wirft die Lederjacke in hohem Bogen von sich und seine übrigen Kleider hinterher. Du kriechst zu dem lichtblauen Häkelpouf, den Dein Mann und Dein Sohn Dir zu Weihnachten geschenkt haben. Es gelingt Dir noch, ihn mit beiden Armen zu umfassen und den Kopf darauf abzulegen. Dann nähert sich O. Für eine kleine Weile fällst Du aus Zeit und Raum. Als er mit Dir fertig ist, greift O. mit seiner großen Hand in Deinen Nacken und zerrt Dich hoch. „Jetzt küß mein Arschloch, Schlampe!“ sagt er und fegt mit gebieterischer Geste die Patchworkdecke vom Zweisitzersofa. Du funktionierst. Legst Dich auf dem Sofa zurecht, atmest kurz durch und schaust zu wie O. sich über Dein Gesicht kniet. Du liebst den Anblick von seinem hellen, kindlichen Gesäß, das so vertrauensvoll über Dir schwebt. O.s einzige berührbare Stelle, denkst Du. Und küßt ihn. Innig. Voller Dankbarkeit.

Kurz bevor Dein Rim-Job seinem Höhepunkt entgegenstrebt hört O. plötzlich auf, sich über Dir zu bewegen. „Ich muß pissen!“ sagt er leise und Du begreifst sofort. „Soll ich Dir mein Badezimmer zeigen?“ fragst Du zwischen seinen Oberschenkeln hindurch. „Ja“ antwortet er und steigt von der Couch. „Dann laß uns nach oben gehen“ sagst Du. O. folgt Dir über die knarrende Eichenholztreppe Deines Hauses zum Bad, das erst vor zwei Jahren von Deinem Mann für Dich renoviert wurde. Mit Nostalgiefliesen. Und einer Eckwanne für zwei Personen. Die Du aber noch nie benützt hast, zusammen mit Deinem Mann. Du streifst Dein Off-Shoulder-Shirt ab und kletterst vorsichtig samt Highheels und Strümpfen hinein. Als Du Dich auf der kalten Keramikoberfläche ausgestreckt hast, kommt O. zu Dir. Er nimmt Deinen Körper von links und rechts zwischen seine Knie. Umgreift mit der rechten Hand seinen Schwanz und stützt sich mit der linken auf Deiner Brust ab. „Gleich gehts los!“ sagt er und schaut Dich konzentriert an.

Für ein paar Sekunden ist alles vollkommen still. Du schließt die Augen um O. nicht in seiner Besinnung auf sich selber zu stören. Dann fühlst Du, wie er damit beginnt zwischen Deine Beine zu urinieren. Zwischen Deine Schamlippen, präzise gesagt. Er hat viel, sehr viel Flüssigkeit in sich. Es dauert lang. Und es gefällt Dir. „Warm, gell“ sagt er, als Du begeistert loslachst. „Ja!“ antwortest Du und lehnst Dich in der Wanne zurück. Du bist wieder fünf Jahre alt und gehst in den Kindergarten wo Du im Sandkasten spielst. Zusammen mit einem wunderbar wilden Freund, der Dich an den Haaren zieht, mit Steinchen bewirft und direkt neben Dir seine Notdurft verrichtet. Ihr könntet verbundener nicht sein. Du liebst O. Und O. liebt Dich. Denn als er den Inhalt seiner Blase vollständig auf Deinen Körper entleert hat, besorgt er es sich noch selbst und läßt sein warmes Sperma über Deinen Bauch rinnen. Verzückt beobachtet Ihr, wie sich alles zusammen auf dem Tattoo unterhalb Deines Nabels verteilt. Und seid glücklich.

„Du bist einfach die beste Drecksau dies gibt!“ sagt O., während er aus der Wanne steigt und sich ein Handtuch vom Halter nimmt. „Und Du der beste Schlampenficker weltweit“ antwortest Du und läßt Wasser über Deinen Bauch laufen. Dann wirfst Du Deine Highheels aus der Wanne und stehst auf. Beim Überklettern des Wannenrandes gerätst Du ins Straucheln und versuchst Dich an O.s Unterarm abzufangen. „Vorsicht! Da hilft Dir keiner wenn Du da fällst!“ sagt O. und zieht seinen Arm von Dir weg. Du schlüpfst aus den klatschnassen Strümpfen. Dann geht Ihr schweigend hinunter. Ins Handtuch gewickelt sammelst Du O.s Kleider vom Boden auf. Als er sich fertig angezogen hat greift er in die Innentasche seiner Lederjacke. „Da, Babe!“ sagt er und überreicht Dir ein knallrot glänzendes, flaches Päckchen. „Probiers an wenn ich weg bin!“ Dann umarmt er Dich kurz. „So, der Staubsaugervertreter packts jetzt wieder! sagt er und lächelt. „Bis zum nächsten Mal!“ „Bis zum nächsten Mal!“ sagst Du fassungslos und brichst auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem O. gegangen ist.      

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Epiphany

Freitag, 2. Januar 2015. Bereits zwei Tage nach Deiner Rückkehr aus dem Haus mit den vielen Bildern kannst Du wieder schmerzfrei sitzen. Und die blauen Flecken unterhalb Deines Rippenbogens verblassen sogar so schnell, daß Du bald nicht mehr sicher bist, ob Du es wirklich erlebt hast oder nur geträumt. Dieses Date. Bei dem ein zorniger, rotbärtiger Mann meinte, Dir Gewalt antun zu müssen, inmitten von fremden Luxusgütern, aus einem rätselhaften Grund. Tizianrotes, kleingelocktes Haar hat er also, Dein Zuchtmeister in der düster dekorierten Villa, wenn er sich nicht kahlschert und glattrasiert. Das Haar der Freibeuter. Der Verruchten. Der Außenseiter, also. Der Geächteten. Und: Der Zauberkundigen. Der Magier und Hexen. Ja, der Seelenlosen, wie man auf Fantasy-Webseiten lesen kann. „Daywalker“, heißt es da, seien ganz besondere Rothaarige: hellhäutig, aber ohne Sommersprossen. Lichtscheu. Unempfindlich gegen Schmerz. Gefühlskalt. Tagwandelnde Vampire. Kein Zweifel, denkst Du. So ist O.

22h. Du sitzst in eine Decke gewickelt auf dem Sofa und läßt Dich vom Kaminofenfeuer wärmen. Neben Dir liegt Dein Smartphone. Du ringst mit Dir. Erwartungsgemäß hat O. Dir kein frohes Neues Jahr gewünscht, gestern. Und Du ihm auch nicht, obwohl Deine Gedanken bei Ihm waren als es Mitternacht schlug und das Silvesterfeuerwerk begann und Dein Mann und Dein Sohn Dich umarmten. Nun drängt es Dich, ihm zu schreiben. Es gibt so Vieles, was Du gerne wissen würdest. Wo und wie verbringt jemand wie O. den Jahreswechsel? Auf einem wilden, bachantischen Fest im Haus mit den vielen Bildern? Bei anderen Freunden, in einem ähnlichen Domizil? Wo Champagner geschlürft wird und nackte Frauen Koks auf Silbertabletts reichen? Oder in seinem eigenen Zuhause, das Du noch immer nicht kennst? Euer vergangenes Treffen, von dem Du Dich erst langsam erholst, was war es für O.? Bestimmt nur der marginale Auftakt für mehrtägige Abenteuer und Exzesse, denkst Du. Das Vorglühen, das halb vergessene Präludium …

22h30. Ok, O., denkst Du. Die Schlampe meldet sich wieder. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich hoffe Du bist gut ins Neue Jahr gekommen. Küsse!“ Du atmest durch. Gehst zum Kaminofen um Holz nachzulegen. Willst Dich gerade auf der Couch zurecht kuscheln um ein wenig zu schlafen. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. O. „Hallo“ schreibt er nur. „Hallo“ schreibst Du zurück. Und dann: “ Hat es Dir gefallen mich zu bestrafen?“ – „Ja!!“ antwortet O. nach einigen Minuten. „Aber Du hast mir nicht bewiesen daß Du mir noch gehörst!!!“ – „Warum nicht?“ schreibst Du irritiert. „Was hat Dir gefehlt?“ – „Du hast gesagt daß ich Dich mißhandeln darf!!!“ schreibt O., wiederum nach einigen Minuten. „Und jetzt schau mal was rausgekommen ist! Ich durfte Dich NICHT härter angehen!“ – „Aber Du hast doch alles gemacht was Du wolltest!“ schreibst Du. „Und hättest auch noch mehr machen können! Ich war jedenfalls bereit dazu!“ – „Wirklich?“ fragt O. „Wirklich!“ antwortest Du. „Babe!“ schreibt O. „Ich danke Dir!!!“

„Kein Ding“ schreibst Du, bewegt von O.s Offenheit. „Und ich kann Dir was sagen, zum Trost“ fügst Du hinzu. „Ich konnte nicht besonders gut sitzen gestern!“ – „Das ist gut Babe!!!“ antwortet O. „Ich werde Dich nämlich schon bald noch härter behandeln!!! – „Ok“ schreibst Du und suchst nach einer frivolen Antwort. Plötzlich aber fühlst Du, wie ein lang in Dir aufgestautes Wissenwollen unhaltbar aus Dir herausdrängt. „Kann ich Dich was fragen?“ schreibst Du und ziehst die Wolldecke enger um Deine Schultern. „Frag“ schreibt O. „Das Haus“ tippst Du, und Dein Herz klopft wild, „in dem Du Dich immer mit mir triffst, das ist aber nicht Dein Zuhause, oder?“ – „Doch“ antwortet O. Du hast den Eindruck, daß der Raum um Dich herum sich dreht. Ziemlich schnell, sogar. Und auf dem Fußboden direkt vor dem Sofa bilden sich wieder Risse. „Oh nein. Hilfe.“ schreibst Du. „Warum?“ fragt O. „Das ist ja so ein wahnsinnig edles cooles Haus!!“ antwortest Du. „Mein Zuhause ist eine Köhlerhütte im Vergleich dazu!“

„Jetzt übertreib mal nicht!“ schreibt O. „Aber dieser ganze Luxus der da ist!“ schreibst Du, „gehört das alles Dir? Und was ist mit den Kindersachen die da immer herumliegen?“ – „Der Luxus gehört ein Teil mir und ein Teil meiner Freundin“ antwortet O. „Und die Kindersachen sind von zwei Neffen von uns. Die sind öfter bei uns zu Besuch!“ – „Ach so“ schreibst Du. „Und das wunderschöne kleine Zimmer? Wo das mit den Blutflecken passiert ist? Ist das dann Dein Zimmer?“ – „Ja! Das ist mein Zimmer“ antwortet O. „Und ausgerechnet da mußte das passieren“ schreibst Du, während Du überlegst, Dich in eine der offenen Fugen unter Dir fallen zu lassen. „Und das Haus ist noch lange nicht fertig!“ schreibt O. „Was fehlt denn noch?“ fragst Du und fühlst plötzlich etwas wahnhaft Besitzstrebendes durch das Handy zu Dir dringen. „Ich brauche Platz für eine neue Stereoanlage!! Neue Regale!! Und vor allem viel viel mehr Bilder!!!“ schreibt O. „Es wird wahrscheinlich niemals wirklich fertig sein!!!“

„Ein Palast für einen Prinzen wie Dich kann wohl auch nie wirklich fertig sein“ textest Du. „Da könntest Du recht haben, Kleine!“ antwortet O. “ Und ich liebe es wenn Du mir so schöne Sachen schreibst!!!“ – „Es ist einfach die Wahrheit!“ antwortest Du. „Dann Gute Nacht, Babe!“ schreibt O. „Dir auch!“ antwortest Du. „Ich muß es jetzt erstmal verkraften was Du mir heute alles erzählt hast!“ Lange, sehr lange nach diesem Chat sitzst Du immer noch reglos auf der Couch, mit angezogenen Beinen, in die Wolldecke gehüllt, das Smartphone in der Hand. Erst als das Feuer im Kaminofen ganz heruntergebrannt ist und Dein Mann und Dein Sohn, die oben zusammen ferngesehen haben, längst schlafen gegangen sind, löst Du Dich aus Deiner Erstarrung. Das Haus mit den vielen Bildern. Wo Dir der Atem stockt, sobald Du es betrittst. In dem die Wände von stummen Schmerzensschreien widerhallen. Und Du in die Abgründe einer verlorenen Seele blicken kannst. Es ist nicht irgendein Ort. Es ist O.s innerstes Reich.

Dienstag, 6. Januar 2015. Dreikönigstag. Die Zeit der entfesselten stürmischen Mächte geht zu Ende. Dein Sohn ist zusammen mit zwei Freunden als Sternsinger unterwegs. Dein Mann zu Besuch bei seinen Eltern. Und Du kannst Dich, vier Tage nach der verstörenden Erkenntnis, längst Teil von O.s innerster Welt gewesen zu sein ohne es zu wissen, vor den PC setzen und etwas ganz Einfaches tun: Du gibst das, was Dir seit Neuestem als O.s Wohnadresse bekannt ist, in die Google-Suchzeile ein. Den klangvollen Strassennamen. Die gerade, zweistellige Hausnummer. Den Namen Eurer Stadt. Und drückst die Enter-Taste. Augenblicklich erscheint die angefragte Adresse bei Google-Streetview. Im zugehörigen Foto ist das Haus mit den vielen Bildern nur schemenhaft erkennbar. Dennoch überläuft es Dich kalt, als Du es siehst. Die Namen von vier Immobilienfirmen ploppen auf. Geschäftssitz: das Zuhause von O. Du recherchierst die Unternehmen. Homepages gibt es keine. Aber ihre Einträge ins Handelsregister sind abrufbar, bei North Data und Moneyhouse.

Plötzlich gibt das Internet so Vieles preis. Die Firmen wurden vor 6 Jahren gegründet. Als geschäftsführend werden jeweils drei Frauen mit dem gleichen Familiennamen samt ihren Geburtsdaten genannt. Eine Dame im Alter von 68 Jahren und ihre beiden Töchter. Die Erstgeborene ist wohnhaft im Haus mit den vielen Bildern. Ihren Vornamen kanntest Du schon. Aus der Traueranzeige für O.s Mutter. O.s Lebensgefährtin, also. Ihr Vater ist Gründer eines bedeutenden mittelständischen Bauunternehmens, stellst Du fest. Ihre Mutter entstammt einer wichtigen deutschen Verlegerfamilie. Zusammen mit weiteren Angehörigen dieser Sippe verfügt sie über ein Netzwerk aus Firmen- und Wohnsitzen an den vornehmsten Adressen im Westen der Stadt. Auch die alte Villa, in der O. Dich zum ersten Mal nahm, scheint Teil des Familienbesitzes zu sein. Und ins Kennzeichen des SUV den O. fährt, sind die ersten beiden Buchstaben des illustren Clan-Namens integriert. Ihre gesellschaftlichen Verbindungen reichen bis in die höchsten Kreise Deiner Stadt.

So sehr Du auch suchst, Bilder sind von keiner der drei gut situierten Frauen im Netz zu finden. Zwar kannst Du sehen, daß sie sich karitativ engagieren, bei Children for a Better World und ähnlichen Organisationen. Die Matriarchin sitzt außerdem im Festkomitee eines sehr beliebten Wohltätigkeitsballes Deiner Stadt. Ihre Gesichter halten die Damen im Raum des weltweiten Netzes jedoch konsequent verborgen. So erfährst Du leider nicht, wie O.s Freundin aussieht. Natürlich nimmst Du an, daß sie schlank und attraktiv ist, beneidenswert stilvoll und teuer gekleidet, von Männern umschwärmt, kurz, das Pendant zu O. Bestimmt bist Du nur ein Aschenputtel im Vergleich zu ihr. Du fühlst Dich tief unterlegen, beim Blick auf all die Infos im Netz. Und dennoch empfindest Du auch etwas wie Mitleid, wenn Du ihren Namen liest. Ein eigenartiges Verbundensein mit den seelischen Narben und Verletzungen einer anderen, zu O. gehörenden Frau. Zu dessen Person selbst weiterhin nichts, absolut nichts aufscheint. Auch nicht im virtuellen Umfeld des von ihm bewohnten Hauses.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

La Chasse Sauvage

Samstag, 27.12.2014. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Lichtlos. Windumtobt. Unerlöst. Altem Volksglauben zufolge zieht dieser Tage ein Heer von dämonischen Jägern und Geisterreitern über den Himmel. Das weißt Du noch aus Deiner Kindheit. Odins Todesboten. Die Wilde Jagd. Mehr als in früheren Mittwinterphasen fühlst Du Dich gefährdet, einsam, aus der Welt gefallen. Es gelingt Dir nicht zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit Deinem Mann und Deinem Sohn. Du schläfst nachts unruhig und träumst wirr. In den frühen Morgenstunden wirst Du oft von den Strumböen geweckt, die seit dem zweiten Weihnachtstag um die Häuser Deiner Stadt wehen. Dann stehst Du auf, gehst barfuß zum Badezimmerfenster und schaust hinaus zu den kahlen schwankenden Bäumen in der trüben aschgrauen Morgendämmerung. „Irgendwo da draußen“ denkst Du, bevor Du zurück in Dein Bett kriechst um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Irgendwo da draußen ist O. auf Beutezug. Auf der Suche. Nach neuen Frauen. Neuen Seelen. Nach neuer menschlicher Energie …

Sonntag, 28.12.2014. Der Wintersturm kommt allmählich zur Ruhe. Dein Mann und Dein Sohn können hinausgehen und die Orkanschäden im Garten besichtigen. Du schaust ihnen vom Wohnzimmerfenster aus zu. Gerade als Du Deine Stiefel anziehen und noch ein wenig mithelfen willst den halb umgestürzten Brennholzstand aufzurichten piept Dein Handy. „Bist Du bereit für Deine Strafe, Schlampe?“ schreibt O. „Welche Strafe?“ fragst Du zurück und spürst wie Dein Pulsschlag sich beschleunigt. „Die Strafe dafür daß Du es mit dem Anderen gemacht hast!“ schreibt O. „Hast Du mir das noch nicht verziehen?“ fragst Du. „Nein!“ antwortet O. „Erst mußt Du mir beweisen dass Du mir noch gehörst!!!“ – „Ich gehör Dir auf jeden Fall!“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Übermorgen bin ich allein. Dann kommst Du zu mir. Ich füge Dir Schmerzen zu!! Dann sehen wir weiter!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Aber ich warne Dich!“ schreibt O. „Überleg es Dir gut!! Du wirst mit meiner ‚Behandlung‘ nicht klarkommen!!!“ – „Ich besuche Dich trotzdem!“ antwortest Du.

Draußen hat es begonnen in dichten Flocken zu schneien. Gärten, Straßen und Häuser werden weiß umhüllt. Stille breitet sich aus. Du selber versuchst den inneren Aufruhr zu bewältigen, den Chat-Duelle mit O. so oft bei Dir hinterlassen. Die Melange aus Empörung, Wut, Angst und Faszination mit der Du O. beim Überschreiten all Deiner Grenzen zuschaust. Und: Den Kick. Den Thrill. Denn: „Zu mir“ hat O. ja geschrieben. „Dann kommst Du zu mir“. Du wirst also seine Wohnung, sein Zuhause kennenlernen wenn Du ihn besuchst um Dich schlagen und strafen zu lassen. Fünf Monate nach Eurem ersten Date, drei Monate nachdem Du ihn zum letzten Mal gesehen hast, hält O. Dich für würdig zu erfahren wo er wohnt. Du stellst Dir ein wildes Ambiente vor, rockstarmäßig, mit pompösen Kronleuchtern und majestätischen Ledersesseln vor Wänden in violett oder schwarz. Zwischen flackernden Kerzen und Totenköpfen auf denen Strass-Steine schillern und blinken wird Deine Bestrafung stattfinden. Du fieberst ihr entgegen.

Dienstag, 30.12.2014. Am vorletzten Tag des  Jahres scheint die Welt um Dich herum zu versinken in Schnee. Meterhoch türmt er sich auf den Straßen. Dein Mann und Dein Sohn gehen halbstündlich hinaus zum Räumen. Und es schneit immer noch weiter. Von O. hast Du nichts mehr gehört, seit zwei Tagen. Als ob auch er und sein Plan eingeschneit wären, denkst Du, während Du unter der Dusche stehst. 12.30h. Du frottierst Dir gerade die Haare. Dein Handy piept. „Ich bin jetzt alleine!“ schreibt O. „Kannst Du kommen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ich muß mich nur noch fertig anziehen“ – „Bis wann kannst Du da sein, Schlampe?“ fragt O. „Wo müßte ich denn genau hinkommen?“ fragst Du gespannt zurück. „Zum Haus“ antwortet O. „Also. Wann kannst Du da sein?“ – „In einer halben Stunde“ schreibst Du. „Fahrradfahren geht ja leider nicht wegen dem Schnee“ – „Das schaffst Du ja doch nicht zu Fuß!“ schreibt O. „Ich glaube wir vergessen das Ganze!“ – „Bitte nicht!“ antwortest Du. „Ich versprech Dir daß ich pünktlich bin!“

„Na gut!“ schreibt O. „Von jetzt ab eine halbe Stunde! Nur eine Minute später und ich mach Dir die Türe nicht mehr auf!“ – „Dnke“ tippst Du und eilst halbnackt ins Schlafzimmer. Dort zerrst Du hektisch eine neue Packung halterloser Strümpfe aus ihrem Versteck und öffnest sie mit zittrigen Fingern. Als Du sie Dir überstreifen willst, bleibst Du mit dem rechten Zehennagel in dem empfindlichen Gewebe hängen und reißt eine große Laufmasche hinein. Für einen Moment fühlt sich alles vollkommen leer, absurd und sinnlos an. Aber Du rufst Dich zur Ordnung. „Ich will ihn sehen!“ denkst Du, wirfst Dir ein halbtransparentes weißes Langarmtop über, schlüpfst in Deine Jeans und hastest nach unten. Dort steigst Du in Deine Boots, hüllst Dich in Deinen Winterparka und Deinen Lieblingsschal aus Ajour-Strick, greifst nach Deinem Minirucksack samt Smartphone und stürmst auf die Straße hinaus. Dein Mann und Dein Sohn, die gerade mit Schneeräumen fertig geworden sind, schauen Dich verwundert an. „Ich mach einen kleinen Winterspaziergang, Herzen!“ sagst Du. „Bin bald zurück!“

Das Vorwärtskommen im Schnee ist schwierig. Bei fast jedem Schritt in der mehligen Masse, die die Räumdienste auf den Straßen zusammen geschoben haben, rutschen Deine Füße nach hinten weg. Du fühlst Dich wie in einem der Träume in denen man läuft ohne sich vom Fleck zu bewegen. Außerdem schneit es in die Kapuze von deinem Parka. Aus Deinen Haaren rinnt Schmelzwasser in Deine Augen und ruiniert das Make-up das Du noch schnell aufgetragen hast. Und O. macht alles noch schlimmer. Denn er bombardiert Dich mit Sms. Ignorieren? Unmöglich. Es könnte ja wichtig sein. O. aber hetzt und scheucht Dich einfach nur vor sich her. „Wo bleibst Du, Schlampe?“ schreibt er. „Die halbe Stunde ist gleich rum!!! Ich wußte ja daß Du es nicht schaffst!!!“ – „Ich bin schon fast da!“ tippst Du mit kalten Fingern während Du weiter voran stapfst. „Hör auf mich zu stressen!“ – „Du Drecksau!!!“ kommt es zurück. „Ich lass Dich gleich vor dem Haus stehen ohne zu öffnen!! Das wäre das was Du verdient hast!!!“

Dann geh ich halt Kaffeetrinken, denkst Du und biegst in die Straße ein an deren totem Ende das Haus mit den vielen Bildern errichtet wurde. Die Räumdienste haben hier besser gearbeitet als in Deinem eigenen Quartier. Du kannst Dich sicheren Schrittes auf das mondäne weiß-rote Gebäude zubewegen, das in kalter Pracht vor Dir liegt. Deine Kehle schnürt sich zusammen als Du direkt davor stehst. Schutzsuchend kauerst Du Dich unter das schmale Garagenvordach, atmest kurz durch, ziehst Dein Handy aus der Tasche von Deinem Parka und schreibst: „Ich bin jetzt vorm Haus!! BITTE lass mich rein!!“ Die Welt scheint stillzustehen, wie schockgefrostet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich das automatische Garagentor, gerade so hoch daß Du gebückt darunter hindurch schlüpfen kannst. Im Inneren der Garage stehst Du sekundenlang wie blind. Dann aber gewahrst Du O., der barfuß, in T-Shirt und Jogginghose im Rahmen der Verbindungstüre zum Haus lehnt. Ein lässiger Jäger, seiner Beute vollkommen sicher.

Du tust einen Schritt auf ihn zu und schaust ihn befremdet an. O.s blasses Gesicht wird umrahmt von einem dichten, brandroten Bart der ihn erschreckend archaisch, fast wikingerhaft-brutal aussehen läßt. Bevor Du Dich an den veränderten Anblick gewöhnen kannst, greift er brüsk nach Deinem linken Oberarm und zerrt Dich ungeduldig über die Türschwelle ins Innere des Hauses. Du stolperst über ein Chaos aus Kinderschuhen die inmitten von Staubflocken und Wollmäusen auf den dunkelgrauen Granitfliesen im Flur herumliegen. Die Eigentümerfamilie scheint überstürzt abgereist zu sein. Das gesamte Parterre macht einen unaufgeräumten, schlecht geputzten Eindruck. Wahrscheinlich O.s Job hier für Ordnung zu sorgen, denkst Du. Erst aber mußt Du Deinen Denkzettel bekommen, offensichtlich. Denn: „Zieh die Jeans aus!“ sagt O., als Du Deinen Parka ablegst und aus Deinen Boots schlüpfst. „Die könnte sonst kaputt gehen, heute“ – „Ich weiß“ antwortest Du und wünschst Dich plötzlich sehr weit weg.

O. läßt seinen Blick abschätzig über Dein Top und Deine schwarzbestrumpften Beine gleiten. Dann greift er nach Deinen beiden Handgelenken als ob er einen bizarren, ländlichen Tanz mit Dir beginnen wollte. Er zieht Dich ins Wohnzimmer und schubst Dich zu einem großen Tisch aus massivem Eichenholz auf dem noch weihnachtliche Buchsgebinde herumliegen. Du stößt mit dem rechten Hüftknochen an der Tischkante an. O. dreht Dir die Arme auf den Rücken und drückt dein Gesicht und Deinen Oberkörper mit der linken Hand auf die Tischplatte, so daß Dein Po nach oben ragt und nur Deine Zehenspitzen den Boden berühren. Mit der rechten Hand schiebt er Dein Top beiseite und betastet dein Gesäß. Lange. Nachdenklich. „Bitte nicht!“ flehst Du innerlich, als Du mitbekommst daß er seine Jogginghose auszieht und sich in die Hand spuckt. „Bitte nicht anal!“ Verzweifelt umklammerst Du eine der Garben aus Buchs. „Drecksau!“ faucht O., krallt seine Hand in Deine Haare und dringt gnädigerweise vaginal in Dich ein.

Als O. Dir gestattet Dich wieder aufzurichten hast Du Schwierigkeiten zu atmen und Deine Rippengegend fühlt sich gequetscht an. O. aber dreht Dir erneut die Arme nach hinten und stößt Dich zu der schwarzen XL-Couch auf der anderen Seite des Raumes. Er läßt seine flache Hand auf Dein nacktes Gesäß klatschen. Einmal. Zweimal. Du kreischst. Dreimal. Viermal. Du kreischst schrill. Auf der Couch kommst Du rücklings zu liegen. O. presst seine Knie beidseitig in Deine Leisten und umgreift Deinen Hals. „Was machen wir jetzt, Schlampe?“ fragt er und blickt aus seinem fremden, wild umwucherten Gesicht auf Dich herab. „Arschloch küssen?“ röchelst Du mühsam. „Das geht nicht!“ faucht O. und schlägt Dich mit der freien Hand ins Gesicht. „Warum nicht?“ fragst Du. „Ich bin nicht geduscht!“ antwortet O. und schlägt ein weiteres Mal zu. Dein Unterkiefer verschiebt sich. Du bist still. „Du Drecksau bekommst es jetzt ins Gesicht!“ murmelt O. und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf die Innenseiten Deiner Oberarme. Es tut weh. Deine Schultergelenke knacken. Aber Du überstehst es. Ohne zu jammern.

O. bedeutet Dir aufzustehen, nachdem er sich angezogen, aus der Küche ein Kleenex geholt und Dir damit das Gesicht abgeputzt hat, während Du regungslos auf dem Sofa verharrtest. Du kämpfst Dich schweigend hoch und gehst an ihm vorbei, hinaus in den Flur. Dort lehnt O. sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und schaut zu, wie Du die Jeans über Deine zerrissenen Strümpfe ziehst, in Deinen Parka schlüpfst und mit zitternden Händen die Schuhbänder deiner Boots zusammenknotest. „Vergiß Deinen Schal nicht der da auf dem Boden liegt“ sagt er mit leiser Stimme und beobachtet voll Interesse wie Du Dich etwas mühselig danach bückst. Als Du fertig angezogen bist schaust Du ihn mit festem Blick an. „Wir treffen uns nicht mehr, oder?“ fragst Du. „Du Schlampe meldest Dich ja doch wieder!“ antwortet O. betont gleichgültig und zückt den Schlüssel für die Verbindungstür zur Garage. „Ciao“ sagst Du, als Du über die dreistufige Treppe aus grauem Beton in den dunklen, kalten Raum hinaustrittst. „Ciao“ sagt O. und läßt die Türe hinter Dir ins Schloß fallen.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Come all ye Faithful …

Ein milder, fast frühlingshafter Winter kündigt sich an. Dein Fahrrad trägt Dich durch ruhige Tage und sanftes Licht. Die Weihnachtszeit hat begonnen. Dein Sohn hat viele Auftritte und Konzerte. Von O. hörst Du nichts. Dein Flirtpartner vom Tanzfest kümmert sich dafür umso intensiver um Dich. Er schreibt Dir oft. Lädt Dich ein, zu Spaziergängen und Besuchen in Szenerestaurants. Beschenkt Dich mit teurem Parfüm und macht Dir erhebende Komplimente. Du seist für ihn DIE Farbe der Natur, schreibt er einmal. Mädchenhaft. Lebendig. Temperamentvoll. Seine Verehrung tut Dir gut. Du triffst Dich ein paarmal mit ihm. Genießst es, daß jemand Zeit hat für Dich. Wert legt auf Nähe und Zärtlichkeit. Dich umsorgt. Verwöhnt. O. vergessen machen kann er jedoch nicht. Im Gegenteil. Du sehnst Dich täglich mehr nach dessen gebieterischen Sms. Vermisst es, von ihm befehligt zu werden. Und fragst Dich auch ob er etwa spüren kann, daß jemand anderer Dir nahe ist. Denn eines Tages geschieht etwas Merkwürdiges.

Dienstag, 16.12.2014, 17 Uhr. Du begleitest Deinen Sohn zu einem Musik-Event in einer Jugendstilvilla im Osten der Stadt. Sobald Du ihn dorthin gebracht hast, möchtest Du Dich mit Deinem neuen Verehrer treffen. Zum Abendessen. Und für ein wenig Zärtlichkeit im Auto. Du freust Dich auf das Date. Noch mehr aber freust Du Dich, als Du, am U-Bahnsteig stehend, plötzlich eine Sms bekommst von O. „Hallo meine Schlampe!“ schreibt er. „Willst es vor den Feiertagen noch mit mir machen?“ – „Warum nicht?“ antwortest Du, um Coolness bemüht. „Würde es auch jetzt bei Dir gehen?“ fragt O. „Jetzt leider nicht“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Ich bin gerade unterwegs zu einem Konzert von meinem Sohn“ antwortest Du. „Schade!“ schreibt O. „Dann bis bald, Du Schlampe!“ In eigenartig elektrifiziertem Zustand erreichst Du zusammen mit Deinem Sohn den Ort seines Auftritts. Verabschiedest Dich rasch von ihm und hältst seltsam unbeteiligt Ausschau nach dem Wagen Deines neuen Freundes. Kein Zweifel, denkst Du, wer wirklich hier das Sagen hat …

Mittwoch, 17.12.2014, 0.25 Uhr. Du bist wieder zu Hause. Dein Sohn schläft. Dein Mann ist unterwegs, irgendwo. Du selber sitzst bei Tee und Musik auf der Wohnzimmercouch. Das Handy piept. Dein neuer Lover bedankt sich überschwänglich für die Stunden mit Dir. Bevor Du ihm antworten kannst piept Dein Handy erneut. „Hallo Süße!“ schreibt O., „Kannst Du noch rauskommen?“ – „Ich will bald schlafen gehen“ antwortest Du. Kurze Stille. Dann: „Süße, ich muß ehrlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Ich hab jemanden kennengelernt!!!“ Dein Herzschlag setzt aus. Etwas Buntes flimmert vor Deinen Augen. Eine Erdspalte scheint sich zu öffnen, unter Dir. Da ist er, der Moment, vor dem Du seit Monaten Angst hast. Der Moment in dem Du entsorgt wirst. Ausgetauscht gegen eine andere Frau. Und O. verlierst. Du willst nur Eines: Dein Gesicht wahren. Deshalb schaltest Du auf Überlebensmodus und schreibst: „Ok. Dann kann auch ich ehrlich sein zu Dir, oder?“ – „Natürlich!“ schreibt O. „Gut. Erzähl.“ schreibst Du und krümmst Dich über Deinem Handy zusammen. „Nein! Erst Du!“ befiehlt O.

„Also.“, schreibst Du, „Ich kenne seit dem Tanzfest vor zwei Wochen einen Mann mit dem ich mich ganz gut verstehe. Heute abend hat er sich mit mir getroffen und es im Auto mit mir gemacht. Ich war nicht in dem Konzert von meinem Sohn.“ – „Und wie ist es mit Dir?“ schiebst Du nach einer kleinen Pause hinterher. „Ich habe niemanden kennengelernt!!!“ antwortet O. „Das war ein Trick. Ich wollte endlich wissen ob Du es mit anderen Typen treibst. Du bist eine dreckige Schlampe!!! Du hast alles zerstört!!!“ Fassungslos siehst Du zu wie die tektonische Spalte unmittelbar vor Deinen Füßen breiter wird. Der klaffende Abgrund direkt unter Dir scheint bis zum Erdmittelpunkt zu reichen. Felsstücke brechen weg. Mit drei Sms ins Ausweglose geführt. Das ist es was O. soeben mit Dir gemacht hat. Er hat Dich überlistet. Aus der Reserve gelockt. Deine Verlustangst geschürt. Dich dann entlarvt und sich selber weißgewaschen. Präzise. Instinktgesteuert. Elegant. Gnadenlos. Nun kann er Dich entsorgen und Dir obendrein die Verantwortung für Euer Scheitern aufbürden. „Chapeau, O.“, denkst Du, bevor Du ins Bodenlose fällst.

Das Erwachen nach dem Sturz ist grausam. Wieder einmal quälst Du Dich mit labilem Kreislauf über einen Vormittag. Ratlos. Entwaffnet. Aller Möglichkeiten beraubt. Und dennoch kommt Dir alles seltsam unwirklich vor. Wie ein Spiel. Nach zwei Tassen Tee greifst Du zum Handy und schreibst: „Verzeih mir O.! Ich will in Wirklichkeit nur Dich!“ Du richtest Dich auf eine lange Stille ein. Aber um 17 Uhr piept Dein Handy. „Sei ehrlich Babe!“ schreibt O. „Hat er es Dir wenigstens geil besorgt mit seinem großen Schwanz? – „Nein!“ antwortest Du. „Warum nicht?“ fragt O. „Er hats einfach nicht drauf!“ schreibst Du. „Das tut mir sehr leid für Dich!!!“ schreibt O. und Du kannst seine Häme durch Dein Handy hindurch spüren. „Denn ich werde es Dir jetzt auch nicht mehr besorgen!!! Ich werde es gleich morgen früh mit einer Anderen machen!!! Nach Weihnachten kommst Du dann zu mir!! Ich fessel und mißhandel Dich! Du mußt mein Arschloch küssen und meine Pisse trinken!! Nur wenn Du das alles tust könnte ich Dir vielleicht verzeihen!!!“

Donnerstag, 18.12.2014, 4Uhr. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. Sonst nichts. Ungefähr eine Stunde lang liegst Du wie ermordet da. Gelähmt von der Vorstellung daß O. genau jetzt einer Frau in hochhackigen Schuhen die Tür zu seinem Wagen öffnet und sie mit sich nimmt um Sex mit ihr zu haben, an einem unbekannten Ort. Und Dich damit zu bestrafen. Aber weißt Du ob es auch wirklich so ist? Es gibt nie eine eindeutige Realität im Dunstkreis von O. Es könnte immer alles auch anders ein. Das ist das Gnädige an dieser Scheinwelt. Es kann Dich auch kalt lassen. Es ist genauso relativ und diffus wie alles was O. sagt und tut. Du setzst Dich in Deinen Kissen zurecht und besinnst Dich auf die Möglichkeiten die Du hast. Dann nimmst Du Dein Handy und wünschst Deinem Flirtpartner vom Tanzfest einen wunderschönen guten Morgen. Er antwortet sofort. Verabredet sich mit Dir für den Vormittag. Du besuchst ihn für zwei Stunden in seinem kuschelig eingerichteten Hobbyraum abseits der Hauptwohnung. Und am Nachmittag kontaktierst Du O.

17 Uhr. „Ich hab heute nochmal den Anderen getroffen“ tippst Du in Dein Handy. „Es war ganz schön“. Du wartest auf die Carosse de Retour von O. Bist auf wilde Tiraden gefaßt. Und auf die Schilderung sexueller Triumphe. Doch O. wirkt seltsam dünnhäutig als er Dir antwortet. Gar nicht wie jemand der sich amourös ausgetobt hat. Eher verletzt. Resigniert. „Du bist ja sowas von blöd“ schreibt er. „Lass mich in Ruhe mit Deinen Geschichten! Ich hab echt keinen Bock auf Märchenstunde!!“ – „Es ist kein Märchen!“ antwortest Du. „Ich hab es nicht nötig sowas zu erfinden!“ – „Dann laß mich trotzdem in Ruhe!“ schreibt O.  22Uhr. Du wärmst Dich vor dem Kaminofen. Dein Handy piept. „War er zärtlich zu Dir?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „So zärtlich wie ich es von Dir gern hätte, eigentlich!“ – „Da kannst Du lang drauf warten, dämliche Schlampe!!“ kontert O. „Ich werde niemals mit Dir kuscheln!!! Du bist wirklich nur für Eines gut!!!“ – „Sollten wir uns dann nicht besser trennen?“ fragst Du. „Nein!!“ antwortet O. „Denn Du bist zwar total dämlich und behindert, aber ich liebe Dich!!!“

Montag, 22.12.2014. Die Weihnachtstage kommen näher. Und O.s Chatverhalten wird zunehmend unberechenbarer und bizarrer. Sexuell aufgeladene Ein-Wort-Sms im kategorischen Imperativ. Erotische Dekrete. Verbale Herabsetzungen im Wechsel mit Liebesschwüren und dem Flehen um Beachtung. Sie alle fluten Dein Handy, frühmorgens oder nachts. Wenn Du versuchst darauf einzugehen kommt meistens nichts zurück. Ähnlich wie in den Wochen bevor seine Mutter starb, droht O. zu entschwinden, im Gespinst einer Gefühlswelt das für Dich unentwirrbar ist. Das Fest der Lichter und Geschenke, es scheint O.s Herz eher zu verdüstern anstatt es zu erhellen. Und Du mußt aufpassen nicht mit in seine  Dunkelheit gezogen zu werden. In den Nächten sitzst Du weiterhin viel vor dem PC. Ein neuer psychologischer Begriff beschäftigt Dich: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Und Du versuchst Näheres über O.s Lebensumstände in Erfahrung zu bringen. Vor allem möchtest Du endlich wissen WO in Deiner Stadt er wohnt. Jedoch, das allwissende Internet, es gibt O.s Geheimnisse nicht preis.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Volte Face

Donnerstag, 27.11.2014 Erschöpft, aber glücklich, wie nach der Rückkehr aus fernen, unerschlossenen Klimazonen meldest Du Dich bei Deinen Freunden. Tagelang haben sie nichts von Dir gehört. Nun sind sie froh zu erfahren daß es Dir gut geht. Und beeindruckt von dem, was Du in den Nächten Deiner Online-Recherchen alles entdeckt und erlebt hast. Sie loben die Beharrlichkeit und Konsequenz Deines Vorgehens. Finden Dich tapfer. Mutig. Smart und cool. Sie teilen Deine Gefühle beim Blick auf die Traueranzeige für O.s Mutter. Und erahnen, nicht weniger als Du, das Gebrochene, Umdüsterte seiner Existenz. Die Bürde seines Aufwachsens in einer wahrscheinlich beschädigten Familie. Ihre anerkennenden Worte für Dich verbinden Deine Freunde aber auch mit der Hoffnung, daß Du nun loslassen kannst von O., jetzt, wo Du Grundlegenderes über ihn weißt. Sie wünschen Dir, daß Du den Blick von O.s Fatum lösen und nach vorne schauen kannst. Bald. Du gibst ihnen recht. Jedoch, Du hast nicht wirklich vor, O.s Schattenreich zu verlassen.

Freitag, 28.11.2014 Fürs Erste blickst Du einem freien, aufregenden Wochenende entgegen. Dein Mann fliegt für drei Tage nach London und Dein Sohn geht auf Konzertreise. Du selber bist eingeladen zu einem Tanzfest, das ehemalige Schulfreunde von Dir halbjährlich in einem Jugendhaus am Rande der Stadt veranstalten. Du freust Dich sehr darauf, unbelastet feiern zu können, zusammen mit Menschen die Dich mögen und die Du seit langem kennst. Du willst aber, falls möglich, auch die Chance nutzen und O. treffen. Tagsüber, vielleicht. Oder nachts? 17h. Du schreibst ihm. Und er antwortet: „Das ist ja geil, Babe! Dann machen wir gleich heute nacht ne Nummer im Auto! Wo wohnst Du nochmal genau? Schick mir Deine Adresse, dann hol ich Dich morgen früh ab!!“ Hey, gut drauf heute, denkst Du, während Du O. Deine Hausnummer und Straße mitteilst. „Danke, Babe!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!“ – „Ich zieh dann Strümpfe und Highheels an, ok?“ schreibst Du. „Tu das, meine geile Schlampe!“ antwortet O.

Samstag, 29.11.2014, 2.30h. Du kommst zu Dir, nach einem kurzen, oberflächlichen Schlaf und besinnst Dich auf Dein bevorstehendes Date mit O. Willst aufstehen und im Halbdunkel schon mal nach Deinen Highheels und den halterlosen Strümpfen suchen, um im richtigen Moment bereit zu sein, für ihn. Da piept Dein Handy. „Guten Morgen, Kleine!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du. „Ich kann mich leider jetzt nicht mit Dir treffen!“ schreibt O. „Ich dachte ich wäre schon wieder so weit!! Aber es geht mir noch alles so nahe wegen meiner Ma!!!“ – „Das verstehe ich!“ antwortest Du. „Ich war jetzt ganz oft zusammen mit meinen Brüdern in dem Dorf wo ich aufgewachsen bin!!!“ schreibt O. „Und das muß ich erst noch verkraften!!! Du bist mir hoffentlich nicht böse!“ – „Überhaupt nicht!“ antwortest Du und kuschelst Dich wieder in den Kissen zurecht. Du hoffst, noch ein wenig mehr zu erfahren, über das kleine Dorf und O.s Brüder, und das, was dort alles so schwer zu bewältigen ist. Aber O. schreibt nicht mehr zurück.

Du sinkst zurück in den Halbschlummer. O.s Brüder, wie mögen sie wohl aussehen, denkst Du traumverloren. Und das kleine Dorf? Du könntest im Sommer mit dem Fahrrad hinfahren, denkst Du. Eine Tagestour wäre es wohl. Dann könntest Du sie kennenlernen, O.s Kindheitssphäre. Du träumst von Ahornbäumen, Getreidefeldern und einem wilden kleinen Jungen mit zerzaustem Haar. 6.15h. Dein Handy piept. „Guten Morgen!“ schreibt O. „Grts Dir besser?“ tippst Du mit verklebten Augen. „Leider nicht!“ schreibt O. „Aber ich hab eine starke Tablette genommen. Dadurch konnte ich ein bisschen schlafen.“ O.s Ausgesetztheit rührt Dich. Im Nebel Deines unwachen Zustands suchst Du angestrengt nach ein paar Worten der Fürsorge. Aber bevor Du sie ins Handy tippen kannst, schreibt O. erneut. Vollkommen verändert. Ausgetauscht. Nicht mehr haltsuchend und bedürftig. Sondern feindselig. Heimtückisch. Auftrumpfend und manipulativ. Seine Sexbesessenheit erhebt ihr basiliskenhaftes Haupt. Und haucht Dich lähmend an.

„Jetzt sei mal ehrlich, Du Schlampe!!“ schreibt O. „Es kommt nachher bestimmt gleich ein Ficker zu Dir wenn Du allein zu Hause bist!!“ – „Nein“ antwortest Du, überrumpelt von der 180-Grad-Wendung im Chatverlauf. „Dann könnte ich ja kommen, oder?“ schreibt O. „Sehr gern!“ antwortest Du. „Ich würde aber nicht besonders zärtlich zu Dir sein!“ schreibt O. „Warum nicht?“ tippst Du, Unheilvolles ahnend. „Mal angenommen ich würde Dich vergewaltigen“ schreibt O., „würdest Du mich anzeigen?“ – „Vergewaltigen? Anzeigen? Warum???“ schreibst Du panisch. „Weil ich Lust dazu habe!!!“ schreibt O. „Ich will Dich anal vergewaltigen!! Also. Zeigst Du mich danach an?“ – „Das kann ich doch gar nicht wenn ich Deinen Nachnamen nicht weiß!“ pokerst Du. „Könntest ja gegen unbekannt!“ kontert O. „Und außerdem könntest Du mich ja beschreiben!“ – „Ja“ antwortest Du. „Aber ich hoffe, daß Du mir niemals Grund gibst all das zu tun!“ – „Gut!!“ schreibt O. „Dann komm ich nachher zu Dir!!! Mach Dich auf eine harte Nummer gefaßt!!!“

Für ein paar Sekunden sitzst Du geschockt in Deinem Bett. Denkst an O.s bleichen, fast vollkommen haarlosen Körper und stellst Dir Deine hilflosen Versuche vor, ihn Polizeipsychologen und Vernehmungsbeamten adäquat zu beschreiben. Daß Du O.s Familiennamen seit kurzer Zeit kennst, ändert eigenartigerweise nichts an deinem Ohnmachtsgefühl. Im Gegenteil. Du spürst nur umso deutlicher, wie weit entfernt vom Rande des Normalen, Nachvollziehbaren sich Eure Beziehung längst bewegt. Wie tief Du selbst in eine Sphäre abgetaucht bist, in der bürgerliche Namen und Gesetze keine Relevanz besitzen. In der nur Eines zählt: das schillernde Herrschaftsprinzip der katzenhaften Eingebungen von O. Du bereust heftigst, ihm Deine Wohnadresse anvertraut zu haben. Dann aber nimmst Du Dich zusammen. Stehst auf, schüttelst Deine Bettdecke zurecht, gehst mit robotischen Bewegungen hinunter in die Küche und machst Tee. Ich muß aufräumen, bevor er kommt, denkst Du. Die äußere Ordnung aufrecht erhalten, so gut es geht. Da piept Dein Handy.

„Ich komm nicht rechtzeitig von zu Hause weg!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, mit unkontrolliert zitternden Händen. „Vielleicht ganz gut so“ kannst Du Dir nicht verkneifen hinterher zu schicken, nachdem Du kurz durchgeatmet hast. „Eines Tages mache ich es auf jeden Fall!!!“ schreibt O. „Aber Du, Schlampe, biete mir nie wieder etwas an was Du dann doch nicht willst!! Sonst muß ich Dich bestrafen!!!“ – „Ich hab Dir ganz sicher nie angeboten mich anal zu vergewaltigen!“ antwortest Du empört. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Im Laufe des Nachmittags wirst Du sehr sehr müde. Du rollst Dich unter mehreren Wollplaids auf der Wohnzimmercouch zusammen und schläfst tief und traumlos für einige Stunden. Als Du wach wirst ist es bereits dunkel. Auf Deinem Handy sind mehrere Sms von Freunden die fragen, wann Du zum Tanzfest kommst. Eigentlich willst Du niemanden sehen. Fühlst Dich viel zu erschöpft und zu ausgelaugt um eine weitere Nacht zum Tage zu machen. Dann aber raffst Du Dich doch noch auf.

21.30h. Frisch geduscht stehst Du vor dem Badezimmerspiegel. Schminkst Dich ein bisschen. Deine Haare sind wieder ganz kurz geschnitten worden, vor wenigen Tagen. Und Du hast ein neues Empire-Top. Indigoblau, mit Streublümchenmuster und Spaghettiträgern. Es läßt den halben Rücken frei, so daß fast alle Deine Tattoos gut zu sehen sind. Mal schauen was passiert, denkst Du, während Du in Jeans und Parka schlüpfst und noch schnell ein paar Brennholzscheite für das geplante Lagerfeuer in Dein Fahrradkörbchen legst. Es ist eine trockene, sternklare Nacht. Erwartung liegt in der Luft. Du fährst los. Vor dem Jugendhaus werden bereits Flammen entfacht als Du ankommst. Drinnen wird ekstatisch getanzt. Der DJ mixt Alternative Rock mit Kult-Schlagern und Dancefloor-Sirtakis. Du wirst begrüßt, umarmt, mit Prosecco versorgt, auf die Tanzfläche gezogen. „Atemlos durch die Nacht“ singst Du, zusammen mit den Anderen. Dein Freund, der Suchtberater, winkt Dir im Trubel zu. Alles ist gut.

Kurz vor Mitternacht gehst Du ins Freie. Schaust in den Sternenhimmel. Denkst an O. Nimmst Dein Handy und schreibst: „Was machst Du gerade?“ – „Ich versuche zu schlafen. Warum?“ antwortet er. „Ich bin heute nacht auf einem Tanzfest“ schreibst Du. „Und wenn ich später heimfahre könnten wir uns treffen.“ – „Lieb von Dir“ antwortet O. „Aber wenn Du so verschwitzt bist will ich es nicht mit Dir machen!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann hab eine Gute Nacht!“ – „Du auch“ antwortet O. Du gehst wieder nach innen und holst Dir noch ein Glas Prosecco. Fühlst Dich ein wenig verloren, plötzlich. Ich sollte bald gehen, denkst Du. Da kommt aus dem Getümmel der Tanzfläche jemand auf Dich zu, nimmt Dich an der Hand und zieht Dich hinter sich her. Ein schmaler, unauffälliger Mann mit Brille, kaum größer als Du. Er ist begeistert von Dir. Deiner Art Dich zu bewegen. Deinen Tattoos. Ihr tanzt lange. In den Morgenstunden begleitet er Dich zu Deinem Fahrrad und Du gibst ihm Deine Handynummer. So endet Dein freies Wochenende.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

A Motherless Child

Montag, 17.11.2014 „Wow, so schnell schon bereit für eine neue Runde Missbrauch? “ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm von Deiner Wiederannäherung an O. berichtest. „Naja, die Mesaillancen sind die Allerschönsten“ antwortest Du ein wenig trotzig. „Das hat sogar mein Doc gesagt!“ – „Oh, wußte gar nicht daß man auch auf ärztlichen Rat hin Vabanque und Russisch Roulette spielen kann!“ schreibt Dein Freund. „Dann verzock Dich nur nicht, Madame!“ Nein, tu ich nicht, denkst Du still für Dich. Denn, O. gibt Dir aktuell gar nicht die Möglichkeit dazu. Von Russisch Roulette kann keine Rede sein. Eher vom Mantel des Schweigens, hinter den sich O. so kurz nach Eurem Sonntags-Chat bereits wieder zurückgezogen hat. Die ganze Woche hindurch bekommst Du keine einzige Nachricht von ihm. Die neuerliche Funkstille zerrt an Deinen Nerven. Sie lastet auf Dir. Lähmt Dich und laugt Dich aus. Du fühlst Dich hilflos. Einsam. Tag für Tag zunehmend herabgewürdigt. Beleidigt und provoziert. Bis Du genug hast.

Samstag, 22.11.2014. 17h. Nach fünf Tagen hältst Du es nicht mehr aus, von O. zu Tode geschwiegen zu werden. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich weiß nicht ob es gut ist wenn wir noch in Kontakt sind. Mach Dir keine Sorgen um mich, ich bleibe nicht allein. Morgen nachmittag treff ich jemanden der sich schon lang wünscht mich zu sehen!“ Kurzzeitig empfindest Du eine Art Triumphgefühl. Ich kann auch anders, denkst Du. Dann jedoch holt Dich die Stille wieder ein. Und mit ihr das Gefühl, einen schweren Fehler gemacht zu haben. 23h. Dein Handy gibt ein eigenartiges Summen von sich. O. schreibt nur einen einzigen Satz: „Hallo!! Meine Mutter ist heute um 21 Uhr gestorben!!!“ – „Oh Gott. Verzeih mir! Es tut mir so leid!“ antwortest Du sofort. Und wunderst Dich ausnahmsweise mal nicht, warum Du keine Antwort bekommst. In der Nacht quälst Du Dich mit Selbstvorwürfen. Wie konntest Du so unsensibel sein? So taktlos? Du hattest nicht mehr wirklich an die Existenz von O.s todkranker Mutter geglaubt. Das rächt sich nun.

Sonntag, 23.11.2014 Mit einem flauen Gefühl im Magen kämpfst Du Dich durch den Tag. Es geht Dir nahe, Dir vorzustellen, daß O. eine Woche am Sterbebett seiner Mutter verbracht hat und nun Beerdigungsdetails zu klären hat. Zusammen mit seinen Brüdern. Es tut Dir aber auch weh, daß er Dich ausschloss aus seiner Gefühlswelt, in diesen Tagen. Dir keine Chance gab, Dein Mitgefühl zu zeigen. Und Dich gerade dadurch zu Deinem unangemessenen Verhalten verführte. 15h. Dein Handy schnarrt bösartig und scheint sich dabei ruckartig auf dem Tisch zu bewegen. O. schreibt wie entfesselt. Feuert Hass-Sms auf Dich ab. Du bist wieder einmal die Schlampe von der er weiß daß sie es mit ganz vielen Männern macht. Er weiß noch nicht mit wie vielen genau, aber er wird es herausfinden. Dann beruhigt er sich ein wenig. Fragt ob Du ihm weiterhin dienen und Wünsche erfüllen willst. Seine Schlampe und Sexgöttin sein. Die nachts auf Highheels zum Parkplatz kommt. Und ihn küßt. Du schwörst es ihm. Um 20h30 ist Euer Chat zu Ende.

Montag, 24.11.2014. 17h. O. schreibt. Erneut stakkatohaft. Irrlichternd. Voller morbider Energie. Vom Tod seiner Mutter: kein Wort. Dafür: Sex-Phantasien. Driftend. Vagabundierend. Beherrscht von Düsternis und Verlorenheit, mit Dir als Objekt von Erniedrigung und Missachtung. Du hast Mühe, seinen Imaginationen standzuhalten. Denn Du bist darin zu einer Unberührbaren geworden. Einer kastenlosen Frau, vom Bodensatz der Gesellschaft. „Ich will daß Du morgen tief nachts zum Parkplatz kommst!!!“ schreibt er auf dem Höhepunkt Eures Chats. „Es ist mir egal ob Dein Mann davon was merkt!!! Du mußt Highheels und Strümpfe anhaben. Und Du darfst kein Wort sagen!!!“ – „Überhaupt nichts?“ fragst Du zurück. „Kein Wort!!“ schreibt er. „Ich werde nichts mit Dir reden. Dich nicht anschauen oder anfassen!! Ich will nur daß Du Dich im Auto hinlegst. Und dann werde ich mich einfach mit meinem Hintern auf Dein Gesicht setzen. Du mußt mich lecken. Und dann mußt Du sofort wieder gehen!!!“ Du frierst als der Chat zu Ende ist.

Dienstag, 25.11.2014. 23h30. Hinter Dir liegt ein kalter, verregneter Tag. O. hat sich nicht mehr gemeldet. Damit blieb es Dir erpart, den schaurigen Plan einer anonymen, wortlosen Begegnung am Parkplatz bei Nacht in die Tat umzusetzen. Du bist erleichtert. Und empfindest es dennoch als kränkend, mit keiner Silbe darüber informiert worden zu sein daß Du zu Hause bleiben kannst. „Gedemütigt durch Schweigen“ denkst Du, während Du im kleinen Arbeitszimmer unter dem Dach den PC hochfährst. Dein Mann und Dein Sohn schlafen tief. Nicht ahnend daß Du seit Monaten ein zweites Leben führst. In einer Parallelwelt, mit eigenen Gesetzen und Erfordernissen. Ein Dasein, in dem es Dir heute etwa auferlegt ist, die Traueranzeigen und Kondolenzseiten Deiner Stadt und ihrer Umgebung im Internet zu durchstöbern, auf der Suche nach einer einzigen Information: O.s Namen. Wenn Du je eine Chance hattest zu erfahren wie O. mit vollem Namen heißt, dann jetzt, denkst Du. Und klickst Dich klopfenden Herzens durch die Seiten.

Der Regen prasselt auf das Dachfenster Eures Hauses. Zwei Stunden lang kämpfst Du Dich am PC durch Gedenkseiten und Trauerportale. Sichtest Todesanzeigen, Sterbebilder, virtuelle Erinnerungskerzen und Rosenkränze. Liest Sinnsprüche des Abschieds und der Anteilnahme. Stets die Namen der Hinterbliebenen im Blick. Es ist eine mühselige Arbeit. Deine Augen schmerzen. Die Trauer um Menschen, die Du nie gekannt hast, greift Dich an. Vor allem aber empfindest Du Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, tiefe Resignation. „Alles sinnlos“ denkst Du. „Er wird immer ein Phantom bleiben“. Du überlegst, die Suche einzustellen. Schämst Dich für Dein indiskretes Wühlen im Verlustschmerz Anderer. Beschließt, noch drei Seiten zu scrollen. Überfliegst sie mit flatternden Lidern, ohne richtig hinzusehen. Willst aufstehen, schlafen gehen, O. einfach vergessen. Da bleibt Dein Blick an einer Traueranzeige mit farbigem Bild hängen. Ungläubig starrst Du darauf. Du siehst das Gesicht und den Namen von O.

Schlagartig bist Du wieder hellwach. Du fühlst eine Woge von Adrenalin durch Deine Körperzellen rauschen, während Du versuchst, die unverhoffte Informationsfülle auf der Bildschirmoberfläche zu erfassen. O.s Nachnamen hattest Du herausfinden wollen. Und nun entdeckst Du so Vieles mehr. Daß O. der Jüngste von drei Brüdern ist wußtest Du ja schon.  Nun kannst Du lesen wie sie heißen, daß sie Ehefrauen oder Lebenspartnerinnen haben, daß der Älteste von ihnen, O.s Halbbruder, Vater zweier Söhne ist. Auch den Vornamen von O.s Freundin erfährst Du nun. Du siehst, daß O.s Mutter wenige Tage nach ihrem 74. Geburtstag starb und erkennst auf dem Erinnerungsbild in der linken oberen Ecke der Sterbeanzeige O.s Gesichtszüge in den ihrigen vollkommen wieder. Derselbe blasse Mund. Die gleiche Form und Farbe der Augen. Nur ist der Blick von O.s Mutter hinter der biederen Brille weder magisch, noch arrogant. Sie hat keine dichten Wimpern und keine umschatteten Lider. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal von O.

Du betrachtest das Inserat noch ein wenig genauer und erinnerst Dich. Während Eurer gemeinsamen Autofahrt zur alten Villa, dem Ort Eurer ersten intimen Begegnung, hatte O. Dir erzählt daß er in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen sei. Ca. 30 Kilometer nordöstlich von Deiner Stadt. Sein Großvater habe ihm dort beigebracht, Dinge immer erst dann wegzuwerfen, wenn sie wirklich irreparabel kaputt und unbrauchbar seien. Wie Du nun siehst, hat O.s Mutter in diesem seinem Heimatdorf bis zu ihrem Tod gewohnt. Der Ortsname ist in der Traueranzeige jedenfalls angegeben. Du kannst es googeln, einen kurzen Wikipedia-Eintrag darüber lesen, es aus der Vogelperspektive besichtigen bei Google Earth. Du empfindest Wehmut beim Blick auf die akkurate kleine Ansammlung ländlicher Häuser von oben. In einem von ihnen wurde O. zu dem der er heute ist, denkst Du. Verletzt, einsam, ohne Vertrauen, stets auf der Flucht. Und plötzlich fällt Dir auf: der Name von O.s Vater fehlt in der Todesannonce.

Der Morgen graut. Dir ist kalt. Du hast die ganze Nacht vor dem PC verbracht. Hast Menschen, Zahlen und Orte im Internet gesucht und gefunden. Hast Bedrängendes klären können. O. hat – nun auch für Dich – einen Namen. Ein Umfeld. Eine Herkunft die offen vor Dir liegt. Er ist ein Mensch. Eine Person mit einer Biografie. Kein Phantasiegebilde mehr. Kein Gespenst. Du bist erleichtert. Dankbar zu sehen, daß er Dich nie belogen hat, über seinen familiären und sozialen Hintergrund. Voller Hoffnung ihm neu begegnen zu können, auf der Basis dieses Wissens. Und dennoch fühlst Du eine tiefe Traurigkeit, als Du den PC abschaltest, ins Schlafzimmer hinunter gehst und Dich dort im Bett an den warmen Rücken Deines Mannes kuschelst, der langsam wach wird. Denn, so sehr Du auch im Netz gesucht hast, über O. selbst war dort absolut nichts zu finden. Kein Bild. Keine Adresse. Keine Homepage. Keine Präsenz in einem sozialen Netzwerk. Nichts. Er ist und bleibt ein Spurenverwischer. Ein Verschwinder. Und das bedrückt Dich sehr.

Mittwoch, 26.11.2014. 2h. Du bist zu aufgewühlt um zu schlafen. O.s Situation läßt Dich nicht los. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Es macht mich sehr traurig was mit Deiner Mama passiert ist. Du hättest ruhig öfter und mehr davon erzählen können. Viele Küsse!“ Du erwartest keine Reaktion. Doch nur Sekunden später antwortet O. Ungewohnt authentisch. Berührbar. „Kannst Du auch nicht schlafen?“ fragt er. „So ungefähr“ antwortest Du. „Schön daß ich nicht allein bin!“ schreibt O. „Gestern war ja die Beerdigung. Das hat mich nochmal total nieder gestreckt!“ – „Ich versteh Dich!“ antwortest Du. „Ich weiß, Kleine!“ schreibt O. „Du hilfst mir sehr viel! Und bald will ich es wieder im Auto mit Dir machen! Du darfst aber nicht nochmal bluten, ok?“ – „Ich werde garantiert nie wieder bluten!“ schreibst Du. „Du bist einfach meine Sexgöttin!“ schreibt O. „Könntest Du jetzt noch rauskommen?“ – „Leider nicht“ antwortest Du. „Schade“ schreibt O. „Dann fahr ich jetzt noch alleine ein bißchen rum! Schlaf gut, mein Engel!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Grand Void

Freitag, 7.11.2014 Drei Tage nach Deinem unsternverfolgten Besuch im Haus mit den vielen Bildern geht Dein Fieber zurück. Du kannst wieder aufstehen und Deinen Alltag bewältigen. Dein Inneres allerdings ist schwer erschüttert. Du weinst leicht. Fühlst Dich fremd und verloren. Schreckst nachts hoch, weil widersprüchliche Erinnerungen Dich fluten. Nie war O. Dir anbetungswürdiger, nie schöner erschienen, nie hatte er hoheitsvoller auf Dich herabgeblickt als in der Intimität jenes kleinen Raumes mit den zerknüllten weißen Kissen auf dem Grand-Lit. Nie hattest Du Dich ihm näher gefühlt, für Bruchteile von Sekunden. Und nie war er Dir brutaler, nie abweisender begegnet als nach Deinem Sakrileg, die Makellosigkeit dieses Ortes mit Deinem Blut befleckt zu haben. Aus dem vermeintlichen Spiel war Ernst geworden: nun warst Du wirklich der Unrat, als den er Dich schon mehrfach behandelt hatte. Nichtswürdig. Pariah. Unvereinbar mit dem Stil des Hauses. Es war Deine siebente Begegnung mit O. Und, zweifellos, Deine letzte.

Natürlich vertraust Du Dich Freunden an. Erzählst. Schreibst. Berichtest das Unfaßbare. Quickie… Blutflecken… Rauswurf… Kontaktabbruch… „Aha. Du blödes Sexspielzeug hast also nicht funktioniert!“ schreibt der Suchtberater. „Dann ab auf den Müll mit Dir!“ – „Oh Du Ärmste!“ schreibt Dein anderer Schulkamerad. „Bist Du jetzt wieder ok?“ Das Mitgefühl tut Dir gut. Es nimmt Dir ein wenig von Deiner Scham. Wirklich trösten kann es Dich allerdings nicht. Denn, Deine Freunde, sie erwarten Gefühle von Dir, die Du gar nicht hast. Sie glauben Du würdest nun froh sein, O. nie wieder begegnen zu müssen. Glücklich über Dein Entrinnen. Du aber empfindest keinerlei Ressentiment gegen ihn. Stattdessen eine fast unerträgliche Sehnsucht. Du träumst nachts davon, wieder bei O. im Haus zu sein. In dem kleinen Zimmer. Und Dich ihm dort zu Füßen zu werfen und seine Vergebung zu erflehen. „Oh. Stockholm-Syndrom“ schreibt Dein Freund, als Du ihm Deine Phantasien schilderst. „Langsam wirds gefährlich!“

Entführte Frauen, die sich in ihren Kidnapper verlieben. Mit ihm kooperieren. Sich auf seine Seite stellen. Weibliche Geiseln, die Bankräuber aktiv unterstützen und dabei romantische Gefühle entwickeln. Intime Beziehungen zwischen Opfern und Tätern. Liebe auf der Flucht oder in Geiselhaft. Dankbarkeit für den Peiniger. Solidarität mit dem Verbrecher. Symbiotische Verknüpfung von Liebe, Erotik und Gefahr. So beschreibt das Internet das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms. Der Begriff entstand im Jahr 1973. Bei den Angestellten einer Bank in Stockholm entstanden damals intensive Gefühle von Zuneigung und Sympathie für die Gewaltverbrecher, die sie fünf Tage lang gefangen hielten. Inzwischen spricht man eher von traumatischer Bindung oder Trauma-Bonding wenn es um die Faszination durch Brutalität und um das paradoxe Hingezogensein einer bedrohten, ausgelieferten Person zu ihrem Misshandler geht. Dein Freund hat recht. So eine blind verliebte Geisel: das bist auch Du.

Du überlegst. Läßt Szenen Revue passieren. Erinnerst Dich. Eigentlich war O. von Anfang an wie ein Entführer aufgetreten, Dir gegenüber. Hatte Dich gefangen genommen. Unter Arrest gestellt, gleich in den ersten Minuten Eures Kennenlernens. Es war Teil seiner Überwältigungsstrategie gewesen, Dich mit strenger Stimme zu bannen. Und dann im Kreuzfesselgriff abzuführen. In Autos zu schubsen. An unbekannte Orte zu bringen. Dich durch Räume zu zerren, auf Betten zu stoßen. Und Du leistetest keinen Widerstand. Im Gegenteil. Es gefiel Dir. Erinnerte Dich an Spiele, die Du als Schulkind geliebt hattest: Marterpfahl. Mädchen fangen. Mit O. schien einer der verwegensten Spielgefährten aus Deiner Kindheit wieder aufgetaucht zu sein. Um Dich mitzunehmen in sein dunkles Abenteuerland. In das Du ihm willig folgtest. „Und das ist pathologisch?“ fragst Du Deinen Freund. „Es führt zu einer ungesund intensiven Bindung deinerseits“ antwortet er. „Und dadurch wird’s sehr schwer für Dich werden, Dich vom O. zu lösen.“

Loskommen von O.? Schwer? Nein. Unmöglich, denkst Du, während Du versuchst, Dich in Deiner Ausgestoßenheit zurecht zu finden. Du wankst durch feuchtkalte, dunkelgraue Tage, als entkernte Hülle Deiner selbst,  in einer verwaisten, leergeräumten Welt. Streifst mit dem Fahrrad durch die Gegend, in der Hoffnung, O. irgendwo zu begegnen. Suchst nachts die Parkbank auf und wartest ob der Geländewagen vorbeifährt, mit O. am Steuer. Fahndest in Vorgärten und Garageneinfahrten nach einer Spur. Einmal wagst Du Dich nach Einbruch der Dunkelheit auch in die Nähe vom Haus mit den vielen Bildern. Starrst hinauf zu den Fenstern, die hinter den herabgelassenen Rollos leuchten. Die Eigentümerfamilie ist zurückgekehrt. Lebt, lacht, ißt und trinkt in den Räumen, in denen noch Hautpartikel und Seelenreste von Dir haften. Nicht ahnend, daß draußen eine verfemte Frau vor ihrem Anwesen umherirrt, auf der Suche nach einem Phantom. Du, auf der Suche nach O. Seinem Namen. Seiner Geschichte. Seiner Identität.

Mittwoch, 12.11.2014 9h. Nachdenklich rührst Du Karamellzucker in Deinen Frühstückstee. Du benötigst einen Löffel extra, seitdem O. Dich von sich jagte. Dein Handy piept. Dein Freund, der Suchtberater macht sich Sorgen um Dich. „Mal was ganz Anderes, Süße“ schreibt er. „So richtig safe war es ja wohl nicht, was Dein durchgeknallter Lover alles mit Dir gemacht hat, oder?“ – „Nicht wirklich“ antwortest Du. „Aber er hat gesagt daß er clean ist und sich regelmäßig testen läßt“ – „Oh wie beruhigend!!“ schreibt Dein Freund. „Wir haben wirklich allen Grund ihm das zu glauben, so verantwortungsbewußt wie er bisher aufgetreten ist!“ Du starrst in Deine Teetasse. Könntest Deinem Freund jetzt Vieles schreiben über den speziellen sexuellen Stil von O. Und warum der nicht mit Präservativen vereinbar ist. Du läßt es. Es tut zu weh, Dir vorstellen zu müssen, daß Du das alles nie mehr erleben wirst. „Was soll ich machen?“ fragst Du Deinen Freund. „Nen Termin beim FA Deines Vertrauens“ antwortet er. „Und nen HIV-Test!“

Donnerstag, 13.11.2014 8h. Ein wenig zusammengekrümmt sitzst Du im Wartezimmer der gynäkologischen Praxis in der Du schon betreut wurdest als Du schwanger warst mit Deinem Sohn. Hinter Dir liegt eine fast schlaflose Nacht, aber Du bist froh daß man Dir sofort einen Termin gab, als Du Dein Anliegen vorbrachtest. Der Zeitpunkt ist günstig, Dein Mann seit gestern verreist. Der „FA Deines Vertrauens“ freut sich, Dich nach drei Jahren mal wieder bei sich zu sehen. Er hatte immer viel Verständnis für Dich. Auch heute hört er Dir geduldig zu. „Die verhängnisvollen Affären sind doch wirklich immer wieder die allerschönsten!“ sagt er als Du zu Ende erzählt hast. „Lassen Sie mich bald erfahren wie es weiterging!“ „Beruhigungshalber“ rät er Dir, einen Schnelltest auf HIV zu machen. Du bist einverstanden. Fährst halb erleichtert und getröstet heim. 19h. Telefonläuten. „Mit Ihrem Blut ist alles ganz in Ordnung!“ sagt der FA Deines Vertrauens am anderen Ende der Leitung. „Danke“ flüsterst Du und weinst kurz nachdem er aufgelegt hat.

Freitag, 14.11.2014 Es geht Dir plötzlich viel, viel besser. Alles erscheint Dir weniger düster und ausweglos seit dem Gespräch mit dem FA Deines Vertrauens. Welch wunderbarer Heilkundiger, denkst Du. Er hat Dir den Glauben an Dich selber als Person zurück gegeben. Du fühlst Dich nicht länger als Gespenst, körperlos und erloschen. Du bist zurück in Deinem Leben. Hast einen liebevollen Ehemann. Einen niedlichen, begabten Sohn. Treue Freunde. Lebst in einem charmanten Haus am südlichen Rand einer stolzen, großen Stadt. UND: Du bist einem Traum von Kerl begegnet, der Deine verborgensten Chimären berührt und dennoch Deine kleine Welt intakt gelassen hat. Damit ist er für Dich über jeden Zweifel erhaben. Von jedem Vorwurf freizusprechen. O. ist NICHT schlecht für Dich. Im Gegenteil. Er ist ein faszinierender Mann und Liebhaber. Bestrickend. Grenzüberschreitend. So very cool. Du willst, Du mußt ihn zurückgewinnen. Ihn wieder in Deinem Leben haben. Sein Herz erreichen. Unbedingt. Gleich morgen wirst Du damit anfangen.

Sonntag, 16.11.2014 14h. Du bist allein zu Hause. Dein Mann wird in wenigen Stunden zurück kommen von seiner Reise. Frisch geduscht und nackt stehst Du im Schlafzimmer. Schlüpfst in die Highheels die Du getragen hast zum Parkplatz-Date mit O. Legst Dich aufs Bett. Schaltest die Selfie-Kamera ein. Fotografierst die Absätze der Schuhe. Das Tattoo auf Deinem Bauch. Deine Schultern. Dein Gesicht. Wählst drei Bilder aus. Sendest sie O. Schreibst dazu: „Es ist alles schrecklich leer ohne Dich!!!“ Hältst den Atem an. Hoffst. Wartest. 17h. Dein Handy piept. „Du kannst mich nicht loslassen!!!!“ schreibt O. „Warum??“ – „Vielleicht weil ich Dich liebe?“ antwortest Du. „Nein, Schlampe!!! Weil Du mich brauchst!!!“ schreibt O. „Natürlich. Du hast recht.“ antwortest Du. „Schön daß Du es endlich einsiehst!“ schreibt O. „Ich dachte schon Du würdest überhaupt nicht mehr zur Vernunft kommen!“ – „Doch“ antwortest Du. „Gut, Schlampe!!! Dann verzeih ich Dir!“ schreibt O. „Ich werde Dir erlauben mich wiederzusehen!!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

„If this your mother knew, her heart would break in two.“

Dienstag, 28.10.2014 Eine ruhige Woche im Spätherbst nimmt ihren Lauf. Dein Sohn hat Ferien. Tagsüber nutzt Ihr die kurzen Sonnenstunden für kleine Fahrradausflüge. Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, übt er Weihnachtslieder in der Mansarde am Klavier, während Du Dich im Wohnzimmer vor dem Kaminofen wärmst. Du verbringst viel Zeit damit, in die Flammen zu schauen und Deine bisherigen Erlebnisse mit O. Revue passieren zu lassen. Wie fast all Deine Begegnungen mit ihm, so hat auch das Parkplatz-Date nach einem kurzen anfänglichen Hochgefühl eine ganz spezielle Erschütterung in Dir hinterlassen, von der Du Dich nur langsam erholst. Du frierst oft. Du brauchst viel Schlaf. Tief in Deinem Inneren weinst Du, wie ein kleines Mädchen das von einem viel zu wilden Spielgefährten vermöbelt wurde. Und dann fühlst Du auch noch diese Einsamkeit, die mehr ist, als das was Du bisher als solche kanntest. Ein Empfinden nicht ganz lebendig zu sein. Und O.? Der dies alles heilen könnte? O. schreibt Dir nicht. O. schweigt.

Montag, der 3.11.2014, ist ein für die Herbstzeit ungewöhnlich sonniger und warmer Tag. Um 8.45h blickst Du über Deine Teetasse hinweg in den Garten, wo Dein Mann das schöne Wetter für Aufräumarbeiten nutzt. Das Licht der Vormittagssonne läßt seine Haare durchscheinend weiß wirken und gibt seinem Aussehen etwas ungewohnt Zerbrechliches. Der Anblick rührt Dich. Du möchtest zu ihm gehen, ihn umarmen und etwas Liebevolles sagen. Plötzlich aber piept Dein Handy. Drängend. Es duldet keinen Aufschub. „Guten Morgen, meine Schlampe!“ schreibt O. „Guten Morgen“ antwortest Du und spürst wie Du innerlich in Hab-Acht-Stellung gehst. „Ich bin gerade in dem Haus“ schreibt O. „Willst es schnell da mit mir machen?“ – „Jetzt gleich?“ fragst Du. „Um 10 Uhr“ schreibt O.  „Mit halterlosen Strümpfen unter der Jeans und Schuhen!“ – „Das könnte ich“ antwortest Du. „Gut“ schreibt O. „Dann freu ich mich wenn Du kommst. Vergiss nicht Dich zu melden wenn Du bei der Parkbank bist!“ – „Bestimmt nicht“ antwortest Du.

Du schaust hinaus in den Garten. Dein Mann ist damit beschäftigt, gefallene Blätter in Laubsäcke zu füllen. Aber er scheint Deinen Blick in seinem Rücken zu spüren, denn plötzlich wendet er sein Gesicht dahin wo Du am Küchenfenster stehst. Er lächelt und winkt Dir zu. Du winkst und lächelst zurück. Dann drehst Du Dich um und gehst schnell die Treppe hinauf ins Schlafzimmer wo Deine halterlosen Strümpfe in einer Stoffschachtel mit Mille-Fleur-Muster versteckt sind. Im Badezimmer ziehst Du sie an. Dazu Jeans, das Empire-Top mit der Rückenschleife, darüber ein Strick-Cape aus beiger Mohairwolle. Mehr brauchst Du nicht. Du gehst wieder hinunter. Packst Dein Smartphone in Deine Tasche. Gehst ein paar Schritte hinaus in den Garten. „Ich fahr kurz Rad“ rufst Du Deinem Mann zu. „So hübsch zurecht gemacht? Pass auf daß keiner Dir was tut!“ ruft er zurück und bläst einen Luftkuß von seinem Handgelenk zu Dir. Dein leise gestelltes Handy vibriert in Deiner Tasche. Du mußt gehen.

Draußen, auf der Straße, atmest Du erst einmal durch. Fast fühlst Du Dich geküßt vom Sonnenlicht, das wärmend auf Dich fällt. Es scheint einen traumhaft schönen Tag zu verheißen, an dem fast alles leicht und wie von selber geht. Dein Fahrrad gleitet sanft dahin, als könntest Du schweben. Nach nur 13 Minuten kommst Du bei der Parkbank an. Du nimmst Dir Zeit, die halterlosen Strümpfe unter Deiner Jeans zurecht zu ziehen. Dann entsperrst Du dein Handy. Verständigst O. Er antwortet nicht gleich. Dein Herz krampft sich zusammen, für Sekunden scheint ein Abgrund sich zu öffnen unter Dir. Was, wenn er jetzt nicht zurück schreibt? Dich einfach stehen und ins Leere fallen läßt? Schmerzlich kommt Dir zu Bewußtsein, wie abhängig, ausgeliefert und wehrlos Du bist, ihm gegenüber. Du weißt NICHTS über ihn. Nicht einmal ob er wirklich O. heißt. Und er kann mit Dir machen was er will. Das Piepen Deines Handys erlöst Dich aus dem panischen Zustand. „Komm“ schreibt O. Und Du zögerst nicht, ihm zu gehorchen.

Im Haus mit den vielen Bildern sind noch alle Rollos heruntergelassen als O. Dich barfuß, in Langarm-Shirt und Jogginghose durch die Verbindungstüre zur Garage einläßt. Seine schattierten Augen schimmern exotisch im Halbdunkel. Er hilft Dir, Dein Strick-Cape abzulegen. „Nimm Deine Sachen mit nach oben“ sagt er und schiebt Dich durchs unerleuchtete Treppenhaus vor sich her, zu einem kleinen, ganz in Weiß eingerichteten Zimmer im ersten Stock des Hauses. Dort sind Regale mit Büchern und Kunstobjekten in die Wände integriert. Auf dem französischen Bett, das fast den gesamten Raum einnimmt, erkennst Du körperwarme, zerwühlte Laken. „Hast Du heute hier geschlafen?“ fragst Du schüchtern, während Du aus Deinen Schuhen und der Jeans schlüpfst. „Nein“ antwortet O. und stößt Dich aufs Bett. „Wo ich schlaf geht Dich nichts an. Du bist nur für Eines da, verstanden?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann leg Dich hin und mach die Beine ganz weit auseinander“ sagt O. „Ich will heute sehr tief in Dich eindringen!“

Du versinkst in den Kissen und in der höhlenhaften Wärme des Zimmers. O. schließt sorgfältig die Tür. Nur umrißhaft kannst Du erkennen daß er sich vollständig entkleidet, Deine Schuhe vom Boden aufhebt und sie Dir wieder über die Füße streift. Für Sekunden kniet er fast regungslos als großer, schwarzer Schatten zwischen Deinen Beinen. Dann fühlst Du wie er mit seinen großen Händen unter Deinen Hüften durchgreift, Dich am Gesäß zu sich heran zieht und frontal nimmt. Sein muskulöser, glatter Körper könnte nicht fremder, nicht anonymer sein, während er mit kalter Präzision sein Werk an Dir verrichtet. „Scherge“, denkst Du zwischen den einzelnen Stößen, „Vollstrecker“. Rim-Job will er heute keinen von Dir. Kurz vor seinem Höhepunkt befühlt er Deine Beine in den halterlosen Strümpfen und die Absätze Deiner Stiefeletten. Dann drückt er Deine linke Schulter mit einer Hand noch tiefer in die Kissen und macht es sich mit der anderen. Triumphal verströmt er sich auf Deinen Bauch.

„Danke, Babe“ hörst Du ihn sagen. Dann steht er auf und setzt mit einem Knopfdruck irgendwo im Raum die Automatik der Rollos in Gang. Es wird hell. O. hebt Deine Kleider vom Boden auf und wirft sie zu Dir aufs Bett. „Zieh Dich schon mal an“ sagt er und geht hinaus ohne seine eigenen Sachen mitzunehmen. Für ein paar Sekunden bleibst Du, geblendet von der plötzlichen Lichtflut, inmitten der schneeweißen Kissen und Decken liegen. Dann rappelst Du Dich hoch, zupfst Dein Empire-Top zurecht und suchst Deinen Slip. Du spürst einen leicht stechenden Schmerz zwischen Deinen Beinen. Als Du gedankenverloren danach tastest, bleibt ein wenig hellrotes Blut an der Spitze Deines Zeigefingers kleben. O. kommt ins Zimmer zurück. „Nicht fertig?“ fragt er streng und bückt sich nach seiner Jogginghose. „Ich blute ein bißchen“ sagst Du. Wir müssen schauen ob das Bett ok ist“ – „Wie bitte?“ faucht O. „Du Nutte wagst es mit irgendeiner Krankheit hierher zu kommen und das Bett zu versauen??“

„Laß uns doch erstmal schauen“ sagst Du und beginnst hektisch die Kissen und Bettdecken umzuwenden. Tatsächlich. Drei sehr kleine, hellrote Flecken prangen auf einem der Bettüberzüge aus reinweißem Makrosatin. Du starrst sie an. Sie bilden ein Dreieck. Und sie erinnern Dich an etwas. Ein ganz bestimmtes Märchen. In dem drei Blutstropfen sprechen konnten. Du wolltest es immer wieder vorgelesen bekommen als Kind. Aber Du hast jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn O. reißt Dir wütend den Bettbezug aus der Hand, den Du mechanisch begonnen hast abzuziehen. „Faß hier bloß keine Sachen mehr an, Du kranke Nutte!“ stößt er hervor. „Ich will nur noch daß Du gehst. Pack sofort Dein Zeug und verschwinde!“ Du ziehst Dir das Strick-Cape über den Kopf und nimmst Deine Tasche. „Bring mich bitte zur Tür“ sagst Du. „Mein Gott, sogar zum Abhauen bist Du zu blöd!“ ruft O. und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Also gut, ich bring Dich raus damit Du schneller weg bist. Komm mit!“

O. schlüpft in sein Langarm-Shirt, geht dann vor Dir her durchs Treppenhaus nach unten und öffnet die Verbindungstür zur Garage. Du folgst ihm steifbeinig, mit puppenhaft abgezirkelten Schritten. Im Türrahmen bleibt er kurz stehen und dreht sich zu Dir um. Du hoffst auf eine versöhnliche Geste oder ein Wort des Einlenkens von seiner Seite. Schließlich hast Du nichts verbrochen, eigentlich. O. aber mißt Dich nur mit einem vollkommen leeren, zutiefst verachtungsvollen Blick, auf den Du nicht die leiseste Erwiderung in Dir selber findest. So gehst Du stumm an ihm vorbei, hinaus zu Deinem Fahrrad. Nachdem die schwere, graue Sicherheitstür hinter Dir ins Schloß gefallen ist, bleibst Du dort noch eine kleine Weile stehen und versuchst Dich zu fassen. Es hilft Dir ein wenig, Dir das Kennzeichen des Geländewagens einzuprägen, der wie immer hier geparkt ist. Es ist eine markante Kombination von Buchstaben und Zahlen. Draußen, im Sonnenlicht, sprichst Du sie leise, wie ein Mantra, vor Dich hin. So lange und so oft, bis Du sicher bist daß Du sie nie mehr vergessen wirst. Dann gelingt es Dir, aufs Rad zu steigen und heim zu fahren.

Bei Dir zu Hause arbeitet Dein Mann noch immer im Garten als Du zurück kommst. Du winkst ihm kurz von der Terassentür aus zu und beeilst Dich dann nach oben ins Badezimmer zu gehen. Dort stellst Du fest, daß auch Dein Empire-Top Blutflecken abbekommen hat, und zwar viel größere als die Bettdecke im Haus mit den vielen Bildern. Du ziehst Dir ein frisches Shirt über und wirfst das verschmutzte Top in den Schnellwaschgang. Nach 20 Minuten ist es sauber. Dann kann es für O. auch nicht so schwer sein den Bettbezug zu reinigen, denkst Du. Im Lauf des Nachmittags beginnst Du zu frösteln. Erst nur leicht, dann immer stärker. Vom Rücken breiten sich Schmerzen in Deinen ganzen Körper aus. Du bekommst Fieber. 38,8 zeigt das Thermometer am Abend. Dein Handy hast Du im Bett neben Dir. Gegen 22 Uhr piept es. „Flecken sind rausgegangen“ schreibt O. „Welch ein Glück“ antwortest Du. O. schreibt nichts mehr zurück. Du versinkst in Fieberträumen. Sie handeln von Blutstropfen und einem sprechenden Pferd. Und plötzlich erinnerst Du Dich. Das Märchen hieß „Die Gänsemagd“.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Dawn

Samstag, 25. Oktober 2014. Die Tage sind schnell vergangen. O. hat Dir weiterhin öfter geschrieben in den Morgenstunden. Manchmal nur einen kurzen Satz oder ein einzelnes Wort, manchmal eine erratische Bitte oder Frage. Ob Du ungetragene halterlose Strümpfe zu Hause hast. Ob Du auch wirklich fahrradfahren kannst in Highheels. Ob Du es erregend findest seine Wünsche zu erfüllen. Ob Du ihm einen Orgasmus aufs Handy stöhnen könntest? Mehrmals schrieb er auch, er könne es kaum mehr erwarten, Dich endlich frühmorgens am Parkplatz zu sehen, halbnackt, in Highheels und Strümpfen. Nun aber, da die fragliche Nacht vor der Türe steht, breitet sich wieder einmal merkwürdige Stille auf Deinem Handy aus. Du fühlst minütlich mehr, wie O. abdriftet, in Unerreichbarkeit. Und wie Euer geplantes Treffen dadurch verwandelt wird: Von einem aufregenden erotischen Abenteuer in etwas völlig Anderes, was es nicht sein sollte: einen Machtkampf nämlich, ein Nervenspiel, eine Zerreißprobe. In etwas, was Euch trennt, anstatt Euch zu verbinden.

Sonntag, 26. Oktober 2014. 9h. Ein zartgrauer Herbsttag beginnt, mit Hoffnung auf Sonne am Nachmittag. Du schreibst O.: „Bin jetzt zwei Tage lang allein zu Haus. Freu mich auf morgen früh. Bitte sag mir noch ganz genau wo ich mit dem Fahrrad hinkommen soll.“ Für ein paar Stunden schweigt Dein Handy. Dann gibt es einen bösartig und heimtückisch klingenden Ton von sich. „Machst Du es jetzt mit nem Anderen wenn Du allein daheim bist?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Was soll das?“ – „Wir beide wissen was Du für ne Schlampe bist!“ antwortet O. „Und jetzt entspann Dich Babe, sonst wird das nichts heute nacht!“ Du haßt O. in diesem Moment. Genauer: das, was er tut: Vertrauen zerstören. Erotik vernichten. Ärger, Angst, und Argwohn erzeugen. Du zwingst Dich zur Ruhe. Versuchst, das Alleinsein im Haus zu genießen. Aber um 23h ist Deine Geduld zu Ende. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Soll mich lieber jemand anderer hier besuchen?“ Und, mittenhinein in O.s eisiges Schweigen textest Du noch ein paar Effronterien mehr …

Montag, 27. Oktober 2014. 2.55h. Das Piepen Deines Handys schreckt Dich aus einem unruhigen Schlaf. „Hätte nicht von Dir gedacht dass Du gleich mit Beziehungsende und anderen Typen drohen musst“ schreibt O. voller Verachtung. „Vergiß nicht, meine Ma ist schwer krank!!! Wie soll ich da Lust auf Dich bekommen?“ – „Verzeih mir bitte!“ schreibst Du tief beschämt. „Es war uns beiden doch so wichtig. Was soll jetzt passieren?“ – „Also ich hätte es heute ganz sicher mit Dir gemacht. Aber Du willst es ja lieber mit nem Anderen!“ schreibt O. „Das stimmt nicht!!“ schreibst Du verzweifelt. „Bitte tu Du es mit mir!!!“ Minuten vergehen. „Ich hab die Schuhe und Strümpfe seit Tagen bereit gelegt!“ schreibst Du. „Bitte lass mich zum Parkplatz kommen!“ – “ Also gut, Schlampe!“ antwortet O. endlich. „Dann komm aber zu dem Kinderspielplatz der da ganz in der Nähe ist. In 15 Minuten hol ich Dich da ab. Beeil Dich. Wenns hell wird ist es zu spät!!“ 4.07h. Du sperrst Dein Fahrrad am Klettergerüst an. Vor Jahren bist Du oft hier gewesen …

Es war eine Zeit in der Du glücklich warst mit Deinem Mann. Und ganz besonders mit Deinem kleinen Sohn. Lange Nachmittage verbrachtest Du damit, ihm beim Klettern durch die Takelage zuzuschauen. Du vermisstest nichts. Ahntest nichts. Stelltest Dir nichts vor. Nun aber stehst Du hier, auf der Nachtseite Deiner bisherigen Routinen und wartest auf O. Du fröstelst im Herbstwind, nackt wie Du bist, unter Deinem Parka. Stehst schwankend auf Deinen Stilettos im Kies. Spürst Deine Gänsehaut, da wo der Spitzensaum der halterlosen Strümpfe endet. Jenseits der Ahornbäume am Spielplatzrand blitzen Scheinwerfer auf. Tatsächlich. Der Geländewagen. Bleich und stumm starrt O. unter seiner Basecap durch die Frontscheibe auf Deine Füße während Du im feuchten Laub auf ihn zugehst. Erst als Du direkt vor dem Wagen stehst öffnet er die Seitentür, gerade so weit, dass Du auf den Beifahrersitz schlüpfen kannst. „Du brauchst es, oder?“ fragt er kaugummikauend, während Du Dich zurecht setztst. „Ja“ antwortest Du.

„Dann mach endlich Deinen Mantel auf und zeigs mir!“ sagt O. Du öffnest den Reißverschluß von Deinem Parka und reckst Deine Brüste dem Halbmondlicht entgegen, das schwach durch die Frontscheibe scheint. „Mehr, Baby“ sagt O. Du ziehst den Reißverschluß noch ein kleines Stück nach unten. „Zieh den Mantel ganz aus“ sagt O. „Steig aus und leg ihn in den Kofferraum.“ Du gehorchst. Schlüpfst aus dem Mantel, öffnest die Wagentür, stökelst um das halbe Auto herum, entriegelst den Kofferraum und legst den Parka zusammen mit Deiner Tasche hinein. „Gut gemacht, Babe“ sagt O., nachdem Du wieder auf dem weißen Laken Platz genommen hast, mit dem der Beifahrersitz abgedeckt ist. „Wir fahren jetzt schnell zum Gewerbegebiet. Hier ist es zu riskant. Die ersten Hundebesitzer kommen gleich. Kümmer Dich um meinen Schwanz während ich fahre!“ O. dreht die Musikanlage des Wagens laut auf. „Come as you are“ röhrt die rauhe Schmerzensstimme von Kurt Cobain. Du beugst Dich nach vorne und tastest nach O.s Schwanz.

Massiv, fast wie gemeißelt, zeichnet er sich durch den flauschigen Stoff von O.s Jogginghose ab. Es ist jedesmal ein kleiner Schock für Dich, dieser gnadenlosen, phallischen Absolutheit zu begegnen. Deine Hand zittert ein wenig, bei der ersten Berührung. Aber O. gefällt das was Du tust. „Mach weiter, Babe“ sagt er. „Mach das was Du am Besten kannst und reg Dich nicht immer so künstlich auf! Ich hab starke Beruhigungsmittel bekommen wegen der Krankheit von meiner Ma. Glaub mir, wenn ich Tabletten krieg von meinem Doc, dann sind das keine Hustenbonbons! Ich war völlig weggetreten in der Nacht. Deshalb konnte ich nicht schreiben.“ – „Tut mir leid. Das wußte ich nicht“ flüsterst Du. „Egal“ sagt O. „Ich machs jetzt mit Dir, damit Du Ruhe gibst. Und dann mußt Du zur Strafe mein Arschloch küssen. Wenn Du es nicht gut machst läufst Du zu Fuß vom Gewerbegebiet zurück. Klar?“ – „Klar“ antwortest Du. „Gut“ sagt O. und parkt den Wagen vor den hellerleuchteten Fenstern eines Elektronik-Showrooms. 

„Geh auf den Rücksitz!“ kommandiert O. Er läßt seine Fliegerjacke aus cognacfarbigem Nappalader von den Schultern gleiten und holt seinen Schwanz aus der Jogginghose. Du kletterst nach hinten, legst Dich dort auf den Rücken und stemmst Deine weit geöffneten Beine halb angewinkelt gegen den grau bespannten Autodachhimmel. Von der Seitentür kommend dringt O. mit einem einzigen brutalen Stoß tief in Dich ein. Du stöhnst vor Schmerz. „Bist Du  schon soweit?“ fragt O. „Fast“ antwortest Du. „Sehr gut“ sagt O. und stößt noch einmal zu, so daß Dein Kopf am Autotürgriff über Dir anschlägt und Deine Highheels von den Füßen rutschen. „Den Rest besorgst Du Dir selber mit der Hand während Du mich leckst, ok? Und bitte stöhn ganz laut wenn es Dir kommt und sag mir daß ich der Geilste für Dich bin!“ sagt O.  Du tust was er verlangt. Küßt O.s Analregion während er mit abgewandtem Gesicht über Dir kniet. Streichelst Deine Muschi. Mimst einen Orgasmus. Fühlst O.s warmes Sperma auf Deinem Bauch. Dankst ihm. Gibst vor glücklich zu sein.

„Darf ich jetzt wieder mit Dir zurück fahren?“ fragst Du, nachdem Ihr im Auto Ordnung gemacht und Euch angezogen habt. „Von mir aus“ sagt O. „Aber nur, wenn Du mich jetzt nicht mehr anfaßt! Eine Nummer im Auto ist keine Kuschelveranstaltung!!“ – „Ok“ sagst Du und vergräbst Dich auf dem Beifahrersitz in Deinen Parka. Stumm sitzt Ihr nebeneinander während der kurzen Fahrt. „Ist es sehr schlimm mit Deiner Mama?“ fragst Du, als Ihr den Spielplatz fast erreicht habt. „Ach meine Mutter hat in ihrem Leben einfach immer nur Scheiße gebaut“ sagt O. „Und jetzt will sie plötzlich alles mit mir und meinen Brüdern bereinigen und ruft uns dauernd zu sich ins Krankenhaus.“ – „Du hast Brüder?“ fragst Du. „Ja. Einen halben und einen ganzen Bruder“ sagt O. „Ich bin der Jüngste.“ Bevor Du noch etwas dazu sagen kannst parkt O. das Auto hinter den Ahornbäumen beim Spielplatz. Euer Date ist zu Ende. „Steig aus,  Babe“ sagt O. „Und vergiß nicht Deine Tasche hinten rauszuholen. Ich kann die nicht brauchen. Ok?“

„Willst Du nicht schauen ob ich es richtig mache?“ fragst Du. „Doch“ sagt O. „Nicht daß Du noch was mitnimmst was Dir nicht gehört.“ Im fahlen Licht des heraufdämmernden Tagesanbruchs steht O. neben seinem Auto und beobachtet argwöhnisch, wie Du Deine Tasche aus seinem Kofferraum holst. Unrasiert, übernächtigt, mit blutleeren Lippen und bläulich unterlaufenen Augenlidern. Ein unirdisches, umhergetriebenes Wesen, beheimatet im diffusen Grau eines immerwährenden Frühmorgens. Es tut Dir weh ihn so zu sehen. „Machs gut“ sagst Du und versuchst zum Abschied Deine Stirn an das kalte, abweisende Nappaleder von seiner Fliegerjacke zu legen. „Du auch“ antwortet er und dreht sich von Dir weg. Während Du zu Deinem Fahrrad gehst, hörst Du wie hinter Dir der Geländewagen startet. Als Du Dich umschaust ist er verschwunden. Als ob er niemals da gewesen wäre.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Feuilles Mortes

Montag, 6.Oktober 2014 8h. Der Herbst des Jahres ist sehr schnell gekommen. Jeden Morgen begleitest Du Deinen Sohn auf nebligen Strassen mit dem Fahrrad zu seiner idyllischen, kleinen Schule, die am südlichen Rand Eurer Stadt an ein Marienkloster angeschlossen ist. Während er Dir am Schultor zuwinkt, schaltest Du Dein Handy ein. Seit Deinem letzten Besuch im Haus mit den vielen Bildern hast Du nichts mehr von O. gehört. Kein Anruf. Keine Stimme auf der Mailbox. Keine Sms. Zwei volle Wochen lang: Nichts. Du kennst dieses Nichts inzwischen etwas besser als zu Beginn Eurer Freundschaft. Kennst die Gefühle, die es in Dir auslöst: Verwirrung. Verlustangst. Unsicherheit. Scham. Kennst die bangen Fragen, die es aufwirft. Spürst, wie sie verhindern, dass Du Dich innerlich einem anderen Thema zuwendest. Weisst aber auch, dass das Nichts irgendwann endet, wenn es Dir gelingt, tapfer und geduldig zu sein. Und heute ist es soweit. Gerade als Du auf Dein Rad steigen und nach Hause fahren willst piept Dein Handy. Charming Bell. Der Klingelton von O.

„Guten Morgen!“ schreibt er. „Guten Morgen“ schreibst Du zurück und lehnst Dein Fahrrad an der Friedhofsmauer vom Marienkloster an. „Hast Du es mit Anderen gemacht?“ fragt O. „Nein!“ antwortest Du. „Sei ehrlich, Schlampe!!!“ schreibt O. „Wirklich nicht!“ schreibst Du. „Ich will und brauch nur Dich!“ – „Ok“ schreibt O. Du suchst Halt an der Friedhofsmauer und versuchst innerlich in Deckung zu gehen vor den Fragesalven, die O. nun sicher gleich auf Dich abfeuern wird. Oder will er Dich jetzt sofort sehen? Nein, stellst Du fest, während die Oktoberkälte unter Deinen Parka kriecht. O. schreibt nicht mehr zurück. Du fährst nach Hause. Wärmst Dich auf. Googelst nachmittags am PC den Begriff Projektion. Ein psychischer Abwehrmechanismus, unverzichtbar im Selbstverteidigungsarsenal von Borderlinern, die ihn nutzen, um eigenes Fehlverhalten auszulagern, in ein Schattenreich, fern ihrer selbst. Indem sie es massiv dem Gegenüber unterstellen. Promisk zu sein, etwa …

Mittwoch, 8. 10.2014 Ein ruhiger Tag. Von O.? Nichts. Die Frage die er Dir gestellt hat, lässt Dir allerdings keine Ruhe. Wie kann er von Dir glauben, dass Du in den beiden Wochen seines Schweigens mit MEHREREN anderen Männern zusammengewesen wärst? Gegen Abend schreibst Du ihm, dass es keinen Mann in Deinem Umfeld gibt, für den Du annähernd so empfinden könntest wie für O. Dass es unvergleichlich und einzigartig für Dich ist, was Du mit ihm erlebst. Dass Du es niemals entwerten wollen würdest durch ein banales sexuelles Erlebnis mit irgendwem. Dass Du gern erfahren würdest, wie, wo und mit wem ER die vergangenen 14 Tage verbracht hat, schreibst Du ihm nicht. Und auch nicht, wie beleidigend Du seine Frage für sich genommen eigentlich findest. Beleidigend für Dich, aber auch für ihn selbst und für die schmerzlich-schöne letzte Begegnung die Ihr hattet. Du willst ihn nicht verärgern, jetzt, wo er von sich aus wieder mit Dir in Kontakt getreten ist. Deshalb bist Du sehr auf Deiner Hut.

Donnerstag, 9.10.2014 8h. Im Schatten des Marienklosters. Wieder schaltest Du Dein Handy ein. O. hat geschrieben, zu ganz früher Morgenstunde. „Ich will Dir einfach mal sagen dass ich sehr glücklich bin dass es Dich in meinem Leben gibt!“ textete er, während Du noch schliefst. Eine kleine Woge von Endorphinen strömt durch Dich hindurch. „Ich bin da auch sehr glücklich drüber !“ schreibst Du und schaust erwartungsvoll aufs Display. Jedoch, es kommt nichts mehr zurück. Im Lauf des sonnenlosen Tages verwandelt sich Dein morgendliches Hochgefühl. In Enttäuschung. Traurigkeit. Ärger auf Dich selbst. Du hättest so gerne mit O. gechattet. Warum musstest Du schlafen, unverzeihlicherweise genau dann, als er Gefühle und Gedanken mit Dir teilen wollte? Du fühlst Dich unzulänglich, mittelmäßig, wertlos. Dein Lebensstil ist zu philiströs für einen bohemienhaften Grenzgänger wie ihn. Viel zu normal. Zu langweilig. Zu angepasst. Das ist die eigentliche Botschaft die am Ende des Tages bleibt, von O.s morgendlicher Sms …

Freitag, 10.10.2014 14h. O. schreibt, unvermutet. „Du wohnst doch in der Nähe von der Parkanlage die hinter dem Haus anfängt wo wir uns kennengelernt haben, oder?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du. „Soll ich da jetzt hinkommen?“ – „Jetzt nicht!!!“ antwortet O. „Wollte es nur wissen. Aber vielleicht kannst Du ja mit dem Rad nachts mal für nen Autofick zu dem Parkplatz kommen der da ist!!!“ – „Doch, das könnte ich!“ schreibst Du. „Ich würde aber wollen dass Du nichts unter Deinem Mantel anhast wenn Du mit dem Rad kommst! Nur Schuhe und halterlose Strümpfe!“ schreibt O. „Das krieg ich hin!“ schreibst Du. „Auch wenn es noch kälter ist als jetzt?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Babe, Du bist einfach der Wahnsinn!!!“ schreibt O. Du kannst seine Begeisterung förmlich durch Dein Smartphone spüren. „Ich liebe es an Dir dass Du einfach alles für mich tust!“ – Und ich liebe es das zu machen!“ antwortest Du. „Ich würde noch viel mehr für Dich tun als nackt mit dem Rad durch die Kälte zu fahren!“ – „Danke Babe. Ich liebe Dich“ schreibt O.

Samstag, 11.10.2014 1h. Du versuchst zu schlafen. O. hat Dir ja eine wunderbare Glückspille verabreicht, heute. Es tat Dir gut zu erfahren, dass er nach wie vor besondere Pläne mit Dir hat, dass Du – wieder oder immer noch – Gegenstand seiner erotischen Phantasien und Ideen bist. Dass Du eine Rolle spielst im Reich seiner Imaginationen, und zwar eine die Dir sehr gefällt. Du brennst darauf, mit dem Fahrrad tief nachts in Highheels und Strümpfen irgendwohin zu kommen, wo er im Auto auf Dich wartet. Und dennoch hat O.s Sedativum einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Die Art, wie er über diesen Parkplatz ganz in Deiner Nähe schrieb, sie legte nahe dass er dort nicht zum ersten Mal sein würde, beim Date mit Dir. Es peinigt Dich, Dir vorstellen zu müssen, dass er öfter jemanden treffen könnte, an diesem unbesuchten Ort, frühmorgens, während Du Dich hier im Halbschlaf nach ihm sehnst. Und dass er schon viele Frauen dort erwartet hat, in all den Jahren, bevor Du ihm und seinen dunklen Träumen begegnet warst.

Es ist einer jener Momente in denen Du ernsthaft erwägst, radikal mit O. zu brechen. Alles was mit ihm zu tun hat vom Handy zu löschen, den Chatverlauf, die Bilder, die Du ihm geschickt hast, und seine Nummer zu blockieren. Aber was dann? Zurück in das Leben das Du hattest, vor der Begegnung mit O.? Ein Leben ohne permanente mentale Herausforderungen und Kraftproben, ohne emotionale Höhenflüge und Abstürze, ohne erotische Chats und Bilder? Ohne heimliche Besuche in exklusiven Domizilen? Es ist ein Leben das es nicht mehr gibt, stellst Du betroffen fest. Du bist gezeichnet für immer, von der kurzen Zeit mit O. Du wirst nie mehr leichten Herzens an dem Parkplatz bei der Grünanlage vorbeifahren können, genausowenig wie an der Stelle wo Ihr Euch kennengelernt habt. Du lebst in einer völlig neuen, O.-geprägten Realität, in der Uhrzeiten und Orte etwas Abgründiges bedeuten. O.s sinistres Raum-Zeitkontinuum hat sich über Deines gelegt und Dein altes Leben hat sich darin aufgelöst.

Montag, 13.10.2014 7h. O. hat geschrieben, kurz nach 4h morgens. Du musst angemessen gekleidet sein, für das Treffen beim Parkpklatz. Die schwarzen, halbhohen Stiefeletten, die Du bisher für ihn getragen hast, sind deplaziert. O. will, dass Du Dir „richtig heiße, hochhackige Fickschuhe“ kaufst. „Sie müssen nicht teuer sein, Hauptsache sie sehen nuttig aus!!!“ schrieb er. Gegen Nachmittag fährst Du los, zu einem Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe. Leider gibt es aktuell nur Schuhe mit Veloursleder-Optik, in gedämpften Herbstfarben. Nach langem Überlegen entscheidest Du Dich für ein Paar schwarzer Ankle-Boots mit Nieten im Fersenbereich und 13 mm hohen Absätzen. Zuhause machst Du ein paar Bilder: Du selbst, mit Parka, halterlosen Strümpfen und den neuen Schuhen vor dem Wohnzimmerspiegel. Schickst sie O. Wartest. Gegen Abend schreibt er: „Diese Schuhe entsprechen leider überhaupt nicht meinen Vorstellungen!!! Glaub nicht dass ich Dich in denen ficken kann!!!“ Danach: Schweigen.

Ein harmloses Paar Schuhe im Wert von 30.- Euro. Du hattest Dich sehr darüber gefreut, eigentlich. Dir überlegt, zu welchen Deiner Jeans und Kleider sie am Besten passen würden. Es war eine Art Cinderella-Moment als Du sie vor dem Spiegel anprobiertest. Seit O.s vernichtendem Urteil aber wurden sie für Dich zum Symbol einer schweren Niederlage, ja, einer Blamage. Wärst Du wirklich die hocherotische Frau, die Du vorgibst zu sein, hättest Du dann nicht Schuhe kaufen können, die ihm gefallen? Du hast versagt. Hast O. enttäuscht. Zurecht straft er Dich nun wieder mit seinem Schweigen. 22h. „Findest Du die Schuhe wirklich so häßlich?“ wagst Du ihm zu schreiben. Und siehe da, er antwortet: „An Deinen schönen Beinen sehen sie ganz gut aus“ schreibt er. „Aber wir müssen dann bald andere für Dich besorgen!“ – „Danke!“ antwortest Du. In der Nacht träumst Du von Kürbiskutschen und gläsernen Schuhen. Nur O. hat die Macht, die Kindheitsprinzessinn in Dir zum Leben zu erwecken. Und Du liebst ihn dafür.

Mittwoch, 15.10.2014 Ein verwunschener Oktobervormittag. Herbstlaub fällt im Sonnenlicht. O. schreibt, seltsam euphorisiert, verliebt, voll Tatendrang: „Meine Süße!! Ich bin gerade da wo wir uns kennengelernt haben!!! Und ich bin so unglaublich glücklich dass es Dich gibt!!!“ – „Magst Du mich vielleicht besuchen kommen?“ fragst Du. „Jetzt nicht!!“ antwortet O. „Aber ich will Dich heute abend in dem Haus ganz zärtlich umarmen und küssen wenn Du es mir erlaubst!!!“ – „Sooo gerne!“ antwortest Du. „Wann soll ich denn kommen?“ – „Das sage ich Dir noch!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten Dich zu sehen!!“ „Zärtlichkeit von O. Wie wundervoll!“ denkst Du. Die Zeit vergeht. Du wartest. Erst voll Vertrauen und Zuversicht, dann immer nervöser. Dein Sohn kommt von der Schule. Abwesend und gedankenverloren betreust Du seine Hausaufgaben, stets das Handy im Blick. Die Nacht fällt ein. Du schickst O. ein einzelnes Fragezeichen. Keine Antwort. Du bist getäuscht worden. Bloßgestellt in Deinem Wunsch nach Nähe. Ganz einfach so.

„Haus war nicht frei“ simst O. am anderen Morgen. „Hättest Du mir das nicht früher schreiben können? “ fragst Du zurück. „Klar hätte ich! Aber wollte ich halt nicht!!“ antwortet O. „Du bist nur eine Nutte und ich kann machen was ich will!! Kapierst Du das nicht? Und wenn ich Lust habe in dem Haus ne Andere zu ficken kannst Du auch nichts dagegen tun!!!“ – „Hast Du das denn?“ fragst Du gequält. „Nein!“ antwortet O. „Aber eines Tages werde ich es machen und dann mußt Du zuschauen!!! Und jetzt halt endlich Dein Schlampenmaul, sonst blockier ich Dich vom Handy!!!“ – „Oh, klassisch!“ schreibt Dein Freund, der Sucht-Experte, als Du ihm den Chat erschüttert weiterleitest. „Er darf alles, Du darfst nichts. Du bist nur Dreck. Aber Vorsicht! So hart wie er Dich seelisch verletzt, so hart wird er auch körperlich gegen Dich vorgehen. Ich rate Dir, Dich von ihm zu trennen!“ – „Ich will die Parkplatz-Nummer noch erleben!“ schreibst Du kleinlaut. „Ok“ schreibt Dein Freund. „Gönn Dir. Aber dann zieh bitte die Notbremse!“

Freitag, 17.10.2014 Dein Freund hat natürlich recht. Besser heute als morgen solltest Du die Reißleine ziehen. Dich psychisch und physisch in Sicherheit bringen vor einem Mann, der willkürlich mit Deinen Gefühlen spielt. Und Dich anschließend demütigt und bestraft für Dinge die er selber falsch gemacht hat. Es gibt keinen vernünftigen Grund bei O. zu bleiben, nach dem was Du in den letzten beiden Tagen mit ihm erlebt hast. Du beschließt, Dich innerlich von ihm abzuwenden. Nimmst Dir vor, ihm nicht mehr zu schreiben. Und den Blick nach vorne zu richten. Es fühlt sich wohltuend an. Du verbringst einen ruhigen Abend. Hörst Musik. Wirst früh schlafen gehen. Aber genau in dem Moment wo Du Dein Handy abschalten willst bekommst Du eine Sms. „Gute Nacht, Kleine!“ schreibt O. „Glaub mir, Du bist die Einzigste für mich! Bitte sag mir wann Du nachts um 4h mal rausgehen kannst!! Ich will Dich unbedingt bald in Strümpfen und Schuhen am Parkplatz sehen!!“ – „Von 26. auf 27.10.“ schreibst Du. „Wunderbar!!!“ antwortet O. …

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Of haunted Houses, Puppets and Men

Mittwoch, 24.9. 2014 Ein Freund aus der Schulzeit ist zu Besuch in Deiner Stadt. Diplom-Psychologe, auch er. Schwerpunkt: Seelische Traumata. Ihr seid zum Abendessen verabredet, in einem gehobenen italienischen Resaturant. Bei Antipasti und Rotwein sitzt Ihr unter alten Kastanien, erzählt Euch von Euren Kindern, tauscht Erinnerungen an die Schulzeit aus. Du bist ihm von damals als freiheitsliebende Person im Gedächtnis geblieben. Er hat viel Sympathie für Deine spontane Art, Deinen „offenen Lebensstil“, wie er es nennt. Die aktuelle Entwicklung zwischen Dir und O. sieht er jedoch kritisch und mit Sorge. Er will wissen was Dich treibt. Was suchst Du bei einem Mann dem Zärtlichkeit und Nähe fremd sind? Warum riskierst Du Schmerzen und Verletzung? Ja, er weiß, solche Menschen können sehr charmant sein, sagt er. Facettenreich. Schillernd. Attraktiv. Intelligent. „Aber im Inneren, glaub mir“, sagt er, „im Inneren ist Nichts. Nichts ausser einem schweren Bindungstrauma!“

Donnerstag, 25.9.2014 Wieder verbringst Du viel Zeit vor dem Internet. Ein Bindungstrauma, so erfährst Du, entsteht durch mangelnde Fürsorge in  der Kindheit. Erwachsene, die ihnen anvertraute Kinder vernachlässigen, misshandeln, missbrauchen … Eltern, die ihre Söhne oder Töchter alleine lassen, in Ängste und Verwirrung stoßen anstatt ihnen Sicherheit zu bieten … Sie fügen ihren Schutzbefohlenen ein sogenanntes Symbiose-Trauma mit möglicherweise schweren, lebenslangen Folgen zu. Alkohol-, Spiel- oder Drogensucht, scheiternde Partnerschaften, flüchtige sexuelle Abenteuer, Manipulations- und Kontrollbedürfnis gegenüber nahestehenden Personen, Konflikte mit dem Gesetz durch allzu große Impulsivität: all das ist charakteristisch für Bindungstraumatisierte, deren Psyche sich nach dem Überleben der schwierigen Kindheit trickreich gegen erneute Verwundung und Enttäuschung wehrt. Sich wehrt gegen Menschen, die sie lieben. Mit Dominanz, Kühle, Rückzug oder Schweigen. Sich so wehrt wie O. gegen Dich …

Eine überschattete Kindheit, also. Belastet von Schmerz, regiert von Angst. All Deine Recherchen im Netz, all Deine Gespräche mit psychologisch geschulten Freunden, sie führen nur immer wieder zu der einen Vermutung: in O., Deinem wunderschönen Liebhaber mit der blassen Haut und dem trauerumflorten Blick, schlummert ein zutiefst verletztes, gequältes und gekränktes Kind. Was hat man ihm angetan? Im Augenblick kannst Du es nur erahnen. Manchmal glaubst Du, aus dem was er bei Euren sexuellen Begegnungen mit Dir tut, rückschließen zu können auf Erlebnisse die ihn vielleicht geprägt haben. Alleingelassen werden in Dunkelheit und Kälte, beispielsweise. Geschlagen und bespuckt werden. Ungeduldig und grob entkleidet werden. Herbeigezerrt und gleich wieder weggeschickt werden. Gedemütigt und beschimpft werden. Zur Eile angetrieben werden. Auch: Brutal genommen werden?? Du hoffst, es eines Tages zu erfahren. Denn: auch in Dir schlummerte ein verwundetes Kind. Und es ist aufgewacht seitdem Du mit O. zusammen bist.

Samstag, 27.9.2014 Dein Freund aus der Schulzeit hat die Stadt wieder verlassen. So kannst Du es ihm nicht mehr direkt sagen, was Dich bei O. hält, beziehungsweise zu ihm treibt: Alles was mit O., besser gesagt mit Deiner Idee von O. zusammenhängt, ist einfach viel zu aufregend, zu intensiv, um Dich schon jetzt davon lösen zu können. Vor allem aber gibt es noch viel zu viele offene Fragen, auf die Du eine Antwort finden willst. Finden musst! Wer ist dieser O., der tagsüber mit dem Fahrrad und nachts mit dem Auto durch die Strassen im Süden der Stadt geistert und Frauen jagt? Wie heißt er, wo lebt er, wie sieht seine Freundin aus, wem gehört das luxuriöse Haus in dem er sich mit Dir trifft? Und wer bist Du selbst, in diesem Netz aus ungelösten Rätseln? Die wie vielte Frau? Eine von wie vielen Gespielinnen aktuell? Wie viele „Babes“ gibt es? Wer außer Dir dient noch als Schlampe oder Sexspielzeug?

Es gibt Dein Begehren nach O.s Körper. Deine Sehnsucht nach seiner Stimme, seiner Haut. Deine Verliebtheit in ihn. Es gibt Dein Mitgefühl für seine innere Not und Deinen Respekt vor der Bürde seines Schiksals. Du würdest es ihm gerne tragen helfen. Es gibt aber auch: Dein kriminologisches Interesse. Deine Neugier. Dein Wissenwollen. Deinen eigenen Jadginstinkt. Du willst ihm auf die Schliche kommen, seine Ränkespiele durchschauen. Du willst hinter seine Maske blicken, willst sehen welches Wesen sich dahinter verbirgt und schützt. Du willst den Menschen O. entdecken und berühren, den es mit Sicherheit geben muss, auch wenn manche Stimmen im Internet das Gegenteil behaupten. Du kannst einfach nicht glauben, dass nur das Raubtier, nur das Phantom O. existiert als das er Dir bisher begegnet ist. Du wirst und willst nicht als ahnungsloses Opfer enden.

Du denkst oft an das Haus. Die Häuser, besser gesagt. Zu zwei Häusern hat O. Dir bisher Zutritt verschafft, um darin seine Art von Liebe mit Dir zu machen. Zu der verlassenen, halb leer geräumten Villa im gutbürgerlichen Westen Eurer Stadt. Und zu dem Anwesen in der Nähe des großen Friedhofs, der dem umliegenden Quartier seinen Namen gibt und es atmosphärisch prägt. Das quaderförmige, weisse Haus mit den vertikalen Fensterfronten und der dunkelroten Garageneinfahrt. Das Haus mit den vielen Bildern. Das Haus das nicht seines ist, wie O. sagt, und in dem er sich dennoch mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt. Es muss eine vermögende, junge Familie sein, die hier mit souveräner Nonchalance lebt. Bei Deinem letzten Besuch lagen teure Markenstiefel für Kinder und niedliche kleine Trekkingjacken verstreut im Eingangsbereich. Und dennoch atmeten die Räume Traurigkeit. Es sind Orte von morbider Schönheit und Interieurs der Tragik, zu denen O. den Schlüssel besitzt. Stätten, wie Du bisher nie betreten hast …

Zwei muntere Kinder im Vorschulalter. Mit libertinären, großzügigen Eltern. Freiberufler, kreativ in der Internet- oder Werbebranche unterwegs. Tolerant und offen denkend, auf der Basis großer finanzieller Spielräume. So stellst Du sie Dir vor, die Familie, die im Haus mit den vielen Bildern ein beneidenswert cooles Leben führt. Sie sind anscheinend viel auf Reisen. Unternehmen Kurztrips, nach Barcelona vielleicht, oder nach Paris. Oder sie besitzen ein Chalet in der Schweiz, in dem sie ihre Wochenenden verbringen. O. genießt ganz offensichtlich ihr Vertrauen, bewacht und versorgt das Haus während ihrer Abwesenheit. Pflegt den Garten, hackt Holz für den weißen Design-Kaminofen der einen ebenso majestätischen wie minimalistischen Raumteiler zwischen Wohnzimmer und Küche bildet. Und ab und zu bestellt er eine Frau zu sich, in diese edlen Räume. Vielleicht auch nicht ganz ab und zu, fürchtest Du. Vielleicht auch oft, oder sehr oft. Mehrmals am Tag??? Das willst Du wissen, irgendwann.

Irgendwann, vielleicht bald, vielleicht später. Irgendwann soll der Moment für Dich kommen, in dem Du erfahren MUSST, in welchen Gesamtzusammenhang sich Deine bizarren erotischen Blitz-Begegnungen mit O. einfügen. Für Dich sind es: Risse im Firnis Deines Alltags. Rupturen der Normalität. Durchbrüche in eine düstere, fremdartige Welt, die etwas tief Verborgenes in Deinem eigenen Inneren berührt. Aber was sind sie für O.? Du musst immer wieder an die vielen Stofftiere und Puppen denken, die im Besuchszimmer des rot-weissen Hauses herumliegen. Manche wirken edel und erlesen, andere grell und billig, unpassend im Ambiente. Einige liegen da, als ob ein trotziges, schlecht gelauntes Kind seine Wut an ihnen ausgelassen hätte, andere wirken nagelneu und unberührt. Alle aber scheinen sie zusammen zu gehören, geeint darin, irgendwann einmal gewollt, erwünscht gewesen zu sein, bevor sie achtlos hingeworfen wurden. Du fürchtest, dass Frauen wie Puppen sind, im Universum von O. Und Du mittendrin.

Dir fällt plötzlich ein, dass O. sich bei Euren bisherigen Begegnungen gelegentlich ein wenig Zeit nahm, um die Biegsamkeit Deiner Glieder zu überprüfen und die Reaktionen Deines Körpers zu testen, so wie ein Kind mit einem Insekt spielt, das es gefangen hat. Rittlings über Dir knieend griff er dann nach Deinen Armen, verdrehte sie weitmöglichst nach innen und aussen, zeichnete die Linien der Oberarm-Tattoos nach, bog und wand Deine Handgelenke in verschiedene Richtungen, mit kühlem Forscherblick wartend auf ein knackendes Geräusch oder eine Schmerzreaktion von Dir. Einmal hatte er seine große Hand um Deinen Hals gelegt, während Du unter ihm lagst, als ob er Maß  für ein bizarres Accessoire nehmen und gleichzeitig Deine Lymphknoten abtasten wollte. Als er die Angst in Deinem Blick bemerkte, strich er mit dem Daumen über Deinen unregelmäßigen Nasenrücken und über die Narbe, die Deine rechte Augenbraue seit Deinem 13. Lebensjahr teilt. „Wo hast das her?“ wollte er wissen. „Von meinem Vater“ sagtest Du. „Drecksau!“ antwortete er.

Eine lebende Gliederpuppe. Eine bewegliche Schaufensterfigur. Zerlegbar in Einzelteile, die ausgetauscht und neu zusammengesetzt werden können. Ersetzbar. Austauschbar. Seriell. Ein Dekorationsobjekt für Mode. Ein Spielzeug, so wie er am Anfang ehrlich sagte. Das bist Du ganz offensichtlich für O. Zusammen mit vielen anderen Frauen. Ob Du beim Spielen kaputt gehst scheint alleine Dein Problem zu sein. Er wird sich höchstwahrscheinlich nicht die Mühe machen, Dich zu reparieren. Er wird ganz einfach eine neue Puppe besorgen. Du fragst Dich, welche Puppe am Tag Eures Kennenlernens entzwei gebrochen war. Für wen Du der Ersatz bist, der so schnell beschafft werden musste. Mit flehender, inständiger Stimme, bei aller vordergründigen Coolness. Und Du sehnst Dich danach, ihm und Dir zu beweisen, dass Du mehr als eine Deko-Puppe bist. Nämlich: Eine Frau. Mit Nerven. Mit Empfindungen. Mit einer Seele. Mit starken Gefühlen für einen Mann.

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Incomplete

Mittwoch, 17.9.2014 23.30h. Während Dein Mann und Dein Sohn schlafen, sitzst Du in dem kleinen Arbeitszimmer im Dachgeschoss Eures Hauses vor dem PC. Du folgst dem Ratschlag Deines Freundes und befragst das Internet zum Thema Emotionale Instabilität. Tatsächlich, der Wikipedia-Eintrag ist sehr gut. Vor allem aber leitet er Dich weiter zu einem anderen, alarmierenden Begriff: Borderline-Syndrom beziehungsweise Borderline-Persönlichkeitsstörung. Bisher dachtest Du das sei ein Problem von sehr jungen Frauen, die sich die Unterarme mit Rasierklingen ritzen. Im Umfeld Deines Sohnes gab es einmal ein solches Mädchen … Nun aber lernst Du schnell dazu. Es gibt viele, sehr viele Informationen zu dem Thema. Ja, sehr oft sind Frauen betroffen. Aber männliche Erkrankte gibt es auch. Bei ihnen stellt sich die Störung anders dar. Sie ritzen sich nicht, sondern sind eher gewalttätig gegen Andere … Betreiben Extremsport … Rasen nachts mit dem Auto … ODER suchen spontanen, ungeschützten Sex, um sich selbst und ihren Körper zu spüren …

Ein quälendes, angstauslösendes Gefühl der inneren Leere scheint allen Betroffenen gemeinsam zu sein. Sie zu füllen, mit intensiven Erlebnissen und Emotionen, oder ihr zu entfliehen, in Abenteuer und Kicks, der Motor ihres Handelns. Es wird eine lange Nacht vor dem PC. Deine Recherche führt Dich zuerst in die Welt der tragisch verstorbenen Schauspieler und Rockstars. Amy. Kurt. Heath. Jim. Jimi. Janis. Aber auch: Maria Kwiatkofski. Jennifer Nitsch. Die Liste ist endlos. Ein Psychologe namens Borwin Bandelow hat ein Buch über ihrer aller Borderline-Syndrom geschrieben. Er nennt es „Wahn der Kreativen“. Aber Du gelangst auch auf weniger glamouröse, sehr fundierte Seiten zum Thema. Du lernst psychologische Spezialbegriffe kennen: Abwehrmechanismus. Spaltung. Projektion. Primitive Idealisierung. Grandiosität. Die Diagnose-Kriterien des DSM-IV. Und schließlich entdeckst Du die Blogs und Foren für Menschen, die jemanden lieben der vom Syndrom betroffen ist. Im weitesten Sinne also für jemanden wie Dich …

Typischerweise beginnend als spontaner Höhenflug wechselseitiger Inspiration und Verzückung. Oft auch als vorher nie gekannter Rausch erotischer Gesinnungsgleichheit. Abenteuerlich. Wild. Elektrisierend. Dann mündend in eine lange Achterbahnfahrt zwischen Traum und Alptraum, zwischen Vergötterung und Verdammnis. Belastet von symbiotischen Phantasien, Verlustängsten und Fluchtreaktionen. Irgendwann, nach einer typischen Halbwertszeit von 16 bis 18 Monaten dramatisch, schmerzvoll scheiternd. So berichtet das Internet. Es schildert eine spezielle „Borderline-Dynamik“, die derartige Liebesbeziehungen prägt, nämlich den Kreislauf von Idealisierung und Abwertung des erwählten Partners durch den vom Syndrom betroffenen Menschen. Und nennt auch Gründe für dessen chaotisches, verletzendes Verhalten. Gründe, die in der Kindheit liegen. Einer Kindheit, in der Vertrauen und Geborgenheit nicht erlebt wurden, in der Gewalt und Missbrauch an der Tagesordnung waren. Einer Kindheit … wie O. … sie vielleicht hatte?

Samstag, 20.9.2014. 9h. Ein regnerischer Samstagvormittag. Du machst Ordnung im Kleiderschrank Deines Sohnes. O. hat tagelang geschwiegen. Nun aber piept Dein Handy. „Würde gerne Deine Brüste berühren!!“ schreibt O. „Das wäre sehr schön!“ antwortest Du. Schweigen. Zwei Stunden später: „Du müsstest aber Schuhe, Strümpfe und deine schwarze Jet-Perlenkette dazu anhaben!“ schreibt O. „Kein Thema!“ antwortest Du. Erneut längeres Schweigen. Dann: „Es ist mir extrem wichtig dass Du diesmal nen richtig heftigen Orgasmus kriegst!“ schreibt O. „Wie lang glaubst Du dass es dauern würde?“ – „Wenn ich es mir auf Deinem Schoss selber machen darf während Du meine Titten küsst ca 4 Minuten“ antwortest Du. „Ok, Drecksau!“, schreibt O., „kannst Du um 19h da sein?“ – „Wo müsste ich denn da hin kommen?“ fragst Du. „Zum Haus“ schreibt O. „Den Weg wirst Du ja hoffentlich alleine finden!“ – „Doch“ schreibst Du. Erneutes Schweigen. Du schwebst in Ungewissheit. Suchst nach der Halskette. Legst Strümpfe bereit. Atmest durch …

Wieder piept Dein Handy. „Gehts bei Dir auch um 17 Uhr?“ fragt O. „Oder jetzt gleich in einer halben Stunde?“ – „Ja“ schreibst Du, während Du hektisch Halsschmuck und Strümpfe in Deine Tasche wirfst. „Dann dusch Dich schnell, dreckige Schlampe, und schreib mir wenn Du bei der Parkbank bist. Ich öffne die Garage.“ 16h30. Frisch gestylt und atemlos kommst Du mit dem Rad zur Parkbank. „Bn da“ simst Du mit zittrigen Händen. „Ok!“ schreibt O. Du nimmst mit dem Fahrrad die kurze Wegstrecke, die Du vor elf Tagen zu Fuss gegangen bist, im Polizeigriff von O. Findest das Haus. Fährst direkt in die Garage. Noch während Du das Fahrrad neben dem braunen Geländewagen abstellst, gleitet hinter Dir das Tor ins Schloss. Die Verbindungstür zum Haus wird einen Spalt weit aufgemacht. O., durchscheinend blass, mit tiefen Augenschatten, winkt Dich herein. Er ist barfuss, trägt glatte, cognacfarbene Chinos und einen braun-beige gestreiften Oversize-Pullover aus einem sehr, sehr weichen, federleichten Gewebe.

„Sooo verletzlich!“ denkst Du und empfindest eine seltsame Wehmut, als Du mit den Fingern flüchtig über den zarten, musselinartigen Stoff auf O.s Schulter streichst. „Lass uns hochgehen, Kleine“ flüstert O. und legt Dir seine Hand in den Nacken. Die Absätze Deiner Stiefeletten klacken auf den breiten Stufen der Treppe aus Eichenholz. Im Vorbeigehen versuchst Du einen Blick auf die Bilder im Treppenhaus zu erhaschen, aber O. bemerkt Deine Absicht und drückt Dir den Kopf so tief nach unten dass Du fast nichts wahrnehmen kannst. Dennoch erkennst Du auf einem Bild ein halb zerstörtes Haus, das auf einer Spiralfeder aus einer Schachtel springt. Andere zeigen Zungen, die aus aufgerissenen Rachen ragen und Gebisse, die aus Mündern fliegen. Im Besuchszimmer starren Dich einige der vielen Puppen, die in der Ecke auf dem Boden liegen, aus toten Augen unverwandt an, während andere leer zur Decke blicken. „Wo kann ich mich umziehen?“ fragst Du. O. weist Dir stumm den Weg zu einem Gästebadezimmer.

Hier ziehst Du Dein Volant-Top aus und wechselst von der Jeans in die halterlosen Strümpfe. Mit klackenden Absätzen und der Glasperlenkette in der Hand gehst Du zurück zu O. „Bitte mach sie mir rum“ sagst Du. O., nackt und erregt, tritt hinter Dich. Du erschauerst ein wenig, als Du seinen Schwanz hart und groß an Deinem Po spürst, während er sorgfältig den Collierverschluss in Deinem Nacken zusammenclipst und den Sitz der einzelnen Perlen rund um Deinen Hals herum kontrolliert. „So, Du Schlampe. Jetzt komm her und hols Dir!“ sagt er und lässt sich mit Dir zusammen auf das grellrote Sofa fallen. „Zeig mir endlich wie Du’s am Liebsten hast!“ „Ok“ sagst Du, kniest Dich über ihn und schiebst ihn mit Deinen Beinen sanft in eine halbsitzende Position. Küsst ihn auf den Mund. Presst Deine Knie von aussen gegen seine Hüften. Hältst Dich mit der linken Hand an der Sofalehne direkt neben O.s Kopf fest, greifst mit der rechten zwischen Deinen Beinen durch und tastest nach O.s Schwanz. Spürst wie er in Deiner Handinnenfläche pulsiert und größer wird.

„Halt meine Titten fest“ sagst Du und lässt die Spitze von O.s Schwanz langsam von hinten nach vorne durch Deine feuchten Schamlippen gleiten. „Halt sie fest und küss sie, dann siehst Du wie schnell es mir kommt!“ Du reibst Dich ein wenig schneller an O.s Schwanz, spielst mit seiner gekrümmten Spitze an Deiner Klit, nimmst ihn zur Hälfte in Dein Inneres hinein und reitest ihn dann wieder von außen. Es geht alles sehr gut. Deine Bewegungen verselbständigen sich. In den Tiefen Deines Körpers baut sich ein Orgasmus auf. Genau in dem Moment aber, in dem Du damit beginnen willst es alles aus Dir heraus zu lassen, beißt O. Dich mit voller Härte in die linke Brust. Ein unglaublicher Schmerz wandert von der Biß-Stelle aus wellenartig durch Dich hindurch. Irgendwie gelingt es Dir, den dazu gehörenden Schrei in einen vorgetäuschten Orgasmus umzuwandeln. Du legst Deine Stirn in O.s Halsbeuge und stöhnst. Laut und tief. Es gefällt ihm.

„Babe, das machen wir jetzt öfter so!“ sagt er und schiebt Dich von sich weg. „Danke für das geile Gestöhne! Zieh Dich an. Mehr will ich heute nicht von Dir.“ Schmerzbetäubt und fassungslos schaust Du ihn an. Aber bevor Du noch irgendetwas sagen oder tun kannst, steht er auf und geht hinaus. Dir bleibt nichts Anderes übrig, als Dich alleine wieder umzuziehen. In seinen Pullover gehüllt steht O. an der Verbindungstüre zur Garage, als Du die Treppe herunter kommst. Scheu, mit gesenktem Blick versuchst Du Dich an ihm vorbeizudrücken. Doch da fasst O. Dich bei den Schultern, schaut Dir in die Augen und kübst Dich auf den Mund. „Danke Kleine“ sagt er. „Komm gut heim“. „Mach ich“ sagst Du und gehst hinaus. Auf der Strasse erreicht Dich sehr bald eine Sms. „Du bist die Beste, Babe!!! Bin grade super gekommen!!“ schreibt O. „Freut mich“ antwortest Du, noch immer leicht benommen. Abends siehst Du im Badezimmerspiegel, dass O.s Zahnreihe sich um Deine linke Brustspitze herum abgedrückt hat. „Souvenir“ denkst Du und weinst NICHT.      

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

French Can-Can

Dienstag, 9.9.2014 7h30. Sms von O. Er will Dich sehen, heute. „Das Haus ist frei ab Mittag“ schreibt er und dass Du schwarze halterlose Strümpfe und Stiefeletten unter Deinem weiten Sommerkleid anhaben und  Frischhaltefolie mitbringen sollst. „Werde Dich wo anbinden und Dir leicht wehtun!!!“ schreibt er. „Ich bin bereits verletzt!“ antwortest Du und schilderst Deinen Sturz vom Fahrrad. „Das ist mir egal!!“ kommt es zurück. „Du hast gesagt dass ich mit Dir machen darf was ich will und genau das werde ich tun!!!“ Drei Stunden später. Das Date wankt. „Hoffentlich klappt es heute noch!!!!“ schreibt O. „In dem Haus ist ein Handwerker und der braucht länger als gedacht!!!“ – „Ich übe jetzt Klavier mit meinem Sohn“ schreibst Du. „Sag einfach bescheid wenn ich kommen soll!“ Du atmest durch. „O. at his best“, denkst Du. Unfassbar. Undurchschaubar. Unberechenbar. Das Ende des Tages völlig ungewiss. Du setztst Dich zu Deinem Sohn und beobachtest wie seine kräftigen, sommerbraunen Kinderhände über die Tasten des E-Pianos wandern. Es hat immer etwas Heilendes und Tröstliches für Dich, ihm beim Spielen zuzuhören. Gerade als er mit den Fingerübungen fertig ist, piept erneut Dein Handy. „Es ist jetzt doch ganz schnell gegangen!“ schreibt O. „Komm sofort zur Parkbank und schreib mir wenn Du da bist! Ich hole Dich dann ab!!“ 13h10. Beim Treffpunkt. Deine geschürften Knie schmerzen unter den eng anliegenden halterlosen Strümpfen. O. kommt Dir zu Fuss entgegen, ausgezehrt wirkend, bleich. Zur Begrüßung musst Du kurz den wadenlangen Rock von Deinem Kleid hochheben, so dass O. den Spitzensaum der Strümpfe sehen kann. Dann greift er nach Deinem Handgelenk, dreht es Dir grob auf den Rücken und führt Dich wortlos neben sich her. Zum Glück ist es kein weiter Weg. Rasch seid Ihr bei dem Haus mit der weissen Fassade und dem dunkelroten Garagenanbau. Ein Daumendruck auf den elektronischen Schlüssel. Das Tor hebt sich. Ihr tretet ein. „Geh schnell nach oben in das Zimmer wo die Türe offen steht“ sagt O. mit leiser Stimme. „Und pass auf mit Deinem Kleid. Das Geländer ist frisch gestrichen!“ Im ersten Stockwerk betrittst Du ein kleines Zimmer mit einem sehr schmalen, vertikal verlaufenden Fenster. „Schießscharte“ denkst Du. In einer Ecke ein grosser, bunter Haufen von Stofftieren und Puppen. Mittig ein signalrotes Ecksofa mit verchromtem Gestell. Abgedeckt mit einem weissen Leintuch. Genauer umschauen kannst Du Dich nicht, denn, lautlos wie ein Schatten ist O. Dir gefolgt. Jetzt versetzt er Dir von hinten einen heftigen Stoß. Wirft sich direkt zu Dir auf das Sofa. Schiebt Dein Kleid hoch. Presst sein Knie hart gegen den Bluterguss auf Deinem Oberschenkel. „So, Du Schlampe, jetzt sagst Du mir erst mal die Wahrheit wo Du die Verletzung her hast!!“ Er öffnet den Reißverschluss von seiner Sommerhose. „Mit wem hast Du es gemacht?“ Bevor Du antworten kannst presst er seine grosse Hand auf Deinen Mund und nimmt Dich mit sehr harten Stößen. Du spürst die Krümmung von seinem Schwanz heute deutlicher als bisher. „Du bist so grausam!!“ flüsterst Du als Du wieder zu Atem kommst. „Sei still und leck mein Arschloch!!“ antwortet O. und sucht nach der Frischhaltefolie in Deiner Tasche. Blitzschnell fixiert er Deine Handgelenke an der Chromstange oberhalb Deines Kopfes. Dann setzt er sich über Dein Gesicht und beginnt es sich selbst zu machen während Du ihn küsst. Kurz vor dem Höhepunkt streicht er sanft mit einer Fingerspitze über die Heftpflaster auf Deinen Knien, die sich durch das Nylonschwarz der Strümpfe abzeichnen. Dann spritzt er unter geschmerzt klingendem Stöhnen auf Deinen Bauch. Er hilft Dir aus den Fesseln frei zu kommen. Reicht Dir ein Kleenex. Zieht sich an, geht hinaus, während Du mit gesenktem Kopf Deine Sachen zusammensuchst. Steht mit bereit gehaltenem Schlüssel an der Verbindungstür zur Garage als Du die Treppe herunter kommst. „Danke dass Du da warst, Kleine“ sagt er. „Ich glaub Du findest allein zurück. Geh schnell bevor noch jemand kommt!“ – „Gern“ antwortest Du und suchst seinen Blick zum Abschied. Doch O. hat sich bereits abgewendet. Als Du nach Hause kommst, spielt Dein Sohn gerade die letzten Takte des French Can-Can von Jacques Offenbach. „Wo warst Du Mama? Du schaust traurig aus!“ sagt er. „Nirgends“ antwortest Du.

Mittwoch, 10.9.2014. 7h30. Du erwachst mit Nackenschmerzen und einem bedrückenden Gefühl des vollkommenen Verlassenseins. Du wünschst Dir inständig eine Guten-Morgen-Sms von O. Inständig. Aber Dein Handy bleibt stumm und leer als Du es einschaltest. Also schreibst DU IHM die liebevolle Sms, die Du selber gern bekämst. Ohne Antwort. Ohne Echo. Der Vormittag vergeht. Das Verlorenheitsgefühl wird übermächtig. Du verlierst die Nerven. „Du kaltes Arschloch! Warum machst Du das mit mir?“ textest Du. „Auf DIE Art wirst Du mich verlieren, das muss Dir klar sein!“ O. reagiert sofort. „Sag mal spinnst Du?“ schreibt er. „Ich muss arbeiten und kann nicht immer schreiben!!! Deine Vorwürfe sind echt das Allerletzte!!!!“ Den Rest des Tages verbringst Du damit, schuld- und schambeladene „Verzeih-mir“-Sms in Dein Handy zu tippen. Sie verhallen. Und spät Abends schreibt O.: „Bitte lass mich in Ruhe!!! Für immer!!!“

Freitag, 12.9.2014. 10h. Du klagst Dein Leid Deinem Freund, dem Suchtberater. „Solche Totalabstürze wirst Du mit ihm noch viele erleben!“ schreibt er. „O. ist eine Alles-oder-Nichts-Persönlichkeit! Google mal emotionale Instabilität. Der Wikipedia-Artikel zu dem Thema ist sehr gut.“ – „Glaubst Du dass ich ihn wiedersehen werde?“ fragst Du. „Oh, ganz sicher!“ schreibt Dein Freund. „Im Moment will er Dich bestrafen. Aber den wirst Du noch öfter wiedersehen als Dir lieb ist!“

Samstag, 13.9.2014. Regen. Spät Abends fährst Du mit dem Rad zu der Parkbank bei der O. Dich zweimal abgeholt hat. Hockst mit angezogenen Beinen da, drehst und wendest Dein Smartphone in den klammen Fingern. Bist kurz davor ihm zu schreiben. Lässt es. Weinst. Frierst. Fährst nach Hause.

Sonntag, 14.9.2014 Dein Sommerkleid. Ärmellos. Figurumspielend. Mit Blumendruck in Delfter Blau. Am vergangenen Dienstag hast Du es überhastet ausgezogen und einfach in den Schrank gehängt, nachdem Du vom Treffen mit O. zurück warst. Nun holst Du es heraus. Vergräbst Dein Gesicht in den Volants aus Baumwollstoff. Es duftet so intensiv nach dem Eau de Toilette von O. dass es Dir fast körperlich weh tut. Nach Männlichkeit und Luxus riecht es. Nach Sehnsucht. Nach Begehren. Nach Stress. Nach Angst. Nach tiefer Traurigkeit. Und: Du glaubst wittern zu können, dass O. Dich immer noch will. Mehr noch: dass er Dich braucht. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich rieche Dich in meinem Kleid!“ O. antwortet direkt. „Was willst Du?“ fragt er. „Mit Dir in Verbindung sein!“ schreibst Du. „Auch Ficken?“ fragt O. „Doch, auch“ schreibst Du. „Gut, Schlampe!“ schreibt O. „Ich mach diese Woche einen Garten in der Innenstadt. Da kannst Du dann hinkommen und mir mein Arschloch lecken!“ – „Danke“ antwortest Du.

Montag, 15.9.2014. Wieder einmal darfst Du also aufatmen. Du bist zurück im Gespräch mit O. Hast Deine Verstoßung abgewendet. Die Gnade einer neuen Chance erwirkt. Natürlich wirst Du nun aus Deinen Fehlern lernen, denkst Du, während Du mit Deinem Rad durch die klare frühherbstliche Luft im Süden Deiner Stadt fährst. Du wirst es lernen, Deine eigenen Gefühle weniger wichtig zu nehmen und stattdessen die von O. zu respektieren. Du wirst ihn nicht mehr belästigen, vor allem nicht mehr nach einer erotischen Begegnung. Du wirst es lernen ihn in Ruhe zu lassen, ganz bestimmt. Du freust Dich jetzt sehr auf das Date im Garten in der Innenstadt, darauf, ihn bei seiner Arbeit zu beobachten und zu bewundern. Gerade als Du anfängst, Dir O.s Körper angeseilt in Klettergurten vorzustellen, piept Dein Handy. „Es klappt diese Woche nicht!“ schreibt O. „Die Kundschaft will dabei sein wenn ich den Garten mach!“ – „Ok“ schreibst Du. Die Luft ist nicht mehr ganz so klar als Du mit Deinem Rad nach Hause fährst.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Solitaire

1.9.2014 Dein Mann ist von seiner Reise zurück, die Tage Deines Alleinseins zu Hause sind vorbei. O. hat keinen Gebrauch gemacht von der Möglichkeit Dich nachts zu treffen, und auch geschrieben hat er Dir nicht mehr. Dabei schien es ihm ja vor kurzer Zeit noch so wichtig zu sein. Inzwischen aber wirkt es wie ein fern zurück liegender Traum dass er Dir täglich, stündlich schrieb, Dich intensiv begehrte, alles von Dir wissen wollte. Das Scheinwerferlicht der Auserwähltheit das er auf Dich warf, es scheint erloschen. Du fühlst Dich vergessen, im Abseits stehend. Schmerzliche Phantasien quälen Dich. Dass er eine andere Frau auf der Strasse kennengelernt hat, beispielsweise, ihr leidenschaftliche Sms sendet, es irgendwo mit ihr treibt, während Du verlassen da sitzst und vergeblich auf ein Zeichen von ihm wartest. Eine coolere, mutigere Frau als Du es bist, mit mehr zeitlichem Spielraum und wilderen Tattoos. Wieder einmal schämst Du Dich. Wieder bist Du unsicher und sehr allein.

2.9.2014 Du schämst Dich, weil es Dir offensichtlich nicht gelingt, O. über längere Zeit hinweg erotisch zu faszinieren. Du schämst Dich aber auch, weil Dein tiefes Mitempfinden mit dem Leiden seiner Mama ihn nicht erreicht. Normalerweise fällt es Dir nicht schwer, Worte und Gesten der Anteilnahme zu finden gegenüber jemandem dem es nicht gut geht. Im Fall von O., dessen Situation Dich stark berührt, fühlst Du Dich eigenartigerweise hilflos, ungeschickt und stumm. Den ganzen Nachmittag über suchst Du nach Worten mit denen Du ihn fragen könntest wie es ihm und seiner Famile geht, seiner Familie von der Du nichts weisst, aber es ist als ob Du die Sprache der Empathie verlernt hättest. Dir fällt einfach nichts ein. Alles was Du ihn fragen, ihm sagen möchtest, droht abzuprallen an der Schweigemauer die er um sich herum errichtet hat. Und so schweigst auch Du. 19h30. Du bist für einen Last-Minute-Einkauf im Drogeriemarkt. Dein Blick fällt auf ein Regal mit schwarzen halterlosen Strümpfen. Du kaufst ein Paar. Und Deine Hilflosigkeit ist weg.

3.9.2014 10h. Du bist für eine knappe Stunde allein zu Hause. Und Du hast einen Plan. Frisch geduscht, ins Handtuch gewickelt, sperrst Du Dich im Schlafzimmer ein. Holst das schwarze Netz-Top aus seinem Versteck und ziehst es an. Rückst es zurecht, so dass Deine Brustspitzen gut durch die Maschen zu sehen sind. Holst die halterlosen Strümpfe aus der Verpackung, betastest das glatte Material bevor Du sie Dir überstreifst. Schlüpfst in Deine schwarzen halbhohen Stiefeletten. Gehst ein paar Schritte im Zimmer auf und ab. Fühlst Dich verändert, verwandelt, in eine sinnliche, ihrer selbst gewisse Frau, die Du bisher nicht kanntest. Blickst ernst in die Selfie-Kamera von Deinem Handy. Kniest Dich aufs Bett, beugst Dich nach vorne, zoomst auf Deine Brust. Legst Dich hin, drückst Dein Kreuz durch, spreizst die Beine. Der Spitzensaum der Strümpfe bildet einen edlen Rahmen für das Jugendstil-Tattoo oberhalb Deiner rasierten Muschi. Du machst sehr viele, sehr interessante, sehr erotische Bilder …

4.9.2014 Vormittag. Du scrollst durch die neue Fotogalerie in Deinem Handy. Natürlich sind nur die erotischsten, geheimnisvollsten, intensivsten Bilder gut genug für O. Die, auf denen Deine Haut besonders glatt und weich erscheint. Die auf denen Du besonders herausfordernd posierst. Sieben Bilder wählst Du aus. Nur auf einem davon ist Dein Gesicht zu sehen. Die anderen zeigen das, was O. Deiner Vermutung nach am Liebsten sieht: Teilansichten eines Frauenkörpers, aufreizend gekleidet, partiell entblößt, namenlos, anspruchslos, verfügbar. Du schreibst: „Hoff Dir gehts gut“ und schickst sie ihm aufs Handy. Du atmest durch, Dein Herz klopft. 20 Sekunden später: Dein Plan geht auf. O. reagiert. „Du geile Schlampe!!! Du bist so ein Teufelsweib!!!!“ schreibt er. Zum ersten Mal seit Du ihn kennst fühlst Du Dich mächtig, ihm gegenüber. „Willst Du dass ich solche Strümpfe anhab wenn Du es mal wieder mit mir machst?“ fragst Du. „Ja Baby!!“ antwortet er. Und Du weisst: Ihr seid wieder voll auf Droge, Du und O.

5.9.2014 Alles ist gut. Das Eis ist gebrochen. Ihr habt nun wieder ein Thema, Du und O., etwas was Euch verbindet. Ihr überlegt gemeinsam, was mit schwarzen halterlosen Strümpfen anzufangen ist. „Babe, ich will dass Du solche Strümpfe unter Deiner Jeans trägst wenn Du mich mal wieder in dem Haus besuchst!!“ schreibt O. „Und dann reiss ich Dir die Jeans runter und fessel Deine Hände mit Frischhaltefolie ans Bett und schau mir Deine schönen Beine in den Strümpfen an während ich es mir besorge!!!! Du musst Dildo und Frischhaltefolie mitbringen wenn wir uns beim nächsten Mal sehen!!!“ Du bist sehr glücklich. Es gibt ein nächstes Mal. Eine Perspektive. Ein neues Date. Einen neuen Plan. „Natürlich, ich mach alles was Du willst!“ schreibst Du. „Hauptsache ich kann Dich sehen und etwas für Dich tun“ – „Babe, Du machst mehr für mich als ich mir je erträumt hab!!! schreibt O. „Du bist die beste Schlampe die ich mir vorstellen kann!“ – „Und Du der beste Gebieter“ antwortest Du. „Ich will nie mehr jemand anderem gehören!!“

6.9.2014 Es ist fast alles wieder so wie ganz am Anfang Eurer Freundschaft, in den magischen Tagen Eures Kennenlernens. O. entdeckt Dich völlig neu, als hätte er Dich gestern zum allerersten Mal gesehen, ist fasziniert von Dir, verzückt und hingerissen. Erneut dringt er mit vielen Fragen auf Dich ein. Fordernd. Fiebrig. Intensiv. „Was hast Du gedacht als ich Dich zum ersten Mal angesprochen hab? Was hättest Du gemacht wenn ich Deine Titten berührt hätte?“ will er wissen. „Haben Dich schon viele Typen angesprochen so wie ich?“ „Bist Du mit denen auch so schnell ins Bett gegangen wie mit mir?“ „Haben sie es Dir besser besorgt als ich?“ „Befriedige ich Dich ein wenig?“ – „Nicht nur ein wenig!“ antwortest Du. „Du bist der Lover meiner Träume den ich nie verlieren will!“ – „Oh Babe, ich will Dich auch nie verlieren!!“ textet er zurück. „Ich bitte Dich, wenn Du Zeit hast, schick mir ein paar schöne Sms! Schreib mir wie geil Du mich findest!!!“ Du überlegst. Denkst lange nach. In den Abendstunden setzst Du Dich hin und schreibst:

„Ich liebe Dich sehr. Du hast nur meinen Körper gewollt und dennoch meine Seele berührt. Du hast mir innerhalb von acht Wochen ungefähr sieben Mal mein Herz gebrochen. Hast mich aufgewühlt, erschüttert und erschreckt wie kein Mann vor Dir – und genau deshalb liebe ich Dich so!!!“ – „Ich finde Dich wunderschön! Dein Körper ist wie aus ganz glattem, kühlem, weissem Marmor. Du hast diese Traurigkeit und diesen Schmerz in Deinem Blick. Ich habe Dich noch kein einziges Mal lächeln sehen. Ich freue mich so auf den Tag an dem Du mir zum ersten Mal ein Lächeln schenkst.“ – „Ich liebe Deinen Hintern und Deine Beine in den beigen Bermudas. Ich liebe es Dich da zu küssen. Ich hoff dass ich es noch ganz oft tun darf. Ich liebe einfach alles an Dir!!“ – Lang kommt keine Antwort von O.. Du bist Dir nicht sicher ob Du den richtigen Ton getroffen hast. Je länger er schweigt, desto unruhiger wirst Du. Spät nachts kommt die Erlösung. „Danke Babe! Das ging ja runter wie Öl! Ich liebe Dich!!“ schreibt O.

7.9.2014 Vormittag. Du fährst mit dem Rad durch den grossen Wald der im Süden Deiner Stadt angrenzt und den Du schon seit Deiner Kindheit kennst. Es ist ein strahlend schöner Tag mit einer Vorahnung von Herbst. Spinnennetze mit Tautropfen glitzern im Sonnenlicht. O. hat Dir erhebende Dinge geschrieben in letzter Zeit. „Du bist ganz tief in meinem Herzen und in meinem Kopf!!!“ „Du bist wie aus meiner Phantasie entsprungen!“ „Ich brauche Dich! Du bist einfach perfekt für mich!!“ Als gäbe es keine Grenze zwischen ihm und Dir, denkst Du, als seist Du sein Geschöpf. Und sein emotionaler Doppelgänger, denn Deine Gefühle ihm gegenüber könntest Du mit identischen Worten beschreiben. Seelenverwandt? überlegst Du, während Du eine Linkskurve auf der Waldstrasse etwas zu rasant anfährst, Dein Fahrrad auf einem Teppich feuchter Blätter seitlich wegrutscht und Dich samt Deiner Tasche unter sich begräbt. Mit einer grossen Prellung am rechten Oberschenkel und zwei aufgeschürften Knien kommst Du nach Hause zurück.

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Literaturwissenschaftlerin

The Rim-Job

Samstag, 23.8.2014 9h. O. hat geschrieben, um 4h morgens: „Ich will Dich wissen lassen dass Du es heute in einem Haus mit mir machen könntest!“ „Oh gerne!“ schreibst Du rasch zurück. „Zu spät!!“ antwortet O. „Ich habs mir heute schon zweimal gemacht und bin jetzt nicht mehr geil!“ Mittags. „Wenn wir uns heute sehen, würdest Du dann Deinen Dildo mitbringen?“ fragt O. „Natürlich!“ schreibst Du. „Und was würdest Du anziehen?“ – „Jeans, weisses Top, schwarze Stiefeletten“ schreibst Du. „Babe, das ist mir aber nicht geil genug!“ antwortet O. Längeres Schweigen. Du resignierst. Da, eine neue Sms. „Kannst jetzt gleich kommen?“ – „Ich muss noch duschen!“ schreibst Du. „Beeil Dich, Schlampe!“ schreibt O., „Du solltest längst hier sein!!!“ 16h. O. erwartet Dich bei einer Parkbank ganz in der Nähe Eures bisherigen Treffpunkts. Blass, mit unbewegtem Gesicht schaut er zu, wie Du Dein Fahrrad absperrst, ohne Begrüßungskuss schiebt er Dich in den bereitstehenden Geländewagen. Es ist nur eine kurze Fahrt. Dann seid Ihr da.

O. parkt in der gleichen Garage, in der er Dich vor zwei Wochen im Auto so hart genommen hat. Diesmal aber lässt er Dich aussteigen und öffnet die Verbindungstür zum Haus. Du betrittst den Flur und empfindest ein diffuses, unerklärliches Gefühl von Fremdheit und Überwältigung. Der Einrichtungsstil ist von kalter Modernität. Geradlinige Formen, Monochrome Farbgebung. Gediegenste Materialien. Das Treppenhaus dominiert von breiten Stufen aus massivem Eichenholz, an den Wänden bis unters Dach dekoriert mit Bildern: Street Style. Urban Art. Dunkle Motive. Comics. Fratzen. Verletzte Gesichter. Augen, aus denen grellfarbige Tränen rinnen. „Ein Wahnsinnshaus!“ flüsterst Du und schlingst schutzsuchend die Arme um O.s Hals. „Leider nicht meins!“ antwortet er während er sich losmacht und Dich zu einer grossen, schwarzen Couch-Landschaft im Wohnzimmer schiebt, von der ein Teil mit einem weissen Leintuch abgedeckt ist.

„Jeans runter, Schlampe, und hinlegen!“ kommandiert O., während er sich auszieht und Dich seinen grossen, breiten Schwanz sehen lässt. Halb liegend zerrst Du Dir Deine Kleider vom Körper und spreizst gehorsam die Beine. O. spuckt präzise dazwischen und dringt direkt in Dich ein ohne Dich sonst irgendwie zu berühren. Wieder stösst er nur wenige Male heftig zu. Dann lässt er unvermittelt von Dir ab und geht aus dem Raum. Du bleibst reglos mit geöffneten Beinen liegen und horchst. Es ist totenstill um Dich herum, die Zeit scheint anzuhalten. Du beginnst zu frösteln. Ist er ganz gegangen? Lässt er Dich allein hier in dem fremden Haus? Was sollst Du tun? Gerade als Du Dich aufrichten willst kommt er zurück. „Bleib liegen, Schlampe! Zieh das an!“ sagt er und wirft Dir mit einer verächtlichen Handbewegung ein schwarzes Netz-Top in den Schoss. „Wo hast Deinen Dildo?“ fragt er, während Du Dir das Top überstreifst. „In meiner Tasche“ sagst Du und fängst an, hektisch darin herumzusuchen. „Steck ihn Dir rein! Machs Dir selber!“ herrscht O. Dich an. Du gehorchst. Legst Dich auf den Rücken, öffnest wieder die Beine, bewegst den Glasdildo so dass O. es gut sehen kann. „Du bist so eine geile Drecksau!“ sagt er während er sich über Dein Gesicht kniet.

Du siehst sein helles Gesäss, seine grossen Eier ganz nah über Dir. „So, und jetzt leck mein Arschloch, Du Schlampe!“ sagt O. Du lässt den Dildo los, greifst vorsichtig mit den Armen unter O.s Oberschenkeln hindurch um  sein Gesäss berühren zu können, ziehst seine Pobacken ein wenig auseinander, küsst und beisst sie ganz leicht links und rechts und arbeitest Dich dann mit der Zunge zum Rektum vor. Es fällt Dir sehr leicht. O. ist perfekt rasiert. Du leckst und küsst ihn hingebungsvoll, mit all der Liebe die Du für ihn in Dir hast. Es fühlt sich hell, glatt, zart und weich an. O. besorgt es sich mit einer Hand und bewegt mit der anderen den Glasdildo in Dir auf und ab. Du spürst wie er beginnt über Dir zu zucken, beschleunigst ein wenig die Bewegungen von Deiner Zunge und fühlst Sekunden später sein warmes Sperma auf Deinen Bauch klatschen. Du bist sehr, sehr glücklich. O. vertieft sich für einen Moment in den Anblick dessen was er auf Deinem Tattoo hinterlassen hat bevor er es sorgsam mit einem Kleenex abwischt. Dann mahnt er zur Eile.

Schnell raffst Du Deine Sachen zusammen, schlüpfst in Deine Kleider während er das Leintuch zusammen legt und mit konzentriertem Blick die Couch in die richtige Position zurück schiebt. Ohne weiteren Wortwechsel verlasst Ihr das Haus. O. bringt Dich im Auto zurück zu Deinem Fahrrad und entschwindet grusslos, noch bevor Du es entsperrt hast. Du stehst allein bei der Parkbank. Für Sekunden fühlt sich alles unwirklich an, wie nur geträumt. Existiert O.? Hast Du das alles gerade tatsächlich erlebt? Du schaust auf Dein Handy. 23 Minuten hat es gedauert. Es übersteigt Dein Fassungsvermögen. Innerlich zitternd, mit wackligen Knien steigst Du auf Dein Fahrrad und fährst heim. Spätabends erreicht Dich eine Sms: „Danke Kleine!!!! Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl Deine weiche Zunge an meinem Arschloch zu spüren!!! Küsse!!“ – „Ich hab es sehr gern gemacht!“ antwortest Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 28.8.2014 10h. Du verbringst eine ruhige Ferienwoche zusammen mit Deinem Sohn. Dein Mann ist verreist. Du hast O. geschrieben dass Du nachts oder frühmorgens problemlos für eine schnelle Nummer im Auto zu ihm herauskommen könntest, so wie er es ja schon ein paarmal gern von Dir gewollt hätte. Auch um vier Uhr morgens, der Tageszeit zu der er Deinem Eindruck nach besonders gerne chattet oder Sex hat. Aber das schien ihn nicht weiter zu interessieren, jedenfalls hast Du seit Deinem Rim-Job nichts mehr von ihm gehört. Nun schreibst Du einem Freund, den Du seit Deiner Schulzeit sehr gut kennst. Er ist Diplom-Psychologe, Suchtberater, und als solcher bestens bekannt mit Junkies, Trinkern und PC Spiel-Opfern. Ihm vertraust Du Deine jüngsten Erlebnisse an. „Du liebe Zeit!“ schreibt er, als er vom Blitz-Sex ohne Zärtlichkeit erfährt. „Der Typ muss ja eine absolute Scheiss-Kindheit gehabt haben! Den würd ich zu gern mal klinisch testen!“ Und dann: „Pass auf Dich auf Mädel! Ich denk der ist nicht ungefährlich!!“

Freitag, 29.8.2014 3h45. Du schläfst nackt unter Deiner leichten Sommerdecke. Wie in allen Nächten seitdem Dein Mann verreist ist, hast Du Dein Handy eingeschaltet ganz nah bei Dir, um erreichbar zu sein für O. Bisher hat er Dich noch nie geweckt. Nun aber piept es. „Guten Morgen Kleine“ schreibt O. „Bist Du wach?“ – „Sollbich rauskommen tu einem Autofick?“ schreibst Du und wühlst Dich in den Kissen zurecht. „Nein!“ antwortet er. „Schade“ schreibst Du. „Es wüdeso gut gehen grade!“ – „Ich hoffe Du bist nicht zu enttäuscht von mir!“ schreibt O. „Aber meine Ma hat Krebs!!!! Es sind jetzt ihre letzten Tage und dann hat sie es hoffentlich bald geschafft! Es betrifft Dich ja nicht aber ich wollte dass Du es weisst!“ Eine Vielzahl von Gefühlen flutet Dein verschlafenes Gehirn. Schock. Rührung. Mitleid. Tiefe Scham. Wie konntest Du ihn mit Deinen albernen Wünschen behelligen wenn er ein so schweres Problem zu meistern hat! „Vielen vielen Dank für Deine Offenheit!“ schreibst Du. „Ich versteh Dich jetzt viel besser. Bitte sag bescheid wenn ich was helfen kann!“ – „Danke, Kleine!“ schreibt O. Mehr nicht.

8h. Du bist wieder eingeschlafen nach dem Chat mit O., halb sitzend, das Kissen im Rücken, mit dem Handy im Schoss. Es war ein unruhiger Schlaf mit wirren Träumen von Krankenhausbetten und Infusionen. Nun, beim Aufstehen fühlst Du Dich auf eigenartige Weise angestrengt, zerschlagen, irgendwie ausgelaugt, als hätte ein dunkles Fabelwesen Dich besucht, ein Nachtmahr oder ein Vampir. Dabei bist Du ja eigentlich sehr glücklich. Denn, was O. heute Nacht geschrieben hat, ist es nicht ein wunderbarer Vertrauensbeweis? Heisst es nicht, dass er Dich einbezieht in diesen gerade besonders schwierigen Teil seines Lebens? Und dass er ein Mensch ist, sensibel, mit sehr tiefen Gefühlen? Aufgewühlt vom Sterben seiner Mutter? Du empfindest es als eine Art düsterer Auszeichnung ihm gerade jetzt begegnet zu sein. Und willst Dich dessen würdig erweisen. Unbedingt.

Sonntag, 31.8.2014 Nachmittag. Du sitzst im Garten. Buchs und Hecke sind gestern von einem hübschen jungen Mann mit braunen Locken zurück geschnitten worden. Während der Kaffeepause auf der Terasse erzählte er von seinem Beruf, vom Klettern auf Bäume und von extravaganten Gartenideen vermögender Kunden. Voller Interesse hattest Du ihm zugehört und dachtest dabei natürlich die ganze Zeit an O. Stelltest Dir vor wie es wäre wenn ER her käme um bei Dir im Garten zu arbeiten oder Du ihn irgendwo besuchen könntest, in einem verwilderten, verwunschenen Park. Du würdest mit dem Rad hinfahren, in einem leichten Sommerkleid und er würde in Arbeitshosen und mit nacktem Oberkörper von einer Leiter zu Dir herabsteigen um Liebe mit Dir zu machen, im Schatten irgendeines Buschs. Wunderschön wäre das, denkst Du. Natürlich würdest Du danach sofort aufstehen und gehen, ihn nicht behelligen mit dummen Fragen oder romantischen Ideen. Du würdest nur einfach seine Konkubine sein und hoffen dass Du damit sein Herz bewegst.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Into the Dark …

Samstag, 2.8.2014 Wieder bist Du früh am Morgen wach. Dein erster Gedanke gilt O. und seiner überstürzten Abreise aus der Stadt. Du willst ihm schöne Tage wünschen und ihm sagen dass Du Dich auf seine Rückkehr freust. Aber die Sms die Du ihm schreibst, scheint vollkommen ins Leere zu laufen, Du siehst sie förmlich in einem grossen schwarzen Loch verschwinden. Dein Handy fühlt sich tot an, irgendeiner Energie beraubt. Und in Dir breitet sich ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit aus. Er ist weg, gegangen. Unerreichbar, unauffindbar für Dich. Verschwunden für immer. Du bist in eine schreckliche Falle gelaufen. Hast nicht bemerkt als er sich gestern verabschiedete, dass es sein Trick war um Dich loszuwerden, Dich für immer allein zu lassen in dem Leben das Dir ohne ihn vollkommen leer und sinnlos erscheint.  Du fühlst Dich übertölpelt, ausgetrickst, der Lächerlichkeit preisgegeben. Du hast ihn wohl gelangweilt, nach wenigen Tagen, und nun hat er sich unter einem Vorwand davongestohlen. Du schämst Dich wie ein Kind.

Sonntag, 3.8.2014 Er ist also gegangen. Durch die Hintertür aus Deinem Leben geschlichen, genauso schnell und rücksichtslos wie er durch die Vordertür hereingestürmt ist. Du hast Mühe alles zu sortieren was an Gefühlen auf Dich einstürmt. Ihr habt Euch bisher ja nur Eure Vornamen gesagt und keine genaue Wohnadresse. Es schien geheimnisvoll und leicht, nun aber fühlt es sich brutal und grausam für Dich an. Du versuchst zu kämpfen. Er hat Dir gesagt dass er selbständig ist, im Garten- und Landschaftsbau, und in welchem Stadtviertel er wohnt und arbeitet. Also suchst Du im Internet und blätterst im Branchenbuch. Wieder und wieder. Aber leider, Du findest nichts. Es gibt keine Gartenbaufirma die auf O. passen würde. Du versuchst mit Hilfe der Telekom zu ermitteln, welcher Name zu der Handynummer gehört, unter der er Dir geschrieben hat. Kein Ergebnis. Der Besitzer des Handys hat diese Suchfunktion blockiert. Auf der Mailbox des Handys befindet sich auch keine persönliche Ansage. Du stehst mit leeren Händen da.

Montag, 4.8.2014 Du versuchst in Deinen Alltag zurückzukehren. Schließlich bist Du eine verheiratete Frau und hast einen Sohn im Teenageralter, der Deine Aufmerksamkeit braucht. Und die Sommerferien haben begonnen, normalerweise eine entspannte, schöne Zeit für Dich und ihn. Du unternimmst mit ihm zusammen eine kleine Fahrradtour. Sein fröhliches Geplauder während er neben Dir herfährt tut Dir gut und lenkt Dich ab. Aber auf Eurem Weg nach Hause müsst Ihr die Stelle passieren an der O. Dich vor elf Tagen ansprach. Schon hundert Meter davor befällt Dich eine schreckliche Beklemmung. Deine Hände werden feucht, Dein Herz rast, Du krümmst Dich über Deinem Fahrrad. Mit eingezogenem Kopf, ohne hinsehen zu können, fährst Du an der Marmorwand vorbei. Atmest auf als Du im Park dahinter ankommst. Und spürst: O. hat Dich im Innersten getroffen. Dies war kein harmloses Sommerabenteuer. Es war ein Angriff, ein Attentat, auf Deine Seele genauso wie auf Deinen Körper. Dieser Mann ist sehr gefährlich für Dich.

Dienstag, 5.8.2014 Du frühstückst. Immerhin hast Du nun Zeit nachzudenken, Zeit, Deine Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Mosaiksteine zusammenzusetzen. Diese vermeintlich so perfekte erotische Begegnung am 25. Juli, hatte sie nicht ein paar Schönheitsfehler? Du erinnerst Dich an Eure Gespräche im Auto während der Fahrt zur alten Villa. Charmant und locker war der Ton, Du fühltest Dich sehr wohl. Bloß schaute O. Dir während der Gespräche niemals ins Gesicht, sondern ließ nur ständig seine Blicke über Deinen Körper streifen. Einmal schob er unterm Fahren Deine Beine auseinander, mit einer harten, ungeduldigen, lieblosen Handbewegung. Unmittelbar nach dem Sex dann hattest Du Dich in seinen Arm kuscheln wollen. Unter vielen Küssen versuchtest Du zu sagen, dass Du noch nie beim ersten Mal mit einem Mann zum Orgasmus gekommen seist, so wie mit ihm gerade eben. Er aber schob Dich einfach von sich weg und sagte es sei zu riskant noch länger hierzubleiben und allerhöchste Zeit das Haus zu verlassen.

Dann die Rückfahrt im Auto. Wieder hattet Ihr entspannt geplaudert. Alles war gut. Aber als Du sagtest Ihr könntet Euch ja auch mal irgendwo zum Baden treffen, jetzt im Sommer, da hatte er Dich entsetzt, fast panisch angeschaut, als könne er sich nichts Absurderes vorstellen als mit Dir gemeinsam in einem See zu schwimmen. Verlegen lachend warst Du über die Peinlichkeit hinweg gegangen. Im Autoradio war Alternative Rock der 90er Jahre einprogrammiert, Pearl Jam, Nirvana, sogar REM. Aber so sehr Du genau diese Musik auch liebst, so wenig konntest Du mit ihm darüber sprechen, seltsamerweise. Und dann war Dir noch aufgefallen dass es keinerlei persönliche Gegenstände in dem Auto gab, die auf irgendeine Vorliebe, ein Hobby oder eine Beschäftigung hätten schließen lassen. Kein Maskottchen, kein Buch, kein Zettel, nichts. Auch sein Handy, auf dem er Dir so viel geschrieben hatte, war nirgendwo zu sehen. Das Auto war leergeräumt,  jeglicher Identität beraubt, es hatte keinerlei Wiedererkennungswert, und Du fragtest Dich warum.

Donnerstag, 7.8.2014 Du bist an einem mentalen Tiefpunkt. So sehr Du auch versuchst, Dich mit der Endgültigkeit der Lage abzufinden, so sehr Du Dich bemühst, den Blick nach vorne zu richten, etwas in Deinem Innneren sträubt sich mit aller Kraft dagegen. Du schreibst noch einmal eine Sms, anzüglich, provozierend, voller sexueller Angebote. Sie verschwindet im Nichts. Stunden später. Du brichst innerlich völlig zusammen. Tippst O.s Handynummer, sprichst auf die Mailbox, flehend, verzweifelt, unterwürfig. Redest davon, dass Du doch wenigstens eine Erklärung verdient hast und ähnliches dummes Zeug. Wiederum nichts. Alles was Du tust verschwindet in dieser absoluten Stille, die sich auch in Deinem Haus um Dich herum ausbreitet und jedes Geräusch zu schlucken oder mindestens zu dämpfen scheint. Wie durch einen Wattenebel bist Du von allem Anderen abgetrennt. Und O.s Verschwinden scheint auch all Deine anderen Freunde und Bekannten mit sich genommen zu haben. Niemand meldet sich. Niemand chattet mit Dir. Du bist allein.

Freitag, 8.8.2014 Spätnachmittag. Du bist ein wenig ruhiger heute. „Ok, er ist weg“, denkst Du. Es hätte eine tolle Zeit werden können mit Euch beiden. Selbst schuld wenn er sie nicht erleben will. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. Es ist O. „Hi Babe“, schreibt er, „willst es wieder machen?“ – „Heute nicht“ antwortest Du, während Dein Herzschlag für Sekunden aussetzt. „Dann schick mir Bilder!!“ fordert er. Wie ferngesteuert gehst Du ins Schlafzimmer und machst zwei Selfies für ihn. „Oh Babe, ich muss es heute noch mit Dir machen!! Deine Bilder sind schuld!!!“ schreibt er. 22h. Du stehst am gleichen Treffpunkt wie vor zwei Wochen. O. kommt mit dem Auto, nachlässig gekleidet in Shirt und Jogginghose. Mit ausdruckslosem Gesicht starrt er auf Deine Beine während Du einsteigst. Ein weisses Laken ist über den Beifahrersitz gebreitet. O. gibt keine Erklärungen ab. „Wir fahren jetzt schnell zur Garage von einem Freund“ sagt er, mehr nicht. Er bringt Dich zu einem ganz neu gebauten Stadthaus in einer ruhigen Seitenstrasse. Geräuschlos öffnet und schliesst sich ein vollautomatisches Garagentor. Du bist gefangen. O. legt seine Basecap ab und Du schlüpfst aus Deiner Jeans. „So, komm her Du Drecksau!“ sagt er und quetscht Deine Brüste mehrmals mit seinen großen Händen. Es tut sehr weh. „Du brauchst das!“ sagt er, während er die Jogginghose nur ein kleines Stück herunter zieht, sich in die rechte Innenhandfläche spuckt und mit einer provozierend langsamen Bewegung seinen Schwanz damit anfeuchtet. Du rutschst ihm auf dem Beifahrersitz entgegen und er kniet sich vor Dich und dringt hart und rücksichtslos in Dich ein. Während er zustösst krallt er eine Hand in Deine kurzen Haare und reisst Dir den Hinterkopf in den Nacken. Er küsst Dich so, dass Du seine sehr scharfen Zähne an Deiner  Zunge spürst. Deine Oberlippe platzt ein wenig auf. O. kniet sich nun rittlings vor Dich, so dass Du seine Handbewegungen gut sehen kannst. Unter verächtlichem Stöhnen besorgt er es sich selber und spritzt auf das Tattoo unter Deinem Bauchnabel. „Da, Schlampe“ sagt er und reicht Dir ein Papiertaschentuch. Wortlos bringt er Dich danach zum Treffpunkt zurück. Im Sonnenschutzspiegel siehst Du, dass Du blass und abgekämpft aussiehst und Deine Lippe blutet. „Also Kleine, steig aus, ich muss jetzt schlafen!“  sagt er zum Abschied. „Aber ich schreib Dir nachher noch was Liebes“. „Ciao“ sagst Du nur und machst die Autotür hinter Dir zu. Kurz bevor Du bei Dir daheim die Haustür aufsperrst bekommst Du eine Sms: „Das war heute unsere letzte Nummer, ich kann das nicht mehr dass ich meine Freundin mit Dir betrüge!!“ schreibt O. „Oh cool, dann bin ich froh dass wir es heute wenigstens nochmal hatten!“ antwortest Du. Und gehst erschöpft zu Bett.

Samstag, 9.8.2014 Vormittag. Du bist definitv NICHT Scarlett O` Hara, die nach der Vergewaltigung durch Rhett am nächsten Morgen taufrisch und belebt erwacht. Du fühlst Dich sandgestrahlt und zerschlagen. Erst gegen Abend kommst Du auf die Beine. Von O.? Natürlich nichts. Er hat ja mit Dir Schluss gemacht …

Sonntag, 10.8.2014 Spätnachmittag. Du suchst Entspannung in der Sauna. Im Freiluftbereich hast Du Dein Handy neben Dir. Es piept. „Was machst Du heute?“ fragt O. „Chillen!“ antwortest Du. „Mich von den Verletzungen erholen, die der Sex mit Dir hinterlassen hat!“ – „Schade!“ schreibt er. „Ich hätte Dich sonst gern gefickt!“

Montag, 11.8.2014 Alles ist ruhig. Nichts von O. Erneut versuchst Du, Deine Gedanken ein wenig zu ordnen. Er ist also zurück gekommen, zurück in Dein Leben. Darüber bist Du sehr, sehr froh, ja, es ist im Moment sogar das Allerwichtigste für Dich. Was aber stellt er seit seiner Rückkehr in Deinem Leben an? Hatte er nicht sein Herz prüfen, die Tiefe seiner Gefühle zu Dir ausloten wollen? Dir mitteilen wohin Eure Verbindung führen soll? Nichts dergleichen ist passiert. Und Du hast auch nichts Näheres über ihn erfahren. Nur körperliche Schmerzen hat er Dir nun tatsächlich zugefügt. So wie er es plante, bevor er so rätselhaft verschwand.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Out of the Blue …

Mittwoch, 23.7.2014, 14h. Es ist ein sonniger Nachmittag im Süden Deiner Stadt. Du bist unterwegs auf Deinem hellblauen Nostalgie-Fahrrad zur Schule Deines Sohnes. Du trägst Jeans, Sandalen und das blassrosa Empire-Top, in dem Du Dich so mädchenhaft und verletzlich fühlst. Die Rückenschleife aus braunem Rips flattert im Wind. Dein Handy piept. Sms. Du steigst ab und kauerst Dich in den Schatten der Hausfassade vor Dir um das Display zu lesen. Plötzlich ist jemand hinter Dir. Ein junger, kahlgeschorener, kräftiger Mann. Mit einem pechschwarzen Trekking-Rad. In blendend weißer Radsportkleidung. Er hat klare, schön geschnittene Gesichtszüge und streift Dich mit einem kühlen Blick aus grauen Augen. Er will mit Dir Kaffeetrinken, sagt er, in weicher, regionaler Sprachfärbung. Und verlangt Deine Handynummer. Du fühlst Dich auf eigenartige Weise gebannt. Und gibst sie ihm. Zwei Stunden später. Du bist wieder zu Hause. Er schreibt. Dein Empire-Top hat ihm gefallen, Dein tätowierter Rücken. „Du hast das gewisse Etwas, Babe!!!“ schreibt er und dass er Dich am Liebsten sofort jetzt treffen und ES mit Dir tun will. Er stellt Dir eigenartige Fragen. Ob Du Dir die Fingernägel lackierst. Ob Du erotische Dessous hast. Vor allem Catsuits. Nein, antwortest Du. Schließlich befiehlt er Dir, Dich in Dein Bett zu setzen und es Dir selbst zu machen. Du gehorchst, zu Deinem eigenen Erstaunen. Kommst heftig. Und weisst: Alles ist plötzlich anders als es gerade noch war.

Donnerstag, 24.7.2014 Vormittag. Dein neuer Bekannter schreibt. Er ist in der Stadt unterwegs und fragt nach Deiner Kleidergröße, um einen Rock und eine weisse Bluse für Dich zu kaufen. „Ich will schließlich dass Du geil ausschaust wenn ich es zum ersten Mal mit Dir mache!!! schreibt er. Du antwortest, dass Du ein schönes weites Sommerkleid hast, das sehr geeignet wäre für eine Nummer im Auto, so wie er sie momentan mit Dir plant. „Na gut, dann kaufe ich Dir eben nichts!“ schreibt er, spürbar enttäuscht. Wenige Minuten später jedoch voller Begeisterung: „Oh Babe, könntest Du dann morgen bitte gleich im Auto Dein Kleid hochtun damit ich Deine schönen Brüste berühren kann?“ Nachmittag. Weitere Fragen. Ob Du bereit bist es ohne Gummi mit ihm zu machen? Ob er auch IN Dir kommen darf? „Nicht so gern“ antwortest Du. „Oh Babe!!!“ schreibt er zurück, „Ich bin aber garantiert clean und Du doch auch!!“ Abend. Er plant, ES im leerstehenden Haus eines Freundes im Westen der Stadt mit Dir zu machen. „Ich will Dich endlich ficken!!!“ schreibt er. „Ich werde ganz vorsichtig in Dich eindringen und das wird ein unglaubliches Erlebnis für mich!!“ – „Ok!“ antwortest Du und gehst erschöpft zu Bett …

Freitag, 25.7.2014 10h. O. und Du seid verabredet in der Nähe einer U-Bahnstation im Südwesten der Stadt. Nur zehn Minuten von Deinem Zuhause entfernt. Ihr seid beide pünktlich. O. trägt weisse Chucks, hellbeige Bermudas und begrüßt Dich mit einem fordernden Kuss. Er schmeckt nach einem sehr starken Kaugummi und riecht nach einem erlesenen Herrenparfum. Mit einer Art Polizeigriff führt er Dich zu einem metallicbraunen Geländewagen und schubst Dich hinein. In der alten Villa geht alles sehr schnell. Schon im Treppenhaus fallt Ihr übereinander her. Er reisst Dir Dein Top herunter. Halbnackt schiebt er Dich nach oben, zu einem Klappbett in einem leeren Zimmer. O. beisst und leckt Deine Titten und küsst Dich zwischen den Beinen. Mit aller Kraft stemmst Du Dich gegen seine Zunge und kommst nach wenigen Sekunden. Dann zwingt er Deine Beine auseinander und dringt in Dich ein. ER, mit dem er in Dich eindringt ist sehr groß. Und vorne gekrümmt. O. stösst mehrmals heftig zu. Heftiger als alle Männer die Du vor ihm kanntest. Plötzlich aber hält er inne, steht auf und verlässt den Raum. Ein Geräusch hat ihn irritiert. Nach seltsam langgedehnten Minuten kehrt er wortlos zurück, kniet sich von hinten auf Dich, macht es sich mit wenigen Handbewegungen selber und entlädt sich stöhnend auf Deinen Rücken.

Samstag, 26.7.2014 Du erwachst früh, Bilder vor Augen. Der helle Körper. Genauso groß wie Du, aber muskulös und perfekt trainiert. Das Oberarmtattoo, ein Armreif mit Haken. Der kahlrasierte, schön geformte Hinterkopf. Die langen Wimpern, die umschatteten Augen. Der blasse Mund. Die schmerzverzerrt klingende Stimme die Dinge sagte wie „Ja, gibs mir, Du Drecksau!“ Gestern Abend schrieb er noch. Dass es wunderschön war und Du gut schlafen sollst. Du könntest nicht glücklicher sein. Früher Abend. Wetterwechsel. O. schreibt. Aber die Stimmung hat sich geändert. Er war offensichtlich nicht zufrieden mit der Begegnung von gestern. Fast so als ob er auf einem anderen Date gewesen wäre als Du. Du hättest ihn „nichts machen“ lassen, schreibt er, und Einiges von dem, was Du im Auto über Dich erzählt hast, käme ihm erfunden vor. Du versuchst die Misverständnisse zu klären. Umsonst. „Ich denke es ist besser wenn wir uns nicht wiedersehen!!“ textet er. Zutiefst getroffen formulierst Du eine Abschieds-Sms. Sie bleibt ohne Antwort. Geschockt gehst Du zu Bett.

Sonntag, 27.7.2014 Du verbringst eine unruhige Nacht. Kämpfst mit wilden, widerstreitenden Gefühlen. Hier noch Reste der Euphorie über das Sex-Abenteuer vom Freitag, die erotischste, aufregendste Begegnung Deines Lebens die es zweifellos war. Dort die Sehnsucht nach dem Körper, der Stimme, der Person, die Dich so im Sturm erobert, so gefangen genommen und gefesselt hat wie nie jemand zuvor. Und da der Schmerz über die kalte Ablehnung, ja Verachtung, die Dir plötzlich von seiner Seite so brutal entgegenschlug. Nie hat jemand Dich so absolut gewollt, so vollkommen begehrt wie er – aber auch nie hat jemand Dich so fallen gelassen. Innerhalb von drei Tagen. Es schüttelt Dich, Du frierst. Frühmorgens. Dein Handy piept. Ungläubig starrst Du drauf.  „Willst dass ich Dich nochmal ficke?“ schreibt er. „Ja!!“ antwortest Du, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Und so beginnt sie, Deine Sucht.

Montag, 28.7.2014 Du bist glücklich über O.s Sinneswandel. Was immer auch ihn dazu gebracht hat, Dich so kurz nach Eurem aufregenden Zusammensein  beinahe zu verstossen – Du bist entschlossen, ihm nie wieder Grund zu geben an Dir, Deiner Ehrlichkeit, der Tiefe Deiner Gefühle zu zweifeln. Er soll spüren dass Du seines Vertrauens würdig bist. Und so beantwortest Du all die vielen Fragen, die er Dir auch heute wieder per Sms stellt, sehr ausführlich, detailliert und wahrheitsgetreu, fast so, als ob Du Dich im Kreuzverhör eines amerikanischen Gerichts befändest. Er möchte alles von Dir wissen. Mit wie vielen Männern hast Du bisher in Deinem Leben geschlafen? Wie oft, auf welche Weise? Wie haben sie ausgesehen, wie groß war ihr Schwanz und was haben sie alles mit Dir machen dürfen? Hast Du auch mal mit mehreren gleichzeitig? Wie bist Du am Besten zum Orgasmus gekommen? Durch Lecken, Reiten oder durch was sonst? „Schreib es mir, Babe!“ fordert er, schreib es ganz genau!! Ich weiss ja eh dass Du eine Nutte bist!!“

Dienstag, 29.7.2014 Die Befragungen gehen weiter. Heute möchte O. wissen wozu Du mit ihm bereit wärst, wie weit er mit Dir gehen könnte, sexuell. Ob Du bereit wärst, Dich fesseln, knebeln oder schlagen zu lassen? Ob er Dich filmen darf, während Du es Dir selbst machst? Ob Du ES mit einem anderen Mann tun würdest, während er zuschaut? Vielleicht sogar mit mehreren?  Ja, er habe einige Freunde, die sofort bei so etwas mitmachen würden, schreibt er. „Und sie würden Dir mit Sicherheit auch jeder 60 Euro geben!!“ Die Fragen quälen Dich, sie tun Dir weh, die letzte ganz besonders. Du wünschst Dir ja eigentlich nichts sehnlicher, als ihn wiederzusehen, Dich an ihn zu klammern, während er tief, tief in Dir drinnen kommt. Ein neues Date, so wie das Erste war. Um das zu erreichen, beantwortest Du all seine Fragen mit „Ja“. „Oh Babe“, schreibt er, „sowas wie Dich hab ich schon lange gesucht!! Du wirst mein Sex-Spielzeug sein!! Ich werde Dir weh tun und Dich erniedrigen dass Du Deine wahre Freude dran hast!!!“.

Mittwoch, 30.7.2014 Vormittags keine Nachricht von O. Die Stille fühlt sich sehr ungewohnt an. Einerseits bist Du dankbar für eine kleine Atempause, eine Chance zum Nachdenken. Andererseits machen sich Unsicherheit und Verlustangst breit. Hast Du ihm etwas Verletzendes geschrieben? Ist er enttäuscht von Dir? Begehrt er Dich nicht mehr,  jetzt wo er so viel von Dir weiss? Die Fragen kreisen unaufhörlich in Deinem Kopf, verhindern Erholung und klares Denken. Du willst ihn nicht verlieren … Nachmittag. Lastende Schwüle. Diffuses, schmutziges Licht. Du bist müde. Alles in Dir und um Dich herum fühlt sich leer und bedeutungslos an, auf eine Art, die Du bisher nicht kanntest. Du versucht Dich an den Gedanken zu gewöhnen dass es einfach ein verrückter Sommer-ONS war, nicht mehr, nicht weniger. Da piept Dein Handy.  „Schick mir ein Bild von Deinem Gesicht!!“ schreibt O. „Ich will es mir heute noch machen und Dein Gesicht dabei anschauen!“ Du gehorchst. Antwort kommt keine mehr zurück.

Donnerstag, 31.7.2014 O. meldet sich am Vormittag. Teilt mit, dass er Dich morgen gegen 10h treffen möchte. Du freust Dich, obwohl die Sms in sehr kühlem Ton gehalten ist. Bestimmt wird alles gut wenn Ihr Euch wiederseht und direkt miteinander sprechen könnt, denkst Du. Am Nachmittag kommt unvermutet ein einzelnder Satz: „Du musst wissen dass ich Gefühle für Dich habe!!!“ schreibt er. „Das ist doch schön, ich für Dich auch!“ antwortest Du. Schweigen. Abends. O. entwirft verschiedene Szenarien für gemeinsame „Ficks“. Es ist ihm wichtig Dein Stöhnen zu hören und zu sehen wie es Dir kommt, während er Dich nimmt. Du versprichst, dass Du ihm nichts vorenthalten wirst. Aber das genügt ihm nicht. Du bietest im an, ES Dir irgendwann mal vor seinen Augen mit Deinem Glasdildo zu besorgen. Die Idee gefällt ihm. „Mach es jetzt gleich und schick mir Bilder davon, Baby!!“ schreibt er. „Ich will es sehen!!“ Dazu seist Du jetzt aber nicht bereit, antwortest Du. Und er? „Babe, wenn schon das zuviel für Dich ist dann müssen wir es beenden!! Ich kann keine Schlampe brauchen die zickt!!!“

Freitag, 1.8.2014 Regenwetter. Du erwachst früh, nervös und beklommen. Du versuchst Dir vorzustellen wie es sein wird, wenn Du O. in zwei Stunden wiedersiehst, ihn, den Mann der Dich nun seit Tagen in Atem hält, fordert und beschäftigt wie keiner zuvor. Du hast Mühe seine Gesichtszüge genau zu erinnern. Gut dass Du ihn gleich treffen wirst! Da piept Dein Handy. „Ich komm nicht rechtzeitig von der Arbeit weg!“ schreibt er. Sonst nichts. Du sinkst in Dich zusammen. Enttäuschung mischt sich mit einer gewissen Erleichterung. Abend: O. schreibt. Er wird für ein paar Tage verreisen, teilt er Dir in kühlen Worten mit. Dann, im Nachsatz: „Der Grund warum ich fahre bist Du!! Bin dabei mich total in Dich zu verlieben, drehe durch!!!“ – „Bitte tu es mir nicht an dass ich Dich niemals wiedersehe!“ schreibst Du, während sich etwas in Dir zusammenkrampft. „Das werde ich nicht tun!“ antwortet er. „Mit Dir machen will ich es noch ganz ganz oft! Aber ich muss erst mein Herz prüfen wie tief meine Gefühle für Dich wirklich sind!!!“

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