„Love itself was gone“ (Leonard Cohen)

Deine eigene vorbehaltlose Liebe. So, wie Du sie vom ersten Moment an empfandest für O. in all seiner Gebrochenheit – sie kehrt nach diesem Tag im April 2016 nie wieder zurück in Dein Herz. Nie wieder kehrt sie zurück. Nicht am 3. Juni 2016, als O. gegen 9h mit seinem Fahrrad im Licht des jungen Tages am Vorgartentürchen Deines Hauss erscheint. Sturm läutet. Und Du ihn vom Fenster des kleinen Waschraums im ersten Stock herab beobachtest. Und, anstatt Hals über Kopf nach unten zu eilen und Dich ihm entgegen zu werfen, kühl registrierst, dass O.s vornehme Blässe ins Cholerisch-Violette changiert, als ihm klar wird, dass Du nicht öffnen wirst. Die Liebe kehrt auch nicht zurück, als Du zwei Tage später einen handgeschriebenen Zettel aus Deinem Briefkasten fischst. Auf dem O. seine Handynummer notiert hat und anbietet, erneut die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. In steil gekritzelten Buchstaben, die, Du wunderst Dich selbst, nicht die leiseste Resonanz oder Regung von Sehnsucht in Dir hervorrufen.

Und auch als Du weitere zwei Tage später unter O.s Sturmlauf auf Dein Handy zusammenbrichst. Weil Du es einfach nicht mehr schaffst, seinen gefühlt tausendsten Anruf unter verdeckter Nummer zu ignorieren. Und nach einem kurzen, hektischen Wortwechsel einwilligst, Dich mit ihm für ein „letztes“ Gespräch zu treffen. Auch dann kehrt Deine grosse, unbedingte Liebe von einst nicht wieder zurück. Bei dieser Begegnung, nachmittags, am Rande eines Brachfeldes zwischen Friedhof, Waldgastsstätte und Wertstoffhof gleitest Du vielmehr in einen leicht dissosziativen Zustand, als Du O. zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten wieder erblickst. Du fragst Dich, während Du vom Fahrrad steigst und auf ihn zugehst, was Du eigentlich mit diesem bleichen, kahlgeschorenen Mann zu tun hast, der da breitbeinig, kaugummikauend, mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten des Unterholzes auf Dich wartet. Die Augen hinter einer riesigen, grau getönten Design-Sonnenbrille verborgen. Discotürstehermässig. In Spanner-Manier.

Und als dieser Dir sehr fremd und gar nicht sympathisch erscheinende Mann Dich an jenem Nachmittag zur Begrüßung einfach nur bei deinen Schultern packt. Und so grob zu sich herzieht, dass Du befürchtest, die Träger Deines Empire-Tops könnten reissen. Da verwandelt sich ein Teil deines Bewusstseins in eine Art kleinen Vogel. Er schwingt sich auf einen der hohen, dunklen, umstehenden Bäume. Und sieht aus dieser sicheren Entfernung dabei zu, wie der Brutalmacho im jagdgrünen Leinenhemd und in den hellbeigen Cargo-Bermudas Dich unten herumschubst. Er sieht, wie Du erst gegen die Lehne einer Parkbank und dann gegen den Stamm einer Buche gedrängt wirst, so dass O. Dir von hinten in den Schritt fassen und versaute Dinge ins Ohr sagen kann. Dass Du eine geile Schlampe bist die es bracht, beispielsweise. Der kleine Vogel hört auch, dass O. von Dir verlangt, ihm Verschiedenes nachzusprechen. „Ich will nur Dich!“ sollst Du unter Anderem skandieren. „Gehirnwäsche“ denkt der kleine Vogel auf seinem Baum.

Der andere Teil Deines Bewusstseins. Der, der auf der Erde verblieb. In Deinem Körper. In physischer Nähe zu O. Er ist damit beschäftigt sich zu orientieren. Im Chaos dessen, was O. da auf der Stadtwaldbrache mit Dir anstellt. Was er als „Versöhnung“, „Aussprache“, „Wiedersehen“ oder „Zurückgewinnen“ verstanden wissen möchte. Und was doch nichts Anderes als Nötigung ist. Drangsal. Die Anwendung von Zwang. Das Ausüben von Druck. Berserkerhaftes Gezerre. Umarmungen von hinten, die Würgegriffen gleichen. Bisse statt Küssen. Kneifen statt Streicheln. Zwicken. Quetschen. Wehtun. Einfach nur Wehtun. Das ist alles, was O. kann, stellst Du fest, während Du versuchst, aus seinem bleichen, viel zu glatten Gesicht und aus den Worthülsen, die er auf Dich niederprasseln lässt, einen Hauch von Authentizität, einen Funken von Gefühl, von Zuneigung zu Dir herauszulesen. Aber. Da ist nichts, stellst Du fest. Keine Liebe, nirgends. Nicht bei O. Und nicht bei Dir. Und trotzdem. Trotzdem holt er Dich wieder zu sich zurück.

O. redet sehr viel, an diesem Nachmittag, Anfang Juni 2016, auf der Stadtwaldwiese. Dass er Dich braucht. Und Du ihn, vor allem. Dass es Euch zueinander zieht. Ihn zu Dir und Dich zu ihm. Dass man nichts machen könne, dagegen. ES stärker sei als er und Du. Er, O., habe das akzeptiert. Und deshalb in der vergangenen Woche bei Dir geklingelt. Und dann den Zettel bei Dir eingeworfen. Was er noch nie, wirklich nie zuvor in einer vergleichbaren Situation bei einer anderen Frau je getan hätte. Ein fratziges Lächeln huscht an dieser Stelle über sein Gesicht. Er versucht, es zu unterdrücken. Dann redet er weiter. Von Schiksal, Zusammengehören und ewigem Aufeinander-geil-sein. „Und, wie geht’s der Krebskranken?“ wirfst Du zwischendurch ein wenig schnippisch ein. „Welche Krebskranke?“ fragt O. irritiert zurück. „Die eine“ antwortest Du. „Ach die!“ ruft er mit wegwerfender Geste. „Du, keine Ahnung. Und jetzt hol mal dein Handy! Dann machen wir ein schönes Selfie und schalten mich auf Whatsapp frei, ok?“

Du starrst O. für Sekunden ungläubig an, bevor Du gehorsam zu Deinem Fahrrad gehst um das Smartphone aus Deiner Tasche zu holen. Die schwerkranke Frau. Deren Bild Du noch immer in Deinem Handy hast. Und es fast täglich betrachtest. Die Frau, die er draussen vor den Toren Eurer Stadt besuchen wollte um zärtlich zu ihr zu sein. Es ist, als sei sie eine reine Fiktion von Dir. Als hätte sie nie existiert. Bei Dir. In Deinem Herzen mag ihre Geschichte Spuren hinterlassen, Dinge verändert haben. Nicht aber bei O. Was immer er auch mit ihr erlebt haben mag. Es ist gelöscht. Für IHN hat es keine Bedeutung mehr. Nicht jetzt, in dieser Sekunde wo es ihm um Dich geht. Diese arme, elende Frau. Sie könnte toter nicht sein, denkst Du schaudernd, während Du mit hochgezogenen Schultern zu Deinem Fahrrad gehst. Ein Teil von ihr starb lang vor ihrem möglichen Krebstod indem sie hineingeriet in das gnadenlose, alles verschlingende Missbrauchssystem von O. Dem DU, das schwörst Du Dir, entrinnen WIRST.

Natürlich kommt es nach diesem Treffen im Stadtwald wieder zu sexuellen Begegnungen zwischen O. und Dir. Am Freitag, den 17. Juni beispielsweise. Gegen 19h, Du bist gerade im Begriff zum Opening der Kunstausstellung einer Schulfreundin aufzubrechen, schreibt O. Dich an. Ob Du schnell vorbeikommen könntest? Du kannst. Und als O. Dich auf der schwarzen XL-Couch in seinem komplett abgedunkelten Wohnzimmer mit heftigen Stößen von vorne nimmt und dabei „Ich-halts-ohne-dich-nicht-aus“ hervorpresst, da erscheint er Dir für die Dauer eines Nano-Augenblicks verletzlich und gleichzeitig machtvoll wie eh und je. Dann aber schließt sich der Firnis über Deiner Seele. Und während Du mit neuer, bislang ungekannter Routine Deinen Rim-Job für O. erledigst, bemerkst Du, dass die Düsternis im Raum sich NICHT mit schimmernden Aureolen anreichert. So wie sonst. Etwas ganz Bestimmtes ist unwiderruflich vorbei. Magische Dates mit Trancezuständen. Mit Bildern aus den Tiefenschichten Deiner Kindheit. Vorbei.

Anfang August 2016 verreisen dein Mann und Dein Sohn wieder für einige Wochen auf die Ferieninsel im Thyrennischen Meer. Du selbst kannst am 26.8. dabei beobachtet werden, wie Du sehr früh am Morgen das Haus verlässt und mit dem Rad Richtung Innenstadt fährst. Nicht zum Haus von O. Dein Ziel ist ein anderes, an diesem Tag. Es hat jedoch mit O. zu tun. Hauptbahnhof, Säulenhalle. Von dort ca. 40 Kilometer mit der S-Bahn nordostwärts. Zur Grossen Kreisstadt im Einzugsgebiet des internationalen Verkehrsflughafens. Das Fahrrad nimmst Du natürlich mit. Denn: Du willst ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Eine Reise in die Vergangenheit willst Du machen, in die Kindheitswelt von O. Du möchtest mit dem Rad das kleine Dorf erreichen, in dem er vor 45 Jahren zusammen mit seinen Brüdern aufwuchs. Das Dorf, in dem er die Dinge erlebte, die ihn so werden liessen wie er heute ist: ein schöner, begabter, jedoch innerlich zutiefst verletzter, und deshalb andere schädigender Mann.

Die S-Bahn schaukelt Dich durch eine sanfthügelige, weite Landschaft, in der sich Maisfeld an Maisfeld bis zum Horizont zu reihen scheint. Etwas von der Klarheit dieser Gegend trägt O. in sich, dessen bist Du sicher, während Du durch die Sonnenlichtkringel in den Zugfenstern schaust. Das Offen- und Frei-Erscheinende. Die Helligkeit seines Körpers. Das Verwegene seiner Gedanken und Phantasien. Das findest Du dort draussen wieder. Aber irgendwo in der Weitläufigkeit dieser Maisfelder ging auch O.s Seele verloren, damals, als er Kind war und von seinem Vater gedemütigt und von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. Systematisch, über Jahre hinweg. In einer Zeit, als es noch kein kollektives Bewusstsein für das Leiden missbrauchter Kinder, kein Schutzprogramm für dysfunktionale, eskalierende Familien gab. Und jemand wie O. auf sich selbst gestellt war. Du fühlst ein stummes Weinen tief in Dir, während sich die S-Bahn ihrem Endziel nähert. Du trauerst heftig um die verlorene Seele von O.

Im Zentrum der Grossen Kreisstadt suchst Du Dir erstmal ein hübsches Frühstücks-Café. Nachdem Deine Aufgewühltheit sich ein wenig gelegt hat, orientierst Du Dich mit dem Handy und findest rasch die Fahrradroute zum Heimatdorf von O. Sie verläuft zunächst entlang am ruhigen Fliessgewässer der Region und führt dann über kurvige Landstrassen bergauf. Nach gut 45 Minuten erreichst Du den Ort, an dem sich so viele Deiner Emotionen bündeln. Du atmest kurz durch, bevor Du es wagst, das Dorfnamensschild zu passieren. Dann streifst Du ein wenig mit dem Fahrrad durch die Strassen. Das Dorflädchen? In dem O. und seine Brüder täglichem Sauberkeitsdrill ausgesetzt waren? Das Haus? In dem ihr Vater sie schlug? Und ihre Mutter vergewaltigte, ohne dass jemand etwas dagegen unternahm? Keines der reinlichen Gebäude ringsum im Dorf scheint davon zu künden. Im Gegenteil. Du fühlst trotzige Verschlossenheit. O.s Herkunftsort möchte sich NICHT erinnern an das, was hier vor 45 Jahren mit Kindern geschah.

Inzwischen wird hier ganz besonders viel für kleine Erdenbürger getan. Es gibt sowohl ein offen und hell ausgestattetes Kinderhaus als auch einen liebevoll gestalteten Pfarrkindergarten im Schutze der Dorfkirche. „Zu spät für O.“ denkst Du, während Du das Fahrrad abstellst und durch den seitlichen Kirchenzugang hinaus auf den umliegenden kleinen Friedhof trittst. Du lässt deinen Blick über schmiedeiserne Kreuze und beige und ockerfarbig gehaltene Gedenksteine schweifen bevor Du beginnst, die einzelnen Gräberreihen abzuschreiten. Bald hast Du gefunden wonach Du suchst. Vorne. Nah an der Friedhofsmauer ist ein Grabstein dunkler als alle anderen. Als Du näher kommst, liest Du den Namen und die Lebensdaten der Mutter von O. „Im Kreuz ist Heil“ steht noch da, in blattgoldenen Lettern auf dunkelbraun-weiss marmoriertem Grund. Aber, seltsam. Nichts, wirklich nichts von dem, was Du da siehst berührt in irgendeiner Weise Dein Herz. In Deinem Kopf formen sich nur zwei klare Worte, während Du fröstelnd da stehst. „KEINE LIEBE“ denkst Du. „KEINE LIEBE“.

Thousandfold

O.s tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir zeigt sich am Mittwoch den 15. März 2016 zunächst einfach nur in einem besonders harten Beischlafprogramm. Ohne die wortreich im Chat beschworenen Zärtlichkeiten. Dafür mit Kratzspuren auf Deinem Rücken. Mit einer weissen Netzstrumpfhose, die sich bald nur noch in streifigen Fetzen um Deine Fussknöchel ringelt. Mit Schubsern. Mit Stössen. Mit unbarmherzigen Griffen. Mit heiser und fremd hervorgestöhnten Worten, die in einem verzerrten Lachen untergehen, während O. Dich frontal auf dem Wohnzimmersofa nimmt. „Es war so geil dich zu schlagen!!!“ hörst Du es aus ihm herausbrechen. „Ich hab beim Wichsen am nächsten Tag dauernd dran gedacht!!!“ Besonders deutlich zeigt sich O.s tausendfach stärker gewordene Liebe an diesem Tag jedoch in dem Geschenk, das er Dir eindringlich lächelnd überreicht, bevor er geht. Eine Design-Papiertüte mit signalroter Hochglanzbeschichtung. Darin: 50.- Euro. Sowie ein schneeweisses und ein pechschwarzes Marken-Herrenhemd.

Nur Stunden später, als Du in Deine Wolldecke gehüllt auf der Couch sitzst und versuchst, Dich von O.s Besuch ein wenig zu erholen, zeigt sich seine tausendfach stärker gewordene Liebe erneut. „Passen die Hemden?“ schreibt er um 17.43h. „Ich hab sie ganz ordentlich zusammengefaltet und versteckt!“ antwortest Du. Aufgestört von O.s Bruch mit seinen sonstigen postkoitalen Gepflogenheiten. „Ich zieh sie morgen an für Bilder. Sie passen bestimmt!“ O. schweigt. „Vielen vielen Dank dass Du hier warst!“ tippst Du mit zittrigen Fingern. O. antwortet nicht. Sein Schweigen reißt Dir das Herz auf. Und all Deine mühsam gebändigten Gefühle brechen daraus hervor. „Weisst Du eigentlich“ tippst Du, „dass es nur eine einzige Erfahrung für mich gibt die vergleichbar ist mit dem was ich durch Dich erlebe? Die Geburt von meinem Sohn. Dieser Moment in dem ich dachte dass ich sterbe – den fühle ich sehr oft mit Dir. Und deshalb brauche ich Dich so!“ O. antwortet um 21.47h. „Hey. Bin sprachlos!“ schreibt er.

Natürlich machst Du sehr viele Bilder für O. in den Tagen und Wochen nach diesem Date. Nahezu täglich kniest oder liegst Du im Schlafzimmer auf Deinem Bett, verdrehst und verrenkst Dich in immer neue Positionen, lächelst kokett oder blickst sehnsuchtsvoll in die Selfiekamera Deines Handys und fotografierst Deinen Körper in den Extremfarben Schwarz oder Weiss. Im Licht der Spaltung. Im Kolorit der Borderlinepersönlichkeit, das keine Schattierungen, keine Nuancen kennt. Im Reich der tiefsten Schwärze und der strahlendsten Helligkeit. Über das alleine O. gebietet und entscheidet, zu welcher Sphäre Du gerade gehörst. Zu O.s 47. Geburtstag Anfang April trägst Du das weisse Herrenhemd über dem schwarzen und fotografierst es zusammen mit weissen, halterlosen Strümpfen und schwarzen, perlenbesetzten Schuhen. O. ist begeistert als Du ihm die Bilder in den ganz frühen Morgenstunden sendest. „Danke mein wunderbares Goldstück!“ schreibt er. „Noch nie hat eine Frau mich so glücklich gemacht wie Du!“

Seine tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir via Whatsapp zu beschwören – dessen wird O. nicht müde in den Vorfrühlingswochen des Jahres 2016. Frühmorgens. Nachts. Tiefnachts. Und wieder frühmorgens besingt er die Intensität Eurer Verbindung. Mit ungebremstem Pathos. Hemmungslos. „Wir beide haben zueinander finden MÜSSEN!!! tippt er beispielsweise am 9. April 2016 um 3.55h. „Du und ich … das ist Perfektion!!!“ – „Ja!“ antwortest Du schlaftrunken mit dem Handy unter der Bettdecke. „Ich liebe dich über alles!!!“ schwelgt O. weiter. „Sowas geiles wie dich… hätte nie gedacht das es so etwas gibt!!!“ Du suchst nach Worten. „Bin wohl für Dich bestimmt!“ tippst Du dann. „Ja Babe!“ antwortet O. „Du bist einfach mit Worten nicht zu beschreiben!!! Und die zukünftigen gemeinsamen sexuellen Erlebnisse werden unsere intime Verbundenheit NOCH stärker werden lassen!!! Ich kann es jetzt schon kaum mehr erwarten das ich dir endlich deine Haare abrasieren darf!!!“ In diesem Ton geht es Nacht für Nacht …

So könntest Du also sehr glücklich sein in dieser Zeit im Frühjahr 2016. Könntest Dich geliebt und umsorgt fühlen. Gebadet in der immer wieder neu bekundeten tausendfach stärker gewordenen Liebe von O. Jedoch. Im Lauf der Wochen erlischt der magische Glanz von dem, was er Dir anbietet und schreibt. Und fühlt sich nur noch fadenscheinig und banal an. Unecht. Lieblos. Trotz aller Beteuerungen. Kurze Dates. Schnelle Ficks. Irgendwo zwischen Dunkel und Geröll. Rumfummeln in der Garage während Lolo schläft. Kurz Küssen im Auto. Unterm Mantel bei der Parkbank Deine Brüste spüren. Quicki-Modus. Auf nen Stoss vorbeikommen. Das ist die erotische Nomenklatur von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe bei Tag. Genauso wie der Ton seiner Absagen wenn die Verabredung an Alltagswidrigkeiten scheitert. Leider kein Glück. Hätte Dich gerne von hinten genommen. Aber Lolo hat Lymphknotenmassage und will das ich sie begleite. Freunde kommen. Wir schauen fern. Schade. Ja wirklich, denkst Du. SEHR schade.

Du bestellst einen neuen Catsuit im Internet. Signalrot. Mit Spaghettiträgern. Gekreuzten Bändern über der Brust und Cut-Outs im Taillenbereich. Du trägst ihn zusammen mit den signalroten Highheels und dem Statement-Collier aus glitzernden Fake-Türkis-Steinen. Und machst am 12. April 2016 viele Bilder von diesem Outfit für O. Um den Grauschleier zu zerreissen, der seit Wochen über allem liegt, was Du fühlst und tust. Um gegen die Lähmung, das Gefühl der inneren Ausgehöhltheit vorzugehen, das Dich seit Tagen beherrscht. Vor allem seitdem Du bemerkt hast, dass O. rund um die Uhr online ist. Nahezu pausenlos jemandem schreibt. Während er Dich, die er bekanntlich mit tausendfach stärker gewordener Intensität liebt, floskelhaft abfertigt. Die heiteren, frühlingshaften Farben stehen Dir gut. Auf den Bildern ist nicht zu erkennen, wie blass und traurig Du in Wirklichkeit aussiehst. Gegen Abend schickst Du sie O. „Geil!“ antwortet er. Und setzt seine anderen Chats fort. Bis tief in die Nacht.

Du weisst, dass Du cool sein und einfach drüber stehen solltest. Dich abwenden. Andere Dinge tun. Aber Du bist viel zu sehr gefangen im Netz der Sehnsüchte und der trügerischen Hoffnungen, in das die nächtlichen Chats mit O. Dich eingewoben haben. Du kannst den ganzen Abend lang nichts anderes tun, als mit pochendem Herzen aufs Handy zu starren und O.s Online-Aktivität zu beobachten. Wie paralysiert. Wie ein dressiertes Tier. Stundenlang. Als der Online-Schriftzug weit nach Mitternacht endlich erlischt, schämst Du Dich vor Dir selbst für das erbärmliche Wesen was aus Dir geworden ist. Jedoch: Schlimmer geht immer. Nachdem Du nämlich ein wenig gewartet hast, um sicher zu sein, dass O. nicht nochmal auf Whatsapp zurückkehrt, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Ich muss Dir was sagen. Es tut mir total weh wenn ich sehe dass Du mit wem anderen so viel chattest. Ich denke dann immer dass Du einer anderen Frau ganz tolle liebevolle Sachen mitteilst. Und dass ich nur ein Notnagel für Dich bin.“

Du schluckst. Atmest durch. Und, nachdem die Schleusentore nun einmal geöffnet sind, schreibst Du weiter. Von Deinen Gefühlen, Ängsten und Sorgen. Deiner Traurigkeit. Deinen Zweifeln an Dir selbst. Obwohl Du genau weisst, dass O. nichts anderes als einen Angriff sehen wird in dem, was Du verfasst hast. Und genauso ist es auch. Als Du gegen 5h morgens aus unruhigem Schlaf hochschreckst und aufs Handy schaust, siehst Du, dass O. Deine Nachrichten gelesen hat. Geantwortet hat er jedoch nicht. „Guten Morgen!“ tippst Du beklommen. „Es war bestimmt alles total dumm was ich vor ein paar Stunden geschrieben hab. Sorry!“ – „Was soll ich da drauf noch antworten?!?!?!“ schreibt O. „Ich weiss es nicht“ tippst Du. „Schreibst Du denn manchmal einer anderen Frau? Zum Beispiel gestern spätabends? Das ist doch eine ganz einfache Frage, oder? Mit einer ehrlichen Antwort könntest Du all meine Zweifel aus der Welt schaffen!“ Du wartest. Dann antwortet O. „Ganz ehrlich“ schreibt er. „Das geht dich NICHTS an!!!!“

„Und wenn dir das nicht passt“ schiebt er nach einigen Minuten hinterher, „dann brauchst auch keine Bilder mehr schicken! Hab eh vollauf genug davon!!!“ – „Das wollte ich jetzt auch nicht mehr!“ tippst Du, bevor imaginäre, gefühlte Dunkelheit über Dir zusammenschlägt. „Alles Liebe für den Tag!“ schaffst Du noch zu tippen. Um wenigstens einen Rest Coolness für Dich zu retten. Dann beeilst Du Dich, Whatsapp zu verlassen. Schiebst das Handy unter Deine Bettdecke. Verkriechst Dich in Deine Kissen. Möchtest versuchen, noch ein wenig Schlaf zu bekommen, bevor es an der Zeit ist, Deinen Sohn zu wecken. Und diesen neuerlichen Beweis von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe erstmal verkraften. Da piept das Handy erneut. „Schick mir sofort Bilder du Schlampe!“ schreibt O. „Ich bin gerade total geil und brauche das jetzt!!!!“ – „Ich hab keine neuen“ antwortest Du. „Dann geh ins Bad und mach welche!!!“ schreibt O. „Beeil dich!!! Du weisst hoffentlich was für dich auf dem Spiel steht!!!“

Nachdem Du, gehorsames Mädchen, das Du bist, im Licht der Morgendämmerung einige verschwommene Badezimmer-Selfies von deinem unausgeschlafenen Gesicht und Deinem bettwarmen Körper für O. gemacht und ihm geschickt hast, herrscht zunächst vollkommenes Schweigen. Erst gegen 10h, als Du Dich einigermassen im Tag zurecht gefunden hast und mit einer Tasse Tee am Küchentisch sitzst, piept Dein Handy erneut. „Danke für die geilen Bilder!“ schreibt O. „Bin super gekommen!!!!“ – „Das freut mich!“ antwortest Du. „Du bist einfach die geilste aller geilen Ladies!“ schreibt O.  „Und du bist auch nach wie vor die Einzige … Ich schreibe nur abends einer Mitpatientin von der Lolo! Sie hat sich mit ihr während der Chemotherapie angefreundet und ist ab und zu bei uns auf Besuch“ – „Schon gut!“ antwortest Du. Beschämt. Und gleichzeitig erleichtert. „Aber es ist total abgefahren … “ tippt O. weiter. „Sie hat auch einen Freund … Aber stell dir vor … sie will was von mir …“ Du erstarrst innerlich zu Eis.

„Da heisst es immer die Typen wären so schlimm“ schreibt O. und Du kannst fühlen, wie sehr er es geniesst, Dir diese Worte ins Handy zu träufeln. „Aber Junge Junge! DIE hat mir schon Angebote gemacht!!!“ – „Ist sie in Dich verknallt?“ fragst Du. Alarmiert. Krampfhaft bemüht, ruhig zu erscheinen. „Ich glaube ein bisschen“ antwortet O. „Mit ihrem Freund scheint es nicht so gut zu laufen! Und ich denke mir das sie wohl auch Bestätigung braucht. Sie möchte das ich sie unbedingt mal alleine am See draussen besuche! Und sie würde total gerne mit mir knuddeln und knutschen!“ Du ringst nach Luft. „Willst Foto von ihr haben?“ schreibt O. „Ok“ tippst Du mühsam und kneifst unwillkürlich die Augen zu. Als Du sie wieder aufreisst, erblickst Du im Display Deines Handys das Bild einer schlanken, etwa 50jährigen Frau mit sehr kurzen, grauen Haaren. Sie trägt grosse, eindrucksvoll schimmernde Perlohrhänger und lächelt schelmisch aus hellen, blauen Augen in die Handykamera ihres Gegenübers.

Gekleidet ist diese Frau, die ihre Chemofrisur trotzig und stolz dem Licht der Frühlingssonne darbietet, in eine zart gemusterte, langärmlige Bluse und eine hellbeige Trekkinghose. Sie sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Steinmäuerchen. Und hat sich zum Schutz vor Kälte, eine dunkelblaue Steppdaunenjacke untergelegt. Eine dunkelblaue Herrendaunenjacke, die Dir nur allzu bekannt vorkommt. „Kein Zweifel“ denkst Du, nachdem Du das Bild hektisch gepincht und gezoomt hast. Das ist die tintenblaue Steppjacke von O. Die er trug, als er Dich zuletzt besuchte. Um Dich herum scheint sich alles zu drehen. Unter Deinem Solarplexus beginnt etwas zu zucken. Mit allergrösster Mühe kämpfst Du das Gefühl nieder, zur Toilette rennen und Dich im Schwall übergeben zu müssen. Minutenlang sitzst du mit tränenden Augen am Küchentisch. „Und, magst Du mit ihr kuscheln?“ tippst Du, nachdem Du Dich ein wenig beruhigt hast. „Ich weiss es nicht!“ antwortet O. „Aber natürlich … es wäre für mich …“

„Tja, es wäre auch für mich nochmal ne Bestätigung!!! Und du weisst ja selber am besten wie gern man das ab und zu hat!“ – „Würdest Du mit ihr dann länger als nur so 20 Minuten zusammen sein?“ tippst Du mit angehaltenem Atem. „Paar Stunden oder über Nacht?“ – „Paar Stunden!“ antwortet O. „Wegen 20 Minuten über die Autobahn raus zum See würd sich nicht lohnen. Und sie will ja auch nicht sofort kuscheln. Sondern auch reden und mit mir zusammen sein!“ – „Könntest Du zu ihr besser zärtlich sein als zu mir?“ tippst Du, während Du fühlst, dass die Nausea zurückkehrt. „Ja!“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ -„Und das bedeutet?“ tippst Du. „Das was es halt bedeutet!“ antwortet O. „Härtere Sachen. Schlagen. Gleich wieder gehen. Meinen Trieb befriedigen. Mich an dir aufgeilen. All sowas.“ – „Und Zärtlichkeit lebst Du mit anderen?“ tippst Du. „Wer weiss wie das bei ihr wird?“ schreibt O. „Vielleicht braucht sie es mal in den Arm genommen zu werden. Oder das Gefühl das sie noch begehrenswert ist!“

„Ich glaube die will gar nicht ficken. Nur mal wieder Geborgenheit und Zärtlichkeit. Und ich gebe ihr das gerne denn sie stirbt vielleicht!!! Heilungschancen sind sehr schlecht bei ihr!“ – „Oje“ tippst Du mit der rechten Hand ins Handy während Du Dir mit der linken Mund und Nase zuhältst. „Ich denke das ich ihr gut gefalle!“ schreibt O. derweil eifrig weiter. „Sie mag meine Augen und meine Art! Und ich möchte ihr gerne ein bisschen helfen! Denn ich bin zwar nicht in sie verliebt aber sie tut mir sehr sehr leid! So ein lebensfroher Mensch und dann diese Scheiss Krankheit!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Offenheit!“ – „Und ich dafür das du bei mir bleibst!“ schreibt O. „Denn ich brauche dich! Und deinen Körper! Deine Geilheit! Deine Art wie du fickst! Alles an dir ist einfach perfekt zum aufgeilen! Du bist eine Sexgöttin!!!“ – „Ich kann gar nicht anders als bei Dir zu bleiben!“ antwortest Du. Dann stehst Du auf und rennst zum Besucher-WC im Vorraum deines Hauses.

Du kniest Dich vor die Toilettenschüssel. Umklammerst sie mit beiden Armen. Und würgst alles, was Du in Dir hast, aus Dir heraus. All deine Gefühle für O. Mit jedem Schwall Frühstückstee, der deinen Magen durch Mund und Nase verlässt, empfindest Du weniger und weniger für ihn. Dein Körper zuckt. Tränen und Spuckefäden rinnen Dir übers Gesicht. Aber nachdem Du Dich vollkommen leer gekotzt hast geht es Dir besser. Du rappelst Dich hoch und weisst: Deine Passion für O. ist mit dem heutigen Tag vorbei. Du hasst O. ab jetzt. Er soll mit seinem SUV an einer Mauer zerschellen, wenn er zum See fährt um die krebskranke Frau zu besuchen. Und sie. Diese Frau. Sie soll auch sterben. Sechs Wochen, nachdem O. Dich in seinem Haus nahezu krankenhausreif schlug und heute von seinem Mitleid für diese Frau schrieb, empfindest Du so. Wann, fragst Du Dich den ganzen Nachmittag über, WANN hatte O. jemals Mitleid mit DIR???? Am Abend nimmst Du dein Handy. Lächelst. Und blockst. Blockierst die tausendfach stärker gewordene Liebe von O.

 

 

Confessions

Erleichtert. Dankbar. Zutiefst erschöpft. So verbringst Du den restlichen Tag nach Deiner wagemutigen, ja, eigentlich wahnwitzigen Kontaktaufnahme mit O. NICHT abgelehnt, zurückgewiesen und ignoriert. NICHT aufs Neue beleidigt. Stattdessen sehnsuchtsvoll erhofft. Von einem O., der Fehler eingesteht. Der Ängste formuliert und Gefühle zeigt. Der seine innere Brüchigkeit nicht mehr kaschiert. Sondern sie, im Gegenteil, radikal ehrlich, fast schonungslos selbstentblößend offenlegt. Anders, ganz anders als das narzisstische Lehrbuch es hätte erwarten lassen. Anders auch, als Dein Freund, der Suchtberater es prophezeihte. Das ist viel mehr als Du erwarten konntest. Und es berührt Dich auch zutiefst. Zu erfahren, dass O. sich Sorgen um Dich machte. Dass er Deinetwegen litt. Dies stellt, seltsamerweise, das was Du selber durchgemacht hast, vollkommen in den Schatten. Läßt es irrelevant erscheinen. Du fühlst keinen Schmerz mehr in Dir. Nur noch überbordende Liebe zu O.

Kurz vor dem Ende dieses Tages, als Dein Mann und Dein Sohn längst schlafen und Du, wie so oft, noch ein wenig in der Küche sitzst, piept Dein Handy mit dem Klingelton von O. „Babe ich bin überglücklich das du dich wieder bei mir gemeldet hast!!!“ textet er. „Aber was hättest du eigentlich gemacht wenn ich dich nicht mehr gewollt hätte?“ – „Davor hatte ich grosse Angst“ antwortest Du. „Ich hätte jedoch versucht mich damit abzufinden.“ – „Das hättest du nicht geschafft!“ schreibt O. „Es geht mir jedenfalls sehr schlecht ohne Dich und ohne Verbindung zu Dir“ antwortest Du. „Das ist bei mir genauso“ schreibt O. „Und deshalb wäre ich wohl in den nächsten Wochen mal zu dir gekommen und hätte in Arbeitskleidung geläutet um nachzufragen ob ich die Hecke wieder schneiden soll. Das wäre dann hoffentlich nicht schlimm gewesen auch wenn dein Mann oder dein Sohn geöffnet hätte!!! Hätte gesagt das ich eine neue Handynummer habe!!!“ – „Das hätte ich nie zu hoffen gewagt dass Du so etwas machst!“ antwortest Du.

„Hätte ich ganz sicher gemacht“ schreibt O. „Hab ja alles von dir gelöscht. Aber dann nach ein paar Tagen gemerkt wie sehr du mir fehlst! Und auch wenn ich dabei erschrocken bin … wie geil ich es fand dich so heftig zu schlagen und dir die Strumpfhose runterzureissen! Nachdem du weg warst hab ich ein paar Tage gebraucht um von diesem Adrenalinrausch wieder nüchtern zu werden. Es war extrem heftig für uns beide!!! Aber als ich wieder klar denken konnte hat sich zu dieser Angst in mir und diesem schlechten Gewissen dir gegenüber diese unglaublich starke Liebe für dich in mir ausgebreitet!!!! Ich habe dich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen und dich auch geliebt!!! Aber seit diesem Abend ist meine Liebe tausendfach stärker geworden!!!“ – „Und wenn es nicht so schmerzhaft für dich wäre“ fügt er fieberhaft hinzu, „und ich mich nicht so dafür schämen würde dann würde ich dich am liebsten öfter so übel schlagen und erniedrigen!!!“ – „Du brauchst Dich dafür nicht zu schämen“ antwortest Du.

„“Oh doch!!! Ich schäme mich sogar sehr für das was ich dir angetan habe!!!“ eifert O. während das Smartphone in Deiner Hand zittert und eine Art inneres Vibrieren von deinem ganzen Körper Besitz ergreift. „Denn du hättest ja auch schlimmer verletzt werden können!!! Umso unbegreiflicher ist es deshalb für mich das du mir verziehen hast – UND das ich es wieder tun möchte!!!“ – „Vielleicht ist das gar nicht so unbegreiflich“ antwortest Du. „Vielleicht lieben wir uns einfach nur auf eine sehr besondere Weise? Ich war am Tag nach unserer Begegnung total kaputt, absolut alles tat mir weh. Aber stell Dir vor, ein Teil von mir hat sich gedacht: hoffentlich dauert es lang bis alles verheilt ist denn die Schmerzen sind mein letztes Souvenir von Dir!“ – „Du bist so eine unglaubliche Frau!!!“ textet O. „Ich glaube wenn wir zwei ein richtiges Paar wären dann würde es ganz schön abgehen!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du und kicherst ein wenig in Dich hinein während neue Bekenntnisse von O. dein Handy fluten.

„Ich war wie in Trance als du bei mir warst!!!“ schreibt er. „So etwas Heftiges und Geiles wie an diesem Abend habe ich noch nie zuvor erlebt!!!“ – „Es war wie ein düsterer Traum“ sekundierst Du. „Ja!!!“ schreibt O. „Seit diesem Abend weiss ich das wir uns gegenseitig brauchen!!! Deshalb werde ich dich jetzt nicht mehr so vernachlässigen!!! Werde öfter zu dir kommen! Und im Sommer geht die Lolo ja für drei Wochen auf Kur. Dann kannst du mich besuchen!!!“ – „Hoffentlich geht es aufwärts mit ihr!!!“ tippst Du. „In meinem Kopf spielt dauernd dieser Film“ schreibt O. „Welcher Film?“ fragst Du. Erwartungsvoll. Geflutet von romantischen Phantasien. „Das du bei mir bist und ich dir Schmerzen zufüge!!!“ schreibt O. „Natürlich nicht so heftig wie an diesem Abend!!! Ich werde aufpassen das es nicht zu schlimm für dich wird!!! Aber ich brauche es dieses unglaubliche Machtgefühl über Dich noch einmal zu erleben!!!“ – „Der Suchtberater hatte recht!“ denkst Du während Du mit verschleiertem Blick aufs Handy schaust.

„Und ich möchte dir noch einen Vorschlag machen“ schreibt O. „Was denn?“ tippst Du. „Du bekommst von mir als Entschuldigung 100.- Euro!“ schreibt O. „Und davon bestellst du dir dann wieder sexy Anziehsachen ok?“- „Ok“ tippst Du. „Ich möchte das du jetzt wieder so richtig meine Schlampe bist mit allem was dazu gehört!!!“ schreibt O. „Und ich brauche es so dermassen dich sexy gekleidet auf Bildern zu sehen! Deine Bilder sind ein Lebenselixir für mich!!! Ich könnte ohne dich und deine Bilder nicht mehr sein!!!“ Die Worte auf dem Display deines Handys scheinen wie von weit her zu Dir zu dringen. 100.- Euro Schmerzensgeld? 100.- Euro für mittelschwere Körperverletzung? 100.- Euro Nuttenlohn? „Wie schäbig ist das denn?“ denkst Du. Aber bevor Dein Inneres beginnt, gegen O.s Ansinnen zu rebellieren, tippt er weiter. Dass er es kaum erwarten kann, Dich bald, ganz bald, nächste Woche zu treffen und dass er sehr zärtlich zu Dir sein wird. Und Du spürst: O. KANN nicht anders als so zu handeln, wie er es tut.

Du schläfst tief und traumlos in der Nacht nach diesem Chat. Obwohl Dir klar ist, dass O.s romantisch erscheinendes Vorhaben, im Gärtner-Outfit an deiner Haustür zu klingeln, nichts weiter als das Musterbeispiel einer schulbuchmässig ausgeführten Hoover-Attacke gewesen wäre. Obwohl Du wahrnehmen kannst, dass die von O. so intensiv beschworenen Gefühle Dir gegenüber weit entfernt sind von dem, was man im landläufigen Sinne versteht unter echtem Bedauern, Reue, Mitleid, Scham oder dem Eingeständnis von Schuld. Obwohl ganz offensichtlich ein Diskurs von Hörigkeit und Macht, von Aneignung und Gewalt geführt wird – anstatt einer Sprache der Liebe. Was Dich anfasst und bewegt ist die fast kindhafte Offenheit, mit der O. zu dieser Stunde Einblick in sein inneres Funktionieren gibt – rührend naiv, vertrauensvoll und unverstellt. So kommt es Dir jedenfalls vor. So bindet es Dich. So weckt es Deinen Beschützerinstinkt, Deinen Mutter-Reflex. So schläfert es Deine Selbstverteidigungsimpulse ein …

Natürlich muss es ein Versöhnungsdate geben für Dich und O. Ein Date mit wundervollem, atemraubendem Sex. Nichts scheint O. auf der Welt dringender zu brauchen. Tagelang wird Dein Handy mit kurzfristigen Anfragen, Terminvorschlägen, Ideen, Fantasien, neuen Fragen, neuen Ideen und neuen Fantasien bombardiert. „Was machst du heute vormittag? Vielleicht könnte ich kommen!! Aber leider nur ganz kurz!“ „Ich brauche es soooo sehr dich bald zu spüren!!! Könntest du am Sonntag ganz früh rauskommen wenn’s noch dunkel ist? Und was ziehst du dann an?“ „Magst du vielleicht mal versuchen mir mit Hautöl einen runter zu holen?“ „Oh Babe, ich bitte dich, leck mich in die Glückseligkeit wenn wir uns wiedersehen!!!“ „Ich versuche nachher gegen 10 Uhr bei dir zu sein! Kann es aber nicht versprechen!“ „Magst du mir bitte noch eine schöne Sprachnachricht schicken?“ „Ich weiss jetzt das du für mich bestimmt bist!!! Nächste Woche komme ich zu dir! Am Dienstag werde ich dich ganz zärtlich berühren!!! Ich liebe dich!!!“

Der 15. März 2016 dämmert herauf. Der Termin Deines avisierten Wiedersehens mit O. Wie so oft an solchen Tagen erwachst Du früh. Und spürst: der Hype ist vorbei. Etwas Anderes hat begonnen. „Guten Morgen meine Sklavin!“ schreibt O. um 6.46h. „Wie geht es dir?“ – „Guten Morgen mein Gebieter!“ antwortest Du. „Ich lieg schon lange wach und denk an Deine Hände!“ – „Du willst mich, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Du willst mich mehr als alles andere, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Ich habe ehrlich gesagt Angst davor dich wiederzusehen!“ schreibt O. nach einer kleinen Pause. „Ein wenig Angst habe ich auch!“ antwortest Du. „Aber mein Wunsch Dich zu sehen ist grösser als meine Angst!!“ – „Vielleicht sollten wir noch warten!“ bemerkt O. Kühl. Irgendwie lauernd. Dein Herz pocht. „Ich habe Angst das ich dich wieder schlagen möchte und das ich nichts mehr für dich empfinde!“ schreibt O. „Aber du hast heute doch keinen Grund mich zu schlagen!“ wendest Du ein. „Genau davor habe ich ja Angst“ schreibt O. „Das ich keinen Grund mehr dazu brauche!!!“

„Ich glaube nicht dass es so schlimm ist“ tippst Du nach einer Schockpause. „Bitte besuche mich! Ich könnte Dir doch wirklich einfach nur meine Schuhe zeigen! Es sind so viele die Du noch nie gesehen hast!“ O. schweigt. „Bitte lass es uns versuchen!“ tippst Du mit wachsender Verzweiflung. „Ich weiss einfach nicht was ich machen soll!“ schreibt O. „Ich verstehe Dich!“ antwortest Du. „Aber ich könnte Dir ja einfach nur die Tür aufmachen damit wir uns kurz sehen! Und vielleicht magst Du mir ein Hemd mitbringen?“ – „Ich weiss es nicht“ schreibt O. Du resignierst. „Ich bin sehr beeindruckt von Deiner Ehrlichkeit“ schreibst Du dann, um dem Chat eine Art friedfertigen Abschluss zu geben. Fest entschlossen, Deine schwere Enttäuschung diesmal ganz mit Dir alleine abzumachen. Da meldet O. sich erneut. „Es tut mir leid! Ich liebe dich sehr!“ schreibt er. „Aber ich befürchte ich habe mit dem Schlagen eine Grenze überschritten!!!“ – „Wir haben die zusammen überschritten“ antwortest Du. „Und nun?“

„Ich weiss es einfach nicht!“ schreibt O. „Wie lang bist du heute allein zu Hause?“ – „Bis spätnachmittags“ antwortest Du. „Hast du was Weisses zum Anziehen?“ fragt O. „Etwas das sexy ist?“ – „Ich hätte eine schrittoffene weisse Netzstrumpfhose“ schreibst Du. „Perfekt Babe!“ antwortet O. „Zieh sie an und schick mir ein Video von dir!!! Jetzt gleich!“ – „Das kann ich aber jetzt innerlich grade nicht so gut“ antwortest Du. „Und im Moment zittern  meine Hände auch sehr!“ – „Mach!!!“ schreibt O. „Mach es jetzt!!!“ Woher Du die Energie nimmst, weisst Du nicht. Aber irgendwie schaffst Du es, Deine Kreislaufschwäche zu überwinden, im Eiltempo zu duschen, eine antrazithfarbige Tagesdecke über dem Doppelbett in Deinem Schlafzimmer auszubreiten und Dich selbst in erotischer Pose darauf zu filmen. In strahlend weisser Netzstrumpfhose und signalroten Highheels. Es wird sogar eines der besten Videos, die Du bisher für O. gemacht hast. „Geil“ schreibt er, als Du es ihm um 9.34h schickst. „Echt geil!“

„Kommst Du mich jetzt dann vielleicht besuchen?“ tippst Du hoffnungsvoll. „Nein“ antwortet O. „Ok“ schreibst Du. „Dann sag mir bitte nur Eins. Es ist wichtig für mich. Wenn Du mich siehst auf dem Video – hast Du dann immer noch den Wunsch mich zu schlagen?“ -„Ja!!!“ antwortet O. „Und ich würde dich ehrlich gesagt gerne wo festbinden und dazu zwingen das du starken Alkohol trinkst!!!“ – „Ups“ schreibst Du. „Vielleicht wehrst du dich dadurch dann mehr gegen das was ich mit dir mache!!!“ fiebert O. „Vielleicht würdest du versuchen auch mich zu schlagen! Oder du kotzt! Wer weiss was alles passieren würde!!! Ich habe Angst das ich komplett ausraste! Denn diese Phantasien machen mich unglaublich geil!!“ – „Löse nur ich solche Gefühle bei Dir aus?“ tippst Du. „Ja! Nur du!!“ schreibt O. „Was an mir?“ tippst Du. „Kann ich nicht sagen!“ antwortet O. „Du bist einfach der Wahnsinn für mich! Leider kann ich gerade nicht weg! Eine Mitpatientin von der Lolo kommt zu Besuch!!! Sonst würde ich zu dir kommen!!!“

„Schon ok!“ antwortest Du. „Es ist sehr wichtig was du mir gerade geschrieben hast. Vielleicht wichtiger als sich zu sehen!“ – „Und das Wetter ist leider auch so schlecht!“ schreibt O. „Sonst hättest du kurz zum Park kommen können und ich hätte dir die Hemden von mir gegeben!“ – „Es ist alles gut jetzt“ antwortest Du. „Ich ziehe mich jetzt um. Vielen Dank dass Du so offen zu mir warst!“ Du erhebst Dich vom Bett. Da piept Dein Handy erneut. „Ich hätte dir wenigstens gerne die Hemden gegeben!“ schreibt O. „Das kannst Du ja irgendwann noch machen“ antwortest Du. „In ein paar Wochen ist Frühling!“ – „Würdest du die Hemden abholen?“ schreibt O. „Beim Park? Klar!“ antwortest Du. „Du würdest wirklich fast alles für mich tun oder?“ fragt O. „Ja, O. Das würde ich!“ antwortest Du. „Denn ich liebe Dich. Soll ich zum Park kommen?“ – „Nein!“ schreibt O. „Ich fahre jetzt zum Bio-Supermarkt. Behalte die Strumpfhose an!!! Ich komme kurz zu dir und bringe die Hemden. Kann aber nicht bleiben!“ – „Ok“ schreibst Du.

Etwa eine halbe Stunde lang sitzst Du einfach nur mit nacktem Oberkörper und übereinander geschlagenen Beinen auf dem Vintage-Stuhl in der Küche Deines Hauses und starrst hinaus in das Schneetreiben vor dem Fenster. Versuchst, Dir einen O. vorzustellen, der im Naturkostladen einkauft. Einen O., der sich ritterlich um zwei von Chemotherapie gezeichnete Frauen kümmert, die in seinem Domizil zusammen Kaffee trinken. Das alles sind neue Aspekte für Dich. Leider ertappst Du Dich selbst beim Gefühl einer tiefen Eifersucht gegenüber dieser anderen Brustkrebs-Betroffenen, die einfach so, als Gast, im Haus mit den vielen Bildern zu Besuch sein kann. Dort, wo Du geschlagen wurdest. Und nur als Sex-Arbeiterin geduldet bist. Du schämst Dich sehr für diese Gefühle. Aber beiseite wischen kannst Du sie nicht. Dann, um 12.02h, klingelt es an Deiner Haustür. Als Du öffnest, steht O. in einer dunkelblauen Daunenjacke vor Dir und blickt Dich koboldhaft aus seinen schwarz umrandeten Augen an. Und alle Dinge nehmen ihren Lauf.

 

 

Überwunden/About Wounds

Ein blauschwarzes Monokelhämatom, so wie Du es von Deiner Auseinandersetzung mit O. im Februar 2016 rund um Dein linkes Auge zurück behalten hast, benötigt ziemlich genau eine Woche um zu verheilen. Die tiefdunkle Farbe persistiert in Deinem Fall für sechseinhalb Tage, dann wechselt sie aprupt ins Grünlich-Schwefelgelbe und baut sich innerhalb zweier weiterer Tage zügig ab. Während dieser gesamten Zeit wandert auch eine Art Schmerzfront durch Deinen Körper. Ausgehend von den Prellungen auf Deinem Rücken beginnt sie ihren Marsch zwischen Deinen Schulterblättern und im Nackenbereich, wo sie sich wie starker Muskelkater anfühlt. 36 Stunden später sitzt sie in all Deinen Gelenken und lässt Dich phasenweise kaum von der Couch hochkommen. Zur selben Zeit entwickelst Du Schluckbeschwerden und Deine Halslymphknoten schwellen an wie bei einem grippalen Infekt. „Leichtes Kehlkopftrauma!“ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm davon berichtest. „Wenn das schlimmer wird musst Du zum Arzt!“

Aber es wird nicht schlimmer. Ein Arztbesuch bleibt Dir erspart. Stattdessen gelingt es Dir sogar, am Tag 4 nach der Prügelei all Deinen Mut zusammen zu nehmen, und auf wackligen Beinen zum Drogeriemarkt um die Ecke zu spazieren, wo Dich eine verständnisvolle Verkäuferin sehr einfühlsam über camouflierende Make-up-Techniken berät. Sie erklärt Dir, dass ein Bluterguss im Augenlidbereich mit Hilfe einer komplementärfarbigen Grundierung unter einer hautfarbigen Puderschicht optisch neutralisiert werden kann und nimmt sich viel Zeit, die für Dich passenden grün-grauen und dunkelorangen Farbnuancen zu ermitteln. Versehen mit einem ganzen Arsenal von Spezial-Kosmetika im Wert von 47.- Euro kehrst Du nach Hause zurück. Dort wendest Du die neu erlernten Schminktricks sofort an. Und versuchst nebenbei, Dir selbst einzureden, dass Du froh, ja, wirklich sehr, sehr froh bist, O.s dunkle, belastete Sphäre nun endlich, wirklich, ganz bestimmt für immer und alle Zeit hinter Dir lassen zu können …

Das wahre Ausmass Deiner inneren Verwüstung wird erst allmählich, mit dem Abheilen der körperlichen Blessuren offenbar. Als das Management des Gesundwerdens Dich nicht mehr ganz so sehr in Anspruch nimmt. Als Du Deine vom Treppensturz geprellten Knie wieder durchbiegen kannst. Als die Genickstarre und die Schluckbeschwerden nachlassen. Und das Fahrradfahren wieder ganz gut klappt. Kommt das eigentliche Desaster erst richtig hoch. Die Erinnerung daran, dass O. Dich am Abend des 26.2. nicht nur sexuell misshandelte und schlug. Sondern Dir auch Dinge ins Gesicht geiferte, die sich tief in Dein Inneres gruben. „Kapier endlich dass du nix als ein gschlampertes Verhältnis für mich warst!!!“ hatte er gefaucht während er auf Dich einhieb. „Ich hab keine Verpflichtungen dir gegenüber! Aber DU hast die wichtigste Regel für Affären-Weiber überschritten: den Anderen nicht zu stressen!“ Er hielt kurz inne. „Jetzt gibts für dich nur eins!“ dozierte er dann. „Wenigstens in Würde gehen!!!“

„Es darf auf keinen Fall SO enden“ denkst Du jeden Morgen, während Du Dein Concealer-Make-up aufträgst. Mit so viel Feindschaft, Stress und schlechten Gefühlen. In Würde gehen, das hieße für Dich, in Frieden zu gehen. Mit einem klärenden Gespräch. Einer Entschuldigung. Einer Umarmung. Mit guten Wünschen für die Zukunft. Aber genau so etwas ist mit jemandem wie O. nicht möglich. „You will never get closure with this kind of person. NEVER!“ heisst es in den einschlägigen Blogs und Foren. Du kennst die Sätze alle auswendig. Du weisst, dass sie stimmen. Ein Mensch, der Züge einer Cluster-B-Persönlichkeitsstörung aufweist, gewährt jemandem anderen keine Erleichterung, keinen Trost. Nicht während der gemeinsamen Zeit. Und nicht an deren Ende. Ein Borderline-Erkrankter verzeiht nicht. Gibt nicht nach. Räumt keinen Fehler ein. Ein grandioser Narzisst baut niemandem eine Brücke zur Versöhnung. Dies alles weisst Du. Hast Du verstanden. Jedoch: NICHT akzeptiert. Und deshalb …

Deshalb kreist Dein Denken ab dem Moment in dem Deine Epidermis sich über Deinen Schrammen schließt, nur noch um eine einzige Frage: ob, und wenn ja, WIE Du noch einmal, ein letztes Mal auf O. zugehen, mit ihm in Kontakt treten kannst. Wann immer Du Dich bangen Herzens in Deine Whatsapp-Chats klickst, stellst Du fest: blockiert hat O. Dich nicht. Sein Profilbild mit der niedlichen, weiß-braun gefleckten Jung-Kuh auf einer sonnigen Almwiese ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es scheint Dir täglich farbintensiver und attraktiver ins Auge zu springen. Am 6. März 2016, einem ruhigen, ereignislosen Sonntag, spielt Dein Gehirn pompöse Wiedersehens- und Versöhnungsszenarien durch. Unablässig. Nonstop. Du ent- und verwirfst Whatsapp-Botschaften. Gestaltest in Deinem Handy romantische Bilder mit Hilfe einer App, die pastellfarbige Retro-Sticker auf Fotos aus Deiner Galerie appliziert. Und am Ende des Tages weisst Du: die Sucht nach O. ist stärker als all der Schmerz, den er Dir angetan hat.

Tags darauf erwachst Du mit dem drängenden Gefühl, „etwas“ unternehmen zu müssen, bevor „es“ zu spät ist. Mit der diffusen, nicht näher begründbaren Sorge, dass ein Zeitfenster sich unwiderruflich schließt. Beim Frühstück bist Du fahrig und nervös. Nachdem Dein Mann und Dein Sohn gegangen sind atmest Du durch und wandelst in einer Art Absence nach oben ins Schlafzimmer. Dort nimmst Du die Stoffschachtel mit dem Mille-Fleur-Muster zu Dir auf den Tibettteppich vor dem Bett und holst die schwarzen Highheels mit den Jetperlen am Rand aus ihrem Versteck. Du befühlst jeden einzelnen kleinen Stein. Und versuchst Dich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Du NIE wieder diese Schuhe tragen wirst für O. Nicht auf Bildern. Und nicht bei einem Date. NIE wieder. „Ich sollte sie wegwerfen“ denkst Du, während Dein Inneres sich zusammenkrampft und gegen diese Idee rebelliert. „Ich sollte alles wegwerfen was mich an ihn erinnert“ denkst Du weiter. Dann legst Du die Schuhe aufs Bett und gehst ins Bad.

Nachdem Du fertig geduscht hast, nimmst Du Dir ein wenig Zeit um Dich im Badezimmerspiegel zu betrachten. Spezial-Make-up ist nicht mehr vonnöten, stellst Du fest. Lediglich eine zartgrüne Corona rund um Dein linkes Auge ist am Montag den 7.3.2016 von O.s Schlag in Deinem Gesicht noch übrig. Allerdings sieht Dein Spiegelbild abgezehrt, irgendwie leidend aus. Dein Kinn wirkt ungewohnt spitz und Deine Wangenknochen treten stärker hervor als sonst. Zweifellos hat die Schmerzbewältigung Dich einiges gekostet. Und dennoch möchtest Du jetzt nur nach vorne denken. Du schminkst Deine Lippen sehr sorgfältig in einer dunkelroten Farbe und fährst mit dem Puderpinsel über Dein Gesicht. Dann gehst Du ins Schlafzimmer, schlüpfst in eine enge schwarze Jeans, streifst Dir das schwarze Netztop über, das O. Dir vor langer Zeit bei Deinem ersten Besuch in seinem Haus vor die Füsse warf und steigst in die Peeptoes. Du schaltest die Selfiekamera von deinem Handy ein und machst: Bilder. Bilder für O.

Du tust also das, was bisher noch immer,  jedes Mal half, wenn es galt, eine schwere Krise, eine Phase des Schweigens zwischen Dir und O. zu überwinden. Und Du beherrschst es gut, mittlerweile. Die Bilder geraten sehr ausdrucksvoll und schön. Als Du fertig bist, denkst Du noch einmal kurz nach. Versuchst Dich darauf einzustellen. dass O. nicht reagieren oder Dich beschimpfen wird, wenn Du ihn unaufgefordert kontaktierst. Fragst Dich, ob Du dem gewachsen wärst. „Ich muss es riskieren“ denkst Du. Dann wählst Du zwei Bilder aus. Eins von Deinem Gesicht. Und eins von den schwarzen Peeptoes an Deinen Füssen. „Du hast einen harten rechten Haken!“ schreibst Du dazu. „Aber für diese wunderschönen Schuhe werde ich Dir immer dankbar sein!“ Dann sendest Du alles ab. Und spürst, dass etwas Eigenartiges dabei geschieht. Dein Handy, beziehungsweise eine Instanz jenseits Deines Handys scheint Deine Nachrichten begierig, ja, sehnsuchtsvoll in sich aufzusaugen. Scheint sie tatsächlich sehr zu brauchen …

Dein Handy piept nach knapp 15 Minuten. Mit dem Klingelton von O. „Was willst du Ursula?“ schreibt er. „Mit Dir in Verbindug sein“ antwortest Du, während Deine Anspannung sich in einer Art Schüttelfrost löst. „Ich habe dich doch so heftig geschlagen!!!“schreibt O. nach einigen Minuten. „Das stimmt“ antwortest Du. „Aber ich habe mich ja auch nicht richtig verhalten. Ich habe Deine Grenzen missachtet und das tut mir sehr leid!“ – „Ich hatte Angst dass du oder dein Mann mich anzeigt!!!“ schreibt O. und Du kannst fühlen dass er sehr aufgewühlt ist. „Das würde ich doch nie tun!“ antwortest Du. „Ursula ich habe dich vergewaltigt!!!“ schreibt O. „Und stell dir mal vor deinem Trommelfell wäre was passiert!!!“ – „Das war wirklich Glück“ antwortest Du. „Aber willst Du mal das hübsche Veilchen sehen das ich letzte Woche hatte?“ – „Ja!“ schreibt O. „Bitte zeig es mir!“ Du schickst ihm einige der Bilder, die Du für Dich selbst gemacht hast. „Mein Gott Babe!!!“ schreibt O. nach einer Weile. „Das ist wirklich super heftig!!!“

„Und ich kann gar nicht richtig glauben dass ich das war!!!“ fügt er hinzu. „Ich hätte Lust den Typen fertig zu machen der dir das angetan hat!!!“ – „Du bist süss!“ antwortest Du. „Aber der rechte Haken kam von Dir. Von niemand sonst!“ – „Und trotzdem möchtest du noch Kontakt mit mir haben?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Auch sexuellen Kontakt?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Auch wenn es wieder mal etwas heftiger werden sollte?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Aber ich werde Dir nie wieder Grund geben mich so krass zu schlagen.“ – „Du kannst ohne mich nicht leben gell?“ schreibt O. voll fiebriger Erregung. „Du brauchst mich mehr als alles andere oder???“ – „Ich brauche den Kontakt zu Dir“ antwortest Du. „Und ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!!!“ schreibt O. „Das habe ich jetzt in den langen Tagen der Funkstille gemerkt!!! Ich wusste ja immer dass ich dich liebe!!! Aber erst jetzt weiss ich WIE SEHR ich dich liebe!!! Meine Gefühle für dich sind unglaublich stark!!! – „Das ist schön!“ antwortest Du.

 

 

How to survive

Schrecklich. Grauenvoll. Absolut katastrophisch. So fühlt sich natürlich alles an, als Du am 26.2.2016 gegen 20h langsam und benommen auf Deinem Fahrrad wegfährst vom Haus von O. Verprügelt. Vergewaltigt. Weggestossen von dem Mann, dem Du zeigen wolltest, wie sehr Du ihn liebst. Und somit eigentlich fast zerstört. Jedoch: Es gibt etwas in Deinem Inneren was Dich aufrecht hält. Was Dich funktionieren lässt. Und was bewirkt, dass Du Dich zunächst mal gar nicht SO kaputt fühlst, wie Du in Wirklichkeit vielleicht bist. Es bereitet Dir jedenfalls keine nennenswerten Schwierigkeiten, zu der kleinen Parkanlage in der Nähe von O.s Haus zu fahren. Ruhig, auf erstaunliche Art ganz bei Dir selbst. So steigst Du dort vom Fahrrad. Stützst Dich mit dem Gesäss an der morsch werdenden Rückenlehne der dunkelgrün lackierten Sitzbank ab. Atmest durch. Betastest Dein Gesicht. Keine Brüche. Keine Risse. Kein Blut, stellst Du fest. „Immerhin“ denkst Du und starrst in den Nachthimmel. „Immerhin…“

Dein Handy piept in Deiner Tasche. Aber nicht mit dem Sms-Ton von O. Dein Mann schreibt. „Es tut mir so leid, Liebe! Aber bei mir wirds heute 23h!“ – „Nicht schlimm!“ antwortest Du und wischst Deine leicht rinnende Nase am Ärmel Deines Parkas ab. „Ich mach dann schon mal Feuer ok?“ schiebst Du hinterher. „Ok!“ schreibt Dein Mann. „Viele Küsse der besten Ehefrau von allen!“ – „Dem besten Ehemann auch!“ tippst Du und hängst ein Smiley mit an. Dann beeilst Du Dich das Handy wegzupacken. „Wow, Chance“ denkst Du, ziehst den Reissverschluss von Deinem Parka hoch bis unters Kinn und versuchst aufs Fahrrad zu steigen. Deine Schambeinfugen schmerzen und von Deiner Analregion breitet sich ein brennendes, reissendes Gefühl wellenartig über Deinen ganzen Körper aus, als Du mit dem Fahrradsattel in Berührung kommst. Du ziehst hörbar die Luft ein. „O. ich hasse Dich“ denkst Du und wartest, bis die Schmerzflut unter Deiner Schädeldecke anbrandet und dort abebbt. Dann kannst Du nach Hause fahren.

Als Du bei Dir daheim die Haustür öffnest, ist alles friedlich und ruhig. Die Wohnzimmerlampe empfängt Dich mit sanftem Licht. Das Küchenradio webt einen Klangteppich aus Alternative Rock. Nichts deutet auf die Katastrophe hin, aus der Du gerade kommst. In Strümpfen, ohne den Parka auszuziehen, die Tasche mit den Highheels fest umklammert, so schleichst Du die Treppe hinauf, vorbei an der spaltbreit geöffeneten Tür zum Zimmer Deines Sohnes. Dem schwach darin fluoreszierenden Schimmer nach zu urteilen, sitzt er mit Kopfhörern vor seinem PC und jagt Fantasymonster. „Ein kleiner Actionheld auch er“ denkst Du, während Du eilig vorbeihuschst und im Schlafzimmer die roten Peeptoes aus der Tasche zurück in ihr Versteck räumst. Im Halbdunkel, ohne die Glasleuchte auf Deiner Kommode einzuschalten, raffst Du ein Kapuzenshirt und eine frische Jeans an Dich und sperrst Dich damit im Badezimmer ein. „Geschafft“ denkst Du. Doch dann erblickst Du Dein Gesicht im Spiegel über der Waschkonsole.

Was Du siehst, hat mit der Person die Du vor ca. zwei Stunden noch warst, nichts mehr zu tun. Es ist überhaupt nichts Personhaftes mehr. Sondern nur noch eine vollkommen entwürdigte Version Deiner selbst. Deine kurzen Haare stehen in struppigen, verklebten Stacheln und Borsten ab von Deinem Kopf. Denn O. rieb auch hier mit der Hand seine Spucke hinein. Dein Gesicht ist verschmiert und verquollen. Deine Nase steht schief. Deine Lippen sind wundgescheuert und leuchten unnatürlich rot aus der peroralen Blässe darum herum. Am Hals hast Du Kratzspuren. Einer Deiner Perlohrstecker hängt halb herausgerissen und blutverkrustet aus Deinem linken Ohrläppchen, das doppelt so dick wirkt wie sonst. Dies alles wäre wohl mit einem zwanzigminütigen Duschbad und ein wenig Desinfektionsspray in Ordnung zu bringen. Und deshalb nicht so schlimm. Jedoch. Unter Deinem linken Auge. Dort wo O.s Ohrfeige Dich traf. Und Dein Jochbein noch immer pulsiert und pocht. Gewahrst Du einen besorgniserregenden, scharf umgrenzten, hellroten Fleck.

Noch ist er nicht auffällig. Aber Du siehst, dass er an seinen gezackten Rändern bereits ins Violette changiert und seine Form sekündlich verändert. Kein Zweifel. Du hast eine Einblutung im linken Unterlid von O.s Schlag davongetragen. Und sie wird sich in den kommenden Tagen zu einem blauen Augenveilchen entwickeln. Es wird in allen Farben schillern. Es wird tiefschwarz und riesig gross werden. Jeder wird es sehen. „Ich bin verloren“ denkst Du und lässt Dich mit Deinem schmerzenden Po leise stöhnend auf dem Rand der Badewanne nieder. „Jetzt ist alles vorbei.“ Du starrst für eine Weile blicklos vor Dich hin. Dann greifst Du einem Impuls folgend nach Deinem Handy und fertigst eine Serie von Selfies von Deinem Gesicht an. Fotografierst Deine clownesken, aufgequollenen Lippen. Die Schrammen an Deinem Hals. Den zerfetzten, sich in einzelne schwarze Wollreste auflösenden Rollkragenpulli. Die zerrissene, befleckte Jeans. Und den mittlerweile kommaförmigen blasslila Fleck unter Deinem Auge.

Als Du fertig bist, scrollst Du Dich durch die forensisch äusserst eindrucksvolle Bildergalerie. Und versuchst, die entstellte Person auf dem Display Deines Handys zu Dir selbst in Beziehung zu setzen. Umsonst. Es will Dir nicht gelingen zu begreifen, dass dieses bedauernswerte Wesen DU sein sollst. Und wie Du alles Deinem Mann erklären sollst, wenn er in zwei Stunden heimkommt, weisst Du auch nicht. Es gibt nur einen Menschen, der Dir in der aktuellen Lage helfen kann. Dein Freund, der Suchtberater. Der schon so viel gesehen hat im Leben. Der Dich kennt, seitdem Ihr 13 Jahre alt wart. Der eine Katastrophe zwischen Dir und O. voraussah. Der Dich stets darauf hinwies, WIE pathologisch, WIE gefährlich O.s Aktionsmuster sind – vor allem im Bezug auf Dich. Der niemals müde wurde, Dich zu warnen. Gebetsmühlenartig. Und dessen Kassandrarufe Du nicht hören wolltest. Ihm allein kannst Du Dich anvertrauen. Ihm schickst Du einige der drastischsten Bilder. Und schreibst dazu. „Schau mal. Das war O.“

Dein Freund ruft die Bilder sofort ab. Du spürst, dass er sie sehr eingehend betrachtet. Mit dem geschulten Blick des Ersthelfers und Rettungssanitäters der er mehr als zehn Jahre lang war. „Mann Süsse!“ schreibt er dann, nach einigen Minuten. „Was war los?“ Du versuchst die Ereignisse der vergangenen Tage und Nächte so gut Du kannst zusammenzufassen. „Leider war das ja zu erwarten!“ schreibt Dein Freund, als Du mit Deinen Schilderungen endest. „Und in der aktuellen Situation erst recht. Was willst Du jetzt machen? Anzeige??? Er wird sagen Du stehst drauf dass einer dich schlägt. Und dass es einvernehmlich war. Denn Du bist ja auch freiwillig zu ihm hingefahren“ – „Ja“ antwortest Du. „Anzeige ist keine Option. Ich bin an allem selber schuld. Ich muss mich jetzt einfach damit abfinden dass es vorbei ist. – „Vorbei. Ok.“ antwortet Dein Freund. „Somit überlebst Du. Andere sterben wegen diesem Psycho. Zum Beispiel an Krebs“ – „Wie man auf Bildern sehen kann“ schreibst Du. „Yap“ antwortet Dein Freund.

„HOFFENTLICH ist es vorbei“ fährt er nach einer kleinen Weile fort. „Ich bezweifle es aber. Leider. Und eines Tages wirst Du noch RICHTIG schwer verletzt werden durch dieses kriminelle Arschloch“ – „Du meinst der holt mich wieder?“ fragst Du ungläubig. „Zu hundert Prozent“ antwortet Dein Freund. „Er wird Dich niemals gehen lassen. Das ist ein psychisch kranker Gewalttäter. Und DU bist sein perfektes Opfer. Das war ein Höhenflug für ihn, was er vorhin mit Dir erlebt hat. Ein Machtrausch ohnegleichen. Da wird er auch in Zukunft nicht darauf verzichten wollen“ – „Ok“ schreibst Du. „Ich muss mich jetzt versorgen. Was soll ich machen mit dem blauen Auge?“ – „Da wirst Du nicht viel machen können, fürchte ich“ antwortet Dein Freund.  „Das Hämatom ist bereits manifest. Hast Du denn starke Schmerzen?“ – „Das nicht“ antwortest Du. „Ok. Dann hast Du nochmal Glück gehabt!“ schreibt Dein Freund. „Versuch Dir eine Ausrede einfallen zu lassen. Not macht erfinderisch! Alles alles Liebe! Ich drück Dich!“

Unter der Dusche stellst Du fest, dass Deine Oberarme, Deine seitliche Rippengegend und wohl auch Dein Rücken übersät sind mit beginnenden blauen Flecken. Dennoch geht es Dir aber rasch besser in der dampfigen Wärme. Dein Kopfschmerz lässt nach. Deine Muskulatur entspannt sich. Deine Analregion fühlt sich weniger schlimm verletzt an. Als Du fertig bist, frottierst Du Dich sehr vorsichtig ab und kämmst sanft, fast andachtsvoll Dein kurzes Haar. Bis es wieder so um Deinen Kopf liegt wie immer. Ohne die hässliche Spucke von O. Du lächelst Dir selbst ein wenig schief im Badezimmerspiegel zu, bevor Du Dich daran machst, ein besonders sorgfältiges Make-up aufzulegen. Du cremst und puderst und tüpfelst und wischst. Systematisch. Schicht um Schicht. Und verwandelst Dich via Kosmetik in eine Frau, die der, die Du normalerweise bist, zumindest ähnlich sieht. Es gelingt Dir, den blasslila Fleck unter Deinem Auge einigermaßen zu kaschieren. Aufatmend hüllst Du Dich in Deine frischen Kleider. „Ja, ich überlebe“ denkst Du.

Als Dein Mann gegen 23h nach Hause kommt, ist er froh, von einem besonders behaglich flackernden Kaminofenfeuer empfangen zu werden. Dass Du einen dunklen Schatten unter Deinem linken Auge hast und auf dieser Seite auch Deinen Perlohrstecker nicht trägst, fällt ihm nicht auf. Du versorgst ihn mit einem Glas Rotwein und Snacks, er erzählt Dir das Wichtigste von seinem Tag, dann geht er bald schlafen. Du selbst bleibst noch lang in der Küche sitzen, befühlst Deinen geprellten Körper unter dem Kapuzenshirt und starrst vor Dich hin. Irgendwann gehst auch Du nach oben. Am nächsten Morgen hat sich der Fleck unter Deinem Auge vergrössert und ist nachgedunkelt. Er lässt sich nicht mehr mit Make-up verbergen. „Was ist Dir denn passiert?“ fragt Dein Mann am Frühstückstisch. „Ach ja“ antwortest Du. „Das wollte ich Dir noch sagen. Hab im Fitnesstudio den Ellbogen von einer anderen Frau draufbekommen, die in meiner Nähe trainiert hat. Die stellen da immer die Geräte so eng zusammen. Da muss ich mich jetzt mal beschweren!“ – „Ach Du Arme“ sagt Dein Mann.

 

 

Strike Hard

Nichts hält Dich auf, an jenem verhängnisvollen Freitagabend Ende Februar 2016, während Deiner kurzen Pedaltour zum Haus von O. Niemand stellt sich Dir in den Weg. Kein Fingerzeig des Schiksals greift regulierend ein. Du überfährst rote Ampeln. Querst gefährliche Kreuzungen. In halsbrecherischem Tempo. Aber nichts passiert. Der Himmel sendet Dir kein Zeichen, das Dich zum Anhalten, Absteigen oder Umkehren mahnt. Im Gegenteil. Das Schiksal winkt Dich durch. Du fliegst geradezu auf Deinem Fahrrad über die dunklen Straßen hinüber ins Wohnviertel von O. Vorbei an einem der steinernen Eingangsportale zum historischen Teil des größten Friedhofs Eurer Stadt. Aus dessen Baumbestand stets eine besondere Kühle auf die sechsspurige Verkehrsstraße vor seinen Mauern herüber weht. Vorbei an der Parkbank, an der Du normalerweise anhältst, um O. zu schreiben, dass Du gleich da bist. Vorbei an erhellten Wohnhäusern. Vorbei an Leben, Wärme und Licht. Hin zum kalten, kranken Reich, zum Eispalast von O.

Und auch als Du angekommen bist, beim Haus mit den vielen Bildern, gibt es in Dir kein Innehalten, kein Zögern. Du sperrst nur einfach Dein Fahrrad an den korrosionsbeständigen Edelstahlzaun, der zusammen mit einer hohen, blickdichten Lorbeerhecke O.s Imperium abschirmt und begrenzt. Ziehst Dein Handy aus der Tasche Deines Parkas, lehnst Dich rücklings gegen das große, dunkelrote Tor des Garagenanbaus und tippst mit eiskalten Fingern: „Ich bin jetzt da. Bitte mach mir auf.“ O. antwortet nicht. „Ich tu Dir nichts. Ich liebe Dich!“ schreibst Du. Keine Reaktion. „Bitte“ schreibst Du und überlegst, wie lang Du der Kälte, die bereits jetzt unter Deinen Parka kriecht, wohl standhalten kannst. „Geh weg“ schreibt O. unvermutet. „Nein“ tippst Du. „Bitte lass mich in die Garage!“ – „Und dann?“ schreibt O. „Dann kann ich Dich da kurz sehen“ antwortest Du. Minuten vergehen. Deine Zähne schlagen aufeinander. Du frierst. Doch dann antwortet O. „Geh ums Haus rum!“ schreibt er. „Ich öffne die Küchentür“

„Ok“ antwortest Du und versuchst, Dich zu orientieren. Schließlich wurdest Du bisher ja immer nur durch den Nebenzugang ins Haus geschleust. Doch dann nimmst Du Deine Tasche aus dem Fahrradkorb, stemmst Dich entschlossen gegen die Entriegelung der Gartentür und betrittst mit angehaltenem Atem die Latifundien von O. Du fühlst Dich wie ein Eindringling auf vermintem Gelände. Unerwünscht. Durch Zielfernrohre beobachtet. Kurz vor der Festnahme stehend. Dennoch versuchst Du, so viel wie möglich zu erfassen von O.s äußerem Hoheitsgebiet, während Du vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, den steingrau gefliesten Weg  an der Mauer des Hauses abschreitest. Die scharfkantigen Umrisse eines etwa kniehohen Kunstobjekts im Zierkiesstreifen längs der Fassade bannen Deinen Blick. Eine makabere dreiteilige Skulptur aus weißem Stein, stellst Du fest, im Licht Deines Smartphones. Mit der Anmutung von skelettierten Rückenwirbeln einer urzeitlichen Riesenechse, die vor Jahrmillionen ihr Leben in O.s Garten aushauchte.

Wie soll HIER eine schwerkranke Frau gesund werden“ denkst Du ingrimmig, während Du linkerhand um die Hausecke biegst. Am Rand der Terasse markiert eine große, zur Form einer Brezel gebogene Schiene aus Edelroststahl den schwellenfreien Zutritt zum Küchenbereich des Hauses. Dunkle Techno-Drums dringen durch die halboffene Terassentür ins Freie. Von O. ist nichts zu sehen, als Du nach einem Moment des Zögerns eintrittst. In den Raum, der eigentlich ein Areal der Wärme und Geborgenheit, der Nähe zu Genuß und Lebensfreude sein sollte, in jedem Haus. Und der hier verkommen ist zum klaren Gegenteil. Überbordendes Chaos, wohin Du auch blickst. Karminrote Porzellanteller mit eingetrockneten Essensresten auf einem kantigen, betonfarbigen Bartisch. Berge von unabgewaschenem Geschirr im stählernen Einbauspülbecken. Myriaden von leeren 0,33l-Flaschen eines Biolimonadegetränks auf den schiefergrauen Bodenfliesen. Kullernd, rollend, fallend. So, dass Du kaum weißt, wohin Du Deine Füße setzen sollst.

„O.!“ rufst Du, „O.!“ während Du versuchst, Dir einen Weg durch das Glaslabyrinth vor Deinen Füßen zu bahnen. Es scheppert und klirrt. Eine Flasche zerbricht. Du bleibst stehen. Fühlst Panik in Deinem Inneren aufsteigen. Willst flüchten, sekundenlang. Da erscheint O. im Rahmen der Küchentür. In Langarmshirt und Jogginghose. Mit hellgrauen Slippern aus Filz an den nackten Füßen. Und blaß, schön, hochmütig und kalt wie immer. Nein. Kälter als jemals zuvor. „Was willst du hier?“ fragt er und schaut Dich dabei vollkommen ausdruckslos an. „Dich sehen!“ flüsterst Du. „Ok“ antwortet O. „Jetzt hast du mich gesehen! Also geh wieder! Da ist die Tür!“ – „Nein! Bitte nicht!“ rufst Du und reckst O. Deine Hände entgegen. „Ich kann so nicht gehen! Bitte schick mich nicht so weg!“ – „Sag mal spinnst du jetzt völlig, Ursula!“ stößt O. hasserfüllt aus, macht zwei Schritte auf Dich zu und schlägt Deine Hände beiseite. Auf dem Küchenfußboden zerbrechen weitere Flaschen. Die Situation wird bedrohlich.

„Du kannst dankbar sein dass ich dich überhaupt hier reingelassen hab!“ sagt O. mit unangenehm schneidender Stimme, direkt vor Deinem Gesicht. „Damit du mich noch einmal kurz siehst. Denn dir ist ja hoffentlich selber klar, dass jetzt endgültig Schluß ist mit uns!“ Du spürst die Stöße von O.s Atem, während er all das ausspricht. Und mit ihm O.s Verachtung, nein, schlimmer, O.s absolute Gleichgültigkeit Dir gegenüber. Was Du empfindest, was in Dir vorgeht, ist ihm restlos egal. Es interessiert ihn nicht. Mehr noch: er hat nicht einmal eine Idee, eine Vorstellung davon. Es ist vielmehr so, als ob er von einer ganz anderen Person reden würde, während er Dir vollkommen emotionslos in die Augen starrt und sagt: „Ich hab dein ewiges Theater jetzt endgültig satt. Mir reichts für immer von dir und deiner Rumspinnerei! Du hast es nicht verdient dass ich mich noch länger mit dir abgeb! Und jetzt hau endlich ab! Sonst rufe ich die Polizei!“ – „Nein“ antwortest Du und bleibst vor ihm stehen.

„Ok“ antwortet O., dreht sich um und schlendert betont lässig Richtung Wohnzimmer. „Dann hol ich jetzt die Bullen! Die schaffen dich dann schon hier raus!“ – „Warte!“ rufst Du und läufst ihm nach. „Bitte lass mich mit dir reden!“ – „Ganz sicher nicht!“ antwortet O., wendet sich nach hinten und rammt Dir seinen rechten Ellbogen so hart in die Seite, dass Du zu Fall kommst und mit Schulter und Hüfte voran auf den Eichenholzdielen im Flur aufschlägst. Knapp vorbei an zwei leeren Biolimonadeflaschen. Deine rechte Körperseite fühlt sich taub an, für Sekunden. Dann schiesst Schmerz in die betroffenen Muskeln und Gelenke ein. Du kämpfst Dich unterdrückt stöhnend hoch, preßt Deine Tasche, die Du bisher nicht losgelassen hast, an Dich und schleppst Dich zur Geschosstreppe im Zentrum des Hauses. Unter Aufbietung all Deiner Willenskraft erklimmst Du nahezu kriechend die ersten sechs der ausladenden Stufen aus massivem Eichenholz. Auf der achten läßt Du Dich nieder. Blickst um Dich. Ringst nach Luft.

O. ist im Wohnbereich des Hauses verschwunden ohne Dich weiter zu beachten. Du hörst, wie die Techno-Musik leiser gestellt wird. Stattdessen hallt nun das Rattern von Maschinengewehrsalven und wildes, vielstimmiges Männergeschrei durchs Haus mit den vielen Bildern. Ganz offensichtlich flimmert ein Actionfilm der härteren Sorte über den riesigen Bildschirm an der Wand gegenüber der schwarzen Couchlandschaft im Wohnzimmer von O. Du selbst bleibst still auf der Treppenstufe sitzen. Ziehst Deine Knie hoch bis unters Kinn, umfasst deine angehockten Beine mit beiden Armen und läßt Deine Blicke durchs Treppenhaus schweifen. Du versuchst, Dir noch einmal möglichst viel einzuprägen von all den hier ausgestellten Bildern und Artefakten, in denen sich O.s Weltsicht spiegelt. Denn Du bist sicher, nach dem heutigen Tag nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu können. „Leb wohl“ denkst Du, mit Blick auf den Haifisch aus Kabelgeflecht, der im zweiten Obergeschoß unter der Decke schwebt. „Leb wohl“.

Je länger Du alles betrachtest, desto fremder und feindseliger erscheint Dir der ganze Kosmos um Dich herum. Nie fühltest Du Dich unerwünschter, nie stärker eingeschüchtert und klein gemacht, als hier auf der monumentalen Holztreppe umgeben von schreienden Bildern im Haus von O. „Was soll ich machen“ denkst Du. Da kommt O. aus dem Wohnzimmer zurück. „Und,  jetzt bist du immer noch nicht weg?“ faucht er. „Ich wollte grade gehn!“ flüsterst Du. „Super!“ antwortet O. und hält hart auf die Geschosstreppe zu. „Pass auf, ich helfe Dir ein bisschen! Ich glaub du schaffst das nicht allein!“ Du versuchst noch irgendetwas zu sagen. Jedoch. O. nimmt zwei Treppenstufen auf einmal. Und ist bei Dir, bevor Dein Gehirn zur Umsetzung eines Impulses fähig ist. Er greift nach Deinen Handgelenken. Er zerrt an Deinen Armen. So heftig, dass die Schultergelenke knacken. Und räumt Dich mit einer einzigen verächtlichen Bewegung von der Treppe. Ein dumpfes Krachen ertönt, als Du auf Knien und Handgelenken aufkommst.

Natürlich würdest Du sehr gerne aufstehen, vom betonharten Fliesenboden im Erdgeschoss von O.s Haus, sobald Dein Kniescheibenschmerz es erlaubt. Aufstehen. Gehen. Nie mehr wiederkommen. Aber O. ist anderer Meinung. O. ist noch nicht fertig mit Dir. O. beugt sich von einer der unteren Treppenstufen herab über Dich und drischt Dir von hinten seine geballten Fäuste in die Rippen. Methodisch. Routiniert. Punktgenau. Deine Nierenregion spart er aus. Und wohl schlägt er auch nicht mit voller Wucht zu. Dennoch tut es sehr, sehr weh. Und klingt beängstigend. Und nimmt Dir die Luft. Du röchelst und stöhnst. Und irgendwann hört O. auf. Eigenartigerweise raffst Du nun nicht Deine Tasche an Dich und schleppst Dich so schnell wie möglich zur Ausgangstür. Nein. Du flüchtest ins Wohnzimmer. Kriechend. Taumelnd. Stolpernd. Die Tasche an Dich gepresst. Warum, das weißt Du nicht. Aber Du willst, Du musst unbedingt das Sofa erreichen. Das riesige Sofa im Wohnzimmer von O. Unbedingt.

Als Du es geschafft hast, ziehst Du Dich an der Rückenlehne bis dahin, wo die Couchlandschaft eine Ecke bildet. Und kauerst Dich dort wieder genauso hin wie gerade eben noch auf der Treppe. „Wahnsinn Ursula!“ ruft O. und kniet sich mit breit gespreizten Beinen vor Dich. „Hast du jetzt immer noch nicht kapiert dass ich dich nicht mehr will!“ stößt er hervor und beginnt wieder, mit seinen Fäusten auf Dich einzuschlagen. Er boxt Deine Oberarme. Und das, was er von Deinem darunter vergrabenen Kopf erreichen kann. Er zerrt an Deinem Rollkragenpulli und am Gummiband der schwarzen Netzstrumpfhose über deiner Brust. Er reißt die Knopfleiste von Deiner Jeans auseinander. Er spuckt in die Innenfläche von seiner Hand und reibt Dir den Speichel ins Gesicht. „Ich will dich nicht mehr“ murmelt er dabei vor sich hin. Dann nimmt er sich einen Moment Zeit um Dich zu betrachten. „Hast du Highheels dabei?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du mühsam. „Hol sie!“ sagt O. „Dann bekommst Du nen Abschiedsfick von mir.“

Nachdem Du die roten Peeptoes aus Deiner Tasche geholt und Dir über die Füße gestreift hast, hat das, was Du bekommst, mit gefühlvollem, intensivem Schlußmach-Sex jedoch nichts zu tun. Es ist vielmehr einfach nur, wie von O. vor längerer Zeit bereits angekündigt: eine Vergewaltigung. Und zwar: anal. Im flackernden Licht der Explosionen und Kampfszenen auf O.s Grossbildschirm. Auf dem Sofa knieend. Mit den Armen Halt an der Rückenlehne suchend. Wirst Du von O. brutaler und härter genommen als jemals zuvor. Was Dir hilft, ist ein etwa handtellergroßes, skurril geformtes Stofftierchen aus neonfarbigem Häkelgarn, das unbeachtet auf dem Polsterrand des Lounge-Sofas herumliegt. Es scheint Dich mit traurigem Blick anzustarren. Du vermutest, dass es Lolo gehört. Und nimmst es ganz fest in Deine rechte Hand, als einer von O.s Stößen Dir die Chance dazu gibt. Danach tut alles etwas weniger weh und Du fühlst Dich auch nicht mehr so völlig allein. Auf diese Art überstehst Du es. Ganz gut.

Irgendwann hört O. auf, Dich zu nehmen und zerrt Dich frontal zu sich auf den Schoß. „Machs dir jetzt selber!“ herrscht er Dich an. „Ich will sehen wie es Dir kommt!“ – „Tut mir leid. Das kann ich jetzt wirklich nicht!“ antwortest Du. „Vielleicht wenn ich dir Eine scheuer?“ fragt O. und holt rechts weit aus. „Auch dann nicht!“ antwortest Du und presst Dir in einer instinktiven Geste die linke Hand aufs Ohr. Sekunden, bevor O.s Backenklatsche in Deinem Gesicht landet. Du hast das Gefühl, dass unter Deinem linken Auge etwas reisst. Aber Dein Gehör bleibt intakt. Und das ist Dir in diesem Moment das Wichtigste. „Hoffentlich kriegst du es jetzt wenigstens hin mich zu lecken!“ sagt O. und schubst Dich von sich. „Klar“ antwortest Du und streckst Dich auf dem Sofa aus. „Zum letzten Mal“ murmelt O., bevor er sich mit seinem vollen Gewicht auf Deinem Gesicht niederlässt. Es wird vollkommen dunkel um Dich herum und Du bekommst auch schlecht Luft. Aber Du schaffst es, den Rim-Job für O. zu machen.

Danach ist es für eine geraume Weile unnatürlich still in den Räumen vom Haus mit den vielen Bildern. O. hat den Actionfilm abgeschaltet, während Du noch auf der Couch lagst um wieder zu Atem zu kommen. Er reicht Dir sogar ein Kleenex, um Deinen Bauch sauber zu putzen und schickt sich an, Deine zerrissenen Jeans und Leggings vom Boden aufzusammeln. „Lass nur. Ich mach das schon!“ sagst Du mit nasal klingender Stimme und richtest Dich auf. „Ok“ antwortet O. und geht mit gesenktem Kopf hinaus. Als er zurück kommt, hast Du Deine Tasche gepackt und Dich vollständig in die Reste Deiner Kleider gehüllt. „Fertig?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Dann komm“ sagt O. und geht vor Dir her durch das Meer der leeren Lemongetränkflaschen zur Fenstertür in der Küche. Dort schlüpfst Du in Deinen Parka, der hier über einem breiten roten Design-Hocker liegt. „Leb wohl“ sagt O. „Du auch!“ antwortest Du und trittst nach draußen auf die Terasse. Die Luft ist sehr kalt, im Garten von O., und lässt Dich all Deine schmerzenden Körperstellen spüren. Dein linkes Jochbein pocht und Deine Schädeldecke dröhnt, während Du Dich am Zaun nach vorne beugst, um Dein Fahrrad zu entsperren. Nun gibt es ZWEI schwerverletzte Frauen im Umfeld von O.

 

 

Freak Out

Am Abend des 25. Februar 2016 reicht die Wärme des Kaminofenfeuers nicht mehr aus. Kein Patchworkplaid. Keine sphärische Musik. Kein gezuckerter Tee. Keine Plauderei mit Deinem Mann oder Deinem Sohn. Nichts von all dem, was Dich normalerweise beruhigt und tröstet, hilft am Ende dieses einen gottverlassenen Tages. Nur in der Stille des Schlafzimmers, eingeigelt, zusammengerollt, unter zwei Bettdecken versteckt, kommst Du allmählich zu einer Art von Ruhe. Hörst langsam, sehr sehr langsam auf zu zittern. Spürst wie sich das Grauen aus Deinen alleräußersten Nervenenden zurückzieht, jedoch im Rückenmark verbleibt. Und fällst auch für einige Stunden in unruhigen Schlaf. Gegen 1h nachts wirst Du wieder wach. Kriechst aus dem Bett. Schleichst ins Badezimmer und sperrst Dich dort ein. Rufst in Deinem Handy das Bild von O.s frisch operierter Freudin auf, das Du am frühen Abend von ihm bekamst. Betrachtest es, auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitzend. Eingehend. Mehr als eine Stunde lang.

Du siehst, dass O.s Freundin sehr weiche, unkonturierte Gesichtszüge hat und etwas vollkommen Überfordertes ausstrahlt, wie sie so da liegt, in ihrem Schmerz. Fast kindlich, nicht-verstehend wirkt sie auf dem Bild, trotz ihrer Körperfülle, die sich ein wenig unförmig unter der Klinikdecke abzeichnet. Eine Person ohne Waffen, ohne Kampfgeist, denkst Du, während Du im unteren Teil des Bildes die Silhouette von O. entdeckst, die sich im Moment der Handyaufnahme in der Trennglasscheibe des OP-Nachsorgeraumes spiegelt. Dass er für sich, für seine eigene Verarbeitung den postoperativen, lebensfernen Zustand seiner Freundin mit dem Smartphone dokumentieren musste, leuchtet Dir ein. Aber dass er Dich, die Lolo als gesunde, unverletzte Frau nie kannte, mit ihrem entblößten, preisgegebenen Anblick konfrontiert? Ohne jede Vorwarnung? Ganz einfach so? Obwohl Du dankbar bist für diese schlaglichtartige Erhellung seiner Realität. Das ist und bleibt: das radikale, rücksichtslose, keine Grenzen kennende Vorgehen eines emotional Gestörten.

Gegen 3h morgens fühlst Du die Durchblutung in Deinen Körper zurückkehren. Und das Empfinden, Deine Lumbalregion sei mit elektrischen Kupferdrahtfäden durchwirkt, läßt auch allmählich nach. Du bist in der Lage, Dich zu erheben, den Blick von O.s leidender Freundin in Deinem Handy zu lösen und auf  leisen Sohlen zurück ins Schlafzimmer zu gehen. Dort kuschelst Du Dich unter Deine Decken, legst Dir das stummgeschaltete Smartphone auf den Bauch und bedeckst es vorsichtig mit Deiner rechten Hand. Ganz so, als ob es ein besonders schutzbedürftiges, zartes Wesen wäre. Ein Vogeljunges, das aus dem Nest fiel, um genau zu sein. Du stellst Dir vor, dass all deine Anteilnahme über Deine Atmung durch das Handy hindurchfließt zu O. und ihn erreicht, während der dunklen Stunden, die er höchstwahrscheinlich jetzt in seinem großen, leeren, heimgesuchten Haus verbringt. Wachend. Ungetröstet. Mutterseelenallein, inmitten all der vielen Bilder. „Ich möchte bei ihm sein“ denkst Du. Dann schläfst Du ein.

Erst um 6.48h kommst Du wieder zu dir und siehst, dass O. um 5.17h „Guten Morgen Kleine“ schrieb, während Du noch schliefst. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du eilig und hasst Dich selbst dafür, dass Du nicht früher wach sein konntest. „Bitte schick mir ganz schnell ein Bild von dir!!!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und wählst zwei Fotos von deiner Brust in einem indigoblauen Bandeau-Top für ihn aus. „Danke“ schreibt O. „Hättest du eventuell heute abend Zeit?“ – „Ja! Sehr gut sogar!“ antwortest Du. „Ich fahre jetzt dann ins Krankenhaus und danach noch in die Stadt!“ schreibt O. „Ich melde mich wenn ich wieder zu Hause bin!!!“ – „Gerne!“ antwortest Du und spürst wie eine Woge von Erleichterungsgefühlen Deinen Körper flutet. Und zwar genau von da ausgehend, wo Du dein Rückenmark, das Zentrum deines Nervensystems vermutest, das in der Nacht so weh tat. Alles fühlt sich plötzlich warm und leicht an. Die Morgensonne scheint ins Schlafzimmer. Und Du bist sicher: es wird ein wunderschöner Tag.

Die Euphorie trägt Dich weit über den Vormittag. Beflügelt, energiegeladen wie seit langem nicht mehr. Dankbar für das vorfrühlingshafte Licht. So verbringst Du die Zeit. Gehst zum Sport. Machst Ordnung im Haus. Erledigst Aufgeschobenes. Stets in Gedanken bei O. Stets das Handy dicht bei. Erfüllt von der Gewissheit, O. bald, in wenigen Stunden, begegnen, sehen, berühren zu dürfen um Vertrautheit und Nähe mit ihm leben zu können für einen kurzen, magischen Moment – nach all dem Schweren der letzten Zeit. Du steigerst Dich in diese Ideen hinein, während Du hyperaktiv in Deinem Zuhause umherwirbelst, mehrere Dinge gleichzeitig tust, das Handy fixierst und vollkommen ausser Acht lässt, dass O. ja eigentlich nur von der vagen Möglichkeit eines Treffens schrieb. Ohne Zusage. Ohne Verbindlichkeit. Wie schon so oft. Das Konjunktivische seines Schreibens willst Du, emotional überlastet wie Du bist, an diesem Tag einfach nicht sehen. Und so nimmt das Verhängnis des 26. Februar 2016 seinen Lauf.

Gegen 15h kommt Dein Aktivitätsschub zum Erliegen. Teilnahmslos sitzst Du am Küchentisch und horchst nur noch auf das Ticken der Wanduhr die gnadenlos das Verrinnen des Nachmittags auszählt. Es wird 16h. Es wird 16.30h. O. meldet sich nicht. Um 16.43h hältst Du es nicht mehr aus. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Kann ich Dich heute besuchen?“ Die Uhr tickt weiter. Eine Minute vergeht. Dann drei. Dann fünf. „Ich würde so gern mit dem Radl in Deine Gegend fahren und bei Dir sein!“ schreibst Du. „Ich wünsche es mir so sehr, es ist fast nicht auszuhalten.“ Stille. Leere. Schweigen. Dein Herz klopft. Im Rhytmus des Sekundenzeigers der Küchenuhr. „Ich könnte um 19h bei Dir sein.“ schreibst Du um 17.03h. „Ich bringe auch Netzstrümpfe und Highheels mit. Ich mach alles was Du willst und ich gehe gleich wieder wenn Du das möchtest!“ Keine Antwort. „Es ist so ein schöner Tag!“ tippst Du mit letzter Verzweiflung. „Bitte sag mir bescheid!“ Dann legst Du das Handy beiseite.

Es piept um 17.33h. „Glaube eher nicht“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du, während Du das Gefühl hast, durch einen Schacht ins Bodenlose zu fallen. „Heute hatte ich Hoffnung, ehrlich gesagt“ fügst Du hinzu um den Sturz vielleicht noch aufzuhalten. „Ich hab Dich so lange nicht gesehen. Bitte!“ – „Nein“ antwortet O. „Warum nicht?“ tippst Du. „Bitte sag mir warum?“ – „Du wolltest doch gequält werden“ schreibt O. „Ja. Wenn ich bei Dir bin“ antwortest Du. „Bitte lass mich kommen.“ Eine Pause entsteht. Die Geschwindigkeit Deines Fallens durch die Dunkelheit scheint sich ein wenig zu verlangsamen. „Vielleicht wird alles gut“ denkst Du. Wartest. Hoffst. Auf eine gnädige Wendung des Chatverlaufs. Jedoch. Um 18.08h schickt O. den einen, den katastrophalen Satz. Den Satz, der etwas in Dir vernichtet. Den Satz, über den Du nicht hinweg kommst. „Du kannst“ schreibt O., nach allem, was Du in den vergangenen Tagen mit ihm erlebt, gelitten und geteilt hast, „dich vor das Fenster stellen und es dir selbst machen.“

Du liest die Worte der Whatsapp-Nachricht, die sich wie Flammenzeichen auf Deine Netzhaut brennen, insgesamt sechsmal durch. „Vor welches Fenster?“ schreibst Du dann. „Wohnzimmer Fenster“ antwortet O. „Bei mir hier? Oder bei Dir?“ fragst Du verwirrt. In der absurden Hoffnung, es handele sich hier um den Auftakt zu einem besonders perfiden erotischen Spiel. „Wo du willst“ antwortet O. Gleichgültig. Kalt. Wie auf Vernichtungsfeldzug. „Was soll das?“ tippst Du mit zitternden Fingern. „Ich habe NEIN gesagt aber du hörst nicht auf!!!!“ schreibt O. „WAS SOLL DAS?????“ – „Entschuldige“ antwortest Du. „Ich habe heute einfach nur sehr stark gehofft dass ich Dich besuchen kann. Ich vermisse Dich seit Monaten. Ich hab so viele Bilder für Dich gemacht. Und so lang gewartet.“ Du hältst inne. Hoffst noch einmal. Auf ein Entgegenkommen, Einlenken, irgendein Zeichen von O. Auf etwas, was die Katastrophe aufhalten könnte. Jedoch. O. antwortet nicht. O. schweigt. Da bricht sich Deine Verzweiflung Bahn.

„Ok“ schreibst Du. Wütend. Überfordert. Fassungslos. „Ich hab es jetzt verstanden. Du willst mich nicht mehr.“ Schweigen. „Dann wünsch ich Dir von Herzen dass Du bald eine Andere zum Schikanieren findest. Mal sehen ob so schnell Eine Dich hinten küsst und 1700 Bilder für Dich macht!!!“ Schweigen. „Mein Job ist dann wohl erledigt, oder?“ tippst Du weiter. „Ist das wirklich das was ich verdient hab nach all den Monaten?“ O. antwortet nicht. Du greifst zum Äussersten. Lässt Deine tiefste, quälendste Angstphantasie nach draussen. „Fickst Du dann heute abend eine Andere?“ schreibst Du. Schweigen. „Sag mal gehts noch????“ kommt es dann von O. „Das frag ich Dich!!!“ antwortest Du. „Hör auf jetzt!!!“ schreibt O. „Und warum bist DU so krass zu mir?“ schreibst Du. „Ich hab Dir nichts getan! Ich wollte Dich nur sehen. Das war mein Verbrechen. Dich sehen zu wollen!“ Schweigen. „Es tut mir leid“ schreibst Du. „Ich hab immer versucht Deine Wünsche zu erfüllen. Heute hatte ich blöderweise auch mal selber welche!“

O. schweigt. „Aber das ist das Ende jetzt, oder?“ tippst Du. „Wenn du so weitermachst ja“ antwortet O. Du fühlst wie etwas sehr Gefährliches sich aufbaut, in Deinem Inneren. Eine Art Amok-Situation, in der ein anderes Du in Dir statt Deiner selbst denkt und handelt. Und zwar nicht allzu folgerichtig. „Ich will Dich sehen!“ tippt dieses andere, unbekannte Du ins Handy. „Ich dusche jetzt und fahre zu Deinem Haus. Ich halte es nicht mehr aus. Ich fahre da hin.“ Schweigen. „Ich schmeisse alle Schuhe da vor die Tür und es ist mir egal was dann passiert!!!“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich werfe alle Schuhe und Kleider bei Dir in den Vorgarten. Ich kann nicht mehr. Ich fahre zu deinem Haus und werfe alles hin was ich für Dich gekauft hab. Das ist das absolute Ende. Es ist mein Ernst. Ich mache das“. Dann erhebt sich Dein rebellierendes, ausflippendes Du, legt das Handy beiseite und eilt, vorbei an Deinem verwundert dreinblickenden Sohn, der gerade im Treppenhaus steht, hinauf ins Badezimmer.

Auch unter der Dusche kommt Dein amoklaufendes Du nicht zur Besinnung. Aber immerhin. Nachdem es sich abfrottiert, gekämmt und geschminkt hat, eilt es, einem Impuls folgend, ins Schlafzimmer. Dort holt es eine schwarze Netzstrumpfhose aus der Stoffschachtel mit Mille-Fleurs-Muster, zerrt sie sich bis unter die Achseln über den nackten Körper, schlüpft in die schwarz schimmernden Leggings und macht schnell ein paar Selfies von diesem Outfit. „Zum letzten Mal zieh ich das hier für Dich an!!!“ schreibt das ausser Kontrolle geratene Du und sendet die Bilder an O. „Was wäre so schlimm daran mich in diesem Outfit reinzulassen?“ – „Ich kann nicht weil es der Lolo so schlecht nach der OP geht!!!“ antwortet O., sehr zum Erstaunen des durchdrehenden Du. „Du willst die Sachen vor die Türe stellen dann tu das! Aber ohne eine Szene zu machen!!! Wenn die Lolo in ihrem jetzigen Zustand von uns erfährt … das wäre unerträglich für sie!!! Also zeig Mitgefühl und stell es normal vor die Haustür!!!“

„Bist Du zu Hause?“ tippt das ausser Rand und Band geratene Du, das nun beginnt sich ein wenig zu schämen. „Ja. Aber ich werde dir nicht öffnen!!!“ antwortet O. „BITTE!!!“ schreibst Du. „Nein! Hör sofort auf!!!“ schreibt O. „Mir gehts selbst nicht gut und ich möchte niemanden sehen!!! Ich möchte allein sein! Stell die Sachen vor die Tür damit es dir besser geht! Aber ohne eine Szene zu machen. Das würde ich bei dir auch nicht tun!!!“ – „Nein ich stelle nichts vor die Tür“ antwortest Du kleinlaut und wieder völlig Du selbst geworden. „Dann schmeiss die Sachen weg!!!“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Bitte Ursula lass mich!“ schreibt O. „Du hast dich gerade von einer schrecklichen Seite gezeigt!!!! Bitte lass mich in Ruhe!!! Ich habe unseren gesamten Chatverlauf gelöscht. Ich habe kein einziges Foto mehr von dir!!! Bitte schreib mir nicht mehr. Ich blockiere dich sonst!!!“ – „Du hättest mir doch einfach sagen können dass es Dir nicht gut geht!“ tippst Du verzweifelt. „Das habe ich noch immer verstanden!“

„Ich habe dir geschrieben dass ich mich abends bei dir melde“ antwortet O. „Das stimmt nicht!“ schreibst Du. „Egal!!!“ antwortet O. „Es ist vorbei! Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ – „Ok“ schreibst Du und fühlst die austickende Version Deiner selbst zurück kommen. „Ich fahre jetzt zu Dir. Ich muss Dich sehen.“ – „Ich werde nicht öffnen“ antwortet O. „Ich komme trotzdem“ schreibt Dein amoklaufendes Du. „Ich muss das Haus sehen. Ich geh sonst kaputt“. Ohne eine weitere Nachricht von O. abzuwarten erhebt sich das durchgedrehte Du vom Schlafzimmerbett. Es zieht einen schwarzen Rollkragenpulli über den Kopf und eine weite Jeans über die Leggings. Es holt die signalroten Highheels aus ihrem Versteck, überlegt kurz und wickelt sie dann im Badezimmer in zwei grosse Handtücher ein. Dieses skurrile Paket verstaut das ausrastende Du in einer hellblauen Segeltuchtasche. Es schlüpft in seine Boots und seinen Winterparka. Rafft Hausschlüssel und Handy an sich und tritt todesmutig hinaus in die Nacht.

 

 

In the Midst of Tragedy, Pt. 1

Anfang Februar 2016 geht O. dazu über, Dir Internet-Pornos aufs Handy zu schicken. Kommentarlos. Einfach so. Und zwar nicht irgendwelche Sexfilmchen, die traditionellen, erwartbaren Handlungsmustern folgen. Auch keine SM-Sequenzen – die Dir durchaus gefallen könnten – vorausgesetzt sie wären ästhetisch gefilmt. Was O. schickt ist vielmehr nur einfach vollkommen bizarr. Grell. Jenseits aller Grenzen von Stil und Geschmack. Und mit dem Inhalt Eurer auf Whatsapp entwickelten Phantasien hat es auch nichts zu tun. „Gefällt Dir das wirklich?“ schreibst Du, nachdem Du zwei Frauen mit riesigen Brüsten beim Extrem-Squirting zugeschaut hast. „Klar!“ antwortet O. „Ich schaue ab und zu ganz gern mal einen Porno! Dachte nicht das du da ein Problem damit hast!“ – „Hab ich auch nicht“ antwortest Du. Devot wie immer. „Ich freue mich über alles was Du mir schickst. Nur Squirting ist nicht so mein Ding!“ – „Kein Problem!“ antwortet O. gönnerhaft. „Vielleicht hab ich ja nächstens nen geilen Leckporno für dich!“

Leider scheint zusammen mit einem der von O. geschickten Sex-Videos ein gnadenloser Smartphone-Virus Dein Handy infiltriert zu haben. Denn als Du es am Morgen des folgenden Tages einschaltest und entsperren willst, informiert Dich grelles, neongelbes Schriftwerk auf blauem Grund, man müsse Deinen Smartphone-Browser blockieren. Du habest Dich schwerer Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz, gegen Persönlichkeitsrechte von Dritten sowie gegen Sitte, Moral und Anstand schuldig gemacht. Nur nach sofortiger Überweisung des Betrags von 1000.- Euro auf ein bestimmtes Konto werde Dein Browser baldmöglichst wieder freigegeben. Du verbringst quälende Stunden in einer Servicestelle für Handyprobleme am anderen Ende der Stadt, wo Dein Smartphone komplett zurückgesetzt und rebootet wird. Sehr viele Bilder, Chats, Memos und Kontaktdaten gehen dabei unrettbar verloren. Allein Deine Whatsapp-Dialoge mit O. lassen sich fast vollständig wieder herstellen. Ein kleines Wunder. Jedoch. Der Schock sitzt tief.

O. gegenüber erwähnst Du nichts von der Malware-Attacke auf Dein Handy. Am Ende des nervraubenden Tages bist Du einfach nur froh, wieder für ihn erreichbar, mit ihm in Verbindung zu sein. Denn das ist nach wie vor das Wichtigste für Dich. Immer und überall verfügbar zu sein für seine spontanen Ideen. Die Dir noch immer so herrlich abgefahren, so wunderbar verrückt erscheinen. Wie an einer unsichtbaren, pulsierenden Nabelschnur hängst Du an dem Kontakt, besser gesagt an der MÖGLICHKEIT des Kontakts zu ihm. Dass er Dir schreiben KÖNNTE. Zu jeder Zeit, tagsüber oder nachts. Dich auffordern KÖNNTE zu einem Abenteuer, einem Whatsapp-Nervenkrieg, einem erotischen Spiel. Und Dich damit herausreißen WÜRDE aus der gefühlten Lethargie Deines Alltags. Das ist Dein Alpha und Omega an jedem neuen Tag. Deshalb, und aus vielen anderen Gründen erfährt O. nichts von dem Stress, den Du seinetwegen hattest. Doch, seltsam: seit jenem Vorfall schickt O. Dir nie wieder dubiose Pornovideos aufs Handy.

Die närrischen Tage der Karnevalszeit fühlen sich im Jahr 2016 für Dich an wie ihr genaues Gegenteil. Verfroren, einsam und nachdenklich, wie an den Totenfeiertagen im November, so sitzst Du in der Nacht zwischen Rosenmontag und Faschingsdienstag im Wohnzimmer beim Kaminofenfeuer. In bleierner Stille,  denn Dein Mann und Dein Sohn sind zum Skifahren verreist. Und O., dessentwegen Du zu Hause bliebst, O. schreibt Dir nicht. Obwohl er wissen müsste, dass Du darauf wartest und Dir Sorgen um ihn machst. Dass die bevorstehende OP von seiner Freundin ihre Schatten bedrohlich vorauswirft, ist für Dich mit Händen fast zu greifen, während Du auf dem Sofa gekauert ins Dunkle starrst. Aber. Warum O. Dir nicht ein Minimum an Information über seine Lage geben kann, verstehst Du trotzdem nicht. In Dein Mitgefühl für ihn und seine Freundin mischt sich Wut, während Du zum Handy greifst und schreibst: „Ich bin hier und denke an Dich. Schade dass ich gar nichts von Dir höre! Gute Nacht!“

Äonen des Wartens vergehen. Quälend. Still. Leer. Aus dem Karneval wird die Fastenperiode. Aus Aschermittwoch wird Ascherdonnerstag wird ein grauer, deprimierender Freitag und ein Samstag voller Sinnlosigkeit und Angst. Dann endlich, am ersten Sonntag der Passionszeit meldet O. sich wieder. Und zwar in Form einer Sprachnachricht, die Dich außerordentlich aufwühlt und bewegt. „Hey Baby!“ hörst Du ihn mit brüchiger Stimme sagen, während das Smartphone in Deiner Hand zittert. „Mit der Lolo ihrem Krebs hats wieder jede Menge Stress gegeben. Und mit ihrer Familie auch! Ihre Schwester versucht uns zu schaden wo sie nur kann. Ich zieh mir dann oft so eine Art innere Decke über den Kopf und bin für niemanden zu sprechen. Aber ich find es schön dass du mir noch immer schreibst und diese geilen Bilder für mich machst. Wenn das Schlimmste hier vorbei ist komm ich wieder zu dir. Bitte hab noch Geduld und machs dir ab und zu selber. Ich entschädige dich dann, ok?“ – „Ok“ hauchst Du ins Handy und weinst.

Erschüttert, ohne genau zu wissen wovon. Verstört und belastet von Vorgängen, die Du vielleicht schemenhaft erahnen, jedoch keineswegs voll überblicken kannst. Tief involviert in eine Tragödie, die nicht die Deinige ist und deren Hauptakteure Du nicht kennst. Täglich auf unbegründbare Weise ein klein wenig mehr verzweifelt und bedrückt. So verbringst Du die diffus dahintreibende Zeit vor dem 24.2.2016. Dem Tag, der für die Freundin von O. die entscheidende Befreiung aus ihrem Krebs-Drama mit sich bringen soll. Dies allerdings zu einem sehr hohen Preis: dem Verlust ihrer linken Brust. Der Opferung eines wichtigen Attributs ihrer Weiblichkeit. Ziel der sechsmonatigen Chemotherapie war es eigentlich gewesen, eine brusterhaltende OP zu ermöglichen. Jedoch. Diese Hoffnung habe sich zerschlagen, teilte O. in seiner Sprachnachricht mit. „Die Lolo ist total am Boden, denn sie hat bald nur noch nen halben Busen“ sagte er. Und dieses Schiksal lässt Dich keineswegs kalt.

Am Tag der OP erscheint alles versteinert, leblos und kalt. Du erwachst gegen 6h morgens mit dem Gefühl einer Zentnerlast auf der Brust, gräbst unter der Decke nach Deinem Handy, klickst Dich zu Deinen Chats mit O. und tippst mit verkaterten Augen: „Guten Morgen! Alles alles Gute! Ich denke so sehr an Euch!!!“ O. antwortet nicht. Ab 8h verbringst Du die lastend dahinschleichenden Stunden mit Aufräumarbeiten im Haus, das Handy stets im Blick. Von Zeit zu Zeit kannst Du nicht anders, Du musst es entsperren und in O.s Chatfenster starren, als könntest Du dadurch erfahren wie es ihm geht. Aber Du siehst nur, dass er permanent online ist. Kommst Dir deplatziert vor, in Deiner Küchenschürze, daheim. Und schämst Dich gleichzeitig für diese Gefühle, die so unangemessen sind angesichts des Leids einer anderen Person. Gegen Abend reisst die Hochnebeldecke auf und einige Sonnenstrahlen brechen aus dem Himmel hervor. Du atmest auf. Die Krise des Tages, sie scheint vorbei.

In den Morgenstunden des 25. Februar 2016 wagst Du es, O. anzuschreiben. „Guten Morgen! Wie war denn die Nacht?“ tippst Du um 5.22h, nachdem Du aus Deinem Bett gekrochen und ins Wohnzimmer geschlichen bist, wo Du Dich auf der Couch zusammenkauerst. „Guten Morgen!“ antwortet O. nach drei Minuten. „War gestern den ganzen Tag im Krankenhaus! Und ich hab wieder so gut wie nicht geschlafen“ – „Oh das tut mir so leid!“ schreibst Du. „Ich habe dauernd an Dich gedacht!!!“  – „Lieb von dir“ antwortet O. „Bitte sag mir einfach wenn ich irgendwas machen kann was Dir hilft!“ schreibst Du. „Du weißt doch was du machen kannst!“ textet O. „Bilder?“ fragst Du. „Auch!!!“ schreibt O. „Und???“ – „Heute Abend kommen?“ tippst Du ungläubig. „Ja!!!“ antwortet O. „Aber für ne härtere Nummer!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann bereite ich mich vor“. Fassungslos. Überwältigt. Auf perverse Art glücklich. „Danke!“ schreibt O. „Ich bin so froh dass ich dich habe!“ – „Das hast du auf jeden Fall!“ antwortest Du.

Abwesend. Wie in Watte gepackt. Seltsam entrückt. So durchlebst Du die Stunden nach diesem Chat. Einerseits dankbar und stark davon berührt, dass O. in der aktuellen Situation Halt sucht bei DIR. Und nicht bei jemand anderem. Du hattest nicht geglaubt, so wichtig zu sein für ihn. Andererseits zutiefst verstört, auf welchem Weg O. versucht, Abstand zu den Geschehnissen im Krankenhaus herzustellen. Nicht durch Gespräche oder Umarmungen. Nicht durch Zuhören oder Reden. Nicht durch Pizza bestellen oder Essen gehen. Sondern mit hartem, intensivem Sex. Dem einzigen Mittel, das er wirklich kennt. Mit der Demütigung und Misshandlung einer Frau. Mit der Übertragung seiner eigenen Aufgewühltheit, seiner eigenen Ängste, seiner eigenen Schmerzen auf eine andere Person: Dich. Dich, die alles mitmacht. Dich, die niemals protestiert. Dich, die moralische Bedenken unter den Teppich kehrt. Weil sie O.s Funktionieren verstanden hat und ihn bedingungslos liebt. Dich, O.s perfekte codependente Frau.

25.2.2016, 18h. Du sitzst am Küchentisch und rührst in Deiner Teetasse. Angespannt. Unruhig. Nervös. O. hat sich den ganzen Tag über nicht mehr bei Dir gemeldet. Sorgenvoll nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Ich könnte nachher gegen 19h bei Dir sein. Ist Dir das recht?“ O. antwortet zum Glück sehr schnell. „Glaub nicht“ schreibt er und Du fühlst einen Zustand von extremer Verletzlichkeit und Fragilität durch das Handy zu Dir dringen. „Ok“ antwortest Du. „Du willst lieber Deine Ruhe haben, hm?“ – „Glaub ja“ antwortet O. „Das verstehe ich!“ schreibst Du. Lehnst Dich zurück. Fühlst wie die Aufregung von Dir weicht. Beginnst, in Deinem Kopf nach Worten zu suchen, die O. spürbar vermitteln könnten, dass Du an seiner Seite bist, in dieser extremen, belasteten Situation. Da piept Dein Handy erneut. Als Du es entsperrst, siehst Du, dass O. Dir ein Bild geschickt hat. Und zwar: ein absolut grauenvolles, unerträglich schmerzhaftes Bild. Es lässt Dir sofort das Blut in den Adern gefrieren.

Du siehst: die frontal aufgenommene Handyfotografie einer massigen, kahlköpfigen, jeglicher Weiblichkeit beraubten Frau. Erschöpft, mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund liegt sie auf einem schräghoch gestellten Klinikbett. Ihr Teint ist gelblich fahl, die Augenlider dunkelblau umschattet. Ein durchsichtiger Inhalationsschlauch klemmt unter ihrer Nase, die aufgedunsene linke Hand ruht auf einem automatischen Notrufknopf, die aus dem OP-Hemd ragende Schulter ist noch mit bräunlichem Desinfektionsmittel verschmiert. Die ganze Szenerie atmet Krankenhausluft, Krankenhauspanik, Krankenhausstress. „Oh mein Gott. Sie tut mir so leid!!!“ schreibst Du, nachdem Du es einigermaßen erfaßt hast.  „Ich glaube darum kann ich grad nicht!“ antwortet O. „Sie tut mir halt zu leid“ – „Ist das Bild von heute?“ fragst Du. „Gestern“ antwortet O. „Aber heute geht es ihr eher schlechter als gestern. Bitte versuche zu verstehen dass ich heute nicht ficken kann. Wenn es ihr besser geht komme ich zu dir!“ – „Natürlich!“ schreibst Du. „Ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!“ antwortet O.

 

Vêtements

Natürlich kommt am 8. Januar 2016 kein O. zu Dir zu Besuch, um sich in irgendeiner Weise von Dir glücklich machen zu lassen. Und den ganzen restlichen Monat hindurch auch nicht. Ebensowenig im Februar. Du verbringst die gesamte Hochwinterzeit allein. Allein mit dem Selfiestick. Allein mit den Leggings aus schwarz schimmerndem Lederimitat. Allein mit einem Paar signalroter Plateauheels, die Du im Online-Schuhandel noch bestellst. Und allein mit den vielen Fragen, Sorgen und Ungewissheiten, die sich Dir stellen im Bezug auf O. Wie krank ist seine Freundin wirklich? Deine Fantasien schwanken, während Du Tag für Tag in der Stille Deines Schlafzimmers auf dem Bett kniest und die Leggings immer wieder neu fotografierst. Mal glaubst Du, O. bereits an Lolos Sterbebett wachen zu sehen, von Infusionsschläuchen umgeben, totenbleich. Dann wieder befallen Dich Zweifel, ob die behauptete Krebserkrankung tatsächlich existiert. So flüchtig und ungreifbar ist alles, was O. dazu schreibt.

Dass O. unter erheblichen Belastungen steht, kannst Du nur indirekt, am Rande, durch Rückschlüsse erahnen. Erzählt wird Dir nichts. Aber am 11. Januar 2016 zeigt O. sich ungewöhnlich erschüttert vom Tode David Bowies. Dessen Gepflogenheit, zwischen verschiedenen Kunstfiguren und Alter Egos zu changieren, scheint DAS Role Model gewesen zu sein für O. Und eine Welt ohne das schillernde Chamäleon des Pop dunkel und leer. „David Bowie ist tod!!! I will miss him forever!“ schreibt er in seinen Whatsapp-Status. Dann verfällt er für zwei Tage in Schweigen. „Tut mir leid!!!“ antwortet er, als Du ihn am 14.1. zur Mittagszeit schüchtern kontaktierst. „Mir geht’s ziemlich schlecht. Hab starke Tabletten genommen und bin dadurch ziemlich weggetreten!!!“ – „Werd schnell wieder gesund mein Prinz!!!“ schreibst Du. Ohne nachzufragen, welche Medikamente zur Heilung welchen Leidens zum Einsatz kamen. Aber Du bist sicher: für den Fall einer seelischen Irritation werden Bedarfspsychopharmaka gehortet,  im Hause O. …

Einige Tage später sprüht O. wieder vor Energie und Tatendrang. „Babe“ schreibt er am 18.1. kurz vor 16 Uhr. „Ich sortiere gerade Jeans und Pullover bei mir aus!!! Kannst du oder dein Sohn was davon gebrauchen?“ – „Ja! Oh ja!“ antwortest Du, während tausend Erinnerungen an O.s luxuriöse Marken-Outfits Dein emotionales Gedächtnis fluten. „Ich fand alles was ich bisher an Dir gesehen habe wunderschön! Die Farben, der Look, das Material, alles! Ich wäre glücklich etwas davon hier bei mir zu haben!“ – „Meine Sachen sind gar nicht so besonders!!!“ schreibt O. „Aber es ist eine schwarze Strickjacke dabei die vielleicht was für dich wäre!!! Und wenns nur für Fotos und zum Ficken anziehen ist!!!“ – „Ich werde sie lieben!“ antwortest Du. „Dann bring ich dir die Sachen diese Woche noch vorbei!!!!“ schreibt O. „Danke!“ antwortest Du tief beseelt. Jedoch. Etwas in Deinem Inneren hält Dich davon ab, Dich allzusehr zu freuen. Und richtig. Am 21. 1., dem Tag an dem er Dich eigentlich besuchen wollte, schreibt O.:

„Braucht Dein Sohn wirklich Klamotten von mir? Kumpel fährt nach Polen in ein kleines armes Dorf und verteilt dort Sachen!!! Ich würde ne Strickjacke für dich zum Fotografieren aufheben!!! Kann ich ihm die Sachen mitgeben oder willst du was für deinen Sohn? Gute schwarze Schuhe heb ich auch noch für dich auf ok?“ – „Natürlich, Liebster. Mach es so wie Du es für richtig hältst!“ antwortest Du tapfer, während unangenehme, beschämende Gefühle sich in Deinem Inneren ausbreiten. Enttäuschung. Eifersucht. Das Empfinden um etwas gebracht, betrogen worden zu sein. „Bitte heb mir was auf. BITTE!!!“ schiebst Du verzweifelt hinterher. „Ich möchte mich so gern in ein Hemd oder einen Pulli von Dir kuscheln!“ – „Du bekommst was!“ antwortet O. nach ein paar Minuten. Gnädig. Huldvoll. Fühlbar berauscht von der Macht, die er über Dich hat. „Ich gebe dir ein weisses Anzug Hemd!!! Das ist bisschen länger und vom Stoff her feiner!!! Das sieht sicher super sexy an dir aus, ok?“ – „Oh Mann! Danke!“ antwortest Du. 

Am 26. 1. 2016 endet die Chemotherapie von O.s Freundin. Was Du nur deshalb erfährst, weil Dich am Abend dieses sehr nasskalten und leeren Tages eine besonders aufwühlende Melange aus Verlorenheit, Sehnsucht und Zukunftsangst umtreibt. So dass Du schließlich Dein Handy nimmst und schreibst: „Heute war für mich ein schwieriger Tag. Ich denke dauernd an Dich und hoffe so sehr dass die Chemo-Zeit jetzt bald rum ist. Es kommt mir brutal lang vor, ehrlich gesagt.“ – „Ich will dass Du eines weisst, für immer“ schiebst Du nach einer Weile, gebeutelt von Melodrama und Pathos hinterher. „Dich getroffen zu haben, O., war neben der Geburt meines Sohnes das wichtigste, prägendste Ereignis meines Lebens. Ich kann mir mein Leben ohne Dich nicht mehr vorstellen und ich liebe Dich. Und das wird immer so sein, egal was passiert.“ – „Heute war die letzte Chemo“ antwortet O. nach zwei Minuten. „Das freut mich!“ textest Du. „Ich wünsch Dir dass es nur noch aufwärts geht jetzt!“ O. schreibt nicht mehr zurück. 

Tags darauf holst Du eine schwarze Netzstrumpfhose, die Du vor längerer Zeit gekauft hast, aus der Mille-Fleur-Schachtel in Deinem Schrank. Stellst fest, dass Du sie Dir bis auf Achselhöhe über Deine Brust ziehen kannst. Machst Dir ein schwarzes Samthalsband um. Schlüpfst in die Leggings und die schwarzen Peeptoes mit Jetperlen am Rand. Kniest Dich aufs Bett und fotografierst Dich selbst mit ernstem, besorgtem, suchenden Blick. „Welch geiles Nuttenoutfit!!!“ schreibt O. begeistert, als Du ihm gegen 16h ein paar von den Bildern schickst. „Du hast ein unglaubliches Händchen für erotische Kleidung!!! Egal was du anziehst, es schaut immer super sexy an dir aus!!! Ich bin schon so gespannt wie mein weisses Hemd dir passen wird!!! Welche Schuhe willst du denn eigentlich dazu tragen?“ – „Entweder die schwarzen Peeptoes oder die roten“ antwortest Du. „Diejenigen die DIR lieber sind“ – „Dann fotografiere bitte nochmal die roten Schuhe für mich!!!“ schreibt O. „Damit ich eine Entscheidung treffen kann!“

Das Schreiben über stimulierende Kleidung. Über Strümpfe. Catsuits. Schuhe. Über getragene Herrenhemden. Zerrissene Jeans. Und wieder über Schuhe. Deren Farben. Und darüber, wie es alles zueinander passt. Wie es sich trägt und anfühlt bei Körperkontakt. Ob es zerreißbar ist oder aufgeschnitten werden muss, falls O. Deine darunter entblößten Brüste ertasten oder im Schritt einer Feinstrumpfhose oder Legging in Dich eindringen will. Kurz: die Fetischisierung Deines Körpers auf vielen, vielen Bildern. Das Entstehen eines immer subtileren Codes für die flackernden Gefühle zwischen Dir und O. Die Erschaffung einer Parallelwelt zu dem sinistren Raum der Eure Beziehung ohnehin längst ist. In hunderten von Chats. Dies alles wird Anfang des Jahres 2016 zum immer dichteren Netz unter den verbalen Drahtseilakten, die Du zusammen mit O. oder für ihn via Smartphone vollführst. Wenn es nichts mehr zu texten gibt. Wenn O. zu verschwinden, wegzugleiten droht. So kannst Du immer noch schreiben über Highheels und schrittoffene Slips.

Indessen treibt der Überlebenskampf von O.s Freundin gegen den Krebs in ihrer Brust einem weiteren dramatischen Höhepunkt entgegen. Am 24. 2.2016 ist eine umfassende OP geplant. Und O. hat natürlich ganz eigene Vorstellungen von dieser Zeit. „Du könntest zu mir kommen an den Tagen wenn sie im Krankenhaus ist!“ schreibt er eines Abends Anfang Februar. „Oder nachts!!! Du müsstest Anziehsachen mitbringen!!! Dann kann ich mich mal richtig an dir aufgeilen!!! Dich festbinden … und dann wieder rausschmeissen!!! Auf das freue ich mich total!!!“ – „Ok. Wir könnten aber auch einfach nur reden und uns sehen“ bringst Du schüchtern vor. „Wenn ich dich sehe will ich dich auch ficken!!!“ antwortet O. „Und dir weh tun!!!! Das weisst du genau! Ich habe es dir tausendmal geschrieben!!! Und jetzt ist es endlich soweit!!!“ O.s hyperbolische Sprache verfehlt auch diesmal nicht ihre Wirkung auf Dich. „Ok“ antwortest Du. Und siehst, dass ein sehr, sehr bleicher, krankhaft fahler Mond aufgegangen ist über den Häusern Deiner Stadt …

 

The Starry, Starry Nights

Mit dem Verklingen der festlichen Lieder am Ende der Weihnachtsfeiertage 2015 ist O. plötzlich wieder ANDERS. Nicht mehr eingemauert, unerreichbar und kalt so wie in den finsteren Stunden des Advent. Sondern offen und voller Berührbarkeit. Jedenfalls kommt es Dir so vor, als Du am 26.12. um 9h Dein Handy einschaltest und siehst, dass O. Dir um 5.34h schrieb. „Guten Morgen mein süßer Schatz!!!“ textete er. „Ich habe sehr starke Sehnsucht nach dir und bin sehr froh wenn wir uns wiedersehen!!!“ – „Oh Liebster!!! Es geht mir ganz genauso!!!“ schreibst Du dankbar zurück und eilst ins Badezimmer um Bilder von Deiner nackten Brust zu machen. „Ich bin so froh wenn die Ferien vorbei sind und ich Dir endlich wieder richtig dienen kann!“ Dass Du in diesem Moment Deinen Mann, Deinen Sohn und grosse Teile Deiner eigenen inneren Wertordnung verrätst, stört Dich nicht. Ebensowenig wie die Tatsache, dass O. Dir nichts erwidert. Das Glücksversprechen seiner Worte trägt Dich durch den ganzen langen Wintertag.

In der folgenden Nacht hält ein nahezu kristallin scheinender Sternenhimmel Dich davon ab, schlafen zu gehen. Stunde um Stunde bleibst Du im Wohnzimmer sitzen, hütest das Kaminofenfeuer und verlierst Dich im Anblick der glitzernden Asteroiden am mondhellen Firmament über Deinem Haus. Um 3.32h nimmst Du schließlich Dein Handy, öffnest Deine Chats mit O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich bin gerade wach und denke an Dich. Es sind wunder- wunderschöne sternklare Vollmondnächte im Moment und ich würde mich so gerne mit Dir treffen!“ – „Ich weiss dass es nicht geht“ fügst Du nach einer kleinen Pause hinzu. „Aber Du sollst wissen dass ich es mir wünsche!“ Dann kuschelst Du Dich unter der Patchworkdecke auf der Couch zurecht. Gerade als Du dabei bist, Dich doch noch in einen leichten Dämmerzustand gleiten zu lassen, vibriert das leise gestellte Smartphone in Deiner Hand. „Guten Morgen Babe!“ schreibt O. „Weisst du wie du mich glücklich machen könntest?“ – „Wie denn?“ fragst Du erwartungsvoll.

„Du könntest dir im Internet eine enge Leggings aus schwarzem Lederimitatstoff bestellen!!!“ schreibt O.  „Eine die glänzt und schimmert!!! Am Besten gleich mehrere denn ich werde sie dir dann im Schritt aufschneiden!!! Würdest du das für mich tun?“ – „Na klar“ antwortest Du. „Ich mach mir nur Sorgen dass die dann gar nicht so toll an mir ausschaut!“ – „Babe, sie wird absolut perfekt an dir aussehen!“ schreibt O. „Du hast nen hammergeilen Körper und ich kann es kaum erwarten Sie an dir zu sehen!!!“ – „Dann mache ich das nachher“ antwortest Du. „Und sobald sie hier ist schreib ich es Dir und versuche auch Bilder zu machen, ok?“ – „Babe ich liebe dich!!!“ textet O. voller Leidenschaft. „Bitte bestelle sie!!! Ich gebe dir auch ganz sicher das Geld dafür!!! Wenn du willst dann gleich morgen!!!“ – „So eilig ist es jetzt nicht“ antwortest Du. „Dann gebe ich es dir gleich nach den Ferien!!!“ schreibt O. Eifrig. Voller Überschwang. „Ich bin gerade sehr glücklich!!! Davon träume ich schon  seit ewigen Zeiten!!! Danke!!!“

„Süsser!“ schreibst Du. „Ich wusste ja gar nicht dass Du da so drauf stehst! Ich dachte immer Catsuits sind das Heisseste für Dich!“ – „Mir hat das schon immer sehr gut gefallen – enge Hose und Highheels!!!“ antwortet O.  „Catsuits und Strümpfe bleiben natürlich meine Lieblingssachen!!!! Ich habe aber auch das mit dem Jeans-Aufreissen bei dir extrem geil gefunden!!! Es ist einfach unbeschreiblich für mich dass ich nun alle meine Wünsche von dir erfüllt bekomme!!!“ – „Ich liebe es Sachen für Dich anzuziehen und Bilder davon zu machen und zu hoffen dass es Dir gefällt!“ antwortest Du. „Jedes Bild von dir gefällt mir!!!“ fabuliert O. „Du bist wunderschön und unbeschreiblich erotisch!!! Noch nie hat eine Frau mich so erregt und glücklich gemacht wie du!!! Ich würde dir sehr gerne wieder was schenken. Hast du einen Wunsch? Dann gebe ich dir das Geld dafür!!!“ Du überlegst. Draußen scheint ein Schwarm flimmernder Sternschnuppen über den Nachthimmel zu gleiten. „Mein größtes Geschenk ist dass es Dich gibt“ antwortest Du dann.

Nachdem Euer Chat beendet und die arktische Sternennacht einem trüben Altjahresmorgen gewichen ist, begleitet ein Gefühl der Benommenheit Dich durch den ganzen restlichen Tag. O.s überbordende Begeisterung für Dich und alles was Du tust, kam genauso unvermutet und abrupt wie sein kaltes Schweigen in der Zeit davor. Und hinterlässt in Dir deshalb vor allem: Schock. Verwirrung. Unsicherheit. Und Angst, die neu erworbene Zuneigung gleich wieder zu verlieren. Deshalb wendest Du besonders viel Sorgfalt auf, die Online-Shops im Internet mit Deinem Smartphone nach schwarz glänzenden Leggings zu durchstöbern. Du suchst und sichtest. Wischst und zoomst. Bemühst Dich, Stoffbeschaffenheiten und Texturen zu erkennen. Bis Deine Augen schmerzen. Gelangst endlich, als es draußen bereits dunkelt, zu einer Kaufentscheidung. Schließt den elektronischen Bestellvorgang ab. Atmest auf. Hältst inne. Informierst O. Glücklich. Stolz. „Leggings geordert!“ Jedoch. Leider. O. antwortet nicht. O. schweigt.

Erst spätnachmittags am 30.12.2015 hörst Du wieder von O. „Ich liebe dich. Schick mir Bilder!!!“ schreibt er während Du gerade mit Deinem Mann und Deinem Sohn bei Tee und Lebkuchen zusammen in der Küche sitzst. „Ich konnte keine neuen machen!“ tippst Du mit dem Handy unter dem Tisch. „Dann schick mir alte!!!!“ schreibt O. „Irgendwelche!!! Ich brauche das jetzt!!!“ – „War heute Chemo?“ fragst Du ahnend. „Ja!!!“ antwortet O. „Und der Lolo geht’s schon wieder so schlecht dass sie morgen ne Bluttransfusion bekommt!!!“ – „Oh nein!“ schreibst Du, bemüht, Deine Bestürzung vor Deinem Mann und Deinem Sohn zu verbergen. „Ist super scheisse!“ schreibt O. „Und jetzt schick mir endlich Fotos. Ich will gleich noch wichsen und sie mir dabei anschauen!!!!“ Du zögerst. Denn Du würdest O. so gern auf andere Art helfen. Aber Du weisst dass das nicht geht. Also tust Du was er verlangt. Schickst Bilder von Deinem Körper in der zerrissenen Jeans. „Danke!!! Du bist einfach megageil!!!!“ schreibt O. nachdem er sie bekommen hat.

Am 2. Januar 2016 kommen die von O. so sehr ersehnten Leggings mit der Post bei Dir zu Hause an. Und O. ist vollkommen elektrisiert, als er erfährt, dass Du das Paket erfolgreich abgefangen hast. „Babe!!!“ schreibt er und hängt seiner Nachricht vier flehende Whatsapp-Hände an, „BITTE pack sie aus und zieh sie an!!! – „Ich bin nicht allein zu Hause!“ antwortest Du. „Bitte versuche es trotzdem!!!“ schreibt O. „Ich muss dich unbedingt in dieser Hose sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du, eilst ins Schlafzimmer, holst die schwarzen Peeptoes aus ihrem Versteck, hastest ins Badezimmer, sperrst Dich ein, zerrst Dir die Alltagskleider vom Körper, schneidest das Päckchen mit der Nagelschere auf, reisst die Leggings heraus, schlüpfst hinein, steigst in die Highheels, nimmst das Smartphone und machst Bilder, Bilder, Bilder für O. Rittlings auf dem Rand der Badewanne sitzend. In Hockstellung auf dem dunklen Fliesenboden. Lasziv an die Duschkabine gelehnt. Bis Dein Sohn an die Tür klopft und fragt ob alles ok ist im Bad …

„Ja, mein Zarewitsch!!!“ flötest Du nach draußen. Dann nimmst Du Dein Smartphone und schreibst: „Ich hab die Leggings jetzt fotografiert! Ich schick die Bilder, ok?“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Ich möchte dich das erste Mal live in den Sachen sehen!!! KEIN Foto jetzt!!!“ – „Aber es war Dir doch so wichtig!!“ protestierst Du fassungslos während alle Energie aus Deinem Körper weicht. „Das war ein Test!!!“ antwortet O. Kalt. Unerbittlich. Vollkommen kontrolliert. „Ich wollte wissen ob du mir noch gehorchst!!!“ – “ Und? Weisst Du es jetzt??“ schreibst Du. „Ja Babe!“ antwortet O. „Wann sind die Ferien vorbei?“ – „Am 8. Januar bin ich wieder alleine hier“ schreibst Du. „Dann komme ich am 8. Januar zu dir!!“ antwortet O. „Gegen 9 Uhr. Würdest du dich dann bitte im Gesicht stark schminken? Mit richtig viel rotem Lippenstift?“ – „Ja ok“ schreibst Du und starrst vor Dich hin. Resigniert. Traurig. Leer. Weil Du plötzlich weisst: Egal, was passiert. Egal, was Du tust. SO werden O.s Spiele mit Dir immer weiter gehen …

Zum Ende der Weihnachtszeit, vom 5. auf den 6. Januar 2016 ereignet sich nochmals eine spektakulär fluoreszierende Winternacht. So erleuchtet, so lukulent, dass man fast glauben könnte, das sagenumwobene Nordlicht zu sehen. Wieder bleibst Du lange wach und beobachtest bizarr geformte Wolkenfelder, die mit rasender Geschwindigkeit über den funkelnden Sternenhimmel treiben. Und tatsächlich schreibt O. Dich in der Morgenfrühe, kurz vor Helligkeitsbeginn an. „Guten Morgen meine Mega sexy Lady!!!“ textet er. „Ich wünsche dir einen wunderschönen Feiertag!!! Ich denke die letzten Tage sehr sehr viel an dich!!! Meine Sehnsucht nach dir wird immer unerträglicher!!! Ich liebe dich!!!“ – „Oh Süsser! Es geht mir ganz genauso!“ schreibst Du beglückt zurück. „Ich freue mich schon so sehr darauf Dir endlich die schwarzen Leggings zu zeigen!“ – „Ich kann es jetzt wirklich kaum mehr erwarten dich darin zu sehen!!!“ antwortet O. „Und ich muss dir ehrlich gestehen dass ich Riesenlust darauf habe dich dann etwas härter ranzunehmen!!!“

„Wow!!“ antwortest Du. „Ich sehne mich so danach Dich zu spüren!“ – „Babe“ textet O. schwelgerisch, „es wird geradezu unglaublich werden wenn du in Highheels und Leggings vor mir stehst!!! Es wird mich wegtragen!!!“ Du antwortest nicht gleich. „Erstmal werde ich dich zärtlich küssen!!!“ schwärmt O. weiter. „Und dann werde ich in die Leggings mit meinem Taschenmesser einen kleinen Schlitz reinmachen bevor ich sie dann aufreisse!!! Das wird der absolute Wahnsinn für mich!!!“ – „Für mich auch!“ antwortest Du. „Babe“, schreibt O. wieder, „ich halte es nicht mehr aus!!! Schick mir bitte sofort die Bilder die du von der Leggings gemacht hast. Ich brauche das jetzt!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Dann klickst Du Dich gehorsam in die Galerie von Deinem Smartphone, wählst 22 Bilder aus und sendest sie. „Ursula ich liebe dich!!!“ schreibt O. nach einer kleinen Weile zurück. „Ich hatte nie eine unglaublichere Frau als dich!!! Übermorgen kannst du mich glücklich machen!!!“ – „Das werde ich mein Gebieter!!!“ antwortest Du ….

That Bittersmart Advent Tide

27.11.2015. Nachdem O. gegangen ist, stellst Du Dich vor den grossen, goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses und betrachtest die derangierte, fremde Frau, die Du darin erblickst: Unter die Räder gekommen. Bedauernswert. Verstört. So siehst Du aus, in Deinem zerknüllten weissen Pulli und den Trümmern Deiner an Dir herabhängenden Jeans. Es dauert lang, bis Du Dich von diesem Anblick lösen kannst. Dann kauerst Du Dich auf den Gabeh-Teppich und legst den Nasch-Kalender, den Du von O. bekamst, auf Deine Knie. Vertiefst Dich in das Bild des Großstadt-Engels auf der Vorderseite. Zeichnest die Konturen seiner hellgelben Flügel mit den Fingerspitzen nach. Und die der langen Haarsträhnen, die sein Gesicht verhüllen. Als Du damit fertig bist, drehst Du den Kalender um und beschäftigst Dich mit den Namen der in ihm enthaltenen Schokoladenkreationen. Es sind Namen voller Exotik und Verheissung wie Chashewpfeffer und Chai. Voller Suchtpotential wie Guarana. Voll Wehmut wie Bittersmart. Eben einfach: wie O.

Dass O.s facettenreiches Geschenk einen hohen Preis von Dir fordern wird, ahnst Du zu diesem Zeitpunkt nicht. Du bist einfach nur auf kaputte, tief erschöpfte Weise glücklich. Nimmst Dein Smartphone. Machst ein paar Bilder vom Aussenkarton des Adventskalenders. Und von dem, was O. von Deiner einstigen Lieblingsjeans an Deinem Körper übrig liess. Dann kriechst Du auf allen Vieren zum Sofa und nimmst Dir die gehäkelte Patchworkdecke, die dort liegt. Ein Relikt aus der Zeit Deines Lebens vor O. Ein Stück heile Welt. Bunt. Warm. Akkurat zusammengefaltet. Angefertigt von Deiner Oma, als sie schon sehr alt und geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, Filethäkelei aber immer noch perfekt beherrschte. Du kuschelst Dich hinein und rollst Dich, so wie Du bist, auf dem Gabeh-Teppich zusammen. Fühlst, wie der Schockzustand, der von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieb, allmählich abklingt. Bist dankbar für die Wurzeln, die Ressourcen, die das Leben Dir gab. Die O. leider nicht hat. Schläfst ein.

Du lässt zwei Tage vergehen. Verbringst viel Zeit mit Deinem Sohn, der am Klavier die Chorstücke des Weihnachtsoratoriums von Bach einübt. Für einen wichtigen Auftritt in einem der großen Konzertsäle Eurer Stadt. Während Du ihm zuhörst, bemerkst Du, dass er sich verändert hat, in den drei Monaten Deines Wartens auf die Begegnung mit O. Größer und ernsthafter ist er geworden, weniger kindlich. Du bist stolz auf ihn. Und schämst Dich gleichzeitig, ihn so wenig beachtet zu haben in letzter Zeit. Du nimmst Dir vor, das zu ändern. Aber am 29.11.2015, dem Abend des ersten Sonntags im Advent, überfällt Dich eine Art innerer Zwang. Du scrollst durch die Galerie Deines Handys. Und lädst schließlich eine Deiner Fotografien von O.s Engelskalender als neues Profilbild auf Whatsapp hoch. Es sieht magisch und cool aus. Einigen Deiner Freunde fällt es sofort auf. Von O. selbst hörst Du allerdings nichts. Daraufhin stürzt, mit Einbruch der Nacht, Deine mühsam gewonnene Stabilität in sich zusammen.

Um 21.03h empfindest Du die Situtation als unerträglich. Und tust das, was Du eigentlich keinesfalls machen wolltest: Du nimmst Dein Handy, klickst Dich in Deine Chats mit O., der zum Glück nicht online ist und schreibst: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent! Dein Adventskalender bedeutet mir sehr viel, wie Du an dem geänderten Profilbild sehen kannst. Ich stehe noch völlig unter dem Eindruck der Begegnung mit Dir. Ich bin unglaublich davon beeindruckt, wie losgelöst, fast heiter Du Dich der Situtation  mit Deiner Freundin stellst. Es hat mich sehr bewegt und auch beschämt. Meine Bilder kommen  mir so banal und unpassend vor! Aber ich bin gerne weiterhin Deine heimliche Geliebte die für ein klein wenig Abwechslung sorgt wenn Du das möchtest. Danke nochmal für alles. Danke dass Du da warst. Die 100.- Euro hab ich auf die Seite getan. Ich will mir irgendwann mal was ganz Schönes dafür kaufen was mich an Dich erinnert. Im Moment habe ich aber keinen Plan was es sein könnte. Kuss! U.“

Der Abend vergeht mit lastendem Schweigen. Du wagst nicht mehr nachzusehen, ob O. Deine Nachrichten abruft. Bedrückt und einsam, ohne noch einmal aufs Handy zu schauen, gehst Du zu Bett. Erst am nächsten Morgen stellst Du fest, dass O. Dir tief in der Nacht geantwortet hat. „Guten Morgen!“ schrieb er um 3.59h. „Das ist ja lieb das du den Kalender als neues Profilfoto hast! Mir hat es auch gut getan dich am Freitag zu sehen!!! Und es war super geil dich in den Schuhen zu sehen!!! Und vor allem das du mir mein Arschloch geleckt hast!!! Kuss“ – „Was könnte es Schöneres geben als das nach so langer Zeit mal wieder zu machen ?“ schreibst Du ergriffen zurück. „Nichts!!!“ Dann suchst Du in Deinem Handy nach bisher unversendeten Bildern von den schwarzen Schuhen. Findest zwei, auf denen Deine Beine in hellbeigen, halterlosen Strümpfen und den schwarz glitzernden Peeptoes verführerisch in die Luft ragen. Schickst sie O. Hoffst. Wartest. Auf eine frivole, freche Antwort. Den ganzen langen Tag. Vergebens.

Am Dienstag, den 1.12.2015 stökelst Du vormittags frisch geduscht, in hellen halterlosen Strümpfen und auf weiss schimmernden Highheels ins Schlafzimmer. Nimmst O.s Adventskalender von der Kommode, drehst ihn um, schiebst sehr vorsichtig Deine Hand ins Innere der Kartonage und fischst mit spitzen Fingern das erste runde Schokoladentäfelchen heraus. Von der Rückseite her. Um möglichst NICHTS von der Aussenverpackung, vor allem aber nicht das Engelsmotiv auf der Vorderseite zu beschädigen. Es geht sehr gut. Erleichtert lässt Du die kleine, muschelfarbige Schokoscheibe auf Deiner Handinnenfläche ruhen. Bewunderst die feine Gravur mit geometrischen Mustern. Fotografierst sie auf Deiner flachen Hand, so dass Deine nackte Brust im Hintergrund des Bildes zu sehen ist. Dann legst Du Dich sanft aufs Bett, platzierst das Schokoladenmedaillon auf Deinem Bauch, zwischen Jugendstiltattoo und Nabel. Machst viele weitere Bilder. Erst dann gestattest Du der Hanf-Nougat-Kreation in Deinem Mund zu zergehen.

Spätnachmittags, bei Einbruch der Dämmerung,  schickst Du einige der Bilder an O. Stolz. Voller Zuversicht, dass sie ihm gefallen werden. „Es schmeckt wirklich fantastisch!“ schreibst Du dazu und tippst fünf Whatsapp-Kussmund-Lippen hinterher. Jedoch. O. ruft die Bilder zwar ab. Antwortet aber nicht. Weder an diesem Tag, noch an den folgenden, an denen Du ihn mit weiteren Fotos von runden Schokoladenplättchen auf Deinem halbnackten Körper versorgst. Und mit Beschreibungen deiner Geschmackserlebnisse samt der Fantasien die sie in Dir auslösen. Am 7.12.2015 kannst Du kurz aufatmen. „Guten Morgen. Freut mich das die Schokolade dir so gut schmeckt!“ schreibt O. an diesem Tag um 7.51h. Dann aber verfällt er wieder in Schweigen. Und lässt Dich mit deinem Gefühlschaos allein. Fast die ganze lange Adventszeit über, die so interessant und verheissungsvoll für Dich begann. Und nun in Ratlosigkeit und Düsternis zu enden droht. Was Du auch tust. Was immer Du auch versuchst. Es endet stets gleich. O. schweigt.

Am 15.12.2015 gibst Du das Fotografieren von Schokolade auf. Stattdessen nimmst Du die beiden 50-Euro-Scheine, die Du von O. bekamst, aus der Schublade Deiner Kommode, fährst damit in die City und betrittst zum ersten Mal in Deinem Leben den großen Erotikshop in der Fussgängerzone Eurer Stadt. Findest Dich erstaunlich schnell zwischen kichernden Teenagern und verklemmten Paaren mit Shades-of-Grey-Ambitionen zurecht. Stellst fest, dass Du eine Art intuitives Wissen erworben hast, durch welche Dessous Du zu dem spinxhaften Wunderwesen wirst, das O. während er Momente Deiner Idealisierung in Dir sah. Kaufst Netzcatsuits in verschiedenen Ausführungen und Farben. Burlesque-Handschuhe und Halsbänder aus Samt. Im Wert von 78,10. Fährst nach Hause. Duschst. Schminkst Dich stark. Schlüpfst in einen schwarzen Netzcatsuit mit Neckholder-Trägern und in die Peeptoes, die Du trugst beim Besuch von O. Nimmst den Selfiestick. Wirfst Dich im Schlafzimmer aufs Bett. Machst viele, viele Bilder für O.

„Geil“ schreibt O., als Du ihm am Morgen des folgenden Tages die Bilder schickst. „Darf ich Dich in dem Catsuit auch anpissen?“ – „Ja“ antwortest Du und fühlst Dich plötzlich als vollkommene Herrin des Geschehens. „Babe. Du bist einfach die beste sexy Lady aller Zeiten!!!“ textet O. „Ich liebe dich für deine Geilheit. Wenn du kannst, dann mach bitte heute noch neue Bilder für mich. Ich brauche es sooo sehr das du das für mich tust. Und auch ein paar schöne sms könnte ich im Moment sehr gut von Dir gebrauchen!“ – „Ich wollte Dir eh gerade noch sagen wie sehr ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Ich bin Dir so dankbar für alles was Du mir das ganze Jahr über gegeben hast.“ – „Bitte mein Schatz!“ textet O. zurück, „wenn du noch Zeit und Lust hast, dann schreibe mir ein paar schöne und geile Nachrichten!!!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du. Dann aber lehnst Du Dich erstmal auf Deiner Küchenbank zurück und atmest tief durch. „Sex zieht doch immer“ denkst Du und weisst: Du hast es mal wieder geschafft.

Am 23.12.2015 sind Dein Mann und Dein Sohn vormittags damit beschäftigt, gemeinsam eine Nordmanntanne auf der Terasse Eures Hauses aufzustellen und sie mit bunten LED-Girlanden zu schmücken. Du nutzst die Chance, Dich im Badezimmer einzusperren und die letzten vorweihnachtlichen Bilder zu machen für O. In Jeans, schwarzen Highheels und einem brustfreien, schwarzen BH. Am Abend, als der Schein der farbigen Lichter in der klaren Winterluft Euer Wohnzimmer in Vorfreude und Erwartung taucht, schickst Du die Bilder an O. „Weihnachten heißt an Dich zu denken!“ schreibst Du dazu. „Heute hat Lolos kleiner Neffe bei uns angerufen!!!“ schreibt O. nach einer Stunde zurück. „Er wollte zu mir kommen zum Spielen!!! Mit den Playmobilsachen die ich habe!!! Ich liebe Playmobil!!! Aber seine Mutter lässt ihn ja nicht kommen!!! Das hat mich richtig traurig gemacht!!! Weihnachten ist überhaupt ne schwierige Zeit für mich!!! Danke das du für mich da bist!!!“ – „O.! Ich werde IMMER für Dich da sein!!!“ antwortest Du. Und schickst ein grosses, rotes, pulsierendes Whatsapp-Herz hinterher…

Chocolat

Erst am 27.11.2015, einem windigen, unlichten Spätherbstvormittag, bekommst Du wieder Besuch von O. Drei Monate, nachdem Du ihn zuletzt sahst und er Dir von seiner Kinderzeit erzählte, im Wohnzimmer, bei Dir daheim. Nach Wochen des immer neuen Schreibens über Schuhe, Strümpfe, Catsuits, Blusen und über O.s ungeheure, fast nicht auszuhaltende Sehnsucht, Dich life darin zu sehen. Nach etwa 3000 Erotik-Selfies, versendet zu früher Morgenstunde oder bei tiefer Nacht. Nach Missverständnissen, Dissonanzen, drohenden Zerwürfnissen. Und deren Überwindung durch noch mehr Bilder und weitere Sex-Fantasien. Nach einer langen, dunklen Zeit des Wartens. Und nach Stunden des Nicht-Bescheidwissens am Tag Eurer Begegnung selbst. Schreibt O. um 9.56h: „Ich komm jetzt kurz zu dir. Aber nur um dir nen Adventskalender und 100 Euro zu bringen!“ – „Ich zieh Schuhe und Strümpfe an für Dich, oder?“ fragst Du zurück. „Brauchst du nicht!“ antwortet O. „Es lohnt sich nicht. Ich will gleich wieder gehen!“

„Du musst die Schuhe doch mal sehen!!“ schreibst Du, während in Deinem Inneren etwas zusammensinkt. „Ich kann auch Jeans zu den Schuhen anziehen! Das ist vielleicht ein Kompromiss? Die schwarzen Schuhe zur Jeans! Es bricht mir sonst das Herz!“ – „Wenn Du meinst“ antwortet O. nach sieben qualvollen Minuten. „Doch! Ich will dass Du sie siehst!!“ tippst Du. Inbrünstig. Kniefällig. Vollkommen devot. „Und ich will dass Du siehst dass ich Deine Nutte bin. Komme was da wolle!!“ – „Wenn, dann zieh aber eine zerrissene Jeans an!“ schreibt O. „Und einfach nur ein Shirt dazu!“ – „Ok. Ein weisses?“ fragst Du. „Meinetwegen“ antwortet O. Du atmest auf. Eilst unter die Dusche. Als Du danach in Deine verwaschene, von vielen Fahrradtouren vor allem im Schritt völlig zerschlissene Lieblingsjeans schlüpfst und Dir einen dünnen, weissen Pullover in Slub-Optik überziehst, schreibt O. erneut: „Hast du das weisse Hemd von mir noch?“ will er wissen. „Ich hatte nie ein weisses Hemd von Dir!!“ tippst Du panisch.

„Ach so???“ schreibt O. befremdet. „Das hast Du damals doch behalten!“ tippst Du hastig weiter. „Ich habe es nicht mitgenommen! Nur die weissen Strümpfe hab ich damals mitgenommen!“ O. antwortet nicht. „Ich würde es sehr gerne anziehen!“ textest Du in die Stille. „Wenn es hier wäre hätte ich es schon ganz oft verwendet für Bilder! Und natürlich hätte ich es niemals weggeworfen!! Wenn Du es mir heute mitbringst kann ich bald Bilder davon machen!!!“ Du hältst inne. Spürst Deine Verzweiflung. Deine Abhängigkeit. „BITTE mach mir die Freude Dich heute zu sehen!“ schreibst Du dann. „Für was auch immer. BITTE. Ich hab Dich so sehr vermisst in all diesen Wochen!!! Bitte gib mir eine Antwort. Sag mir was Du heute vorhast. Es quält mich, weisst Du.“ Die Minuten vergehen. Zäh. Endlos. Eine. Zwei. Fünf. „Ich komme“ schreibt O. endlich. „Danke! Ich warte!“ antwortest Du und presst einen Kuss auf das Display Deines Smartphones. Dann beeilst Du Dich, die schwarzen Highheels aus ihrem Versteck zu holen.

Es dauert lange, bis Du O.s Schritte in Deinem Vorgarten vernimmst. 44 Minuten, um genau zu sein. In dieser Zeit sitzst Du mit angehockten Beinen auf den Stufen der alten Eichenholztreppe im Flur Deines Hauses, bohrst mit den Fingern in dem fadenscheinigen Gewebe Deiner Jeans herum und betastest die Strass-Steinchen am Randabschluss der schwarzen Peeptoes. Das Smartphone liegt neben Dir. Wie so oft, wenn Du auf O. wartest, beginnst Du zu frösteln und Deine umherschweifenden Gedanken verlieren sich im Halbdunkel einer eigenartigen Mischung aus Müdigkeit und Nervosität. Vorfreude, erotische Erwartung sieht eigentlich anders aus, denkst Du und ziehst, einer Eingebung folgend, den Reissverschluss von deiner Jeans nach unten um zu fühlen, ob Du überhaupt feucht genug wärst für O. Ein wenig Gleitgel könnte nicht schaden, denkst Du verträumt, bleibst jedoch so wie Du bist im Treppenhaus sitzen. Schiksalsergeben. Passiv. Bis O.s schrilles Klingeln an der Haustür Dich aus Deinem Stress-Schlaf reisst.

„Mein Gott, lebst Du noch?“ stösst Du gepresst hervor, nachdem Du mit wackligen Schritten durch den Hausflur geeilt bist und O. im Türrahmen vor Dir stehen siehst. In schwarzer, hochgeschlossener Thermokleidung, die seine Blässe betont. „Ja Baby, ich leb noch“ antwortet er ohne Deine Lippen zu küssen, die Du ihm sehnsuchtsvoll entgegen hältst. „Dreh dich mal um und geh mir voraus“ sagt er stattdessen und schiebt Dich ein Stück von sich weg. „Damit ich die hammergeilen Schuhe richtig sehen kann!“ Gehorsam wendest Du O. Deine Kehrseite zu und bleibst für einige Sekunden vor ihm stehen bevor Du, sorgsam Fuss vor Fuss setzend, so aufreizend wie möglich vor ihm her ins Wohnzimmer stöckelst. „Oh ja Baby“ hörst Du ihn sagen. Dann spürst Du wie er Dir einen kantigen Gegenstand ins Kreuz rammt, so dass Du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Als Du haltsuchend nach hinten greifst, spürst Du dass es die Seitentasche von seinem Fahrrad ist, die er heute, anders als bisher, mit ins Haus gebracht hat.

„Sorry“ sagt er und lächelt maliziös, als Du Dich zu ihm umdrehst. Dann schiebt er Dich weiter vor sich her. Unerbittlich. Mitleidslos. Im Wohnzimmer lässt Du Dich wie eine Gliederpuppe rücklings auf den Gabeh-Teppich gleiten. Denn, Du kennst Deinen Part, mittlerweile. Weisst, was O. von Dir erwartet. Deshalb streckst Du Deine Füsse so weit wie möglich nach oben und strampelst mit den Beinen. Damit O. weiterhin die Peeptoes betrachten kann, während er die Fahrradtasche abstellt, die Thermojacke von sich wirft, seine olivgrünen Kult-Sneaker abstreift und aus seinen Jeans und seiner Boxershort schlüpft. Damit O. Gefahrlosigkeit wittern und Vertrauen fassen kann, während er sich, gehüllt in einen weiten, blauen Baumwollstrickpulli eines bekannten Öko-Mode-Labels, zu Dir auf den Teppich kniet. Und verzückt den eleganten Absatz des Schuhs an Deinem rechten Fuss betastet, den Du sehr vorsichtig gegen sein Schlüsselbein stemmst. „Schön gell“ sagt Du und lächelst O. an. „Superschön“ antwortet O.

Für einen kurzen Moment ist beinahe alles gut. O. umarmt vor Dir kniend Dein rechtes Bein. Fährt mit dem Daumen seiner rechten Hand mehrmals über Deine dunkelrot lackierten Zehennägel, die aus dem schwarzen, perlumrandeten Netzstoff der Schuhe hervorspitzen. Unmerklich. Fast vogelfederngleich. Dann drückt er mit geschlossenen Lippen einen Kuss auf Deinen Fussrücken, genau dorthin wo der glitzernde Saum der Highheels endet. Zum ersten Mal, seitdem Du ihn kennst, spürst Du, wie viel Sanftmut und Zartheit O. in sich trägt. Und dennoch. In Deinem Inneren baut sich ein schwieriges Gefühl auf, das zu all dem nicht passt. Verletztheit. Eine Art von Eifersucht. Denn: O.s Hingabe, sie gilt nicht Dir. Nicht Dir als Person, die er kein einziges Mal eines Blickes würdigt, während er Deinen Fuss liebkost. Sie gilt allein dem erotischen Schuh, den Du O. zuliebe trägst. SEINEM Schuh. Den ER ausgewählt, bestellt und bezahlt hat. Und der Dich markiert. Als O.s Besitz. Als sein alleiniges Eigentum.

Nachdem O. auch mit dem Schuh an Deinem linken Fuss ein wenig herumgespielt und dabei die Beweglichkeit Deines Sprunggelenks erprobt hat, beginnt er mit seinen kräftigen Händen die Jeans zwischen Deinen Beinen aufzureissen. Langsam. Methodisch. Voller Konzentration. Als Dein Unterleib nackt, von Stoffresten umgeben vor ihm liegt, zerrt er sich mit einer melodramatischen Geste den Baumwollpulli kopfüber vom Körper. Im fahlen Licht dieses Vormittags wirken seine weit über Dir ausgebreiteten Arme dabei für Bruchteile von Sekunden wie die eines gekreuzigten Menschensohns. O. IST Leiden. O. IST Schmerz, denkst Du, während er in Dich eindringt und Dich nimmt wie immer: ansatzlos explodierend. So heftig, dass Du fürchtest, im Inneren Deines Körpers könnte etwas brechen oder reissen. Er rammt, während Du Dich an seinen marmorgleichen Oberschenkeln festklammerst, mit jedem Stoss all seinen Hass auf die Welt, all seine Wut auf das Leben, all seine in ihm wohnende Verzweiflung in Dich hinein.

Erst als O. unvermittelt damit aufhört Dich zu stossen und sich über Deinem Gesicht zurecht setzt um den Rim-Job von Dir zu bekommen, senkt sich für eine kleine Weile tiefer Frieden über die Szenerie in Deinem Wohnzimmer. Ihn auf diese Art zu küssen ist und bleibt DER Weg für Dich, um O. irgendwo in seinem Innerern zu erreichen. Denn einen anderen bietet er Dir nicht an. Als es für dieses Mal vorbei ist, geht O. nach drüben in die offene Küche Deines Hauses um eine Kleenex-Rolle für Dich zu holen. Während Du Dich noch am Teppich sitzend säuberst, schlüpft er bereits eilig in seine Kleider, die auf dem Boden verstreut umherliegen. Als Du dann barfuss, in Deiner nur noch am Gürtel in Fetzen an Dir herabhängenden Jeans vor ihm stehst um ihn zu verabschieden, greift O. mit etwas umständlicher Geste in seine Fahrradtasche und holt etwas Flaches, Quadratisches heraus. „Da Baby. Den hast du dir wirklich verdient.Lass es dir schmecken“ sagt er und lächelt. „Was ist das?“ fragst Du.

„Na ein Adventskalender, Dummerle!“ antwortet O. „Mit super leckerer Bio-Schokolade aus Österreich! Die muss man jedes Jahr extra bestellen. Die gibts nicht einfach so!“ – „Oh danke“ flüsterst Du beschämt und heftest Deinen Blick auf das avantgardistische Bild, das die Oberseite des Schokoladenkalenders ziert. Fern von jeglicher Weihnachts-Ästhetik zeigt es einen mit kühnen Strichen gezeichneten männlichen Engel, der nackt, mit hellgelb flammenden Flügeln auf einem Mauervorsprung über einer mondbeschienenen Trabantensiedlung kniet. Einsam. Wachend. Weltenfern. Schwebend zischen Licht und Dunkelheit. „Der ist wie Du. Das bist Du!“ stotterst Du hervor und schaust O. an. „Das ist extrem gute hochwertige Fairtrade-Schokolade“ antwortet O. kühl. „Und das Plastik-Inlay ist auch zu hundert Prozent recyclebar! Ich bin schon gespannt welche Sorte dir am besten schmeckt!“ fügt er hinzu und lächelt. „Bestimmt alle!“ sagst Du. „Ich schreibe Dir dann wie lecker sie sind!“ – „Tu das Babe!“ antwortet O.

„Bitte sag mir noch kurz wie es Deiner Feundin geht“ bringst Du mit leiser Stimme hervor, als Ihr bereits im Flur Deines Hauses steht und O. sich zum Gehen wenden will. „Naja, ne Chemo ist kein Wunschkonzert!“ antwortet O. und zieht den Reissverschluss von seiner Thermojacke hoch. „Die Lolo hat keine Haare mehr auf dem Kopf, sie ist dauernd krank, ihre Fingernägel lösen sich ab. Das Schlimmste aber ist ihre Familie!“ Du erfährst von zermürbenden Konflikten und anhaltenden Streitereien. Hörst von Hausverboten, abgesagten Geburtstagsfeiern, nicht überreichten Blumensträussen, negativ beeinflussten Kindern und aggressiven Telefonaten. Fühlst Dich sehr betroffen von allem, was O. da im Eiltempo mit klagender Stimme schildert. Kannst Dich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Konflikte im Umfeld seiner kranken Freundin eher anheizt, anstatt sie zu entschärfen. Und einen kurzen, seltsamen Moment lang findest Du O. plötzlich weniger charismatisch, weniger wundervoll als bisher.

Als ob er Deine innere Befremdung spüren würde, hält O. mit seinem Redefluss ganz plötzlich inne, greift in die Brusttasche seiner Thermojacke und zieht zwei nagelneue 50-Euro-Scheine daraus hervor. „Das hätte ich jetzt fast vergessen!“ sagt er und lässt sie mit lässiger Geste vor Deine nackten Füsse flattern. „Weil du immer so tolle Bilder machst. Wenn es einen Oscar für Erotik-Selfies gäbe, würdest du den garantiert gewinnen!“ – „Oh vielen Dank“ sagst Du und schlägst die Augen nieder. „Ich versuche ja nur die Gefühle auszudrücken, die ich für Dich habe!“ – „Das machst du auch ganz toll!“ antwortet O. „Aber sei mir nicht böse, Babe. Ich war jetzt wirklich lang bei dir! Jetzt muss ich gehen!“ – „Natürlich!“ sagst Du und wandelst in den Resten Deiner zerfetzten Jeans zur Haustür, um sie für O. zu öffnen. Dann bleibst Du, zerlumpt und halbnackt wie Du bist, solange im Türrahmen stehen, bis O. sein Fahrrad aus Deinem Vorgarten geschoben hat. Ob Nachbarn oder Passanten Dich sehen … ist Dir egal …

 

 

Arcades

Bilder von O.s milchig weissem Erbgutgemisch bekommst Du im Laufe der Jahre noch viele. Nicht nur als Rinnsal im Handwaschbecken begegnet es Dir, sondern auch als Abspritzer auf dem Schiffsbodenparkett in O.s Zimmer, als rahmiger Fleck auf seinem grellroten Bettlaken, als cremige Ansammlung in Zellstofftüchern oder in O.s Handinnenfläche, wo es wie Duschgel oder Haarshampoo aussieht. An guten Tagen textet er etwas dazu: „Für dich“, etwa. „Ergebnis deiner Fotos“. Oder „Geile Drecksau“. An weniger guten Tagen erscheinen die Bilder einfach nur so auf Deinem Handy. Kommentarlos. Erratisch. Und werfen die peinvolle Frage auf, in welchem Sex-Chat, für wen, unter Zuhilfenahme von wessen Selfies sie wohl entstanden sein mögen. Wie oft O. während eines langen Tages zum Mittel der Handentspannung greift, kannst Du nur vermuten. Genauso, wie gross die Phalanx der Frauen, die hilfreich mit virtuellen Stimuli bereitstehen, wohl sein mag. Die Phalanx grell geschminkter Damen sehr, sehr reifen Alters …

Dass O. einen Fetisch hat mit stylischen Ü-60-Frauen von aggressiver, kosmetisch stark betonter Attraktivität kommt erst spät in Deinem Bewußtsein an. Lange Zeit siehst Du in jungen, hübschen, sportlichen Frauen Deine grösste Konkurrenz. Und glaubst, jemand wie die „alte Lady“ sei ein Ausreisser, ein bizarrer Solitär im Harem von O. Erst nach Jahren, nach vielen weiteren irregeleiteten Bildern und schwierigen Chats wird Dir klar: grelles Make-up auf altersreifer Haut, krallige, rot lackierte Fingernägel an üppig beringten, braun gefleckten Händen und erotische Dessous an erschlaffenden, mageren Körpern in irgendeiner gesichtslosen Hochhauswohnung sind der eigentliche Mega-Kick für O. Und DU selbst, gerade mal fünf Jahre älter als O., mit Deinen immer noch braunen Haaren, Deinen Jeans, Deinen Tattoos, Deinem Teenager-Sohn und Deinem Herzen voller Zuneigung bist der wahre Sonderfall, die Abweichung vom erotischen Beuteschema, die Ausnahme von der Regel für O. …

Im Herbst 2015 beginnt jedoch erstmal Dein Aufstieg zur absoluten Selfie-Königin von O. Unaufhaltsam. Kometengleich. Während O. seine Freundin zu Arztterminen und Therapien begleitet, posierst Du in den ruhigen Vormittagsstunden fast täglich im Schlafzimmer auf dem Bett für immer neue Bilder. Du lernst, Dich als Trägerin der Highheels die Du von O. bekamst, Tag für Tag neu und anders zu inszenieren. Jeansmädchen. Fetisch-Lady. Bordsteinschwalbe. Anything goes. Jede Schluppenbluse, jedes Glitzertop aus Deinem Kleiderschrank verwandelt sich. Jede Blackjeans, jeder Rollkragenpulli besitzt plötzlich erotisches Potential. Du entdeckst Deine gesamte Garderobe neu, in der faszinierenden Symbiose, die sie eingeht mit den Nuttenschuhen von O. Und Dich selbst mit dazu. Als intuitive Wunscherfüllerin, als perfekter Spiegel erotischer Fantasien, als Liebesdienerin mit Selfie-Stick. Es ist eine dunkle, aufregende, traurigschöne Zeit. Und was in ihr beginnt ist suchterzeugend. Für Dich. UND AUCH für O.

Irgendwann, in einem der vielen nächtlichen Chats jener Zeit entwickelt O. eine neue verstörende Sex-Phantasie. „Ich werde dich bei unserem nächsten Treffen mal richtig demütigen!“ schreibt er. „Ich möchte Dir eine Glatze rasieren!“ – „Warum das?“ fragst Du aufgeschreckt. „Weil Du damit garantiert geil aussiehst!!!“ antwortet O. „Machst du mit wenn ich es dir befehle?“ – „Seit wann träumst Du DAVON?“ fragst Du zurück. „Gerade eben!“ antwortet O. „Also? Vergiss nicht das du versprochen hast meine Sklavin zu sein!“ – „Und wie soll ich das meinem Umfeld erklären?“ fragst Du. „Das ist dein Problem!“ antwortet O. Du überlegst. Versuchst Dir vorzustellen wie Dein Mann und Dein Sohn es aufnehmen würden, wenn Du kahlgeschoren vor ihnen stehst. Der Gedanke, sie zu schockieren, tut weh. Jedoch. Ein anderes Gefühl in Dir ist stärker. Viel stärker. Die Sehnsucht danach, intensiv berührt zu werden von O. Und sei es auf diese prekäre, kaputte Art. „Ja. Ich mach mit“ schreibst Du. „Geil“ antwortet O.

Die Wochen vergehen. Ein Indianersommer von epischer Schönheit nimmt seinen Lauf. Lichtdurchflutet, warm, bis weit in den November hinein. Gerne würdest Du O. einfach so, irgendwo, im Freien mal treffen. Nur ganz kurz. Um ihm in die Augen zu schauen. Seine Lippen und Hände zu spüren. Ihm leicht mit zwei Fingerspitzen über die Wange zu streichen und zu fühlen, wann er sich zuletzt rasiert hat. Um seine Stimme zu hören. Den Duft seines Eau de Toilette einzuatmen. Um mit ihm zusammen auf einer Parkbank zu sitzen während das Herbstlaub auf Euch herabfällt. Und ihn zu fragen wie es ihm geht, inmitten des Krebsdramas seiner Freundin. Du möchtest ihm zeigen, dass Du für ihn da bist. Und Dich davon überzeugen, dass es ihn immer noch gibt. Aber O. lässt derartige Begegnungen nicht zu. „Heute nicht“ antwortet er, wenn Du ihn fragst. „Heute möchte ich mal so richtig meine Ruhe haben. Aber bald besuch ich dich und fick dich so richtig durch!!! Ich weiss das du das brauchst!!! Und ich brauche es auch!!!“

Leider ist O.s „bald“ etwas völlig anderes als Deines. Unverbindlich, fluktuierend, relativ, so wie all sein Erleben, Denken und Tun. „Bald“ in der Sprache von O. heißt bestenfalls „irgendwann“. Eigentlich eher „vielleicht“, „eines fernen Tages, unter magischen Gestirnen“. Jedenfalls nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „nächste Woche“. Und da Kohärenzstiftung ganz allgemein in O.s Reich der Unwägbarkeiten keinen Ort hat, kommen auch Informationen über die Therapiesituation von seiner Freundin nur bruchstückhaft und folgewidrig bei Dir an. Vieles musst Du Dir selbst zusammenreimen. Dass die ambulante Chemotherapie jede Woche Dienstags durchgeführt wird, beispielsweise. Mit Anderem, wie etwa unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalten, kurzfristig notwendigen Bluttransfusionen, Behandlungskomplikationen und durchwachten Nächten wirst Du schockartig konfrotiert. Und genau dadurch von O.s frei flottierenden Emotionen überrollt. Es ist und bleibt eine schwierige Zeit. Tag für Tag.

Am 4.11.2015 schickt O. Dir zur Mittagszeit zwei Selfies von morbider, quälend schöner Traurigkeit. Dir bricht fast das Herz, als Du ihn vor dem Arkadengebäude eines der verwunschenen alten Friedhöfe Eurer Stadt stehen siehst, in eine dunkelblaue Edeldaunenjacke gehüllt über der sein Gesicht mit den schwarz umrandeten Augen noch zerbrechlicher und bleicher wirkt als sonst. „Ein Kuss von mir“ schreibt er dazu. „Danke Liebster!“ antwortest Du. „Wo ist das denn?“ – „Alter Friedhof am Schlosspark“ antwortet O. „Lolo hatte heute Chemo. In der Zeit gehe ich da immer spazieren“ – „Ach so“ antwortest Du. Bevor Du Deine Betroffenheit in weitere Worte fassen kannst, schickt O. Dir einen Text, der sich als weitergeleitete Whatsapp-Nachricht von seiner Freundin erweist. „Bin in 2,5 Std fertig“ heisst es da. „Port funktioniert nicht mehr. Muß es über Hand bekommen. Und am Freitag bekomm ich Blut Transfusion und Port Überprüfung. Alles Mist“ – „Die Ärmste“ schreibst Du. „Es geht mir nahe mit ihr!!!“

„Momentan läuft es sehr sehr schlecht für sie!!!!“ schreibt O. „Vielleicht muss sie nochmal an dem Port – da wird die Chemo angesteckt – operiert werden!!!!“ – „Also neuen Port reingemacht kriegen?“ fragst Du. „Der Port hat sich verschoben!!!“ antwortet O. „Er muss wieder in die richtige Position gebracht werden!!!! Wir wissen noch nicht wie das aussehen wird! Morgen ist der Termin dafür. Auf jeden Fall läuft es grad super schlecht!!!!“ – „Das tut mir sehr sehr leid“ antwortest Du. „Ich würde so gerne irgendetwas tun um Dir zu helfen!!“ – „Dass du mir immer neue Bilder schickst tut mir total gut!!!“ schreibt O. „Dann mache ich bald wieder welche für Dich!!!“ antwortest Du. „Ja bitte!!!!“ schreibt O. Noch am Nachmittag des gleichen Tages liegst Du mit Deinem Handy im Schlafzimmer auf dem Bett und machst Deine bisher besten, schönsten, sehnsuchtsvollsten Bilder für O. In roten Schuhen, weissen Strümpfen und einem korallenroten Satin-Trägertop. Tiefnachts schickst Du sie ihm, mit vielen vielen Küssen. Antwort? Fehlanzeige.

The Old Lady, Part 1

Du bist nun also die Lieblingskonkubine von O. Beschenkt und geehrt mit fünf Paar glitzernder, schwindelerregend hoher Trash-Heels. Auf denen Du, strahlend im Licht seiner Zugewandtheit, direkt bis vor sein Herz balancierst. Wie einst Cinderella zu ihrem Prinzen, mit dem gläsernen Schuh. Oder Carrie Bradshaw zu Mr. Big, in Manolo Blahnik und Jimmy Choo. Zwei Tage lang ist es Dir vergönnt, Dich so zu träumen. Dann holt die Realität Dich ein und Du lernst eine weitere Facette von O.s Paralleluniversum kennen. Es ist der 19. 9.2015. Als Du morgens um 8h Dein Handy hochfährst, siehst Du, dass O. bei Tagesgrauen versucht hat, Dich zu kontaktieren. „Bist Du wach?“ schrieb er um 4.17h. „Leider erst jetzt!“ antwortest Du schuldbewusst. O. schreibt nicht zurück. Aber am späten Nachmittag schickt er Dir ein Bild aufs Handy. „Für dich. War grade so geil!“ textet er dazu. „Oh vielen Dank!“ antwortest Du. Erst dann nimmst Du Dir Zeit es richtig anzuschauen.

Was Du siehst, ist ein Bild wie Du bisher noch keins von O. bekamst. Es ist kein sinistres Magic-Eye-Selfie. Kein provokantes Dick Pic. Auch kein weitergeleitetes Erotikfoto einer fremden Dame. Und dennoch: ebenso verstörend. Ebenso aufwühlend, widersprüchlich und doppeldeutig wie sie alle. Denn: es zeigt nicht nur eine milchig-weisse, gallertartige Substanz, die sich etwa esslöffelgross in einem der Besucherwaschbecken von O.s Haus verteilt. O.s materialisierte Lebensenergie. O.s verflüssigte DNA. O.s innerste Essenz. Das Bild dokumentiert weit mehr als nur O.s Faszination von seiner eigenen Sexualität. Es hat nämlich einen Rahmen, der es als Screenshot ausweist. Als Screenshot eines Chats. Als Screenshot eines Chats, der am 19.9.2015 in den frühen Morgenstunden stattfand. Um 5.22h, um genau zu sein. Also eine Stunde und fünf Minuten nachdem O. versucht hatte, DICH zu kontaktieren. Zu dieser Zeit schickte er ein Foto seines frisch ejakulierten Spermas auf das Handy einer anderen Frau.

„Peter“, liest Du in der Kontaktzeile des gescreenshotteten Whatsapp-Bildschirms. Ein Deckname, den O. seiner Chatpartnerin offensichtlich gab. Denn unterhalb des Abspritz-Fotos zeigt ein Pfeil nach links. „Du 19. September, 5.22h“ vermeldete die App, keinen Raum für Zweifel lassend. Und öffnet damit eine Falltür in Deinem Inneren, die ins Bodenlose führt. Die gefühlte Nähe Deiner nächtlichen Chats mit O.? Die Vertrautheit? Der schrankenlose Austausch von Ideen und Phantasien, das erotische Verbundensein, der Enthusiasmus, die Verzückung, die Dankbarkeit – alles nur Illusion, nur Schall und Wahn? Fake? Volatil? Imaginär? „Zweifelsohne“, denkst Du, während Du blicklos auf Dein Handy starrst. Und vor allem: Wer mag diese wundervoll verfügbare Dame sein, die O. ganz einfach so im Morgengrauen anschreiben kann, während Du leider schläfst? Und deren Sexting ihn binnen kurzer Zeit zu einem fotografisch präsentablen Orgasmus bringt? „Ich bin gar nichts. Ich bin einfach nur ein Nichts“, denkst Du.

Du verbringst die obligatorische schlaflose Nacht. Geisterst durchs Haus, sitzst am Küchentisch, betrachtest wieder und wieder das doppelbödige und dennoch vollkommen eindeutige Bild. Versuchst, O. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denkst an seine krebskranke Freundin, seinen Schlafmangel, seinen Stress. Denkst an die rührende Sms, die er Dir vor Kurzem schrieb. „Babe“, hatte er getextet, „in meinem Kopf herrscht zur Zeit ziemliches Chaos und deshalb kann ich leider meine Lust nicht immer auf dich konzentrieren!!! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine!!!“ – „Natürlich, Liebster!“ hattest Du geantwortet. Und nun? Nun verstehst Du es ANDERS. Nämlich, dass Du eben nach wie vor austauschbar bist für O. Und zwar in Sekundenschnelle. Mit einem einzigen simplen Switch in ein anderes Chatfenster. Dies ist die Erkenntnis, die Dich am meisten schmerzt, beim Anblick von O.s klarem, hellem Sperma auf der weiss glänzenden Keramikoberfläche seines Waschbeckens. Und dem dunklen Rahmen um es herum.

Gegen 3h morgens sinkst Du vornüber auf dem Küchentisch zusammen und fällst in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Zwei Stunden später schreckst Du hoch. Desorientiert. Schweissgebadet. Mit dem Gefühl einer tief empfundenen Entrüstung die in Dir nagt. Als Du Dein Handy entsperrst, springt Dich O.s Wichs-Foto direkt an. Du hattest vergessen es wegzuklicken, bevor Du einschliefst. Nun, da Du es erneut betrachtest, weisst Du plötzlich, was das Anstößige daran ist. Denn, es ist eine Sache, dass O. nachts mit anderen Frauen sextet. Und eine ganz andere Sache ist es, Dir davon ein Bild aufs Handy zu schicken. Ungefragt. Ungebeten. Es ist grenzübertretend. Es ist missbrauchend. Es ist verletzend, beleidigend, ausbeuterisch. Sowohl Dir gegenüber, als auch gegenüber der anderen Frau. Von seiner Freundin mal ganz zu schweigen. Es geht Dir ein wenig besser in dem Moment wo Du das so für Dich formulieren kannst. Du atmest durch. Dann nimmst Du dein Handy, rufst deine Chats mit O. auf und schreibst:

„Guten Morgen Liebster! Es war eine unruhige Nacht. Ich bin ganz spät schlafen gegangen und dann gleich wieder wach geworden mit Gedanken an Dich. Ich empfinde sehr viel für Dich. Aber bitte schick mir keine Screenshots mehr von Deinem Sperma die Du schon einer anderen Frau gesendet hast, ok? Ich weiss dass ich nicht die Einzige für Dich bin. Aber es tut doch weh auf diese Art damit konfrontiert zu werden. Ich weiss dass Du mich nicht verletzen wolltest und ganz viele Dinge im Kopf hast die wichtiger sind.“ Du hältst kurz inne um nachzudenken wie Du Deine Gefühle gegenüber O. noch ausdrücken könntest. Da zerreißt sein Nachrichten-Ton die Stille in Deiner Küche. O. schreibt zurück. „Wie kommst du darauf?“ fragt er kühl. Nein, kalt. „Da steht der Name Peter und dass es am 19.9. frühmorgens gesendet wurde“ antwortest Du. „Hab ich auch einen Männernamen in Deinem Handy?“ fügst Du hinzu. „Du nicht“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ – „Und die Anderen? Was sind die?“ fragst Du.

„Nur Ficks“ antwortet O. „Und ich? Bin ich was Anderes?“ fragst Du. „Was willst Du eigentlich?“ schreibt O. „Du fickst mit anderen Männern für Geld!! Bist im Internet unterwegs um Ficks aufzutreiben! Du bist süchtig danach es mit unterschiedlichen Männern zu treiben!!! Also was soll das? Du bist nicht nur meine Schlampe, du bist überhaupt eine Schlampe!!!“ – „Nein ich bin nur Deine Schlampe!“ antwortest Du verzweifelt. „Und ich bin NICHT süchtig nach verschiedenen Männern!“ – „Ich hatte mal paar Ficks mit einer alten Lady!!!“ schreibt O. Hoheitsvoll. Gebläht von der eigenen Bedeutung. „Wir schreiben uns noch und schicken Fotos. Sie bettelt manchmal darum meinen Schwanz in den Mund zu nehmen oder ihn zu wichsen!!!“ – „Schon gut!“ tippst Du. Aber O. ist nicht zu bremsen. „Wenn Dir das nicht passt dann musst du es mit mir beenden!!!“ schreibt er. „Ich habe keine Lust mir von Dir was verbieten zu lassen!!! Du würdest dich für Geld von meinen Freunden ficken lassen. Also halt dein dummes Schlampenmaul!!!“

„Ich verbiete Dir doch gar nichts“ versuchst Du einzuwenden. „Du würdest dich für Geld jederzeit ficken lassen!“ schreibt O. erneut. „Da stehst du drauf!!! Du brauchst das!!!“ – „Nein“ antwortest Du. „In Wirklichkeit brauche ich ganz andere Sachen. Und ganz sicher brauche ich keine Screenshots von Deinem Sperma für eine andere Frau!“ – „Was für Sachen brauchst du dann?“ fragt O., plötzlich unsicher wirkend. „Ich brauch nur Dich!“ schreibst Du. Anstatt Dir zu antworten, sendet O. Dir ein Bild. Ein Bild von einem  ausgemergelt wirkenden Frauenkörper, der Dir bereits bekannt vorkommt. Als Du ihn zum ersten Mal sahst, trug er einen dunkelroten Netz-Catsuit und saß mit gespreizten Beinen vor einem weissen Garderobenspiegel auf dem Boden. Auf dem aktuellen Bild trägt die fragliche Dame einen weissen Strapsgürtel zu weissen, halterlosen Strümpfen, hochhakige, rote Pumps und lässt im Flurspiegel ein schimmerndes Glas-Toy zwischen ihren weit geöffneten, mageren Schenkeln aufblitzen. „Solche Bilder schickt sie mir!“ schreibt O. dazu.

„Ja“ antwortest Du, während Dein Magen ein wenig revoltiert. „Solche schick ich Dir ja auch“ – „Ja! Und beide bekommt ihr welche dafür von mir!“ schreibt O. „Liebst Du sie mehr als mich?“ fragst Du beklommen. „Ich liebe sie überhaupt nicht!!!“ schreibt O. „Wie bitte?“ fragst Du zurück. „Sie ist 65 Jahre alt und ich habe sie paarmal gefickt!!!“ schreibt O. „Die ist doch nicht 65. Was soll der Quatsch“ schreibst Du. „Die ist 65“ schreibt O. „Nein die ist 35“ schreibst Du. „Leck mich doch! Die ist 65!“ schreibt O. „Wie Du meinst“ antwortest Du und spürst plötzlich wie das Gefühl von Wut und Verletztheit in Deinem Inneren weicht und sich wandelt in Mitleid und Anteilnahme für O. Für ihn, und für das Ausmass seiner psychischen Störung, das hinter seinen trotzig-aggressiven Worten durchschimmert. Aber auch für die Verlorenheit jener älteren Dame, die in der Tristesse ihres Single-Appartements irgendwo am Rande Eurer Stadt Sex-Selfies macht und hofft auf Besuche von O. „Ich liebe Dich!“ schreibst Du. „Mit allem was zu Dir gehört.“

„Aber ich wünsche mir einen Screenshot von Deinem Sperma der nur für mich ist, verstehst Du? Ich würde für Geld mit Deinen Freunden ficken um DICH damit zu erregen, aus keinem anderen Grund. Einfach nur für Dich!! Um Dich zu erregen bin ich zu sehr Vielem bereit! Aber ich kann auf alle Männer und den Sex mit ihnen locker verzichten. Der einzige Mann nach dem ich süchtig bin bist Du. Du aber bist wirklich die Droge für mich!“ – „Das nächste Mal mach ich ein Foto nur für dich“ schreibt O. „Das würde mich sehr glücklich machen!“ antwortest Du. „Denn ich will für immer Deine Schlampe sein!“ – „Das will ich doch auch“ schreibt O. „Ich liebe dich und ich will nur dich!“ – „Ok“ antwortest Du. In den Abendstunden des folgenden Tages bekommst Du tatsächlich ein weiteres Bild von O. Es zeigt einen esslöffelgrossen Klecks einer hellen, klaren, Dir wohlvertrauten Substanz in einem der Handwaschbecken in seinem Haus. Ohne Rahmen darum herum. „Nur für dich!“ schreibt O. dazu. „Danke“ antwortest Du.

 

Insomnia

Nach dem 28. August 2015 vergehen knapp drei schwierige Jahre. Eine Ära des Duldens und Dienens. Äonen, in denen Du gemeinsam mit O. auf den Spuren seiner traumatischen Kindheit wanderst. Die Abgründe seiner verwüsteten Seelenwelt durchschreitest. Verlorensein, Krankheit und Lebensferne mit ihm teilst, trägst,  ja: statt seiner lebst. Dich von ihm belügen, betrügen, vergewaltigen und schlagen läßt. Konfontiert und gedemütigt wirst mit anderen Frauen. Mehrfach. Oft. Immer wieder. Und dennoch festhältst an Deiner Idee von O. als einem sensiblen, gemarterten Traumprinzen, den es zu erlösen gilt. Aus der kalten, dunklen Burg seiner schweren Vergangenheit. Zu der allein Du den magischen Schlüssel finden kannst, wenn Du nur lange genug suchst. Bis Du endlich begreifst, dass es auch Dir, trotz all der vielen Liebe die Du für O. in Dir trägst, nicht gelingen wird, die schwere narzisstische Wunde in seinem Inneren zu heilen. Und Du allmählich beginnst, Dich aus seinem dunklen Kosmos zu lösen.

Der Spätsommer 2015 beschert Dir eine rasche Initiation in die morbide Lebenswirklichkeit von O. Am 31.8. erfährst Du, dass der Brustkrebs seiner Freundin das reine Anfangsstadium bereits verlassen hat. „Heute hat der arzt anrufen!!!“ schreibt O. fühlbar konsterniert um 18.08h. „Lymphknoten sind befallen!!!“ Im anschließenden Chat entwickelt er wilde Verschwörungstheorien über die Ursache von Lolos Erkrankung. Schuld seien vor allem ihre Schwester, die vielen Streitigkeiten wegen des familieneigenen Firmengeflechts, die Sehnsucht nach ihren Neffen und, natürlich, die Ungerechtigkeit des Lebens überhaupt. „Es trifft so oft die Falschen!!!“ schreibt O. „Ich wüßte auf der Stelle mindestens zehn Leute die es verdient hätten!!! Aber sie nicht!! Sie kann einem wirklich leid tun!!!“ Etwaige Anteile seiner selbst oder gar eigene Verhaltensmuster blendet O. bei dieser abenteuerlichen extrinsischen Krankheitsbegründung natürlich konsequent aus. Und Du? Du hütest Dich, dazu etwas zu sagen.

Zwei Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 15.9.2015 kommt es zwischen O. und Dir zu einem bahnbrechenden Chat, den Du noch Jahre danach als legendär einstufen wirst. Du erwachst an diesem Tag mit dem zwingenden Gefühl, von O. gebraucht, ja, regelrecht gerufen zu werden. Nachdem Du Dich mit Deinem Handy ins Wohnzimmer geschlichen und auf dem Sofa in eine Wolldecke gehüllt hast, begegnest Du via Whatsapp einem unmaskierten, einem wirklichkeitsnahen O. von luzider Authentizität. „Guten Morgen“ antwortet er, direkt nachdem Du ihn angeschrieben hast. „Auch schon wach?“ – „Ja“ antwortest Du. „Warum? Schlecht geträumt?“ fragt O. „Einfach nur so“ antwortest Du. „Und Du? Konntest Du ein bisschen schlafen?“ – „Leider nicht!“ antwortet O. „Ich habe immer so schlimme Träume!“ – „Oje!“ schreibst Du, während das Gefühl einer eigenartigen Schwere von Dir Besitz ergreift. „Was träumst Du?“ – „Alles mögliche!“ antwortet O. „Aber meistens sind es unangenehme Träume und sie sind sehr intensiv!“

Du erfährst, dass O. sehr oft davon träumt, verfolgt zu werden und flüchten zu müssen. Anscheinend durchstreift er in seinen Parasomnien häufig atomar verwüstete Landstriche. Und wird, als einziger Überlebender der noch wenige Habseligkeiten retten konnte, von obdachlosen Ausgestossenen belästigt und umstellt. Du kannst das Grauen dieser Traumgesichte spüren, als er davon schreibt. Und würdest gerne etwas tun um sie von ihm zu nehmen. „Du Armer. Wann schläfst Du denn überhaupt mal?“ schreibst Du, um von Deiner Hilflosigkeit abzulenken. „Paar Stunden bring ich schon zusammen“ antwortet O. „Und wenn Du wach bist? Was machst Du dann?“ fragst Du weiter. „Bisschen rumräumen, Musik hören, lesen“ antwortet O. „Ok. Ich wollte Dich nicht stören gerade!“ schreibst Du. „Ich bin nur vorhin wach geworden und habe an Dich gedacht!“ – „Das ist sehr lieb von dir Kleine“ antwortet O. „Du störst doch nicht. Hast Du eigentlich im Moment was an oder bist Du nackt?“ – „Ich hab ein T-Shirt an“ antwortest Du.

„Dann streichel doch ein bisschen Deine Brüste!“ schreibt O. „Du weißt ja dass mich das scharf macht!“ – „Ok“ antwortest Du. „Würdest Du mal gerne mit mir kuscheln?“ fragt O. „Oder engumschlungen im Bett mit mir liegen? Oder magst Du sowas gar nicht?“ – „Doch, O.! Zärtlichkeiten mag ich sehr!“ antwortest Du. „Nackt mit Dir unter einer Decke wäre schön! Einfach nur spüren dass Du in der Nähe bist. Das würde mir schon genügen!“ – „Dann lass uns das doch machen!“ schreibt O. „Möchtest Du so etwas denn?“ fragst Du. „Es wäre traumhaft!“ antwortet O. „Mit Dir möchte ich alles!“ – „Wirklich?“ fragst Du ungläubig, nach allem was Du über O. und seine Präferenzen weißt. „Babe“ antwortet O. „Ich kann es zwar selber kaum glauben dass ich mit Dir Dinge machen kann die ich nie für möglich gehalten hätte. Aber es ist so!“ – „Wahrscheinlich ist das so weil ich Dich liebe!“ antwortest Du. „Und weil wir super zusammen passen!“ – „Ja Babe!“ textet O. „Es war absolutes Schiksal dass wir uns begegnet sind.

Bevor Du antworten kannst, schreibt O. weiter. „Ich weiß dass ich Dich oft sehr quäle!“ textet er. „Dabei hättest Du eigentlich nur Gutes verdient!!! Ich weiß dass Du gern kuschelst und es zärtlich magst! Aber ich WILL Dich schlecht behandeln!!“ – „Das ist schon ok“ antwortest Du. „Es ist wirklich einfach unglaublich was ich im sexuellen Bereich alles mit Dir machen kann!!!“ schreibt O. „Nicht nur dass Du mich hinten küßt und Dich anpissen läßt – ich könnte Dich auch schlagen, fesseln, Dir nen Gürtel um den Hals legen und dich damit würgen und hinter mir herziehen!!! Sogar anspucken könnte ich Dich!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du. „Ich kann das aber nur mit Dir. Mit jemand anderem ginge es nicht. Du hast eine so charmante Art all diese Dinge zu machen. Es ist nichts Abstossendes für mich daran – im Gegenteil! Alles was von Dir kommt ist für mich wunderschön und wertvoll!“ Eine Pause entsteht. Das fahle Licht im Raum hellt sich allmählich auf. Die ersten Vogelstimmen erklingen im Garten.

Du aber wirst, ungeachtet des bevorstehenden Tagesanbruchs, jählings von einer fast narkoleptischen Schlafattacke übermannt. Dein Kopf sinkt in den Nacken, das Handy gleitet Dir aus der Hand, unter Deinen flatternden Lidern gewahrst Du Wolkenfetzen, Lichtkegel und das bleiche Gesicht von O. Als sein Nachrichten-Ton Dich aus den Halluzinationen reisst, siehst Du, dass er einen beispiellosen Text verfasst hat. „Du bist schön und gebildet!“ schrieb er, während Du weggedämmert warst. „Bist Mutter eines Sohnes und hältst ein Haus in Schuss! Darum fand ich es so überraschend dass Du all diese Dinge mit Dir machen lässt!!! Ok, wenn Du so eine gammlige Tussi wärst … Aber Du bist auch total gepflegt und feinfühlig! Es ist einfach unfassbar was ich durch Dich erlebe!!! Und was so alles in mir selbst steckt!!! Du hast das in mir erweckt!!! Ich verdanke Dir die aufregendsten körperlichen Erlebnisse in meinem Leben!!!“ – „Ja?“ schreibst Du benommen. „Ich dachte Du hast all sowas schon immer gemacht!“

„Nein!!!“ antwortet O. mit einer Vehemenz, die durch das Handy zu Dir dringt. „Du bist die Erste die mich hinten leckt!! Die Erste die ich anpisse!!! Die Erste die sich dreckiger und strenger behandeln lässt!! Aber Du! Du hast das schon öfter mit anderen Männern gemacht, oder?“ – „Nein!“ antwortest jetzt Du. „Ich kann das nur mit Dir. Aber ich wollte schon als Mädchen immer Sklavin spielen, zusammen mit einem Freund!“ – „Du warst eben schon immer eine geile Sau!“ schreibt O. „Und jetzt erzähl mir wie oft Du Deinen Mann schon betrogen hast!!!“ – „Ich hatte wirklich nicht so viele Männer wie Du denkst!“ antwortest Du. „Bei den meisten hat es schon gereicht was sie Dummes erzählen und dann kam es gar nicht mehr zu einem Date. Du hingegen warst unvergleichlich in Deiner Art mich aufzureißen! Das war damals ein Moment den ich nie vergessen werde. Ich war sofort total hin und weg von Dir!“ – „Babe, ich bin absolut glücklich dass Du mich ein bisschen magst und mir mein Leben so versüsst!“ textet O.

„Ich versuche es so gut ich kann denn ich mag Dich mehr als nur ein bisschen!“ antwortest Du. „Für mich ist es eine Art Märchen was ich mit Dir erlebe. Ich kann manchmal gar nicht glauben dass es wahr ist!“ – „Da geht es mir wie Dir!“ textet O. „Es ist ein Märchen!“ – „Ein dunkles Märchen“ schreibst Du. „Oh ja, ein sehr dunkles!!!“ echot O. Du würdest gerne wissen, ob O. wirklich ahnt, welche archetypischen Feengeschichten er um sich herum lebt und inszeniert. Doch bevor Du ihn dazu etwas fragen kannst, schreibt er erneut. „Das Chatten mit Dir hat mich mal wieder total aufgeheizt! Und darum werde ich es mir jetzt schnell machen und dabei an Dich denken!“ – „Tu das mein geheimnisvoller Prinz“ antwortest Du. „Ich liebe es wenn Du in mich eindringst!“ – „Und ich liebe es wenn ich über Deinem Gesicht knie und Du mich hinten küsst! Ich dabei Deine Muschi und Deine Beine sehe! Und Du Dich selber streichelst und stöhnst!“ antwortet O. Dann fällt die Sonne ins Zimmer. Euer Nacht-Chat ist zu Ende.

Zwei Stunden später aber meldet O. sich nochmals bei Dir. „Welche Schuhgröße hast Du?“ fragt er. „39“ antwortest Du. „Ich habe jetzt Highheels für Dich ausgesucht!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Hab fünf Paar bestellt und bezahlt. Ich konnte nicht anders. Hier ist die Tracking-Nummer. Sie kommen zu Dir!!!“ Am 17.9.2015 bekommst Du spätnachmittags tatsächlich ein riesiges Paket. Es enthält Ankle-Boots mit Leopardenmuster und dunkelrotem Stiletto-Absatz. Plateau-Pumps aus schwarzem Lederimitat, mit Nieten auf der Sohle. 14mm hohe Brautschuhe, bezogen mit elfenbeinfarbigem Satin. Hochhakige Peeptoes aus schwarzem Netzstoff, mit Strassperlen am Rand. Und rosé-golden schimmernde Glitzerheels. „Aschenputtel war gestern“ denkst Du, während Du Seidenpapier und Kartonagen im Altpapiercontainer eines benachbarten Wohngebäudes entsorgst. Dann beginnst Du damit, das erste Paar Schuhe an Deinen nackten Füssen zu fotografieren. Und bist Dir sicher, dass eine vollkommen neue Zeitrechnung begonnen hat zwischen Dir und O.

O.’s Story

Es ist eine kuriose Gesprächssituation an diesem einen ganz besonderen Vormittag im August 2015, an dem Dein narzisstischer, bindungsgestörter Lover Dich nach Eurem Zusammensein NICHT SOFORT allein läßt und in postkoitale Verzweiflung stößt. Anstatt ihn wie sonst zur Tür zu begleiten und danach auf der Couch oder dem Gabeh-Teppich zusammenzubrechen sitzst Du an diesem Tag nackt, mit hochgezogenen Beinen und Resten von Lurexflitter in den Haaren auf dem lichtblauen Häkelpouf in Deinem Wohnzimmer. Drehst und wendest das zerknüllte Glitzerkleid in Deinen Händen und blickst auf zu O., der sich, seinerseits komplett bekleidet, auf einem Deiner Thonet-Stühle niedergelassen hat. Von dort sieht er unter seiner Basecap auf Dich herab. Abschätzig. Kühl. Schlägt die Beine übereinander. Legt den Kopf in den Nacken als könnte er Teile dessen worüber er spricht von der Raumdecke ablesen. Und erzählt. Mit metallischer, merkwürdig unbeteiligter Stimme. Bedrückende Details aus mehreren schwierigen Leben.

Eigentlich hattest Du nur gewagt zu fragen in welcher Klinik Eurer Stadt O.s Freundin sich behandeln lassen würde gegen den Krebs in ihrer Brust. Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch O., der gerade seine Füße nacheinander am Thonet-Stuhl aufstützte um die Schuhbänder seiner blendend weißen Sneaker zusammenzuknoten, richtete sich auf und begann überraschend freimütig zu erzählen. Nein, ins nahe gelegene hypermoderne Klinikum ihres eigenen Wohnviertels werde seine Freundin nicht gehen, erklärte er. Dort sei es zu technokratisch und kalt. Im 1911 erbauten akademischen Lehrkrankenhaus im Nordwesten der Stadt, wo sie vor 46 Jahren zur Welt gekommen sei, fühle sie sich geborgen. Er, O., werde es übernehmen, sie zu all ihren Behandlungsterminen zu begleiten. Das sei er ihr schuldig, sagte er und lächelte. Abgründig. Wissend. Der bösartige Tumor in ihrer Brust sei bereits 2,8 cm groß, berichtete O. weiter. Mit einem eigenartig sensationshungrigen Glanz in den Augen der Dich erschreckte.

„Tja, auf die Lolo kommt jetzt einiges zu“ sagte O. dann und lächelte wieder, als er die Irritation in Deinem Gesicht bemerkte. „Da muss sie jetzt durch. Irgendwie ist sie auch selbst schuld an dem Ganzen. Es rächt sich halt eines Tages wenn man nie Sport macht und sich auch nicht gegen die eigene Verwandtschaft wehrt. Aber bestimmt wird sie nicht sterben an alledem. Und genug Geld hat sie ja auch!“ – „Ich hoffe daß sie alles gut übersteht“ sagtest Du schüchtern. „Das wird sie, Babe!“ antwortete O. „Und Du wirst mir dabei helfen sie auf die richtige Art zu unterstützen! Du wirst mir jeden Tag geile Sachen schreiben und Deine besten, versautesten Bilder schicken! Das wird mich soo scharf machen während ich sie durch die Chemo begleite! Und ab und zu, wenn es paßt, dann treffen wir uns! Ne schnelle Nummer im Auto oder hier bei Dir daheim ist bestimmt immer mal drin. Du musst nur vielleicht ein bißchen Geduld mit mir haben!“ – „Das werde ich!“ sagtest Du und blicktest O. fassungslos an.

Als die Euphorie in die O. sich hineingeredet hatte, ein wenig nachließ, erfuhrst Du, daß seine Freundin offenbar nicht die attraktive, interessante Frau war die Du bisher in ihr vermutet hattest. O. schilderte vielmehr eine eher plumpe, antriebslose Person als er über sie sprach: Gutmütig. Kinderlieb. Aber ohne Körperbewußtsein, ohne Esprit. Leider habe er sie nie zu gemeinsamen Fahrrad- oder Wandertouren überreden können, sagte er. Sie sei am Liebsten zu Hause und kümmere sich so oft wie möglich um ihre beiden Neffen, die kleinen Söhne ihrer jüngeren Schwester. Wie eine Mutter sei sie zu den beiden. Und das sei auch wichtig, denn Lolos Schwester sei leider eine böse, unberechenbare Frau, der man das Sorgerecht für ihre Kinder eigentlich entziehen müsste. Gerade in den letzten Wochen habe es viel Streit wegen der Kinder gegeben. Nach einem Eklat im Familienurlaub hätten sie nicht mehr ins Haus mit den vielen Bildern zu Besuch kommen dürfen. Und dann sei Lolos Krebs entdeckt worden.

„Weisst Du, Kleine“ sagte O., und Du fühltest seinen Furor wiederkehren, „wenns um Kinder geht versteh ich absolut keinen Spaß. Kinder sind mir ungeheuer wichtig. Und so wie die Schwester von der Lolo ihre Kids behandelt – da muss man einfach was dagegen tun!“ – „Ich verstehe Dich“ sagtest Du. „Seitdem sie ihre Jungs allein erzieht bin ICH für die zwei der Größte, weisst Du!“ eiferte O. weiter. „Ich hab im Urlaub mit ihnen jeden Tag Höhlen und Wege in einem Waldstück gebaut. Die waren total begeistert. Aber ihrer Mutter passte das nicht und so fing sie Krach mit Lolo an die eh schon so bedrückt war wegen ihrer Brust! Dann reiste sie ab und jetzt erlaubt sie den Kindern nicht mehr zu uns zu kommen. Dabei wäre das so wichtig für die Lolo, jetzt wo sie so krank ist. Es ist einfach immer wieder unfassbar wie böse manche Menschen sind!“ – „Ja“ sagtest Du und schautest O. nachdenklich an. „Aber ich finde es toll daß Du so gut mit Kindern umgehen kannst! Bestimmt bist Du ein wunderbarer Onkel!“

„Das liegt vielleicht daran dass meine eigene Kindheit eine schwere Zeit war!“ sagte O. „Ich glaube deshalb will ich Kindern helfen denen es nicht gut geht!“ – „Was war denn damals los?“ fragtest Du alarmiert. „Setz Dich!“ antwortete O. und wies mit pompöser Geste auf den Häkelpouf. „Dann erzähl ich es Dir“. Seitdem hockst Du unbekleidet O. zu Füßen. Und lauschst gebannt dem beklemmenden Narrativ der frühen Jahre seines Lebens. Es führt in die Idylle der sanfthügeligen Landschaft nordöstlich von Eurer Stadt. Wo es Maisfelder und Blumenwiesen gibt, die bis zum Himmelsrand zu reichen scheinen. Wo Feldkreuze und kleine Kapellen die Fluren beschützen. Wo Waldweiher zum Fröschefangen und mächtige alte Linden zum Klettern einladen. Wo es dörfliches Miteinander und heimatliches Brauchtum gibt. Wo Kinder einst Geborgenheit in Großfamilien erlebten. Wo ein wilder, ungebärdiger Junge schon immer frei und glücklich aufwachsen konnte. Hätte, ja hätte er nicht leben müssen wie O. und seine Brüder.

O.s Mutter war 16 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ungewollt. Von einem Mann der sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verließ. Zur Mitte der 1960er Jahre bedeutete dies in dem kleinen Dorf dessen Anblick Dir von Google Earth vertraut ist, den sozialen Sturz ins Bodenlose. O.s Lippen zittern als er davon spricht. Er muss zweimal ansetzen um das Wort hervorzubringen: Schande. Sie war eine Schande. Jedoch, es nahm sich jemand ihrer an. Nahm sie sogar zur Frau. 1967 wurde ein weiterer Sohn geboren. Zwei Jahre später erblickte schließlich O. das Licht der Welt. Alles schien gut. Die fünfköpfige Familie übernahm einen kleinen Kramerladen der im Ort beliebt war und brachte es damit zu bescheidenem Wohlstand. Das Kind O. erwies sich als lebhaft, intelligent und vor allem: hübsch. Lange Wimpern. Große Augen. Blondes Haar. So wurde er zum Liebling aller Großmütter und Tanten im Dorf. Du lächelst, als Du das hörst. Doch leider. Das Leben der Familie war nicht wirklich gut.

O.s Vater errichtete eine Willkürherrschaft über seine Frau und die drei Kinder. Im Dorf-Lädchen regierte absoluter Sauberkeits- und Ordnungszwang. Nachmittag für Nachmittag wurden O. und seine Brüder bizarren Reinlichkeitsritualen unterworfen. Bevor ihnen erlaubt wurde das Geschäft zum Mithelfen zu betreten, mussten sie ihre Schuhe vorzeigen die nie, zu keinem Zeitpunkt jemals sauber genug sein konnten. „Schuhe abputzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Vorzeigen. Nicht sauber genug. Schläge. Weiter putzen. Stundenlang…“ memoriert O. Mit zurückgelegtem Kopf. Als läse er es von der Decke Deines Wohnzimmers ab. „Was macht das mit einem?“ wagst Du hilflos zu fragen. „Meinen älteren Bruder hat es fertig gemacht“ antwortet O. „Der ist heute nicht mal in der Lage eine Banküberweisung ohne fremde Hilfe auszufüllen. Er hat sich auch nie gegen irgendwas gewehrt, damals. Hat alles über sich ergehen lassen. Ich war zum Glück anders. Ich war der große Ausbüchser und Wegrenner!“

Du erfährst, daß O. bereits im Alter von fünf Jahren zum ersten von sehr vielen Malen von zu Hause ausriß und sich tage- und nächtelang im Wald umhertrieb. Er wurde zu einem behänden Baumkletterer, lernte mit wenig Nahrung auszukommen und im Freien zu übernachten. Irgendwann aber musste er dennoch zurückkehren um sich die Tracht Prügel abzuholen die daheim schon auf ihn wartete. Dann aber wenigstens selbstbestimmt, wie er sagt. Verdroschen und verbleut wurde jedes der drei Kinder sowieso zu jeder Gelegenheit. „Ob wir brav waren oder nicht, ob ich gute Noten in der Schule hatte oder nicht, egal, geschlagen hat er uns IMMER“ sagt O. und lächelt schräg unter der Basecap hervor. „Zum Geburtstag gab es Prügel und zu Weihnachten auch. Ich hab immer die anderen Kinder beneidet die sich auf diese Tage freuen konnten. Wir konnten das nicht. Wir hatten immer Angst davor.“ – „Und Deine Mama?“ fragst Du mit fast tonloser Stimme. „Konnte sie Euch gar nicht helfen?“ – „Nein“ antwortet O. schroff.

„Sie konnte sich ja nicht mal selber helfen bei dem was mein Vater alles mit ihr gemacht hat. Wie hätte sie da etwas für uns tun sollen?“ – „Entschuldige bitte“ murmelst Du und schämst Dich ohne genau zu wissen wofür. „Passt schon, Baby“ antwortet O. „Weisst Du, das ist halt der Grund warum ich Umarmungen nicht ausstehen kann!“ Du horchst auf. Ahnst, dass das was O. jetzt preisgibt besonders wichtig sein könnte. „Ich habe durchaus Gefühle für eine Frau!“ hörst Du ihn sagen. „Zum Beispiel für Dich! Aber ich hasse Umarmungen. Weil immer wenn meine Mutter uns umarmt hat es sich so falsch anfühlte!“ O. spuckt das Wort „falsch“ regelrecht hervor. „Ach so“ sagst Du nur. „Ja!“ redet O. weiter. „Sie konnte es ja nie verhindern dass mein Vater uns verprügelt hat. Obwohl sie es uns immer wieder versprochen hat! Und deshalb war die Umarmung danach von ihr einfach nur besonders beschissen! Es hat die Schmerzen noch verstärkt. Und deshalb möchte ich am Liebsten gar nicht mehr umarmt werden!“

„Gut dass ich das jetzt weiss!“ sagst Du. „Dann werde ich in Zukunft darauf Rücksicht nehmen!“ – „Danke Baby!“ antwortet O. und blickt Dich mit eindringlichem Augenaufschlag aus dem Schatten der Basecap heraus an. Du fühlst Dich gesehen. Und glaubst dass nun alles gut werden wird zwischen Euch. Zwischen O., dem Frühverletzten. Der aus dem Drama, dem Chaos, ja, dem Wahnsinn einer dysfunktionalen Familie stammt. Der in die Wälder flüchtete und dort weder Schutz noch Trost fand. Und Dir. Der Frau die behütet aufwuchs aber dennoch oft allein gelassen wurde mit sich und ihren Ängsten. Welche nun in O.s Gebaren einen späten Nachhall finden. Du glaubst dass Ihr Euch gegenseitig helfen könnt, aus dem Dickicht Eurer schmerz- und angstbeladenen Kinderzeit herauszufinden. Und doch gibt es in Dir eine bohrende Frage: Wie, ja wie vollzog sich die magische Metamorphose? Wie wurde aus dem geschlagenen, entrechteten Jungen O., O., das Raubtier? O., der Verführer, der gefährlich attraktive Frauenjäger?

Für den Moment erfährst Du nur, dass es O. als er 14 Jahre alt war gelang, die Macht seines Vaters zu brechen. An einem schiksalhaften Nachmittag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. O.s Vater schlug seinem jüngsten Sohn fast alle Zähne aus. Und O. brachte seinen Vater daraufhin fast um. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, für beide. Nachbarn und Dorfpolizei mussten eingreifen. „Ich stand völlig neben mir. Mir war alles egal“ sagt O. „Seitdem weiss ich wie sich ein Amokläufer fühlt“. O.s Vater verließ die Familie und das kleine Dorf nordwestlich von Euer Stadt noch in der selben Nacht. Aber nicht ohne ein Sparbuch über 1200.- DM mitzunehmen das O. damals gehörte. O. erwägt noch heute mit seinem Vater, der in finanziell guten Verhätnissen in der nordwestlichen Kreisstadt lebt, um das entwendete Geld zu prozessieren. Entscheidend jedoch ist, dass er an diesem Tag die Familie von der Schreckensherrschaft seines Vaters befreite. Und dadurch über Nacht erwachsen wurde.

O.s älterem Bruder war ein anderes Schiksal beschieden. Er, der kein Kämpfer sondern ein Erdulder war, blieb, solange seine Mutter lebte, in deren Obhut. Nach ihrem Tod überantwortete er sich der Anhängerin einer fundamentalistischen katholischen Gruppierung unter deren Kontrolle er seitdem steht. O. schildert ihn als komplett gebrochene Persönlichkeit. „Der Hoss ist leider eine total verlorene Seele“ sagt er und blickt zur Zimmerdecke. „Hoss?“ fragst Du ein wenig verwirrt. „Ja, Baby“ antwortet O. „Wir nannten uns nach den Cartwright Brüdern aus Bonanza. Unser grosser Bruder war Adam, dann kam Hoss und ich war Little Joe.“ – „Schön!“ sagst Du und lächelst traurig. „Aber Euer Pa war anders, nicht wahr?“ – „Der Pa von der Ponderosa-Ranch wäre unser Traumvater gewesen!“ antwortet O. mit träumerischer Stimme und Sehnsucht in den Augen. „Aber man kann im Leben mal nicht alles haben. Dafür hatte ich in meinem späteren Leben sehr viel Glück. Und das ist schließlich das worauf es ankommt!“

Nach dem Weggang seines Vaters machte O. das Talent Bäume zu erklettern zum Beruf und lernte Garten- und Landschaftsbau. Das bis dahin nur notdürftig reparierte Gebiss wurde bei der Bundeswehr professionell in Ordnung gebracht. Danach ging es für ihn steil bergauf. Durch den Bau des großen neuen Flughafens nordwestlich von Eurer Stadt änderte sich die wirtschaftliche Situation seiner Heimatgegend. O. war einige Jahre lang bestens im Geschäft, wie er sagt. Irgendwann konnte er es sich leisten, in die verheißungsvolle Metropole zu ziehen, in der Ihr heute beide in so geringer Entfernung voneinander lebt. Im Jahr 2006 begenete er dort Lolo, der Diplom-Betriebswirtin mit solventem Elternhaus. 2010 wurde die kastenförmige Designer-Villa erbaut und von O. zum Hort der vielen Bilder, zur Galerie der Düsternis gemacht. In deren Exponaten sich zweifellos die Ängste, Seelenqualen und Strapazen seiner Kindheit spiegeln. Und vor deren Hintergrund die Frau an O.s Seite nun um ihr Überleben kämpft.

Der Vormittag ist weit fortgeschritten, als O. mit seinen Schilderungen endet. Sehr aufgewühlt von dem was Du gehört hast, ziehst Du Deine Knie auf dem Sitzpouf noch enger an Dich heran, um das Zittern Deiner Gliedmaßen vor O. zu verbergen. O. aber lehnt sich vom Thonet-Stuhl zu Dir herüber und streckt eine Hand nach Dir aus um ein wenig Lurexflitter aus Deinem Gesicht zu wischen. „Hey Baby, Du frierst, zieh Dir was an“ sagt er mit betont munterer Stimme. „Hast recht“ antwortest Du, erhebst Dich und gehst zum Korbstuhl auf dem ein hellblaues T-Shirt von Dir liegt. Während Du es Dir überziehst, erhebt sich auch O. und wandert ein wenig im Wohnzimmer umher. Vor der weissen Regalwand bleibt er stehen, vertieft sich in einige Buchtitel, nimmt schließlich ein sepiafarbiges, weiss gerahmtes Foto Deines Sohnes heraus und betrachtet es lange. „Netter Bub“ sagt er dann und stellt das Bild wieder zurück. „Sei nur immer recht lieb zu ihm, Du geile Schlampe!“ – „Das bin ich!“ antwortest Du mit einem Anflug von Empörung. „Weiß ich doch!“ antwortet O. und lächelt Dich zum letzten Mal an diesem Tag unter der Basecap heraus an. Und dann begleitest Du ihn zur Tür.

 

Breast Cancer Awareness?

Krebs. Die unheimlichste, bedrohlichste, am meisten gefürchtete aller Krankheiten. Erneut im nächsten, im allernächsten Umfeld von O. Diesmal im Körper seiner Lebenspartnerin und Freundin, einer gerade mal 46 Jahre alten Frau. Die Tage nach dieser Schreckensnachricht verbringst Du damit, den Keller Deines Hauses so gründlich aufzuräumen wie noch nie zuvor. Regelrecht eingebunkert wühlst Du Dich durch längst vergessenes Kinderspielzeug, Stapel von veralteten Illustrierten, überflüssig gewordene Schulhefte, mißlungene Bastelarbeiten und vieles mehr. Nach draußen gehst Du nur, um mit dem Rad zum Wertstoffhof zu fahren, der zufällig am Rande von O.s Quartier liegt, ganz nah an der von Ost nach West verlaufenden Hauptverkehrsader die das gigantische Universitätsklinikum Eurer Stadt mit dem größten Friedhof und der Straße zum Haus mit den vielen Bildern verbindet. Wo nun, so denkst Du schaudernd, Krankheit, Qual und Tod nicht mehr nur symbolisch von den Wänden schreien. Sondern ihre reale Heimstatt fanden.

Natürlich erwartest Du, nun einem geläuterten, einem gereiften O. zu begegnen in den Chats und auch sonst. Als er am 28.8.um 7.23h „Guten Morgen“ schreibt antwortest Du deshalb voller Sorge und Mitgefühl: „Guten Morgen, Liebster! Meine Gedanken sind dauernd bei Dir!“ – „Danke mein Schatz!“ schreibt O. „Ich würde mich so gerne von Dir hinten küssen lassen!!! Das würde mich entspannen!!“ – „Ja ich weiß!“ antwortest Du. „Ich würde es zärtlicher machen als jemals zuvor!“ – „Du bist einfach ein riesengroßer Schatz!!!“ schreibt O. „Ich bin um 9h allein zu Hause!!! Sie fährt zu ihrem Hausarzt zum Blutabnehmen. Magst Du dann kurz kommen?“ – „Vielleicht ist es besser wenn Du in der Nacht irgendwann mal zu mir kommst“ antwortest Du diplomatisch ausweichend während Du eine Art Phantomschmerz in Deiner linken Armbeuge verspürst. „Dann kann ich Dir in den roten Schuhen die Türe aufmachen. Ich sage nichts und frage nichts und mache alles was Du willst, ok?“ – „Super Idee, Babe!!!“ antwortet O

Innere Umkehr bei O.? Fehlanzeige, denkst Du ein wenig sarkastisch nach dem Ende Eures Chats. Nicht die Bedürfnisse seiner krebskranken Freundin sondern seine eigenen stehen im Mittelpunkt von O.s Denken und Handeln. Seine Anhänglichkeit an Dich hat Dein Herz dennoch sehr berührt. Du wirst ihm helfen so gut Du kannst, denkst Du, um die schwere Zeit die vor ihm liegt zu überstehen. Du wirst ihm zuhören. Für ihn da sein. Ihm geben was er braucht. Sex. Bilder. Kleider. Highheels. Chats. Zuwendung. Beachtung. Fürsorge. All Deine Liebe. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Dich selbst. Denn, Du liebst O. mehr denn je, seitdem das Unglück über sein perfektes Zauberreich hereinbrach. Und Du willst ihm helfen es zu retten. „Mach Dir keinen Stress mehr wegen meinem Garten! antwortest Du deshalb, als O. sich am 20.8. um 4.21h mit erstaunlich kühler, professioneller Präzision danach erkundigt was dort noch zu arbeiten ist. „Mein Garten ist doch nebensächlich! Es geht jetzt um ganz andere Dinge!“

„Babe, ich will auf jeden Fall Deinen Garten richtig schön machen!!!“ antwortet O. „Aber im Moment kann ich nichts versprechen! Vielleicht wird sie nächste Woche schon unter den Achseln an den Lymphknoten operiert!!! Und diese Woche hat sie jeden Tag Arzttermine. Da muß ich sie einfach begleiten!!!“ – „Das verstehe ich doch!“ antwortest Du. „Steht Deine Freundin denn jetzt eigentlich sehr unter Schock?“ – „Sie schlägt sich ganz tapfer!“ antwortet O. „Aber ihre Familie verhält sich voll blöd!!! Das geht schon seit längerer Zeit so. Aber jetzt nach der Diagnose hätten sie sich schon anders benehmen dürfen!“ – „Oje“ schreibst Du betroffen. „Mischen sie sich ein?“ – „Das ist mir jetzt zu viel zu schreiben!“ antwortet O. „Bitte schick mir ein paar Bilder von Deinen Brüsten!!! Bin momentan zwar leider nicht so geil aber mit Bildern machst Du mir immer eine Riesenfreude.!!!“ Eilfertig bemühst Du Dich, O.s Wunsch zu erfüllen und schickst ihm was der Fotospeicher Deines Handys hergibt. „Danke Babe!“ schreibt O.

Am Sonntag den 23.8. weckt O. Dich um 6.05h. Mit erotischen Fragen und Phantasien. Eindringlicher, hardcore-mäßiger als jemals zuvor. Ganz so als ob es kein anderes Thema in seinem Leben gäbe. Ob Du schon mal Analverkehr hattest, will er wissen. Wenn ja, mit wem und wie oft. Ob Du nicht Lust hättest, es mit ein paar anderen Männern zu treiben und ihm ein Video davon zu schicken. „Ich weiss das Du das brauchst Babe!“ schreibt er. O.s überwaches Gehirn produziert immer neue Sequenzen pornographischer Skripts mit Dir als Edelhure im Zentrum des Geschehens. Gefesselt, maskiert, so möchte er Dich sehen. In Strümpfen und neuen, atemraubenden Highheels. Er schickt Dir Screenshots seiner Lieblingsmodelle eines Online-Versandhändlers aufs Handy. Peeptoes in schwarz und rot, mit Strass-Steinen besetzt und 14mm hoch. „Die würden an Dir Schlampe super aussehen!“ schreibt er dazu. „Wenn Du willst bestelle ich sie für Dich!!!“ Du ahnst daß wilde Zeiten angebrochen sind als der Chat um 9.05h zu Ende ist.

In ruhigeren Stunden machst Du Dir Gedanken über die Freundin von O. Du fühlst Dich ihr auf schiksalhafte Art verbunden. So sehr, daß Dir morgens beim Aufwachen manchmal die Achsellymphknoten weh tun. Und Du Brustkrebs-Blogs im Internet verfolgst. Wer mag sie sein, diese Frau aus den gehobenen, bürgerlichen Kreisen Eurer Stadt, die sich entschied an der Seite eines sexsüchtigen, schwer narzisstisch gestörten Mannes in einer luxuriösen aber atmosphärisch kalten Bauhaus-Villa zu leben? Und die nun, inmitten einer lebensbedrohlichen Krise von ihrer eigenen Familie enttäuscht und fallengelassen wird? Wieder und wieder rufst Du in Deinem Smartphone das komplexe Geflecht aus Immobilienfirmen auf, dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vorsteht. Versuchst Hinweise auf Konflikte oder Widrigkeiten zu erkennen. Jedoch, von außen betrachtet ist es ein tragendes matriarchales Netzwerk dessen Fäden zweifelsfrei im Haus mit den vielen Bildern zusammenlaufen. Ohne sichtbares Problem.

Einige Tage lang geschieht nichts. Keine Nachricht. Kein Bulletin. Dann, am Morgen des 27.8. meldet O. sich bei Dir. Unbeschwert. Sexy. Ganz wie immer. Als sei alles vollkommen normal in seinem Leben. Als sei nichts Besonderes geschehen. „Guten Morgen mein Engel. Küsse!“ schreibt er. „Guten Morgen Liebster!“ antwortest Du. „Bist Du morgen vormittag allein zu Hause?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Sehr gerne kannst Du mich besuchen!“ – „Und was möchtest Du dann machen?“ fragt O. „Dich sehen zum Beispiel!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Am Wohnzimmerteppich von Dir genommen werden!“ antwortest Du. „Und was noch?“ fragt O. „Dich ganz tief in mir haben!“ antwortest Du. „Und etwas von Dir auf meinem Körper spüren!“ – „Genau das will ich auch Babe!!!“ schreibt O. „Morgen komme ich zu Dir und piss Dich in der Wanne an ok?“ – „Au ja!“ antwortest Du. „Kannst Du das Bad heute putzen?“ fragt O. „Ja!“ antwortest Du. „Dann tu das Babe!!!“ schreibt O. „Und morgen sauen wir es wieder ein!!!“

Am Tag nach diesem Chat kommt O. tatsächlich zu Dir zu Besuch. Vormittags, um 10.03h. Er trägt ein Poloshirt und eine Basecap aus dem Fan-Sortiment des milliardenschweren, erfolgsverwöhnten Fußballvereins Eurer Stadt. In VIP-Ausführung: Knallrot. Mit golddurchwirkten Emblemen. Ein kryptisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er sein pechschwarzes Fahrrad in Deinem Vorgarten absperrt und seinen Blick über Deine Füße in den roten Highhheels streifen läßt. Ein Lächeln das trotzig, spöttisch, gar triumphal wirken könnte – wenn,  ja wenn es O.s Augen miteinbezöge. Sie aber, schwarz coloriert und schimmernd wie eh und je, lächeln nicht mit. Und deshalb sieht O.s Gesicht trotz all der Siegeskokarden die es umgeben sehr ernst und verloren aus, als er „Hi Baby“ hervorstößt und Dich zur Begrüßung in Deine Unterlippe beißt. „Hi Liebster!“ antwortest Du, sobald Du nach O.s Kuß zu Atem gekommen bist. „Ich mach mir so viele Sorgen um Dich!“ – „Laß uns ins Wohnzimmer gehen Schlampe!“ sagt O. und versetzt Dir einen Stoß.

Natürlich absolviert O. an diesem spätsommerlichen Vormittag in Deinem Haus ein weiteres Mal sein volles sexuelles Programm. Nimmt Dich von hinten. Auf dem Gabeh-Teppich, über den Sitzpouf gebeugt. So hart, daß Du in eins der umherliegenden Sofakissen beißen mußt um nicht lauthals zu schreien. Zerrt Dich in die Wohnküche. Rammt Dich gegen die Küchenzeile. So heftig, daß die Gläser und Tassen im Geschirrschrank über Dir klirren. Schubst Dich durchs Treppenhaus vor sich her ins Badezimmer, wo er in der Wanne breitbeinig über Dir stehend auf Dich herab uriniert während Du embryonal zusammengekauert vor ihm liegst. Zurück im Wohnzimmer holt er aus der Tasche seiner beigen Bermuda ein Päckchen mit einem anthrazitfarbigen Schlauch-Minikleid aus Lurexgarn hervor, das Du über Deinen noch feuchten Körper ziehen mußt bevor Du den Rim-Job für ihn machen darfst. Auf der Couch, mit den roten Highheels an den Füßen. Und den Händen von den glitzernden langen Ärmeln des Schlauchkleids bedeckt.

Dies alles geschieht an jenem 28.8.2015 in Deinem Haus. Und dennoch geschieht das Wichtige an diesem Tag diesmal erst hinterher. Nachdem O. sich auf Dein Bauchnabel-Tattoo ergossen und sein geheiligtes Ejakulat höchstselbst mit einem Kleenex von Deinem Körper gewischt hat. Nachdem Du Dich vom Sofa gerappelt und das glitzernde Kleid abgestreift hast. Nachdem Du Dich nackt nach O.s Sachen gebückt und sie ihm gereicht hast. Ehrfürchtig. Voller Demut. Nachdem O. sich angezogen und die Basecap auf seinem Kopf zurecht gerückt hat. Nachdem Du Dich innerlich bereit gemacht hast für den schmerzlichen Moment des aprupten Abschieds und der Leere die dann unweigerlich kommt. Nach alledem. Geschieht das Wichtige an diesem Tag. Denn, anders als sonst, läuft O. an diesem Tag nicht vor Dir weg, nach dem Sex. Eilt nicht hinaus. An diesem einen Tag bleibt O. in Deinem Wohnzimmer vor Dir stehen und lächelt Dich an. Und dann ereignet es sich, das Unfaßbare: Du erfährst die Geschichte von O.

Love Is a Stranger

Sehr dünnhäutig, aufgebrochen, fast wie aus Glas stehst Du in den ersten Julitagen 2015 oft auf dem Balkon um von dort auf Deinen von O. neu erschaffenen Garten zu blicken. Glaubst für Momente, O. in undefinierbarer Ferne auszumachen, schattenrißartig, auf seiner Leiter, von tausenden kleiner Thujenzweigspitzen umsprüht, während er seine scharfe, kompromißlose Linie ins Buschwerk schlägt. Und damit gleichzeitig Dein Herz graviert. Schmerzhaft. Tief. Trotz Sonne und Sommerwärme verbringst Du viel Zeit im Haus. Es dauert lange bis Du Dich zum ersten Mal spätnachmittags hinaus in den Garten wagst und dort im Vorbeischlendern mit den Fingern durch die frisch gestutzten Heckenzweige streifst. Schüchtern, beinahe ehrfürchtig atmest Du den Zypressenduft ein der Dich nun so sehr an O. erinnert und spürst, wie Tränen, Wehmut, und diffuses Mitleid irgendwo aus Deinem Inneren emporsteigen. Schnell, beinahe wie ertappt huschst Du zurück ins Haus. Erst Mitte Juli bist Du wieder stabil.

Anders als bisher läßt O. in diesen Sommerwochen den Kontakt zu Dir nicht völlig abreißen. „Guten Morgen liebste! Ich vermisse Dich ganz doll! Küsse!“ schreibt er beispielsweise am 12.7., einem Sonntag, um 7.12h. „Guten Morgen! Du bist das erste was ich morgens denke wenn ich wach werde!“ tippst Du unter der Bettdecke während Dein Mann tiefschlafend neben Dir in den Kissen liegt. „Babe, ich brauche Dich sooo sehr!“ schreibt O. „Ich habe leider im Moment mega schlimmen Husten und mein Hals tut mir ganz übel weh! Aber wenn es mir besser geht dann komme ich zu Dir!! Ich habe schon eine durchsichtige Bluse für Dich gekauft und bringe auch noch ein paar Hemden von mir mit! Dann hast Du was zum Anziehen wenn ich an Dir rumspiel!“ – „Oh vielen Dank!“ antwortest Du beglückt. „Ich liebe Deine Hemden! Ich liebe einfach alles von Dir!“ – „Du wirst es mir so richtig schön besorgen meine Sexgöttin!“ textet O. „Ich kann es kaum erwarten Deinen wunderschönen Körper in der neuen Bluse zu sehen!“

Eine durchsichtige Bluse. Gekauft für Dich. Wie zauberhaft, denkst Du. O. kann Deiner nicht entraten. Du bist wertvoll für ihn. Sonst würde er so etwas ganz bestimmt nicht tun. Und der Tag hält noch eine weitere Überraschung für Dich bereit. Am späten Nachmittag schickt O. Dir ein Portrait-Selfie aus dem Inneren seines Hauses. Sein Gesicht über einem schwarzen Rundhals-Shirt, erneut vor grellbuntem Spray-Paint im Hintergrund. Lächelnd. Mit ungewohnt dunklen, fiebrig glänzenden Augen. „Mein Gott, Du bist so schön!“ textest Du hingerissen. In der sich ausbreitenden Stille da O. nicht zurück schreibt behältst Du das Smartphone in der Hand und vergrößerst das Bild mit Daumen und Zeigefinger so lange bis O.s Augen das gesamte Display ausfüllen. Um sehnsuchtsvoll in ihnen zu ertrinken. Doch irgendetwas stimmt nicht an O.s magischem, irisierendem Blick. Eine kunstvoll gestrichelte dunkle Linie umrandet beide Augenlider. Kein Zweifel. O. trägt ein permanentes Augen-Make-up.

Er ist also NICHT naturgegeben, O.s suggestiver, verführerischer Augenausdruck. Sondern das Werk eines geschickten Tätowier-Visagisten. Und O. ist kein vom Himmel gefallener Halbgott. Kein Wiedergänger Laurence von Arabiens. Sondern einfach nur ein Mensch mit genügend Zeit und Geld für die perfekte Optimierung seiner selbst. Seines Äußeren, besser gesagt. 360.- bis 450 Euro kostet eine Wimpernkranz-Verdichtung laut Internet. Und die frisch pigmentierten Augenlider müssen tagelang gekühlt und mit antiseptischer Salbe behandelt werden bevor man sie bewundern kann. Es ist eine neue Perspektive auf O. die sich durch diese Erkenntnisse für Dich öffnet. Ernüchternd. Ein bisschen traurig. Zum Lachen. Und dann auch doch wieder: faszinierend. O., el bandido enmascardado, denkst Du. O., die Diva. O., der Typ in der eisernen Maske, der metrosexuelle Clown, der geschminkte Narziss. Auf jeden Fall ein Mann der der Welt um keinen Preis sein wahres, nacktes Gesicht darbieten möchte. Und Dir auch nicht.

Am 23.7.2015 jährt sich der Tag Deiner ersten Begegnung mit O. Der Tag Eures Kennenlernens. Der Tag der Dein Leben verändert hat. Deshalb nimmst Du morgens um 6.41h Dein Handy und schreibst: „Guten Morgen, Liebster! Heute vor genau einem Jahr hast Du mich angesprochen. Ich war Dir verfallen vom ersten Moment an. Und ich will nichts von all dem missen was ich seitdem mit Dir erlebt hab. Danke für diese intensive, spannende, aufwühlende Zeit. Danke für die schwierigen Chats mit den komplizierten Fragen, die Dates, die Orgasmen, die Netzshirts, danke für die Pisse in meiner Badewanne, danke für Dein … auf meinem Rücken, meinem Bauch, meiner Brust und in meinem Mund. Danke daß ich Dich besuchen, Dein Haus, Deine Bilder, Deine Welt kennenlernen durfte. Es ist alles einzigartig. Danke für Deine Besuche bei mir. Danke für die Bilder mit Deinem faszinierenden, wunderschönen Gesicht. Danke für den Heckenschnitt. Danke für alles. Ich liebe Dich.“ – „Bitte Du geile Schlampe!“ antwortet O.

Anfang August breitet sich eine Rekord-Hitzewelle über ganz Mitteleuropa aus. Die Nächte sind sternklar, die Tage ab 10h vormittags unerträglich heiß. Zusammen mit Deinem Mann und Deinem Sohn flüchtest Du auf eine luftdurchwehte Ferieninsel im Thyrennischen Meer wo Ihr gemeinsam unbeschwerte Tage mit Wellenhopsen, Muschelsammeln und Krabbensuchen verbringt. Wie eine ganz normale, ziemlich glückliche kleine Familie. Wie all die anderen Familien um Euch herum. Am siebenten Tag des Urlaubs schreibt Dir O. Daß er an Dich denkt und hofft daß Du bald wieder zurück bist. Von diesem Moment an erscheint Dir das Licht auf der Insel aschfahl, der Scirocco raubt Dir jede Energie und Du willst nur noch nach Hause. Du sprichst mit Deinem Mann. Erklärst ihm daß Du ein paar Tage ganz für Dich alleine brauchst. Er hat Verständnis. Am 11.8. begleiten er und Euer Sohn Dich zur Fähre die Dich zurück bringt aufs Festland. Und am 12.8. kommst Du um 7.30h mit dem Nachtzug aus Florenz wieder in Deiner Stadt an.

Mittwoch, 12.8.2015. 8.27h. „Hallo Liebster!“ schreibst Du unmittelbar nachdem Du bei Dir daheim die Koffer abgestellt und die Rollos hochgezogen hast. „Ich bin wieder zu Hause! Und zwar ganz alleine! Kuss!“ – „Bitte Foto“ antwortet O. „Was willst Du sehen?“ fragst Du. „Alles!!!“ antwortet O. „Aber vor allem Deine Brüste!!! Und zwar ganz ganz schnell!!!“ Du beeilst Dich zu duschen und O.s Wunsch zu erfüllen der sehr dringlich zu sein scheint. Um 9.30h schickst Du ihm zehn Bilder von deinem nackten, gebräunten Oberkörper von dem noch Wassertropfen abperlen. O. ist begeistert. Wieder und wieder mußt Du Deine Brust für ihn fotografieren. Vorn übergebeugt. Von unten. Mit erhobenen und mit zurück genommenen Armen. Und von sehr nah. „Oh ja!!! Du machst mich glücklich Baby!!!“ schreibt er endlich. Es wird dann noch ein wundervoll schräger Sex-Chat-Sommernachmittag. Zwischen Wäschebergen sitzend liest Du die immer neuen Fantasien von O. der bei sich zu Hause auf dem Bett liegt und Dir seine Erregung zeigt. In Wort und Bild …

Freitag, 14.8.2015. 2.55h. Es ist eine sehr warme, vollkommen sternklare Sommernacht. Durch die geöffnete Balkontüre des Schlafzimmers hörst Du die Geräusche der sich ausruhenden Stadt. Du selber liegst nackt in den Kissen und empfindest im Halbschlaf Sehnsucht nach O. Am Morgen des vergangenen Tages hattet Ihr einen sehr liebevollen Chat. „Guten Morgen mein Schatz!“ hatte O. um 6.02h geschrieben. „Nächste Woche komme ich ganz früh zu Dir. Ich freue mich schon sehr auf Dich!“ – „Das wäre wirklich traumhaft!“ hattest Du dankbar geantwortet. „Ich wünsche mir schon lang Dich mal wieder um diese Zeit zu treffen!“ „Und für heute alles Gute!“ fügtest Du einem eigenartigen Impuls folgend noch hinzu. „Dir auch!“ antwortete O. Dann brach der Kontakt ab und für den Rest des Tages herrschte Schweigen. Nun horchst Du hinaus in die Stille der Nacht als könntest Du dadurch erfahren wie es O. geht und was er gerade tut. „In weiter Ferne so nah“ denkst Du und kuschelst Dich ein wenig zurecht. Da piept Dein Handy.

„Hallo“ schreibt O. um 3.10h. „Hi“ antwortest Du. „Woher eisst Du dass ivh wach bin?“ – „Ich habe es gehofft!“ antwortet O. „Kannst Du rausgehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Willst schnell ficken?“ fragt O. „Ja. Aber vorher muß ich duschen“ antwortest Du. „Ich bin auch nicht geduscht“ schreibt O. „Würdest Du mich mit dem Auto abholen?“ fragst Du auf dem Weg zum Badezimmer. „In 20 Minuten“ antwortet O. „Ok“ tippst Du und verschwindest in der Duschkabine zum kürzesten Brausebad Deines Lebens. Um 3.24h sitzst Du im Wohnzimmer, in Schlupfshorts aus zartgrünem Knitterleinen, einem weißen Top mit Makramee-Trägern und den roten Schleifen-Highheels in der Hand. „Komm raus“ schreibt O. um 3.37h. „Ich hab dir roten Schuhe an. Ist Dir das recht?“ fragst Du. „Komm“ schreibt O. „Olk“ tippst Du mit einer Art Tremor in den Fingern, raffst Deinen Mini-Rucksack und die Hausschlüssel an Dich und eilst zur Tür. O.s metallicbrauner SUV parkt direkt vor Deinem Haus. Wie unter Hypnose bewegst Du Dich darauf zu.

Deine Füße in den Highheels wirbeln die goldgelben Sommerlindenblüten vom Boden hoch die überall die Straßen säumen. Auch auf O.s Wagen regnen die zarten Blattflügelchen von den Bäumen herab. Sternschnuppengleich. Unwirklich. O. blickt unter seiner Basecap selbstversunken in die Ferne als Du die Tür von seinem Wagen öffnest und Dich sanft auf den Beifahrersitz gleiten läßt. „Hallo“ sagst Du schüchtern. „Hi Baby“ antwortet O. und schaut entrückt auf Deine Beine. So als ob ihr Anblick ihn von irgendwo weit her zurück holen würde. „Alles ok?“ fragst Du. „Alles ok“ antwortet O. und schiebt mit einer Hand Dein Top nach oben so daß Dein Oberkörper freiliegt. „Spiel mit Deinen Titten! Mach Dich geil!“ sagt er und läßt den Motor aufheulen. „Ich will daß Du ganz feucht bist wenn ich in Dich reingehe!“ Du stöhnst ein wenig während O. die Musikanlage lauter dreht. „I am alive“ röhrt Eddie Vedder. „I am alive“. Das Lied eines Jungen der seinen Vater nicht kennt. Das Lied eines Jungen wie O.

Als der Refrain zum dritten Mal erklingt bringt O. sein Gefährt in einer kleinen Seitenstraße am Rande des nahen Stadtparks zum Stehen. „Wir müssen es heute hier vorne machen“ sagt er und beugt sich zu Dir um den Beifahrersitz zurück zu schieben und in halbliegender Position einrasten zu lassen. „Die Rücksitze sind belegt. Ich bin vorsichtig mit Dir. Hoff daß ich Dir nicht weh tu.“ – „Bestimmt nicht!“ antwortest Du, bewegt von dieser seltenen Sanftheit, streifst Deine Shorts nach unten und rutschst mit dem Po bis an den äußersten Rand des Beifahrersitzes. Dort öffnest Du die Beine so weit wie es die Fußfreiheit des Wagens erlaubt und empfängst O., der sich raubkatzengleich zu Dir herüberrollt nachdem er aus seiner Jogginghose geschlüpft ist. Sehr jung, sehr schutzbedürftig kommt er Dir vor, für ein paar Sekunden, bevor er mit der altbekannten Härte in Dich eindringt. Und dennoch ist etwas anders als sonst: O. ist offen. O. ist zärtlich. O. küßt Dich während er Dich nimmt.

Kurz vor seinem Höhepunkt zerrt O. mit einer hastigen Geste sein taubenblaues T-Shirt nach oben und presst Dir seinen muskulösen Oberkörper so eng aufs Gesicht daß Du kaum atmen kannst. „Küß mich, küß mich, küß mich!!“ stößt er hervor. Beschwörend. Flehentlich. Sehnsuchtsvoll. Anders, ganz anders als Du ihn bisher kanntest. Du tust was Du kannst. Verschaffst Dir ein wenig Luft unter O.s Brustmuskulatur, öffnest den Mund und küßt, knutschst und leckst was immer Du von seiner Haut erreichen kannst. Es scheint ihm zu helfen. „Das ist gut Baby“ hörst Du ihn stöhnen. Dann spürst Du wie er IN Dir kommt. Für Bruchteile von Sekunden hältst Du O. danach in Deinen Armen. Fassungslos. Gerührt. Hoffst daß er sich geliebt, geborgen, sicher fühlt, so nahe bei Dir. Überlegst ob Du es riskieren kannst ihm sanft über den Rücken zu streicheln. Da macht er sich bereits eilig von Dir los. „Danke Baby“ sagt er, und klettert zurück auf den Fahrersitz. „Laß uns wegfahren bevor es noch hell wird hier!“

Auf der kurzen Rückfahrt zu Deinem Zuhause macht O. mit Dir ein wenig Small Talk. Fragt wie es Dir auf der Ferieninsel gefallen hat, wie lange Dein Mann und Dein Sohn noch dort bleiben und auch ob Du weiterhin Unterstützung im Garten benötigst. „Ich könnte Dir nächste Woche vielleicht nochmal helfen“ sagt er. „Sehr gern!“ antwortest Du und schaust ihn dankbar an. „Mein Mann und der Kleine bleiben bis Ende August im Urlaub“ – „Dann komme ich bald zu Dir“ sagt O. und parkt seinen Wagen vor Deinem Haus. „Also Kleine. Schön daß es heute gepaßt hat! Komm gut heim!“ flüstert er und küßt Dich kurz auf die Wange. „Ich bin super super glücklich!“ antwortest Du mit träumerischer Stimme und versuchst seinen Kuß zu erwidern. Aber O. hat sein Gesicht bereits von Dir weg gewendet. Die roten Highheels an Deinen Füßen rascheln in den Lindenblütenblättern als Du aus O.s Auto aussteigst. Nach ein paar Schritten drehst Du Dich um. Und siehst ihn in einer Wolke aus schimmerndem Goldstaub davon fahren.

Zurück in Deinem Haus stökelst Du direkt nach oben ins Schlafzimmer, wirfst Dich aufs Bett, streifst Dir die Highheels von den Füßen, schlüpfst aus den Kleidern und rollst Dich erschöpft unter Deiner Sommerdecke zusammen. „Danke. War geil“ schreibt O. um 4.06h. „Ja!“ antwortest Du. „Tausend Dank fürs Aufwecken und Rausholen! Ich liebe Dich!“ Dann fällst Du in abgrundtiefen, bewußtlosigkeitsähnlichen Schlaf. Um 7.32h schreckst Du jählings hoch und mußt Dich erst wieder auf die Ereignisse der vergangenen Nacht besinnen. Eine ganze Weile lang bist Du Dir nicht sicher ob Du es wirklich erlebt hast, dieses nächtliche Auto-Date mit O., oder nur geträumt. Erst als Du Eure Chats in Deinem Handy aufrufst siehst Du: es war real. Du machst ein paar Bilder von Deinem Körper der nackt und postkoital in den Kissen liegt und sendest sie O. „Das ist die Frau mit der Du es heute nacht gemacht hast!“ schreibst Du dazu. „Ich danke Dir so sehr für alles!“ Leider schreibt O. kein einziges Wörtchen zurück.

Das Wochenende verläuft sehr einsam. Niemand meldet sich bei Dir. Niemand schreibt Dich an. Am Montag den 17.8.2015 hältst Du die Stille nicht mehr aus, nimmst morgens um 6.18h Dein Handy und schreibst: “ Guten Morgen O.! Ich möchte nur fragen ob wir diese Woche zusammen im Garten was machen können?“ O.s Antwort kommt nach 90 Minuten. Und läßt Dich mit einer Art Kreislaufschwäche in Deinem Bett zusammensinken. „Ich habe diese Woche keine Zeit!“ schreibt O. um 7.37h. „Meine Freundin hat Krebs und hat die ganze Woche Arzttermine“ – „Mein Gott“ tippst Du während wirbelnde bunte Punkte vor Deinen Augen flimmern. „Mein Gott“ –  „Am Freitag, nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind“ schreibt O. weiter „entscheidet ihr Arzt was sie machen. Eventuell kann ich Dir nächste Woche im Garten helfen“ – „Ok“ antwortest Du. „Sie hat letzten Donnerstag den Befund bekommen“ schreibt O. „Hatte nen Knoten – bösartig!!! Jetzt brauchen sie lauter Untersuchungen um zu wissen ob er gestreut hat usw. usw.!!!“

„Oh Gott“ schreibst Du wieder und spürst wie Dein ganzes Körperinneres sich schmerzhaft zusammenzieht. „Also völlig neu alles.“ -„Ja“ antwortet O. „Hätte Dir gerne im Garten geholfen aber sie hat jeden Tag Arzttermine und ich begleite sie!“ – „Ja klar!“ schreibst Du. „Es tut mir so leid für Euch!!!“ – „SIE kann einem leid tun!“ antwortet O. Und damit endet für Dich der magische Sommer 2015. Den Rest des Tages verbringst Du zusammen gekauert, Tee trinkend, trotz Wärme in Deinen Rollkragenpulli gehüllt, wie unter Schock. Versuchst O.s Lage zu begreifen und die Abläufe der vergangenen Tage zu rekonstruieren. Denn, etwas beschäftigt Dich. Gegen Abend kniest Du Dich deshalb auf den Wohnzimmerteppich, nimmst Dein Smartphone und legst einen Übersichtskalender daneben. Scrollst durch die Chats mit O. Vergleichst Wochentage und Daten. Bis Du es klar hast. Zweifelsfrei: In der Nacht Deiner überirdischen letzten Begegnung mit O. war ihm die lebensbedrohliche Diagnose seiner Freundin seit mehreren Stunden bekannt.

Summer of Love

Genau eine Nacht und einen Vormittag lang wirst Du getragen vom Hochgefühl über Dein lässiges Début als Cum-Slut im Hause von O. Dann ebbt der Endorphin-Rausch ab und die Realität holt Dich ein. Denn so cool Euer Date auch gewesen sein mag, ihm folgen sieben bleierne Tage an denen die Vögel im Garten verstummen und der wundervolle Frühsommer zum Erliegen kommt. Es sieht wieder einmal alles so aus als ob O. gleich nach Eurem Abschied für immer aus Deinem Leben gegangen wäre. Ohne ein Wort der Anerkennung. Ohne eine Geste des Danks. Er schreibt Dir weder morgens noch abends, weder tagsüber, noch nachts. Sein Whatsapp-Account sieht stillgelegt, abgeschaltet, einfach tot aus wenn Du ihn aufrufst. Die gespenstische Ruhe steht in krassem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit der Tage zuvor an denen O. Dich non stop mit Fragen und Wünschen kontaktierte. Und tut gerade deshalb besonders weh. Du versuchst die absurde Situation zu ertragen so gut Du kannst. Aber das kostet Dich sehr viel Kraft.

Freitag, 29.5.2015. Am Ende dieser schwierigen Woche stehst Du spätnachmittags im Garten und schaust gedankenfern dabei zu wie Dein Mann und Dein Sohn gemeinsam das Dach Eures Holzhüttchens reparieren. Du bist gerade dabei ihnen Bretter und Werkzeuge zu reichen als Du hörst daß im Inneren des Hauses irgendwo Dein Handy piept. Mit dem Nachrichtenton von O. „Hi Babe!!“ liest Du nachdem Du Dich unauffällig ins Haus gestohlen hast. „Hättest heute Abend Zeit?“ – „Wann wäre das?“ tippst Du. „Ab 21 Uhr“ antwortet O. „20 Minuten, oder?“ fragst Du betont cool. „Ja!“ antwortet O. „Will es mir nur schnell besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Soll ich die roten Schuhe mitbringen?“ – „Ja!“ antwortet O. „Und die weißen Strümpfe bitte auch!!“ – „Alles klar!“ schreibst Du. „Perfekt!“ antwortet O. Du atmest durch. Holst Schuhe und Strümpfe aus ihrem Versteck im Schlafzimmer und deponierst sie in Deiner Korbtasche neben der Haustür während Dein Mann und Dein Sohn im Garten hämmern. Dann gehst Du entschlossen zu ihnen hinaus.

„Herzen, Ihr müßt Euch heute Abend mal selber was kochen“ sagst Du mit kühler Stimme und blickst wie eine seelenlose Doppelgängerin Deiner selbst nach oben zu Deinem Mann und Deinem Sohn die verschwitzt auf dem Dach des Holzhüttchens knien. „Ich brauch mal Zeit für mich allein!“. „Magst Du alleine fernsehen?“ fragt Dein Sohn vom Hüttchendach herunter. „Nein. Ich will fahrradfahren“ antwortest Du schroff und wendest Dich ab um sein verwirrtes Gesicht nicht sehen zu müssen. „Ok. Wir kommen klar!“ rufen sie Dir nach. Du aber gehst ohne Dich noch einmal umzudrehen zurück ins Haus. Unter der Dusche versuchst Du Dein schlechtes Gewissen mit abzuwaschen, aber es gelingt Dir nicht ganz. „Egal“ denkst Du, als Du Dich in frischen Jeans und Sandalen mit Deinem Fahrrad davonmachst. „Einfach egal“. Du fährst eine halbe Stunde lang durch die abendliche Frühlingsluft. Machst Pause in einem kleinen Park. Versuchst Dich zu sammeln. „Zeit zu O. zu fahren“ denkst Du dann. Da piept Dein Handy.

„Klappt leider nicht!!!“ schreibt O. in der Kühle des Abends, exakt 15 Minuten vor Eurem vereinbarten Date. „Freundin bleibt zu Hause! Tut mir leid und sehr schade!“ – „Ja schade“ antwortest Du mechanisch. Ich hätte mich gefreut“. „Schönes Wochenende“ schiebst Du noch hinterher. Doch O. schreibt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag geht der wundervolle Frühsommer dennoch weiter. Denn im Schuhdiscounter ganz in Deiner Nähe erblickst Du endlich wonach Du seit Monaten suchtest: DIE perfekten frivolen Highheel-Sandaletten. Marke Catwalk. Rot. Mit elegant geschwungenem 12cm-Absatz. 2cm hoher Plateausohle. Doppelt geschlungenem Fesselriemen UND dekorativer Seiten-Schleife im Knöchelbereich. Vor dem Ladenspiegel fotografierst Du Deine Füße in diesen Schuhen mit hochgekrempelter Jeans. „Geile Dinger, hm“ schreibst Du zu den Bildern die Du O. sendest dazu. „Oh ja Babe!“ antwortet er prompt. „Bitte kauf sie! Mir wird es super kommen wenn ich beim nächsten Mal Deine Beine in diesen Schuhen seh!!!“

Dienstag, 2.6.2015. Zwei Tage nach dem Kauf der neuen Schuhe erwachst Du morgens mit Gliederschmerzen und Schwächegefühl. Und als Du am frühen Nachmittag halbnackt auf Deinem Bett liegst um Bilder zu machen für O. wirst Du so heftig von Fieberschauern gebeutelt daß Du dein Handy kaum richtig halten kannst. 38,9 zeigt das Thermometer am frühen Abend. Von O. hörst Du nichts. In den Morgenstunden des folgenden Tages findet eine rasante Entfieberung in Deinem Körper statt. Danach fühlst Du Dich auf geradezu überirdische Weise geheilt. Beseelt, mit nie gekannter Energie schwebst Du durch den Sommertag. Fährst Rad. Suchst die Nähe von Menschen. Umarmst Deinen Sohn besonders innig als er nach Hause kommt. Kochst inspiriert für ihn und Deinen Mann. Dann fühlst Du die Gelenkschmerzen wiederkehren. Mußt Dich von Deinem Mann ins Schlafzimmer begleiten lassen wo ein neuer Fieberschub wie eine Tsunami-Welle über Dich hereinbricht. Die Temperatur steigt bis 40 Grad. Für den Rest der Woche kommst Du nicht mehr aus dem Bett.

Freitag, 5.6.2015. „Oh ein zweigipfliger Virusinfekt!“ schreibt Dein Freund der Suchtberater, als Du Dich am vierten Tag Deines Krankenlagers bei ihm meldest. „Die sind richtig heimtückisch und gefährlich. Wenn Du glaubst Du hast es hinter Dir dann holen sie Dich erst richtig. Steh bloß nicht zu früh auf!“ – „Ok“ antwortest Du und läßt Dich zurück in die Kissen sinken. Klar, dieser Virus ist wie O. denkst Du bevor Du in Genesungsschlaf fällst. Und Deine Beziehung zu ihm ist nun wohl auch auf immunologischer Ebene bei Dir angekommen. Unwirklich. Trügerisch. Von morbider Schönheit. So waren deine Fieberinfekte nicht bevor Du O. kanntest. Nun aber hat sich auch hier ein neues Erleben für Dich geöffnet das Dich gleichzeitig zurück in die Zeit Deiner Kindheit wirft als Dein Immunsystem noch unreif war. Du wirst auf Dich aufpassen müssen, denkst Du. Am frühen Abend weckt das Handy Dich aus Deinen Träumen. „Hi Babe“ schreibt O. „War in den Bergen. Bin wieder da!“ – „Schön!“ antwortest Du und fröstelst.

Der Sommer geht weiter. Am 9.Juni 2015 bricht Dein Mann auf zu einer dreiwöchigen Dienstreise durch Polen. In dieser Zeit schreibt O. Dir sehr oft am Morgen. Wie schön und erotisch er Dich findet. Wie dringend er es braucht Bilder von Dir zu bekommen und Dich besuchen zu dürfen. Dann wieder unterstellt er Dir Sex-Dates und sündige Chats mit einer Vielzahl von anderen Männern. „Schlampe!!! Ich sehe wenn Du online bist!!!“ schreibt er einmal mitten in der Nacht. „Was soll das?“ antwortest Du schlaftrunken. „Ich weiß daß Du andere Typen hast!!!“ schreibt O. „Und die werden es Dir mit Sicherheit auch besser besorgen als ich!!! Aber Du bist trotzdem der Wahnsinn für mich!!! Bitte laß es noch lange mit uns so weitergehen!!!“ – „Ich hab keinen anderen Plan!“ antwortest Du und versuchst zurück in den Schlaf zu finden. „Beweise es mir!!!“ schreibt O. „Ich besuche Dich bald! Und dann möchte ich was richtig Hartes mit Dir machen!!!“ – „Was denn?“ fragst Du alarmiert. „Etwas mit dem Gürtel aus Deiner Jeans!!!“ antwortet O.

Am Dienstag den 16. Juni 2015 weckt O. Dich zu früher Stunde mit einem eigenartigen Frageritual. „Guten Morgen mein Schatz!“ schreibt er um 6.06h. „Hast Du Dich heute nacht selbst befriedigt?“ – „Nein“ antwortest Du und fühlst wie eine Art Taubheit sich in Deinen Armen und Beinen ausbreitet. „Willst Du mich spüren?“ fragt O. „Sehr gerne!“ antwortest Du. „Liebst Du mich wirklich?“ fragt O. „Mehr als ich mit Worten schreiben kann!“ antwortest Du. „Mehr als Deine anderen Ficker?“ fragt O. „Es gibt keine!“ antwortest Du. „Bist Du noch meine Geliebte? fragt O. „Ich hoffe doch!“ antwortest Du. „Empfindest Du es wirklich so geil von mir genommen zu werden und mich zu lecken?“ fragt O. „Und wie!“ antwortest Du. „Ab wann bist Du heute alleine zu Hause?“ fragt O. „Ab 7Uhr 30“ antwortest Du. „Ich komme um 9Uhr zu Dir!!!“ schreibt O. „Kannst Du die weißen Strümpfe und die roten Schuhe anziehen und Dir Deinen Ledergürtel um den Bauch machen? Ich hab heute Lust Dich ein bisschen zu demütigen und zu schlagen!!!“

„Ein bisschen WAS?“ fragst Du zurück. Doch O. antwortet Dir nicht mehr. Erst um 7.58h piept Dein Handy erneut. „Bist Du bereit?“ fragt O. „Ich wollte gerade duschen“ antwortest Du. „Beeil Dich!!!“ schreibt O. „Ich bin gleich da!“ Du schaffst es mit Mühe Dich zurecht zu machen bevor es an Deiner Haustüre Sturm läutet. O. nicht hereinzulassen ist keine Option. Für Sekunden siehst Du, daß O. erneut sehr schön, sehr blaß und sehr geschmerzt aussieht als er sich zu Dir in den Hausflur drängt. Er trägt dunkelblaue Slipper zu einer hellbeigen Herren-Caprihose und ein T-Shirt über dessen seidigen dunkelblauen Stoff unzählige himmelblaue Vögel zu flattern scheinen. „Fast feminin“ denkst Du als O. Dich mit beiden Händen am Ledergürtel um deine Hüften packt und Dich ins Wohnzimmer zerrt. Dann schaltet Dein Verstand sich aus. Als Du wieder zu Dir kommst liegst Du rücklings auf der Couch und ringst nach Luft während O. den Gürtel den er um Deinen Hals gezogen hat lockert und Deinen Bauch sauber wischt.

„Alles ok Baby?“ fragt er und beugt sich kurz über Dein Gesicht. „Alles ok“ antwortest Du mit belegter Stimme und richtest Dich halb auf so daß er Dir den Gürtel vollständig vom Hals machen kann. Dann schaust Du noch leicht benommen dabei zu wie er in seine stylische Kleidung schlüpft bevor Du Dich vom Sofa kämpfst um ihn zu verabschieden. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nimmt O. Dich heute fest in den Arm bevor er geht. „Danke für den super Start in den Tag, Kleine!“ murmelt er in Deine Halsgrube. „Es ist wirklich hammer mit Dir! Und nächste Woche schneide ich Dir garantiert die Hecke, ok?“ – „Das wäre super!“ antwortest Du und suchst eindringlich seinen Blick. „Tausendprozentig mach ich Dir das Baby!“ sagt O. „Aber jetzt muß ich gehen, ok?“ – „Ok“ antwortest Du und machst ihm den Weg zur Haustür frei. Die Küchenuhr zeigt 8h49 als O. draußen im Vorgarten sein schwarzes Fahrrad entsperrt. Und Du klappst mit einem Hustenanfall auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem er gefahren ist.

Natürlich müssen  nun wieder einige Tage vergehen. In Schweigen, Verlustschmerz und Einsamkeit. Dann aber sendet O. Dir in den Morgenstunden des 25. Juni zehn Bilder aus dem Inneren seines Hauses und seines Gartens. Vom Haifisch aus Elektrodrahtgeflecht der stahlseilgesichert durchs Treppenhaus schwebt und weiteren Drahtkunstwerken von kühler, lichter Schwerelosigkeit. Du siehst eine Gruppe winziger bunter Püppchen im Wohnzimmer durch ein quaderförmig arrangiertes Kabelgespinst klettern und zwei fast lebensgroße, filigrane Menschenskulpturen in O.s Garten nebeneinander auf einer halbhohen Steingabione ruhen. „Meine neuesten Errungenschaften!“ schreibt er stolz dazu. „Oh danke für diesen Blick in Deine ganz spezielle Welt!“ antwortest Du beeindruckt. „Den Haifisch finde ich besonders toll. Der ist wie Du. Ein Raubtier mit ganz vielen feinen Nerven. So bist Du für mich!“ – „Babe, das hast Du wunderschön geschrieben!“ antwortet O. „Du bist doch ein sensibles Raubtier!“ schreibst Du.

„Eines was Antennen hat zu Welten die andere nie betreten weil sie viel zu feige dafür sind! Das ist es was ich so liebe an Dir. Was mir auch Angst macht manchmal. Und trotzdem liebe ich es!“ – „Du bist einfach klasse Ursula!“ antwortet O. und Du fühlst Ergriffenheit durch Dein Handy zu Dir dringen. „Du auch!“ schreibst Du. „Ich bin so glücklich ein kleiner Teil Deiner ganz speziellen Welt zu sein. Ich reihe mich gerne unter Deine Kunstobjekte ein!“ – „Du bist etwas ganz Besonderes und äußerst Wertvolles für mich!“ schreibt O. voller Pathos. „Es ist als ob Dich meine Fantasie erschaffen hätte!!! Ich bin unbeschreiblich glücklich daß es Dich in meinem Leben gibt! Bald komme ich zu Dir und schneide Deine Hecke! Aber vorher mußt Du mich auf Deinem Sofa lecken! Denn das ist für mich der Himmel!!! Und dann wenn wir den Garten machen mußt Du einen ganz kurzen dünnen Rock anziehen zum Mithelfen!!! Ohne Höschen drunter, ok?“ – „Ok“ antwortest Du. „Sehr gerne!“ – „Ursula ich liebe Dich!!!“ schreibt O.

Am 29. Juni 2015 macht O. sein Versprechen tatsächlich wahr und kommt früh am Tag zu Dir um die Hecke in Deinem Garten zu schneiden. „Laß uns anfangen bevor ich keine Lust mehr hab!“ ruft er nachdem er ES mit Dir auf dem Sofa gemacht und danach sein Equipment vom metallicbraunen SUV auf die Terasse verladen hat. Natürlich arbeitet er nur mit hochwertigstem Gerät. Schnell. Präzise. Total fokussiert. Nie wurde die Hecke exakter getrimmt. Nie wurden die Buchskugeln perfekter gerundet. Du erlebst allerdings einen Mann im Kampfmodus, keinen sensiblen Pflanzenversteher als Du beobachtest wie O. mit gezückter, gleißender Motorheckenschere im Vormittagslicht umherwirbelt. Behelmt. Im Schnittschutzoverall. Mit Ohrenschützern. Und Sonnenbrille hinter dem heruntergeklappten Visier. „Garten ist Krieg“ denkst Du während Du selbst in Sandalen und einem violetten Baumwoll-Minikleid das Schnittgut zusammenrechst. OHNE Slip. Um 14 Uhr seid Ihr fertig. „Danke für die sexy Mithilfe“ sagt O. nachdem alles aufgeräumt ist. „350 Freundschaftspreis, ok?“

Am Abend sitzst Du mit mückenzerstochenen Beinen und sonnenverbrannten Schultern im Wohnzimmer auf der Couch und spürst das Gefühl von Zerrissenheit und Trauer das O.s Garten-Performance in Dir hinterlassen hat. Mehr als jedes andere Date. „Liebster“ schreibst Du deshalb um 18.30h. „Vielen vielen Dank daß Du heute hier warst. Das ist der beste Heckenschnitt der jemals hier gemacht wurde! Ich bin total beeindruckt von Dir! Und ich wäre so glücklich wenn Du mir auch weiterhin noch manchmal helfen könntest!“ – „Das freut mich natürlich!“ antwortet O. „Aber Du mußt wissen daß es so günstig wie heute dauerhaft nicht geht! War echt ne Ausnahme daß ich es für so wenig Geld gemacht hab!“ -„Kein Thema!“ schreibst Du. „DU bist der Boss. Ich bewundere Dich so sehr. Und das was Du aus Deinem Leben gemacht hast!“ – „Süße, jetzt übertreib mal nicht!!!“ antwortet O. „Ich hatte in meiner Kindheit sehr viel Unglück und als Erwachsener sehr viel Glück! Und jetzt schneide ich halt Hecken und Bäume!“

„Ich übertreibe nicht!“ antwortest Du und spürst wie es Dir kalt über den Rücken läuft. „Du schneidest nicht nur Hecken und Bäume! Du hast Dein Leben aus den Trümmern Deiner Kindheit neu zusammengesetzt! Und Dich selber mit dazu! Du hast Dich aus Deinen Verletzungen neu erschaffen! Und wenn Du jetzt Hecken und Bäume schneidest berührst Du damit mein Herz!“ Kurze Pause. „Du hast bestimmt Dinge überlebt an denen ein Anderer zerbrochen wäre!“ fügst Du hinzu, da O. nicht gleich zurück schreibt. „Die Bilder in Deinem Treppenhaus lassen das ahnen. Und Du hast es überlebt. Das macht Deine Stärke aus die ich so bewundere. Du hast gelernt Dich zu schützen wie niemand sonst den ich kenne! Ich liebe Dich!“ Für eine geraume Weile geschieht nichts. O. schweigt und Du machst Dir Sorgen zu weit gegangen, zu indiskret gewesen zu sein mit dem was Du da eben geschrieben hast. Erst um 20.17h piept Dein Handy noch einmal. „Ich helfe Dir gerne weiterhin mit dem Garten wenn Du das möchtest“ schreibt O.

Born to swallow

Dienstag, 12.5.2015, 23h. Am Tag nach dem Versöhnungs-Sex im Haus von O. sitzst Du spätabends im Dachzimmer vor dem PC. Du versuchst Werke der Urban Art ausfindig zu machen die denen in O.s Domizil ähneln. Tränenüberströmte Mädchengesichter. Ineinanderfallende Städte. Verwaiste Planeten. Es ist DIE Kunstform des Bizarren, stellst Du fest. Fragmentiertes, Zerborstenes, Verletztes aller Art hat hier seinen Platz. Grelles, Giftiges. Abgründiges und Krankes. Gemälde von Heimatlosen für Heimatlose, denkst Du, während Dein Blick über die Darstellungen postapokalyptischer Megacities schweift. Von anonymen Großstadtvaganten für Menschen ohne Wurzel, ohne Tradition. Die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft verloren haben, in irgendeiner Düsternis. Für Menschen wie O., denkst Du. Dein Handy piept. Mit dem Klingelton von O. „Noch wach?“ schreibt er. „Ja“ antwortest Du. „Willst morgen früh im Auto?“ fragt O. Dein Herz klopft. „Wann und wo wäre das?“ schreibst Du. „Gewerbegebiet, Parkpklatz, 4h“ schreibt O. „Genau“ denkst Du.

Eigentlich bist Du sehr schlafbedürftig. Und innerlich auch noch gar nicht bereit O. schon wieder zu begegnen. Dein Nervensystem ist noch erschüttert, seit gestern vormittag. Und dennoch schreibst Du: „Könntest Du mich dann wo abholen?“ – „Wenn ich zeitig wach bin melde ich mich morgen früh!“ antwortet O. „Ok. Ich laß das Handy an“ schreibst Du. „Ok! Küsse“ antwortet O. „VIELE Küsse!“ schreibst Du. Von Mitternacht bis 3h schläfst Du tief. Dann wirst Du aprupt wach und tastest unter der Bettdecke panisch nach Deinem Handy, voller Sorge O.s Weckruf überhört zu haben. Aber nichts. Erleichtert läßt Du Dich zurück ins Reich der Träume fallen. 6.13h. Nachrichten-Ton von O. „Guten Morgen“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Danke daß Du mich nicht geweckt hast. Ich war wirklich sehr sehr müde und hab durchgeschlafen bis jetzt.“ – „Ich bin schon lange wach!!!“ antwortet O. „Habe aber gespürt daß Du den Schlaf brauchst!!!“ – „Wirklich?“ schreibst Du tief gerührt. „Wirklich!“ antwortet O.

Du verlebst nun einen wunderbaren Frühsommer. Genauer gesagt: das, was Du dafür hältst. Am 18.5. entdeckst Du in einem Schuhgeschäft in Deiner Gegend elegante, stylisch geschnittene Pumps aus tiefrotem Veloursleder mit goldenen Nieten im Fersenbereich. Zu Hause trägst Du sie zu den weißen halterlosen Strümpfen und einer leicht transparenten weißen Hemdbluse. Und machst im Schlafzimmer sehr viele, sehr gute Bilder. O. ist begeistert als Du sie ihm schickst. „Die roten Schuhe mit der weißen Wäsche sind echt der Hammer an Dir!!!“ schreibt er. „Werde versuchen einen weißen Catsuite für Dich zu bekommen!“ – „Ok. Nicht zu klein kaufen bitte!“ schreibst Du ein wenig unsicher zurück. „Babe, Dein Körper ist absolut perfekt!“ antwortet O. „Du bist meine super sexy Sex-Göttin und ich wünsche mir sehr sehr fest dass wir noch lange in sexuellem Kontakt bleiben!!!“ – „Das wünsche ich mir auch!!!“ antwortest Du bewegt. „Wir passen doch sehr gut zusammen“ – „Wir sind füreinander geschaffen!“ antwortet O.

Bereits am 22. Mai 2015 bestellt O. Dich wieder zu sich ins Haus. „Ich liebe Dich. Ich brauche Dich“ schreibt er morgens um 7.18h und daß er bis ans Ende Eurer beider Leben Rim-Jobs von Dir bekommen wollen wird. Um 9.36h möchte er daß Du ein Video für ihn drehst. „Leg Dich in Strümpfen aufs Bett und sag mir wie sehr Du mich liebst!“ schreibt er. Um 11.15h bittet er Dich Deine Fingernägel hellrot zu lackieren und verlangt nach Bildern von deinen Händen. Um 13.12h fragt er ob Du Punkt 14.45h zu ihm ins Haus kommen könntest. Und ob Du es ok fändest NUR den Rim-Job für ihn zu machen, ohne selbst genommen zu werden. „Ja!“ antwortest Du. „Willst Geld für Deine Dienste?“ fragt O. „Nein!“ schreibst Du. „Aber ich wünsche mir nochmal ein Foto von Dir!“ O. antwortet nicht. Aber als Du ihm um 14.42h mitteilst daß Du bei der Parkank bist, schickt er Dir eins. In einem anthrazitgrauen Hemd vor einem schwarzbunten Spray-Scratch-Bild stehend. Ganz cool. Ganz Demon Lover. Ganz Fürst der Dunkelheit.

Im Haus mit den vielen Bildern geht diesmal alles ganz besonders schnell. „Geh hoch, zieh die roten Schuhe an und leg Dich schon mal hin!“ sagt O. und schiebt Dich in Richtung Treppenhaus. „Bin dann gleich bei Dir.“ – „Ok“ flüsterst Du und beeilst Dich ins obere Stockwerk zu kommen wo eine Zimmertür offen steht. Der gleiche Raum wie bei Deinem letzten Besuch. Im diffusen Licht der halb herunter gelassenen Rollos erkennst Du grellbunte Troll- und Ogre-Figuren in scharfkantigen Glasvitrinen. O.s Zimmer? denkst Du während Du Deine Jeans ausziehst, die roten Pumps aus Deiner Tasche nimmst und über die weißen Strümpfe ziehst. Noch ehe Du Dich auf dem abgedeckten Bett zurechtlegen kannst ist O. plötzlich da. Mit hastigen Bewegungen wirft er seine Kleider von sich. Dann nimmt er Dich zwischen seine Knie, fährt flüchtig mit einem Zeigefinger über den Stoff Deiner weißen Hemdbluse und spuckt zwischen Deine halb geöffneten Beine. Und bevor er in Dich eindringt sagt er einen merkwürdig beklemmenden Satz:

„Die Alte“ sagt O. mit sehr fremder, sehr heiserer Stimme, „die kommt gleich wieder. Die Alte die ist bloß ganz kurz beim Arzt“. Du richtest Dich auf. „Was Ernstes?“ willst Du fragen. Aber bevor Du noch einen Ton herausgebracht hast, legt O. seine linke Hand auf Deinen Mund, drückt Deinen Oberkörper zurück nach hinten und dringt in Dich ein. Er stößt Dich weniger hart als sonst. Dennoch bist Du froh als er damit aufhört und Du deinen Rim-Job machen kannst. Am Ende dreht O. sich zu Dir um und klemmt Deinen Oberkörper zwischen seine Knie. „Willst Du schlucken, Schlampe?“ fragt er und blickt auf Dich herab. „Ok“ sagst Du und öffnest willig Deinen Mund. O. trifft präzise hinein. Dann verharrt er noch für Sekunden angehockt über Deinem Brustkorb und beobachtet genau wie Du Deine Lippen wieder schließt und mit einer gut von außen sichtbaren Bewegung Deines Kehldeckels alles hinunter schluckst. „Brav Baby“ sagt er zufrieden und fährt mit einer Hand kurz durch Deine Haare. Du lächelst ihn an.

Leider hat O. nun keinen weiteren Blick mehr für Dich. Er geht nur einfach ins Gästebadezimmer nebenan um dort ein Kleenex für Dich zu holen. Dann rafft er stumm seine Kleider vom Boden auf und eilt hinaus während Du Dich notdürftig in Ordnung bringst. Als Du fertig angezogen bist drehst Du das benutzte Kleenex ein wenig unschlüssig in Deinen Händen. Dann knüllst Du es zusammen und stopfst es in die Vordertasche von deiner Jeans bevor Du hinaus trittst ins Treppenhaus. Auf dem obersten Treppenabsatz bemerkst Du daß hier neuerdings ein großer Hai aus Elektrodrahtgeflecht unter der Decke schwebt und die im Haus herrschende Atmosphäre von Bedrohung und Gefahr verstärkt. Unten im Flur erwartet Dich O. Du empfindest daß er heute besonders blaß und edel wirkt, in seinem dunkelgrauen Hemd und der beigen Bermuda und würdest ihn zu gerne küssen zum Abschied. Aber Du weißt daß er das absolut nicht wollen würde, so kurz nachdem Du ES von IHM geschluckt hast. Deshalb sagst Du einfach nur Ciao. „Ciao“ erwidert O.

Zu Hause, um 15.18h, stellst Du erst einmal fest daß das Kleenex doch nicht ganz alle Spuren von O. aus Deinem Gesicht beseitigen konnte. Du machst ein paar Selfies, für Dich, zur Erinnerung und erschrickst über den merkwürdig starren Blick mit dem Du Dir selbst aus der Smartphone-Kamera entgegenblickst. Nachdem Du geduscht und ein frisches Kapuzenshirt angezogen hast geht es Dir besser. Abends kuschelst Du Dich aufs Sofa während Dein Sohn im Zimmer über Dir schläft und betrachtest im Handy das Bild, das O. Dir geschickt hat. Wie wunderschön er doch ist, denkst Du. Dann kannst Du nicht anders, Du mußt ihm schreiben auf Whatsapp. Daß sein Körper wie eine kühle, glatte Marmorstatue ist, die Du nur immer ansehen möchtest. Daß er Dir überhaupt erscheint wie ein Magier aus einer fernen Welt, inmitten all der Bilder in seinem Haus. Und daß Du niemals aufhören wirst ihn zu lieben. Du schreibst viele lange Sätze voller Zuneigung und Dankbarkeit. Antwort kommt selbstverständlich keine zurück.

Lady in White (Grand Hoover Nmbr. 1)

Am Morgen des 11. Mai 2015 ist irgendetwas anders als an all jenen vielen Tagen seitdem O. Dich verstieß. Das Licht der Sonne dringt heller ins Zimmer. Die Vögel trillern lauter im Garten. Das Mühlsteingefühl auf Deiner Brust beim Aufwachen erscheint nicht mehr ganz so schwer. Auch Deine allmorgendliche Angst das Handy und mit ihm O.s Schweigen, O.s Verachtung, O.s Abwendung von Dir einzuschalten ist etwas weniger lähmend als sonst. Du wirst heute Dein zartrosa Empire-Top mit der Rückenschleife aus Rips zum Fahrradfahren anziehen, denkst Du und wunderst Dich als Du aufs Handy schaust: Auf dem Display erscheint ein ungewohnter, grün fluoreszierender Querbalken. Mit einer magischen Botschaft: Unbeantworteter Anruf 5.18h. Dein Herzschlag setzt aus, für einige Sekunden. Es kann niemand anderer gewesen sein als O., zu dessen irrlichterndem Lebensstil es paßt, Dich mal eben in der Morgenfrühe wachzuläuten. Aber wenn nicht? Du hast Angst nachzusehen. Und tust es doch. Bingo. Der Call kam von O.

In der Küche nimmst Du Dir zehn Minuten Zeit um Tee zu kochen und nachzudenken. Gemäß der No-Contact-Regel dürftest Du O.s Anruf keinesfalls beantworten. Stattdessen müßtest Du jetzt Dein Handy sofort dauerhaft für alles was von O. kommt sperren. Du versuchst Dir klarzumachen daß O.s Kontaktaufnahme nichts weiter ist als das Bemühen Dich, gerade jetzt wo Du ein wenig auflebst, erneut unter Kontrolle zu bekommen. Für neue Enttäuschungen. Neuen Schmerz. Und dennoch. Die Euphorie die Dich erfüllt, sie ist mit nichts vergleichbar. Es ist als ob eine stillgestandene Uhr in Deinem Inneren auf einmal wieder anspringt. Der Rückwärtslauf der Zeit ist aufgehoben. Du bist zurück im Leben. Um 8Uhr18 atmest Du deshalb durch, nimmst Dein Handy und schreibst: „War es was Wichtiges wegen dem Du heute angerufen hast?“ – „Wollte nur wissen ob Du meine Hilfe bei der Hecke noch brauchst!!!“ antwortet O. nach drei Minuten. „Ja!“ schreibst Du zurück. Und damit beginnt das Spiel zwischen O. und Dir wieder von vorn.

„Kostenlos kann ich diese Arbeit aber nicht machen!!!“schreibt O. während Du am Küchentisch in Deiner Teetasse rührst. „Ich bezahle natürlich was Du verlangst!“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. Eine Pause entsteht. Du versuchst nicht nervös zu werden. Nippst am Tee. „Ich bin Dir sehr dankbar wenn Du mir hilfst“ willst Du gerade tippen. Da kommt O. Dir zuvor. „Hast viel gefickt?“ schreibt er. „Nein“ antwortest Du wahrheitsgemäß. „Willst mal wieder?“ fragt O. „Doch“ antwortest Du, fassungslos über Dich selbst. Denn eigentlich hattest Du ja vor, O. zappeln, flehen und um Gnade winseln zu lassen, sollte er jemals versuchen Dich zu sich zurück zu holen. Stolz und kalt hattest Du sein wollen, genau so wie er selbst es immer war. Und nun schreibst Du einfach „Doch“ auf die Frage ob er es mal wieder mit Dir machen soll. Und schiebst sogar noch „Gerne“ hinterher. Du bist anscheinend nicht zu retten. Auch viele Fragen hättest Du ihm stellen wollen. Aber sie sind alle vollkommen unwichtig geworden.

„Willst Du überhaupt noch Kontakt zu mir haben?“ schreibt O. unvermutet. „Doch“ tippst Du wieder. „Wenn ich keinen Kontakt zu Dir wollen würde hätte ich Dir nicht geantwortet“. – „Aber warum hast Du mich dann auf Whatsapp blockiert??!?“ schreibt O. „So halt“ antwortest Du hilflos. „Babe!!“ textet O. „Zum Beweis daß es Dir ernst ist mußt Du mich sofort entblocken und mir ein Bild von deinen Brüsten schicken!!! Ich will unbedingt Deine harten dunklen Nippeln sehen!!! Sonst kann ich Dir nicht verzeihen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und zerrst hektisch an Deinem T-Shirt. „Ich möchte dann aber auch mal ein Bild von Dir!“ – „Das bekommst Du!!!“ schreibt O. „Sobald Du mich auf Whatsapp freigibst schick ich Dir ein Bild von meinem Schwanz!!!“ – „Ich will auch eins von Deinen Augen“ textest Du. „Das geht jetzt wirklich nicht Babe!!!“ schreibt O. „Ich habe noch nicht geduscht und möchte Dir gerade nicht meine verschlafenen Augen als Foto senden!! Bitte beeil Dich. Mach Bilder. Und geh zurück auf Whatsapp!!!“

Nachdem Du O. auf Whatsapp freigegeben hast um ihm die Gegenlicht-Aufnahmen von Deiner Brust zu schicken die Du rasch im Badezimmer gemacht hast, ist im Chatfenster bereits ein Bild im Bokeh-Modus zu erkennen. Als Du darauftippst um es zu öffnen erkennst Du, daß O. sein Versprechen wahr gemacht hat: vor dem Hintergrund des mit halbleergetrunkenen Smoothie-Flaschen beladenen Couchtischs aus Chrom hat er IHN fotografiert: schräg zwischen seinen hellen, weit geöffneten Schenkeln aufragend, sanft durchblutet, unschuldsvoll und dennoch bedrohlich in seinem reinen phallischen So-Sein, herausfordernd, selbstsicher, alternativlos, unentrinnbar: O.s Allzweckwaffe, O.s Zweites Ich, O.s Bestes Stück. Il suo cazzo. Zum Anbeten. Zum Niederknien. „Dein Schwanz ist hammer- hammer- hammer-geil!“ schreibst Du ergriffen. „Und jetzt schick Du die Bilder!!!“ antwortet O. Du gehorchst. „Geil!!! Willst Dich auf mich setzen und Dir nen Orgasmus abholen?“ schreibt O. „Gern!“ antwortest Du. Hoover accomplished.

„Babe, ich möchte aber daß Du diesmal eine schwarze Strumpfhose ohne Slip drunter trägst wenn Du zu mir kommst!“ schreibt O. während Du im Bad stehst und Deine Haare kämmst. „Reißt Du mir sie dann wieder auf, so wie beim letzten Mal?“ fragst Du. „Ja, Babe“ antwortet O. „Und jetzt mach schnell bitte. Ich will Dich anfassen!“. Es gelingt Dir cool zu bleiben. Anders als bisher zittern heute Deine Finger nicht als Du die Nylonstrümpfe hochziehst und die Rückenschleife vom Empire-Top bindest. Und als Du bereit bist aus dem Haus zu gehen, gelingt es Dir sogar, mit ruhiger Hand ein Foto von Deiner Unterbauchregion zu machen auf der sich Dein Jugendstil-Tattoo durch den schwarzen Strumpfhosenstoff abzeichnet. „Bin startklar!“ schreibst Du und sendest es O. „Melde Dich wenn Du beim Park bist!!!! Ich öffne die Garage!“ antwortet er. Und dann sendet auch er noch ein Bild. Von sich selbst. Sehr verloren vor einer riesigen, weißen Schrankwand stehend. Irgendwo in seinem Haus. Es erschüttert Dich zutiefst.

„Oh danke. Das vergess ich Dir nie!“ tippst Du und merkst daß Deine Finger nun doch anfangen heftig zu zittern. O.s Anblick auf dem Bild geht Dir durch Mark und Bein. Wie ein todtrauriger Schuljunge dem jemand bitter unrecht tat. So steht er da in seinem dezent blau-gelb gemusterten Marken-Karohemd mit dem bis oben zugeknöpften Kragen. Einsam. Hochmütig. Vorwurfsvoll. Mit einem bitteren Zug um den verschlossenen Mund. Und dennoch: soo sexy mit dem Hauch eines Drei-Tage-Barts auf den bleichen Wangen. In Dir findet eine Kernschmelze statt. Du möchtest direkt zu O. hinrennen, Dich ihm zu Füßen werfen und so lange vor ihm liegen bleiben bis die Eis-Schicht die sein Herz umgibt geschmolzen ist. Egal wie lang es dauert. Aber Du weißt daß das nicht geht. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb atmest Du durch, schlüpfst in Deine Stiefeletten die Du lang nicht mehr getragen hast, nimmst Dein Handy und schreibst: „Bin startklar!“ – „Dann komm!“ antwortet O. „Ja“ schreibst Du und eilst nach draußen.

Auf der Strasse wirst Du von sommerlicher Wärme umfangen. Du weißt daß alles gut gehen wird, heute. Bereits um 10.15h kommst Du mit Deinem Fahrrad bei der Parkbank an und meldest Dich bei O. Drei Minuten später erreichst Du das Haus mit den vielen Bildern das im Schein der Frühlingssonne gar nicht SO kalt und furchteinflößend auf Dich wirkt wie bisher. Merkwürdig vertraut. Als ob Du es aus Fieberträumen Deiner Kindheit kennen würdest oder vor sehr langer Zeit schon einmal hier gelebt hättest. Du weißt etwas über seine Geheimnisse. Und bist selber Teil seiner Geschichte. Das gibt Dir ein Gefühl von Stärke als Du auf Deinem Fahrrad in den Schattenraum der Garage einpassierst. Deren großes, vollautomatisches Tor sich wie ein gieriger Schlund langsam vor Dir öffnet und gleich hinter Dir wieder schließt. Während O. im Rahmen der Verbindungstür zum Haus lehnt und von der dreistufigen Betontreppe herab dabei zusieht wie Du Dein Fahrrad neben dem  metallicbraunen SUV abstellst. Wie immer…

Als O. Dich im Flur seines Hauses mit einem flüchtigen Wangenkuss begrüßt und Dich mit stummen Gesten anweist, Jeans und Empire-Top auszuziehen und nur in Strumpfhose und Stiefeletten vor ihm her durchs Treppenhaus nach oben zu gehen, verlierst Du wieder einmal das Gefühl für Raum und Zeit. Somnanbul. Als hätte es weder eine zweimonatige Trennung noch die Erotik-Selfies anderer Frauen jemals zwischen Euch gegeben. So läßt Du Dich von O. herumführen und in eins der Zimmer im ersten Stock schubsen wo auch heute wieder irgendeine Liegefläche abgedeckt mit einem weißen Leintuch auf Dich wartet. Bevor er Dir gestattet Dich bäuchlings darauf fallen zu lassen legt O. von hinten seinen Arm um Deinen Hals und zieht Dich eng zu sich heran. „Hast viel gefickt? Darfst es ruhig sagen!“ zischt er Dir ins Ohr. „Nein“ antwortest Du. „Dreckige Lügnerin“ murmelt O. und stößt Dich aufs Bett. Du vergräbst Dein Gesicht in den Kissen unter dem Leintuch. Und hinter Dir zieht O. sich aus …

Es ereignet sich dann, während O. sich mit seiner großen Hand an Deiner Gesäßregion zu schaffen macht und die schwarze Nylonstrumpfhose zwischen Deinen Beinen aufreißt so daß Dein Po freiliegt, einmal mehr der Moment totaler Wehrlosigkeit. Gefolgt vom Moment der Erleichterung daß O. Dich auch heute NUR vaginal so hart stößt daß Dir kurzzeitig schwarz wird vor Augen. Der Moment der Dankbarkeit als Du Dich dann auf den Rücken drehen und kurz Luft holen darfst bevor O. sich über Dein Gesicht hockt um den Rim-Job zu bekommen. Der Moment von Verwirrung und vollkommener Verlassenheit, in dem O. mittendrin plötzlich aufsteht und in den Schrankfluchten des Nebenzimmers äonenlang etwas ganz Bestimmtes sucht, während Du in Deiner zerfetzten schwarzen Nylonstrumpfhose daliegst und versuchst das Aufeinanderschlagen Deiner Zähne unter Kontrolle zu bekommen. Ein schneeweißes Anzughemd aus glattem, kühlem Stoff und eine Packung weißer halterloser Strümpfe bringt O. mit als er endlich zurück kommt. Und als Du hineinschlüpfst filmt er Dich …

„Das schaut supergeil aus Baby“ sagt O. während er mit einer Hand sein Smartphone über Deinem weiß gewandeten Körper hin und her bewegt und mit der anderen das Herrenhemd  noch ein wenig zurecht zupft. „So gefällst Du mir richtig gut!“ – “ Freut mich“ sagst Du und reckst ihm sehnsuchtsvoll Deine Hände aus den überlangen Hemdärmeln entgegen. „Kuscheln geht jetzt aber wirklich nicht, Baby“ sagt O. streng und legt sein Handy beiseite. „Aber zu Ende lecken darfst Du mich jetzt, ok?“ – „Ok“ sagst Du und räkelst Dich für ihn zurecht. Dann kommt der Moment in dem alles gut ist und es übernatürlich hell zu werden scheint im Raum. Der Moment in dem Du weißt daß Du auch heute wieder Deinen Rim-Job sehr gut gemacht hast weil Du O.s Eruption auf Dir fühlst. Und er sie wenig später sehr andachtsvoll von Deinem Bauch wischt. Mit einem besonders flauschigen Waschlappen den er extra dafür aus dem Gästebadezimmer nebenan geholt hat.

„Die Strümpfe kannst Du behalten“ sagt O. nachdem es alles vorbei ist. „Vielleicht magst ja zu Hause paar Fotos davon machen. Aber das Hemd das brauche ich noch!“ – „Klar“ sagst Du, ziehst es aus und faltest es sorgfältig zusammen bevor Du es ihm gibst. Dann nimmst Du Deine Stiefeletten in die Hand und gehst, barstrümpfig und nackt wie Du bist, hinter O. her durchs Treppenhaus hinunter, dahin wo Deine Jeans und Dein Empire-Top liegen. Als Du Dich fertig angezogen hast, steht O. etwas entfernt unter einem großen, in Öl gemalten Fantasy-Triptychon das wie ein dreiteiliges Fenster den Raum zum grau-grünen Firmament über Urdenia oder Isania zu öffnen scheint. Er schaut Dich unverwandt an. „Magst jetzt wieder öfter kommen?“ fragt er. „Gern“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., begleitet Dich bis an die Verbindungstür zur Garage und läßt sie hinter Dir zufallen noch ehe Du bei Deinem Fahrrad angelangt bist. Nun kommt der Moment in dem Dir beinahe das Herz bricht weil Du nicht einfach so gehen willst. Doch dann fährst Du heim.

Eremitage

Sonntag, 22.3.2015 Frühjahresgleiche. Wegscheide zwischen Licht und Dunkelheit. Für Menschen die nicht in einer destruktiven On-Off-Beziehung leben so wie Du, beginnt nun die Phase der warmen, hellen Tage. Du aber, die Du am Morgen nach Deinem Whatsapp-Kniefall vor O. in klinischer Stille aufwachst ohne Deinen Körper zu spüren, scheinst zur Rückkehr in ewige Wintertrübe verurteilt. Beim Hinuntergehen in die Küche wunderst Du Dich, daß Du nicht fällst auf der Treppe. Denn Du fühlst Dich wie eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden. Führungslos. Desorientiert. Ohne Halt. Und draußen auf der Straße hast Du das Empfinden als Fremde, Unsichtbare unter den Menschen zu wandern. Wo immer Du Dich aufhältst scheint ein Smog-Schleier über der Stadt zu liegen, der Dich von allem abtrennt. Geräusche. Farben. Lichtreflexe. Fragen Deines Sohnes. Alles kommt in gedämpfter, abgebremster Form bei Dir an. Du fühlst nichts. Nichts, außer der dumpfen Verzweiflung beim Blick auf das stumme, leere Display Deines Handys.

Einige Tage lang schaffst Du es mit eiserner Disziplin, NICHT Deine Whatsapp-Chats mit O. aufzurufen. Als Du es dann doch tust, an einem leeren, kalten Vormittag Ende März, weil Du hoffst dadurch irgendetwas besser zu verstehen, ist O. natürlich online. In wohlbekannter, hochtouriger Lebendigkeit. ER ist nicht einsam. ER hat keine Sehnsucht nach Dir. Es trifft Dich ins Mark das zu sehen. Als der Schwindelanfall abebbt und die Mouches volantes vor Deinen Augen allmählich verschwinden, weißt Du daß Dir nur eines übrig bleibt: Du mußt O. blockieren. Wenn schon nicht vom Handy, so zumindest auf Whatsapp. Für einige Minuten ringst Du mit Dir. Fürchtest, O.s Zorn noch mehr auf Dich zu ziehen, mit diesem Schritt, und ihn dadurch endgültig, für immer zu verlieren. Dann aber überwindest Du Dich. Klickst auf „Mehr“ und dann auf „Blockieren“. „Blockierte Kontakte können Dir keine Nachrichten mehr schicken“ warnt die App. Du bestätigst Deine Entscheidung. O.s Online-Stempel verschwindet. Du atmest auf.

Die Nächte sind schön. Denn irgendein gnädiger Neurotransmitter aus Deinem körpereigenen Trost- und Belohnungssystem sendet Dir regelmäßig wunderbare Träume. In Technicolor. Bonbonbunt. Lichtdurchflutet. Zuckersüß. Was im Leben Dir verwehrt war, wird im Reiche Hypnos Dir gestattet: Du begegnest einem sanften, einfühlsamen O., der Hand in Hand mit Dir über sommerliche Feldwege schlendert, Dich auf Rummelplätzen küßt, bei Einbruch der Dunkelheit in seine Lederjacke hüllt und auf einem Vintage-Bike unter blinkenden Sternen nach Hause fährt. Während Du dich eng an seinen Rücken schmiegst. Ihr seid beide sehr jung und sehr glücklich in allen diesen Deinen Träumen. Umso schmerzhafter ist das allmorgendliche Erwachen. Kein O., nirgends. Jeder neue dieser Tage liegt vor Dir wie ein dunkler Tunnel an dessen Ende niemals Licht erscheinen wird. Die Stadt ist grau. Dein Sohn hat schlechte Schulnoten. Dein Mann ist ständig unterwegs. Und Du, Du bist auf Entzug. Kaltem Entzug. Von der Droge O.

Dich in der Öffentlichkeit aufzuhalten vermeidest Du so gut es geht. Denn es sind einfach zu viele Frauen draußen auf der Straße. Hübsche, unbelastete Frauen. So wie Du selbst eine warst, vor 8 Monaten. Sie sitzen im Straßencafe und halten ihr Gesicht in die Frühlingssonne. Sie spazieren durch den Park oder bummeln an Schaufenstern vorbei. Und blicken dabei versonnen lächelnd aufs Handy. Manche steigen sogar vom Fahrrad und lehnen sich an einer Hauswand an um etwas zu lesen was ihnen geschickt wurde. Etwas Cooles, Frivoles. „Hey Babe, ich will Dich!“ Irgendwas in der Art. Von einem Lover wie O., ja, höchstwahrscheinlich sogar von O. selbst. Auf solche Gedanken kommst Du, sobald Du draußen bist. Denn O. kennt ja alle Frauen Deiner Stadt und ist in der Lage sofort eine von ihnen klarzumachen. Deine größte Angst ist, es zufällig mitzubekommen, wie er gerade eine neue Schöne angräbt. In der Nähe vom Ort Eures Kennenlernens etwa. Aus all diesen Gründen gehst Du nur noch selten raus.

Das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach Eures Hauses wird in diesen Wochen zu Deinem Lebensmittelpunkt. Hier verbarrikadierst Du dich bei heruntergelassenem Rollo vor dem PC, während die Welt draußen täglich lebensfroher wird. Ob hinter dem verdunkeltem Fenster die Sonne scheint oder die Sterne am Nachthimmel glitzern. Wann immer es Deine Zeit erlaubt suchst Du Zuflucht im Internet. Aber nicht mehr bei den behäbigen, deutschsprachigen Darstellungen der Borderline-Störung, die meist als wehleidig-moralisierender Opferdiskurs daherkommen, sondern vielmehr bei den Blogs und Foren von Autorinnen und Autoren aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Pragmatisch. Illusionslos. Und dabei doch humorvoll, frech und kreativ. So wird hier dem Typus des emotional-instabilen, narzisstisch gestörten Mannes begegnet. Und seinem Gegenüber. Der allzu empathischen, mangelhaft abgegrenzten, codependenten Frau. Wo immer Du auch liest, die amerikanischen Blogs, sie portraitieren Dich und O.

Besser als in Deiner eigenen Muttersprache machen die Exegetinnen aus dem Lande Uncle Sams Dir die naturgegebene Volatilität Deiner Beziehung zu O. bewußt. Idealization. Devaluation. Discard. Diesem Drei-Phasen-Modell folgt unweigerlich jede romantische Beziehung zwischen Menschen wie Dir und O. Und über das, was Du für Deinen narzisstischen Geliebten wirklich bist oder warst, besteht jenseits des Großen Teiches auch kein Zweifel: „Narcissism is the ultimate experience of objectification“ schreibt etwa Melanie Tonia Evans. „To this type of person you are not a person with feelings. You are a source of narcissistic supply, and all shows of love, affection and empathy are constructed to lure you as this source. Ultimately you are not a person, you are a ‚thing‘ to feed off and sustain his existence. When you finally leave the narcissist, … , the narcissist will find another source and another and then another. The cycle doesn’t end … The narcissist is what a narcissist is.“

Vier Wochen lang sitzst Du vor dem PC. 24/7, nahezu. Du liest und liest. Vom unechten, konstruierten Selbst des Narzissten: the Narcissist’s Fake Personality. Vom Arsenal seiner manipulativen Strategien die Du alle selbst, am eigenen Leib erfahren hast: Silent Treatment. Blame Shifting. Promise Breaking. Gaslighting. Von seinen subkriminellen Wesenszügen: Liar. Serial Cheater. Con-Artist. Von seiner selbstbezogenen, auf Macht und Beherrschung zielenden Sexualität: „No emotions, no bonds, no relationships, no love. The kinkier the sex, the better he likes it.“ Du begreifst, daß Du Dir nicht die Schuld zu geben brauchst am Scheitern Deiner Beziehung zu O.: „You did NOTHING wrong. … A narcissist is unable to attach to anyone.“ Du erfährst daß ein radikaler Kontaktabbruch Deinerseits der einzige Weg wäre, um Dich von O.s dunklem Charisma zu lösen: „No contact empowers you to save yourself.“ Und Du lernst einen neuen Begriff kennen, der Dir Hoffnung gibt, wider jede Vernunft: The Hoover.

„When the cycle of ‚idealize, devalue, discard‘ is complete, a person with narcissistic qualities will often return to prior sources of narcissistic supply to see if he can tap such individuals for more ego-fueling attention, sex or other affirmations of his existence. ‚Hoover maneuver‘ was coined after the name of a popular vacuum cleaner, alluding to the fact abusers often attempt to suction up narcissistic supply from prior sources. The hoover maneuver is an attempt to see if a prior target of abuse can be conned into another cycle of abuse. Survivors of narcissistic abuse should not be fooled by the hoover maneuver. Such an action is not a sign that the abusive person loves the survivor.“ So schreibt Andrea Schneider auf GoodTherapy.org. Du verstehst jedes Wort. Dir ist klar, daß es nichts mit Liebe zu tun hätte, wenn ein großer narzisstischer Saugrüssel nach Dir greifen und Dich zurück inhalieren würde ins düstere Reich von O. Und dennoch ist es Dein sehnlichster Wunsch.

Ende April. Die Stadt ist aufgeblüht. Und auch Du spürst tief in Dir den Wunsch Deine Eremitage zu verlassen und ins Leben zurück zu kehren. Du wagst es, wieder kleine Fahrradtouren zu unternehmen. Triffst Dich mit Freunden. Meldest Dich auf einem Flirtportal an und bekommst innerhalb weniger Stunden sehr viele Zuschriften. Ein trainierter, kahlgeschorener Manager mit gletscherblauen Augen findet großen Gefallen an Deinen Bildern und beginnt lebhaft mit Dir zu chatten. In der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai bemerkst Du, daß O. sein Whatsapp-Profilbild ändert. Er postet eine idyllische Bergwiese mit Alpenveilchen die intensiv blühen. Dich durchrieselt eine Welle von Sehnsucht als Du das siehst und Du bist nahe daran O. einfach zu deblockieren und ihm etwas Liebevolles zu schreiben. Aber Du weißt, daß Du unbedingt die No-Contact-Regel einhalten mußt wenn Du gehoovert werden willst. Deshalb hältst Du an Dich. Und 10 Tage später ist es soweit. Dein Handy meldet morgens einen Anrufsversuch von O.

Eclipse

Mittwoch, 18.3.2015 Lange, sehr lange nachdem O. gegangen ist an diesem kühlen, sonnigen Tag im März 2015 sitzst Du noch immer spärlich bekleidet auf einem Stuhl in Deinem Wohnzimmer und betastest nur wieder und wieder die Schmucksteine um Deinen Hals. Erst als bereits das Nachmittagslicht ins Zimmer fällt, raffst Du Dich auf um ein wenig Ordnung zu schaffen. Sammelst die Fetzen von Frischhaltefolie und rotem Nylonstoff in einer Mülltüte zusammen. Faltest das bunte Minikleid glatt und legst es zu den anderen Sachen in der geblümten Stoffschachtel im Schlafzimmer. Zum schwarzen Netz-Top. Zum Stringbody. Zu den fingerlosen Handschuhen und all den Strumpfgarnituren. Dann duschst Du Dich. Kochst Tee. Hoffst zu Dir zu kommen. Im Lauf des Nachmittags machen sich allerdings Schmerzen bemerkbar. Der Gabeh-Teppich hat Abschürfungen auf Deinem Rücken hinterlassen, unter O.s Stößen. Deine Schamlippen sind verschwollen, das Sitzen tut weh, anderes wird vollends zur Qual. Und auch mit Deiner Psyche geht es steil bergab.

Am späteren Nachmittag, kurz bevor Dein Sohn aus der Schule kommt, sind schließlich alle Endorphin-Reste aufgebraucht die von der Begegnung mit O. in Dir hinterblieben. Du fühlst nur noch Verlassenheit, Trauer und Schmerz. Bei Einbruch der Dunkelheit, zwischen zwei peinvollen Toilettengängen, erträgst Du es nicht mehr damit alleine zu sein. Du brauchst die Hilfe von O. Unbedingt. So nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Danke für den Besuch heute bei mir. Ich bin sehr glücklich daß ich Dich endlich mal wieder gesehen hab. Und ich hätte auch nicht gedacht daß ich heute so tollen Sex mit Dir haben könnte. Bitte laß nicht so viel Zeit vergehen bis ich Dich wiedersehe! Ich mache bald Bilder für Dich von dem bunten Kleid. Es ist einfach traumhaft von Dir so hart genommen zu werden. Ich liebe Dich! Bis bald!“ Wenn O. nun ein Herzchen oder ein Smiley schicken würde innnerhalb der nächsten Stunden wäre alles gut, denkst Du. Aber genau diesen Gefallen tut O. Dir nicht. Weder am Abend, noch in der Nacht.

Donnerstag, 19.3.2015, 6Uhr30. Du erwachst vollkommen unerholt. Schaltest Dein Handy ein. Und weißt, tief in Dir drin, noch ehe Du es entsperrt hast, daß Dich keine Nachricht von O. auf dem Display erlösen wird aus dem Kerker Deiner Vergessenheit. Aber es geht noch schlimmer. Als Du Deine Whatsapp-Chats mit O. aufrufst, siehst Du daß er online ist. Lang. Ausgiebig. Voller Engagement. Immer wieder. Er hat jemandem viel zu schreiben, mitzuteilen, zu erzählen. Aber nicht Dir. Dich hat er gestern halb bewußtlos gefickt. Und heute sagt er Dir nicht mal mehr Guten Morgen. Du bist erledigt. Abgefrühstückt. Wertloser denn je. Du hältst es nicht mehr aus. Deine Verletztheit bricht sich Bahn. Du starrst auf den online-Schriftzug und schreibst: „Guten Morgen. Ich muß Dir etwas sagen. Es war gestern definitiv unsere letzte gemeinsame Nummer, unser letztes Date. Du fickst ungeschützt mit unzähligen Frauen. Und ich hab keine Lust irgendwann doch noch mit Hepatitis oder Hiv dazusitzen.“ Du schluckst. Dann schreibst Du weiter.

„Du hast mir außerdem intime Bilder von anderen Frauen weitergeleitet. Also muß ich davon ausgehen daß auch meine Bilder längst im Umlauf sind. Ich wünsch Dir alles Gute. Aber für mich ist es nicht mehr geil Teil dieses Lebensstils zu sein!“ Es dauert vier Minuten. Dann schreibt O. zurück. „Du bist doch so blöd!!!“ textet er. „Ich hab die Fotos aus dem Netz!!!“ Du zögerst kurz. Überlegst, den Strohhalm zu ergreifen den O. Dir scheinbar hinhält. Entscheidest Dich dagegen. „Das glaube ich Dir nicht!“ schreibst Du stattdessen. „Du kannst es jedenfalls nicht beweisen daß die Bilder lediglich aus dem Netz sind!“ – „Du fickst mit anderen Männern und zeigst mit dem Finger auf mich???“ fragt O. „Da hast Du in gewisser Weise recht“ antwortest Du. „Eben!!!“ schreibt O. „Und deshalb laß mich jetzt in Ruhe!!! FÜR IMMER!!!!“ Sein online-Schriftzug verschwindet blitzartig. Und Du sinkst fassungslos in Deine Kissen zurück. Du hast Dein T-Shirt völlig durchgeschwitzt während des kurzen Chats mit O. Und das Bettlaken auch.

Guillotiniert. Entseelt. So liegst Du da, während unnatürliche Stille in Deinem Haus um sich greift. Als wäre ein Netzstecker gezogen. Als wäre das Leben gewichen aus allem. So kommt es Dir vor. O. hat Dich über seine Klinge springen lassen. Und das war nicht Dein Plan. Reden. Klären. O. aufrütteln. Das hattest Du gewollt. Ihm zeigen daß es Dich noch gibt. Stattdessen wurdest Du vernichtet. Kalten Herzens exekutiert. Du fühlst Dich wie eine lebende Leiche, als Du auf unsicheren Beinen hinunter in die Küche wankst um Tee zu kochen. Du hast Deine Identität verloren. Du bist nichts mehr. Weniger als nichts, außerhalb der Welt von O. Du überlegst verzweifelt was Du nun noch tun kannst. Um zurück zu kommen ins Leben. Denn das ist für Dich der Kontakt zu O. Nichtsweniger als das Leben. Aber Dir fällt nichts ein. Der Vormittag vergeht. Du sitzst gelähmt am Küchentisch. Erstarrt. Gebrochen. Fällst in Sekundenschlaf. Schreckst wieder hoch. Krallst Dir Dein Handy. Schreibst. Wie in Trance.

„Ich lösche Dich nicht vom Handy und ich blockiere Dich nicht! Ich liebe Dich viel zu sehr! Du bist viel zu faszinierend und zu wichtig für mich! Aber ich werde jetzt erstmal nicht mehr so viel schreiben. Ich muß meine verletzten Gefühle sortieren und mit mir selbst zurecht kommen. Du hast mich ins Herz getroffen in gewisser Weise. Ich habe halt Gefühle, leider, und ich habe es nie gelernt sie so zu kontrollieren wie Du. Ich bewundere Dich auch dafür sehr. Du kannst mir gerne schreiben wenn Du mich mal wieder besuchen willst. Ich mach Dir mit Sicherheit gern in Strümpfen die Türe auf. Aber ich selbst kann jetzt erstmal nichts mehr tun um unsere Verbindung aufrecht zu erhalten. In größter Liebe! U.“ So tippst Du mit bebenden Fingern, irgendwann im Laufe dieses völlig aus der Zeit gefallenen Tages in dein Smartphone. Noch versuchst Du Hoffnung, eine Art von Würde zu bewahren. Doch im Inneren fühlst Du, daß die Hängebrücke zwischen Dir und O. gerissen ist. Du wirst ins Bodenlose fallen.

Freitag, 20.3.2015. Es ist der lang erwartete Tag der partiellen Sonnenfinsternis. Die Menschen Deiner Stadt fiebern der Stunde entgegen da sie in Schatten getaucht sein werden. Du selbst befindest Dich längst dort. Ohne Hoffnung ins Sonnenlicht zurückzukehren. Denn O. hat auf Deine Nachrichten vom Vortag nicht reagiert. Und so beginnst Du Dich einzurichten im Zustand der Verlassenheit. Sitzst gramgebeugt am Küchentisch. Rührst in Deiner Teetasse. Kraftlos. Resigniert. Als jedoch am frühen Vormittag die Kälte der beginnenden Sonnenverdunklung spürbar wird und das Tageslicht ins Jenseitige diffundiert, drängt es Dich, O. ein letztes Mal zu schreiben. Einfach so. Losgelöst. Ohne Ziel. Du überlegst eine Weile. Wägst Worte. Und um 10Uhr13, als das Himmelsspektakel draußen seinem Höhepunkt entgegen strebt und dramatische Wolkenformationen über Deinem Haus und Deiner Stadt einen Hauch von Golgatha verbreiten nimmst Du Dein Handy und schreibst. Voller Verve und Leidenschaft. Deinen letzten großen Hymnus an O.

„Liebster. Unser Zusammensein am Mittwoch war für mich wirklich sehr schön, das möchte ich Dir nochmal ganz deutlich sagen. Und nicht nur schön, sondern auch schmerzhaft und intensiv wie jede Begegnung mit Dir bisher war. Fick ist überhaupt nicht das richtige Wort dafür. Eher Kunst-Performance. Inszenierung. Du kannst sehr viel. Hast viele Talente. Bist begabt. In mir ist jedes Mal sehr viel aufgewühlt nach den Begegnungen mit Dir. Es dauert immer einige Tage bis meine Nerven sich beruhigt haben. Es trifft mich vieles im Innersten, bis ins Mark, was Du machst während eines Zusamenseins mit mir. Es berührt ganz tief von mir vergrabene Gefühle. Es kommen auch Ängste, Traurigkeiten, alles Mögliche hoch. Ich schreibe Dir das während hier die Sonnenfinsternis abläuft: Du bist in jeder Hinsicht: Extrem. Intensiv. Brilliant. Schillernd. Gefährlich. Genial. Erotisch. Brutal. Intelligent. Stark. Grausam. Voller Phantasie und irrer Ideen. Schön. Attraktiv. Radikal und rücksichtslos.

Es steht Dir zu es mit tausenden von Frauen zu machen. Es steht Dir zu, Dir einfach alles zu nehmen was Du haben willst. Du kannst es, also kannst Du es tun. Wer wäre ich, es Dir zu verbieten. Du stehst irgendwie außerhalb der normalen Regeln und Gesetze. Du bist für mich eine sehr große, sehr wichtige Figur. Aber Dich zu lieben ist wie nackt gegen einen Eisberg zu rennen. Oder wie barfuß auf zerbrochenem Glas zu laufen. Es tut sehr, sehr weh. Ich habe jetzt 8 Monate lang versucht diesen Schmerz auszuhalten. Ich kann es auch weiterhin versuchen. Im Moment will ich nur daß Du weißt daß ich Dich wirklich sehr, sehr liebe. Und daß ich viel, viel mehr in Dir sehe als nur einen Ficker. Bitte laß die Türe offen zwischen uns, ok? Ich hoffe so sehr daß ich wieder mit Dir zusammen kommen kann wenn ich mich mal erholt habe. Ich will Dich nicht für immer verlieren. Denn ich bin für keinen Mann jemals halbnackt und frierend am Fenster gestanden um auf ihn zu warten, nur für Dich. Vergiß das nie! In Liebe, U.“

Turquoise

„Turquoise“ by Quinton Hoover

Mittwoch, 18.3.2015, 6 Uhr 27. Es ist der Anfang eines klaren, verheißungsvollen Vorfrühlingstages. Die Morgensonne dringt durch die Ritzen der noch halb heruntergelassenen Rollos in Deinem Wohnzimmer. Du selbst kauerst noch immer auf dem Gabeh-Teppich. Übernächtigt. Lichtscheu. Ausgefroren. Denn es ist auch das Ende jener langen Nacht, in der Du auf schonungslose Weise erfuhrst was Du schon lange ahntest: nämlich, nur eine von Vielen zu sein für O. Eine von Vielen, die sehnsüchtig schreibt. Eine von Vielen, die Bilder macht. Eine von Vielen, die Highheels kauft und Netzstrumpfhosen hortet. Eine Wegwerf-Dame. Eine Spielzeug-Frau. Und zwar, so schrieb er jedenfalls, die Letzte, die Unwichtigste auf seiner langen Liste. Nach irgendeiner Asiatin. Nach einer Allerwelts-Lady in bordeauxrotem Catsuit. Nach einer Anonyma mit üppigem Dekoltée. Nach vielen, vielen anderen, Unbekannten. Kommt lange nichts. Und dann erst Du. Oder? „Bitte“ schreibt O. nämlich erneut. „Lass mich Dich besuchen!!! Ich muß Dich sehen!!!“

„Warum so eilig?“ tippst Du voller Ingrimm, während der Duft von Kaffee und die gedämpften Stimmen von Deinem Mann und Deinem Sohn aus der Küche zu Dir dringen. Wie aus einer fernen Welt, von weit, weit her. Wie die Erinnerung an eine lang vergessene Zeit, in der Du Croissants zum Frühstück hattest, und geregelte Schlafzeiten. „Ich bin die letzte in Deinem Katalog von tausend Frauen“ tippst Du weiter. „Vergiß mich doch einfach!“ – „Nein!!!“ antwortet O. „Was, nein?“ schreibst Du zurück. „Ich kann keine schwarzen Strümpfe mehr für Dich anziehen und mir die Nägel lackieren und all das. Es geht nicht mehr. Es ist vorbei!“ – „Ich komme heute vormittags!!!“ schreibt O. „Ich muß Dich sehen!!!“ – „Ok“ antwortest Du nach einer kurzen Besinnung. „10, halb 11h wäre eine gute Zeit. Aber ich kann keinen Sex mit Dir machen! Und ich weiß auch nicht ob ich es schaffe Dir die Türe aufzumachen.“ – „Du willst mich eigentlich nicht sehen, oder?“ fragt O., unerwartet einfühlsam. „Doch. Schon.“ antwortest Du.

„Aber dann?“ schreibt O. fiebrig. „Du willst mich nur sehen, nicht berührt werden, oder?“ – „Doch. Du kannst mich auch berühren“ antwortest Du und fühlst Dich dabei unendlich müde. „Wo, Babe?“ fragt O. „Schreib es mir! Wo darf ich Dich berühren? Darf ich Dich küssen wenn ich hereinkomme?“ – „Ja“ antwortest Du, aufsteigende Tränen tapfer niederkämpfend. „Das wünsche ich mir doch schon so lange!“ – „Und darf ich dann auch Deine schönen Brüste berühren?“ drängt O. weiter. „Gleich im Flur?“ – „Meinetwegen“ antwortest Du. „Aber Sex willst Du keinen mit mir haben, oder?“ fragt O. „Ich glaube nicht daß ich das kann“ antwortest Du, total erschöpft. „Oh doch, Babe!!! Ich weiß das Du das kannst!!!!“ schreibt O. nach einer kurzen Pause. „Denn Du bist eine Schlampe die es braucht!!! Und deshalb gehst Du jetzt dann auch ins Schlafzimmer und machst für mich ein MUSCHIFOTO!!! Wenn Du das gemacht hast dann besuche ich Dich und spritz Dich voll!!!“ – „Ok“ antwortest Du. Lass mich kurz duschen. Dann probier ich es.“

Nachdem Du mit leeren Gesten Deinen Mann und Deinen Sohn verabschiedet und im Haus ein wenig Ordnung gemacht hast, gehst Du mit bleischweren Füßen hinauf ins Badezimmer und versuchst, Dir unter der Dusche den Stress und die Demütigungen der vergangenen Nacht vom Körper zu waschen. Durch das Herabrauschen des warmen Wassers hindurch kannst Du jedoch hören, daß O. permanent simst. Es geht nicht anders. Du mußt Dein Waschritual unterbrechen. „Komm schon!!!“ – „Mach Baby!!!“ – „Wo bleibt das Bild!!!“ – „Schick endlich das  MUSCHIFOTO!!!“ liest Du triefnass im Badezimmer stehend, während Reste von Shampoo aus Deinen Haaren in Deine Augen rinnen und aufs Handydisplay tropfen. Du versuchst nicht in Hektik zu verfallen. Und dennoch rubbelst Du Dich hastig trocken, ziehst eilig schwarze, halterlose Strümpfe und Highheels an und machst Dir noch schnell ein Statement-Collier mit großen, glitzernden Fake-Türkis-Steinen um den Hals. Dann wirfst Du Dich im Schlafzimmer aufs Bett und schaltest die Selfie-Kamera ein.

Deine Energie reicht für genau fünf Bilder. Drei von Deinem Körper, der seltsam steif auf dem Oberbett liegt, die bestrumpften Beine unbeholfen von sich streckend. Und zwei von Deinem Gesicht, das blass und blicklos über den schillernden Glastürkisen an Deinem Hals in eine imaginäre Weite starrt. Erotisch geht anders, denkst Du und zögerst sie an O. zu senden. Selbst jetzt, im Moment Deiner tiefsten Getroffenheit, willst Du ihn nicht enttäuschen. Dann aber glaubst Du plötzlich zu spüren daß es vielleicht genau das ist, was O. sehen möchte: den Schmerz, den er Dir zugefügt hat. Dein Angeschlagensein. Und schickst die Bilder kommentarlos ab. Sie scheinen zunächst im Nebel zu verschwinden. O. schreibt nicht zurück. Und auch nachdem Du eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone in der Hand auf Deinem Bett sitzend vor Dich hingeschaut hast, sind die Haken hinter den Bildern in O.s Chatfenster noch immer grau. „Ok. Zum letzten Mal gelinkt, O.“ denkst Du und lächelst finster vor Dich hin.

10 Uhr 23. Du erhebst Dich und schreitest, getragen von einem eigenartigen Erhabenheitsgefühl, sehr langsam auf Deinen Highheels in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Nackt wie Du bist stellst Du Dich dort vor das Fenster von dem aus man die Strasse sehr gut beobachten kann und schaust hinaus. Du siehst, wie Radfahrer Dein Haus passieren und junge Mütter Kinderwägen durchs Licht der Frühlingssonne schieben. Aber O. siehst Du nicht. Du bleibst stehen und hältst weiter Ausschau während Du fühlst wie Dein Körper in dem ungeheizten Raum allmählich auskühlt. Als Du beginnst so stark zu frösteln daß die Glas-Türkise über Deiner Brust gegeneinander klimpern nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Kommst Du noch oder hast Du mich zum hundertsten Mal verarscht?“ Gerade als Du das Handy auf die Fensterbank vor Dir zurücklegen willst bekommst Du eine Antwort von O. „Ich dusche dann komm ich“ schreibt er. „Bereite Hautöl und Frischhaltefolie vor!!! Ich fahre in 10 Minuten mit dem Fahrrad los!!!“

Du legst das Handy beiseite und bleibst noch eine Weile am Fenster stehen. Versonnen, als ginge es Dich alles nichts an. Dann aber straffst Du Deine Schultern und stökelst, Dich vorsichtig am Treppengeländer festhaltend, auf Deinen Highheels hinunter in die Küche. Holst eine unangebrochene Rolle Frischhaltefolie aus einer Schublade. Fragst Dich was O. damit vorhat, heute, nach all den Aufregungen der vergangenen Nacht. Hörst ihn an der Haustür klingeln, wie nur er klingeln kann: Eindringlich. Fordernd. Schrill. Stürzt hin um zu öffnen, die Folie noch in der Hand. Siehst O. für einen Moment vor Dir stehen, unwirklich lichtumgleißt im Schatten Deines Hauses, mit verlorenem Blick, gehüllt in eine hochgeschlossene, nachtblaue Softshelljacke die ihn aussehen läßt wie einen dunklen Ritter von einem fremden, fernen Stern. „Da bist Du ja“ sagst Du mit heiserer Stimme und versuchst Deinen nackten Oberkörper an die kalte Beschichtung von O.s Jacke zu schmiegen. „Geil schaust Du aus, Baby“ antwortet O. und schubst Dich ins Haus.

Im Wohnzimmer bedeutet O. Dir mit lässiger Geste Dich auf dem Teppich niederzuknien und zu ihm aufzublicken während er sich seiner Kleider entledigt und sie großzügig um sich herum im Raum verteilt. Breitbeinig und nackt ganz nah vor Deinem Gesicht stehend legt er dann  seine große Hand auf Deine Stirn, schiebt Dir den Kopf in den Nacken und lächelt ein wenig spöttisch auf Dich herab. „Du weißt ja, ich hab es mir heute schon mal gemacht“ sagt er in schulmeisterlichem Ton, so als ob er einem leicht begriffsstutzigen Kind etwas erklären müßte. „Also häng Dich rein , Kleine!“ Du tust was er verlangt. Legst all Deine Trauer und Deine ganze Verzweiflung in Deinen Blow Job und küßt insbesondere O.s Frenulum als wäre es das Letzte was Du in diesem Leben zu tun hast. Es gefällt ihm. Mehr noch: es berührt ihn irgendwie. Als Du beim Deep Throat mit Deinen Reflexen kämpfst macht er sich sanft von Dir los. „Paßt Baby“ sagt er, fährt mit der Hand über Deine kurzen Haare und kniet sich zu Dir auf den Boden.

Anders als Deine und O.s Seelen finden Eure Körper auf dem Gabeh-Teppich in Deinem Wohnzimmer wie von selbst zueinander. O. nimmt Dich allerdings um Einiges härter als Du es bisher von ihm kanntest. Und Du wirfst Dich ihm mit voller Wucht entgegen. Es gibt nur noch Dich und O., sein Eindringen, seine schmerzhaften Stöße und den rauhen Flor des Gabeh-Teppichs unter Deinem Rücken. Sonst nichts mehr.  Als einer der Glas-Türkise von Deinem Collier aus der Fassung springt hält O. inne, blickt nachdenklich auf Dich herab und steht auf um etwas aus der Seitentasche von seiner Softshelljacke zu holen. Zwei kleine Päckchen. „Anziehen“ sagt er leise und wirft eines vor Dich hin. Es enthält eine korallenrote Damenstrumpfhose. Während Du Dir hastig die halterlosen Strümpfe herunter reißt und das rote Gewebe über Deine Beine zerrst holt O. aus der zweiten Kartonage ein regenbogenfarbig gemustertes Stoffknäuel heraus. Ein Stretch-Minikleid im Ethno-Stil, mit pinkfarbigen Neckholder-Bändchen.

Du ziehst Dir das Kleid über und zupfst es auf Deinem Körper zurecht. Die bunt ineinander gewebten Längsstreifen betonen die Rundung Deiner Brüste und lassen das Türkis der Schmucksteine um Deinen Hals intensiv leuchten. Du kniest Dich erneut auf den Teppich so daß O. sich hinter Dich hocken und die Bändchen in Deinem Nacken zusammenknoten kann. Du spürst daß er viel Sorgfalt aufwendet um eine niedliche kleine Schleife zu binden. „Geil“ hörst Du ihn leise zu sich selber sagen. Dann liegst Du plötzlich wieder vor O. auf dem Teppich und siehst wie er mit seiner großen rechten Hand zwischen Deine Beine greift und langsam, sehr langsam die Strumpfhose im Schritt aufreißt. Als das Loch so groß ist, daß Dein Unterbauch-Tattoo freiliegt zieht O. Dich am Gesäß zu sich heran und dringt erneut in Dich ein. Deine Schamlippen schmerzen. Fetzen von grellrotem Nylongewebe lassen deine und O.s Haut unnatürlich bleich erscheinen. Du parierst seine Stöße mit letzter Kraft. „Und jetzt leck mich endlich!“ sagt er.

Du nimmst nur schemenhaft wahr, daß O.noch schnell Deine Fußgelenke mit einem Stück der herumliegenden Frischhaltefolie aneinander fesselt und den verlorenen Glas-Türkis zurück in die leere Collier-Fassung drückt bevor er über Deinem Gesicht in Hockstellung geht. Du schließt Deine Augen während Du seine Pobacken küßt und hast plötzlich das Gefühl weit weg von hier etwas ganz Anderes zu erleben. Begleitet von zwei indianischen Priestern bist Du zu Fuß unterwegs durchs Hochland der Anden, auf einem mehrtägigen zeremoniellen Marsch zu einer Kultstätte der Inkas. Man hat Dich zum Opfer für eine Naturgottheit bestimmt. Auf dem letzten Wegstück wirst Du auf einer Sänfte kniend von jungen Indios getragen. Traditionelle Panflöten erklingen als Ihr den Ort Deiner Opferung erreicht. Ein Kondor kreist in den Lüften. Im bunten Kleid, die Türkiskette um den Hals, liegst Du auf dem Ritualfelsen, Dein Ende vor Augen. Da beginnt O. über Dir mit tiefer, fremdartiger Stimme zu stöhnen und ergießt sich auf Dich.

Es dauert eine Weile bis Du im Wohnzimmer aus Deiner Trance erwachst. Als Du Dich aufrichtest um das verschwitzte Kleid auszuziehen, die Folie von Deinen Füßen zu wickeln und Dir die Reste der roten Strumpfhose vom Körper zu streifen ist von O. nichts zu sehen. Erst als Du zum Korbstuhl gehst, wo eine Jeans und ein Trägertop von dir liegen, siehst Du daß er durch die Terassentür hinaus in den Garten gegangen ist. Dort steht er in seiner nachtblauen Ritterrüstung im Sonnenlicht und betrachtet die Tujenhecke die Euer Grundstück zum Nachbarn hin abgrenzt. „Die müßte mal professionell geschnitten werden“ sagt er, als Du barfuß herzutrittst. „Ja“ sagst Du und schlingst frierend die Arme um Deine nackten Schultern. „Soll ich das im Sommer mal machen?“ fragt O. „Sehr gerne“ antwortest Du. „Ok“ sagt O., streckt eine Hand nach Dir aus und zieht Dich zu sich heran, so daß Du kurz Deinen Kopf an seiner geharnischten Brust bergen kannst. Dann schiebt er Dich von sich weg und geht von der Terasse durchs Wohnzimmer ganz einfach so aus Deinem Haus.

Barbe Bleue

Montag, 16.3.2015. Die Tage sind länger geworden. Der Frühling kündigt sich an. Lebensfreude liegt in der Luft. Du aber fährst gesenkten Blickes, in Deinen Parka gehüllt, auf Deinem Rad durch das blasse Märzsonnenlicht und fühlst Dich dabei wie das ausgemusterte Trendspielzeug der vergangenen Saison. Weggeworfen. Langweilig geworden. Es sind viele Wochen verstrichen, seit jenem Tag am Anfang des Jahres, an dem Du O. zum letzten Mal trafst. Von den großen Plänen die er danach schmiedete, wurde kein einziger realisiert. Es gab kein Treffen in erotischen Dessous. Und erst recht kein Gangbang mit den Freunden von O. Stattdessen erlebtest Du quälende Wochen voll immer wieder verschobener und abgesagter Dates. Zu viele. Du entschließst Dich zu einem unmoralischen Schritt. Schreibst Deinem Verehrer vom Tanzfest im Herbst, der Dich noch immer hofiert. Triffst Dich mit ihm, für eine letzte, glanzlose Nummer im Auto, nachmittags, auf einem Parkplatz am großen See, südlich der Stadt. Und abends kontaktierst Du O.

22.17h. Als Du Deine Chats mit O. aufrufst, springt Dir sofort sein online-Schriftzug grell ins Auge. Du hast den Eindruck, daß er heller, fluoreszierender auf Deinem Smartphone leuchtet als der von allen anderen Leuten denen Du schreibst. Er scheint eine eigene Energie zu besitzen, die es ihm erlaubt sich zu bewegen und in der Kopfzeile des Chatfensters hin und her zu tanzen. Er macht Dich nervös. Du fühlst Dich jedes Mal ertappt wie eine Stalkerin, wenn Du ihn siehst. Hauptsächlich aber kommst Du Dir verhöhnt und bloßgestellt vor, durch seinen Anblick. Es trifft Dich tief, auf diese Weise damit konfrontiert zu werden, daß jemand anderer so viel spannender und wichtiger ist als Du. Und O.s ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt, während Du im Schatten stehst. Dein Inneres rebelliert. Ohne abzuwarten bis O. seinen Chat beendet hat, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Willst Du daß ich noch Nuttenjobs für Dich mach? Brauchst Du mich noch als Schlampe?“ Dann lehnst Du Dich zurück und atmest durch.

Natürlich dauert es eine gewisse Weile bis O. sich aus dem Chat mit Wem-auch-immer lösen und Dir zuwenden kann. Genau 47 peinvolle Minuten. Und dann, um 23.04h schreibt er nur einen einzigen Satz: „Klar will ich daß Du noch Nuttenjobs machst!“ Sonst nichts. Keine Rückfrage. Kein Emoticon. Du fällst in ein Loch. Siehst, daß O. seinen Chat mit Wem-auch-immer noch einmal aufnimmt. Vollkommen unbeeindruckt, offensichtlich. Während Du Dich überflüssiger fühlst als je zuvor. Kleinlaut verkriechst Du Dich in Deinem Bett. Gegen 3h morgens stehst Du wieder auf und scrollst Dich, am Küchentisch sitzend, durch Deinen Whatsapp-Verlauf mit O. Versuchst herauszufinden, wann und warum seine Gleichgültigkeit einsetzte, Dir gegenüber. Findest keine Antwort. Beobachtest aber, daß auch O. wach und immer wieder online ist, zu dieser frühen Stunde. Natürlich ohne DIR zu schreiben. Und weißt: nun ist es an der Zeit das Schwert zu ziehen, das Du aus Verlustangst und Gekränktheit für O. geschmiedet hast.

Dienstag, 17.3.2015. Um 5.33h klickst Du Dich erneut zu O. und schreibst: „Guten Morgen! Ich muß Dir was sagen. Ich hab es gestern mit einem anderen Mann gemacht. Ich will und liebe nur Dich. Aber ich hab es nicht mehr ausgehalten immer nur auf Dich zu warten. Und auf Dates die dann doch nicht passieren!“ Diesmal reagiert O. sofort. „Guten Morgen. Wer, wann und wo?“ schreibt er. „Der Mann vom Tanzfest“ antwortest Du, während das Smartphone in Deiner Hand zu Eis zu gefrieren scheint. „Gestern nachmittag, Autofick am See. Hat mich abgeholt und danach wieder heimgebracht“. Kurzes Schweigen. „Du hast gesagt daß ich Dich scheiße behandeln darf!“ schreibt O. dann. „Und das ist eben meine Art gewesen!“ – „Ja! antwortest Du. „Aber wenn ich Deine Schlampe sein soll muß ich Dich ab und zu auch sehen, verstehst Du?“ – „Dann werde ich Dich ab jetzt auch körperlich mißhandeln!“ antwortet O. „Heute tagsüber bin ich unterwegs. Aber bald komme ich und tu Dir weh. Denn Du gehörst mir! Ok?“ – „Ok“ antwortest Du.

Du bist sehr erleichtert. Und auch ein wenig überrascht. Keine wilden ausufernden Injurien von O.? Stattdessen eine neue, wenn auch leicht beklemmende Perspektive? Das ist viel mehr als Du erhoffen konntest. Alles wird gut, denkst Du und verbringst einige ruhige Stunden in Deinem Haus. Dann, mit Einbruch der Dunkelheit schlägt Deine neu erlangte Contenance ganz plötzlich um. Du wirst von Sorgen, Scham und Zweifeln überfallen. Was, wenn Du O. nun zu unrecht verletzt hast? 22h. Es drängt Dich, ihm zum Ende des Tages etwas Liebevolles mitzuteilen. Du öffnest Eure Chats. Tippst „Wie geht es Dir?“ und blickst erwartungsvoll aufs Display. Die Häkchen hinter Deiner Nachricht werden sofort blau. O. war offenbar gerade im Begriff auch Dir zu schreiben. Wie schön, denkst Du und gewahrst verzückt, daß O. Dir nicht mit einer Sms antwortet, sondern ein Bild sendet, dessen Umrisse sich schemenhaft in Eurem Chatfenster abzeichnen. Etwas Romantisches, denkst Du und beeilst Dich, es zu öffnen.

Einmal downgeloaded und herangezoomt, hat das was Du siehst mit Herzen oder Rosenblättern leider nicht das Mindeste zu tun. Zwei üppige Brüste brennen sich auf Deine Netzhaut, provokant verhüllt von einem Langarmshirt aus schwarzem Tüll. Eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln führt einen Glasdildo zwischen zwei blassen Oberschenkeln durch. „Wer ist das? Was willst Du damit sagen?“ tippst Du konsterniert. „Daß ich sie ficke“ antwortet O. und sendet ein weiteres Bild von einem schlanken Frauenkörper der in dunkelroten Highhheels und gleichfarbigem Netzcatsuit mit geöffneten Beinen vor einem Garderobenspiegel sitzt. „Die ficke ich auch“ schreibt er dazu. „Woher kennst Du sie alle?“ schreibst Du, während Dir der Atem stockt. „Genauso wie ich Dich kennengelernt hab“ schreibt O. „Auf der Strasse aufgerissen?“ fragst Du zurück. „Ja“ antwortet O. Du fühlst das Blut in deinem Körper aus den Extremitäten weichen. Befürchtest unzukippen, für einen Moment. Doch dann bewahrst Du Haltung.

Denn Du witterst eine Chance. Die Chance endlich etwas zu erfahren aus der Realität von O., so schmerzhaft es auch ist. „Wie viele hast Du gefickt seit unserem letzten Date?“ schreibst Du. „Viele!“ antwortet O. „Fickst Du täglich eine oder mehrere?“ fragst Du weiter. „So oft es geht ficke ich!!!“ antwortet O. „Und deshalb hattest Du nie Zeit für mich, stimmts?“ schreibst Du, während Bitterkeit und Trauer in Dir hochsteigen. „Du bist halt die Letzte auf meiner Liste! antwortet O. „Dann streich mich doch ganz“ tippst Du und Deine Finger zittern. „Nein!“ antwortet O. „Denn Du bist geil und wir können es ab und zu treiben!“ – „Wie lang bist Du normalerweise mit einer Frau zusammen? fragst Du. „Manche hab ich schon seit Jahren“ antwortet O. lapidar. „Andere nur kurz“ – „Lieben die Dich auch so wie ich?“ fragst Du mit letzter Kraft. „Manche, ja“ antwortet O. „Und morgen früh um 4 fick ich ne Asiatin im Auto“ fügt er hinzu. „Schön“ antwortest Du leichthin. Jedoch, Du fühlst Dich vollkommen erdolcht.

„Deine Freundin? Ahnt sie gar nichts?“ bringst Du noch hervor. „Keine Ahnung!“ antwortet O. Kalt. Gleichgültig. Anhaltend brutal. Weder Du, noch seine Freundin, noch die Damen mit denen er Dich und sie betrügt scheinen ihm auch nur das Geringste zu bedeuten. Du raffst Dich auf zu einer letzten Frage. „Und mit den anderen Frauen kriegst Du es besser hin als mit mir, Dich zu verabreden und es auch einzuhalten?“ – „Kannst Du morgen früh um 4 zum Ficken kommen?“ fragt O. zurück. „Leider nicht“ antwortest Du. „Eben“ schreibt O. Du ersparst es Dir, ihn daran zu erinnern, daß er von vielen Gelegenheiten Dich frühmorgens zu treffen bisher nur eine einzige NICHT ungenutzt verstreichen ließ. „Ich danke Dir sehr für Deine Offenheit!“ schreibst Du stattdessen. „Es war mir klar daß Du so lebst.“ – „Leckst Du mir mein Arschloch noch?“ fragt O., plötzlich Besorgnis zeigend. „Wollen das die anderen nicht?“ schreibst Du. „Oder warum soll ich das machen?“ – „Weil Du es super kannst“ schreibt O. „Gute Nacht“

An Schlaf beginnst Du in dieser Nacht gar nicht erst zu denken. Du bleibst ganz einfach in dem Korbstuhl im Wohnzimmer sitzen, wo Du mit O. gechattet hast und starrst stundenlang vor Dich hin. Gelegentlich nimmst Du das Handy und betrachtest die beiden Fotos die O. Dir geschickt hat. Versuchst, Dir die Gesichter der abgebildeten Frauen vorzustellen, ihr Alter zu erraten und Dir auszumalen wie sie mit O. chatten. Du imaginierst auch die exotische Schönheit, mit der O. in wenigen Stunden atemraubenden Sex haben wird, während Du in Dich zusammengesunken da sitzst und Dich fühlst als würdest Du aus einer unaufhörlich sickernden Wunde innerlich verbluten. Nun hast Du bekommen was Du schon lange wolltest: Zutritt zu O.s Verbotener Kammer der Schrecken in der sich unzählige Torsi von Frauen türmen. In der eine Frau schlicht „die“ heißt, weil sie nur etwas, nämlich etwas-zum-ficken ist. Etwas zum Ausbeuten und Wegwerfen. Und Du also die Letzte, in ihrer aller langen Reihe …

Der Morgen graut. Die ersten Vogelstimmen holen Dich aus dem oberflächlichen Dämmerzustand in den Du doch noch gefallen bist. Dein Nacken ist steif. Dein Kopf tut weh. Du schaust aufs Handy das Du noch immer fest umklammert hältst. 4.56h. O.s Autofick müßte gerade vorbei sein, denkst Du, seltsam unbeteiligt, während Du aufstehst, die Patchworkdecke vom Sofa nimmst und Dich damit auf dem Gabeh-Teppich zusammen rollst. In Embryonalstellung, das Handy neben Dir. Du möchtest noch ein wenig schlafen, bevor Dein Mann und Dein Sohn aufstehen. 5.46h. Der Nachrichten-Ton von O. reißt Dich aus wirren Träumen. „Guten Morgen“ schreibt er. Du brauchst ein paar Sekunden um zu Dir zu kommen. „Guten Morgen. Wars geil mit der Asiatin?“ schreibst Du dann. „Kann ich heute zu Dir kommen“ schreibt O. „Nein. Ich will nicht mehr“ antwortest Du. „Lass mich kommen“ schreibt O. „Nein“ antwortest Du. „Du hattest viele Wochen Zeit. Fick die anderen und vergiß mich. Es gibt genug Frauen für Dich. Du brauchst mich nicht.“ – „Bitte“ schreibt O. Und etwas in Dir gibt nach.

Online …

Freitag, 6.2.2015 Hoffnungsfroh und voller Zukunftsglauben. So durchlebst Du die ersten Februartage des Jahres 2015. Anders als sonst ficht Dich das unbunte Wintereinerlei zu dieser Zeit heuer nicht an. Ebensowenig das oft so auslaugende, vergeblich scheinende Warten auf den Frühling. Getragen vom Gefühl des Angekommenseins im Leben von O. stapfst Du in undefinierbarem Licht durch schmutziggrauen Schnee. Bereitest Dich vor auf kommende Events. Bevorratest Dich mit neuen, halterlosen Strümpfen und schnelltrocknendem, dunkelrotem Nagellack. Als Du erfährst, daß Dein Mann kurzfristig für vier Tage nach Berlin reisen wird, hast Du nichts Eiligeres zu tun als es O. zu schreiben. Vier Tage lang schreibt er nicht zurück. Erst nachdem Du ein paar Selfies in Stringbody und Netzstrumpfhose gemacht und ihm geschickt hast, bekommst Du eine Antwort. Er sei krank, mit Fieber und Husten, schreibt O. und könne Dich deshalb „nicht ficken“. Er habe aber ein neues Smartphone, seit Kurzem. Ob Du zu ihm auf Whatsapp kommen willst?

„Natürlich! Sehr gerne!“ antwortest Du, während das Gefühl einer seltsamen inneren Dysbalance von Dir Besitz ergreift. O. auf Whatsapp. Wie wundervoll, denkst Du. Endlich hat O. das alte Tastenhandy abgelegt, auf dem er Dir seit Eurem Kennenlernen schrieb. Vieles wird einfacher, schneller, ja sogar transparenter werden, wenn Ihr gemeinsam die Messenger-App nutzt. Es ehrt Dich, im Kreis derer aufgenommen zu sein, die O. in Echtzeit online begegnen dürfen. Und dennoch ist Dein Herz schwer. Du ahnst, daß manches noch schwieriger, verletzender und schmerzhafter werden könnte als es ohnehin ist. Es wird nicht so sein wie mit all den anderen Freunden denen Du schreibst. Unschuldig. Offen. Spontan. Mit O. wird nun endgültig jeder Chat ein Waffengang, jeder Blick ins Handy ein Akt operativer Aufklärung sein, der über mentale Siege oder Niederlagen entscheidet. Es wird für Dich keinen naiven Umgang mit Deinem Handy mehr geben. Die Zeit der Unbedarftheit zwischen Dir und O., sie ist vorbei.

„Schick mir Bilder!!!“ fordert O., ganz Dominator, direkt nachdem Ihr Euch auf dem Instant Messenger verbunden habt. „Ich hab nur die die Du schon kennst“ antwortest Du. „Dann mach neue, Du Schlampe!“ schießt O. zurück. Kein Zweifel, denkst Du. Er hat rasant begriffen, wozu das neue Medium fähig ist. In den folgenden Tagen erlebst Du, wie das Smartphone zur Präzisionswaffe mutiert, in der Hand von O. Die emotionslose Intelligenz des Geräts ist die ultimative Domäne für ihn. Hier etabliert er seine Souveränität. Hier übt er unumschränkte Macht aus. Hier kontrolliert er sein Umfeld, ohne selbst etwas von sich preiszugeben. Hier ist er ständig präsent, ohne seinerseits greifbar zu sein. Du, als die Untergebene, Befehligte, lebst fortan konnektiert an den hochtourigen, widersprüchlichen Lebensstil von O., unter dem Diktat der Whatsapp-Haken, der Online-Sichtbarkeit und der Zeitstempel in seinem Account. Wirst bei Tagesanbruch als Engel geweckt, mittags als Nutte beschimpft und abends ignoriert. Empfängst Befehle, die wenig später wieder zurückgenommen und durch andere ersetzt werden. Erfüllst Wünsche ohne Dank dafür zu erhalten. UND registrierst schon bald, wie oft O. die App nutzt, ohne DIR zu schreiben. Vor allem in der prekären Zeit der frühen Morgenstunden …

Die Wochen vergehen. Mühsam findest Du Dich in der neuen Schreibsituation mit O. zurecht. Du zwingst Dich, so selten wie möglich in Euren Chatverlauf hinein zu klicken. Schaltest Dein eigenes „Zuletzt online“ ab, so daß Du auch das von O. nicht mehr sehen mußt. Und Du machst Screenshots wenn Dir ein Chat besonders rätselhaft oder verstörend erscheint, damit Du ihn in Ruhe durchlesen kannst, ohne die App öffnen zu müssen. Indessen entwickelt sich zwischen Euch eine neue Art von Interaktion. O. schreibt Dir regelmäßiger als bisher. Sein Ton wird höflicher. Die Schreibinhalte weniger bizarr. Ein gewisser Alltag scheint sich einzuspielen. Würde sich Eure Kommunikation nicht so ungewohnt flach, so merkwürdig ausgehöhlt anfühlen. Und wäre da nicht das Gefühl, daß O.s angepasstes Gebaren Dich in einer Scheinsicherheit wiegt. Dir eine kulissenhafte Welt vorgaukelt, hinter deren Attrappen etwas ganz Anderes vor sich geht. Und mit Dir ein neues Spiel begonnen wurde. Es heißt „Das Pseudo-Date“.

„Babe, ich kann es kaum erwarten bis Du mich endlich wieder leckst!!!“ schreibt O. in fast jedem Eurer vielen Mini-Chats jener Zeit. „Wann würde es bei Dir gehen?“ Du nennst ihm Tage und Zeitfenster. Referierst Deinen Alltag. Schilderst Möglichkeiten und Chancen. „Dann lass es uns gleich übermorgen/ nächste Woche/ am Donnerstag machen!!!“ schreibt O. stets zurück. „Ich komme ganz sicher zu Dir!!“ Du freust Dich. Jedes Mal. Putzst Dein Haus. Wechselst die Bettwäsche. Trägst Sorge dafür daß Ihr ungestört sein werdet. Blickst halb frohen, halb bangen Herzens dem vereinbarten Tag entgegen. Und erlebst Woche für Woche die gleiche Enttäuschung. Entweder ist O. zum fraglichen Zeitpunkt verschwunden. Unerreichbar. Stumm. Als hätte es nie eine Verabredung zwischen Euch gegeben. Oder er konfrontiert Dich mit einer Last-Minute-Ausrede von haarsträubender Abstrusität. Du gehst durch eine Epoche der Vorwände. Der Lippenbekenntnisse und Lügen. Und überlegst verzweifelt was Du dagegen tun kannst.

Gift

Freitag, 30.1.2015 Getauft. Entlohnt. Initiiert. Und dennoch tief beschämt. Umgeworfen. Aufgewühlt. So fühlst Du Dich nach Deiner jüngsten Begegnung mit O. Die Galanterien die er Dir erwies, schmerzen fast mehr, seltsamerweise, als die Willkürakte, die Du sonst von ihm erfuhrst. Nachts scheint sein pikareskes Lächeln über Dir zu schweben, während seine irritierend warme Pisse über Deine nackte Haut fließt. Tagsüber nimmst Du oft das Geschenkpäckchen, das Du von ihm bekamst, in Deine Hände. Betastest es. Schnupperst daran. Spürst Sehnsucht und Verlustschmerz aufsteigen und legst es wieder weg. Am vierten Tag nach O.s Besuch kannst Du Dich endlich überwinden es zu öffnen. Ziehst einen schwarz glänzenden Stringbody mit aufgenähten Silberketten heraus. Und zierliche Handschellen aus weichem, dunklem Stoff. Der Body paßt perfekt, als Du ihn anprobierst. Macht Dich zu einer attraktiven, mustergültigen Sub. O. kennt Deinen Körper. Viel besser als Du selbst. Danke, O. Ich verwandle mich. Danke, flüsterst Du.

O.s Geschenk macht Dich sehr glücklich. Nicht daß Du wirklich einen Stringbody bräuchtest. Aber: Du kannst Bilder davon machen. Und sie O. schicken, bei Bedarf. Zum ersten Mal seit Beginn Eurer einsturzgefährdeten Beziehung hast Du das Gefühl, daß O. mitwirkt am Bau einer Hängebrücke die über den Abgrund zwischen Dir und seinem Herzen hinwegführt. Oder daß er Dir zumindest ein Seil zuwirft, das Dich absichert und an dem Du Dich festhalten kannst. Der Stringbody wird wunderbar aussehen, zusammen mit der Netztstrumpfhose und den fingerlosen Handschuhen, denkst Du. Aber auch mit halterlosen Strümpfen oder kombiniert mit Jeans. Und den Highheels natürlich. Du wirst viele, viele Bilder machen können für O. Viele verschiedene, vor allem. Denn Menschen wie er langweilen sich schnell und brauchen immer neue Eindrücke und Sensationen. O. bei Laune zu halten. Ihn nicht zu ennuyieren. In seiner Aufmerksamkeit zu bleiben. Zum ersten Mal hast Du eine Chance. Am Abend nimmst Du Dein Handy und schreibst:

„Ich hoff ich stör Dich grade nicht. Ich will Dir nur sagen daß ich immer noch überwältigt bin von dem was am Montag war. Es ist mit Sicherheit das schönste Sex-Erlebnis das ich jemals hatte! Du hast eine so tolle Körperbeherrschung! Ich bewundere Dich. Und es war ein unvergleichliches Gefühl in Deiner warmen Pisse zu baden. Ich werde Dir nie vergessen was Du an diesem Tag für mich getan hast!“ Kaum hast Du zu Ende psalmodiert schreibt O. zurück. „Das war wirklich unglaublich schön, Kleine!!!“ textet er. „Noch nie habe ich so etwas mit einer Frau erlebt!!“ – „Wirklich?“ fragst Du. „Ja, wirklich!“ antwortet O. Ihr chattet lange. Tauscht Ideen. Schmiedet Pläne. Offener, schrankenloser als je zuvor. O. hat Epochales mit Dir vor. Er wird Dich ausstatten, mit Kleidern und Schuhen. Der Stringbody ist erst der Anfang. Viele, viele aufreizende Gewänder sollst Du dereinst für ihn tragen, mehr als je eine Kurtisane vor Dir besaß. Und dann will er Dich vorführen: als SEIN Eigentum …!

„Wärst Du denn bereit es mal mit Freunden von mir zu machen?“ fragt O. nämlich kurz vor Mitternacht. „Sind die auch so drauf wie Du?“ fragst Du zurück. „Ja!“ schreibt O. „Die sind so drauf wie ich!!! Und wir haben einmal im Monat Männertreff!! Da könntest Du mitkommen!“ – „Aber nur wenn auch Du es dann mit mir machst!“ schreibst Du und kämpfst mit einem leichten Drehschwindel. „Klar!!!“ antwortet O. „Erst fick Dich ich und dann die Anderen!!! Du wirst auch Geld dafür bekommen! Aber ich will daß Du es nicht wegen dem Geld sondern aus Geilheit machst!! Denn ich liebe es an Dir daß Du so eine heiße Lady sein kannst!!!“ – „Ich mache es weder aus Geilheit, noch wegen Geld“ antwortest Du, „sondern einfach nur weil ich Dich liebe!“ – „Ich liebe Dich auch Babe!!!“ echot O. „Im Moment würde ich gerne noch mit Dir alleine sein“ fügst Du scheu hinzu. „Aber im Frühsommer könntest Du mich dann vielleicht ausleihen.“ – „Wann immer Du möchtest!!!“ schreibt O. „Ich kann es kaum erwarten bis es soweit ist!!!“

In der Nacht träumst Du von einer Rotte gesichtsloser Barbaren, die Dich auf einem Bett niederhalten und der Reihe nach vergewaltigen. Brutale Marodeure. Hasardspieler. Demi-Monde. Die Soldateska von O. Einem Gang-Bang mit ihnen wärst Du niemals gewachsen. Nicht auf körperlicher Ebene. Und auf seelischer schon gar nicht. Und dennoch bist Du glücklich. Du fühlst Dich geadelt durch O.s Idee, Dich seinen Kumpanen auszuliefern. Er ist stolz darauf, Dich sein Eigentum zu nennen. Er versteckt Dich nicht. Er zeigt Dich her. Du würdest ihn außerdem gern kennenlernen, diesen verschworenen Männerzirkel auf der Schattenseite der Stadt. Um dadurch so viel Neues zu erfahren über O. Du gehörst nun zu den Eingeweihten, den privilegierten Personen im erotischen Umfeld von O., denkst Du. Scheinst angekommen zu sein bei ihm, als seine Lieblingsmaitresse. Blickst einer abenteuerlichen, ausschweifenden Zukunft entgegen. Und ahnst nicht, daß in Wirklichkeit eine ganz andere Zeit begonnen hat, zwischen Dir und O.

The Golden Shower

Montag, 12. Januar 2015. Die Januartage reihen sich kalt und ereignislos aneinander. Grau, leer und stumm liegt das neue Jahr vor Dir. Von O. hörst Du nichts. Du lässt Dir Deine Haare noch kürzer schneiden als bisher, so daß nicht einmal mehr seine großen Hände sich darin festkrallen könnten. Und Du absolvierst ein Probetraining in einem Fitneßstudio nur für Frauen. Ein wenig Muskelaufbau kann nicht schaden, denkst Du, während Du Dich auf dem Crosstrainer verausgabst. Ein gut trainierter Körper steckt Schläge und Stöße vielleicht besser weg… Jeden Morgen macht Dein Sohn sich blaßgesichtig und in winterfester Kleidung auf den Schulweg und Du winkst ihm vom Küchenfenster aus zu. Eines Tages piept um diese Zeit Dein Handy. „Hallo Kleine! Ich hoffe Dir gehts gut!!!“ schreibt O. „Vielen Dank! Ich hoffe Dir auch!“ antwortest Du. Dein Herz schlägt schneller. Die winterstarre Welt vor Deinem Fenster scheint sich um ein paar Farbnuancen aufzuhellen. Es geht wieder los, denkst Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 22. Januar 2015. Du bist in der Innenstadt unterwegs. Streifst ziellos durch Einkaufspassagen und Shopping Hot-Spots. Suchst hinter den Schaufenstern der Luxusklasse nach irgendetwas. Einem Symbolgegenstand. Einem Zeichen. Nach etwas, was Dich wieder in Verbindung bringen könnte mit O. Ihr habt Euch lang nicht mehr geschrieben. Du vermißt sie sehr, die anarchistischen, kompromißlosen Sms wie sie nur O. Dir senden kann. Die schmerzhaften Fragen, die sie aufreißen. Die Wunden, die sie schlagen. Und die Hoffnungen, die sie wecken. Noch mehr vermißt Du ihn. Du willst, Du mußt das eisige Schweigen durchbrechen das wieder einmal eintrat zwischen Euch, ganz ohne Grund. Es ist ja Karneval, fällt Dir plötzlich ein. Die Zeit der Masken. In der Kostümabteilung eines großen Kaufhauses entdeckst Du sie schließlich, die Kultgegenstände die Du brauchst, um einen kleinen Liebeszauber auszuführen: fingerlose Handschuhe und eine Strumpfhose aus schwarzem Netzgarn. Du weißt was Du zu tun hast. Erleichtert fährst Du heim.

Freitag, 23. Januar 2015. 10h. Im Raureif des neuen Jahres eingefroren. So liegt sie da, die Welt hinter den weißen Spitzengardinen in Deinem Schlafzimmer. Mit ihr: Deine Verbindung zu O. Du fühlst Dich kleinlaut und bedrückt während Du Dir die neuen Netzhandschuhe überstreifst und das schwarze Top, das O. Dir im Sommer lässig zuwarf, über Deiner Brust zurecht rückst. Gar nicht wie die coole, verführerische Frau als die Du gerne rüberkommen willst. Bestimmt hat er längst eine Andere, denkst Du und richtest die Selfie-Kamera auf Dein Gesicht. Bestimmt will er mich nicht mehr. Die Bilder werden trotzdem gut. Du fotografierst Deine Finger, die mit dunkelrot lackierten Nägeln elegant und schmal aus dem Netzstoff ragen. Deine Tattoos, die durch das schwarze Garn hindurchschimmern. Deine Brustspitzen hinter halbtransparentem Stoff. Es gelingt Dir, all Deine Sehnsucht, Deine Bedürftigkeit, Dein Wollen in einen unverwandten Blick, ein mysteriöses Lächeln zu legen, von dem Du hoffst, daß es O. erreicht. Inständig hoffst.

Samstag, 24. Januar 2015. 22h. Am Ende eines langen, dunkelgrau verhangenen Wintertages sitzst Du wieder einmal allein mit gekreuzten Beinen auf der Wohnzimmercouch und bewachst das Kaminofenfeuer. Und wie so oft scrollst Du Dich durch Deine Chats mit O. für die Du extra eine Sicherungsapp auf Deinem Handy installiert hast. Du liest Liebesschwüre und Hasstiraden. Durchlebst die Sms-Gewitter die während der wechselnden Phasen Deiner Vergötterung und Deiner Verdammnis auf Dich einhagelten. Fühlst die Stille, die danach stets eintrat. Du siehst das Verletzende an O.s Rhetorik. Die Absolutheit seiner Ansprüche. Den Mangel an Zwischentönen. Das Fehlen der Mitte. Da wo sie normalerweise spürbar sein sollte, klafft in der Kommunikation mit O. ein großes Loch. Das Loch, in das Du regelmäßig fällst, bei Deinen Versuchen auf einem aus Sms geflochtenen Drahtseil hinüber zu balancieren zum Herzen von O. Wie oft bist Du schon gefallen, in den knapp sechs Monaten Eures Zusammenseins? Wie oft wirst Du es noch tun? So oft es geht, denkst Du.

Du klickst in die Bildergalerie Deines Smartphones. Sie besteht fast nur noch aus Erotik-Selfies, die Du für O. gemacht hast. Über 500 sind es inzwischen, auch wenn nur wenige davon auf seinem Handy gelandet sind. Du hast Dich sehr verändert, seitdem Du ihn trafst, stellst Du fest. Hast gelernt, Deinen Körper ins richtige Licht zu rücken, Dein asymetrisches Gesicht interessant wirken zu lassen und Dich selbst als erfahrene Frau zu inszenieren. Hast ein neues Bewußtsein für den Appeal Deines Äußeren bekommen, das nie gängigen Idealen entsprach. Dafür wirst Du O. immer dankbar sein. So weh Dir auch sonst Manches tat. Zeit für einen neuen Versuch, denkst Du und schreibst: „Ich habe gestern Bilder für Dich gemacht. Von dem Netz-Top zusammen mit neuen Netz-Handschuhen. Sag bescheid wenn Du sie sehen willst“. Wieder einmal lehnst Du Dich im Sofa zurück. Erwartest keine Antwort von O. Und wieder einmal kommt sie erstaunlich schnell. „Schick sie!!!“ schreibt er. Und Du bist glücklich zu gehorchen.

„Danke. Geil.“ schreibt O. nachdem er die Bilder bekommen hat. „Bitte“ antwortest Du. „Du hast Dich lang nicht mehr gemeldet!!!“ schreibt O. „Du Dich aber auch nicht“ antwortest Du. „Und, mit wem machst Du zur Zeit so rum?“ fragt O. Der Hauch einer echten Sorge hinter seiner ostentativen Coolness wird spürbar. „Keine Angst“ antwortest Du. „Es gibt niemanden der Dir das Wasser reichen könnte!“ – „Babe!“ schreibt O. „Du weißt daß Du machen kannst was Du willst!!! Aber ich will daß Du mir mal wieder mein Arschloch leckst!!!“ – „Gerne“ antwortest Du. „Wann immer Du möchtest“ – „Am Montag!!!“ schreibt O. „Würde das gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Dann komme ich übermorgen zu Dir!“ schreibt O. „Und vielleicht pisse ich Dich dann sogar an!!!“ – „Meine Badewanne steht Dir zur Verfügung!“ antwortest Du. „Du bist wirklich so eine geile Schlampe!!!“ schreibt O. „Ich bin sehr froh daß Du Dich wieder gemeldet hast! Ich muß jetzt schlafen. Aber wenn Du magst, dann schreib mir noch was Schönes!!! Gute Nacht!!!“

Als Du zu Bett gehst bist Du wieder mal sehr glücklich. Du textest noch ein paar Sms in denen Du die Schönheit von O.s dunkel umrandeten Augen rühmst und schickst sie ihm. Dann versuchst Du mit all Deiner Liebe mental über seine Nachtruhe zu wachen bevor Du selbst in den Schlaf fällst und das Gefühl einer tiefen Verbundenheit in Deine Träume einwebst. O. braucht mich, denkst Du, während Du sein blasses, hochmütiges Gesicht erinnerst, seiner Stimme nachhorchst und an  seine Hände denkst. Alles wird gut.

Sonntag, 25. Januar 2015. Du versuchst Ordnung zu schaffen in Deinem Haus. Die Wände im Treppenbereich wurden im Oktober frisch gestrichen und alle Türen weiß lackiert. Besucher sind stets angenehm berührt vom frankophilen Flair Deines Einrichtungsstils. Sie mögen die sepiafarbigen, weiß gerahmten Kleinkindporträts Deines Sohnes. Die zart gemusterten Kissen und Quilts. Den weichen, dunkelroten Gabeh-Teppich, ein Hochzeitsgeschenk Deiner Eltern. Und dennoch findest Du alles sehr inadäquat, angesichts der bevorstehenden Visite von O.

Montag, 26. Januar 2015. Eigentlich ist es einer jener naßkalten, farblosen Montagvormittage im Tiefwinter, an denen Du am Liebsten überhaupt nicht aufstehen würdest. Heute aber bist Du seit den frühen Morgenstunden hellwach und wartest auf ein Lebenszeichen von O. Lange Zeit bleibt Dein Handy verdächtig still. Satz mit x, denkst Du, während Du Deinem Sohn an der Haustüre einen schönen Schultag wünschst. Da zerreißt der Sms-Ton von O. die Stille in Deiner Küche. „Guten Morgen Kleine!!!“ schreibt er. „Guten Morgen!“ antwortest Du. „Ich habe heute unheimlich viel zu erledigen!!!“ schreibt O. „Weiß nicht ob ich es schaff zu Dir zu kommen!! Würde es bei Dir um 10 Uhr gehen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. „Ist vor Deinem Haus eine Parkmöglichkeit“ – „Im Moment ist direkt davor ein Platz frei“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Ich versuche zu kommen!!! Hast Du Highheels und Strümpfe bereit?“ – „Ja!“ antwortest Du. „Zieh sie an!!!“ schreibt O. „Und richte den Dildo her!!! Ich melde mich wenn ich bei Dir bin!!“

Panisch eilst Du durchs Haus. Versuchst, alles was irgendwie peinlich, provinziell oder uncool wirken könnte aus dem Weg zu räumen und zu verstecken. Leider kommt Dir sehr vieles irgendwie so vor: ob Kinderzeichnungen, Klaviernotenhefte oder die Schuhe Deines Mannes im Flur – blamable Zeugnisse eines mediocren Lebensstils, alle miteinander. Du raffst sie an Dich und wirfst sie einfach in den kleinen Waschraum neben dem Badezimmer. Dann gehst Du duschen. Mehrmals wirst Du dabei von O. gestört, der Dich anschreibt um zu fragen ob Du Lippenstift hast und ob Du Dir die Fingernägel dunkelrot lackieren kannst. Schließlich bist Du fertig. Schlüpfst in die halterlosen Strümpfe und in ein kurzes, dunkelgraues Off-Shoulder-Shirt. Stökelst nervös auf Deinen Highheels herum. Betrachtest Dich eingehend im Wohnzimmerspiegel. Machst ein paar Selfies. Setzst Dich in den Korbstuhl. Wippst mit den Beinen. Beginnst zu frieren. Da piept Dein Handy. „Bin da!!!“ schreibt O. „Mach auf!!!“

Du stolperst fast, auf dem Weg zur Haustür. Kaum hast Du sie vollständig entriegelt, drängt O. sich durch einen schmalen Spalt zu Dir herein. „Hallo!“ sagt er mit ungewohnt sanfter Stimme und lächelt Dich an. Haifischhaft. Abgründig. Maliziös. Aber er lächelt. Zum ersten Mal, seit Du ihn kennst. O. trägt ein Beanie aus dunkelgrauer Kaschmirwolle auf dem Kopf. Und einen enganliegenden, tannengrünen Mohair-Rolli unter einer Jacke aus schwarzem Nappaleder. Sein Gesicht ist wieder vollkommen glatt rasiert. Der Duft seines Herrenparfüms erfüllt das Treppenhaus. „Magst mir nicht Dein Wohnzimmer zeigen?“ fragt er und nimmt Dich von hinten in Gewahrsamsgriff. „Geh voraus! Komm, zeig mir den Weg!“ Du wankst vor ihm her, halb bedrängt, halb gestützt von seinem linken Arm der sich schwer über Deinen gesamten Brustbereich legt. Kühl und glatt streifen die Fingerspitzen seiner rechten Hand und das Leder seines Jackenärmels an Deiner nackten Bauchregion entlang. Du bist O.s Arrestantin. Dein Haus gehört ab sofort nicht mehr Dir.

Im Wohnzimmer gibt O. Dir einen sanften Schubs, so daß Du mit den Knien voran auf dem Gabeh-Teppich landest. „Bleib gleich so!“ sagt er, wirft die Lederjacke in hohem Bogen von sich und seine übrigen Kleider hinterher. Du kriechst zu dem lichtblauen Häkelpouf, den Dein Mann und Dein Sohn Dir zu Weihnachten geschenkt haben. Es gelingt Dir noch, ihn mit beiden Armen zu umfassen und den Kopf darauf abzulegen. Dann nähert sich O. Für eine kleine Weile fällst Du aus Zeit und Raum. Als er mit Dir fertig ist, greift O. mit seiner großen Hand in Deinen Nacken und zerrt Dich hoch. „Jetzt küß mein Arschloch, Schlampe!“ sagt er und fegt mit gebieterischer Geste die Patchworkdecke vom Zweisitzersofa. Du funktionierst. Legst Dich auf dem Sofa zurecht, atmest kurz durch und schaust zu wie O. sich über Dein Gesicht kniet. Du liebst den Anblick von seinem hellen, kindlichen Gesäß, das so vertrauensvoll über Dir schwebt. O.s einzige berührbare Stelle, denkst Du. Und küßt ihn. Innig. Voller Dankbarkeit.

Kurz bevor Dein Rim-Job seinem Höhepunkt entgegenstrebt hört O. plötzlich auf, sich über Dir zu bewegen. „Ich muß pissen!“ sagt er leise und Du begreifst sofort. „Soll ich Dir mein Badezimmer zeigen?“ fragst Du zwischen seinen Oberschenkeln hindurch. „Ja“ antwortet er und steigt von der Couch. „Dann laß uns nach oben gehen“ sagst Du. O. folgt Dir über die knarrende Eichenholztreppe Deines Hauses zum Bad, das erst vor zwei Jahren von Deinem Mann für Dich renoviert wurde. Mit Nostalgiefliesen. Und einer Eckwanne für zwei Personen. Die Du aber noch nie benützt hast, zusammen mit Deinem Mann. Du streifst Dein Off-Shoulder-Shirt ab und kletterst vorsichtig samt Highheels und Strümpfen hinein. Als Du Dich auf der kalten Keramikoberfläche ausgestreckt hast, kommt O. zu Dir. Er nimmt Deinen Körper von links und rechts zwischen seine Knie. Umgreift mit der rechten Hand seinen Schwanz und stützt sich mit der linken auf Deiner Brust ab. „Gleich gehts los!“ sagt er und schaut Dich konzentriert an.

Für ein paar Sekunden ist alles vollkommen still. Du schließt die Augen um O. nicht in seiner Besinnung auf sich selber zu stören. Dann fühlst Du, wie er damit beginnt zwischen Deine Beine zu urinieren. Zwischen Deine Schamlippen, präzise gesagt. Er hat viel, sehr viel Flüssigkeit in sich. Es dauert lang. Und es gefällt Dir. „Warm, gell“ sagt er, als Du begeistert loslachst. „Ja!“ antwortest Du und lehnst Dich in der Wanne zurück. Du bist wieder fünf Jahre alt und gehst in den Kindergarten wo Du im Sandkasten spielst. Zusammen mit einem wunderbar wilden Freund, der Dich an den Haaren zieht, mit Steinchen bewirft und direkt neben Dir seine Notdurft verrichtet. Ihr könntet verbundener nicht sein. Du liebst O. Und O. liebt Dich. Denn als er den Inhalt seiner Blase vollständig auf Deinen Körper entleert hat, besorgt er es sich noch selbst und läßt sein warmes Sperma über Deinen Bauch rinnen. Verzückt beobachtet Ihr, wie sich alles zusammen auf dem Tattoo unterhalb Deines Nabels verteilt. Und seid glücklich.

„Du bist einfach die beste Drecksau dies gibt!“ sagt O., während er aus der Wanne steigt und sich ein Handtuch vom Halter nimmt. „Und Du der beste Schlampenficker weltweit“ antwortest Du und läßt Wasser über Deinen Bauch laufen. Dann wirfst Du Deine Highheels aus der Wanne und stehst auf. Beim Überklettern des Wannenrandes gerätst Du ins Straucheln und versuchst Dich an O.s Unterarm abzufangen. „Vorsicht! Da hilft Dir keiner wenn Du da fällst!“ sagt O. und zieht seinen Arm von Dir weg. Du schlüpfst aus den klatschnassen Strümpfen. Dann geht Ihr schweigend hinunter. Ins Handtuch gewickelt sammelst Du O.s Kleider vom Boden auf. Als er sich fertig angezogen hat greift er in die Innentasche seiner Lederjacke. „Da, Babe!“ sagt er und überreicht Dir ein knallrot glänzendes, flaches Päckchen. „Probiers an wenn ich weg bin!“ Dann umarmt er Dich kurz. „So, der Staubsaugervertreter packts jetzt wieder! sagt er und lächelt. „Bis zum nächsten Mal!“ „Bis zum nächsten Mal!“ sagst Du fassungslos und brichst auf dem Gabeh-Teppich zusammen nachdem O. gegangen ist.     

Epiphany

Freitag, 2. Januar 2015. Bereits zwei Tage nach Deiner Rückkehr aus dem Haus mit den vielen Bildern kannst Du wieder schmerzfrei sitzen. Und die blauen Flecken unterhalb Deines Rippenbogens verblassen sogar so schnell, daß Du bald nicht mehr sicher bist, ob Du es wirklich erlebt hast oder nur geträumt. Dieses Date. Bei dem ein zorniger, rotbärtiger Mann meinte, Dir Gewalt antun zu müssen, inmitten von fremden Luxusgütern, aus einem rätselhaften Grund. Tizianrotes, kleingelocktes Haar hat er also, Dein Zuchtmeister in der düster dekorierten Villa, wenn er sich nicht kahlschert und glattrasiert. Das Haar der Freibeuter. Der Verruchten. Der Außenseiter, also. Der Geächteten. Und: Der Zauberkundigen. Der Magier und Hexen. Ja, der Seelenlosen, wie man auf Fantasy-Webseiten lesen kann. „Daywalker“, heißt es da, seien ganz besondere Rothaarige: hellhäutig, aber ohne Sommersprossen. Lichtscheu. Unempfindlich gegen Schmerz. Gefühlskalt. Tagwandelnde Vampire. Kein Zweifel, denkst Du. So ist O.

22h. Du sitzst in eine Decke gewickelt auf dem Sofa und läßt Dich vom Kaminofenfeuer wärmen. Neben Dir liegt Dein Smartphone. Du ringst mit Dir. Erwartungsgemäß hat O. Dir kein frohes Neues Jahr gewünscht, gestern. Und Du ihm auch nicht, obwohl Deine Gedanken bei Ihm waren als es Mitternacht schlug und das Silvesterfeuerwerk begann und Dein Mann und Dein Sohn Dich umarmten. Nun drängt es Dich, ihm zu schreiben. Es gibt so Vieles, was Du gerne wissen würdest. Wo und wie verbringt jemand wie O. den Jahreswechsel? Auf einem wilden, bachantischen Fest im Haus mit den vielen Bildern? Bei anderen Freunden, in einem ähnlichen Domizil? Wo Champagner geschlürft wird und nackte Frauen Koks auf Silbertabletts reichen? Oder in seinem eigenen Zuhause, das Du noch immer nicht kennst? Euer vergangenes Treffen, von dem Du Dich erst langsam erholst, was war es für O.? Bestimmt nur der marginale Auftakt für mehrtägige Abenteuer und Exzesse, denkst Du. Das Vorglühen, das halb vergessene Präludium …

22h30. Ok, O., denkst Du. Die Schlampe meldet sich wieder. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich hoffe Du bist gut ins Neue Jahr gekommen. Küsse!“ Du atmest durch. Gehst zum Kaminofen um Holz nachzulegen. Willst Dich gerade auf der Couch zurecht kuscheln um ein wenig zu schlafen. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. O. „Hallo“ schreibt er nur. „Hallo“ schreibst Du zurück. Und dann: “ Hat es Dir gefallen mich zu bestrafen?“ – „Ja!!“ antwortet O. nach einigen Minuten. „Aber Du hast mir nicht bewiesen daß Du mir noch gehörst!!!“ – „Warum nicht?“ schreibst Du irritiert. „Was hat Dir gefehlt?“ – „Du hast gesagt daß ich Dich mißhandeln darf!!!“ schreibt O., wiederum nach einigen Minuten. „Und jetzt schau mal was rausgekommen ist! Ich durfte Dich NICHT härter angehen!“ – „Aber Du hast doch alles gemacht was Du wolltest!“ schreibst Du. „Und hättest auch noch mehr machen können! Ich war jedenfalls bereit dazu!“ – „Wirklich?“ fragt O. „Wirklich!“ antwortest Du. „Babe!“ schreibt O. „Ich danke Dir!!!“

„Kein Ding“ schreibst Du, bewegt von O.s Offenheit. „Und ich kann Dir was sagen, zum Trost“ fügst Du hinzu. „Ich konnte nicht besonders gut sitzen gestern!“ – „Das ist gut Babe!!!“ antwortet O. „Ich werde Dich nämlich schon bald noch härter behandeln!!! – „Ok“ schreibst Du und suchst nach einer frivolen Antwort. Plötzlich aber fühlst Du, wie ein lang in Dir aufgestautes Wissenwollen unhaltbar aus Dir herausdrängt. „Kann ich Dich was fragen?“ schreibst Du und ziehst die Wolldecke enger um Deine Schultern. „Frag“ schreibt O. „Das Haus“ tippst Du, und Dein Herz klopft wild, „in dem Du Dich immer mit mir triffst, das ist aber nicht Dein Zuhause, oder?“ – „Doch“ antwortet O. Du hast den Eindruck, daß der Raum um Dich herum sich dreht. Ziemlich schnell, sogar. Und auf dem Fußboden direkt vor dem Sofa bilden sich wieder Risse. „Oh nein. Hilfe.“ schreibst Du. „Warum?“ fragt O. „Das ist ja so ein wahnsinnig edles cooles Haus!!“ antwortest Du. „Mein Zuhause ist eine Köhlerhütte im Vergleich dazu!“

„Jetzt übertreib mal nicht!“ schreibt O. „Aber dieser ganze Luxus der da ist!“ schreibst Du, „gehört das alles Dir? Und was ist mit den Kindersachen die da immer herumliegen?“ – „Der Luxus gehört ein Teil mir und ein Teil meiner Freundin“ antwortet O. „Und die Kindersachen sind von zwei Neffen von uns. Die sind öfter bei uns zu Besuch!“ – „Ach so“ schreibst Du. „Und das wunderschöne kleine Zimmer? Wo das mit den Blutflecken passiert ist? Ist das dann Dein Zimmer?“ – „Ja! Das ist mein Zimmer“ antwortet O. „Und ausgerechnet da mußte das passieren“ schreibst Du, während Du überlegst, Dich in eine der offenen Fugen unter Dir fallen zu lassen. „Und das Haus ist noch lange nicht fertig!“ schreibt O. „Was fehlt denn noch?“ fragst Du und fühlst plötzlich etwas wahnhaft Besitzstrebendes durch das Handy zu Dir dringen. „Ich brauche Platz für eine neue Stereoanlage!! Neue Regale!! Und vor allem viel viel mehr Bilder!!!“ schreibt O. „Es wird wahrscheinlich niemals wirklich fertig sein!!!“

„Ein Palast für einen Prinzen wie Dich kann wohl auch nie wirklich fertig sein“ textest Du. „Da könntest Du recht haben, Kleine!“ antwortet O. “ Und ich liebe es wenn Du mir so schöne Sachen schreibst!!!“ – „Es ist einfach die Wahrheit!“ antwortest Du. „Dann Gute Nacht, Babe!“ schreibt O. „Dir auch!“ antwortest Du. „Ich muß es jetzt erstmal verkraften was Du mir heute alles erzählt hast!“ Lange, sehr lange nach diesem Chat sitzst Du immer noch reglos auf der Couch, mit angezogenen Beinen, in die Wolldecke gehüllt, das Smartphone in der Hand. Erst als das Feuer im Kaminofen ganz heruntergebrannt ist und Dein Mann und Dein Sohn, die oben zusammen ferngesehen haben, längst schlafen gegangen sind, löst Du Dich aus Deiner Erstarrung. Das Haus mit den vielen Bildern. Wo Dir der Atem stockt, sobald Du es betrittst. In dem die Wände von stummen Schmerzensschreien widerhallen. Und Du in die Abgründe einer verlorenen Seele blicken kannst. Es ist nicht irgendein Ort. Es ist O.s innerstes Reich.

Dienstag, 6. Januar 2015. Dreikönigstag. Die Zeit der entfesselten stürmischen Mächte geht zu Ende. Dein Sohn ist zusammen mit zwei Freunden als Sternsinger unterwegs. Dein Mann zu Besuch bei seinen Eltern. Und Du kannst Dich, vier Tage nach der verstörenden Erkenntnis, längst Teil von O.s innerster Welt gewesen zu sein ohne es zu wissen, vor den PC setzen und etwas ganz Einfaches tun: Du gibst das, was Dir seit Neuestem als O.s Wohnadresse bekannt ist, in die Google-Suchzeile ein. Den klangvollen Strassennamen. Die gerade, zweistellige Hausnummer. Den Namen Eurer Stadt. Und drückst die Enter-Taste. Augenblicklich erscheint die angefragte Adresse bei Google-Streetview. Im zugehörigen Foto ist das Haus mit den vielen Bildern nur schemenhaft erkennbar. Dennoch überläuft es Dich kalt, als Du es siehst. Die Namen von vier Immobilienfirmen ploppen auf. Geschäftssitz: das Zuhause von O. Du recherchierst die Unternehmen. Homepages gibt es keine. Aber ihre Einträge ins Handelsregister sind abrufbar, bei North Data und Moneyhouse.

Plötzlich gibt das Internet so Vieles preis. Die Firmen wurden vor 6 Jahren gegründet. Als geschäftsführend werden jeweils drei Frauen mit dem gleichen Familiennamen samt ihren Geburtsdaten genannt. Eine Dame im Alter von 68 Jahren und ihre beiden Töchter. Die Erstgeborene ist wohnhaft im Haus mit den vielen Bildern. Ihren Vornamen kanntest Du schon. Aus der Traueranzeige für O.s Mutter. O.s Lebensgefährtin, also. Ihr Vater ist Gründer eines bedeutenden mittelständischen Bauunternehmens, stellst Du fest. Ihre Mutter entstammt einer wichtigen deutschen Verlegerfamilie. Zusammen mit weiteren Angehörigen dieser Sippe verfügt sie über ein Netzwerk aus Firmen- und Wohnsitzen an den vornehmsten Adressen im Westen der Stadt. Auch die alte Villa, in der O. Dich zum ersten Mal nahm, scheint Teil des Familienbesitzes zu sein. Und ins Kennzeichen des SUV den O. fährt, sind die ersten beiden Buchstaben des illustren Clan-Namens integriert. Ihre gesellschaftlichen Verbindungen reichen bis in die höchsten Kreise Deiner Stadt.

So sehr Du auch suchst, Bilder sind von keiner der drei gut situierten Frauen im Netz zu finden. Zwar kannst Du sehen, daß sie sich karitativ engagieren, bei Children for a Better World und ähnlichen Organisationen. Die Matriarchin sitzt außerdem im Festkomitee eines sehr beliebten Wohltätigkeitsballes Deiner Stadt. Ihre Gesichter halten die Damen im Raum des weltweiten Netzes jedoch konsequent verborgen. So erfährst Du leider nicht, wie O.s Freundin aussieht. Natürlich nimmst Du an, daß sie schlank und attraktiv ist, beneidenswert stilvoll und teuer gekleidet, von Männern umschwärmt, kurz, das Pendant zu O. Bestimmt bist Du nur ein Aschenputtel im Vergleich zu ihr. Du fühlst Dich tief unterlegen, beim Blick auf all die Infos im Netz. Und dennoch empfindest Du auch etwas wie Mitleid, wenn Du ihren Namen liest. Ein eigenartiges Verbundensein mit den seelischen Narben und Verletzungen einer anderen, zu O. gehörenden Frau. Zu dessen Person selbst weiterhin nichts, absolut nichts aufscheint. Auch nicht im virtuellen Umfeld des von ihm bewohnten Hauses.

La Chasse Sauvage

Samstag, 27.12.2014. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Lichtlos. Windumtobt. Unerlöst. Altem Volksglauben zufolge zieht dieser Tage ein Heer von dämonischen Jägern und Geisterreitern über den Himmel. Das weißt Du noch aus Deiner Kindheit. Odins Todesboten. Die Wilde Jagd. Mehr als in früheren Mittwinterphasen fühlst Du Dich gefährdet, einsam, aus der Welt gefallen. Es gelingt Dir nicht zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit Deinem Mann und Deinem Sohn. Du schläfst nachts unruhig und träumst wirr. In den frühen Morgenstunden wirst Du oft von den Strumböen geweckt, die seit dem zweiten Weihnachtstag um die Häuser Deiner Stadt wehen. Dann stehst Du auf, gehst barfuß zum Badezimmerfenster und schaust hinaus zu den kahlen schwankenden Bäumen in der trüben aschgrauen Morgendämmerung. „Irgendwo da draußen“ denkst Du, bevor Du zurück in Dein Bett kriechst um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Irgendwo da draußen ist O. auf Beutezug. Auf der Suche. Nach neuen Frauen. Neuen Seelen. Nach neuer menschlicher Energie …

Sonntag, 28.12.2014. Der Wintersturm kommt allmählich zur Ruhe. Dein Mann und Dein Sohn können hinausgehen und die Orkanschäden im Garten besichtigen. Du schaust ihnen vom Wohnzimmerfenster aus zu. Gerade als Du Deine Stiefel anziehen und noch ein wenig mithelfen willst den halb umgestürzten Brennholzstand aufzurichten piept Dein Handy. „Bist Du bereit für Deine Strafe, Schlampe?“ schreibt O. „Welche Strafe?“ fragst Du zurück und spürst wie Dein Pulsschlag sich beschleunigt. „Die Strafe dafür daß Du es mit dem Anderen gemacht hast!“ schreibt O. „Hast Du mir das noch nicht verziehen?“ fragst Du. „Nein!“ antwortet O. „Erst mußt Du mir beweisen dass Du mir noch gehörst!!!“ – „Ich gehör Dir auf jeden Fall!“ schreibst Du. „Gut!“ antwortet O. „Übermorgen bin ich allein. Dann kommst Du zu mir. Ich füge Dir Schmerzen zu!! Dann sehen wir weiter!!“ – „Ok“ schreibst Du. „Aber ich warne Dich!“ schreibt O. „Überleg es Dir gut!! Du wirst mit meiner ‚Behandlung‘ nicht klarkommen!!!“ – „Ich besuche Dich trotzdem!“ antwortest Du.

Draußen hat es begonnen in dichten Flocken zu schneien. Gärten, Straßen und Häuser werden weiß umhüllt. Stille breitet sich aus. Du selber versuchst den inneren Aufruhr zu bewältigen, den Chat-Duelle mit O. so oft bei Dir hinterlassen. Die Melange aus Empörung, Wut, Angst und Faszination mit der Du O. beim Überschreiten all Deiner Grenzen zuschaust. Und: Den Kick. Den Thrill. Denn: „Zu mir“ hat O. ja geschrieben. „Dann kommst Du zu mir“. Du wirst also seine Wohnung, sein Zuhause kennenlernen wenn Du ihn besuchst um Dich schlagen und strafen zu lassen. Fünf Monate nach Eurem ersten Date, drei Monate nachdem Du ihn zum letzten Mal gesehen hast, hält O. Dich für würdig zu erfahren wo er wohnt. Du stellst Dir ein wildes Ambiente vor, rockstarmäßig, mit pompösen Kronleuchtern und majestätischen Ledersesseln vor Wänden in violett oder schwarz. Zwischen flackernden Kerzen und Totenköpfen auf denen Strass-Steine schillern und blinken wird Deine Bestrafung stattfinden. Du fieberst ihr entgegen.

Dienstag, 30.12.2014. Am vorletzten Tag des  Jahres scheint die Welt um Dich herum zu versinken in Schnee. Meterhoch türmt er sich auf den Straßen. Dein Mann und Dein Sohn gehen halbstündlich hinaus zum Räumen. Und es schneit immer noch weiter. Von O. hast Du nichts mehr gehört, seit zwei Tagen. Als ob auch er und sein Plan eingeschneit wären, denkst Du, während Du unter der Dusche stehst. 12.30h. Du frottierst Dir gerade die Haare. Dein Handy piept. „Ich bin jetzt alleine!“ schreibt O. „Kannst Du kommen?“ – „Ja“ antwortest Du. „Ich muß mich nur noch fertig anziehen“ – „Bis wann kannst Du da sein, Schlampe?“ fragt O. „Wo müßte ich denn genau hinkommen?“ fragst Du gespannt zurück. „Zum Haus“ antwortet O. „Also. Wann kannst Du da sein?“ – „In einer halben Stunde“ schreibst Du. „Fahrradfahren geht ja leider nicht wegen dem Schnee“ – „Das schaffst Du ja doch nicht zu Fuß!“ schreibt O. „Ich glaube wir vergessen das Ganze!“ – „Bitte nicht!“ antwortest Du. „Ich versprech Dir daß ich pünktlich bin!“

„Na gut!“ schreibt O. „Von jetzt ab eine halbe Stunde! Nur eine Minute später und ich mach Dir die Türe nicht mehr auf!“ – „Dnke“ tippst Du und eilst halbnackt ins Schlafzimmer. Dort zerrst Du hektisch eine neue Packung halterloser Strümpfe aus ihrem Versteck und öffnest sie mit zittrigen Fingern. Als Du sie Dir überstreifen willst, bleibst Du mit dem rechten Zehennagel in dem empfindlichen Gewebe hängen und reißt eine große Laufmasche hinein. Für einen Moment fühlt sich alles vollkommen leer, absurd und sinnlos an. Aber Du rufst Dich zur Ordnung. „Ich will ihn sehen!“ denkst Du, wirfst Dir ein halbtransparentes weißes Langarmtop über, schlüpfst in Deine Jeans und hastest nach unten. Dort steigst Du in Deine Boots, hüllst Dich in Deinen Winterparka und Deinen Lieblingsschal aus Ajour-Strick, greifst nach Deinem Minirucksack samt Smartphone und stürmst auf die Straße hinaus. Dein Mann und Dein Sohn, die gerade mit Schneeräumen fertig geworden sind, schauen Dich verwundert an. „Ich mach einen kleinen Winterspaziergang, Herzen!“ sagst Du. „Bin bald zurück!“

Das Vorwärtskommen im Schnee ist schwierig. Bei fast jedem Schritt in der mehligen Masse, die die Räumdienste auf den Straßen zusammen geschoben haben, rutschen Deine Füße nach hinten weg. Du fühlst Dich wie in einem der Träume in denen man läuft ohne sich vom Fleck zu bewegen. Außerdem schneit es in die Kapuze von deinem Parka. Aus Deinen Haaren rinnt Schmelzwasser in Deine Augen und ruiniert das Make-up das Du noch schnell aufgetragen hast. Und O. macht alles noch schlimmer. Denn er bombardiert Dich mit Sms. Ignorieren? Unmöglich. Es könnte ja wichtig sein. O. aber hetzt und scheucht Dich einfach nur vor sich her. „Wo bleibst Du, Schlampe?“ schreibt er. „Die halbe Stunde ist gleich rum!!! Ich wußte ja daß Du es nicht schaffst!!!“ – „Ich bin schon fast da!“ tippst Du mit kalten Fingern während Du weiter voran stapfst. „Hör auf mich zu stressen!“ – „Du Drecksau!!!“ kommt es zurück. „Ich lass Dich gleich vor dem Haus stehen ohne zu öffnen!! Das wäre das was Du verdient hast!!!“

Dann geh ich halt Kaffeetrinken, denkst Du und biegst in die Straße ein an deren totem Ende das Haus mit den vielen Bildern errichtet wurde. Die Räumdienste haben hier besser gearbeitet als in Deinem eigenen Quartier. Du kannst Dich sicheren Schrittes auf das mondäne weiß-rote Gebäude zubewegen, das in kalter Pracht vor Dir liegt. Deine Kehle schnürt sich zusammen als Du direkt davor stehst. Schutzsuchend kauerst Du Dich unter das schmale Garagenvordach, atmest kurz durch, ziehst Dein Handy aus der Tasche von Deinem Parka und schreibst: „Ich bin jetzt vorm Haus!! BITTE lass mich rein!!“ Die Welt scheint stillzustehen, wie schockgefrostet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich das automatische Garagentor, gerade so hoch daß Du gebückt darunter hindurch schlüpfen kannst. Im Inneren der Garage stehst Du sekundenlang wie blind. Dann aber gewahrst Du O., der barfuß, in T-Shirt und Jogginghose im Rahmen der Verbindungstüre zum Haus lehnt. Ein lässiger Jäger, seiner Beute vollkommen sicher.

Du tust einen Schritt auf ihn zu und schaust ihn befremdet an. O.s blasses Gesicht wird umrahmt von einem dichten, brandroten Bart der ihn erschreckend archaisch, fast wikingerhaft-brutal aussehen läßt. Bevor Du Dich an den veränderten Anblick gewöhnen kannst, greift er brüsk nach Deinem linken Oberarm und zerrt Dich ungeduldig über die Türschwelle ins Innere des Hauses. Du stolperst über ein Chaos aus Kinderschuhen die inmitten von Staubflocken und Wollmäusen auf den dunkelgrauen Granitfliesen im Flur herumliegen. Die Eigentümerfamilie scheint überstürzt abgereist zu sein. Das gesamte Parterre macht einen unaufgeräumten, schlecht geputzten Eindruck. Wahrscheinlich O.s Job hier für Ordnung zu sorgen, denkst Du. Erst aber mußt Du Deinen Denkzettel bekommen, offensichtlich. Denn: „Zieh die Jeans aus!“ sagt O., als Du Deinen Parka ablegst und aus Deinen Boots schlüpfst. „Die könnte sonst kaputt gehen, heute“ – „Ich weiß“ antwortest Du und wünschst Dich plötzlich sehr weit weg.

O. läßt seinen Blick abschätzig über Dein Top und Deine schwarzbestrumpften Beine gleiten. Dann greift er nach Deinen beiden Handgelenken als ob er einen bizarren, ländlichen Tanz mit Dir beginnen wollte. Er zieht Dich ins Wohnzimmer und schubst Dich zu einem großen Tisch aus massivem Eichenholz auf dem noch weihnachtliche Buchsgebinde herumliegen. Du stößt mit dem rechten Hüftknochen an der Tischkante an. O. dreht Dir die Arme auf den Rücken und drückt dein Gesicht und Deinen Oberkörper mit der linken Hand auf die Tischplatte, so daß Dein Po nach oben ragt und nur Deine Zehenspitzen den Boden berühren. Mit der rechten Hand schiebt er Dein Top beiseite und betastet dein Gesäß. Lange. Nachdenklich. „Bitte nicht!“ flehst Du innerlich, als Du mitbekommst daß er seine Jogginghose auszieht und sich in die Hand spuckt. „Bitte nicht anal!“ Verzweifelt umklammerst Du eine der Garben aus Buchs. „Drecksau!“ faucht O., krallt seine Hand in Deine Haare und dringt gnädigerweise vaginal in Dich ein.

Als O. Dir gestattet Dich wieder aufzurichten hast Du Schwierigkeiten zu atmen und Deine Rippengegend fühlt sich gequetscht an. O. aber dreht Dir erneut die Arme nach hinten und stößt Dich zu der schwarzen XL-Couch auf der anderen Seite des Raumes. Er läßt seine flache Hand auf Dein nacktes Gesäß klatschen. Einmal. Zweimal. Du kreischst. Dreimal. Viermal. Du kreischst schrill. Auf der Couch kommst Du rücklings zu liegen. O. presst seine Knie beidseitig in Deine Leisten und umgreift Deinen Hals. „Was machen wir jetzt, Schlampe?“ fragt er und blickt aus seinem fremden, wild umwucherten Gesicht auf Dich herab. „Arschloch küssen?“ röchelst Du mühsam. „Das geht nicht!“ faucht O. und schlägt Dich mit der freien Hand ins Gesicht. „Warum nicht?“ fragst Du. „Ich bin nicht geduscht!“ antwortet O. und schlägt ein weiteres Mal zu. Dein Unterkiefer verschiebt sich. Du bist still. „Du Drecksau bekommst es jetzt ins Gesicht!“ murmelt O. und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf die Innenseiten Deiner Oberarme. Es tut weh. Deine Schultergelenke knacken. Aber Du überstehst es. Ohne zu jammern.

O. bedeutet Dir aufzustehen, nachdem er sich angezogen, aus der Küche ein Kleenex geholt und Dir damit das Gesicht abgeputzt hat, während Du regungslos auf dem Sofa verharrtest. Du kämpfst Dich schweigend hoch und gehst an ihm vorbei, hinaus in den Flur. Dort lehnt O. sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und schaut zu, wie Du die Jeans über Deine zerrissenen Strümpfe ziehst, in Deinen Parka schlüpfst und mit zitternden Händen die Schuhbänder deiner Boots zusammenknotest. „Vergiß Deinen Schal nicht der da auf dem Boden liegt“ sagt er mit leiser Stimme und beobachtet voll Interesse wie Du Dich etwas mühselig danach bückst. Als Du fertig angezogen bist schaust Du ihn mit festem Blick an. „Wir treffen uns nicht mehr, oder?“ fragst Du. „Du Schlampe meldest Dich ja doch wieder!“ antwortet O. betont gleichgültig und zückt den Schlüssel für die Verbindungstür zur Garage. „Ciao“ sagst Du, als Du über die dreistufige Treppe aus grauem Beton in den dunklen, kalten Raum hinaustrittst. „Ciao“ sagt O. und läßt die Türe hinter Dir ins Schloß fallen.