Das Jahr 2017. In dem Du von O. mit wundervollen, gefühlsintensiven Chats verwöhnt wirst. Und DAS grosse, einzigartige, alles-in-den-Schatten-stellende Date mit ihm erlebst. Und Situationen tiefster Verbundenheit und wahrer Nähe. Auch dieses Jahr hält dennoch und trotz alledem Unsäglich-Unerträgliches für Dich bereit. Zum Beispiel Ende April. O. macht zu dieser Zeit ein weiteres Mal Ferien auf Lanzarote, zusammen mit Lolo. Und schickt Dir am dritten Abend seines Aufenthalts Bilder von einer jungen Frau mit langem, glattem, tiefschwarzem Haar. Irgendwo, zwischen Lavagestein und Sanddünen posiert sie für Erotik-Selfies. In einem semi-transparenten, cayenne-roten Off-Shoulder-Top, das ihre üppigen Brüste und eine Vielzahl von schwarz geränderten Pentagramm-Tattoos mehr ent- als verhüllt. „Mich hat hier ne Servicekraft angemacht“ schreibt O., während Du Dich am Küchentisch festhältst und mit Schnappatmung kämpfst. „Die spricht perfekt deutsch und hat mich von Anfang an dauernd angeschaut!“

„Oh. Sie ist viel schöner als ich“ antwortest Du. „Die ist noch total jung!“ fabuliert O. „Hat mir ihre Handynummer zugesteckt und auch schon ne Menge Bilder und sogar ein paar Videos für mich gemacht! Magst eins haben?“ – „Vielen Dank. Jetzt nicht!“ antwortest Du. „Schade. Hätte ja sein können das es dich scharf macht!“ schreibt O. „Im Moment nicht“ antwortest Du. „Wie soll es denn jetzt weitergehen?“ – „Ich chatte gerade total geil mit ihr!“ schreibt O. im Vollgefühl seiner Omnipotenz. „Werde sie aber nicht ficken! Nicht das die mich dann abzocken will! Wenn ich zurück bin besuche ich dich und lass es mir so richtig von dir besorgen!!!“ – „Ok“ schreibst Du und registrierst voller Qual, dass O. bereits wieder in ein anderes Chatfenster geswitcht ist. In DAS Chatfenster, in dem es gerade heiss und vulkaninselmässig zur Sache geht, während Du Dich frierend und fröstelnd auf Deiner Küchenbank zusammenkrümmst und Dir selbst als die letzte, die unattraktivste Frau auf Erden erscheinst …  CUT!!!

In der ersten Hälfte des Jahres 2017 erlebst Du ferner ein „Date“, bei dem O. Dich für genau 11 Minuten bei Dir zu Hause besucht, ratz-fatz das schwarze, neu gekaufte Netzminikleid auf Deinem Körper zu elend herabhängenden Garnresten zerwirkt und Dich auf dem Wohnzimmerteppich so hart von der Seite nimmt, dass Du schlussendlich wie ein frisch erlegtes, waidgerecht ausgenommenes Reh vor ihm liegst. Unfähig auf die Beine zu kommen, während er in seine Kleider schlüpft und wortlos geht. Als 30 Minuten später dein Handy piept, musst Du auf allen Vieren zu dem Korbstuhl kriechen, wo es landete, als O. ins Haus kam. Und mit Mückenschwärmen vor den Augen lesen: „Ursula, ich habe so ein schlechtes Gewissen und fühle mich schlecht gegenüber der Lolo!!!  Ich kann ihr das nicht mehr antun!!! Ich liebe dich und es ist unbeschreiblich schön mit dir! Aber ich schaff das nicht mehr! Ich zerbreche daran!!“ – „Ich versuche zu verstehen!“ tippst Du mit erstarrenden Fingern. Danach erfolgt ein zehntägiges Schweigen … CUT!!!

Ende Juni 2017, am Tag nach Deinem Geburtstag, zu dem O. Dir wie jedes Jahr NICHT gratuliert hat, verunglückst Du mit Deinem Fahrrad in einem Wäldchen am Flusshochufer nahe Deiner Stadt. Beim Versuch, einem Spaziergänger mit grossem Hund in letzter Sekunde auszuweichen, überschlägst Du Dich mit dem Rad und ziehst Dir im Schotter schwere Knieabschürfungen, Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung zu. Du musst ambulant versorgt und mit fremder Hilfe heimgebracht werden. Aber O. reagiert kalt und abweisend, als Du ihm abends, lädiert im Bett sitzend, Dein Leid klagst. „Tja. Da werden wir unsere Sexspielchen in nächster Zeit nicht durchziehen können!“ schreibt er. „Ich wäre gerne demnächst mal auf nen Fick bei dir vorbeigekommen. Aber so lange deine Knie SO aussehen … !“ – „Mit ein wenig Rücksicht würde es schon gehen“ antwortest Du in hemmungsloser Selbsterniedrigung. „Ursula es reicht mir jetzt aber mit deiner Spinnerei!“ schreibt O. „Hör sofort auf oder ich blocke dich für ein paar Tage!!!“ … CUT!!!  

O. ist eben zu Empathie nicht fähig, denkst Du Dir nach all solchen Erlebnissen. Er kann sowas wie Mitgefühl halt einfach nicht empfinden. Basta. Aber dann gibt es wieder diese ganz anderen Momente, die das Basta Lügen zu strafen scheinen. Zum Beispiel in den Faschingsferien 2017. Während Dein Mann und Dein Sohn miteinander im Skiurlaub sind, liegst Du über Tage hinweg mit hohem Fieber im Bett. Allein. Dir selbst überlassen. Unversorgt. Wäre, ja wäre da nicht O. Tatsächlich. O., der sich kümmert. O., der sich Sorgen um Dich macht. O., der alle zwei Stunden rund um die Uhr via Whatsapp nachfrägt, wie es Dir geht. O., der am vierten Deiner Fiebertage energisch dafür sorgt, dass ein Bereitschaftsarzt bei Dir vorbeikommt. O., der Dir nachts ein 50.- Euro-Kuvert in den Briefkasten wirft, damit Du Bargeld im Haus hast, für alle Fälle. O., der Dir schreibt: „Babe, ich habe solche Angst dich zu verlieren!!! Ich brauche dich einfach soooo sehr! Bitte bleibe im Bett bis du richtig gesund bist! Ich liebe dich!!!“ … NO CUT!!!  

Oder die Tage und Nächte im August 2017. Um Deinen mittlerweile fast 14-jährigen Sohn auf ein Outdoor-Survival-Projekt seiner Schule vorzubereiten, verbringst Du mit ihm eine Woche auf einer Zeltwiese an einem der grossen Seen im Umland Eurer Stadt. Ihr übt miteinander Fahrradtaschen zu packen, Routen ohne Navy zu finden, das Zelt windgeschützt aufzustellen, einen Gaskocher zu benutzen und manches mehr. Tagsüber streift Ihr mit den Fahrrädern durch Schilfgebiete und Moorland, nachts hört Ihr in Euren Schlafsäcken durch die dünnen Membranwände Eures kleinen Wigwams Frösche quaken und Grillen zirpen. Es ist für Dich eine wunderschöne, wertvolle Zeit. Du bist dankbar für jede gemeinsame Minute mit deinem Sohn. „Wurzeln, Flügel, Wakan-Tanka“ denkst Du, ganz glückliche Indianer-Mom. „Alles ist wunderbar“. Und, das liegt auch an O., der sämtliche Phasen deiner Visionssuche für Mutter und Sohn nicht nur teilnahmsvoll verfolgt, sondern sie regelrecht mitlebt. Fasziniert. Intensiv. Stets dicht dabei.

„Wie geht es euch denn? Ich drück euch die Daumen das alles gut läuft! Passt auf euch auf heute beim Radeln! Vom Wind könnten Äste auf euch runter kommen! Bitte melde dich wenn ihr am Zeltplatz zurück seid!“ So ähnlich schreibt O. fast jeden Morgen, während Du zusammen mit deinem Sohn beim Trekkingfrühstück im Gras warmen Hafermilch-Couscousbrei löffelst und dabei Radwanderkarten studierst. Anders als Dein Mann, der zu Hause ganz einfach sein Leben als Kurzzeit-Single geniesst, scheint O. getrieben von ständiger Sorge um Dein und Deines Sohnes Wohlergehen. Er wittert Gefahren. Ahnt dräuendes Unglück, bei fast allem, was Du tust. „Fahrt nach Hause!!! Das Wetter schlägt heute noch um!!! Lasst euch doch abholen! Ich glaube das alles ist viel zu heftig für euch!!“ – „Es geht uns aber wirklich gut!“ antwortest Du dann, stets mühsam begreifend, dass dies die dramatischen Gefühle desselben Mannes sind, der bisher nicht genug davon haben konnte, Dich zu quälen und leiden zu sehen. „Ich werde ihn niemals verstehen“ denkst Du.

Dass die Outdoor-Zeit mit Deinem Sohn ungeahnt tief an die Klüfte und Krater von O.s verwundbarem Inneren heranreicht, erweist sich ganz besonders in der Nacht vom 17. auf den 18. August 2017, als in den Frühmorgenstunden ein schweres Gewitter über der Region Deines Aufenthalts niedergeht. „Könnt ihr denn schlafen bei diesem Wetter?“ schreibt O. um 3.30h. „Es regnet doch dauernd und ist kalt! Ich bin schon ganz lange wach und denke an euch!!!“ – „Das ist total lieb von Dir!“ antwortest Du mit dem Handy unter dem Trekkingfleece. „Es donnert seit Stunden und Nässe kommt rein! Aber der Kleine schläft tief und fest!“ – „Wirklich?“ tippt O. „Ja. Wirklich!“ antwortest Du. „Herr des Himmels!“ schreibt O., und Du spürst, dass er enorm aufgewühlt ist. „Kinder sind um ihren Schlaf ja so sehr zu beneiden!!!“ „Das stimmt“ antwortest Du. „Und wenn einer so ne tolle Ma hat wie dein Kleiner“ eifert O. weiter, „dann hat er sowieso das ganz grosse Los im Leben gezogen! Glaub mir! Ich weiss von was ich rede!!!“ – „Das ist mir klar!“ antwortest Du.

„Ich kann das jetzt nicht so gut erklären!“ tippt O. aufgeregt weiter. „Aber dein Kind mit dir heute Nacht! Bin mir sicher auch wenn es grad schläft das wird es sich immer dran erinnern was das für ein Wetter war!!! Und wie du dich um ihn gekümmert hast! Das wird für ihn garantiert unvergessen bleiben!!!“ – „Entschuldige bitte. Mein Geschriebenes ist gerade wohl recht durcheinander!!!“ fügt er hinzu, ehe Du antworten kannst. „Ich meinte nur man vergisst nicht alles was man als Kind mal erlebt hat!“ – „Ja!“ antwortest Du. „Ich habe als Kind kein einziges Mal was mit meiner Mutter gemacht“ schreibt O. nach einer kleinen Pause, in der Du fühlst, wie sich Schmerz, Trauer und Schwermut in Deinem Sommerschlafsack um Deinen Körper herum ausbreiten. „Also keinen gemeinsamen Tag Abenteuer oder ähnliches. Und wenn ich die ganzen Kinder beim Baden so sehe… was die alles schon können und mit ihren Eltern unternehmen… da werd ich schon ganz schön wehmütig!“ – „Ich verstehe Dich!“ schreibst Du hinaus in das apokalyptische Donnergrollen, draussen über Deinem Zelt.

„Ich weiss dass Du eine sehr sehr schwere Kindheit hattest. Und ich bewundere es wie Du darüber hinweg gekommen bist. Sehr.“ – „Ja … aber auf das wollte ich nicht hinaus … “ antwortet O. „Eher wie schön ich es finde das es viele Kinder heute gibt die solche schönen Erlebnisse haben. So wie dein Sohn. Ich hatte viel Pech zum Start meines Lebens. Aber dann auch viel Glück. Und sich viel selber beizubringen und früh auf eigenen Beinen zu stehen ist auch ein „Erlebnis“!“ – „Das war Deine Stärke“ antwortest Du. „Ja“ schreibt O. „Aber jetzt versuch du noch bisserl zu schlafen!!! Ich stehe jetzt auf. Heute kommen zu uns Schreiner zum Schränke einbauen. Und da muss ich noch bisserl aufräumen!“ – „Ok mein Gebieter!“ antwortest Du, obwohl Du den Chat mit dieser so aussergewöhnlich offenen, berührbaren und mitteilungsbedürftigen Version von O. natürlich gerne noch fortsetzen würdest. „So gefällst du mir meine Sexgöttin!“ schreibt O. „Ich möchte das du für immer und ewig meine Schlampe und Sklavin bleibst und meine verrückten Wünsche erfüllst. Und wenn du wieder daheim bist besuche ich dich bald. Ich freue mich nämlich unglaublich darauf dich wiederzusehen!!“

„Ich freue mich auch!“ antwortest Du und horchst nach draussen. Das Unwetter ist weitergezogen. Es grummelt noch leise vom fernen, gegenüberliegenden Rande des Sees. Aber die bedrohliche Situation ist vorbei. Die ersten Vogelstimmchen erwachen. Du weisst: vor deinem Sohn und Dir liegt ein wunderschöner Tag. „Danke O.“ denkst Du, während Du Dich tief in all Deine Pullis und Decken vergräbst. „Danke“. Dann schläfst Du ein … NO CUT!!!