Montag, 17.11.2014 „Wow, so schnell schon bereit für eine neue Runde Missbrauch? “ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm von Deiner Wiederannäherung an O. berichtest. „Naja, die Mesaillancen sind die Allerschönsten“ antwortest Du ein wenig trotzig. „Das hat sogar mein Doc gesagt!“ – „Oh, wußte gar nicht daß man auch auf ärztlichen Rat hin Vabanque und Russisch Roulette spielen kann!“ schreibt Dein Freund. „Dann verzock Dich nur nicht, Madame!“ Nein, tu ich nicht, denkst Du still für Dich. Denn, O. gibt Dir aktuell gar nicht die Möglichkeit dazu. Von Russisch Roulette kann keine Rede sein. Eher vom Mantel des Schweigens, hinter den sich O. so kurz nach Eurem Sonntags-Chat bereits wieder zurückgezogen hat. Die ganze Woche hindurch bekommst Du keine einzige Nachricht von ihm. Die neuerliche Funkstille zerrt an Deinen Nerven. Sie lastet auf Dir. Lähmt Dich und laugt Dich aus. Du fühlst Dich hilflos. Einsam. Tag für Tag zunehmend herabgewürdigt. Beleidigt und provoziert. Bis Du genug hast.

Samstag, 22.11.2014. 17h. Nach fünf Tagen hältst Du es nicht mehr aus, von O. zu Tode geschwiegen zu werden. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich weiß nicht ob es gut ist wenn wir noch in Kontakt sind. Mach Dir keine Sorgen um mich, ich bleibe nicht allein. Morgen nachmittag treff ich jemanden der sich schon lang wünscht mich zu sehen!“ Kurzzeitig empfindest Du eine Art Triumphgefühl. Ich kann auch anders, denkst Du. Dann jedoch holt Dich die Stille wieder ein. Und mit ihr das Gefühl, einen schweren Fehler gemacht zu haben. 23h. Dein Handy gibt ein eigenartiges Summen von sich. O. schreibt nur einen einzigen Satz: „Hallo!! Meine Mutter ist heute um 21 Uhr gestorben!!!“ – „Oh Gott. Verzeih mir! Es tut mir so leid!“ antwortest Du sofort. Und wunderst Dich ausnahmsweise mal nicht, warum Du keine Antwort bekommst. In der Nacht quälst Du Dich mit Selbstvorwürfen. Wie konntest Du so unsensibel sein? So taktlos? Du hattest nicht mehr wirklich an die Existenz von O.s todkranker Mutter geglaubt. Das rächt sich nun.

Sonntag, 23.11.2014 Mit einem flauen Gefühl im Magen kämpfst Du Dich durch den Tag. Es geht Dir nahe, Dir vorzustellen, daß O. eine Woche am Sterbebett seiner Mutter verbracht hat und nun Beerdigungsdetails zu klären hat. Zusammen mit seinen Brüdern. Es tut Dir aber auch weh, daß er Dich ausschloss aus seiner Gefühlswelt, in diesen Tagen. Dir keine Chance gab, Dein Mitgefühl zu zeigen. Und Dich gerade dadurch zu Deinem unangemessenen Verhalten verführte. 15h. Dein Handy schnarrt bösartig und scheint sich dabei ruckartig auf dem Tisch zu bewegen. O. schreibt wie entfesselt. Feuert Hass-Sms auf Dich ab. Du bist wieder einmal die Schlampe von der er weiß daß sie es mit ganz vielen Männern macht. Er weiß noch nicht mit wie vielen genau, aber er wird es herausfinden. Dann beruhigt er sich ein wenig. Fragt ob Du ihm weiterhin dienen und Wünsche erfüllen willst. Seine Schlampe und Sexgöttin sein. Die nachts auf Highheels zum Parkplatz kommt. Und ihn küßt. Du schwörst es ihm. Um 20h30 ist Euer Chat zu Ende.

Montag, 24.11.2014. 17h. O. schreibt. Erneut stakkatohaft. Irrlichternd. Voller morbider Energie. Vom Tod seiner Mutter: kein Wort. Dafür: Sex-Phantasien. Driftend. Vagabundierend. Beherrscht von Düsternis und Verlorenheit, mit Dir als Objekt von Erniedrigung und Missachtung. Du hast Mühe, seinen Imaginationen standzuhalten. Denn Du bist darin zu einer Unberührbaren geworden. Einer kastenlosen Frau, vom Bodensatz der Gesellschaft. „Ich will daß Du morgen tief nachts zum Parkplatz kommst!!!“ schreibt er auf dem Höhepunkt Eures Chats. „Es ist mir egal ob Dein Mann davon was merkt!!! Du mußt Highheels und Strümpfe anhaben. Und Du darfst kein Wort sagen!!!“ – „Überhaupt nichts?“ fragst Du zurück. „Kein Wort!!“ schreibt er. „Ich werde nichts mit Dir reden. Dich nicht anschauen oder anfassen!! Ich will nur daß Du Dich im Auto hinlegst. Und dann werde ich mich einfach mit meinem Hintern auf Dein Gesicht setzen. Du mußt mich lecken. Und dann mußt Du sofort wieder gehen!!!“ Du frierst als der Chat zu Ende ist.

Dienstag, 25.11.2014. 23h30. Hinter Dir liegt ein kalter, verregneter Tag. O. hat sich nicht mehr gemeldet. Damit blieb es Dir erpart, den schaurigen Plan einer anonymen, wortlosen Begegnung am Parkplatz bei Nacht in die Tat umzusetzen. Du bist erleichtert. Und empfindest es dennoch als kränkend, mit keiner Silbe darüber informiert worden zu sein daß Du zu Hause bleiben kannst. „Gedemütigt durch Schweigen“ denkst Du, während Du im kleinen Arbeitszimmer unter dem Dach den PC hochfährst. Dein Mann und Dein Sohn schlafen tief. Nicht ahnend daß Du seit Monaten ein zweites Leben führst. In einer Parallelwelt, mit eigenen Gesetzen und Erfordernissen. Ein Dasein, in dem es Dir heute etwa auferlegt ist, die Traueranzeigen und Kondolenzseiten Deiner Stadt und ihrer Umgebung im Internet zu durchstöbern, auf der Suche nach einer einzigen Information: O.s Namen. Wenn Du je eine Chance hattest zu erfahren wie O. mit vollem Namen heißt, dann jetzt, denkst Du. Und klickst Dich klopfenden Herzens durch die Seiten.

Der Regen prasselt auf das Dachfenster Eures Hauses. Zwei Stunden lang kämpfst Du Dich am PC durch Gedenkseiten und Trauerportale. Sichtest Todesanzeigen, Sterbebilder, virtuelle Erinnerungskerzen und Rosenkränze. Liest Sinnsprüche des Abschieds und der Anteilnahme. Stets die Namen der Hinterbliebenen im Blick. Es ist eine mühselige Arbeit. Deine Augen schmerzen. Die Trauer um Menschen, die Du nie gekannt hast, greift Dich an. Vor allem aber empfindest Du Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, tiefe Resignation. „Alles sinnlos“ denkst Du. „Er wird immer ein Phantom bleiben“. Du überlegst, die Suche einzustellen. Schämst Dich für Dein indiskretes Wühlen im Verlustschmerz Anderer. Beschließt, noch drei Seiten zu scrollen. Überfliegst sie mit flatternden Lidern, ohne richtig hinzusehen. Willst aufstehen, schlafen gehen, O. einfach vergessen. Da bleibt Dein Blick an einer Traueranzeige mit farbigem Bild hängen. Ungläubig starrst Du darauf. Du siehst das Gesicht und den Namen von O.

Schlagartig bist Du wieder hellwach. Du fühlst eine Woge von Adrenalin durch Deine Körperzellen rauschen, während Du versuchst, die unverhoffte Informationsfülle auf der Bildschirmoberfläche zu erfassen. O.s Nachnamen hattest Du herausfinden wollen. Und nun entdeckst Du so Vieles mehr. Daß O. der Jüngste von drei Brüdern ist wußtest Du ja schon.  Nun kannst Du lesen wie sie heißen, daß sie Ehefrauen oder Lebenspartnerinnen haben, daß der Älteste von ihnen, O.s Halbbruder, Vater zweier Söhne ist. Auch den Vornamen von O.s Freundin erfährst Du nun. Du siehst, daß O.s Mutter wenige Tage nach ihrem 74. Geburtstag starb und erkennst auf dem Erinnerungsbild in der linken oberen Ecke der Sterbeanzeige O.s Gesichtszüge in den ihrigen vollkommen wieder. Derselbe blasse Mund. Die gleiche Form und Farbe der Augen. Nur ist der Blick von O.s Mutter hinter der biederen Brille weder magisch, noch arrogant. Sie hat keine dichten Wimpern und keine umschatteten Lider. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal von O.

Du betrachtest das Inserat noch ein wenig genauer und erinnerst Dich. Während Eurer gemeinsamen Autofahrt zur alten Villa, dem Ort Eurer ersten intimen Begegnung, hatte O. Dir erzählt daß er in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen sei. Ca. 30 Kilometer nordöstlich von Deiner Stadt. Sein Großvater habe ihm dort beigebracht, Dinge immer erst dann wegzuwerfen, wenn sie wirklich irreparabel kaputt und unbrauchbar seien. Wie Du nun siehst, hat O.s Mutter in diesem seinem Heimatdorf bis zu ihrem Tod gewohnt. Der Ortsname ist in der Traueranzeige jedenfalls angegeben. Du kannst es googeln, einen kurzen Wikipedia-Eintrag darüber lesen, es aus der Vogelperspektive besichtigen bei Google Earth. Du empfindest Wehmut beim Blick auf die akkurate kleine Ansammlung ländlicher Häuser von oben. In einem von ihnen wurde O. zu dem der er heute ist, denkst Du. Verletzt, einsam, ohne Vertrauen, stets auf der Flucht. Und plötzlich fällt Dir auf: der Name von O.s Vater fehlt in der Todesannonce.

Der Morgen graut. Dir ist kalt. Du hast die ganze Nacht vor dem PC verbracht. Hast Menschen, Zahlen und Orte im Internet gesucht und gefunden. Hast Bedrängendes klären können. O. hat – nun auch für Dich – einen Namen. Ein Umfeld. Eine Herkunft die offen vor Dir liegt. Er ist ein Mensch. Eine Person mit einer Biografie. Kein Phantasiegebilde mehr. Kein Gespenst. Du bist erleichtert. Dankbar zu sehen, daß er Dich nie belogen hat, über seinen familiären und sozialen Hintergrund. Voller Hoffnung ihm neu begegnen zu können, auf der Basis dieses Wissens. Und dennoch fühlst Du eine tiefe Traurigkeit, als Du den PC abschaltest, ins Schlafzimmer hinunter gehst und Dich dort im Bett an den warmen Rücken Deines Mannes kuschelst, der langsam wach wird. Denn, so sehr Du auch im Netz gesucht hast, über O. selbst war dort absolut nichts zu finden. Kein Bild. Keine Adresse. Keine Homepage. Keine Präsenz in einem sozialen Netzwerk. Nichts. Er ist und bleibt ein Spurenverwischer. Ein Verschwinder. Und das bedrückt Dich sehr.

Mittwoch, 26.11.2014. 2h. Du bist zu aufgewühlt um zu schlafen. O.s Situation läßt Dich nicht los. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Es macht mich sehr traurig was mit Deiner Mama passiert ist. Du hättest ruhig öfter und mehr davon erzählen können. Viele Küsse!“ Du erwartest keine Reaktion. Doch nur Sekunden später antwortet O. Ungewohnt authentisch. Berührbar. „Kannst Du auch nicht schlafen?“ fragt er. „So ungefähr“ antwortest Du. „Schön daß ich nicht allein bin!“ schreibt O. „Gestern war ja die Beerdigung. Das hat mich nochmal total nieder gestreckt!“ – „Ich versteh Dich!“ antwortest Du. „Ich weiß, Kleine!“ schreibt O. „Du hilfst mir sehr viel! Und bald will ich es wieder im Auto mit Dir machen! Du darfst aber nicht nochmal bluten, ok?“ – „Ich werde garantiert nie wieder bluten!“ schreibst Du. „Du bist einfach meine Sexgöttin!“ schreibt O. „Könntest Du jetzt noch rauskommen?“ – „Leider nicht“ antwortest Du. „Schade“ schreibt O. „Dann fahr ich jetzt noch alleine ein bißchen rum! Schlaf gut, mein Engel!!“

 

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin