7 1/2 Weeks

„Die Götter“, heisst es, „erhören die Gebete dessen, den sie strafen wollen“. Und ja, so ist es auch für Dich und O., die Ihr an jenem Sonntagvormittag Anfang September 2017 mehr, viel mehr von den Göttern bekamt, als sich ein sterbliches Menschenpaar erhoffen kann. Jeder für sich. Und beide zusammen wurdet Ihr mehr als überreich beschenkt. O. mit der Erfüllung seines Traums, eine Frau komplett in Besitz zu nehmen und als Kriegsbeute, als sexuelles Raubgut zu markieren. Du mit dem Moment der schrankenlosen Offenheit, der absoluten Hingabe, nach dem Du Dich so lang gesehnt hast. Ihr beide mit dem Wissen, etwas Einzigartiges miteinander erlebt zu haben, was Euch für immer verbinden und über viele Alltagsfährnisse hinweg tragen könnte. Verwandelt. Initiiert. Über den Dingen schwebend. Dem Irdischen entrückt. So fühlst Du Dich, während Du am 3.9.2017 gegen 11h vor dem Spiegel im Badezimmer stehst und Dein neues, kahlgeschorenes, vollkommen alienhaftes Ich betrachtest. Nackt. Glücklich.

Deine Zeit als unverwundbares Götterkind, als symbiotischer Zwilling, als Ei-Hälfte, Spiegelbild und Klon von O., sie dauert genau sieben Wochen. Sieben magische Wochen, die Deine Haare benötigen, um auf ihre ursprüngliche Länge nachzuwachsen. In dieser Zeit ausserhalb aller bisherigen Phasen und Zyklen Eurer Beziehung, bist Du O.s heiliges Idol, sein unantastbares Wunder-Wesen, sein Alpha und sein Omega. Jenseits von Manipulation und Ausbeutung. Ganz unverstellt, ganz unumschränkt schreibt er Dir von seinen Gefühlen, Gedanken und Träumen in dieser Eurer Goldenen Ära. Von Einander-Gehören mit Haut und Haar, von immerwährendem Zusammensein, von Ewigkeitserlebnis, von Nie-mehr-vergessen, von Fühlen, Spüren, EINS-sein wird unermüdlich zwischen Euch getextet und gesimst im Herbst 2017. Tagsüber, nachts, immer. Du kannst nichts falsch machen. Alles, was Du tust, ist perfekt. Jedes Bild, das Du O. von Deinen milimeterkurzen Haarstoppeln, von deiner blossgelegten Kopfhaut, Deiner nackten Seele schickst, ist wundervoll.

„Babe, jetzt hast du eine neue Dimension erreicht“ schreibt er am 19.9.2017, nachdem Du ihm Bilder aus Deinem Badezimmer geschickt hast, auf denen Du tatsächlich als verklärte, über Dein bisheriges Ich hinausgewachsene Ikone Deiner selbst zu sehen bist: nackt, nur in schwarzen Highheels und mit einem Choker-Band aus bordeauxrotem Samt um den Hals, das einen spannenden Kontrast bildet zum radikalen Nicht-Vorhandensein von Haaren auf Deinem Kopf. Mit riesig wirkenden Augen, mit einem Blick, der alles sagt über Deinen Stolz, Deine Verletzlichkeit, Dein Preisgegebensein in dieser Situation. Du bist froh, dass O. die Botschaft Deiner Bilder versteht, den Zustand, den Du vermitteln willst, aufnehmen kann. „Es ist unbeschreiblich wie du aussiehst!!!“ textet er hingerissen. „Du bist jetzt durch das Haare abrasieren mein ein und alles geworden!!!“ – „Ja“ antwortest Du. „Dieses Ereignis war aussergewöhnlich“ schreibt O. weiter. „Unsere Liebe hat sich dadurch unermesslich vergrössert!!!“

„Ich bin heute gerade wieder total aufgewühlt deswegen“ antwortest Du. „Du hast das so sanft und einfühlsam und wunderbar exakt gemacht!“ – „Ich wollte dich ja eigentlich schlagen und härter rannehmen“ schreibt O. fiebrig. „Aber dann war mir plötzlich gar nicht mehr danach!“ – „Es gab so viele unvergessliche Momente an diesem Tag“ textest Du. „Oh ja Baby!“ schreibt O. „Es war einfach die perfekte Mischung aus allem! Ich glaube das ich es dir diesmal wirklich so richtig gut besorgt hab. Und dadurch kannst du jetzt erst recht nicht mehr ohne mich sein stimmts?“ – „Stimmt“ antwortest Du. „Du wirst jetzt für immer meine Sklavin und Sexgöttin und mein Herzblatt bleiben!!!“ schreibt O. „Es wird nie wieder etwas geben was uns auseinander bringen kann!!!“ – „Das hoffe ich auch“ antwortest Du, gerührt von O.s kindlicher Begeisterung. „Ich weiss das ich dich schon wieder sehr vernachlässige“ schreibt O. weiter. „Ich hoffe und wünsche mir sehr das du noch mehr Geduld mir gegenüber aufbringen kannst.

Denn ich brauche dich!!! Und zwar sooooo sehr das mir manchmal der Atem stockt wenn ich daran denke das du mich verlässt!!! Ich liebe dich über alles!!! Und hätten wir uns als Singles kennengelernt, wir wären ein Traumpaar!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du und versuchst kurz, Dir vorzustellen, wie es wohl aussehen würde, so ein Leben als offizielle Traumpartnerin an der Seite von O. „Ich könnte mir nichts schöneres vorstellen als mit dir zusammen zu sein!“ schwärmt O. unbeirrt weiter. „Ich würde dir unzählige Highheels und Stiefel kaufen die du ständig tragen müsstest. Denn ich würde dich echt gerne dauernd sexy bekleidet sehen. Und du müsstest dir die grössten Dildos reinstecken die es gibt. Während ich einfach nur dasitze und Fernseh schaue!!! Oder wenn du kochst müsstest du das mit nem Dildo machen der um dich rum festgebunden ist!!! Das wäre einfach das beste was es geben kann!!! Mir blutet mein Herz das es nicht so sein kann wie ich es mir wünsche. Es wäre ein Traum!!!“ – „Oh ja“ schreibst Du.

„Ich muss meine Gefühle die gerade jetzt so stark für dich hochkommen auch wieder verarbeiten“ tippt O. feurig weiter. „Du hast keine Vorstellung davon wie viel du mir bedeutest!!!“ – „Ich hatte keine bis zu dem Tag wo du mir die Haare geschnitten hast!!!“ antwortest Du. „Seitdem ist alles anders. Und ich fühle mich zur Zeit auch nicht vernachlässigt!“ – „Aber wir sehen uns doch nicht!“ schreibt O. in rührend anmutender Verzweiflung. „Ich habe deswegen schon paarmal sehr schlecht geträumt!!!! Das du mich verlässt!!!“ – „Wirklich?“ tippst Du. „Ja“ antwortet O. „Und ich träume immer sehr intensiv!!!“ – „Nein ich werde Dich nie verlassen“ tippst Du. „Ich wollte dich immer überreden bei mir zu bleiben“ schreibt O.  „Aber du bist immer weggegangen. Da war ich fertig!!!“ – „In Wirklichkeit würde ich das niemals tun“ antwortest Du. „Dann bin ich jetzt wieder beruhigt!“ schreibt O. Ganz der getröstete kleine Junge, der seine Mami selig anstrahlt. „Ich wäre ohne dich nämlich sehr sehr unglücklich!!!“

„Ich ohne Dich auch“ antwortest Du und wirfst nebenbei einen Blick auf das Nostalgie-Uhr-Widget im Display Deines Handys. 2.23h. Wieder mal ist Dein chronobiologisches Bewusstsein komplett veloren gegangen, im Chat mit O. „Wir sollten schlafen gehen“ schreibst Du. „Ich wäre so gerne mit dir zusammen“ antwortet O. träumerisch. „Ich habe so viele Fantasien die ich mit dir erleben möchte. Aber dieses wieder von dir weg müssen und in meinen normalen Alltag zurückzukehren wird immer schwieriger für mich. Nach dieser „Haarschneide-Aktion“ war es für mich sehr sehr kräfteraubend wieder in die Realität – also auch zur Lolo zurückzukehren. Da ist es manchmal einfach leichter für mich dich nicht zu sehen. Ich hoffe du verstehst was ich meine!!!“ – „Ja“ schreibst Du. „Ich brauche dich mehr als mir lieb ist“ textet O. weiter. „Du bist mehr und gibst mir mehr als ich je zu träumen gewagt hätte. Und diese Gefühle die ich für dich habe werden immer stärker und stärker! Du bist jetzt für immer mein Engel!!!“

So geht es fort und fort zwischen Dir und O., im Herbst 2017, in den Tagen und Wochen Eurer magischen, symbiotischen Epoche. Und es könnte, sollte natürlich immer so beiben, denkst Du. Du hast O. bewiesen, was zu beweisen war und gabst ihm, was Du zu geben hattest: Dein Haar und mit ihm Deine Normalität, Deine Alltags-Sicherheit, Dein bürgerliches Ich. Er müsste dankbar sein, denkst Du. Er müsste wissen, was es für Dich als verheiratetete Frau mit Teenager-Sohn bedeutet, diesen Schritt gewagt zu haben. Müsste wissen, was Du für ihn riskiert hast. Und natürlich müsste er auch verstehen, dass Du bei aller Begeisterung über Euer Erlebtes doch glücklich bist über jeden Bruchteil eines Milimeters, den Dein Haar täglich wächst. Dass die fragenden, erschrockenen, mitleidsvollen Blicke draussen, auf der Strasse, allmählich weniger werden. Dass Dein Sohn sich nicht mehr schämt, wenn Freunde von ihm Dich zufällig sehen. Dass Dein Mann nicht hinterfragte, was Du ihm an fadenscheinigen Erklärungen gabst. All das.

Und es sieht ja auch so aus, als sei zwischen Euch jetzt wirklich für immer alles „gut“. Klar, O. lebt sein hochtouriges Leben weiter wie gehabt: Spontane Kurztrips. Shopping-Touren. Lifestyle-Events. Er macht Gourmet- und Wander-Ferien in Südtirol, besichtigt eine Schokoladenmanufaktur in Salzburg, besucht in Berlin einen schwerkranken Freund. Rastlos. Unstet. Ständig unterwegs. Jedoch, anders als bisher, nimmt O. Dich mit via Whatsapp, lässt Dich teilhaben, bezieht Dich ein. Du bekommst schöne, witzige, schräge und rührende Bilder von all seinen Exkursionen, Du entdeckst die Lebhaftigkeit, den besonderen Charme, die ANDERE originelle Sichtweise von Dingen, zu denen Menschen wie O. fähig sind. O. posiert mit weit aufgerissenen Augen vor einem Hirschgeweih in einem alpinen Hotel. O. trägt aus Solidarität die gleiche dottergelbe Häkelmütze wie sein blasser, kahlköpfiger Freund. O. zwinkert. O. lächelt. O. grimassiert. O. berichtet von sich. Ganz so, wie Du es Dir immer gewünscht hast.

Bis zum 25. Oktober 2017. An diesem Tag stellst Du morgens vor dem Spiegel fest, dass Deine Haare zwar immer noch sehr kurz, aber trotzdem vollumfänglich nachgewachsen sind. Dicht, kräftig, aber auch sehr ungleichmässig bilden sie eine Art stacheligen kleinen Helm rund um Deinen Kopf. Kein Zweifel, denkst Du, während Du mit den Fingerspitzen wieder und wieder durch die Stoppeln fährst: Ein Begradigungsschnitt ist fällig. Beim Haartherapeuten Deines Vertrauens am Rande des Kreativquartiers im Nordwesten der Stadt wird Dir schon zwei Stunden später geholfen: Im Industrie-Stil-Ambiente, zum Sound von Avicii-Beats lehnst Du Dich im Frisierstuhl zurück und schaust andächtig dabei zu, wie Stylistin Dominique eine wunderbar exakte, klare Präzisionslinie in das schneidet, was Deinem Spiegelbild aus O.s Kahlschlag erwuchs. Es dauert nur zehn Minuten. Dann bist Du ein neuer Mensch. Eine neue Person. Eine neue Frau. Der Phase der Sonderbarkeit entronnen. Zurück im Leben.

Und sehr, sehr glücklich. Denn, so sehr Du O. auch liebst, so sehr Du dies ihm zeigen wolltest mit der Opferung Deiner Haare, so sehr liebst Du doch Deinen Mann, Deinen Sohn und die Normalität, in der Ihr lebt um Vieles mehr. Es wäre keine Option für Dich, dauerhaft als weithin sichtbar gebrandmarkte Beute von O. durchs Leben zu gehen. Du willst Dir selbst gehören, in Wirklichkeit, das fühst Du ganz genau, als Du an diesem 25.10.2017 nach dem Haareschneiden mit dem Rad Richtung nach Haus fährst. Und, ja, Du bist froh, das zu spüren. Zurück daheim machst Du natürlich Bilder von Deiner neu erworbenen Schönheit. Bilder von Dir selbst, in einem korallenroten Netz-Minikleid, mit einem schwarzen Satin-Choker-Band um den Hals und mit den neuen, den wunderbar perfekt geschnittenen mega-kurzen Haaren. O. wird begeistert sein, denkst Du, während Du die schönsten Selfies zum Versenden an ihn auswählst. Wird stolz sein und sich freuen, seine Schlampe so erneuert und verklärt zu sehen. Ganz bestimmt. Safe.

Jedoch. Es passiert etwas, was sieben Wochen lang nicht geschah, nachdem Du O. zehn Bilder geschickt und „Schau mal. War heute beim Friseur“ dazu geschrieben hast. Etwas, von dem Du dachtest, es sei für immer vorbei. O. antwortet nicht. Ja. Richtig. O. ruft die Bilder ab. Aber er antwortet nicht. Schickt kein Smiley. Kein Kussmund-Symbol. Kein kleines, rotes Herz. Nicht am Nachmittag. Nicht am Abend, Nicht nachts. O. antwortet nicht. O. schweigt. Vernichtend. Strafend. Eisig kalt. Erst am nächsten Tag, als die Oktobersonne schon hoch über den Dächern Deines Wohnviertels steht, piept irgendwann Dein Handy mit dem Nachrichten-Ton von O. „Gut siehst du aus“ hat er geschrieben. „Danke“ antwortest Du. „Schade das du mir vorher nichts gesagt hast!“ tippt O. weiter. „Hätte dich gerne mit der alten Frisur nochmal gefickt!“ – „Das wusste ich nicht“ antwortest Du schuldbewusst. „Aber vielleicht magst Du Dich jetzt bald mit mir treffen? Und die neue Frisur sehen?“ – „Das geht leider nicht“ schreibt O.

„Ich fahre morgen schon in aller Früh mit dem Auto Richtung Berge. Ich geh für ein paar Tage wandern“ – „Ach so“ antwortest Du, während Deine Augen sich mit Tränen der Scham und der Enttäuschung füllen. „Vielleicht wenn ich zurück bin“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und starrst mit verschleiertem Blick aufs Handy, wo O.s Online-Schriftzug  verschwindet. Und Du weisst: mit Deinen wunderschön von professioneller Hand geschnittenen Haaren, mit Deinem neuen Selbstbewusstsein, Deinem Wissen, Dir letzlich ganz alleine zu gehören, bist Du ab sofort kein Götterkind, kein Heiliges Alter Ego mehr für O. Die Pforten des O.-Lymps haben sich geschlossen, während Du beim Friseur warst. Es gibt für Dich keinen Zutritt mehr zu O.s Paradies. Eure magische, traumhafte, güldene Ära, sie ist unwiederbringlich vorbei. Und die Strafe, welche die Götter für Dich ausersehen haben, dafür, dass sie Deine Gebete um Verbundenheit mit O. am 3.9.2017 erhörten, sie wird sehr hart, sehr lang, sehr schmerzhaft sein.