The Drive By

Nein, Du gehst nicht in Flammen auf. Und nein, Du zerfällst auch nicht zu Staub, als Du Dich am Freitag, den 11. November 2016 gegen 10.30h mit dem Fahrrad in die imaginäre Verbotszone rund um die Herrscher-Villa Deines Patriarchen schmuggelst, dieweil dieser selbst geruht, sich anderen Ortes aufzuhalten. Nichts Paranormales trägt sich zu. Im Gegenteil: von einer jungen Frau wird gerade die Post eingeworfen, in den silbergrau schimmernden Design-Briefkasten neben dem Garagentor. Unaufgeregt. Seelenruhig. In ihrer multifunktionalen Dienstkleidung gut geschützt gegen die atmosphärischen Emissionen, die aus der abgründigen Welt jenseits des stählernen Gartenzauns und hinter der dunkelroten Sicherheitstür ins Freie drängen. Unbeeindruckt, etwa vom steinernen Dinosaurier-Skelett im Zierkiesstreifen rund ums Haus. Während Du schräg gegenüber, in der entlegeneren Ecke von O.s Wohnstrasse Zuflucht am Rand eines hinterhalb gelegenen Spielplatzes suchst und von dort nach drüben spähst.

Hypervigilant. Hochnervös. Hektisch bemüht, Deine innere Detektivin in Lauerstellung zu bringen. So augapfelst Du aus den Büschen. Erfüllt von perverser Hoffnung, hinter den heruntergelassenen Rollos des Herrscherhauses einer Sensation gewahr zu werden. „Lass es, bitte bitte lass es mich sehen“ skandierst Du innerlich betend zu irgendeinem imaginären dunklen Gott. „Zeig es mir, lass es mich sehen!“ Jedoch. Es kommt keine bitchige Frau auf hohen Stilettos gerade zufällig des Weges gestöckelt um O. zu besuchen. Und es windet sich auch kein frisch misshandeltes, postkoital verstörtes Double Deiner selbst unter dem amarenafarbigen Garagentor hervor während Du zuschaust. Nichts regt sich. Alles bleibt ruhig. Dein Voyeurismus wird nicht bedient. Dein Gedankenkarussell dreht und kreiselt ins Leere. O. ist verreist. Abwesend. Fort. Unerreichbar wie immer, ganz egal wo er sich WIRKLICH aufhält. Und das Gefühl, ausgesperrt zu sein aus seinem Leben ist das Einzige, was er Dir hinterliess als er fuhr.

Natürlich könntest und solltest Du die unwürdige Spioniererei nun zügig beenden, indem Du aufs Rad steigst und Dich fortmachst. Jedoch. Die Phantomjägerin in Dir lässt sich von anderen Impulsen leiten. Sie möchte keinesfalls ohne Erkenntnis, ohne irgendetwas Greifbares von diesem Ort nach Haus zurückkehren. Deshalb kramst du, während die Post-Frau sich allmählich entfernt, das Smartphone aus Deiner Shopper-Tasche und versuchst, es für ein paar Schnappschüsse möglichst unauffällig in Stellung zu bringen. Als Du es hoch über Deinem Kopf Richtung Prachtbau in die Strahlen der Novembersonne hältst, siehst Du, dass die Pixel der Handykamera die Rot-Weiss-Kontraste in der Fassadengestaltung von O.s Haus ungewöhnlich scharf akzentuieren. Für Sekunden kämpfst Du mit dem Eindruck, ganze Ströme von Blut anstelle der Rollos an den ultrahellen Aussenmauern des Gebäudes herabrinnen zu sehen. „Schlachthaus“ denkst Du schaudernd und schliesst für Sekunden deine Augen. Dann hast du dich wieder im Griff.

Nachdem die Briefbotin endgültig ihrer Wege gezogen ist, wagst Du Dich aus dem Schatten der Büsche beim Spielplatz und fährst langsam, sehr langsam mit dem Rad auf O.s Villa zu. Bis kurz vor das Trottoir, das am dunkelroten Garagentor vorbeileitet. Dort hältst Du an und atmest die Fremdheit und Feindseligkeit ein, die aus den seitlichen Torlaufschienen hervorzuströmen scheint. Du versuchst, die Umrisse des metallicbraunen SUV zu erahnen, der direkt dahinter geparkt sein muss und wirst von der fixen Idee überfallen, O. würde es genau jetzt, während Du starr und gebannt in allernächster Nähe stehst, auf der anderen, inneren Seite des Tores mit jemandem treiben. Würde einer anderen Frau die Arme auf den Rücken drehen und von hinten stehend in sie eindringen, während sie sich haltsuchend am Geländewagen abstützt. Würde ihre Strumpfhose zerreissen und „Oh Baby das ist geil“ in ihr Ohr stöhnen. Während Du wie versteinert auf der Aussenseite des Garagentors stehst. Und alles, alles mitanhörst.

Es dauert eine Weile, bis es Dir gelingt, Dich aus der Erstarrung zu lösen und mit grosser innerer Kraftanstrengung vom Anblick der als Garagentor getarnten Höllenpforte weg zu wenden. Vom Eingang zum Abgrund der Alpträume. Von Deinem, aber sicher nicht NUR Deinem persönlichen GEHENNA. Dann nimmst Du Dein Fahrrad und schiebst es sanft neben Dir auf dem Fussgängerweg an der Lorbeerhecke entlang, die den vorderen Grundstücksbereich von O.s Territorium begrenzt. Im Vorüberstreifen gelingt es Dir, durch das dunkelgrüne Blattwerk hindurch einen Blick auf das nicht verhüllte Fenster zum Privatbüro des Hauses zu werfen. Du kannst vage erkennen, dass Aktenordner in diesem Raum sich wild übereinander stapeln und Notitzzettel, Geschäftsbriefe, Urkunden und Dokumente einen schräg stehenden Schreibtisch regelrecht unter sich begraben. Ausserdem spürst Du, dass die Luft in diesem Zimmer bis oben hin geschwängert ist mit Trauer, Sorge und Angst. „Arme Lolo“ denkst Du und steigst aufs Rad. „Arme Lolo“.

Den Rückweg nimmst Du, anders als Du es bisher tatest, wenn Du wegfuhrst von einem Besuch bei O. Du behältst die entlang der Lorbeerhecke eingeschlagene Richtung bei und folgst der Wohnstrasse von O. bis dahin, wo sie auf die grosse, friedhofsnahe Hauptverkehrsader mündet, die Dein eigenes Quartier mit dem von O. verbindet. Direkt am Schnittpunkt der beiden Strassen, unter karminrot leuchtenden Ahornbäumen triffst Du auf eine kleine, hellgrau verputzte Gründerzeitvilla, die sich im Heranfahren als eines der ältesten, familiär geführten Bestattungshäuser Deiner Stadt erweist. Als sei sie ein Grenzposten, ein Wächterhüttchen, eine Wegmarke zum Jenseits, so kauert sie sphingenbewehrt dort, wo O.s dunkle Domäne beginnt. Und kündet in diskreten Lettern neben der Eingangstür von den vielfachen Möglichkeiten, die sterbliche Hülle eines Menschen zu Asche, zu Staub, zu Kristallen zu wandeln, in Gras einzupflegen oder auf Wellen hinwegtragen zu lassen. „O. ist Tod“ denkst Du. „Tod ist allhier“.

Und, wie das so ist: Tod-Allhier, Tod-Darselbst, Freund-O.-Immerdar meldet sich noch gleichentags bei Dir. Mit einem mehr als eindeutigen Zeichen. Nur wenige Stunden, nachdem Du aus der verbotenen Zone zurück bist. Und gerade im Smartphone die Fotos betrachtest, die Du von SEINER Trutzburg gemacht hast. Fügt ER, fügt O. Deiner morbiden Galerie noch einige Highlights hinzu. Lanzarote-Impressionen der besonderen Art. Keine Sonnenuntergänge. Kein Meeresblick. Stattdessen: Grossformatige Kitsch-Gemälde von Freibeutern und ihren Gefährtinnen aus dem Goldenen Zeitalter der Piraterie, gekleidet im Stil der Epoche Sir Francis Drakes, mit Entermesser und Donnerbüchse im Anschlag. Von einem leidlich begabten Lanzarotenjo frech-fröhlich hingepinselt. Witzig, Bunt. Wäre, ja wäre da nicht ein bizarres Detail: die kultigen Seeräuber besitzen samt und sonders weder Augen noch Wangen, weder Nase noch Mund. Sie tragen, ja tatsächlich, sie tragen eine Art Skelett-Maske vor ihrem Gesicht. Und grinsen ihre Betrachter mit lippenlosen Zahnreihen an.

Es sind nur comic-artige, pop-kulturelle Bilder. Ganz harmlos, eigentlich. Und doch läuft es Dir kalt über den Rücken, als Du die waffenstarrenden, hohläugigen Gestalten in Deinem Handy erblickst. „Hey. Wow“ antwortest Du dann. „Haben ne Piratenburg angeschaut mit coolen Graffitis innen drin“ schreibt O. „Echt genial“ lobhudelst Du zurück. „Hast Du eine schöne Zeit auf Lanzarote?“ möchtest Du dann schreiben. Aber O. kommt Dir zuvor. „Geile Schlampe!!!“ tippt er. „Warum hast du beim letzten Mal dein Gesicht weggedreht als ich dir in den Mund spritzen wollte?“ – „Hab ich das?“ tippst Du verwirrt. „Ja!“ antwortet O. „Das tut mir leid!“ schreibst Du. „Es war mir wohl nicht ganz bewusst was ich in dieser Sekunde gemacht hab! Es stürmte so Vieles auf mich ein, verstehst Du? Mein Hals! Der Gürtel! Die Spucke! Die Bisse! Man sieht immer noch Spuren!“ O. schweigt. „Es war sehr heftig und wild“ schreibst Du. „Aber auch schön!“ – „Ok“ antwortet O. nach quälend langen Minuten. „DAS fand ich auch …“ …